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Freitag, 10. Mai 2019

Kulturgüter in Syrien und Irak (März und April 2019)

Syrien arbeitet massiv daran, Restaurierungen und Wiedereröffnungen sowie eine Normalisierung des Tourismus in die Öffentlichkeit zu kommunizieren. Dabei sind die Kämpfe keineswegs zu Ende. In der Region Idlib, aus der schon in den Anfängen des Bürgerkrieges von Flüchtlingen in den antiken Ruinenstädten berichtet wurde, sollen die Flüchtlinge nun aus Angst vor den andauernden Luftangriffen durch Regierungstruppen in freiem Feld unter Olivenbäumen campieren - trotz entmilitarisierter Zone.

Aber auch aus dem Kurdengebiet kommen Meldungen über Restaurierungsmaßnahmen und Reparaturen. So meldet die kurdische "Authority of Tourism and Protection Antiquities", dass bei Tell Bayedar im Gebiet von Jazair das Grabungshaus  innerhalb von zwei Wochen wieder hergerichtet wurde. 
Auch der Irak punktet - im Süden des Landes - mit der Wiedereröffnung von Museen:


Der eigentlich als besiegt geltende Daesh ist nach einem Bericht von http://www.arabnews.com/node/1485181/middle-east noch immer aktiv. Was allerdings an  Social-Media-Berichten vom 20.4. dran ist, wonach Daesh in den Bergen bei Palmyra wieder Fuß gefasst hätte, bleibt fraglich:  https://twitter.com/notwoofers/status/1119700848932728844 Allerdings haben auch die syrischen Regierungstruppen darauf reagiert und laut einer regierungsfreundlichen Quelle ihre Präsenz in der Region verstärkt. 

Meldungen zu einzelnen Kulturstätten in Syrien und Irak

Homs

Restaurierung der  Khalid Ibn al-Walid Moschee

Palmyra

Syria Times verkündet, Syrien sei wieder sicher für Touristen und verweist auf erste Besucher aus Frankreich, Kanada und der Schweiz in Palmyra:
Italienische Handwerker haben einen 3D-Druck einer Nische des zerstörten Baal-Tempels hergestellt, der dem Museum in Damaskus übergeben wird.

Aleppo

Der Saqatiya souk werden bis Juli restauriert. Sie sind nur einer von etwa  37 rund um die Zitadelle von Aleppo .

Damaskus

Wiedereröffnung des Museums für arabische Medizin und Wissenschaft am 14.4.

Bosra

Die syrische Altertumsbehörde konnte eine Schadensaufnahme in der antiken Stadt Bosra durchführen:
Diese Schadensaufnahme erfolgt im Rahmen des Projekts "Recovery of the Ancient city of Bosra" unter der Patronage of UNESCO.

Mosul


Schadensmeldungen


Maßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit

Digitalisierung


Antikenhehlerei und Kunsthandel

aus dem Südirak, wohl zwischen 1994 und 2002 illegal augegraben und nun am Flughafen London Heathrow aufgefunden, deklariert als “carved stone for home decoration”:

Der Kunsthandel sieht sich nicht in der Verantwortung. Ein Artikel auf Quintessentially problematisiert die Käufer: 

Weitere Berichte

In Russland versucht Putin sein derzeit angekratztes innenpolitisches Image mit einer Propagandainszenierung der russischen Intervention in Syrien aufzubessern. Dazu fährt ein Zug mit erbeuteten Waffen durch Russland. Bei den Präsentationen treten Soldaten vor einem Banner mit Säulenmonumenten von Palmyra an - die Verteidigung von Kulturerbe als gute patriotische Tat, die Krieg rechtfertigt.

Links

frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak










  • Fünf Jahre Syrienberichte. Archaeologik (4.5.2017)
    - Stand April 2017



  • Wie immer geht mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise.

    Sonntag, 11. März 2018

    Kulturgutzerstörung als Waffe

    Helga Turku

    The Destruction of Cultural Property as a Weapon of War
    ISIS in Syria and Iraq

    (Cham: Pallgrave Macmillan/Springer 2017)

    ISBN 9783319572819

    207 S, 10 Farbabb.
     123,04€, als ebook 89,99€



    Die Zerstörung von kulturellem Eigentum als Kriegswaffe ist leider ein hochaktuelles Thema, das in den vergangenen Jahren durch die inszenierten provokativen Aktionen des Daesh (IS/ ISIS) stark in den Medien und auch auf zahlreichen speziellen Tagungen präsent war. Aufgrund der Aktualität sind jedoch viele Fragen ungeklärt und Einschätzungen stützen sich überwiegend auf journalistische Recherchen.
    So ist die Erwartung an eine wissenschaftliche Publikation zum Thema, hier systematisch belastbare Fakten zusammenzutragen.

    gezielte Kriegszerstörungen

    Helga Turku reflektiert in Kapitel 1 zunächst die Rolle der Kulturgutzerstörung als Kriegswaffe. Sie skizziert dazu die Bedeutung von Kulturgut für die Stabilität von Gesellschaften und frägt nach seiner Relation zu Menschenrechten und zur Sicherheitslage.
    Das zweite Kapitel gibt einen historischen Abriss der Kulturgutzerstörung, wobei neben Daesh vor allem die Taliban in Afghanistan behandelt werden, aber auch die Roten Khmer und der jugoslawische Bürgerkrieg. Turku greift hier aus bis in die Antike, die sie weit ausführlicher behandelt als den Zweiten Weltkrieg. Sie geht hier auch auf die Beschlagnahmung entarteter Kunst vor 1938 ein und die Profite, die das NS-Regime daraus zu erreichen versuchte. Nur im indirekten Zitat verweist Turku auf das preußische Militärhandbuch "Kriegsbrauch im Landkriege" von 1902 wonach in einem modernen Krieg auch Kulturgutzerstörung Teil des Kampfes sei: "Ein mit Energie geführter Krieg kann sich nicht bloß gegen Kombattanten des feindlichen Staates und seine Befestigungsanlagen richten, sondern er muß in gleicher Weise die gesamten geistigen und materiellen Hilfsquellen desselben zu zerstören suchen." (Kriegsbrauch im Landkriege [Berlin 1902] 1-2). Die gezielte Zerstörung von Kulturgut ist also keineswegs ein barbarischer Akt, der Europa fremd ist. 

    Der kleinere der Buddhas von Bamiyan vor und nach der Sprengung
    (Fotos: UNESCO/A Lezine/ Carl Montgomery
    [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

    Die Frage der Blutantiken

    Bei der Darstellung von "Cultural Property in the Hands of Religious Extremists" (S. 37-52) thematisiert Turku  die Taliban in Afghanistan und die Zerstörung der Buddahs von Bahmian sowie das Schicksal des Nationalmuseums in Kabul. 2001 sprengten die Taliban nach vorheriger Ankündigung die monumentalen Buddha-Figuren von Bamiyan. Mit einer Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten begründeten die Taliban ihre Tat damit, dass diese Bildnisse Götter der Ungläubigen gewesen seien, die auch heute noch geachtet würden und so möglicherweise wieder zu Göttern erhoben werden könnten. Gerade die internationale Hochschätzung trägt hier erheblich zur Gefährdung bei. Danach attackierten die Taliban das Nationalmuseum in Kabul. Dort wurden 2500 Objekte zerstört, rund 70.000 Objekte sind während des Bürgerkriegs verloren gegangen. 11.000 wurden im Land sichergestellt, 875 mittels Interpol im Ausland. In diesen Handel waren verschiedene Warlords involviert, aber auch die Taliban haben daran verdient. Nach Aussagen eines abtrünnigen Talibanführers kassierten sie von afghanischen Händlern, die ihre Geschäfte in die Vereinigten Arabischen Emirate verlegt hatten, Abgaben für die sichere Passage der Objekte. Dass bereits damals der Handel mit Antiken der Finanzierung des Terrorismus diente, deutet sich darin an, dass in den Jahren 2000/2001 Mohammed Atta, einer der 9/11 Attentäter für den Verkauf afghanischer Antiken einen Kunstexperten der Universität Göttingen kontaktierte.

    Hier findet sich denn auch ein Abschnitt (S. 48-49), der die bisherigen Schätzungen zu den Einnahmen von ISIS aus dem Antikenhandel referiert.
    • Mai 2015, Irakischer Botschafter bei der UN: 100 Millionen $
    • September 2015, US-Department of State: "several million dollars ..  since mid-2014"
    • März 2016, Russischer Botschafter bei der UN: 150-200 Millionen $ pro Jahr  
    Nur das US-Department of State gibt für seine Schätzung jedoch eine konkrete Quelle, nämlich Unterlagen von IS-Aktivisten an.
    Die Diskussion um diese Schätzungen, die insbesondere aus - von Turku hier nicht zitierten -  Kreisen des Kunsthandels als übertrieben dargestellt werden, beinhaltet Bedenken gegen die Publikation solch hoher Zahlen, da dies weitere Raubgräber ermutigen könnte. Zu ergänzen wäre hier, dass in der Tat hohe Schätzungen der Erlöse aus Antikenhandel für den Terrorismus von einigen Kollegen mit der Hoffnung verbunden wurden, dass das Thema der Raubgrabungen endlich die nötige Aufmerksamkeit erhalte und auf die politische Agenda gesetzt würde. Das wird nun freilich von der Händlerlobby etwa als Argument gegen das neue deutsche Kulturgutschutzgesetz angeführt. Turku verweist indes darauf, dass für die Terrorakte in Amerika und Europa keineswegs große Finanzsummen nötig seien. Sie verweist auf die Terroranschläge in Brüssel am 22. März 2016, bei denen laut belgischer Medien einer der Selbstmordattentäter in den illegalen Kunsthandel involviert gewesen sein soll. Entsprechende Berichte gibt es auch für einen der Attentäter vom 13. November 2015 in Paris.
    Turku postuliert, dass die Einnahmen von IS aus Antikenraub wohl bedeutend geringer sind, als jene aus Öl, dass sie aber für die Terrororganisation wichtig seien, da sie anders als Öllieferungen kaum durch gezielte Militärschläge zu unterbinden seien. Antiken können unauffällig gehandelt werden und können sehr leicht bei Zivilisten versteckt werden. Mit dem Niedergang seiner Territorialmacht dürfte die Bedeutung des Antikenhandels für den Terrorismus daher auch eher an Bedeutung gewinnen. Aus den Unterlagen des IS-Finanzadministrators Abu Sayyaf, den das US-Militär 2015 in Syrien gestellt hat, ist bekannt, dass ISIS ein "Ministerium für wertvolle Dinge, die aus dem Boden kommen" unterhalten hat, zu dessen Aufgaben "Forschungen an bekannten Fundstellen, die Erschließung von neuen Fundstellen und das Marketing von Antiken" zählten. IS besteuerte private Raubgräber mit 20%igen Steuern auf den Verkauf der Antiken. Zwischen 6.12.2014 und 26.3.2015 wurden damit allein im Zuständigkeitsbereich von Abu Sayyaf 265.000 $ an Steuern auf Raubgrabungsgut eingenommen. IS scheint die Plünderer mit dem Vertrieb von Metalldetektoren und der Bereitstellung von Bulldozern unterstützt zu haben (S. 50). Mit Checkpoints wurden 'unautorisierte Plünderungen' unterbunden. Ein unautorisierter Antikenschmuggler, bei dem Daesh-Mitglieder palmyrenische Grabreliefs gefunden hatten, wurde im Sommer 2015 öffentlich ausgepeitscht, die Grabreliefs wurden öffentlichkeitswirksam zerstört. Zur Kontrolle des Antikenhandels soll IS auch Angehörige von Antikenhändlern als Geiseln genommen haben.
    Neben dieser Lizenzierung und Kontrolle des Antikenhandels haben IS-Angehörige auch selbst Raubgrabungen durchgeführt. Auch den Weiterverkauf scheint IS nach Angaben des russischen Botschafters bei der UN immer stärker kontrolliert zu haben, in dem via Social Media versucht wurde, direkt Käufer im Ausland zu finden.

    Das Problem der Identitätsstiftung

    Kapitel 3 - "Long-Term Security Repercussions of Attacking Cultural Property" -  setzt sich mit der Frage auseinander, wie sich die neue Qualität der Kulturgutzerstörung, die Helga Turku als Fazit des Vorigen erkennen möchte, langfristig auf die Gemeinschaften auswirkt.
    Im Falle von ISIS dienten die durchdacht inszenierten Kulturgutzerstörungen drei Zielen (S. 69):
    1. dem sichtbaren Ausdruck der eigenen Ideologie mit den eigenen Anhängern wie auch der Weltöffentlichkeit als Zielpublikum
    2. der Darstellung der eigenen historischen Bedeutung
    3. dem Triumph über die Werte anderer.
    Eine zentrale Rolle spielt jedoch die religiöse Komponente,  die das Kaliphat als religiös homogen versteht und alle abweichenden Glaubensvorstellungen als ketzerisch brandmarkt. Dementsprechend sind auch nur 3% der von IS zerstörten Kulturgüter als antik zu klassifizieren, bei der großen Mehrzahl handelt es sich um Denkmale des Glaubens wie Moscheen oder Schreine, deren Baubestand nicht unbedingt alt sein muss (S. 72).
    ISIS richtet sich mit seinem Kaliphat gegen die modernen Staaten, die sich entsprechend einem letztlich im Westen entwickelten Konzept als Nationalstaaten zu konstituieren suchen und dazu ihrerseits of auf das kulturelle Erbe zurück greifen. Greift man diesen Gedanken auf, so ist ein Ziel der ISIS-Zerstörungen von Kulturgut gerade in der auch bei Archäologen beliebten Argumentation zu suchen, Kulturerbe sei identitätsstiftend, ohne dass dabei hinterfragt wird, um wessen Identität es denn geht. Unbewusst, automatisch gar beziehen wir diese Identität auf die staatliche Ebene und damit auf das Konzept des Nationalstaates. Dieses Konzept ist im Nahen Osten jedoch im Wesentlichen erst eine Folge der politischen Zersplitterung seit dem 19. Jahrhundert. Gerade in Syrien hat das Assad-Regime (wie Hussein im Irak) die Vergangenheit für die eigene Herrschaft in Anspruch genommen und damit einen schwierigen Spagat zwischen Pan-Arabismus und Nationalismus versucht.
    Dabei geht es nach Turku eher um Horror als um Terror. Es geht um die Zerstörung der Psyche der Menschen, für die Traditionen und historische Identitäten ein wichtiger Baustein sind. Die Bildsprache und Horrorvorstellungen funktionierten indes nur, weil die modernen Medien eine unendliche Reproduzierbarkeit und Verbreitung solcher Ereignisse und Bilder ermöglichen (S. 70).
    Hieran schließt sich eine wichtige Debatte über die Symbolhaftigkeit der Vergangenheit, ihre Dokumente und Monumente für moderne Staaten an. Diese Konstruktionen basieren auf linearen Geschichtsbildern, die moderne Nationen in der Vergangenheit projizieren und Kontinuitäten voraussetzen, dem historischen Normalfall des Wandels aber nur wenig Beachtung schenken. Gerade die Erhaltung archäologischer Fundstellen und Monumente als wissenschaftliche Quellen sieht Turku als hilfreich an, um eine Geschichtsschreibung zu fördern, die Ideologie und Politik so weit möglich vermeidet und den universellen Werten der Menschheit verpflichtet bleibt (S.  80). Dazu freilich müssen sich Archäologen im allgemeinen und archäologische Museen im besonderen ihrer Verantwortung bewusst sein und dürfen nicht ihrerseits  eine in ihrem Kontext ahistorische nationale Identität zu ihrem primären Narrativ machen.


    Palmyra vor dem Bürgerkrieg
    (Foto M. Scholz)

    Internationales Recht im Wandel

    Kapitel 5 breitet das internationale Recht beim Schutz von Kulturgütern in bewaffneten Konflikten aus (S. 99ff.). Angesprochen werden die Konvention von den Haag aus dem Jahr 1954, die UNESCO-Konvention von 1970 und 1972 und die UNIDROIT Konvention von 1995 sowie die konkrete Rechtssprechung zu Kriegsverbrechen betreffend Kulturgut aber auch Völkermord. Unter dem Begriff Völkermord war zunächst nur die physische bzw. biologische Ausrottung von Völkern gemeint, doch wird immer mehr auch der kulturelle Völkermord diskutiert. Zu Recht zögert man jedoch die Zerstörung von religiösen Bauten und die Schließung von Bibliotheken mit den Massenmord in Gaskammern in einer gemeinsamen Konvention zusammenzufassen. Auch vor dem Internationalen Gerichtshof war der Begriff bei den Verhandlungen im Kontext der Kriegsverbrechen im jugoslawischen Bürgerkrieg abgelehnt worden. Allerdings wertete er die gleichzeitige Zerstörung von Kulturgut als Beweis, dass tatsächlich der Tatbestand des Völkermords vorliege. 
    Die neue Runde des Terrorismus nach 9-11 und die zunehmende Bedrohung von Kulturgut hat zu verschiedenen politischen Reaktionen geführt, die in Kapitel 6 "International and State Response to Terrorists' Attacks and Plunder of Cultural Heritage in War Zones' (S. 135ff.) thematisiert werden. In mehreren UN-Resolutionen (2249 [pdf], 2253 [pdf], 2322 [pdf], 2347 [pdf]) wurden der Sicherheitsaspekt, die Notwendigkeit internationaler Kooperation auch auf Basis bilateraler Verträge betont. Eine der konkreten Folgen ist die Schaffung der "Blue Helmets for Culture" sowie das Konzept der "Safe Havens".
    In diesem Kontext wird auch er Kriegsverbrecherprozess gegen Ahamd al Faqi Al Mahdi dargestellt (S. 139ff.), der 2016 vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen der Kulturgutzerstörungen in Timbuktu geführt wurde. Dabei wurde argumentiert, dass es dabei um die Auslöschung der Wurzeln eines ganzen Volkes gegangen sei, dessen soziale Praxis und sozialen Strukturen in nicht wieder gut zu machender Weise beschädigt wurden.
    Die Probleme der Verfolgung liegen in der parallelen Existenz eines illegalen und eines vermeintlich legalen Marktes, was zahlreiche Möglichkeiten des Antikenwaschens bietet. Neben Gesetzeslücken verschleiern häufig wissenschaftliche Bearbeitungen und Ausstellungen die illegale Herkunft, wie auch gefälschte Dokumente. Als weitere Maßnahmen bespricht Turku die roten Listen von ICOM (S. 145f.), die Überwachung von ebay-Angeboten (S. 146), das Konzept der Save Havens (S. 147ff.) und verschiedene US-Gesetze wie den US Anti-Terrorist Act (S. 149ff.), die sie insgesamt als geeignete Maßnahmen bewertet, den illegalen Antikenhandel und die Zerstörung in Irak, Syrien und anderswo einzudämmen (S. 154).


    Antikenhandel

    An verschiedenen Stellen des Buches wird die Rolle des illegalen Antikenhandels angeschnitten, aber erst in Kapitel 6 wird ihm ein eigenes, kurzes Kapitel ausdrücklich gewidmet (S. 173-174).
    Als eines der Probleme bei der Bekämpfung des illegalen Antikenmarkts haben die unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen in der Handelskette zu gelten. Mag die Ausfuhr aus einem Staat illegal sein, so kann dennoch anderswo der Import legal sein - oder nur an leicht zu umgehende Fristenregelungen gebunden sein, wie derzeit in Deutschland. So gibt es selbst bei ebay für das Angebot von Antiken national sehr unterschiedliche Regularien. Hinzu kommen die Schwierigkeiten des Provenienznachweises, wo uneinheitliche Verfahren, gefälschte Provenienzpapiere und bewusste Verschleierung es schwierig machen, auch nur den Herkunftsstaat geschweige denn den Fundort oder den betreffende archäologischen Befundkontext zu rekonstruieren.

    Wie bei den Schätzungen der Einnahmen des IS aus dem Antikenhandel ist es natürlich auch bei Schätzungen des globalen Ausmaßes außerordentlich schwer, irgendwelche Zahlen zu benennen, zumal die Grenzen zwischen illegalem und formal legalisiertem Handel schwimmend sind. Turku führt hier einige der Schätzungen an (S. 173), die Kunst und Antiken gleichermaßen umfassen:
    • FBI: "billions of dollars annually"
    • Global Financial Inegrity, 2011: "3.4 - 6.3 billion $ annually" (das wären nach UNODC 0,8% des illegalen zwischenstaatlichen Vermögenstransfers)
    Letztlich zitiert Turku damit zwei bekannte Schätzungen zum Umfang des Antikenhandels. Da es hier um illegale Geschäfte geht, kann es natürlich keine belastbaren statistischen Daten geben. Das Problem ist, dass zu den bisherigen Schätzungen kaum eine Berechnungsgrundlage bzw. die zugrunde gelegten Annahmen vorgelegt worden sind. Dass es tatsächlich um Millionen geht, ist indes leicht ersichtlich, wenn man einfach aus einem Auktionskatalog die Schätzwerte all der Objekte summiert, die keine seriöse Provenienzangabe aufweisen. Das Argument, das auch jetzt wieder im Nachklapp zum deutschen Kulturgutschutzgesetz vorgebracht wird, dass bislang keine Antiken aus Syrien und Irak aufgetaucht seien (z.B. T.E. Schmidt, Kulturgutschutzgesetz ohne Grundlage. Weltkunst 23.2.2018), zieht nicht. Wir wissen inzwischen aus vielen Fällen, dass illegale Funde zum Zwecke der Reinwaschens oft jahrelang in Depots gelagert sind. Turku kann hier auf den Fall der Roten Khmer in Kambodscha verweisen (S. 143), die 1978 entmachtet wurden. Bis heute tauchen aber immer wieder neue Objekte auf dem Kunstmarkt auf, die nachweislich Anfang der 1970er Jahre geraubt worden sind.

    Wichtig ist Turkus Feststellung (S. 181f.), dass 2016 seit Jahrzehnten das Jahr mit den größten Importen von Antiken aus der Türkei und aus Ägypten in die USA war. Waren im Wert von 100 Millionen $ wurden offiziell registriert. "Ironischerweise bringt der illegale Antikenmarkt sehr unpassende Verbündete zusammen, nämlich Sammler, organisiertes Verbrechen und Jihadisten" (S. 144).

    Handlungsoptionen

    Kapitel 6 thematisiert aber eigentlich weniger den Antikenhandel als "Future Action to Protect Cultural Property During Conflict" (S. 169ff.). Hier geht es um Restaurierungs- und Wiederaufbauprogramme nach den Zerstörungen von Daesh, die Repatriierung sichergestellten Raubgutes und den Antikenhandel überhaupt.

    Turku weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass das noch immer existente Assad-Regime das größte Hindernis für eine Lösung in Syrien darstellt. Sie führt Schätzungen an, wonach der Schaden an Kulturgut, den die Regierungstruppen unbeabsichtigt oder gezielt engerichtet haben, weit höher sei, als die Schäden, die Daesh zuzuschreiben sind. Turku verweist auf die Ruinen von Bosra, die Altstadt von Damaskus, das Sankt Simeon-Kloster, Krak-des-Chevaliers, Aleppo, allesamt Zerstörungen in Regionen, in denen Daesh keine unmittelbare Herrschaft ausgeübt hat. Auch in Palmyra haben die Zerstörungen nicht erst mit Daesh begonnen (Abb. unten).



    Zerstörungen in Palmyra durch Daesh (rot) und frühere Zerstörungen durch militärische Aktivitäten der syrischen Armee
    Destruction in Palmyra by Daesh (red) and earlier destruction by military activities probably of the Syrian army (yellow), damage during military campaign against Daesh (light yellow)


    Insgesamt wirkt das Kapitel etwas heterogen, da hier noch einige zentrale Aspekte angesprochen werden, die keineswegs unmittelbar Handlungsoptionen für die Zukunft betreffen. So finden sich hier auch nochmals einige Gedanken zum Antikenhandel, der schon in den vorausgehenden Kapiteln immer wieder einmal angesprochen worden war.

    Die aufgezeigten Handlungsoptionen bleiben allgemein und kurieren an den Symptomen bzw. versuchen eine Schadensbegrenzung. Sie sind allenfalls kurzfristige Optionen, gehen aber nicht die Frage an, wie das internationale Kulturerbe insgesamt bessern zu schützen wäre.
    Die Autorin weist hier beispielsweise darauf hin (S. 174ff.), dass sich vielerorts, in Aleppo, in Kairo, in Timbuktu und Kairo Anwohner, Studenten und Museumskuratoren für ihre Kulturgüter engagiert, dies teilweise auch mit ihrem Leben bezahlt haben. Turku greift aber nicht den naheliegenden Gedanken auf - was in den vergangenen Jahren auch vielfach schon Programm war - die Lokalbevölkerung zu sensibilisieren und zu unterstützen.
    Auch die Ausführungen zum "Repatriation Dilemma" (S. 176ff), der Frage ob Kulturgüter als gemeinsames Erbe international ausgestellt werden sollen oder ob die Bewohner vor Ort ein besonderes Anrecht auf das Kulturerbe hätten, münden nicht in zukunftsweisende Handlungsoptionen. Turku greift hier die Begriffe des kulturellen Nationalismus und des "national heritage" auf. Tatsächlich aber sind doch moderne Nationen nie mit den Gemeinschaften der Vergangenheit und moderne Bewohner mit den früheren Einwohnern gleichzusetzen. Historischer Wandel, wenn nicht gar größere Migrationen, machen nationale Aneignungen von Kulturgut in aller Regel sehr fragwürdig. Meines Erachtens wäre hier eigentlich ganz anders zu argumentieren. Entscheidend sind nicht die modernen Nationen und ihre Bürger, sondern die jeweiligen Kulturlandschaften und ihre aktuell dort lebenden Menschen. Auch daraus kann sich eine lokale Identität entwickeln, eine Heimat, unabhängig von angeblichen nationalen Traditionen. Es ist die lokale Bevölkerung, die Anspruch auf  Kulturgüter geltend machen kann, die modernen Staaten, deren Bürger sie sind, sollten lediglich ihre Vertreter nach außen sein. Auch daraus können Konfliktsituationen entstehen, denn nicht immer können sich lokale Gruppen heute mit den Kulturgütern in einer Landschaft identifizieren, so dass es, wenn nicht zu Zerstörungen, so doch zu Vernachlässigung kommen kann. Turku kommt hier wieder auf die Safe havens und Wanderausstellungen zu sprechen, um Kulturgüter vorübergehend außer Landes in Sicherheit zu bringen.
    Die Darstellungen zur Diskussion um Rekonstruktionen (S. 179ff.) stellt Turku am Beispiel Palmyra dar, wobei auch hier die Zukunftsperspektive fehlt, ebenso wie der Hinweis darauf, dass 3D-Rekonstruktionen nie die originale historische Quelle mit dem archäologischen (Bau-)Befund ersetzen können, sondern bestenfalls deren einstige Oberfläche und heutigen Symbolwert veranschaulichen können.

    Einige Maßnahmen führt Turku allerdings an, die sie für wichtig hält: Safe havens, monuments men, Handelsverbote für Kulturgüter aus Kriegsgebieten, Bewusstseinsbildung nicht nur bei Händlern, sondern auch in der breiten Gesellschaft um Antikenhandel sozial zu ächten. So verweist sie auch auf die Möglichkeit eines Amnestierung von Plünderern bei Rückgabe geplünderter Antiken, wie dies im Falle der Plünderung des Bagdad Museum 2003 durchgeführt wurde. Beispielsweise wurde die Vase von Warka, von der es eine Kopie im Vorderasiatischen Museum in Berlin gibt, nach der Plünderung des Museums im April 2003 nach wenigen Monaten wieder zurückgegeben (s. Oriental Institute - lost treasures of Iraq).

    Turkus Forderungen nach koordinierter Strafverfolgung und Kriegsverbrecherprozessen, die sie in den Conclusions (S. 184ff.) noch einmal bestärkt, sind sicher wichtige Schritte, um mit den Folgen des - wohl noch lange nicht beendeten - syrischen Bürgerkriegs und anderer bewaffneter Konflikte und den damit einhergehenden Zerstörungen und Plünderungen fertig zu werden. Allerdings handelt es sich hier nur um Bewältigungs-, nicht aber perspektivische Lösungsstrategien. Meines Erachtens fehlt eine kritische Auseinandersetzung damit, inwiefern UNESCO-World Heritage nicht vielerorts eher ein Risiko für die historischen Quellen, deren oberflächliche Authentizität und deren tiefergehenden hsitorischen Quellenwert darstellt. In Konfliktsituationen lässt es Kulturerbe zum politischen Spielball werden und wertet Raubgrabungsgüter für Sammler eher auf; in Friedenszeiten sind Schäden durch Überrestaurierung und touristisches Marketing kritische Risiken. Auch im Hinblick auf den Antikenhandel bewegt sich Turku im Rahmen der üblichen Maßnahmen.
    Wenn auch bei Turku an Stelle eines Schutzes vor Ort das Konzept der Safe Havens tritt, so setzt sie doch mehr oder weniger jene Maßnahmen fort, denen 2015 auf der Tagung der EAA in Glasgow ein Scheitern bescheinigt worden war (s. "Es ist wichtiger, die Händler aus dem Markt zu nehmen" - EAA-Session zum Scheitern des internationalen Kulturgutschutzes. Archaeologik 19.9.2015). Die damals von Neil Brodie formulierten Handlungsempfehlungen scheinen mir hier deutlich zielgerichteter:
    • den Markt am Ende der Kette bekämpfen!
    • proaktiv und nachhaltig sein
    • global - nicht auf einzelne Staaten - orientiert sein und
    • die kriminellen Händler verfolgen. 
    Brodies Überlegungen stehen keineswegs im Widerspruch zu den eher unbestimten Formulierungen Turkus, die aber das Problem der Plünderungen und des illegalen Antikenhandels aus ihrer auf Kriegssituationen gerichteten Perspektive eher als Kollateralerscheinung behandelt.


    Fazit

    Turku gibt in dem Buch einen hervorragenden Überblick über die Entwicklungen der letzten Jahre. Die eingangs formulierte Erwartung, belastbare Fakten liefern zu können, kann sie allerdings nicht erfüllen; immerhin gibt sie in umfangreichen Fußnoten zu den einzelnen Kapiteln Referenzen zu den immer wieder unspezifisch genannten Zahlen und macht deren (mangelnde) Qualität damit auch deutlich. Die Autorin interessiert sich als in den USA promovierte Juristin eher für die juristischen Aspekte als tatsächlich für die Schäden an den Fundstellen und Monumenten. Eine Bilanz der Kriegsjahre und eine genauere Abschätzung der finanziellen Aspekte der Terrorfinanzierung wie auch des Gesamtumfangs des illegalen Antikenhandels wird noch einige Jahre auf sich warten lassen und ist darauf angewiesen, dass Ermittlungsbehörden an irgend einer Stelle genauere Einblicke in die kriminellen Geschäfte gewinnen und publizieren.

    Inhaltsverzeichnis

    1. Cultural Property as a Weapon of War
      Introduction
      The Importance of Cultural Property
        Cultural Property and Human Rights
        Cultural Property and Security
          Short-Term Security
          Long-Term Security  Study Objectives

    2. Cultural Property Destruction in History and in the Present
      Introduction
      War and Terrorism
      Cultural Property During War
        Isis in Iraq and Syria
          Destruction of Mosques
          Destruction of Churches
          Destruction of Ancient Sites
          Estimates of ISIS-Profits from Traficking of Antiquities
          Details on the Organized ans Systematic Nature of ISIS' Profit from Antiquities
      Conclusion

    3. Long-Term Security Repercussion of Attacking Cultural Property
      Introduction
      Erosion of Identities and States
      Cultural Property and Propaganda Warfare
      Attacks on Cultural Property as an Intent to Annihilate Religious Diversity
      Attacks on Cultural Property with the Intent to Destroy National Identity
      The Role of Museums in Building Bridges
      Conclusion

    4. International Law on Protection of Cultural Property During Armed Conflict
    Introduction
      International Agreements on Cultural Property
        Hague 1954 Convention
        UNESCO 1970 Convention
        UNESCO 1972 Convention
        UNIDROIT 1995 Convention
      Case Law on Protection of Cultural Property in Armed Conflict
        War Crimes
        Genocide and Crimes against Humanity
      Conclusion

    5. International and State Response to Terrorists' Attacks and Plunder of Cultural Property in War Zones
      Introduction
      New Resolutions...
      The Al Mahdi Case at the ICC
      Other Measures to Protect Cultural Property in War Zones
        Red Lists
        Safe Havens
      Framing the Issue as a Terrorist Offense in the Domestic Realm: the Case of the United States
      Conclusion

    6. Future Action to Protect Cultural Property During Conflict
      Introduction
      Other Outstanding Issues 
      Options for Future Action
      Conclusion

    Index


    Änderungsvermerk (12.3.2018): 
    Inhaltsverzeichnis ergänzt, kleinere Korrekturen
    (26.9.2018): kleinere redaktionelle Korrekturen

    Mittwoch, 2. August 2017

    Kulturgut in Syrien und Irak im Juli 2017

    Mit der Vertreibung des Daesh aus Mosul, dem Anfang Juli ausgerufenen Waffenstillstand im südwestlichen Syrien, scheint der Konflikt in Syrien und Irak nicht vorbei, aber doch in eine neue Phase zu gehen, die Anlaß zu vielerlei Bilanzen und Überlegungen zur Restaurierung gibt:

    Schadensberichte

    Da einige Stätten nun wieder leichter erreichbar werden, können nun zahlreiche größere und kleinere Schäden dokumentiert werden. Die üblichen Schadensberichte sind daher umfangreicher als zuvor:
    Im folgenden ist keine Vollständigkeit der aktuellen Berichte beabsichtigt, vielmehr sollen mit den Links exemplarisch einige Schäden und erste Initiativen dargestellt werden:


    eine erste Bestandsaufnahme in Mosul
    für eine genauere Bestimmung der Schäden werden Bilder von Monumenten aus Mosul gesucht:
    Nimrud:
    in Raqqa:
    Tote Städte:

    Schäden in Palmyra

    Restaurierungen in Aleppo
    3D-Rekonstruktionen in Palmyra

    Antikenhehlerei


    Der Fall "Hobby Lobby"  (Raubgrabungsfunde für ein biblisches Disneyland - Der Fall „Hobby Lobby“) in den USA geht im Kern schon in die Zeit vor dem aktuellen Krieg zurück. Für ein Bibelmuseum hat ein US-Millionär offenbar gezielt Keilschrifttexte aus dem Irak geschmuggelt. Der Fall ist schon länger bekannt, doch wurde nun eine Straße von 3 Mio $ verhängt, vermutlich in Relation zu den umgesetzten Summen eine Kleinigkeit.
    Statement der UNESCO

    Die in der Hobby Lobby-Affäre (Raubgrabungsfunde für ein biblisches Disneyland - Der Fall „Hobby Lobby“) sichergestellten Funde sollen online gestellt werden, um den Eigentümer zu ermitteln.
    Hobby Lobby gibt erneut Anlaß für einige Statements gegen den Handel mit archäologischen Funden:


    Ein Video von UNODC im Rahmen einer Kampagne "Cultural Property" zur Problematik des illegalen Handels mit Kulturgut aus Krisenregionen  und seiner Rolle bei der Finanzierung von Bürgerkriegsparteien und Terrorismus:
    Die politische Bedeutung des Kampfes gegen Antikenhehlerei

    Daesh


    Sky News bringt ein Interview mit der Witwe eines britischen Daesh-Kämpfers in Raqqa, die als Aisha vorgestellt wird.  Darin heißt es: "Aisha revealed that her Moroccan husband had travelled to IS before the caliphate was even declared by Abu Bakr al Baghdadi in June 2014. She said that he had been a dealer in ruins and antiquities in Europe and had been told by a friend that he could buy them cheaply in the caliphate." - ein kleines Schlaglicht auf die Verbindungen zwischen Antikenhandel in Europa und Daesh?
    Funde aus dem Musuem Mosul wurden, wie schon im Juni durch kurdische Medien berichtet wurde, bei Daesh-Mitgliedern sicher gestellt:

    Europäische Kommission im Anti-Terrorkampf

    Als Teil der Antiterrormaßnahmen zielt die Europäische Kommission auf einheitliche Regelungen gegen den illegalen Aniktenhandel.


    Links

    frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

    Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.

    Mittwoch, 3. Mai 2017

    Kulturgut in Syrien und Irak im April 2017

    Rückeroberung von Hatra im Irak

    Im Frühjahr 2015 war die antike Stadt Hatra im Irak in die Hände des Daesh gefallen, der bald darauf ähnlich wie in Palmyra propagandistisch Zerstörungen in Szene gesetzt hat (vergl. IS-Zerstörungen in Hatra - ein neues Propaganda-Video. Archaeologik (4.4.2015).

     Das Museum in Mosul

    Entsetzliche Bilder aus dem Museum von Mosul, in dem Daesh eine seiner ersten Kulturgutzerstörungen inszeniert hatte.


    Wiederaufbau

    Aleppo: Wiederaufbau

    Aus Aleppo gibt es erste Meldungen über Wiederherstellungsmaßnahmen. Dabei geht es selbstverständlich noch nicht um denkmalpflegerische Maßnahmen, sondern um die Sicherung notwendiger Infrastrukturen.

    Nimrud


    Damaskus: Nationalmuseum unter Beschuß

    Wie sich im Vormonat angedeutet hat, gerät Damaskus stärker ins Kriegsgeschehen. Die bisher als sicher erachtete Lage des Nationalmuseums geriet am 5. April erstmals unter Beschuss, wobei zunächst keine Schäden entstanden sind.

    Raubgrabungen bei Hama


    weitere Schadensmeldungen


    Maßnahmen

    Ausstellung in Damaskus über die Arbeit der syrischen Altertumsbehörde DGAM

    Restaurierungsarbeiten

    Im Gegensatz den oben genannten Wiederaufbauplänen in Aleppo und Mossul laufen an verschiedenen Orten bereits Restaurierungsarbeiten. Das zeigen mehrere Anfang April auf YouTube eingestellte Videos der Tourismusbehörde.

    Die Türkei finanziert den Wiederaufbau von Moscheen - von denkmalpflegerischen Aspekten ist hier nicht die Rede.


    Erklärung der G7-Kulturminister

    Sonstige Berichte/ Interviews

    Links

    frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

    Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.

    Samstag, 1. April 2017

    Kulturgut in Syrien und Irak, März 2017

    Daesh/IS gerät immer stärker in Bedrängnis, nach den Kämpfen um Aleppo, Palmyra sind nun die Städte von Idlib, Mosul und auch Stadtteile im Osten von Damaskus, wo es vorher relativ ruhig geblieben ist. Damaskus war auch der Ort, an dem viele Objekte aus Syrien "in Sicherheit" gebracht worden sind. (Die Internetseite der syrischen Altertumsbehörde war am 30.3.2017 nicht mehr zuverlässig zu erreichen - deshalb laufen einige der unten angegebenen Links möglicherweise ins Leere).
    Einige der  bislang verwendeten Quellen sind in den letzten Monaten weggebrochen, so z.B. die facebook-Seite Le patrimoine archéologique syrien en danger - https://www.facebook.com/Archeologie.syrienne/  oder
    Auch die facebook-Seite des Nationalmuseums in Damaskus, die bis Mitte 2015 immer wieder - bisweilen durchaus propagandistische - Posts abgesetzt hat, ist seit langem still. Aktiv ist noch die facebook-Gruppe Archaeology in Syria - An eye over the WHL, wobei deren Website ebenfalls seit etwa einem Jahr auch keine Aktivitäten mehr zeigt. 

    Eine Dokumentation der Maßnahmen und des internationalen Engagements zum Schutz des Kulturerbes bieten die Berichte Heritage for Peace. Der nun vorgelegte vierte Bericht bezieht sich auf den Zeitraum Oktober 2015 bis Dezember 2016. Hier ist unter den Reports und Databases auch Archaeologik aufgeführt.


    Palmyra

    1.3.2017
    Erneutes Vordringen des russich-syrischen Militärs. Eingenommen wurde die Zitadelle und Gebiete im Westen der Stadt. Es bleibt zunächst unklar, ob das Ruinengelände bereits "befreit" ist.
    Die russische Sicht:
    Die inzwischen von Daesh zerstörte Bühne des Theaters von Palmyra
    (Foto: M. Scholz, 1993)
    2.3.2017
    Die syrisch-russischen Kräfte haben Palmyra angeblich vollständig eingenommen. Daesh soll in der ganzen Stadt Minen deponiert haben.
    3./4.3.2017
    Erste Bilder aus der wieder befreiten antiken Stadt, aus der sich Daesh zwar zurückgezogen hat, deren Besetzung aber wegen Sprengfallen und Minen nur vorsichtig Schritt für Schritt erfolgt:



            Auf YouTube finden sich von RUPTLY mehrere Videos, die das Vordringen der syrischen Truppen zeigen:
            Russische Medien stellen die Rolle Russlands bei der Rückeroberung heraus:
            5.3.2017
            In Palmyra wird zu einem Pressetermin geladen.  Dabei entstehen Bilder mit Musikantinnen vor der zerstörten Bühnenwand des Theaters. Palmyra and Aleppo News Updates kommentiert auf facebook: "It is hard to dislike the photos of the musicians and surely the west will equal the absence of hijab with freedom and democracy but appearances are deceptive." Ein anderer Kommentar weißt darauf hin, dass die Berichte den Eindruck erweckten, Palmyra bestünde nur aus Archäologie und Sand, nicht aus Mesnchen.
            In einem Kommentar in The National, einer Zeitung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wird die aktivere Rolle der USA bei der Rückeroberung herausgestellt:
            ab 6.3.
            "We were afraid and we expected the worst scenarios; luckily, the terrorists did not have enough time to carry out more crimes against the human heritage. Where we have not spotted any new damage so far in the Tomb of the Three Brothers, Temple of Bel, Temple of Nebo, Camp of Diocletian, the Straight Street, Agora and other monuments."
            Ein Militärführer von Daesh, Anführer Abu Hamid al-Sukhni wurde bei Kämpfen getötet. Er soll für die Zerstörungen in Palmyra verantwortlich gewesen sein.

                    Mosul

                    DIe irakischen Truppen dringen im Häuserkampf in den Westen von Mosul vor.
                    Unter dem von Daesh 2014 zerstörten Jonas-Schrein wurden die Reste eines assyrischen Palastes entdeckt. Entgegen der Medienberichte war die Fundstelle durchaus schon bekannt, doch war auf Ausgrabungen an der Stelle des Schreines verzichtet wurde. Als die irakischen Streitkräfte die Region östlich von Mosul zurück erobert haben, wurden zahlreiche Stollen entdeckt, mit denen Daesh den Palast hat plündern lassen. Es ist schwer zu bestimmen, was geraubt wurde und wie dramatisch die Zerstörungen der bislang weitgehend unbekannten Anlage sind.
                    Das Museum von Mosul wurde von irakischen Streitkräften eingenommen. Es seien nur noch Trümmer vorhanden.
                    "Zuvor hatten die irakischen Behörden mitgeteilt, dass einige der vernichteten Artefakte Reproduktionen gewesen seien. Man habe einige Originale nach Bagdad evakuieren können. ... Es wurde auch bekannt, dass die Terroristen einige Kunstgegenstände auf dem Schwarzmarkt verkauften." /RT today)
                    Die Universität Mosul
                    Verwiesen sei auf die facebook-Gruppe Monuments of Mosul in Danger,  die immer wieder Berichte aus der Stadt liefert.

                      Zerstörungen

                      Bakhira, 2010
                      (Foto: Jim Gordon [CC BY 2.0] via WikimediaCommons)

                      Idlib und das nordsyrische Kalksteinmassiv

                      Die syrische Altertumsbehörde postet Bilder, die Raubgrabungen und Steinraub in Bakhira, einer der toten Städte im nordsyrischen Kalksteinmassiv und Teil des UNESCO-Weltkulturerbes zeigen.

                      Die Region Idlib ist in den Händen der Oppositionskräfte. Nach dem Fall von Aleppo und Palmyra scheinen sich die Kämpfe dort nun zu verschlimmern.

                      Für Idlib ist die facebook-Präsenz des Idleb Antiquites Center [sic!] zu nennen 

                      Aleppo

                      In Aleppo gibt es erste Bestandsaufnahmen der Zerstörung. Zu nennen sind v.a. Posts der facebook-Gruppe Aleppo Archaeology und Berichte der DGAM.

                        Anschlags- und Morddrohungen gegen  Kulturprogramm in Babylon

                        Im Irak drohen radikale Gruppen den Verantwortlichen der Stätte Babylon mit Anschlägen und Mord, wenn dort weiterhin ein Kulturprogramm angeboten werde.

                        Terrorfinanzierung

                        Die Diskussion, inwiefern die Raubgrabungen und der Antikenhandel mit Terrorfinanzierung in Verbindung gebracht werden kann (und soll), hat erneut an Heftigkeit gewonnen. Ein Bericht über die Finanzierungslage des Daesh hatte im Februar festgestellt, dass keine Zahlen benannt werden können (Archaeologik 1.2.2017). Schon vor Jahren haben Stimmen gewarnt, die Verbindungen mit dem Terror zu stark herauszustellen, da sie natürlich nicht wirklich mit Beweisen hinterfüttert werden können und so die Glaubwürdigkeit leiden könnte. Anti-Terrormaßnahmen müssten auch nicht unbedingt den Interessen des Kulturgüterchutzes entsprechen (Archaeologik 9.8.2014, vergl. Der Beweis des Unbewieseneen. Archaeologik 28.11.2015).
                        Eine Resolution des UN-Sicherheitsrats vom 24.3.2017 betont hingegen die Rolle des Kulturgüterschutzes für den Kampf gegen den Terrorismus. Erstmals kam die UNESCO in diesem UN-Gremium direkt zu Wort. Außerdem gab es ein Statement der italienischen Carrabinieri, nachdem allein im letzten Jahr in Italien im Kampf gegen illegalen Kulturgüterhandel 800.000 Objekte sicher gestellt worden seine. 
                        Sehr gut zum Thema Raubgrabungen und Terrorfinanzierung:

                            Maßnahmen


                            Die Schaffung eines internationalen Fonds

                            Auf der UNESCO-Tagung  "Safe-guarding Endangered Cultural Heritage" in Abu Dhabi im Dezember 2016 war beschlossen worden, einen Fond für den Schutz bedrohten kulturellen Erbes einzurichten. Dafür sollen 100 Mio. US-$ zur Verfügung gestellt werden, wovon Frankreich alleine 30 Mio zugesagt hat. Mit dem Fond sollen  die weltweite Initiative "Unite for Heritage" und die Bemühungen der UNESCO zum Schutz von Kulturgut im bewaffneten Konflikt unterstützt werden (siehe http://archaeologik.blogspot.de/2017/01/morden-und-restaurieren-in-aleppo.html).  Jetzt fand in Paris ein Nachfolgetreffen statt, bei dem es darum ging, die Geldgeber zusammen zu bekommen.

                             

                            UN-Resolution


                            Im Kontext der oben genannten Sitzung des UN-Sicherheitsrates wurde Resolution Nr. 2347 verabschiedet, die Kulturgutzerstörung als Kriegsverbrechen einstuft. Dabei wird explizit auf das Urteil des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag um Zerstörungen von Weltkulturerbe in Timbuktu verwiesen (http://archaeologik.blogspot.de/2016/08/groere-aufmerksamkeit-fur-das.html)
                            Die Resolution wendet sich explizit auch gegen Plünderung und Schmuggel von Kulturgüterm.
                            Deplores and condemnsthe unlawful destruction of cultural heritage, inter alia destruction of religious sites and artefacts, as well as the looting and smuggling of cultural property from archaeological sites, museums, libraries,archives, and other sites, in the context of armed conflicts, notably by terrorist groups.


                              Exil und Weiterbildung

                              Das Beispiel des syrischen Archäologen Mohamad Fakhro, früher Vizedirektor des Nationalmuseums in Aleppo und Grabungsleiter in Tell Halaf, jetzt an der Universität Tübingen

                              Artefaktmarker

                              Internationales


                                online-Ausstellung des Gettys:

                                dazu eine Kritik

                                Palmyra-Ausstellung in Hannover

                                Bel-Heiligtum in Palmyra
                                von Louis-François Cassas (1756-1827)
                                 (Wallraf-Richartz-Museum, Köln,
                                Inv.-Nr. Hittorff-Nachlass, Ba. 011)
                                (gemeinfrei, via WikimediaCommons)
                                Jetzt im Kestner-Museum. 2016 war die Ausstellung in Köln zu sehen (vergl. http://archaeologik.blogspot.de/2016/04/die-befreiung-von-palmyra-syrienirak-im.html).

                                Wiederaufbauplanungen für Aleppo

                                G7-Kulturgipfel in Florenz


                                  Sonstiges


                                    Links

                                    frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (u.a. monatliche Reports, insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak

                                    Dank an diverse Kollegen für Hinweise und Übersetzungen.