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Donnerstag, 2. Januar 2025

Gold und Gedöns - „Ramses II. und das Gold der Pharaonen“ in Köln

Jutta Zerres

Seit dem 13. Juli 2024 macht die internationale Wanderausstellung mit insgesamt 180 Exponaten aus ägyptischen Sammlungen im „Abenteuermuseum Odysseum“ ihre einzige Station in Deutschland. Zuvor gastierte die Schau in den USA, Frankreich und Australien und ab 6. Januar 2025 reist sie weiter nach Asien.

Leben und Wirken Ramses II., einer der bekanntesten Herrscherpersönlichkeiten des Alten Ägypten, stehen im Mittelpunkt. In seinen 90 Lebens- und 67 Regierungsjahren entstanden zahlreiche Bauten und Monumente, mit denen er sich im Bewusstsein der Zeitgenossen und der Nachwelt zu verewigen wusste. Über den Mann gibt es also viel zu erzählen und damit eignet er sich bestens als Tourismusbotschafter seines Landes.


Einen einzigen Makel hat das Sujet: Es mangelt an einer prunkvollen Grabausstattung à la Tutanchamun. Wie so oft waren die Grabräuber schneller. Ramses Grab im Tal der Könige (KV 7) war bereits seit der Antike geplündert und von Wassereinbrüchen beschädigt, die Mumie hatte sicherheitshalber im Cachette von Deir-el-Bahari eine ungeplante letzte Ruhestätte gefunden. Alles spannend, ohne Frage, aber aus Sicht der Ausstellungsmacher nicht genug Material für einen fulminanten Schlusspunkt mit hohem Goldgehalt.

 

Odysseum
(Foto: J. Zerres)


Das Thema der altägyptischen Jenseitsvorstellungen, das auf die Erzählung von Ramses’ Leben folgt, kann also nicht mit Hilfe seiner Grabausstattung dargestellt werden. Dieser Teil wird mit Objekten anderer Grabherren unterschiedlicher Abschnitte der ägyptischen Geschichte bestritten.
Die Ausstellungsmacher setzen auf Überwältigung und Staunen. Als ob man den exquisiten Exponaten alleine diese Wirkung nicht zutraut, kommen Filme, Fototapeten, Landschaftsinszenierungen, Beleuchtungseffekte bzw. Verdunkelung und eine Dauerbeschallung mit Musik in einem Übermaß zum Einsatz.
Wer dann noch nicht genug Lametta hat, kann sich noch auf eine Virtual-Reality-Reise durch den großen Tempel von Abu Simbel und das Grab der Nefertari begeben. Ramses hätte das gefallen. Der 15-minütige VR-Ausflug ist nicht im Eintritt inbegriffen und kostet 15 €. Überhaupt ist die Pharaonenschau kein preisgünstiges Vergnügen: Für einen Erwachsenen sind je nach Tag und Uhrzeit ab 22 € fällig. An Tagen mit voraussichtlich hoher Besucherfrequenz müssen bis zu 34 € berappt werden. Es werden aber auch Familien- und Gruppentickets sowie ermäßigte Eintritte für Kinder, Senioren und Studenten angeboten. Für einen Multimedia-Guide für’s Handy oder eine geführte Besichtigung fallen zusätzliche Kosten an, ebenso sowie für die Nutzung eines Gepäckschließfaches. Familienfreundlichkeit stelle ich mir anders vor.

Allzuviel Reflexion des Dargebotenen ist nicht gefragt. Die Erklärungstexte in der Ausstellung fallen eher dürftig aus, das gedruckte Werk, welches anderswo als „Begleitband“ oder „Katalog“ bezeichnet würde, heißt hier „offizielles Souvenirbuch“ - im Shop in Package mit Pharaonenschokolade zu erwerben. 

Es fehlt jede kritische Auseinandersetzung mit dem pharaonischen PR-Genie Ramses II. und gerade hier wäre m. E. ein Ansatzpunkt gewesen, um der Ausstellung einen Mehrwert zu verleihen, einen Mehrwert, der über das bloße Bestaunen von Monumenten und Gold hinausgeht. So werden leider wieder nur Klischees bedient. Das Thema der PR könnte eine Brücke in die Gegenwart schlagen und ist zugleich anschlussfähig für ein internationales Publikum. Propagandagetöse aller Art von Schönfärbererei bis Fake-News ist eine globale Erfahrung mit der jeder etwas anfangen kann.

 

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Mittwoch, 14. Juni 2023

Afrika unerwünscht - War das Alte Ägypten schwarz oder weiß?

von Jutta Zerres

Zwei aktuelle Vorgänge zeigen, dass das moderne Ägypten Probleme mit der Vorstellung schwarzafrikanischer Komponenten in der antiken Kultur hat.

Dem Rijksmuseum van Oudheiden Leiden (RMO) wurde kürzlich von der ägyptischen Antikenbehörde, die seit Jahrzehnten bestehende Genehmigung für das Grabungsprojekt in Sakkara entzogen. Der Grund liegt in einem Konflikt um eine aktuelle Ausstellung des niederländischen Archäologie-Museums. In „Kemet. Egypt in hip-hop, jazz, soul & funk werden die Einflüsse der altägyptischen und nubischen Kultur auf das Schaffen von afro-amerikanischen Musikerinnen und Musikern in den letzten sieben Jahrzehnten thematisiert. Beispielsweise ließen sich Rihanna und ihre Kollegin Beyoncé für Fotos als Nofretete inszenierten. Der Rapper Nas ist auf einem Plattencover als Tutanchamun abgebildet und die Fugees-Sängerin Lauryn Hill rappte über die ägyptische Antike. Größen des Jazz wie Miles Davies ließen sich vom das Land am Nil inspirieren. Die Liste lässt sich mit Nina Simone, Prince, Fela Kuti, Erykah Badu und Michael Jackson noch erweitern.

Die Ausstellung verfolgt eine doppelte Zielsetzung:

1) will sie die Rezeption des antiken Ägypten bei schwarzen Musikern aufzeigen und die damit verbundenen Botschaften zu verstehen
2) will die Ausstellung zeigen, was die wissenschaftliche ägyptologische Forschung über Ägypten und Nubien aussagen kann..

Das Museum konstatiert dazu: “Die Ausstellung diskutiert, wie das alte Ägypten aus eurozentrischer und afrozentrischer Perspektive erforscht wurde. Afrozentrismus betrachtet Geschichte und Gesellschaft aus panafrikanischer Sicht und aus der Perspektive schwarzafrikanischer Diasporagemeinschaften. Das sieht und hört man manchmal auch an der Musik in der Ausstellung. Die Musik deckt beispielsweise Vorurteile in der Geschichtsschreibung auf und wirkt antischwarzem Rassismus entgegen. Das ist dem Museum wichtig.”

Aus Ägypten wurde der Vorwurf der „Geschichtsverfälschung“ durch „Afrozentrik“ erhoben. Laut der Zeitung „El Fagr“ sei die Schau „äußerst provokativ und erklärungsbedürftig“. Sie unterstütze afrozentrische Ideen und ziele darauf ab, die altägyptische Zivilisation von ihrem Volk zu trennen“. Es fehle die Klarstellung, dass es um nicht-ägyptische, afroamerikanische Musiker gehe. Hier würde nicht die Realität dargestellt, es handele sich viel mehr um Provokation und kulturelle Aneignung.

Museumsdirektor Wim Wijnand setzte sich zur Wehr: Die Schau sei mit großer Sorgfalt vorbereitet worden. Lange Zeit habe man das Land hauptsächlich als Teil des Mittelmeerraums wahrgenommen, aber aus der Perspektive vieler in Afrika geborene Musiker sei das alte Ägypten als eine afrikanische Kultur anzusehen. Er moniert weiterhin, dass niemand von den Kritikern nach Leiden gereist sei, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Die Ereignisse erinnern an eine Kontroverse, die kürzlich um die Netflix-Doku-Drama-Serie „Queen Cleopatra“ entspann. In Ägypten, aber auch anderenorts regte sich Kritik, dass die legendäre Herrscherin von der dunkelhäutigen Britin Adele James verkörpert werde. Der Streaming-Dienst betreibe Blackwashing. Eine Petition fordert gar ein Verbot der Ausstrahlung.

Kleopatra VII, Portrait aus der Antikensammlung Berlin
(Foto:
Sailko,  CC BY SA 3.0  via WikimediaCommons)

 

Promi-Ägyptologe und ägyptischer Ex-Minister Zahi Hawass stellte taggleich mit der Veröffentlichung des NetflixTrailers eine anderthalbstündige Video-Dokumentation zu Kleopatra vor (Discover the true Cleopatra, auch auf youtube). Dabei wird auch die Frage der Black Cleopatra dargestellt und darauf verwiesen, dass dies 1.) historisch falsch und 2.) ein Konzept sei, das in der US-Geschichte wurzele, da sich afrikanisch nicht mit “black” gleichsetzen lasse..

Was aber ist die Wahrheit? Die antiken Schriftquellen schweigen zu dem Thema, antike Darstellungen in Porträts und auf Münzen helfen auch nicht weiter. Hawass verwies auf Kleopatras makedonisch-griechische Abstammung, verschweigt dabei aber, dass dies nur auf die väterliche Linie zutrifft. Über Kleopatras Mutter wissen wir allerdings nichts. 

Sicherlich legte die Pharaonenfamilie Wert auf die 'richtige' Abstammung. Aber die Dynastie der Ptolemäer war zum Zeitpunkt von Kleopatras Geburt knapp 300 Jahre am Nil ansässig. Ehen mit Personen aus der einheimisch-ägyptischen Bevölkerung sind wohl kaum auszuschließen. Eine blaß-weiße, europäische Kleopatra, wie sie von Theda Bara 1917 oder Liz Taylor 1963 verkörpert wurde, ist vor diesem Hintergrund eher unwahrscheinlich. 

Theda Bara als Kleopatra, 1917
(via WikimediaCommons)

Das Museum in Leiden präsentiert jedoch keine schwarze Pharaonin, sondern weisst darauf hin, dass das populäre Bild des alten Ägypten ein europäisches ist. Dem ein anderes Bild der Rezeption gegenüber zu stellen, ist Teil guter Wissenschaft.  Dass sich Ägypten gegen eine Vereinnahmung "seiner" Geschichte wehrt, ist nachzuvollziehen, trifft hier aber die Falschen. 


Links

Zur Ausstellung des RMO:


Zu „Queen Cleopatra“



Sonntag, 11. Dezember 2022

Antikenverkauf für Museen zahlt sich aus

Antikenverkauf für Museen zahlt sich aus - Das lehrt der Fall der Sekhemka-Statue, die das Northampton Museum and Arts Gallery 2014 für 15,8 Mio £. Trotz internationaler Proteste war die Statue im Londoner Auktionshaus Christie’s die Statue des Sekhemka, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhundets im Besitz des Museums befunden hatte, in eine anonyme private Sammlung versteigert worden.

Statue of Sekhemka
Statue des Sekhemka, vom Museum Northampton bei Christie's verhökert
(Foto: Bibilovski (Own work) [CC-BY-SA-4.0], via Wikimedia Commons)

Zerknirscht hatte der Museumsvorstand danach Fehler eingestanden und versprochen, dass so etwas nicht wieder passiere. Inzwischen wurde das Museum für 6,7 Mio £ renoviert. Diese notwendigen Renovierungsarbeiten dienten als Rechtfertigung für den Verkauf. Jetzt hat das Museum seine Akkreditierung durch Arts Council England zurück erhalten, die ihm nach dem Vorfall aberkannt worden ist. Zugleich wurde dem Museum ein Projekt mit 450.000 £ bewilligt, das unter anderem eine Ausstellung "A History of Northamptonshire in 100 Objects" ermöglichen wird. Ein Regionalpolitiker äußerte dazu, dass mit dieser Finanzierung das Kulturviertel wachsen könne und das Profil von  Northamptonshire’s reicher Geschichte mit einer einzigartigen Sammlung von Exponaten geschärft werden könne.

Da stellen sich doch zumindest vier Fragen: 

  • Wo wurden die 9,1 Mio £ eigentlich eingesetzt, die nach der Renovierung aus der Verkaufssumme noch übrig sein müssten? Offenbar ja nicht für eine ganz grundlegende Ausstellung zur Stadtgeschichte - und angesichts von zwei größeren Verlusten und einem Feuer offenbar auch nicht in die Sicherheit. 
  • Was macht die einzigartige Sammlung eigentlich noch aus, wenn man ein Stück von Weltrang verkauft hat? 
  • Warum ging man so rasch dazu über, das Museum wieder mit Geld und Prestige zu überhäufen? 
  • Welche Rolle spielen dabei das neue Archaeological Resources Centre (ARC), das dieses Jahr eröffnet wurde sowie andere mit dem Museum verbundene Restaurierungsprojekte? Hier werden stets nur öffentliche Mittel, etwa aus dem National Lottery Heritage Fund erwähnt, aber es bleibt unklar, ob hier auch Sekhemka-Mittel eingeflossen sind.

 

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The benefits of selling museum objects to anonymous private collectors

Antiquities sale for museums pays off - this is the lesson of the case of the Sekhemka statue, that was sold by the Northampton Museum and Arts Gallery in 2014 for £15.8m. Despite international protests, the statue of Sekhemka, which had been in the museum's possession since the late 19th century, was auctioned off at Christie's London auction house to an anonymous private collection.

Statue of Sekhemka
Statue des Sekhemka, vom Museum Northampton bei Christie's verhökert
(Foto: Bibilovski (Own work) [CC-BY-SA-4.0], via Wikimedia Commons)

Contritely, the museum board admitted mistakes and promised that something like this would not happen again. The museum has since undergone a £6.7m revamp. These necessary renovations served as justification for the sale. The museum has now regained its Arts Council England accreditation, that was lost after the sale. Furthermore, the museum was granted a £450,000 project which will, among other things, enable an exhibition "A History of Northamptonshire in 100 Objects". A regional politician commented: "This funding will enable us to grow Northampton’s Cultural Quarter and raise the profile of Northamptonshire’s rich history through a unique collection of exhibits."

This raises at least four questions: 

  • Where did the £9.1m that should be left over from the sale after the refurbishment actually go? Apparently not for a very basic exhibition on the history of the city - and in view of two major losses and a fire, apparently not for safety either.  
  • What makes a unique collection when you've sold a world-class piece?  
  • Why was it so quick to start heaping money and prestige on the museum again?
  • What is the role of the new Archaeological Resources Center (ARC), which opened this year, and other restoration projects associated with the museum? Reports only mention public funds, such as from the National Lottery Heritage Fund. It remains unclear whether Sekhemka funds were also used here.

 

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Mittwoch, 14. September 2022

Wie aus der Ägyptologie vor 200 Jahren eine historische Archäologie wurde

Porträt des Jean-François Champollion (1790-1832)
Ölgemälde von
Leon Cogniet 1831
(Louvre, Paris [gemeinfei] via WikimediaCommons)

 

Die Entzifferung der Hieroglyphen war indes nur ein erster Schritt zur Entwicklung eiiner historischen Archäologie denn allzu leicht gewinnen die Texte das Übergewicht über die Archäologie, die leicht als bloßer Lieferant neuer Textfunde misverstanden werden kann. Das spannende ist , die Aussagen von Texten mt den Zeugnis des Materiellen abzugleichen. Darin steckt - auch für recht jonge Perioden - großes Potential.


Freitag, 3. Juni 2022

Es glänzt nicht alles im Louvre: Polizeiliche Ermittlungen gegen ehemaligen Direktor

Ein Beitrag von Jutta Zerres 

Zahlreiche internationale Medien berichten in den letzten Tagen über Ermittlungen der französischen Polizei gegen Jean-Luc Martinez, der von 2013 bis 2021 das weltberühmte Pariser Museum des Louvre leitete. Es steht der Vorwurf des Betruges und der Verschleierung von Provenienzen von fünf unrechtmäßig erworbenen ägyptischen Antiken im Raum. Diese seien für das Zweigmuseum in Abu Dhabi bestimmt gewesen und sollen für den Preis von 15 Millionen Euro angekauft worden sein. Darunter befindet sich eine Stele mit der Nennung von Tutanchamun, für die alleine 8,5 Millionen über den Tisch gegangen seien. Martinez habe im Genehmigungsverfahren der Ankäufe bei den gefälschten Provenienznachweisen nicht allzu genau hingeschaut. Er bestreitet die Vorwürfe und ist mittlerweile gegen Auflagen freigelassen geworden. 

Louvre
(via Pixabay)

Die Ermittlungsverfahren gegen ihn kam 2018 nach der Verhaftung des deutsch-libanesischen Galeristen Robin Dib ins Rollen, der den Verkauf an den Louvre vermittelt hatte. Die in Rede stehenden Objekte waren in der Zeit des „arabischen Frühlings“ 2011 illegal ausgegraben und in den Handel gebracht worden. Archaeologik berichtete ausführlich über Raubgrabungsaktivitäten, die in dieser Phase staatlicher Instabilität deutlich zugenommen hatten. Nicht zum ersten Mal tauchen Objekte, die in der politischen Unruhephase von 2011 entwendet wurden, in internationalen Museen auf. Schlagzeilen machte 2019 der Fall des goldenen Sarkophages des Priesters Nedjemankh, der vom Metropolitan Museum of Art in New York erworben und später an Ägypten restituiert wurde (auf Archaeologik).


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Freitag, 12. November 2021

Kulturraub

Kulturraub - Fallbeispiele aus Syrien, Irak, Jemen, Ägypten und Libyen

herausgegeben von Birthe Hemeier - Isber Sabrine

Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Reimer 2021

ISBN 978-3-496-01669-4
330 Seiten mit 485 Abbildungen, 1 Diagramm und 7 Karten


29.-€ (D)

 
Der arabische Frühling hat ab 2011 in vielen Staaten des Nahen Ostens zu politischer Instabilität oder gar zu Krieg geführt. Schätzungsweise eine halbe Million Menschen sind im Bürgerkrieg in Syrien ums Leben gekommen. Viele der Überlebenden haben ihre Heimat verloren, sei es dass sie auf der Flucht sind oder ihre Wohnungen, Häuser, Städte oder Länder verwüstet und zerstört sind. Damit einher geht ein Verlust an Kulturgut der im Westen mit Entsetzen registriert wurde, weil wir doch die Region als Wiege der (eigenen, westlichen) Zivilisation begreifen und in vielfältiger Weise eine Aneignung stattgefunden hat. Konkret wurden und werden archäologische Stätten für Sammlungen in Europa und Nordamerika geplündert. Zum Teil ist aber auch die Wissenschaft ein Teil der Aneignung und des Kulturraubs. Das Problem sind dabei weniger das Interesse und die Forschungsmittel, die westliche Institute und Universitäten aufbringen, als vielmehr der kolonialistische Umgang mit den Menschen vor Ort. Beispiele wie die Zwangsumsiedlungen der Bevölkerung von Palmyra (Syrien) durch die damaligen Mandatsmacht Frankreich (vgl. Archaeologik 28.12.2015) oder der in Petra (Jordanien) lebenden Beduinen durch die jordanische Regierung seit den 1960er Jahren. Die Bevöllerung störte und musste weichen, um für die Wissenschaft und den Tourismus archäologische Stätten. zu gestalten. Solche Aktionen trugen nicht dazu bei, dass sich die einheimische Bevölkerung mit den historischen Überresten in ihrer Heimat positiv identifiziert.

IS/Daesh machte sich dies zu nutzen indem er einerseits demonstrativ Denkmäler zerstörte, die vor allem für den Westen große Bedeutung besaßen, sich andererseits aber durch die Plünderung der Fundstellen eine Finanzierungsquelle im westlichen Kunstmarkt erschloss. Letzteres scheinen aber auch andere Kriegsparteien erfolgreich zu praktizieren.

So sind die Vorgänge im Nahen Osten eng mit uns verbunden und lassen uns - insbesondere uns, den Archäolog*innen - eine Mitverantwortung erstehen..

Der Band Kulturraub, herausgegeben von den Staatlichen Museen zu Berlin, die forschungsgeschichtlich tief in diesem Kolonialismus und klassischen Kulturraub verstrickt sind, zieht eine Bilanz nach rund einem Jahrzehnt der Zerstörungen. In dem Buch berichten Museums- und Antikenverantwortliche aus den betroffenen Ländern erstmals über das massiv bedrohte kulturelle Erbe ihrer Heimat. Dass viele Denkmalpfleger*innen und Museumsleute aus den betroffenen Ländern zu Wort, kommen, ist ausdrücklich hervorzuheben, auch wenn unsicher bleibt, ob tatsächlich Augenhöhe erreicht ist, oder ob hier nur "Hausmeisterdienste" gefragt sind. Da an vielen Orten beispielsweise in Syrien und dem Jemen an eine Arbeit vor Ort nicht zu denken ist, ist man oftmals nach wie vor auf Sekundärquellen angewiesen. Viele Plünderungen lassen sich nur über Spuren im Netz, sei es in sozialen Medien, Satellitenbildern oder auf Auktionsplattformen wie ebay in Detektivarbeit erfassen. Der Band bildet viele Funde ab, deren Schicksal nach Museums- oder Depotplünderungen ungewiss ist. Eine Hoffnung besteht darin, dass es für den illegalen Markt von Vorteil ist, wenn Objekte als zerstört gelten und niemand mehr genauer nachfrägt. Manches mag also irgendwann wieder einmal auftauchen. Zugleich belegen aber Raubgrabungsspuren in allen hier besprochenen Ländern, dass viele Funde auf dem Markt sein müssen, die noch keine Fachleute gesehen haben und die selbstverständlich nirgends dokumentiert sind. Einige Beiträge thematisieren diese Antikenhehlerei, doch wäre ein Beitrag wünschenswert gewesen, der einen Überblick über die Strukturen schafft. Warum hier die Ergebnisse des in Berlin angesiedelten ILLICID-Projektes (vgl. Archaeologik 9.3.2020; Archaeologik 13.8.2019) nicht klar angesprochen werden, ist mir unverständlich.

Was der Band indes leistet, ist, dass für viele Fundstellen das Ausmaß der Zerstörungen und Plünderungen nun deutlicher wird. Zu Beginn der Länderabschnitte findet sich jeweils eine Karte mit den exemplarisch behandelten Fundorten. Auf einzelne Inhalte möchte ich, fokussiert lediglich auf Syrien, besonders hinweisen:

Die Werbung eines deutschen Münzhändlers, der 2015 aus der Zerstörung Palmyras Gewinn zu schlagen versuchte, indem er - nach der Fundmasse geurteilt eher gängige - Münzen des palmyrenischen Sonderreiches für den doppelten Marktwert anbot, mit der völlig irreleitenden Werbung, der Kunde könne durch den Kauf der Münzen einen Beitrag zum Kulturguterhalt leisten (S. 47ff.).

Das Schicksal des Museums in Raqqa blieb mir in einzelnen isolierten Berichten, die auf Archaeologik (20.11.2013) verlinkt waren unklar. Ein Beitrag von Ayham Al-Fakhry gibt nun einen Überblick (S. 125ff.).

Die Altstadt von Aleppo hat unter dem Krieg besonders gelitten und war schon bald Gegenstand von Überlegungen zu den Möglichkeiten der Restaurierung (vgl. Archaeologik 19..5.2017; Archaeologik 3.1.2017) mit dem de facto Sieg des syrischen Regimes und seiner Verbündeten gibt es hier keine Möglichkeiten einer effektiven Einflussnahme. Inzwischen wird in Aleppo gebaut, doch spielen Denkmalpflege und die Interessen der dem Regime verdächtigen, weil lange oppositionellen Stadtbevölkerung keine besondere Rolle. Der Beitrag zu Aleppo dokumentiert vielmehr die Demontage historischer Bauteile (S. 31ff.).

Interessant ist die Zusammenstellung von Statements von Menschen aus Syrien, die in Raubgrabungen verwickelt sind, weil so die Strukturen der Raubgrabungen und des Handels deutlicher werden (S. 95ff.).

Das Beispiel einer neu-assyrischen Königsstele nutzt Neill Brodie um erneut die kriminellen Strukturen im Antikenhandel aufzuzeigen. Schon 1879 wurde auf dem Tal Sheikh Hamad der obere Teil einer Stele gefunden, die später ins British Museum gelangte. Im Jahr 2000 tauchte der untere Teil der Stele auf einer Auktion auf, angeblich seit den 1950er Jahren in Schweizer Privatbesitz. Nachdem das Stück zunächst nicht verkauft werden konnte, kontaktierte der Besitzer das British Museum, das ein Gutachten in Auftrag gab, das die Zusammengehörigkeit bestätigte, ausserdem aber auch den Archäologen zitierte, der in den 1970er Jahren an Tell Sheikh Hammad Grabungen durchführte und damals keine Spuren größerer Raubgrabungen registriert haben will. 2014 wurde die Stele in London erneut bei einer Auktion angeboten und mit dem 2012 publizierten Gutachten beworben und als legal dargestellt. Dieses Mal wurde die Stele aber von der Polizei beschlagnahmt. Als Besitzer erwies sich ein berüchtigter Antikenhändler, der beispielsweise auch in den dubiosen Fall des Seuso-Schatzes involviert war (vgl. Archaeologik 30.6.2015). Sicher ist, dass das Objekt illegal aus Syrien exportiert worden ist, egal ob in den 1960er oder 1990er Jahren, als offenbar doch Raubgrabungen an der Fundstelle stattgefunden haben. Deutlich wird, dass Archäolog*innen sich stärker für die Legalität und Provenienzen interessieren müssen (S. 101ff.). 

1879 gefundene neoassyrische Stele des Adad-Nirari III aus Dur-Katlimmu/Tal Sheikh Hamad im British Museum
1879 gefundene neoassyrische Stele des Adad-Nirari III aus Dur-Katlimmu/Tal Sheikh Hamad im British Museum.
(Foto: British Museum [ CC BY NC SA 4.0 ] via British Museum)
Der untere Teil tauchte 2000 im Kunsthandel auf.

Eine kritische Anmerkung zum Konzept der Publikation als durchaus ansprechend aufgemachtem Buch. Die Herausgebenden schreiben (S. 1), das Ausmaß des Raubs und der Plünderung von Kulturgütern sei bestenfalls Experten bekannt und die vorliegende Publikation dokumentiere prägnante Fallbeispiele für ein breiteres Publikum. Das ist richtig und wichtig, aber man fragt sich, ob ein Buch, auch wenn es nicht ganz 30 € kostet, effektiv dazu beiträgt, die Problematik breiter bekannt zu machen. Über das Buch stolpert nur, wer ohnehin schon eine Affinität zum Thema hat - und nur ein Bruchteil davon wird sich das Buch leisten und ins Regal stellen (oder gar lesen). Solche Themen, die öffentliche Aufmerksamkeit erfordern, gehören heute ohne große Hürden ins Internet. Zumindest müssen die Bücher digital im Open Access bereit stehen.




Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort der Herausgebenden/Foreword from the Editors
  • Übersicht der Beiträge/Abstracts
Syrien
  • Anonym, Aleppo. Demontagen aus historischen Wohngebäuden
  • Hasan Ali, Palmyra. Plünderung der Welterbestätte und ihres Museums
  • Raphaëlle Ziadé, Kirchen und Klöster. Gestohlene Ikonen
  • Fiona Greenland – Oya Topçuoğlu – Tasha Vorderstrasse, Raubgrabungen. Modellierung von Gewinnen
  • Anonym, Tote Städte. Raub von Mosaiken
  • Mohamad Alsbeeh, Kirchenmosaik. Entdeckung und Diebstahl in Babulin
  • Komait Abdallah, Fotobeitrag. Mosaiken aus den Sozialen Medien
  • Kulturgutschutzaktivisten, O-Töne. Stimmen aus der Raubgräberszene
  • Neil Brodie, Tall Sheikh Hamad. Eine Königsstele auf dem Kunstmarkt
  • Tasha Vorderstrasse, Dura Europos. Archäologische Detektivarbeit
  • Ristam Abdo, Tall Ajaja. Abbaggern und Plündern eines Siedlungshügels
  • Stefan Heidemann, Fundmünzen. Herkunft unbekannt?
  • Ayham Al-Fakhry, Raqqa. Museumsraub in Etappen
  • Yasser Shouhan, Hiraqla. Ein leergeräumtes Museumsdepot
  • Birthe Hemeier, Beterstatuetten. Etappen aus ihrem Leben
Irak
  • René Teijgeler, Irak. Manuskripte und Bücher, verbrannt oder gestohlen?
  • Simone Mühl, Nimrud. Die Inszenierung einer Zerstörung
  • Zaid Ghazi Saadallah, Mosul. Plünderung und Zerstörung im Museum
  • Peter A. Miglus – Stefan Maul, Ninive. Verwüstung und Plünderung des letzten unerforschten assyrischen Königspalastes
  • Anonym, Südirak. Heimliche Ausgrabungen im Randbereich
Jemen
  • Abdul Karim Al-Barkani, Jemen. Ein Plädoyer für den Kulturgutschutz
  • Ramzi Abdullah Saif ad-Dumaini, Taizz. Des Palastmuseums verlorene Sammlung
  • Rabi‘ Abdullah Muhammad al-Batul, Zinjibar. Plünderung des Museums durch Fundamentalisten
  • Iris Gerlach, AYDA-Denkmalregister. Ein Projekt zum Erhalt des Kulturerbes
Ägypten
  • Yolanda de la Torre Robles − Alejandro Jiménez Serrano, Elephantine. Kleinfunde gezielt aus Grabungsdepot gestohlen
    dazu: Cornelius von Pilgrim – Wolfgang Müller, Elephantine. Kleinfunde gezielt aus Grabungsdepot gestohlen – Addendum
  • Omniya Abdel Barr, Kairo. Bestohlene mamlukische Moscheen
  • Zsuzsanna Végh, Vorher/Nachher. Eine Mumie in den Händen der Raubgräber
Libyen
  • Ahmad Essa Farag Abdulkariem, Kyrene. Raubgrabungen in der Weltkulturerbestätte
  • Ahmed Hussein, Ostlibyen. Zwischen Museumsraub und Raubgrabung
  • Adrees A. A. Qatannish, Westlibyen. Die Museumsverluste von Sabratha und Bani Walid
  • Khaled Elhaddar, Bengasi. Der gestohlene ‚Schatz‘
Anhänge
  • Literaturverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Glossar

Im einleitenden Teil finden sich englische Abstracts, am Ende des Bandes arabische.

 

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Freitag, 5. März 2021

Antikenhehlerei online: Die ATHAR-Studie zu facebook

Digitale Medien sind wichtig für die Wissenschaftskommunikation - sie haben aber auch eine enorme Bedeutung für die Antikenhehlerei. Ihre Analyse liefert wichtige Informationen über das Funktionieren des illegalen Handels und zeigt Handlungsoptionen auf.

(Foto:voteprime [CC BY-NC-SA 2.0] bei flickr)


Speziell mit facebook setzt sich das investigative Projekt "The Antiquities Trafficking and Heritage Anthropology Research (ATHAR)" auseinander. Es wertet facebook aus, um die Unterwelt von Schmuggel, Terrorfiannzierung und organisiertem Verbrechen zu beleuchten. ATHAR kooperiert mit  The Day After Heritage Protection Initiative und Alliance to Counter Crime Online. Der Name Athar leitet sich vom arabischen Begriff für 'Altertümer' ab.
In einem Bericht zu den Beobachtungen im Jahr 2019 kommt ATHAR zu folgenden Kernaussagen:
  • Eine Analyse von 95 arabischen Facebook-Gruppen, die für den Handel mit Antiken eingerichtet wurden, zeigt, dass die Administratoren („Admins“), die Gruppen verwalten, eng miteinander verbunden sind und eine globale Reichweite haben.
  • Diese Gruppen nutzen Facebook als Plattform für Antikenhehlerei, entweder im direkten Konatkt mit Käufern und Verkäufern oder durch Mittelsmänner. die als Zwischenglied zwischen Interessenten und Terrorgruppen dienen.
  • Es gibt 488 einzelne Administratoren, die fast 2 Millionen Mitglieder in 95 Facebook-Gruppen verwalten. 23 der Administratoren verwalten vier oder mehr Gruppen. Ihr Einfluss erstreckt sich bis in die USA, wo ein amerikanischer Antikenhändler ein Facebook-Freunde eines Administrators ist, der mehrere Trafficking-Gruppen und -Seiten auf Facebook betreibt.
  • Zu den Gruppenmitgliedern gehört eine Mischung aus Durchschnittsbürgern, Zwischenhändlern und gewalttätigen Extremisten. Zu den gewalttätigen Extremisten zählen derzeit Personen, die mit syrischen Terrorgruppen, aber auch mit Al-Qaida- oder dem Islamischen Staaten (ISIS)/ Daesh verbunden sind.
  • Administratoren der Facebook-Gruppe verlangen von Benutzern, die über die fb-Gruppe einen Verkauf tätigen oder Kontakt aufnehmen eine Gebühr. Administratoren können eine Gebühr aus Verkäufen erheben, die durch Kontakte in ihrer Gruppe erzielt werden. Die Gebühr wird von einigen als „Khums-Steuer“ bezeichnet, was an die Steuerpraxis des ISIS erinnert.
  • Die Hehler bieten auch große Artefakte an, darunter Mosaike, architektonische Elemente und pharaonische Särge, die sich noch in situ befinden. Diese Stücke finden Käufer, bevor die Plünderung erfolgt.
  • Die Überwachung von sozialen Medien bietet den Behörden damit eine seltene Gelegenheit, Plünderungen zu stoppen, bevor ein Objekt dem Boden entrissen - und der archäologische Befund zerstört wird.

Ausführliche Berichte und Dokumentationen finden sich auf der Seite von http://atharproject.org zum Download:

In einer Fallstudie zu syrischen Facebook-Gruppen zeigte sich, dass Beiträge von Nutzern in Konfliktgebieten mehr als ein Drittel aller Beiträge mit Artefakten ausmachen. Bei 36% der Posts, die Artefakte anbieten, lassen sich Standorte in Konfliktzonen identifizieren, bei 44% der Posts liegen die Standorte in Ländern, die an die Konfliktzonen angrenzen. Die Website enthält eine interaktive Karte, die dies anschulich zeigt. Kartiert sind die Standorte von Admins und Usern von 4 einzelnen fb-Gruppen, in denen syrische Antiken angeboten wurden. Eine Gruppe wird beispielsweise von sechs Admins betrieben, von denen vier in Syrien, Idlib und Hama sitzen, einer in Istanbuld und ein weiterer in Bamberg. Die User sitzen v.a. in Syrien und der Türkei. Gehandelt wird vor allem mit Münzen und Kleinfunden.

Die Seite verlinkt auch eine Petition von "Center on Illicit Network and Organized Crime", die sich an die US-Regierung wendet, die auf Grundlage bestehender Gesetze gegen den illegalen Handel in den Social Media einschreiten soll: 

 

Unter anderem berichtete BBC über die Ergebnisse der ATHAR-Studie:Als Reaktion kündigte 2020 facebook an, gegen Antikenhehlerei vorgehen zu wollen, die schon länger gegen ihre Richtlinien verstoße. Inhalt, der "encourages or attempts to buy, sell or trade historical artefacts"soll gelöscht werden.

Allerdings erschwert diese Politik nun auch die Ermittlung gegen Kriegsverbrecher und die Recherche nach Provenienzen:

Im Januar berichtete auch 3sat-Kulturzeit über "Kunstraub im Homeoffice":
Der syrische Archäologe Amr Al-Azm, Professor an der Shawnee State University in Ohio und Co-Direktor von ATHAR. fordert hier, dass facebook die geposteten Bilder in einer Datenbank speichert, da sie die einzigen Zeugnisse dieser geplünderten Artefakte darstellen und für Forshcung wie Strafverfolgung wichtig sind.
 
Facebook ist mit Sicherheit nicht die einzige Social Media-Plattform, die der Antikenhehlerei dient. Ähnliche Strukturen scheint es auf telegram zu geben. Darüber berichtet Oliver Moos:
Neill Brodie hat bereits Anfang 2016 auf seinem Blog  Market of Mass Destruction einen Fall des Angebotes mehrerer Halaf-Figurinen, wie sie auch auf der Roten Liste der UNESCO für Syrien stehen. Sie wurden auf ebay ohne jede Provenienzangabe angeboten und verstießen damit klar gegen die ebay-Richtlinien. Sie wurden dennoch verkauft:
 
 

Donnerstag, 5. November 2020

EU-Parlamentarier beklagen das mangelnde Engagement Deutschlands im Kampf gegen Antikenhehlerei

Ausgehend vom Fall eines in Ägypten 2011 geplünderten goldenen Sarkophags zeichnet der Beitrag die exemplarische Geschichte eines Objektes im Kunsthandel nach, das es bis ins Metropolitan Museum of Art in New York geschafft hat: gefälschte Papiere, ein Weg über Dubai, Deutschland (wo er restauriert wurde) und Frankreich in die USA mit einer enormen Preissteigerung. Weniger typisch ist die Beschlagnahme und Rückgabe. Heute ist der Sasrkophag im Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellt.

Wie üblich wird die Zerstörung der wissenschaftlichen Information in dem Bericht nur nebenbei erwähnt.

EU-Parlamentarier beklagen eine mangelnde Kooperation zwischen BKA und Interpol, die insbesondere im Kampf gegen den internationalen Terrorismus bedeutend sei.

Der goldene Sarkophag des Priesters
Nedjemankh aus ptolemäischer Zeit
(The Metropolitan Museum of Arts [PD]
via WikimediaCommons)



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Dienstag, 14. Juli 2020

Donnerstag, 6. Februar 2020

Eine Wunschvorstellung wird zum Fakt - und von der Wissenschaft nach Generationen entlarvt

Solche Situationen kommen öfters vor. Sie zu entdecken und wieder aus den Köpfen zu schaffen, ist eine wichtige Aufgabe der Kulturwissenschaft. Das kann auch mal länger dauern, denn betroffen sind oft kleine Fächer mit nur geringem Personalbestand.
Ein aktueller Fall: Die angebliche ägyptische Ärztin aus dem 3. Jahrtausend v.Chr. geboren in den 1930er Jahren in einer Frauengeschichte einer britischen Autorin, wohl durch flüchtigen Umgang mit den Quellen. Ein kurzer Wikipedia-Artikel von 2006 (engl. Wikipedia, Stand Ende 2006) hat dem Bild weitere Popularität gegeben. Nun entlarvt eine Studie die Entstehung des modernen Mythos. Zitat Volker Roelcke, Medizinhistoriker an der Universität Giessen in der Bernischen Zeitung Der Bund: "Merit Ptah ist wohl eine besonders markante Variante eines verbreiteten Phänomens, nämlich dass Menschen als Indi­viduen und als Gruppen das Bedürfnis haben, ihre Überzeugungen und ihr Selbstbild plausibel und glaubhaft zu machen, indem sie ihnen eine möglichst lange Vorgeschichte geben, die sich idealerweise mit einer prominenten Person verbinden lässt."

Der originale wissenschaftliche Artikel hat mit Sicherheit ein deutlich eingeschränkteres Publikum:
  • Jakub M Kwiecinski, Merit Ptah, “The First Woman Physician”: Crafting of a Feminist History with an Ancient Egyptian Setting, Journal of the History of Medicine and Allied Sciences 75/1, 2020, 83–106 < https://doi.org/10.1093/jhmas/jrz058 >

Freitag, 24. Januar 2020

Falsche Evangelisten? Diebische Gelehrte? Bigotte Evangelikale - ein Krimi aus Oxford

Gastbeitrag von Jutta Zerres

Die Geschichte könnte den Plot eines Krimis oder Thrillers abgeben. Ein international renommierter Altphilologe und Professor steht unter Verdacht, antike Papyri aus Ägypten an das amerikanische Unternehmen Hobby Lobby verkauft zu haben. Oder ist er vielmehr das Opfer einer perfiden Intrige, die ihn diskreditieren soll? Oder ist das Ganze einfach nur ein großes Missverständnis? „The Guardian“ widmete dem ungewöhnlichen Fall, der seit einigen Jahren die Fachwelt der Papyrologen beschäftigt, einen ausführlichen Artikel.

 Papyrusmanuskript des Matthäusevangeliums (1:1–9,12,14–20)
aus Oxyrhynchos, um 250 entstanden (P.Oxy I.2).
Aufbewahrungsort: University of Pennsylvania,
Museum of Archaeology and Anthropology
(Lizenz: gemeinfrei).
Der unter Verdacht stehende Dirk Obbink ist Gräzist und Papyrologe mit einer Professur für Papyrologie an der University of Michigan. Als associate professor für Papyrologie und Griechische Literatur arbeitete er ab 1995 an der Universität Oxford und war bis zu seiner Suspendierung 2016 gleichzeitig Leiter des Oxyrhynchus Papyri Projects zur Erforschung des berühmten Fundkomplexes antiker Papyrustexte aus der mittelägyptischen Grabungsstätte von Oxyrhynchos, heute Al Bahnasa (s. Karte).

Unter der modernen Ortschaft liegen die Reste der antiken Verwaltungsstadt deren Gründungsdatum in die Zeit der Eroberung Ägyptens durch Alexanders den Großen zurück reicht. Günstigen Bedingungen ist es zu verdanken, dass auf den Müllhalden der antiken Siedlung organische Materialien erhalten blieben. Bisher konnten ca. 500 000 Papyrustexte aus römischer bis früharabischer Zeit zutage gefördert werden. Darunter befinden sich Abschriften frühchristlicher Texte (z.B. Evangelien, Apokryphen etc.) und klassischer griechischer Literatur, aber auch Dokumente der Alltagskommunikation wie Abrechnungen, Briefe, Zaubersprüche, Quittungen, Lizenzen etc. Den Texten aus dem Oxyrhynchos-Komplex kommt eine zentrale Bedeutung bei der Erforschung Ägyptens in der Zeit vom 3. bis zum 7. Jahrhundert zu. Angesichts der Tragweite für die Forschung nannten begeisterte Altphilologen den Komplex den „Heiligen Gral der Antike“ und sahen den Anbruch einer „zweiten Renaissance“ gekommen. Die Entdeckung ist maßgeblich mit den Namen der britischen Archäologen A. S. Hunt und B. Grenfell verbunden, die von der „Egypt Exploration Society“ (EES) (EES in Wikipedia) 1896 mit den Ausgrabungen beauftragt worden waren. Ein Großteil der Papyri wird in der Universität von Oxford und anderen Orten auf der Großbritanniens aufbewahrt. Seit dem späten 19. Jahrhundert werden die Manuskripte nach und nach in der Reihe „Oxyrhynchos Papyri“, die von der EES herausgegeben wird, ediert. Mit dem zuletzt erschienenen Band 83 von 2018 sind bisher 5100 Texte publiziert.



Obbink hatte also bis zu seiner Suspendierung 2016 durch die EES die Leitung dieser bedeutenden Sammlung inne. Bis heute konnten die Vorwürfe gegen ihn mindestens 13 Papyri aus dem Oxyrhynchos-Komplex an das US-amerikanische Unternehmen Hobby Lobby verkauft zu haben, nicht entkräftet werden. Elf Stücke davon seien in das Museum of the Bible in Washington D. C. gelangt, das von dem Firmengründer D. Green, einem evangelikalen Christen, gegründet wurde. Schon früher gingen Berichte von illegalem Erwerb und Einfuhr antiker Objekten im Zusammenhang mit dem Bibel-Museum durch die Medien (vgl. Archaeologik [18-7-2017]). Die EES beklagt insgesamt einen Verlust von 120 Papyri sowie deren Einträge im Inventarverzeichnis, die innerhalb eines Jahrzehnts aus der Sammlung spurlos verschwunden seien. Der Diebstahl sollte durch die Vernichtung jeden Nachweises der Existenz der Papyri im Katalog vertuscht werden sollte. Diese Vorgehensweise zeigt, dass der oder die Täter Zugang zu der Sammlung gehabt haben muß/müssen und mit ihr vertraut war/ waren.

Dr. S. Carroll und J. Pattengale, zwei Mitarbeiter von Hobby Lobby-Chef Green, hatten Obbink mehrfach als Sachverständigen für den Ankauf von antiken Papyri für das Bibelmuseum konsultiert. Sie gaben an, dass der Altphilologe ihnen im Jahr 2013 vier Evangelientexte, die angeblich aus seinem Eigentum stammten, verkauft habe. Der EES liegt ein Kaufvertrag über die fraglichen Objekte vor, der Obbinks Unterschrift trüge. Außerdem habe er einen der Texte - es handelt sich ein Fragment des Markus-Evangeliums – absichtlich falsch ins späte 1. Jahrhundert datiert. Wenn diese Datierung zuträfe, dann handelte es sich nämlich um die bisher früheste bekannte Abschrift des ältesten Evangeliums. Da evangelikale Christen die Bibel für das direkte Wort Gottes halten, muss die Aussicht in den Besitz eines solchen einzigartigen Dokuments der Heiligen Schrift zu kommen für Green einen besonderen Kaufanreiz dargestellt haben. Aus diesem Grund soll der Papyrologe die Datierung falsch angegeben haben. Obbink wurde im Juni letzten Jahres der Zugang zur Sammlung untersagt. Der Beschuldigte wies die Vorwürfe von sich und erklärte im Oktober 2019, dass es sich bei dem Vertrag nur um eine Fälschung handeln könne. Das Museum of the Bible hat die Papyri inzwischen an die EES zurückgegeben.

Weitere Ungereimtheiten hatten sich bereits 2014 ereignet, die Obbink als zwielichtige Gestalt erscheinen lassen. Der Forscher hatte mit der Identifikation von Fragmenten eines bisher unbekannten Sappho-Gedichtes in Fachkreisen für Aufsehen erregt. Die Herkunft des Papyrus blieb allerdings im Dunklen; es steht der Verdacht im Raum, dass diese illegal im Kunsthandel erworben wurden. Außerdem regten sich Zweifel an der Authentizität der Fragmente.

Unabhängig von der Frage, ob Obbink nun tatsächlich der Dieb der Oxyrhynchos-Manuskripte ist oder nicht: Die internationale Community der Altertumsforschung muss sich nun mit der Tatsache auseinandersetzten, dass es mindestens eine Person in ihren Reihen gibt, die bereit ist ethische Grundsätze über Bord zu werfen. Entweder geschieht dieses zum Zwecke der eigenen materiellen Bereicherung oder um einer anderen Person zu schaden. Und es gibt noch weitere Implikationen: Ein anderer Gräzist brachte die Auswirkungen des Falles für die Altertumswissenschaften auf den Punkt. Sinngemäß sagte er, dass der Vorgang eine zutiefst verstörende Fortsetzung des Profitierens und Ausplünderns der Vergangenheit darstelle – und zwar genau in dem Moment, in dem die Fachwelt die Geschichte ihrer Verstrickungen in den Kolonialismus zu überdenken begänne. 

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Die Oxyrynchos-Sammlung ist auch online zugänglich:

Sonntag, 10. März 2019

Raubgrabung, Schmuggel, gefälschte Provenienzen – Ägyptens Kulturgut Anfang 2019

ein Beitrag von Jutta Zerres

Auch zu Beginn des Jahres liefert die Presseschau wieder viele Meldungen rund um den Schutz ägyptischer Kulturgüter. Offenbar ist es in den vergangenen Wochen vielfach gelungen den Schmuggel von Kulturgütern zu verhindern. Sehr bemerkenswert ist darüber hinaus die Rückgabe eines Sarkophages mit gefälschter Provenienz und Ausfuhrgenehmigung an Ägypten durch das Metropolitan Museum of Art.


Schmuggel

Am Kairoes Flughafen wurde der Versuch vereitelt, Teile von Mumien im Gepäck eines Reisenden nach Belgien zu schmuggeln:

Ein Sicherheitsdienst beschlagnahmte am Flughafen von Hurghada 26 Antiken, die illegal in die Türkei ausgeführt werden sollten:

Der Bruder des früheren ägyptischen Finanzministers und ein Diplomat stehen unter Verdacht an der illegalen Ausfuhr von Antiken nach Italien beteiligt zu sein, die im letzten Juli bekannt wurde.

Am Flughafen von Luxor gelang es den Schmuggel von Münzen und Pfeilspitzen aus griechisch-römischer Zeit zu verhindern:

Vom Hafen von Alexandria aus sollten Teile einer militärischen Ausrüstung des 9. Jahrhunderts ins Ausland verbracht werden: 


Raubgrabungen


Die ägyptische Polizei beschlagnahmte verschiedene Antiken bei einem 33jährigen Mann in Asyut. Der Beschuldigte hatte innerhalb seines Hauses eine Raubgrabung durchgeführt.


Auch unter einem Haus in der Nähe der Pyramiden von Gizeh wurden Raubgrabungen festgestellt. Dabei war eine Grabkammer freigelegt worden. Der Eigentümer dea Hauses wurde festgenommen: 


Auch im Haus eines Staatsangestellten in Minia wurde die Polizei fündig und stellte 65 antike Objekte sicher: 

Restitutionen


Die ägyptische Botschaft in Australien erhielt den vierten und letzten Teil der Stele des Seshen-Nefertem zurück, die vor über 20 Jahren geraubt worden waren. Die übrigen drei Teile waren bereits 2017 aus der Schweiz repatriiert worden: 


Das New Yorker Metropolitan Museum of Art verkündete am 15.2.19 die Rückgabe des Sarkophags des Hohen Priesters Nedjemankh aus ptolemäischer Zeit an Ägypten. Untersuchungen hatten ergeben, dass die Provenienzangaben und die Ausfuhrgenehmigungen des Stückes, das 2017 von einem Pariser Antikenhändler angekauft worden war, gefälscht waren. Tatsächlich war der Sarkophag 2011 geraubt worden. 

An den ägyptischen Botschafter in Amsterdam wurde eine Kalksteinstatue zurückgegeben, die in den 1990er Jahren illegal ausgegraben worden war und dann in die Niederlande gelangt war: 

Massnahmen gegen illegale Landnahme


Die ägyptische Regierung hat begonnen, durch Abrissmassnahmen die Ausbreitung von Slums im Gebiet eines 1200 Jahre alten Friedhofs im Kairoer Viertel Bassatine zu verhindern.


Teile der Lehmziegelmauer zum Schutz des Khnum-Tempels von Esna brachen am 13.2.19 zusammen. Grund dafür war das Eindringen von Abwässern eines benachbarten Slumviertels. Die Mauer war 1993 errichtet worden, um die Ausbreitung des Viertels in das Gebiet des antiken Tempels zu verhindern. Der Wiederaufbau soll in Angriff genommen werden. 

Tempel von Esna
(Foto: J. Zerres, Januar 2013)


Baudenkmalpflege


Bulgarische Touristen hatten mit Entsetzten Anfang Januar ein Graffito in kyrillischer Schrift an der großen Pyramide von Gizeh entdeckt und ein Foto davon in sozialen Netzwerken gepostet:.

und sonst …


2014 wurde viel über den Verkauf der Statue des Sekhemka aus dem Stadtmuseum von Northampton berichtet worden, der großen Unmut bei Denkmalschützern in Großbritannien und darüber hinaus erregt hatte. Nun wurden neue Details zum Hergang des Verkaufs bekannt (Archaeologik berichtete: http://archaeologik.blogspot.com/2014/08/good-bye-sekhemka-agyptens-kulturguter.html

Egypt Today, 14.2.2019 berichtet, dass der prominente Ägyptologe Zahi Hawass die Rückgabe von herausragenden Stücken, die sich in ausländischen Msueen befinden wie z. B. dem Stein von Rosette, der sich im British Museum befindet und dem Kopf der Nofretete aus Berlin fordert:  

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