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Sonntag, 6. September 2026

Wissenschaft schließt - Parawissenschaft kassiert (und verdummt)

Ja, ich weiß, Archäolog*innen beschäftigen sich normalerweise nicht mit Dinosauriern. Trotzdem lohnt es sich, zu registrieren, was aktuell in Philadelphia mit jenem Museum passiert, das 1868 erstmals wissenschaftlich ein Dinosaurierskelett der Öffentlichkeit präsentiert hat.

Im Museum der Academy of Natural Sciences in Philadelphia (USA) wurde 1868 das Skelett des Hadrosaurus foulkii enthüllt. Dieses Fossil ist 10 Jahre zuvor in New Jersey gefunden worden. Der Paläontologe Joseph Leidy und ‚Paläokünstler’ Waterhouse Hawkins montierten das Skelett erstmals in aufrechter Haltung. Diese Ausstellung löste den ersten kolossalen, weltweiten Massenansturm („Dinomanie“) in einem Museum aus.

Ende September 2026 schließt in den USA das älteste Naturkundemuseum in den Amerikas (gegr. 1812, für Publikum geöffnet 1828) seine Pforten.

Die Schließung des Publikumsbetriebs des Museums der Philadelphia Academy of Natural Sciences  ist primär auf lokale wirtschaftliche Faktoren zurückzuführen – insbesondere auf das hohe strukturelle Defizit der Trägeruniversität, gestiegene Betriebskosten und den anhaltenden Rückgang der Besucherzahlen seit der Pandemie. Die Sammlung soll erhalten bleiben, wird aber nicht mehr öffentlich zugänglich sein. 


 Saurierskelett im bald ehemaligen Museum in Philadelphia
(Foto: Daderot - Public Domain, via WikimediaCommons)


Förderung antiwissenschaftlicher Institutionen

Die Schließung in Philadelphia ist keine direkte politische Zensurmaßnahme der Republikaner. Unter den weißen evangelikalen Christen, die die Basis der Trump'schen MAGA-Bewegung bilden, sind kreationistische Ansichten zwar weit verbreitet, aber entgegen einem populären Klischee leugnen die meisten modernen Kreationisten die Existenz von Dinosauriern aber nicht. Stattdessen argumentieren sie, dass Dinosaurier zeitgleich mit den Menschen erschaffen wurden und während der Sintflut ausstarben. Die Erde sei insgesamt  nur erst etwa 6.000 bis 10.000 Jahre alt. Institutionen wie das bekannte Creation Museum in Kentucky stellen diese Koexistenz explizit dar. Ein Diorama dort zeigt neben Dinosauriern spielende Menschenkinder (Link zu Abb.). Die Evolution  des Menschen von gemeinsamen Vorfahren mit anderen Primaten wird strikt abgelehnt, da sie dem Glauben an eine göttliche Schöpfung nach Gottes Ebenbild widerspräche. 

Das 2007 eröffnete Creation Museum in Petersburg, Kentucky, steht im Gegensatz zur Academy finanziell auf einer sehr stabilen Basis. Betreiber ist die Non-Profit-Organisation Answers in Genesis. Sie ist Teil eines schuldenfrei expandierenden religiösen Unternehmens mit einer bundesweit mobilisierbaren, spendenstarken Anhängerschaft. Die finanzielle Basis speist sich aus zwei Quellen: einem anhaltend starken Ticket- und Merchandise-Verkauf sowie einem enormen Aufkommen an privaten Großspenden. Die Mutterorganisation generiert jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge.[AiG].

Der eigentliche Unterschied zu Philadelphia liegt weniger in der Gemeinnützigkeit – wie die Academy ist auch das Creation Museum von der Bundes-Einkommensteuer befreit, das ist für Museen in den USA normal – sondern im Zwillingsprojekt Ark Encounter in Williamstown, Kentucky. Der Themenpark mit der überdimensionalen Arche Noah wird über eine gewinnorientierte LLC (so was ähnliches wie eine GmbH) betrieben. Kentucky hatte ihm die ursprünglich zugesagte Tourismusförderung zunächst entzogen, mit der Begründung, staatliche Anreize dürften nicht zur Finanzierung religiöser Indoktrination dienen. Dagegen klagte AiG und bekam Recht. Vertreten wurde die Organisation damals pro bono von Mike Johnson, heute Sprecher des US-Repräsentantenhauses und enger Verbündeter von POTUS Don. Trump.

Als anerkannte Tourismusattraktion wurde der Ark Encounter für bis zu 18,25 Mio. Dollar an Förderung zugelassen – nicht als direkter Zuschuss, sondern als leistungsabhängige Rückerstattung der von Besuchern vor Ort gezahlten Umsatzsteuer auf Eintritt, Gastronomie, Souvenirs und Übernachtung. Das MAGA-Lager, die religiöse Rechte und die konservativen Republikaner in Kentucky, haben diese Förderung politisch stets massiv verteidigt, indem sie die Parks nicht als religiöse Indoktrination, sondern als reine „wirtschaftliche Jobmotoren“ für den lokalen Tourismus deklarierten. Kentucky hat aktuell zwar mit Andy Beshear einen demokratischen Gouverneur, aber eine überwältigende republikanische Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus, die dieses Modell stützt.

 

Antiwissenschaftsklima und Kulturförderung 

Obwohl die Museumsschließung in Philadelphia nicht unter direktem politischem Druck geschieht, ist sie Ausdruck der zunehmend prekären wirtschaftlichen Lage von Bildungseinrichtungen in einem politischen Klima, in dem die öffentliche Finanzierung von Wissenschaft und Kultur unter dem Druck der ideologischen und budgetären Polarisation der USA steht. Im März 2025 hat das Bildungsministerium unter Trump der Drexel University (zusammen mit der Temple University) offiziell damit gedroht, Bundesmittel zu streichen. Grund dafür waren vornehmlich Untersuchungen im Nachgang der pro-palästinensischen Proteste und Campus-Camps, die die Trump-Administration vielerorts instrumentalisiert hat, um die Universitäten auf ihre DEI-Linie zu zwingen.

Themen, die MAGA nicht passen, geraten in den USA vermehrt in den Fokus politischer Budgetdebatten. Das gilt insbesondere auch für öffentlich geförderte Universitäten und mit ihnen verknüpfte wissenschaftliche und kulturelle Institutionen. 

Konservative Plattformen und Politiker argumentieren häufig, dass sich Institutionen durch Ticketverkäufe oder private Spenden selbst tragen müsdten, sich andernfalls neu ausrichten, sich verkleinern oder schließen müssten. Aus Kreisen der MAGA-Bewegung wird die staatliche Subventionierung von Bildungs- und Forschungseinrichtungen oft kritisch hinterfragt, da diese als Teil eines „liberalen akademischen Establishments“ wahrgenommen werden. Im Zuge der Schließung in Philadelphia warnten Kritiker und Wissenschaftsaktivisten in lokalen Foren, dass der Rückzug aus der öffentlichen Wissenschaftskommunikation genau in eine Zeit passe, in der Bundesmittel für Forschung und öffentliche Gesundheit zur Disposition stehen. 
Das ist keine ganz neue Entwicklung unter Don. Trump, wie etwa die Vorgänge um das Illinois State Museum 2015 oder republikanische Einmischung in Förderungen der NSF 2014 zeigen.

Gerade jetzt, wo es gilt Bildungsangebote zu fördern, um gegen antiwissenschaftlichen Unsinn anzugehen, kommt solch eine Schließung zur Unzeit und so wird sie in der US-Öffentlichkeit und in akademischen Kreisen zurecht politisiert. 


Neue Perspektiven für die Saurier?

Philadelphias Bürger, Wissenschaftler und lokale Politiker reagierten schockiert über den Verlust dieses über 200 Jahre alten Kulturguts. Kritiker warfen Drexel Missmanagement vor und warnten davor, das öffentliche Gut einfach „aufzugeben“. 
Um eine Eskalation abzuwenden, schalteten sich der Gouverneur von Pennsylvania, Josh Shapiro, und Philadelphias Bürgermeisterin, Cherelle Parker, ein. Sie setzten einen unabhängigen Vermittler (den Diplomaten David L. Cohen) ein, um eine neue Vereinbarung zwischen Drexel und dem Museumsvorstand zu verhandeln. Dadurch wurde kurz vor der Schließung dahingehend ein Kompromiss vorgeschlagen, dass das öffentliche Gebäude am Parkway zwar wie geplant Ende September 2026 geräumt wird, aber der Museumsvorstand das vertragliche Recht erhält, sich komplett von Drexel zu lösen, falls er neue Partner oder Geldgeber findet, um die Sammlung in Zukunft an einem anderen (kleineren) Ort wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Paradox!

Die Schließung ist keine kulturpolitische Hinrichtung durch MAGA, sondern ein schleichender Tod aus Unterfinanzierung, Besucherschwund und Universitätskrise. Gerade deshalb ist sie politisch. Während eine 213 Jahre alte Institution, die das erste freistehende Dinosaurierskelett der Welt zeigte und damit Wissenschaft sinnlich machte, ihre Pforten nicht mehr offen halten kann, expandiert wenige Bundesstaaten weiter ein religiöses Freizeitunternehmen schuldenfrei – getragen von Großspenden, Merch und gezielt erkämpften Steuervorteilen.

Was in Philadelphia verloren geht, ist nicht nur ein Haus mit Dinosauriern, sondern das Prinzip des authentischen Objekts – das Jefferson-Fossil, das Lewis-und-Clark-Herbarium, das Hadrosaurus-Original, an dem man Fragen lernen konnte. Archäologie und Paläontologie teilen dieses Pfund: Wir erklären die Welt nicht mit Dioramen von spielenden Kindern neben Triceratops, sondern mit Befunden, die wirklich da waren, die wir kontextualisieren und mit denen wir rekonstruieren. Wenn die öffentliche Hand diese Orte nicht mehr finanziert, überlässt sie das Deutungsmonopol jenen, die es sich leisten können und deren Interesse primär nicht der Bildung und dem Wohlergehen Aller ist. Kommerzialisierung von Museen und Bildungseinrichtungen  macht Bildung zur Ware, deren Preis andere festsetzen. Freies Phantasieren ist auch kostengünstiger als faktenorientierte wissenschaftliche Forschung. 

Alter Ruhm schützt nicht. Öffentliche Relevanz muss immer wieder erkämpft werden – und gerade dafür sind Museen wichtig. Das Problem ist, dass das Geld der Milliardäre und Populisten eher in lukrative Geschäfte wie kommerzielle Freízeitangebote anstatt in Bildung fließt, die ja auch kritisches Nachfragen provozieren könnte. Das Creation Museum verfügt über ganz andere finanzielle Ressourcen um eine Ausstellung zu inszenieren - und hat auch weniger Skrupel, konkrete Bilder zu präsentieren, als das seriöse Wissenschaftler*innen haben, die stets abwägen, welches Bild auch belegbar oder zumindest plausibel ist. 

Es ist paradox: Das Museum, das schon 1868 zum Pionier moderner Wissenschaft wurde und nebenbei die Dinomanie erfand, muss schließen, weil zu wenige kommen. Das 'Museum', das Wissenschaft mit Füßen tritt und Dinos als Gefährten des Menschen zeigt, boomt bei den Besuchern. 

Das ist ein Fall aus der USA, aber auch in Deutschland sind die Wissenschaftsverweigerer im Kommen.  Stabil bleiben und zumindest mit seriöser, transparenter Forschung gegenhalten!


Quellen

Academy of Natural Sciences in Philadelphia 

Kreationismus-Museum Kentucky

 Wissenschaftsklima in den USA

 Interne Links


Montag, 27. Juli 2026

Ungut: Ehrenamtliche sind in Hessen raus

 In Zeiten, in denen die Deenkmalschutzgesetze unter Druck stehen ist so etwas ein PR-Desaster der Landesarchäologie - unabhängig davon, was eventuell an konkreten Konflikten im Hintergrund stehen mag.

Es muss Wege geben, wie Laien Grabungen ermöglicht werden - sonst ist der Schaden größer als der vielleicht nicht auf höchsten Standards erfolgte Bodeneingriff. Ein bloßer Verweis auf die Gesetzeslage wird hier nicht ausreichen, denn wir sehen ja gerade, dass man auch daran arbeiten kann, die Denkmalschutzgesetze zu ändern. Verteidigen kann man sie wohl nur, wenn man die seriös archäologisch (! - also nicht die schatzjägerisch) Interessierten als Verbündete hat.


Dienstag, 31. März 2026

Zusammen oder getrennt?

In Sachsen wird über eine Neuorganisation des smac in Chemnitz  nachgedacht. 

 

smac Chemnitz
(Foto: Derbrauni, CC BY 4.0, via WikimediaCommons)

Zwei Organisationsmodelle sind zu unterscheiden:

  1. das integrierte Museum, bei dem Denkmalpflege und Museum in einer Organisation vereint sind, so etwa in Halle oder auf Schloß Gottorf 
  2. das eigenständige Museum, das organisatorisch eigenständig ist, da aber natürlich kooperiert. Beispiel wäre die Archäologische Staatssammlung in München und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege. 

In der Praxis gibt es Hybridformen, so im Saarland, wo Denkmalpflege und Staatliche Altertümersammlung organisatorisch verbunden sind, das Museum für Vor- und Frühgeschichte jedoch von einer Stiftung getragen wird. Hier wird bei den Museumsaufgaben zwischen Archiierung und Ausstellung getrennt. In Baden-Württemberg wurde eine Kompromisslösung installiert, indem der Präsident des Denkmalamtes und der Direktor des Archäologischen Landesmuseums in Personalunion besetzt wurden. Das trägt indes nur so lange, so lange der Präsident des Amtes aus der Archäologe und nicht etwa der Bau- und Kunstdenkmalpflege kommt. 

Welche Lösung hier tatsächlich von Vorteil ist, hängt wohl ganz wesentlich von den beteiligten Personen und den Budgets ab und lsst sich pauschal nicht so ohne weiteres beantworten. Ein Aspekt, der derzeit aktuell wird ist die Frage, wie Wissenschaftsvermittlung resilient organisiert werden kann, so dass denkbare populistische Regierungen keinen Zugriff auf die historischen Narrative erhalten und die Wissenschaftsfreiheit gewahrt bleibt. Hier bieten stiftungsbasierte Organisationsformen möglicheweise Vorteile.

Donnerstag, 22. Mai 2025

Medienberichte zur Arche Noah: mangelnde Medienkompetenz und fehlendes Wissenschaftsverständnis

Mit zu den Klassikern der Pseudo- und Parawissenschaften gehört die Arche Noah.  Für Kreationisten gilt der Fund der Arche Noah als Beweis der Richtigkeit einer wörtlichen Auslegung der Bibel.
 
Auch derzeit wabern solche Berichte durch die internationalen Medien. Ausgangspunkt ist eine zunächst wohl in Social Media verbreitete Nachricht, ein amerikanisches Forschungsteam Noah'sArk Scans habe mittels Georadar die Arche Noah bestätigt. Der Platz ist indes nicht neu, es geht um eine Felsformation bei Durupınar in der östlichen Türkei, ca. 30 km südlich des Ararats. Nur kurz das fachlich eigentlich Selbstverständliche: Eine Identifikation als Arche Noah setzt eindeutige Befunde voraus. Davon ist hier weit und breit nichts zu sehen. Ein Schiff versteinert nicht, es verrottet, wenn es nicht am Meeresgrund oder in feuchtem Milieu liegt. Eine zufällige Schiffsform einer Felsformation in einer obendrein lehmreichen von Rutschungen geprägten Landschaft und irgendwelche rechtwinkligen Strukturen besagen hinsichtlich der Arche Noah gar nichts. Umgekehrt ist schon die Suche nach einem legendären Objekt, bei dem der ganze Überlieferungskontext einen Glaubenshintergrund hat und gar nicht erst irgendeinen Anspruch hat, eine historische Wahrheit im modernen Sinne zu vermitteln, kein wissenschaftlicher Ansatz.
 
Durupınar
(Foto: Zorka Sojka CC BY SA 4.0
via WikimediaCommons)

 
Anscheinend berichtete zunächst völlig unkritisch die britische Sun und zwar bereits am 19. Oktober 2024:
Inspiriert wurde der Artikel wohl von einem Video, das im Oktober 2024 auf YouTube und dem Blog anchorstone.com erschien und der ein Update der Forschungen seit 2022 präsentiert. Anchorstone ist verknüpft mit dem Bescherzentrum bei der vorgeblichen Arche-Fundstelle.
Am 9. April berichtete dann das norwegische Dagbladet:
Nachdem hier zunächst der Standpunkt von Noah's Ark Scans berichtet wird, steht am Ende immerhin noch eine Einschränkung "Einige Kritiker behaupten, dass bei Projekten wie „Noah’s Ark Scans“ pseudoarchäologische Methoden zum Einsatz kämen, bei denen Schlussfolgerungen gezogen würden, bevor ausreichend Beweise gesammelt worden seien."
 
Wenige Tage zuvor, am 28.3. hatte die britische DailyMail  bereits einen Titel zum Thema:
Der Fokus dieses Artikels liegt indes auf der Rolle der CIA, die über die "Fundstelle" tatsächlich eine Akte hatte, da sie um Luftbilder angefragt wurde. Die ersten Bilder der schiffsförmigen Felsfomration stammten tatsächlich von 1957 von der türkischen Luftwaffe, die hier die Ostgrenze der Nato gegen die UdSSR sicherte. Lange war das Militär die einzige Möglichkeit, Luftbilder zu erhalten und dementsprechend wurde die CIA verschiedentlich, auch von Kreationisten, um Bilder angefragt. Daily Mail erwähnt nur nebenbei das Projekt Noah's Ark mit dem angeblichen Nachweis einer Überschwemmungsschicht aus biblischen Zeiten und in einer Bildunterschrift steht zu lesen: "Geologists strongly contest the theory and argue that the Durupinar Formation can be explained by natural physical processes."
 
Es war indes der Bericht im Dagbladet, der in Deutschland zunächst von der BILD aufgegriffen wurde.
Die Bild verweist auf Sun und insbesondere das Dagbladet ohne jedoch dessen kritischen Hinweis aufzugreifen. Später greift der Fokus die Geschuchte auf und greift dazu auf die CIA-Story zurück.
Mitte April laufen die Berichte anscheinend aus, ehe am 14.5.2025 die griechische Newsbomb die Geschichte  auf, auf die sich zwei Tage später dann die Jerusalem Post beruft.
 
Die Bandbreite der Berichte reicht vom dumben Verbreiten des wissenschaftlich-methodischen Blödsinns über vorsichtige Distanzierung bis zur Hintergundrecherche, die den Bericht nutzt, um seriöse Forschung zu thematisieren.

Völlig unkritisch

vorsichtig distanzierend

Die Distanzierung findet bestenfalls am Ende statt, indem wie bei Dagbladet darauf hingewiesen wird, dass es Kritiker gäbe. In der Regel wird der Schwachsinn aber als eine gleichwertige Forschungsmeinung dargestellt. Wissenschaft verliert hier an Profil und lässt die Meinungen als völlig beliebig erscheinen.   


 Seriöser Wissenschaftsjournalismus

Der seriöse Journalismus braucht Zeit, die Beiträge - übrigens aus den Öffentlich-Rechtlichen - sind erst Wochen nach dem Hype erschienen.
 

Mangelnde Medienkompetenz und fehlendes Wissenschaftsverständnis

Bedenklich sind die völlig unkritischen, mehr noch aber vielleicht die vorsichtig distanzierenden Beiträge, da sie zur Erosion der Wissenschaft und damit auch der gesellschaftlichen Stabilität und Zukunftsfähigkeit beitragen.  Hier wird deutlich, dass es den betreffenden Journalist*innen an der Kenntnis oder Motivation fehlt, die betreffenden Meldungen als unwissenschaftlich zu erkennen und einzuordnen. In Bezug auf die Archäologie stellt sich allerdings auch die Frage, woher diese Kompetenz stammen soll, wenn schon in der archäologichen Vermittlungsarbeit die archäologischen Methoden immer wieder nur auf Ausgrabung und neuerdings auch Hightech-Methoden verkürzt werden (hier hat Noah's Ark ja auch bunte Bilder von Geophysik im Angebot)? 
 
Quellenkritik und Interpretationsmethoden der Archäologie müssen zwingend ein Teil der archäologischen Wissenschaftsvermittlung sein, um das Wissenschaftsverständnis in der Gesellschaft  zu fördern. Das ist gar nicht so einfach, wenn hier auch fachunntern ein Defizit besteht. Die Arche Noah-Berichterstattung zeigt auch, dass ein wissenschaftlich-kritischer Blick auch Teil moderner Medienkompetenz ist, denn dieser ist notwendig, um Pseudowissenschaft und tatsächliche FakeNews als solche zu erkennen.
 
Die Archäologischen Wissenschaften müssen hier dringend ihre Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und auch ihre Vermittlungsarbeit überdenken (siehe z.B. Diederich 2023).
 

Links

 

Freitag, 28. Februar 2025

Feldforschung des Great Viking Survey

Klischee-Wikinger in der Vorstellung von KI
(Bild: mit ideogram.ai)

Die Universität Oslo hat vor kurzem den Great Viking Survey gestarte, eine breit angelegte Studie, um zu untersuchen, wie Menschen auf der ganzen Welt die Wikinger wahrnehmen und mit ihrer Geschichte und Kultur umgehen. Es sollen die unterschiedlichen Arten dargestellt werden, wie moderne Medien und Wissenschaft diese Bilder schildet. Diese online-Umfrage lädt alle Erwachsenen ein, ihre Gedanken über die legendäre Figur des Wikinger-Kriegers und das bleibende Vermächtnis der und die Erinnerung an die Wikinger in der modernen Welt zu teilen. Damit können die Wissenschaftler genau beleuchten, welche Mittel und Mechanismen es ermöglichen, Bilder und Mythen der Wikinger zu formen und in der öffentlichkeit. zu verbreiten.



Die Umfrage ist Teil des " Making a Warrior-project" ein skandinavisches Netzwerk von Wissenschaftlern, das sich für das Konzept des wikingischen Kriegertums und dessen historischen und aktuellen Darstellungen interessiert. Durch eine Differenzierung der Wikingerbilder verschiedener Gruppen und Gemeinschaften erlaubt es das Projekt künftiger Öffentlichkeitsarbeit und Kulturerbe-Initiativen Iformationen zu den Interessen der Öffentlichkeit bereit zu stellen und so ein differenziertes Bild der Wikingerzeit zu fördern.


Auf vikingsurvey.org ist die Umfrage bis Mitte Mai 2025 zugänglich.


Sonntag, 19. Januar 2025

Die „blöden Römer“ - Köder für Medien und Publikum?

Ein neuer Artikel zur atmosphärischen Bleibelastung im frühen 1. Jahrtausend (McConnell et al. 2025), erschienen in PNAS (leider nicht OpenAccess), ist Anlaß für einen Beitrag in der ARD zu den Umweltsünden der Römer.

Meine Aussagen zum Thema hatten sich eigentlich nicht so sehr ausschließlich auf die Römerzeit bezogen. Trotzdem hörenswert.

Hohe Bleibelastungen aus der Römerzeit sind schon lange bekannt und sind schon lange Gegenstand einer wissenschaftlichen Debatte, die sich sogar zu der These verstiegen hat, das Blei sei Schuld am Untergang des Römerreichs. Prinzipiell gab es in römischer Zeit verschiedene Wege der Blei -Exposition etwa durch die Verwendung von Farben, Kosmetika und Bleirohren für das Trinkwasser. Bleiglasierte Keramik spielte dabei sicher nur eine untergeordnete Rolle. Aufgrund von Eisbohrkernen wurde nun aber eine atmosphärische Bleibelastung festgestellt, aufgrund der die Konzentrationen in der Luft modelliert wurden, die erhebliche gesundheitliche Folgen gehabt haben dürften. Plakativ wird der IQ berechnet - was auch der Köder ist, den die Medien begierig geschluckt haben.

Nun zeigt die Studie diese hohen Bleibelastungen nur im 1. Jahrhundert n.Chr., nicht aber zur Zeit des "Untergangs des Römischen Reichs". Leider bricht die Messkurve nun um 600 ab. Eine frühere Studie an Grönlandeis hat entsprechend hohe Werte wieder in der Karolingerzeit gefunden, aber leider die spätere Entwicklung ebenfalls ausgeklammert (McConnell et al. 2018). Spekuliert man über Auswirkungen solcher Umweltfaktoren auf historische Entwicklungen, sollte man stets die Gesamtkurve über die Zeiten hinweg betrachten und das Mittelalter nicht unter den Tisch fallen lassen. Tatsächlich zeigten Messungen der Bleibelastungen in Hochmoor-Ablagerungen an vielen Orten im westlichen Mitteleuropa während des Mittelalters in der Regel deutlich höhere Bleibelastungen als in der Römerzeit (Frenzel / Kempter 2004).  

 

Römische Halde bei Imsbach -
vegetationsfrei aufgrund der Schwermetallbelastung, heute unter Naturschutz
(Foto: R. Schreg)


In der Bergbauiedlung von Sulzburg im Südschwarzwald sind anhand anthropologischer Untersuchungen auch die Auswirkungen auf die Menschen zu beobachten (Alt et al. 2008). Auf dem kleinen Friedhof um eine um die Mitte des 12. Jahrhunderts errichtete Kirche ist die Kindersterblichkeit zwar im normalen Rahmen, aber  an den Skeletten auch von Kindern wurden degenerative Krankheiten des Knochenbaus beobachtet, die auf eine starke Belastung bzw. eine schleichende Bleivergiftung zurückzuführen sind. Zwar darf man im Silberbergbau auch Kinderarbeit erwarten, doch dürfte in diesem Fall die Aufnahme des Bleis nicht als Folge der Arbeit im Bergbau, sondern auf die belastete Umwelt zurück zu führen sein. Noch heute ist der Gemüsebau wegen der Schwermetallbelastungen des mittelalterlichen Bergbaus in mehreren Tälern des Südschwarzwaldes eingeschränkt (Hoppe et al 1993): Bleibelastungen mittelalterlichen Bergbaus finden sich vielerorts (z.B. Hildebrandt ca 1995).

Derartige Umweltverschmutzungen haben immer wieder das Interesse der Forschung gefunden (z.B. Leguay 2005; Borsos et al. 2003).  In der Archäologie steht das Thema jedoch nicht im Mittelpunkt, da es nur interdisziplinär zu bewältigen ist und die entsprechende Analytik voraussetzt.
Die Frage, inwiefern die Menschen der Vergangenheit die Zusammenhänge mit ihrer Gesundheit jeweils erkannt haben, bleibt meist ungewiss, obgleich Erfahrungswissen durchaus vorhanden war. Geifbar wird dies ab dem Spätmittelalter (Rößner 1995, 72).

Umwelthistorisch sind andere menschliche Aktivitäten wahrscheinlich wirksamer als der Umgang mit Blei. In vorindustriellen Gesellschaften ist es vor allem der Umgang mit dem Boden, der in vielfältiger Weise auf die menschliche Nutzung reagiert (Montgomery 2011). In der Römerzeit scheinen die regionalen Unterschiede bei Erosion und Bodendegradation recht groß, deutlicher wird das Bild dann im Hoch- und Spätmittelalter, als die Landnutzung auf eine zunehmende Bevölkerung . abgestimmt werden musste, was sicher ein wesentlicher Faktor für die Krise des 14. Jahrhunderts war (Schreg 2019).

Schade, dass Spekulationen über den IQ der Römer eine langfristige umwelthistorische Bewertung des Bleigehaltes in der Atmosphäre in den Hintergrund drängen.

Literatur

  • Alt et al. 2008
    K. W. Alt / R. Brenn / B. Lohrke / W. Müller / M. Rauschkolb / H. Steuer (Hrsg.), Die mittelalterliche Bergbaubevölkerung des 12. Jhs. von Sulzburg, Kr. Breisgau-Hochschwarzwald. Anthropologische und archäometrische Studien. Freiburger Beitr. Arch. u. Gesch. 13 (Rahden/Westf. 2008). 
  • Borsos et al. 2003
    E. Borsos / I. Makra / R. Béczi / B. Vitànyi / M. Szentpéteri, Anthropogenic Air Pollution in the Ancient Times. Acta Climatologica et Chorologica 36-37, 2003, 5–15.
  • Frenzel / Kempter 2004
    B. Frenzel / H. Kempter, Frühe Umweltverschmutzungen: Die Schwermetallablagerungen in Schwarzwälder Hochmooren. In: G. Markl / S. Lorenz (Hrsg.), Silber, Kupfer, Kobalt. Bergbau im Schwarzwald. Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Freiburg i. Br 72 (Filderstadt 2004) 99–130. 
  • Gottschalk 1999
    R. Gottschalk (Hrsg.), Früher Bergbau im südlichen Schwarzwald. Begleitheft zur Ausstellung des Museums für Ur- und Frühgeschichte der Stadt Freiburg i. Br. Arch. Inf. Bad.-Württ. 41 (Stuttgart 1999).
  • Hildebrandt [ca. 1995
    L. H. Hildebrandt, Schwermetallbelstungen durch den historischen Bergbau im Raum Wiesloch. Handbuch Boden (Mannheim [ca. 1995). - https://pudi.lubw.de/detailseite/-/publication/84504-Schwermetallbelastungen_durch_den_historischen_Bergbau_im_Raum_Wiesloch.pdf
  • Hoppe et al. 1993
    A. Hoppe / A. Foellmer / T. Nöltner, Historischer Erzbergbau im Schwarzwald und Schwermetalle in Böden der Staufener Bucht (südliche Oberrheinebene). In: H. Steuer / U. Zimmermann (Hrsg.), Montanarchäologie in Europa. Berichte zum Internationalen Kolloquium "Frühe Erzgewinnung und Verhüttung in Europa" in Freiburg im Breisgau vom 4. bis -  7. Oktober 1990. Archäologie und Geschichte 4 (Sigmaringen 1993) 249–254.  - https://doi.org/10.11588/propylaeum.1030.c14276
  • Leguay 2005
    J.-P. Leguay, La pollution au moyen âge dans le royaume de France et dans les grands fiefs. Collection Gisserot Histoire (Paris 2005).
  • McConnell et al. 2018
    J. R. McConnell / A. I. Wilson / A. Stohl / M. M. Arienzo / N. J. Chellman / S. Eckhardt / E. M. Thompson / A. M. Pollard / J. P. Steffensen, Lead pollution recorded in Greenland ice indicates European emissions tracked plagues, wars, and imperial expansion during antiquity. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 115,22, 2018, 5726–5731. 
  • McConnell et al. 2025
    J. R. McConnell / N. J. Chellman / A. Plach / S. M. Wensman / G. Plunkett / A. Stohl / N.-K. Smith / B. Møllesøe Vinther / D. Dahl-Jensen / J. P. Steffensen / D. Fritzsche / S. O. Camara-Brugger / B. T. McDonald / A. I. Wilson, Pan-European atmospheric lead pollution, enhanced blood lead levels, and cognitive decline from Roman-era mining and smelting. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 122,3, 2025, e2419630121. - https://doi.org./10.1073/pnas.2419630121
  • Montgomery 2011
    D. R. Montgomery, Dreck. Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 1142 (Bonn 2011).
  • Rößner 1995
    M. B. Rößner, Gesundheitsgefährdung durch Umweltverschmutzung. Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 66/1, 1995, 69–80.
  • Schreg 2019
    R. Schreg, Plague and Desertion – A Consequence of Anthropogenic Landscape Change? Archaeological Studies in Southern Germany. In: M. Bauch / G. J. Schenk (Hrsg.), The Crisis of the 14th Century. Das Mittelalter. Beih. 13 (Berlin, Boston 2019) 221–246. - http://doi.org/10.1515/9783110660784-011

Änderungsvermerk 24.11.2025: redaktionelle Bearbeitung

Donnerstag, 9. Januar 2025

Cold Case Ötzi - Mordermittlung als archäologisches Narrativ


Josef Rohrer

 

Cold Case Ötzi.
Eine Spurensicherung von Alexander Horn, Oliver Peschel und Andreas Putzer.

  

Bozen: Folio-Verlag, Wien 2024

ISBN 978-3-85256-904-8

.Hardcover mit Lesebändchen, 174 Seiten, zahlreiche farvige Abbildungen

24,00€


Krimis boomen. Gefühlt gibt es wesentlich mehr literarische Mordopfer als in der Realität und die Dichte von Mord und Sonderkommission übersteigt wohl bei weitem die tatsächliche Ausstattung der Polizeibehörden. Noch im letzten idyllischen Winkel gibt es Mord und Totschlag. Vielleicht ist es der Grund, dass mittlerweile True Crime so eine große Rolle spielt, dass Podcasts und Zeitschriften alte Kriminalfälle aufräumen, besonders gerne natürlich die ungelösten Cold Cases

Da Archäologie schon immer wieder mit Kriminalistik verglichen worden ist, verwundert es nicht, dass dieser Trend auch auf die Archäologie übergreift.

Und Ötzi bietet sich hier natürlich an, seit 2001 entdeckt wurde, dass Ötzi von hinten mit einem Pfeil erschossen wurde. Seitdem rückt der Kriminalfall in den Mittelpunkt des Interesses, vor allem, aber nicht nur in populärwissenschaftliche Darstellungen. Ötzi ist in erster Linie ein Kriminalfall und weniger eine Quelle zur Kenntnis, kupferzeitlicher Gesellschaften. Und natürlich ist der Mann im Eis auch der Cold Case im unmittelbaren Sinne.



Webcam an der Fundstelle von Ötzi auf dem Tisenjoch,
www.foto-webcam.eu (gemäß https://www.foto-webcam.eu/webcam/tisenjoch/2025/01/05/1130)“ 

 

Der Journalist Josef Rohrer, Kriminalist Alexander Horn, Rechtsmediziner Oliver Peschel und der Archäologe Andreas Putzer bilden ein Ermittlerteam, das auf einer Alphütte mit WLAN den Fall Ötzi durchgeht. Zwei Mal verlassen Sie die Hütte. Einmal treffen sie bei einem Spaziergang auf eine Gams, die Anlass gibt über Jagdtechniken zu reden, einmal - zum Ende - besuchen sie den Tatort und versuchen eine Rekonstruktion des Tathergangs.

Ansonsten diskutieren sie Schritt für Schritt den Fall und bringen ihre fachliche Expertise ein. Vor allem der Archäologe Andreas Putzer referiert die bisherigen Forschungsergebnisse. Dabei fallen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie die Namen der betreffenden Forscher und das ganze Buch kennt keine Literaturverweise. Auch die im Buch verteilten QR-Codes führen hier nur zu weiteren Bildern aber nicht zu weiteren Informationen.

Dafür ist das Buch spannend zu lesen und dürfte es schaffen, ein Publikum an die Archäologie heranzuführen, das nicht zum Stammpublikum gehört. Schade, dass die Chance verpasst wurde, die Neugier weiter zu leiten, etwa an das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen,

Die Ermittler entwerfen schließlich ein Bild der Vorgänge in Ötzis letzten Tagen. Es deckt sich weitgehend mit der Darstellung von Wiener et al 2018, die eine detaillierte Betrachtung von Ötzis Werkzeugen zum Anlaß genommen haben, das Szenario, das sich aus den jüngeren Forschungen ergibt knapp darzustellen.
 

Ötzis letzte Tage nach Wiener et al.  2018 (CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)




Ein wichtiges Detail ist es, dass der Silexdolch, zwei Pfeilspitzen, der Endschaber, der Bohrer und der kleine Geweihretuscheur überwiegend ihr letztes Stadium der Verwendbarkeit erreicht hatten. Sie weisen auf eine intensive Nutzung, hauptsächlich durch die Bearbeitung von Pflanzen. Die Geräte wurden nachgeschärft und zeigen Absplisse vom Gebrauch.. Offensichtlich hatte Ötzi schon seit längerem keinen Zugang mehr zu Hornstein, denn er nutzte offenbar auch die Pfeilspitze als Schaber zur Bearbeitung pflanzlicher Materialien. Wiener et al. versuchen die Informationen der Objektbiographien in das Bild einzufügen, das die Forschung bislang von Ötzis letzten Tagen gezeichnet hat (Abb.): Wahrscheinlich befanden sich alle Werkzeuge bereits Tage vor seinem letzten Bergaufstieg in seinem Besitz. Das gilt auch für die Spitze von Pfeil 14,die bereits im gleichen Stil wie Pfeilspitze 12 nachgeschärft wurde, aber von einem Linkshänder gefertigt wurde. Der Zeitpunkt des Bruchs der beiden steinernen Pfeilspitzen kann nicht angegeben werden, könnte aber in diesen Stunden geschehen sein. Sicher hat Ötzi die letzten Nachschärfungen der Silexwerkzeuge selbst vorgenommen, bevor er sich die tiefe Wunde an der rechten Hand zugezogen hat. Die Verletzung dürfte auch als terminus ante quem für alle anderen manuellen Arbeiten zu sehen sein, die unvollendet geblieben sind, wie die Fertigstellung des Bogenrohlings und der Pfeilschäfte: Obwohl sich Ötzi in tiefere Lagen aufgehalten, war es ihm nicht gelungen die notwendigen Gegenstände zu besorgen und sein abgearbeitetes Gerät zu ersetzen. Vielleicht hätte Ötzi aus diesem Grund die zerbrochenen Pfeilspitzen behalten und auch einige Geweihspitzen mitgenommen, einem alternativen Rohmaterial für die Herstellung von Pfeilspitzen.

Das Ermittlerteam um Pelzer diskutiert solche Befunde. Wichtig für das Verständnis der Vorgänge ist die genannte Handverletzung, die der Profiler als Indiz für eine gewaltsame Auseinandersetzung nimmt, in der Ötzi seinen Gegner wahrscheinlich erfolgreich abgewehrt und wahrscheinlich sogar getötet hat. Der Aufstieg zum Tisenjoch stellt sich als Flucht dar, sein Tod als persönliche Rache, der ihn gezielt von hinten ermordet hat.


Zwei Punkte an dem Buch scheinen mir bemerkenswert:

Die Argumentation des Ermittlerteams geht von wahrscheinlichen Szenarien aus, um ein Gesamtbild zu erreichen und ein Täterprofil zu erstellen. Ötzis Mörder war demnach wahrscheinlich männlich, stammte aus der Region Untervinschgau, war Jäger und Bogenschütze mit hoher körperlicher Belastbarkeit und ging bei der Verfolgung und beim Mord strukturiert und unter Kontrolle seiner Emotionen vor (S. 170). Heute hätte die Polizei damit einen Anhaltspunkt, konkret den Täter einzugrenzen und weitere Beweise für die Tat zu finden. In der Archäologie gelingt das nicht und für eine Wissenschaft ist das auch kritisch, weil am Ende eben kein gesichertes Wissen, sondern eine Hypothese steht. Hinter diesem Vorgehen steht eine pragmatische Heuristik, die zu näherungsweisen Aussagen bei begrenzter Datenlage führt. Das erste Kapitel ist überschrieben mit “Ockhams Rasiermesser”, das aber leider nicht genauer erklärt wird. Es handelt sich dabei um ein Erklärungsprinzip der Scholastik, benannt nach Wilhelm von Ockham (1288–1347), das einfache Erklärungen mit möglichst wenigen Variablen und Komplikationen präferiert. Im Verlauf der Diskussion werden aber viele Kenntnislücken deutlich. Vielfach sind die Wahrscheinlichkeitsannahmen des Profilers von modernen Erfahrungen geprägt. Bei der Frage nach Ötzis Position in der lokalen Gesellschaft beispielsweise wäre der Input eines Ethnographen/ Kulturanthropologen sehr erhellend gewesen.


Das Narrativ der Kriminalermittlung scheint für das Publikum sehr attraktiv. Anders als wir das von Aktenzeichen XY und anderen TrueCrime Dokumentationen gewohnt sind, beginnt die Geschichte nicht mit einer Darstellung des Tathergangs,wie das auf der Basis der Zeugenaussagen oder einer genauen Ortskenntnis des Tatorts möglich ist. Im Falle von Özi sind die Zeugen - sollte es sie gegeben haben - längst tot und der Tatort ist durch die Jahrtausende in hohem Maß verändert. Das Team geht die vorliegenden Indizien einigermaßen systematisch durch, indem der Leichnam und seine Funde nach und nach durchgegangen werden und dabei Fragen nach Ötzis Biographie und sozialer Rolle diskutiert werden. Hier kommen Ergebnisse von Isotopenstudien und Paläogenetik ebenso zur Sprache wie das Siedlungsbild im Alpenraum. Am Ende stehen eine Tatortbegehung und eine Rekonstruktion des Tathergangs. Dieses systematische, am Kriminalfall interessierte Narrativ bricht mit dem in der Archäologie häufigen Narrativ der Entdeckungsgeschichte, das gerade im Falle von Ötzi die meisten Darstellungen dominiert (Spindler 1993).


Mit dem Krimi ist nun im Fall Ötzi eine klare, eingängige Fragestellung da - sie fehlt bei den meisten archäologischen Forschungen in dieser Prägnanz. Nicht nur im Sinne der Wissenschaft, sondern auch im Sinne der Wissenschaftskommunikation sollten wir das schärfen. Archäologie kann damit (noch) interessanter werden und wohl auch seine Relevanz besser darstellen. Apropos Relevanz. Die Frage nach Ötzis Mörder ist eigentlich belanglos. Wir werden ihn nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Die Frage, wie Ötzis Gemeinschaft strukturiert war und im Alltag funktioniert hat, wie sie ihre alpine Umwelt mit den Mitteln ihrer Zeit gemeistert hat, ist viel wichtiger… Rohrer et al. setzen sich damit nur ganz am Rande auseinander.


Literaturhinweise

  • Dickson 2005
    J.H. Dickson/ K. Oeggl/ L.L. Hadley, The Iceman reconsidered. Scientific American Special Edition 2005; 15(1): 4–13. - doi:10.1038/scientificamerican0105-4sp
  • Gostner et al. 2004
    P. Gostner / E. Egarter-Vigl/ U. Reinstadler, Der Mann im Eis – eine paläoradiologisch-forensische Studie zehn Jahre nach der Auffindung der Mumie. Germania 2004; 82: 83–107. - DOI: https://doi.org/10.11588/ger.2004.95363
  • Gostner et al. 2011
    P. Gostner / P, Pernter/ G. Bonatti/ A. Graefen/ A. Zink, New radiological insights into the life and death of the Tyrolean Iceman. Journ. Arch. Science 38, 2011; 3425–3431. - https://doi.org/10.1016/j.jas.2011.08.003
  • Lippert et al. 2007
    A. Lippert/ P. Gostner/ E. Egarter Vigl/ P. Pernter, Vom Leben und Sterben des Ötztaler Gletschermannes. Neue medizinische und archäologische Erkenntnisse. Germania 2007; 85: 1–21. - DOI: https://doi.org/10.11588/ger.2007.95436
  • Maixner et al. 2026
    F. Maixner/ D.Turaev/ B. Krause-Kyora/ A. Cazenave-Gassiot/ M. Janko/ M.R. Hoopmann et al., Multi-omnics study of the Iceman’s stomach content shows main components of a Copper Age meal: fat, wild meat and cereals. Abstracts of the 3rd Bolzano Mummy Congress; 2016 Sept 19–21 (Bolzano 2016) 17–18.
  • Nerlich et al. 2003
    A.G. Nerlich/ B. Bachmeie/ A. Zink/ S.Thalhammer/ E. Egater-Vigl, Ötzi had a wound on his right hand. Lancet 2003; 362: 334. pmid:12892980 - DOI: 10.1016/S0140-6736(03)13992-X
  • Oeggi et al. 2007
    K. Oeggl/ W.Kofler/ A. Schmid/ J.H. Dickson/ E. Egarter Vigl/ O,Gaber, The reconstruction of the last itinerary of “Ötzi”, the Neolithic Iceman, by pollen analyses from sequentially sampled gut extracts. Quat Sci Rev 2007; 26: 853–861. - https://doi.org/10.1016/j.quascirev.2006.12.007
  • Spindler 1993
    K. Spindler, Der Mann im Eis: die Ötztaler Mumie verrät die Geheimnisse der Steinzeit (München 1993)
  • Wierer et al. 2018
    U. Wierer/ S Arrighi/ S. Bertola/ G. Kaufmann/ B. Baumgarten et al. , The Iceman’s lithic toolkit: Raw material, technology, typology and use. PLOS ONE 13(6), 2019,: e0198292. - https://doi.org/10.1371/journal.pone.0198292

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Mittwoch, 25. Dezember 2024

Der archäologische AdventsKIlender, Nachdenkliches

 

 

Adventskalender 2024
 

Ich habe den Adventskalender 2024 als AdventsKIlender gestaltet und dafür eine Auswahl von KI generierten Bildern verwendet, die mit einigen Prompts rund um die Archäologie entstanden sind. Meist generiert die KI in einem Durchlauf mehrere Bilder, die bei dem hier zumeist verwendeten Microsoft Designer stilistisch und von der Grundidee des Bildes einander sehr ähnlich sind. Jeder Durchlauf kreiert etwas andere Bilder., aber der Duktus ist erstaunlich einheitlich. Braun- und Gelbtöne dominieren die Bilder, das Setting ist ausgesprochen kolonialistisch und es dominieren Ägypten und Mesoamerika das Szenarium. Interssanterweise ist das Hightechbild der Archäologie, das in den Medien immer wieder auftritt in den Bildern noch nicht präsent. Das Büro im Landesdenkmalamt beispielsweise enthält zwar mehrere Globen, aber keinen Computer (Türchen 9; anders allerdings im Großraumbüro der Abt. Bodendenkmalpflege, die über Bildschirme verfügt (Türchen 10). Die Grabungsszenen zeigen erwartungsgemäß pinselnde Archäologen - wobei auch bei dem nicht gegenderten Prompt gleichermaßen Männer wie Frauen gezeigt werden.

Gegenüber ersten Tests mit KI-generierten Bildern vor etwa einem Jahr, wo häufig eklatante Fehler wie Hände mit sechs Fingern oder anatomisch unrealistischen Körperhaltungen  produziert wurden (Archaeologik 8.5.2023), ist die Bilanz bei den Bildern für den AdventsKIlender deutlich besser - sieht man mal von den berüsselten Neandertalern ab (Türchen 11).

Bei aller Spielerei sind die KI-Bilder sehr interessant, spiegeln sie doch die Quellen wieder, anhand derer die KI trainiert wurde und entlarvt so auch Klischees, die sich in der Gesellschaft und im digitalen Trainingsmaterial  finden.

Natürlich sind der KI Fachbegriffe wie ältere gelbe Drehscheibenware  (Türchen 12, vgl. Adventskalender 2023, Türchen 7) oder auch nur das klassische Pfostenloch Türchen  13) unbekannt. Es ist auch klar, dass KI in der vorliegenden Form unbrauchbar ist, um Rekonstruieren und Lebensbilder der Vergangenheit zeichnen zu lassen. Die Tätigkeiten in dem jungsteinzeitlichen Dorf (Türchen 14) sind nicht zu identifizieren, die Landschaft wird parkartig dargestellt. Ein Kennzeichen vieler Darstellungen ist es, dass viele Funde, meist Phantasieobjekte, schön nebeneinander drapiert ausliegen, egal ob auf der Grabungsfläche oder auf dem Schreibtisch.

Verschiedene Versuche mit einem Prompt wie archäologische Fundzeichnung o.ä. erbrachte nie eine Darstellung, die einer modernen zeichnerischen Dokumentation entspricht, sondern war eher von Fundpublikationen des 19. Jahrhunderts inspiriert (Türchen 12). 

Diese KI-Versuche waren nun keine systematische wissenschaftliche Untersuchung, ich habe auch nicht verschiedene Bild-KIs genutzt, erst recht keine professionellen. Insofern könnten durchaus qualitativ bessere Ergebnisse zu erzielen sein. Das Bild hinter Türchen 17 habe ich einer  facebook-Gruppe Ancient Civilisations and Archaeology  entnommen, die aktuell hin und wieder KI-fakes verbreitet und diese als echt ausgibt. Für den Laien ist das häufig nicht mehr leicht zu  erkennen.

So war der AdventsKIlender zumindest für mich recht vergnüglich, aber leider zeigt er auch einige Schwächen in der Wissenschaftskommunikation aus: 1.) einen geringen Anteil seriöser Archäologie im KI-Trainingspool und 2.) die  Gefahr ,die der seriösen Forschung  und deren Glaubwürdigkeit durch „Skeptiker“ und durch Parawissenschaften droht.



Montag, 11. November 2024

Schäbige Archäologie! Eine Raubgrabung der besonderen Art

Miss Jones aka Geesche Wilts investigativ:

 

Das Schatzhaus von Petra
(Foto: Bernard Gagno,
CC BY SA 3.0

via WikimediaCommons)

Da kommt ein britisch-amerikanisches Team (Richard Bates, St. Andrew University; Josh Gates, Pearce Paul Creasman), nimmt die Schutzplanen von einer vor bald 20 Jahren eingemotteten Grabung und tut so, als seien sie die Entdecker.  Der echte Ausgräber, der Jordanier Suleiman Farajat hat am 19.10.2024 via facebook auf diese besondere Form der Raubgrabung hingewiesen..

Alles schön für die Kamera vom Discovery Channel, kurz vor Ausstrahlung der neuen Folge. 

Ach ja, der Heilige Gral des Indiana Jones wird allen Ernstes auch noch gefunden.

 - Schäbig, kolonialistisch, unverantwortlich und zum Schaden der Wissenschaft und des Anstands.


 

 (ich empfehle die automatische Übersetzung...)

 Links 

In Deutschland sind auf diesen Schmu reingefallen:

Österreich und die Schweiz halten mit: