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Sonntag, 24. August 2025

Zugeschütteter Beton

Schottlands erster Outdoor-Skatepark wurde 1978 im Kelvingrove Park in Glasgow eröffnet. Nach nur 5 Jahren, in denen er außerordentlich populär war und Ort der ersten schottischen Meisterschaft wurde er geschlossen. Seine Ruinen liegen neben einer modernen Skateanlage. Nun legen ihn Archäologen und Skater gemeinsam frei.
Ziel ist es, die Erinnerung wach zu halten. Die Grabungen sind insbesondere auch Anlass, Zeitzeugenberichte, Bilder und Filmmaterial zu sammeln. 

Projektleiter Dr Kenny Brophy sieht eine große Gefahr, dass der Skatepark, der für viele Jugendliche vor nur wenigen Jahrzehnten ein ganz besonderer iPlatz war, verloren geht.

Stätten des Alltagslebens sind heute oft flüchtig und einem ständigen Wandel unterworfen. Zwar gibt es viele Quellen, aber oft Sind es erst die realen Relikte, die es erlauben, sie zu ordnen? oder die nötige Aufmerksamkeit auf das Thema zu ziehen. Gerade Freizeiteinrichtungen sind ein wichtiger Spiegel der sozialen Entwicklung. und der Alltagskultur des 20. Jahrhunderts

Kelvingroveparc in Glasgow
(Foto: Richard Sutcliffe, CC BY-SA 2.0, via WikimediaCommons)




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Samstag, 19. Juli 2025

Mütter-Kinder-Heime in Irland: Ein Fall für die Archäologie der Moderne

Mindestens 9000 Kinder sollen in irischen Mutter-Kind-Heimen von Staat und Kirche ums Leben gekommen sein. Bis in die 1960er Jahre wurden uneheliche Kinder von ihrer Mutter getrennt und illegal zur Adoption freigegeben - oder kamen durch Vernachlässigung um. Die Frauen wurden oft zu Zwangsarbeit heran gezogen.
Dass es Diskrepanzen zwischen offiziellen Bestattungen und Todesfällen gab, war ein offenes Geheimnis. Leichenfunde, die spielende Kinder auf dem Areal eines Mutter-Kind-Heimes des katholischen Ordens der Bon-Secours-Schwestern in Tuam (Galway) in den 1970er Jahren gemacht hatten, blieben ohne Konsequenzen. Erst 2016/17 führten die Nachforschugen einer Amateur-Historikerin zu offiziellen Sondagen, bei denen im Abwassersystem des Heimes in Tuam mehrere Baby- und Kinderleichen entdeckt wurden. Nach 14C-Datierungen gehören sie vorwiegend in die 1950er Jahre.

Jetzt beginnen im Juli 2025 unter großem Medieninteresse forensisch-archäologische Ausgrabungen. Nach Aktenlage werden mindestens 796 tote Kinder in Tuam vermutet. Es wurde ein internationales Team zusammen gestellt, das unter der Leitung von Daniel MacSweeney steht, der humanitäre Missionen für das Internationale Rote Kreuz durchgeführt hat. Er wurde 2023 vom Jugendministerium nach dem irischen Bestattungsgesetz von 2023 zum Direktor der unabhängigen Ermittlungsgruppe ernannt. Solche sind gesetzlich vorgesehen, um die irregulären Gräber der Mutter-Kind-Heime zu untersuchen und in würdige Begräbnisstätten zu überführen. Dem Team in Tuam stehen 7 Mio € zur Verfügung. Zwei Jahre sind für die Ausgrabungen mitten im Wohngebiet, das hier nach dem Abbruch des Heimes entstanden ist, angesetzt.



Areal des Massengrabs des ehem. Mutter-Kind-Heimes der Bon-Secours-Schwestern in Tuam
(Foto: AugusteBlanqui, CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)



 

Wie bei den kanadischen Residental-School zeigt sich ein unfassbarer Umgang mit Kindern, Frauen und Eltern, die juristisch, aber auch gesellschaftlich aufgearbeitet werden müssen. Hier kommt eine forensische Archäologie zum Einsatz, die sich jeweils auf die toten Kinder konzentriert und den Anthropologen zuarbeitet. Die Archäologie der Zeitgeschichte verfolgt hier kein Forschungsprojekt mit klassischen Fragestellungen zum Verständnis der Vergangenhei. Die Ausgrabungen sind so zugleich forensische Ermittlungen, wie ein behördlicher Vollzug des Bestattungsrechts, aber auch Erinnerungs- und Trauerarbeit.

Von der Suche nach den Kinderleichen erhoffen sich Angehörige Klarheit. Einige wissen nicht, ob ihre Geschwister ihr umgekommen sind oder zur Adoption freigegeben worden sind und noch irgendwo leben. Es geht aber auch um Trauerarbeit. Vor Ort ist schon vor Jahren eine Gedenkstätte entstanden und gezielt wurden die Erinnerungen im Tuam Oral History Project (TOHP) als Teil der kollektiven Trauer gesammelt. Hier können auch Funde persönlicher Objekte bedeutend sein. 

Wie geht man hier mit einer Publikation um? Eine Fund- und Befundvorlage nach archäologischen Standards gehört wahrscheinlich nicht zu den Zielvorstellungen der Akteure, die sich der Archäologie hier als Methode bedienen. Ein öffentlich zugänglicher Bericht wird notwendig sein, aber eine Veröffentlichung der Dokumentation der toten Kinder verbietet die Ethik. Deutlich ist aber, dass die Archäologie der Zeitgeschichte gesellschaftliche Bedürfnisse bedient und wesentlich für Erinnerungsarbeit und Vergangenheitsbewältigung ist.


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Montag, 3. März 2025

Oscar verpasst

Für den Oscar als Beste Dokumentation  war auch  "Sugarcane" nominiert, ging nun aber leer aus. 

Der Film  handelt über die Nachforschungen in der kanadischen Residental School St. Joseph's Mission. Vor Jahren begannen hier die Untersuchungen mit Hilfe geophysikalischer Prospektion, mit denen mehrere Gräber lokalisiert wurden. In diesen Schulen sollten indigene Kinder "zivilisiert" werden, tatsächlich wurden sie vielfach vernachlässigt, mißbraucht und teilweise auch ermordet.

In Zeiten, in denen in den USA sich ein autokratisches Regime etabliert, das DEI-Themen unterdückt und der Wahnsinn Politik macht, ist es bemerkenswert, dass der Film mit einer indigenen Perspektive überhaupt noch nominiert wurde. Das war allerings noch vor dem Amtsantritt von POTUS Trump. Haben die Oscar-Feierlichkeiten in der Vergangenheit immer wieder als Plattform für politische Statementsgedient, so war es dieses Jahr offenbar vergleichsweise unpolitisch. Die Kulturschaffenden kuschen und werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht.

Die Forschungen an den Residental Schools in Kanada sind ein gutes Beispiel, das die Bedeutung der Archäologie der Moderne für die Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit zeigt. Schade, dass es dafür nicht die Aufmerksamkeit eines Oscars gab.

Schüler*innen der Fort Albany Residential School unter Aufsicht einer Nonne, um 1945.
(Foto: Edmund Metatawabin collection at the University of Algoma [gemeinfrei] via WikimediaCommons)
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Freitag, 21. Februar 2025

Der Teil der Geschichte, der verschwiegen oder verborgen werden sollte

Mitschnitt eines Vortrags an der FU Berlin, der einen wichtigen Aspekt der Archäologie der Moderne aufzeigt.

Mittwoch, 17. Juli 2024

Das gemeinsame österreichisch-bayerische Positionspapier zu Funden aus der NS-Zeit

Eine gemeinsame AG des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege und des österreichischen Bundesdenkmalamts hat am 10.7.2024 im Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg ein Positionspapier zum Umgang mit Funden aus der NS-Zeit vorgestellt.

Hintergrund ist, dass sich die Archäologie der Moderne in den letzten Jahren nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften der NS-Zeit in Deutschland und Österreich etabliert hat. Einerseits sind hier viele Maßnahmen und Projekte der Archäologischen Denkmalpflege in zahlreichen deutschen Bundesländern, andererseits aber auch eine zunehmende Bedeutung in der univeritären Forschung und Lehre zu verzeichnen, wie das insbesondere Claudia Theune an der Universität Wien voran getrieben hat.

Das Positionspapier ist mit einer einzigen Seite betont kurz und stellt nur einige Thesen auf.  Die Notwendigkeit der Erhaltung, der qualifizierten Erfassung, Dokumentation und Erforschung dieser Bodendenkmale begründet das Papier mit fünf Punkten:

  • der historischen Einmaligkeit des Holocausts
  • der Bedeutung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit der NS-Diktatur
  • der intentionellen Auswahl erhaltener schriftlicher und bildlicher Überlieferung
  • dem Ende der Generation der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen
  • der Einmaligkeit archäologischer Quellen

Der letzte Punkt verweist auf den Quellenwert der Funde und deren wissenschaftliche Aussagekraft, was aber in der Kürze des Papiers nicht weiter ausgeführt wird. Erläuternd wird nur etwas abgehoben formuliert: "Denkmalbegriff und Arbeitsweise der Bodendenkmalpflege und Archäologie bieten Grundlagen für ein im Raum skalierbares und ganzheitliches Verständnis struktureller und systemischer Zusammenhänge. Methoden der Archäologie und assoziierter Wissenschaften sind geeignet, die textliche, mündliche und bildliche Überlieferung zu objektivieren, zu vervollständigen und zu erklären. Archäologische Strukturen und Objekte erschließen neue Bedeutungen. Sie reichen über herkömmliche Interpretationen und gängige Denkmalwerte hinaus und sind bei der Beurteilung der materiellen Überlieferung einzubeziehen („forensischer Wert“, „empathischer Wert“ i.S. Alterswert nach Riegl)."

So kurz und wenig selbsterklärend das Papier ist, die Vorstellung auf dem Obersalzberg schint das Ziel erreicht zu haben. Mit der offiziellen Vorstellung des bereits in den Oktober 2023 datierten kurzen und spröden Positionspapiers in einem internationalen Rahmen, in den auch der bayerische  Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU), der Generalkonservator Mathias Pfeil vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege beteiligt waren, sind zahlreiche Medienberichte erschienen, die das Thema dann genauer und anschaulicher darstellen.

Hervorzuheben ist vor allem ein Artikel des Standard:

Der Standard, aber auch andere Berichte verweisen auf das Beispiel archäologischer Funde von Schloß Hartheim bei Linz, wo zwischen 1941 und 1944 rund 30.000 Menschen ermordet wurden - psychisch Kranke, aber auch Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. 2001 wurden bei Bauarbeiten für eine Fernwärmeleitung rund 8.000 Objekte gefunden, wie zum Beispiel Brillen, Broschen, Rosenkränze, Wallfahrtsanhänger, Parteiabzeichen, Zahnbürsten, Kämme, Seifen, Geschirr und auch Identifikationsmarken ermordeter KZ-Häftlinge. Sie sind vielfach der entscheidende Beleg ihrer Ermordung in Hartheim und somit wichtig, die Schicksale der Opfer des NS-Terrors zu rekonstruieren. Sie zeigen plastisch, dass NS-Morde nicht nur "die Anderen" betroffen haben, sondern, dass diese Ideologie vor Keinem Halt macht. Die archäologischen Funde illustrieren die verschiedenen Opfergruppen. Mehr als hundert Rosenkränze weisen darauf hin, dass auch Katholiken ermordet wurden, ein teurer Lippenstift macht deutlich, dass auch Frauen aus wohlhabenden Kreisen zu den Opfern gehörten.

Dass das Eigentum von Opfern eines verbrecherischen Regimes, die hier mishandelt und ermordet wurden, nicht einfach als Müll entsorgt werden können ist leicht einzusehen. Anders steht es um die Täterfunde, etwa vom Obersalzberg.  Sie werden allzu leicht zu NS-Devotionalien und sind deshalb von irren Sammlern heiß begehrt. Erst vor wenigen Tagen sind wieder Objekte aus der Gedenkstätte Flossenbürg gestohlen worden.

Zweifellos kommt auch ihnen ein Erinnerungswert zu, der jedoch eine Kontextualisierung voraussetzt. Insofern ist Jürgen Kunow zu widerprechen, der Funde der Archäologie der Moderne als Beleg sieht, dass archäologische Funde auch ohne wissenschaftliche Fragestellung ein denkmalpflegerisch bedeutender Erinnerungswert zukommen kann (Kunow/ Rind 2022, #). Das ist prinzipiell richtig, aber ohne wissenschaftliche Kontextualisierung bewirkt die Banalität des Täteralltags eine Relativierung der Verbrechen und ohne sie gewinnen die Funde in entsprechenden Kreisen einen unangemessenen Reliquien- und Devotionalienstatus. Es ist tatsächlich erst der wissenschaftliche Zugang und der Quellencharakter, der eine denkmalpflegerische Betreuung rechtfertigt. Erinnerungsarbeit ohne wissenschaftlichen Anspruch läuft Gefahr, dass sie sich vor irgendeinen politischen Karren spannen lässt.

 

"Obersalzberg.- Adolf Hitler beim Lesen im Haus Wachenfeld, 1936"
Alltagsgegenstände auf dem Obersalzberg
Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1973-034-42 / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0)


Die Funde der NS-Zeit verweisen auf die Notwendigkeit der Kontextualisierung. Opfer wie Täter verwendeten Zahnbürsten. Sind  nun Täterfunde anders zu behandeln als Opferfunde?

Lohnt es sich in Täterfunde Geld zu investieren? Unter dem Bericht in den Salzburger Nachrichten findet sich ein Kommentar, der in seiner Kürze deutlich macht, dass gegenüber der Öffentlichkeit hier ein Erklärungsbedarf besteht.

Wann hört diese Devotionalienklauberei eigentlich mal auf? Der rechte Rand unserer Gesellschaft muss politisch bekämpft werden! Das schafft man nicht mit alten Scherben und Lederschuhen! (https://www.sn.at/salzburg/chronik/funde-obersalzberg-zeit-fuehrers-zahnbuersten-rosenkraenzen-161560363)

Fundstellen der Moderne sind zahlreich und liefern oft auch Massen an Funden. Lagerung, aber auch die Konservierung der Funde - oft aus irgendwelchen Kunststoffen hergestellt, deren genauen Materialeigenschaften nach Jahrzehnten der Bodenlagerung völlig unbekannt sind - bieten hier besondere Herausforderungen und verlangen nach einer klaren Strategie im Umgang mit ihnen.

In einem Interview mit dem Spiegel formuliert Stefanie Berg vom BLfD das mögliche Vorgehen plastisch:

"Wenn wir an einem Ort 1000 Gasmasken finden, dann genügt es natürlich, wenn wir das dokumentieren und eine Maske aufbewahren. Wenn es um Besitztümer von Opfern geht, tue ich mich schwer mit der Entsorgung. Oft handelt es sich ja um die letzten Habseligkeiten und Erinnerungen an diese Menschen, da tragen wir eine große ethische Verantwortung."

Claudia Theune erinnert daran, dass es in Archiven gang und gäbe ist, eine Auswahl dessen zu treffen, was aufbewahrt werden soll und anderes zu kassieren. In der Archäologie ist dieser Gedanke ungewohnt - wiewohl gängige Praxis - allerdings mit völlig unreflektierten Kriterien. Ein aktuelles Forschungsvorhaben zur spätmittelalterlichen Keramik hier in Bamberg sieht sich aktuell damit konfrontiert, dass man vermutlich glasierte Keramik als vermeintlich neuzeitlich einfach undokumentiert weggeworfen hat. Man muss sich hier an potentiellen Fragestellungen orientieren, die aber bisher nur vage bleiben, da noch kaum wissenschaftliche Arbeiten vorliegen.

Der Quellenwert

In einem Interview mit dem Spiegel stellt Stefanie Berg vom BLfD fest:

"Archäologische Funde sind objektiv, sie irren sich nicht und fügen den schriftlichen und mündlichen Überlieferungen manchmal sogar bisher Unbekanntes und Überraschendes hinzu."

Das ist natürlich nur begrenzt richtig, denn archäologische Funde können sehr wohl falsch und subjektiv sein, weil Kontexte fehlen können und Formationsprozesse (vgl. Archaeologik) selektieren. Zudem können Funde natürlich falsch oder subjektiv interpretiert werden - und archäologische Funde müssen immer interpretiert werden.

Wann und unter welchen Umständen wird der Müll zur Quelle? Wann haben archäologische Funde einen eigenen Quellenwert, wann dienen sie nur der Illustration dessen, was wir eh schon wissen?

Zunächst: Die Illustration dessen, was wir eh schon wissen (sollten), ist in Zeiten, in denen Politiker mit NS-Sprüchen auf Stimmenfang gehen, in denen Holocaustleugnung und Naziverherrlichung zunehmen, zudem aber auch die Zeitzeugen wegsterben, eine nicht zu verachtende Funktion archäologischer Funde. In der Archäologie der Moderne treten neben die wissenschaftlichen Aspekte der Forschung auch der Erinnerungskultur und der politischen Bildungsarbeit - bisweilen auch eher forensische Aspekte. Dieser Erinnerungswert entsteht allerdings nur durch die wissenschaftliche Methodik und wissenschaftliche Kontextualisierung - ansonsten werden sie bestenfalls Reliquien und Fetische.

Noch immer wird allerdings die Frage nach der Bedeutung der Archäologie in der Moderne, aber auch für das Mittelalter gestellt - und implizit unterstellt, das sei Unsinn. Das kommt nicht nur aus der Gesellschaft, sondern durchaus auch aus dem Kreis von Kolleginnen und Kollegen, deren weitgehendes Schweigen nicht bedeutet, dass sie überzeugt sind, dass die Archäologie zu diesen Perioden sinnvoll und wichtig ist. Der Wert kann der Archäologie der Moderne aber nur abgesprochen werden, wenn man es als ihr Ziel sieht, Traditionen und Identitäten zu stiften.

In der Archäologie der Moderne geht es jedoch primär um ein kritisches Narrativ, um das Hinterfragen von Mythen, von Parallelüberlieferungen und auch um die Gesellschaftskritik. In der Archäologie wurden Narrative, bisher nur mangelhaft und oft nur oberflächlich diskutiert. Die mangelnde Reflektion führt dazu, dass die Archäologie noch immer in dem alten Muster der traditionalen oder bestenfalls genetischen Meistererzählung feststeckt, das kritische Narrativ aber kaum verfolgt wird  (vgl. Schreg 2016; Archaeologik 3.12.2013).

In der Konfrontation mit der schriftlichen Überlieferung oder den Erinnerungsberichten können Funde der NS-Zeit jedoch auf Diskrepanzen hinweisen oder neue Blickwinkel eröffnen. Wichtig ist dabei aktuell vor allem auch die Konfrontation mit rechten Mythen der Verharmlosung oder gar Leugnung des Holocaust, die oft das Ziel hat, antidemokratische und menschenfeindliche Ideen zu legitimieren. Erinnert sei hier an den Beitrag der Archäologie bei der Widerlegung der hohen Opferschätzungen der Todesopfer bei den Luftangriffen auf Dresden, die rechter Propaganda entstammen (vgl. Archaeologik 13.2.2020). Ein genuiner eigener Quellenwert archäologischer Funde der NS-Zeit ergibt sich vor allem aus deren 'kritischem Potential', aber auch in deren Bedeutung für die chronologische Einordnung und vielfach auch für die Erkenntnis größerer kulturgeschichtlicher Zusammenhänge.

Wie Stefanie Berg sagt, zeigen die Funde in der Tat häufig "bisher Unbekanntes und Überraschendes", was  es aber schwierig macht, den Quellenwert im Voraus exakt zu bestimmen. Das Unbekannte und Überraschende ergibt sich aus dem, was andere Quellen nicht spiegeln oder wo erst eine Kombination Zusammenhänge erkennen lässt. Die wissenschaftliche Kontextualisierung erfolgt aus dem archäologischen Kontext und - wie das in der historischen Archäologie Standard sein sollte - aus der Kombination mit Schriftquellen und Baubefunden. Erst, wenn man diese Quellen erforscht und sie kontextualisiert, ergibt sich ein Quellenwert. Bisweilen sind die Funde Illustration, bisweilen Bestätigung, vielfach aber auch Augenöffner für neue Perspektiven.  


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In der Einschätzung unberücksichtigt blieben einige weitere Artikel, die hinter einer PayWall stehen:

Zu Schloß Hartheim:

Diebstahl in Flossenbürg

Literaturhinweise

  • Eigelsberger et al. 2023: P. Eigelsberger / S. Loistl / F. Schwanninger (Hrsg.), Fundstücke 1 (Alkoven 2023).
  • Haubold-Stolle 2020: J. Haubold-Stolle (Hrsg.), Ausgeschlossen - Archäologie der NS-Zwangslager. Stiftung Topographie des Terrors / Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide [Gastgebende Institution] (Berlin / Berlin 2020).
  • Kunow / Rind 2022: J. Kunow / M. M. Rind, Archäologische Denkmalpflege. Theorie - Praxis - Berufsfelder. Uni-Taschenbücher nr. 5705 (Tübingen 2022). 
  • Schreg 2016: R. Schreg, Narrative und Rezeption. In: B. Scholkmann / H. Kenzler / R. Schreg (Hrsg.), Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Grundwissen (Darmstadt 2016) 146–148.

Dienstag, 5. September 2023

DLF zur forensischen Archäologie

(Repost von AMANZnotizblog)

DLF aus Anlaß der Konferenz der EAA in Belfast:

Der Beitrag fokussiert auf die archäologischen Kompetenzen in der Prospektion und Grabungstechnik, doch sind in der Praxis des Umgangs mit neuzeitlichen Befunden auch die Erfahrungen der Neuzeitarchäologie im Umgang mit schriftlichen und kartographischen Quellen, sowie besonderen Erhaltungssituationen und modernen Materialien von Bedeutung

Für "normale" Archäolog*innen sind gut erhaltene organische Fundmaterialien die große Ausnahme, bei rezenten Situationen sind aber beispielsweise häufig Stoffreste oder auch Papiere erhalten, Leichen sind oft noch nicht vollständig skelettiert. Moderner Beton bringt besondere Herausforderungen für Prospektion und Ausgrabung mit sich (Stahlbeton und Spritzbeton). Besonders sind auch die Funde aus Kunsstoffen, bei denen die Bergung und Konservierung oft schwierig ist und die sich durch große materielle und typologische Vielfalt auszeichnen.

Die Archäologie der Moderne, die seit wenigen Jahren boomt - aufgrund der Arbeit in Kriegsgebieten, vor allem aber durch die, wegen des Wegsterbens der Zeiteug*innen,  steigende Bedeutung archäologischer Zeugnisse zur NS-Zeit und der kommerziellen Archäologie. 

Wie diese zusätzlichen und wachsenden Anforderungen und Aufgaben in Forschung und Lehre gemeistert werden können, ist noch unklar. Ohne neue interdisziplinäre Netzwerke, Forschungsressourcen und Studiengänge wird das jedoch nicht möglich sein. In Bamberg haben wir in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit die Thematik zwar schon lange auf dem Schirm, aber eine gezielte Ausbildung für diesen Bereich fehlt in Deutschland bislang. Interessierte Studierende müssen sich die nötigen Zusatzqualifikationen individuell erwerben, was durch die modernen, angeblich so flexiblen Studienordnungen, jedoch eher erschwert als begünstigt wird. Aber wir unterstützen solches Interesse gerne!


Mittwoch, 26. April 2023

Archäologie im Warschauer Ghetto

Anläßlich des 80. Jahrestags des Aufstands im Warschauer Ghetto wird erinnert. Deutlich wird, dass die Erzählungen oder auch nur das Wort der Zeitzeugen sehr viel gewichtiger ist als jede Rede von Politikerinnen oder Politikern, aus deren Mund vieles als Plattitude rüber kommt (siehe manchen Kommentar zur Rede von Bundespräsident Steinmeier. Süddeutsche Zeitung 19.4.2023; Berliner Zeitung 19.4.2023). Die Zeitzeugen aber werden rar.

Tatsächlich kommt der Archäologie im Warschauer Gehtto in den letzten Jahren zunehmende Bedeutung zu. Ging es zunächst um das Auffinden schriftlicher Quellen, so erweisen sich die Grabungen selbst, wie auch die Funde als wesentlicher Teil der Erinnerungsarbeit. Die polnische Archäologie kann hier inzwischen auf eine recht lange Tradition zurück blicken, die mit Exhumationen in der Nachkriegszeit begann, aber bereits 1967 zu regulären archäologischen Ausgrabungen in Auschwitz führten (vgl. Adamek 2019).

Milchkanne aus dem Warschauer Ghetto, in der Archivalien versteckt waren.
(Foto: PublicDomain via WikimediaCommons) .
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Seit wenigen Jahren gibt es aber umfangreichere archäologische Arbeiten im ehemaligen Gehtto. Zum einen wurden seit 2019 geophysikalische Prospektionen und 2021/22 auch Ausgrabungen durchgeführt. Die Funde sind Teil eines neuen Museums, doch gibt es auch archäologische Schaufenster, so auf einen Keller, in dem das Ringelblum-Archiv in Boxen und Kannen versteckt war. Dieses Archiv beleuchtet den Alltag des Ghettos wie auch die deutschen Verbrechen, so dass die Behältnisse symbolisch für das Leben der Zeitzeugen stehen. Andere Funde sind unmittelbare Zeugen des Alltags, aber sie unterscheiden sich nicht von anderen Funden, sie bezeugen das Schicksal der Ghettobewohner also nur bedingt.
 
Die archäologischen Funde sind hier weniger Quellen, als vielmehr bewegliche Erinnerungsorte, die ihren Wert erst in der emotionalen Auseinandersetzung mit ihnen gewinnen.

Literatur

  • Adamek 2019: Johana Adamek, Archaeology of Graves: a Contribution to Contemporary Archaeology in Poland. Archaeologia Polona 50, 2012 (2019), 171-183. - https://rcin.org.pl//dlibra/metadatasearch?action=AdvancedSearchAction&type=-3&val1=Identifier:%220066%5C-5924%22
  • Dembrek 2020: Maria Magdalena Dembek, Archaeological fever: situating participatory art in the rubble of the Warsaw ghetto, Holocaust Studies, 26:2, 2020. - 198-220, DOI: 10.1080/17504902.2019.1578458
  • Hall u.a. 2022: Noah Hall/ Abigail Fischer/ Grace Uchytil/ Harry Jol/ Colin Miazga/ Alistair McClymont/ Paul Bauman/ Richard Freund/ Connor Jol/ Jacek Konik/ Philip Reeder/ Mikayla Dettinge/ Kayla Singleton/ Joseph Beck, Holocaust archaeology: GPR subsurface imaging of the Mila 18 Memorial in Warsaw, Poland. In: J. Bradford/ X. Comas (Hrsg.), 19th International Conference on Ground Penetrating Radar (Houston 2022). - https://doi.org/10.1190/gpr2022-055.1
  • Konik 2021: J. Konik. Holokaust i archeologia na przykładzie badań wykopaliskowych w Ogrodzie Krasińskich w Warszawie. Studia Żydowskie. Almanach, 11(11), 2021, 153–158. - doi:https://doi.org/10.56583/sz.675
  • Mizga u.a. 2021: C. Miazga/ P. Bauman/ A. McClymont/ Ch. Slater/ R. Freund. Geophysical investigation of the Mila 18 resistance bunker in Warsaw, Poland. In: Paper presented at the SEG/AAPG/SEPM First International Meeting for Applied Geoscience & Energy, Denver, Colorado, USA and online, September 2021. - doi: https://doi.org/10.1190/segam2021-3594939.1
  • Uchytil u.a. 2022: Grace Uchytil/ Harry M. Jol/ Abigail Fischer/ Noah Hall/ Richard Freund/ Paul Bauman/ Alastair McClymont/ Colin Miazga/ Philip Reeder/ Jacek Konik/ Joe Beck/ Connor Jol/ Kayla Singleton/ Mikayla Martinez Dettinger, Archaeological GPR investigation of the Bersohn and Bauman Jewish Children’s Hospital in Warsaw, Poland: Locating potential Holocaust artifacts. In: J. Bradford/ X. Comas (Hrsg.), 19th International Conference on Ground Penetrating Radar (Houston 2022). - https://doi.org/10.1190/gpr2022-163.1

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Samstag, 22. April 2023

Die Plastikschürfer

Allerdings scheint mir auch nicht ausgeschlossen, dass künftige Archäolog*innen unsere Hinterlassenschaften aus diversen Kunststoffen als gefährlichen Kontamination deklarieren und aus gesundheitlichen Überlegungen einen großen Bogen darum machen werden.