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Donnerstag, 11. Mai 2023

Vom Germanenerbe zum Urkommunismus


Arne Lindemann
Vom Germanenerbe zum Urkommunismus.
Urgeschichtsbilder in Museen der SBZ und DDR


(Berlin/ Boston: de Gruyter 2022) 

405 Seiten


ISBN 978-3-11-076086-6
e-ISBN (PDF) 978-3-11-076106-1
DOI https://doi.org/10.1515/9783110761061

Zugl.: Berlin, Technische Universität, Diss., 2020

 



Arne Lindemann geht gut 35 Jahre nach dem Ende der DDR die Aufarbeitung der archäologischen Instrumentalisierung für das marxistisch-leninistische Geschichtsbild an. Nachdem in der NS-Zeit die germanische Volksgemeinschaft zur Legitimierung des rassistischen und auf Eroberung von Lebensraum ausgerichteten Weltbilds herhalten musste, erfolgte nach Kriegsende in der sowjetischen Besatzungszone sehr schnell ein Schwenk auf eine neue Meistererzählung. Alte Narrative über die Frühgeschichte mussten in Museen und überhaupt in der Vermittlung von Geschichte und Archäologie durch neue Deutungen ersetzt werden. Die archäologisch fassbare Geschichte wurde nun zur Rechtfertigung der neuen Gesellschaftsordnung herangezogen.

Was auf den ersten Blick nach einer radikalen Wende aussieht, zeigt bei einem genaueren Blick auf die historischen Interpretationen und die herangezogenen Methoden aber doch viele Gemeinsamkeiten und Interpretationsschnittmengen. Die archäologische Geschichtsschreibung der SBZ/DDR trat zwar dem völkischen Germanenbild entgegen, die ethnische Deutung aber wurde kaum in Frage gestellt - wurde diese doch auch auf sowjetischer Seite ganz ähnlich praktiziert (vgl. z.B. Archaeologik 26.6.2020).

Lindemann analysiert "die Entwicklung der in den Museen gezeigten Urgeschichtsbilder" und versucht "die für den Wandel oder die Beständigkeit der Bilder ursächlichen Aushandlungsprozesse herauszuarbeiten. Er frägt, " Welche Bedingungen und Diskurse führten dazu, dass neue Themen wie die ‚Menschwerdung‘ oder die Geschichte der Slawen in die Urgeschichtsausstellungen Einzug hielten? Warum blieben Themen, wie die von den Kommunisten verfemte Geschichte der Germanen scheinbar bruchlos in den Ausstellungen präsent? Welche Auswirkungen hatten personelle und institutionelle Kontinuitäten oder Brüche? Auf welchen museumstheoretischen Grundlagen basierte die Urgeschichtserzählung in den Museen?" (S. 10).

Schon seit den 1990er Jahren wurde die Geschichtskultur und Geschichtspolitik der DDR thematisiert. Dabei wurde von Anbeginn mit einem Nebeneinander zentralstaatlicher Anforderungen und einem politisch oktroyierten Geschichtsbild einerseits und dezentraler, regionalgesellschaftlicher Bezugnahmen und traditioneller Erzähl- und Zeigemuster andererseits gerechnet. Das Interesse galt aber mehr der Institutionengeschichte als den Geschichtsbildern und Vermittlungsstrategien. Das war im übrigen auch bei der Forschung zur Archäologie im Nationalsozialismus nicht anders. Ging es zunächst um die Institutionen (z.B. Bollmus 1970; Kater 1974), richtete sich später der Blick auf (Täter-)Biographien. Eine inhaltliche Auseinandersetzung im Sinne einer Ideengeschichte mit der Frage, wo überall nationalistische Interpretationen griffen, mit welchen Narrativen sie im einzelnen verbunden waren und wie diese ggf. bis heute nachwirken, fand aber bis heute eher nur in Ausnahmen statt. Eine breitere Auseinandersetzung mit dem nationalistischen Germanen-Mythos wurde im wesentlichen erst seit den 2000er Jahren wirksam (Jarnut 2004; Leube/ Hegewisch 2002; Steuer 2001).



Lindemann geht mit seinen Fragestellungen zur DDR hier schon einen Schritt weiter, indem er tatsächlich auch auf die Interpretationsinhalte abzielt, die er aber in einen weiten Rahmen einbettet, der auch eine Auseinandersetzung mit Strukturen, Akteuren und den Vermittlungsstrategien umfasst.
 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 9
Forschungsstand 11
Methodische Ansätze und Aufbau der Studie 13
Untersuchungsgegenstand und Auswahl der Quellen 15

Die Urgeschichte im Geschichtsbild der SBZ und DDR
Voraussetzungen für ein marxistisch-leninistisches Urgeschichtsbild 19
  Reinigung und Umdeutung 19
  Urgeschichte als Vorspann zur deutschen Geschichte 25
  Im Zeichen der ‚Klassiker‘ und der ‚Sowjetarchäologie‘ 27
Urgeschichtsbilder in der kommunistischen Bildungspolitik der SBZ 30
  Entwicklungsgesetze und Revolution 30
  Von den Lehrplänen zur Ausstellung 33
  Startschwierigkeiten 39
Das Urgeschichtsbild in der DDR 42
  Konturen eines marxistischen Urgeschichtsbilds 42
  Urgeschichte als Teil der Welt- und der Nationalgeschichte der DDR 46
  Gegenerzählung zum ‚bürgerlichen‘ Urgeschichtsbild 55
  Erbe und Tradition 59

Strukturen und Netzwerke des Ausstellens
Vom Wiederaufbau bis zur staatlichen Unterstellung 1952 63
  Kriegszerstörungen und Neuanfang 63
  Zwischen Traditionen und neuen Anforderungen 67
  Verordnetes Ausstellen 76
Die Ausstellungsarbeit der Urgeschichtsmuseen in der DDR 80
  Ressourcenentwicklung 80
  Zwischen Dauer- und Schaufensterausstellung 82
Netzwerke des Ausstellens 87
  Staatssekretariat und Ministerium 87
  Beiräte und Gremien 92
  Akademie der Wissenschaften 96
  Universitäten 101
  Museum für Deutsche Geschichte 102
  Museumsorganisationen, Heimatmuseen und Kulturbund 104

Akteure und Akteurinnen des Ausstellens
Die erste Generation 113
  Unter „Einsatz aller Kräfte“ 113
  Entnazifizierung und Neubesetzungen in der SBZ 115
  Weiße Westen 124
  Der Kampf gegen die ‚bürgerliche‘ Wissenschaft 130
Die zweite Generation 135
  Generationenübergreifend 135
  Die museologische Ausbildung in der DDR 137
  Die Kaderplanung 143
  Exkurs – Konjunkturen nach 1989 146

Didaktik und Gestaltung
Sozialistische Bewusstseinsbildung und Museum 151
  Breitenwirksamkeit 151
  Faktor für die „Stabilität des sozialistischen Gesellschaftssystems“ 153
  Besuchszahlen – Strömende Massen und leere Hallen 156
Traditionen und Prinzipien der Ausstellungsgestaltung 161
  Heinz Arno Knorr und das Ausstellen im ‚sozialistischen Museum‘ 161
  Chronologie und kulturgeschichtliche Entwicklung 163
  Die Anschaulichkeit als Schlüssel zur Erkenntnis 165
  Ideologisierung und Emotionalisierung 168

Entwicklung und Fortschritt als Kernerzählung
Die Periodisierung der ‚Geschichte der Urgesellschaft‘ 177
  „Gut gemeinte Ratschläge“ 177
  Periodisierung und die ‚Klassiker‘ 178
  Perioden der ‚Urgesellschaft‘ im Museum für Deutsche Geschichte 183
Entwicklungsgeschichten 186
  Themeninseln 186
  Dioramenreihen 192
  Lebensbilderzyklen 200
  Fließende Wandgestaltung 210
  Installationen und Schemata 224
Revolution! 227
  „Lebendige Inszenierungen“ 227
  Großobjekte und Rekonstruktionen 231

Die ‚Urgesellschaft‘ im Zeichen atheistischer Propaganda
Religion, ‚Menschwerdung‘ und die marxistische Urgeschichte 241
  „Gefährliche Religion“ 241
  Arbeiterbewegung und Kirche 246
  „Ein Idyll aus Altsteinzeittagen“ 250
  Auf neuen Wegen und alten Pfaden 256
Wider den Schöpfungsmythos 266
  Weltall, Erde, Mensch 266
  Ahnen der Menschheit und Darwin 270
  Der lange Atem des naturwissenschaftlichen Materialismus 276
  ‚Menschwerdung‘ und Systemkonkurrenz 285
  Menschheitsentwicklung auf Knopfdruck 289

Germanen, Slawen, Deutsche – und die DDR als Nation
‚Germanen‘ und Patriotismus im ‚Kalten Krieg‘ 299
  Entnazifizierung des Germanenbilds 299
  „Unsere Geschichtsprofessoren schweigen […]“ 308
  Die ‚Varusschlacht‘ zwischen Oder und Elbe 315
Die Wurzeln der Deutschen 324
  Germanische Kontinuitäten 324
  Kartenbilder 329
  Die Slawen 336
  Zwei Ausstellungen – eine Botschaft 344
  Germanen – Slawen – Deutsche 352

Zusammenfassung
Nachkriegszeit bis zur Gründung der DDR 361
Die 1950er- und 1960er-Jahre 364
1970er-Jahre bis zum Ende der DDR 366

Berlin 1959: eine nicht eröffnete Ausstellung

Die Nicht-Eröffnung einer Ausstellung über "Anfänge der Religion" im Museum für Deutsche Geschichte in Berlin 1959 beruhte nicht wie gegenüber West-Medien vorgegeben auf der nicht rechtzeitigen Beendigung der Vorbereitungen oder auf "technischen Gründen", sondern darauf, dass das Sekretariat des ZK der SED "ideologische Mängel" feststellte und die Ausstellung stoppte. Der Hintergrund ist wohl das Berlin-Ultimatum von Chruschtschow vom November 1958. Im Vorfeld der Deutschlandkonferez in Genf 1959 sollten Störfaktoren vermieden werden und offenbar bestand die Befürchtung, die atheistische Perspektive der Ausstellung könnte vom Klassenfeind als Provokation aufgefasst werden. Im November 1960 wurde die Ausstellung dann auch deutlich anders eingeschätzt, indem konstatiert wude, sie verletze "in keiner Weise die Gefühle religiös gebundener Bürger“. Die Ausstellung wurde daher nicht weiter zurückgehalten und in Leipzig und weiteren Orten der DDR gezeigt (S. 241-45). Die erhaltenen Unterlagen zur Ausstellung zeigen, dass sie "keine plakative Religionskritik betrieb", sich aber dennoch in die atheistische Propaganda der SED einordnen lässt. Religion wird als Folge eingeschränkter Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten der Natur und die Entwicklung von Ökonomie und Gesellschaft gesehen und religiöse Handlungen als Versuch, die eigenen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Verhältnisse zu verbessern (S. 245). Klassisch ist hier die Auffassung von Karl Marx, Religion sei das Opium des Volks, weil sie von der Forderung wahren Glücks und einer Verbesserung der Lebensbedingungen ablenke. In dieser Perspektive dient Religion der Festigung und dem Erhalt der Klassengesellschaft und ist jeweils ein Machtfaktor für die herrschende Klasse.
 

Geschichtsbilder

Weitere Themenfelder besaßen ideologische Bedeutung, so die Frage der ‚Menschwerdung‘, die zeigte, dass der Mensch Teil der Natur, also der materiellen Welt und kein göttliches Wesen war. Zudem zeigte die Menschwerdung die grundsätzliche Bedeutung der Arbeit als Triebkraft der Geschichte. Schon für Friedrich Engels waren die Steinartefakte ein Zeugnis menschlicher Arbeit und Beleg für das marxistische Geschichtsverständnis.

Interessant ist auch die Rezeption der Varusschlacht, die in der NS-Zeit eine überraschend geringe Rolle spielte, nun aber mit vielfältigen Assoziationen in der DDR aufgegriffen und - basierend auf einer kurzen Erwähnung durch Friedrich Engels - in das neue Geshichtsbild eingeordnet wurde (S. 308-324).
Deutlicher als in wissenschaftlichen Arbeiten sind die Narrative in den Museen und ihren Ausstellungen zu erkennen. So verzichtete man m Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle in den 1940er Jahren „weitgehend“ auf „typologische und chronologische Gesichtspunkte“ und stellte „handwerkliche, technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesichtspunkte in den Vordergrund“ (Lindemann 2022a, 165).

Der Fokus der DDR-marxistischen Forschung auf die historische Rolle der Produktivkräfte, mithin auch auf Arbeiter und Bauern hat aber prinzipiell durchaus einige Ansätze erbracht, die dem stark an Eliten orientierten westlichen Geschichtsbild als Kontrapunkt hätte dienen können. Bezogen auf die Archäologie des Mittelalters beispielsweise stellte die Auseinandersetzung mit Grundherrschaft (Gringmuth-Dallmer 1990) und ländlichen Siedlungen (Donat 1980), aber auch mit den agrarischen Produktionsweisen eine Pionierleistung dar. Zu nennen sind auch wichtige Arbeiten in Richtung einer modernen Landschafts-, wenn nicht gar Umweltarchäologie, so zur Entwicklung der frühgeschichtlichen Kulturlandschaft (Gringmuth-Dallmer 1983) oder auf pollenanalytischer Basis über die Veränderung des Naturraums (Lange 1971). Viele Arbeiten aus der DDR gingen über das deskriptive Vorlegen von Funden und Befunden hinaus, und achteten vermehrt auf Veränderungsprozesse und deren Akteure und Faktoren. Dabei wurde eine prinzipielle Gleichwertigkeit von materiellen und schriftlichen Quellen betont (Herrmann 1977). Inwiefern das methodische Vorgehen dazu im Einzelnen geeignet war, steht auf einem anderen Blatt.

Als Beispiel möchte ich hier auf die Auseinandersetzung mit ländlichen Siedlungen/ Dörfern des Mittelalters verweisen, bei denen die Frage nach ihrer Entwicklung/Genese im Westen kein Thema war, das man weiter verfolgte. Vielleicht weniger durch tatsächliche Quellenbeobachtungen sondern eher durch geschichtspolitische Ziele angestoßen. konnte die DDR-Forschung allerdings die gesellschaftlichen Veränderungsprozese in den ländlichen Siedlungen an vielen Punkten herausarbeiten (z.B. Donat 1980). Die mit einem traditionellen, aus dem Historismus des 19. Jahrhundert herrührende Geschichtsbild verbundene und in der alten BRD deutlicher nachwirkende Vorstellung von Siedlungskontinuitäten mindestens seit der Völkerwanderungszeit, wurde in der DDR stärker hinterfragt. Überlegungen zu Veränderungen in den ländlichen Siedlungen konzentrierten sich im Westen auf die Wüstungsphase des Spätmittelalters und - rein deskriptiv - auf die Frage, ob der Beginn der Reihengräber vor 500 auch eine Zäsur im Siedlungsbild darstellte. Angesichts der slawischen Besiedlung auf dem Gebiet der DDR war die Vorstellung von Kontinuitäten weit weniger selbstverständlich. Interessant ist nebenbei gesagt, dass eine aktuelle populäre Darstellungen der Archäologie des mittelalterlichen Dorfes - trotz einem Schwerpunkt in den neuen Ländern - diese Veränderungsprozesse im Dorf wieder hinten anstellt und den Prozess der Dorfgenese weitgehend übergeht (Krauskopf u.a. 2023).

Lindemanns Thema sind die Geschichtsbilder der DDR in der musealen Vermittlung, weniger die Frage, wie diese die Forschung beeinflussten. Er gibt aber einen knappen Überblick über die Entwicklung des marxistisch-leninistischen Urgeschichtsbilds in der Sowjetunion und die Konsequenzen, die sich daraus für die archäologische Interpretation ergaben, die nämlich in ein Korsett oder eine Zwangsjacke eingebunden wurde (S. 24-39). Es entwickelte sich ein dogmatischer historischer Materialismus, der in der sowjetischen Ausprägung lediglich eine unilineare Entwicklung zuließ, wo die Vorstellungen von Karl Marx und Friedrich Engels sehr viel offener und multilinear waren und damit auch Raum für wissenschaftliches Abwägen und Argumentieren boten. Wie fruchtbar das hätte sein können, zeigen die vielen spannenden Ansätze in der französischen Annales-Schule, die in der alten BRD wegen mancher marxistischer Ansichten ebenso wenig rezipiert wurden, wie Arbeiten aus der DDR. Obwohl einige wichtige Arbeiten von Autoren aus der ehemaligen DDR erst nach der Wende publiziert worden sind (z.B. Benecke 1994; Brachmann 1993; Henning 1992), blieben viele Themen aus der ehemaligen DDR wie auch der wirtschafts- und sozialgeschichtliche Blick erstmals auf der Strecke. Beispielsweise sind Fesseln als Nachweis von Sklaverei (Henning 1992) kaum noch Thema und auch die slawische Archäologie hat ihre institutionelle Basis eingebüßt.

Auf dieser inhaltlichen Ebene müsste man bei verschiedenen Themen tiefer einsteigen, um zu sehen, wo und wie politische Ideologie Wissenschaft beeinflusst hat. Welche Ergebnisse - von den reinen Grabungsbefunden abgesehen - und Perspektiven der Archäologie in der DDR sind weiterhin brauchbar? Welche Themen wurden nach der Wende fallen gelassen?

Die Trennlinie zwischen gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnis und politisch gesteuerten Perspektiven ist im übrigen kein Problem ausschließlich totalitärer Politik, sondern sie ist auch in demokratischen Gesellschaften immer vorhanden. Möglicherweise ist die Trennlinie hier noch schwerer zu erkennen, da es eben keine dogmatischen Richtlinien mit fixer Terminologie gibt, sondern subtilere Beeinflussung etwa über spezielle Förderprogramme. Diese kann durchaus fruchtbar und gesellschaftlich relevant sein, oder aber (überwiegend?) leere Worthülsen produzieren, die mal mehr, mal weniger schwer zu entlarven sind. Letztlich geht es um gesellschaftliche Relevanz und die Frage, wer diese definiert - Staat, Gesellschaft oder Wissenschaft?


Interne Links


Literaturhinweise

  • Benecke 1994: N. Benecke, Archäozoologische Studien zur Entwicklung der Haustierhaltung in Mitteleuropa und Südskandinavien von den Anfängen bis zum ausgehenden Mittelalter. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 46 (Berlin 1994). 
  • Brachmann 1993: H. Brachmann, Der frühmittelalterliche Befestigungsbau in Mitteleuropa. Untersuchungen zu seiner Entwicklung und Funktion im germanisch-deutschen Gebiet. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 45 (Berlin 1993).
  • Bollmus 1970: R. Bollmus, Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem (1970). 
  • Donat 1980: P. Donat, Haus, Hof und Dorf in Mitteleuropa vom 7. bis 12. Jahrhundert. Archäologische Beiträge zur Entwicklung und Struktur der bäuerlichen Siedlung. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 33 (Berlin 1980).
  • Gringmuth-Dallmer 1983: E. Gringmuth-Dallmer, Die Entwicklung der frühgeschichtlichen Kulturlandschaft auf dem Territorium der DDR unter besonderer Berücksichtigung der Siedlungsgebiete. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 35 (Berlin 1983). 
  • Gringmuth-Dallmer 1990: E. Gringmuth-Dallmer, Vergleichende Untersuchungen zum frühmittelalterlichen Landesausbau im westlichen Mitteleuropa Dissertation (B) (Berlin 1990).
  • Henning 1992: J. Henning, Gefangenenfesseln im slawischen Siedlungsraum und der europäische Sklavenhandel im 6. bis 12. Jahrhundert. Archäologisches zum Bedeutungswandel von "sklabos - sakäliba - sclavus". Germania 70, 1992, 403–426.
  • Herrmann 1977: J. Herrmann, Archäologie als Geschichtswissenschaft. In: J. Herrmann (Hrsg.),Archäologie als Geschichtswissenschaft. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 30 (Berlin 1977) 9–28.
  • Jarnut 2004:  J. Jarnut, Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffes der Frühmittelalterforschung. In: W. Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 107–113.
  • Kater 1974: M. H. Kater, Das „Ahnenerbe“ der SS. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches (Stuttgart 1974). 
  • Krauskopf u. a. 2023: C. Krauskopf/F. Schopper/J. Wacker, Wendepflug und Webstuhl. Dörfer im Mittelalter. Archäologie in Deutschland. Sonderheft 26 (Darmstadt 2023).
  • Lange 1971: E. Lange, Botanische Beiträge zur mitteleuropäischen Siedlungsgeschichte. Ergebnisse zur Wirtschaft und Kulturlandschaft in frühgeschichtlicher Zeit. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 27 (Berlin 1971).
  • Leube/ Hegewisch 2002: A. Leube/M. Hegewisch (Hrsg.), Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933-1945. Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte (Heidelberg 2002). 
  • Lindemann 2022a: A. Lindemann, Anschauliche Religionskritik. Die inhaltliche und gestalterische Genese der archäologischen Ausstellung Anfänge der Religion im Museum für Deutsche Geschichte Berlin. In: L. Cladders/ K. Kratz-Kessemeier (Krsg.), Museen in der DDR. Akteure - Orte - Politik. Veröffentlichungen der Richard Schöne Gesellschaft für Museumsgeschichte e.V. (Köln 2022) 161–176. - ISBN 978-3-412-52532-3
  • Steuer 2001: H. Steuer (Hrsg.), Eine hervorragend nationale Wissenschaft. Deutsche Prähistoriker zwischen 1900 und 1995. Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde 29 (Berlin 2001). 

Freitag, 10. Februar 2023

UNESCO-Weltkulturerbe-Status gefährdet Welterbe

Das Schweizer News-Portal berichtet von einem prä-kolumbischen Steinkopf, den der Zoll in Basel abgefangen hat, als ihn ein deutscher Kunsthändler undeklariert in die Schweiz transportieren wollte. Es handelt sich um eine Skulptur aus der Tempelanlage von Chavín de Huántar in Peru, Weltkulturerbestätte seit 1985.  Der Kopf wurde nun an den peruanischen Botschafter in der Schweiz zurück gegeben.

Leider sind solche geschmuggelten Antiken ja keine Seltenheit, aber bemerkenswert ist die Einschätzung in dem Artikel, wonach gerade der Welterbestatus von Chavín de Huántar "macht die Objekte besonders zur Zielscheibe von illegalen Ausgrabungen und Handel". 



Montag, 31. Oktober 2022

Es geht nicht nur um Objekte - es geht um Menschen. zum Beispiel um Sussy Dakaro

Die Restitutionsdebatte ist in vollem Gang. Es geht um Objekte in Museen und menschliche Skelettreste in anthropologischen Sammlungen. 

Aber es geht auch um Menschen. Am 23. Juni 1885 ist in Eberfeld bei Wuppertal ein junges Mädchen verstorben. Sie war eine indigene Australierin und wurde mit 14 zusammen mit einer ganzen Gruppe weiterer Aboriginees von der australischen Inselgruppe Palm Island verschleppt und als »exotische Wilde« in den USA und dann in europäischen Zoos vorgeführt. Täter war Robert A. Cunningham, ein Menschenhändler und -jäger, der auch den berühmten Zirkus Barnum in den USA belieferte. Bei dessen Völkerschau ("Grand Ethnological Congress") ging es aber nicht um die Vermittlung fremder Kulturen, sondern um Schauereffekte und die Erhöhung der eigenen weißen Identität. 

Das Mädchen vom Wuppertaler Friedhof ist ein Opfer dieser rassistischen Haltung. Sie hieß Sussy Dakaro, doch ist ihr eigentlicher Name, den sie von ihrer Famile erhalten hatte, unbekannt, 

Den Männern, die 1882 mit Sussy Dakaro verschleppt wurden, wurden Knochen ins Gesicht gebohrt, damit sie besser als "letzte Kannibalen" vermarktet werden konnten. Schon in den USA war Sussy's Partner Kukamunburra, genannt Tambo verstorben. Sein Leichnam wurde mummifiziert, um ihn an ein Kuriositätenkabinett verkaufen zu können.  1993 wurde er in einem Bestattungsinstitut in Cleveland/Ohio wieder entdeckt. Die mediale Aufmerksamkeit regte eine wissenschaftliche Aufarbeitung (Poignant 2004) an, die auch die Toten in Deutschland ins Bewusstsein rief. 2017 wurde Sussy Dakaro an ihrem Grab ein Gedenkstein gesetzt. Recherchen des Spiegels führten 2021 zu einer Einladung an ihre Verwandten und zur erneuten Diskussion um eine mögliche Rückführung ihres Leichnams nach Palm Island. Den Journalisten war es gelungen, im Museum für Völkerkunde in Dresden sieben lebensgroßen Büsten zu finden, die von Mitgliedern der Aboriginee-Gruppen gefertigt wurden, mit denen  Zirkusunternehmer und Entführer Cunningham tourte. Bereits vor Sussy waren andere Mitglieder der Gruppe in Chemnitz und Darmstadt verstorben. Ihre Gräber scheinen unbekannt.


Gedenkstein an der Grabstelle von 'Sussy Dakaro'
im Alten Evangelischen Friedhof in Wuppertal-Sonnborn, gegenüber des Zoos
(Foto: Atamari [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

 
Die Restitutionsdebatte, die neben ethnologischen auch archäologische Objekte betrifft, fokussiert stark auf die Objekte in Museen, die durch Ausstellungen in unserer Gegenwart sichtbar sind. Sie betrifft auch menschliche Präparate in Sammlungen, jedoch kaum die verschleppten, versklavten und oft genug mishandelten Menschen, die in der Ferne begraben liegen. Im Falle der australischen Aboriginees ist die Bestattung in der Heimaterde ein wichtiges Gut, nicht nur für die Verstorbenen, sondern auch für die Nachfahren. 
Hier ergibt sich auch ein Berührungspunkt mit der Archäologie der Moderne, deren Aufgabe nicht die Exhumierung sein kann, die aber doch in besonderem Maße ein Potential hat, sich mit diesen Menschen ohne Stimme und ohne Rechte auseinanderzusetzen. Sie wird daher immer wieder in die Situation kommen, in der menschliche Reste als archäologische Funde auftauchen - und in der es wichtig ist, sich bewusst zu sein, dass es nicht um Objekte, sondern um Menschen geht.

 Links

 

Literaturhinweis

  • Poignant 2004: R. Poignant, Professional Savages. Captive Lives and Western Spectacle (New Haven 2004) -  ISBN 978-0-300-10247-5

 interner Link

Sonntag, 8. Juli 2018

Schlag gegen internationale Antikenhehler: Operation Demetra

Am 4.7. hat die italienische Polizei an mehreren Orten in Italien, aber auch in Großbritannien, Spanien und Deutschland zugeschlagen und Hausdurchsuchungen und 23 Verhaftungen vorgenommen. In Deutschland wurde ein in Ehingen an der Donau wohnhafter Italiener festgenommen, zudem würde gegen zwei Münchner Auktionshäuser ermittelt. In London wurde ein Kunsthändler verhaftet, der in Bezug auf das Thema Raubgrabungen und Antikenhandel  schon früher aufgefallen ist (s.u.). In Italien fanden zahlreiche Verhaftungen in Turin und in Ravanusa im südlichen Sizilien statt.
Gehandelt wurde mit Raubgrabungsfunden aus Piemont, Kalbrien, Apilien und Sizilien. Etwa 20.000 Objekte wurden sicher gestellt, deren Marktwert auf 40 Mio € geschätzt wird. Sichergestellt wurden auch gefälschte Herkunftsnachweise.
Der in diesem Zusammenhang in den Medienberichten genannte bei London verhaftete Kunsthändler ist schon 2017 aufgefallen:


(Foto: R. Schreg, 2013)




Donnerstag, 8. Februar 2018

Ein Vorschlag für neue archäologische Denkmalschutzbestimmungen für Österreich

Raimund Karl 

Eine Antwort zu Rainer Schregs Kommentar zu meinem Beitrag „Facharchäologische Argumente gegen die Metallsuche durch Laien“

2014 habe ich in einer Facebook-Diskussion einen (durchaus bewusst provokant formulierten) Beitrag über die aus meiner Sicht fehlerhafte facharchäologische Argumentation gegen die Metallsuche durch Laien verfasst, den Rainer Schreg dankenswerter Weise auf seinem Archaeologik-Blog übernommen und somit für seine weitere als erwartete Verbreitung gesorgt (Karl 2014) und zwei Jahre später auch selbst in einem eigenen Blogbeitrag kommentiert hat (Schreg 2016). Dennoch ist die von uns beiden gewünschte fachliche Diskussion bisher ausgeblieben. 

Vorausschickend sei festgehalten, dass mein Beitrag (Karl 2014) weder dazu gedacht war, als Argument für ein Recht auf unreglementierte Metallsuche noch gegen die archäologische Fachwelt und ihre Praktiken herzuhalten. Vielmehr ging es mir darum, auf das Missverhältnis zwischen unserer Argumentation und unserer eigenen Praxis (insbesondere in der „angewandten“ archäologischen Denkmalpflege im Feld) hinzuweisen; mit dem Ziel, eine bessere Konkordanz zwischen den durch unsere Argumentation kommunizierten denkmalpflegerischen Ansprüchen und unserer Praxis zu erreichen. Um diese erhöhte Konkordanz – die für die allgemeine Nachvollziehbarkeit unserer Argumentation durch mündige BürgerInnen essentiell ist – zu erreichen, war und ist meiner Meinung nach ein innerfachliches Umdenken erforderlich. Wie die archäologische Denkmalpflege anders (und meiner Meinung nach auch besser als bisher) gedacht und umgesetzt werden könnte, habe ich nunmehr in einen Änderungsvorschlag für die archäologischen Schutzbestimmungen des österreichischen Denkmalschutzgesetzes (DMSG) gefasst. Dieser Vorschlag beruht teilweise auf meinen 2014 gezogenen Schlussfolgerungen und Schregs Kommentar dazu. Für die, die genauer nachlesen wollen, wurde der volle Wortlaut samt kurzer Begründung dieses Vorschlags (Karl 2018a) ebenso wie das Manuskript meines ebenfalls diesbezüglichen, in Vorbereitung befindlichen neuen Buches zum Thema (Karl 2018b) online zur Diskussion gestellt:

Der Kommentar von Rainer Schreg (2016)


Ehe ich auf meinen neuen Vorschlag selbst eingehe, möchte ich jedoch auf Rainer Schregs (2016) Kommentar zu meiner Argumentationskritik (Karl 2014) eingehen. Schreg meint in diesem, nicht mit meiner Position übereinzustimmen, weil meine Überlegungen zwar nicht grundsätzlich falsch seien, aber an der Sache vorbeigehen würden. Als wesentliche Gründe dafür nennt er:
  1. Die Bedingungen bei Ausgrabungen entsprächen zwar keinesfalls immer den fachlichen Idealvorstellungen, das rechtfertige jedoch nicht, uns der verfügbaren Optionen dadurch zu berauben, dass wir MetallsucherInnen erlauben, unsere Quellen ohne Not zu vernichten.
  2. Die Konservierungsbedingungen von Funden in Sammlungen der öffentlichen Hand seien zwar nicht immer optimal, dies sei jedoch kein Argument für Privateigentum an Funden. Vielmehr sei beim Verursacherprinzip verstärkt auch an Grabungsfolgekosten zu denken und Mängel in der derzeitigen Praxis ein Argument für die in situ-Erhaltung von Funden.
  3. Das Ziel sei letztendlich die Qualitätssicherung, nicht verstärktes laissez-faire betreffend der Zerstörung von Bodendenkmalen. Man müsse daher vielmehr dafür sorgen, dass möglichst wenige Funde unter fragwürdigen Bedingungen gemacht werden.
  4. Umfassende Konzepte für die effektivere öffentliche Vermittlung der wissenschaftlichen Anliegen und Standards des Faches seien erforderlich, wobei ein pauschales Verbot des Sondengehens und auch ein Schatzregal das Problem nicht löse.
  5. Zwar sei Wissenschaft kein Grundrecht, aber noch immer eine Grundlage unserer Gesellschaft, weshalb vor anderen Nutzungen der Vergangenheit eine Interessensabwägung stattfinden müsse, die vor allem ihre bestmögliche Erhaltung zum Ziel haben müsse.
  6. Zwar würden ArchäologInnen heute von der Zerstörung der Denkmale profitieren, aber sie seien nicht deren VerursacherInnen, sondern würden von diesen oder der Allgemeinheit dafür bezahlt, möglichst viel davon zu dokumentieren. Meine Warnung vor gegen den Profit aus der Denkmalzerstörung gerichteten Argumenten sei in Anbetracht der oft prekären Arbeitsbedingungen in der Archäologie (über die ich mich ja ebenfalls schon seit langem sehr kritisch äußere) deplatziert.

Als Fazit fasst Schreg zusammen, dass ich zwar an einigen Punkten recht hätte und auf einige Probleme im Fach in Theorie und Praxis hinweisen würde. Diese seien aber kein Argument dafür, dass MetallsucherInnen das Recht hätten, unser Kulturerbe zu vernichten. Probleme würden nicht dadurch gelöst, dass man neue anhäufe; vielmehr müsse man ein Miteinander finden, denn das Gegeneinander lähme nur Kräfte und mache die Situation nur schlimmer.

Es mag jetzt vielleicht für manche LeserInnen überraschend sein, aber ich stimme Schreg in nahezu allen Punkten grundsätzlich zu, wenngleich ich dennoch nicht unbedingt völlig einig mit ihm bin. Auch ich möchte die Ziele, die er in seinem Kommentar definiert, erreichen. Die Frage ist meiner Meinung nach nur, wie man diese Ziele am besten erreichen kann; und hier weiche ich deutlich vom derzeitigen Fachkonsens ab.


Der Fehler im Kommentar von Schreg: die Wissenschaftsfreiheit

Ich stimme mit Schreg nur in einem, aber dafür enorm wesentlichen, Punkt überhaupt nicht überein, weil er in diesem objektiv falsch liegt. Denn die Wissenschaft ist sowohl in Deutschland (Art. 5 Abs. 3 GG) als auch in Österreich (Art. 17 Abs. 1 StGG) ein verfassungsgesetzlich und in der gesamten EU (Art. 13 Charta der Grundrechte der Europäischen Union) europarechtlich vorbehaltlos geschütztes Grund- und sogar ein völkerrechtlich geschütztes allgemeines Menschenrecht (Art. 15 Abs. 1-3 Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte; für Deutschland siehe BGBl. 1973 II S. 1569; für Österreich BGBl. Nr. 590/1978). Sie ist also ein so hochrangig wie nur möglich geschütztes Jedermannsrecht.

Genau hier liegt meiner Meinung nach das größte Problem mit allen bisherigen deutschsprachigen Lösungsversuchen der archäologischen Denkmalpflege: sie beschränken dieses Grundrecht;

Donnerstag, 27. August 2015

Das schmutzige Geschäft mit der Antike

Günther Wessel
Das schmutzige Geschäft mit der Antike.
Der globale Handel mit illegalen Kulturgütern

(Berlin: Ch. Links Verlag 2015)

ISBN 978-386153-841-7

Broschur, 184 Seiten, keine Abbildungen

18,-€



Das Buch geht zurück auf ein ARD-Radiofeature im April 2015. Zu dessen Vorbereitung hat der Autor Günther Wessel so viel Material gefunden, dass nun ein ganzes Buch daraus geworden ist. Er reiste nach Ägypten, Italien, in die Schweiz, nach Lörrach und Brüssel und recherchierte bei Archäologen, Juristen, Sammlern, Kunsthändlern, Schmugglern und Kriminalbeamten - und auch bei Fellachen in Ägypten. Systematisch geht er die Kette der Raubgrabungen durch. Von den kleinen Raubgräbern in den Dörfern Ägyptens - oft sind es Kinder, die in die schmalen, einsturzgefährdeten Raubgrabungsschächte geschickt werden - bis zu den kunstsinnigen Sammlern in Deutschland.

Vor Ort in Ägypten

In Abu Sir al Malaq hat sich Günther Wessel die Raubgrabungsfelder vor Ort angesehen. "Loch an Hügel, Loch an Hügel ... Überall menschliche Knochen, Schädelplatten, Oberschenkel, Rippenbögen, achtlos übereinandergeschaufelt. Dazwischen Tuchfetzen - Reste von Bandagen, mit denen einst die Mumien umwickelt waren" (S. 26f.). Im frühen 20. Jahrhundert hatten hier einmal reguläre Grabungen stattgefunden, heute wäre das kaum noch möglich.


Abu Sir al Malaq: Raubgräberlandschaft auf einem ägyptischen
Gräberfeld. [Die Luftbilder in Google Earth zeigen, dass die meisten Löcher
zwischen dem 11.7.2010 und dem 12.9.2012 geschaufelt wurden.]
(Google Maps)

Montag, 1. Dezember 2014

Kampf gegen Terror und Raubgrabungen (Syrien und Irak im November 2014)

UNESCO-Direktorin Irina Bokova vergleicht die "kulturelle Säuberung", die IS derzeit im Nordirak und in Syrien betreibt, mit Völkermord.
“Das ist eine Möglichkeit, Identitäten zu vernichten. Man beraubt die Menschen ihrer Kultur, ihrer Geschichte und ihrer Sprache - deshalb geht das mit Völkermord Hand in Hand. Abgesehen von der physischen Verfolgung wollen sie auch das Gedächtnis der verschiedenen betroffenen Kulturen löschen, d.h. zerstören.” (“This is a way to destroy identity. ... You deprive them of their culture, you deprive them of their history, their heritage, and that is why it goes hand in hand with genocide. Along with the physical persecution they want to eliminate – to delete – the memory of these different cultures.”) Bokova fordert bessere Maßnahmen gegen den internationalen Handel mit geplünderten Antiken. 
Finanzierung des IS-Terrors durch den Antikenhandel 
Im Schatten der Greueltaten des IS haben Raubgrabungen und Antikenhandel in Syrien und Irak in den Medien große Aufmerksamkeit gefunden.
In Deutschland hat vor allem die Doku der ARD vom 20.10.2014 "Das geplünderte Erbe"  das Thema aktuell gemacht.

In den Medien ist dabei von Milliardengewinnen durch den IS und vom Antikenhandel als zweitwichtigster Einnahmequelle die Rede. Dass der IS von Raubgrabungen profitiert, steht aufgrund einiger Zeugenaussagen außer Zweifel. Zweifelhaft sind allerdings die wohl tatsächlich überzogenen Zahlen zu den Einnahmen des IS aus dieser Quelle:
Ein Beitrag von Jason Felch bei Chasing Aphrodite zeigt auf, wie die Aussage, Raubgrabungen und Antikenhehlerei seien die zweitwichtigste Einnahmequelle von IS, zustande kam. Es gibt freilich keinen Zweifel am Ausmaß der Plünderungen, denn Luftbilder belegen, wie vollständig viele Fundstellen inzwischen durch Raubgrabungslöcher vernichtet sind, was jedoch nicht allein auf das Gebiet des IS zutrifft. Aber bislang ist der Verbleib der sicher in die Hunderttausende gehenden Funden unklar. Noch wird der westliche Markt damit nicht überschwemmt - wobei die komplexe Handelskette und die Provenienzfälschung "alter Sammlungen" auch eine gewisse Zeit benötigt. So fehlt es an gerichtsfähigen  Beweisen, dass IS damit tatsächlich so viel Geld verdient - sind doch die Herkünfte meist gut verschleiert und liegen die Gewinne doch eher am Ende der Handelskette.
Um hier Klarheit zu schaffen und um dann auch effektiv gegen den IS vorgehen zu können, ist es von zentraler Bedeutung, dass der Kunsthandel an der Aufklärung mitarbeitet und die Handelswege offen legt.
Schon früher hat Derek Fincham die Frage aufgeworfen (vergl. Archaeologik 1.9.2014), wie die Archäologie mit dem Terroraspekt umgehen soll, da dieser zwar kurzfristig die Aufmerksamkeit auf das Thema lenkt, mittel- bis langfristig der Sache des Kulturgüterschutzes aber schaden könne. Immerhin besteht ein hohes Risiko, dass die Archäologie hier für die Interessen der US-Außenpolitik mißbraucht werden kann.
Die ZEIT berichtet über die Finanzierungsmethoden des IS, wobei zunächst das Geschäft mit dem Kidnapping im Mittelpunkt steht:
Eine aktuelle Zusammenfassung des Kenntnisstandes bringt
Verschärfung des Kulturgüterschutzgesetzes in Deutschland
Die bisherigen Regelungen des 2006 erlassenen Kulturgütergesetzes (mit dem erst nach über 30 Jahren auch Deutschland die UNESCO-Welterbe-Konvention mehr schlecht als recht umgesetzt hatte), hatten einer Überprüfung nicht stand gehalten. Die unzureichenden Regelungen haben im Gegenteil dem Antikenhandel in Deutschland einen Freischein ausgestellt. Vergl.

Die Ankündigungen von Staatssekretärin Monika Grütters im Oktober gingen in die richtige Richtung.