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Freitag, 12. November 2021

Kulturraub

Kulturraub - Fallbeispiele aus Syrien, Irak, Jemen, Ägypten und Libyen

herausgegeben von Birthe Hemeier - Isber Sabrine

Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Reimer 2021

ISBN 978-3-496-01669-4
330 Seiten mit 485 Abbildungen, 1 Diagramm und 7 Karten


29.-€ (D)

 
Der arabische Frühling hat ab 2011 in vielen Staaten des Nahen Ostens zu politischer Instabilität oder gar zu Krieg geführt. Schätzungsweise eine halbe Million Menschen sind im Bürgerkrieg in Syrien ums Leben gekommen. Viele der Überlebenden haben ihre Heimat verloren, sei es dass sie auf der Flucht sind oder ihre Wohnungen, Häuser, Städte oder Länder verwüstet und zerstört sind. Damit einher geht ein Verlust an Kulturgut der im Westen mit Entsetzen registriert wurde, weil wir doch die Region als Wiege der (eigenen, westlichen) Zivilisation begreifen und in vielfältiger Weise eine Aneignung stattgefunden hat. Konkret wurden und werden archäologische Stätten für Sammlungen in Europa und Nordamerika geplündert. Zum Teil ist aber auch die Wissenschaft ein Teil der Aneignung und des Kulturraubs. Das Problem sind dabei weniger das Interesse und die Forschungsmittel, die westliche Institute und Universitäten aufbringen, als vielmehr der kolonialistische Umgang mit den Menschen vor Ort. Beispiele wie die Zwangsumsiedlungen der Bevölkerung von Palmyra (Syrien) durch die damaligen Mandatsmacht Frankreich (vgl. Archaeologik 28.12.2015) oder der in Petra (Jordanien) lebenden Beduinen durch die jordanische Regierung seit den 1960er Jahren. Die Bevöllerung störte und musste weichen, um für die Wissenschaft und den Tourismus archäologische Stätten. zu gestalten. Solche Aktionen trugen nicht dazu bei, dass sich die einheimische Bevölkerung mit den historischen Überresten in ihrer Heimat positiv identifiziert.

IS/Daesh machte sich dies zu nutzen indem er einerseits demonstrativ Denkmäler zerstörte, die vor allem für den Westen große Bedeutung besaßen, sich andererseits aber durch die Plünderung der Fundstellen eine Finanzierungsquelle im westlichen Kunstmarkt erschloss. Letzteres scheinen aber auch andere Kriegsparteien erfolgreich zu praktizieren.

So sind die Vorgänge im Nahen Osten eng mit uns verbunden und lassen uns - insbesondere uns, den Archäolog*innen - eine Mitverantwortung erstehen..

Der Band Kulturraub, herausgegeben von den Staatlichen Museen zu Berlin, die forschungsgeschichtlich tief in diesem Kolonialismus und klassischen Kulturraub verstrickt sind, zieht eine Bilanz nach rund einem Jahrzehnt der Zerstörungen. In dem Buch berichten Museums- und Antikenverantwortliche aus den betroffenen Ländern erstmals über das massiv bedrohte kulturelle Erbe ihrer Heimat. Dass viele Denkmalpfleger*innen und Museumsleute aus den betroffenen Ländern zu Wort, kommen, ist ausdrücklich hervorzuheben, auch wenn unsicher bleibt, ob tatsächlich Augenhöhe erreicht ist, oder ob hier nur "Hausmeisterdienste" gefragt sind. Da an vielen Orten beispielsweise in Syrien und dem Jemen an eine Arbeit vor Ort nicht zu denken ist, ist man oftmals nach wie vor auf Sekundärquellen angewiesen. Viele Plünderungen lassen sich nur über Spuren im Netz, sei es in sozialen Medien, Satellitenbildern oder auf Auktionsplattformen wie ebay in Detektivarbeit erfassen. Der Band bildet viele Funde ab, deren Schicksal nach Museums- oder Depotplünderungen ungewiss ist. Eine Hoffnung besteht darin, dass es für den illegalen Markt von Vorteil ist, wenn Objekte als zerstört gelten und niemand mehr genauer nachfrägt. Manches mag also irgendwann wieder einmal auftauchen. Zugleich belegen aber Raubgrabungsspuren in allen hier besprochenen Ländern, dass viele Funde auf dem Markt sein müssen, die noch keine Fachleute gesehen haben und die selbstverständlich nirgends dokumentiert sind. Einige Beiträge thematisieren diese Antikenhehlerei, doch wäre ein Beitrag wünschenswert gewesen, der einen Überblick über die Strukturen schafft. Warum hier die Ergebnisse des in Berlin angesiedelten ILLICID-Projektes (vgl. Archaeologik 9.3.2020; Archaeologik 13.8.2019) nicht klar angesprochen werden, ist mir unverständlich.

Was der Band indes leistet, ist, dass für viele Fundstellen das Ausmaß der Zerstörungen und Plünderungen nun deutlicher wird. Zu Beginn der Länderabschnitte findet sich jeweils eine Karte mit den exemplarisch behandelten Fundorten. Auf einzelne Inhalte möchte ich, fokussiert lediglich auf Syrien, besonders hinweisen:

Die Werbung eines deutschen Münzhändlers, der 2015 aus der Zerstörung Palmyras Gewinn zu schlagen versuchte, indem er - nach der Fundmasse geurteilt eher gängige - Münzen des palmyrenischen Sonderreiches für den doppelten Marktwert anbot, mit der völlig irreleitenden Werbung, der Kunde könne durch den Kauf der Münzen einen Beitrag zum Kulturguterhalt leisten (S. 47ff.).

Das Schicksal des Museums in Raqqa blieb mir in einzelnen isolierten Berichten, die auf Archaeologik (20.11.2013) verlinkt waren unklar. Ein Beitrag von Ayham Al-Fakhry gibt nun einen Überblick (S. 125ff.).

Die Altstadt von Aleppo hat unter dem Krieg besonders gelitten und war schon bald Gegenstand von Überlegungen zu den Möglichkeiten der Restaurierung (vgl. Archaeologik 19..5.2017; Archaeologik 3.1.2017) mit dem de facto Sieg des syrischen Regimes und seiner Verbündeten gibt es hier keine Möglichkeiten einer effektiven Einflussnahme. Inzwischen wird in Aleppo gebaut, doch spielen Denkmalpflege und die Interessen der dem Regime verdächtigen, weil lange oppositionellen Stadtbevölkerung keine besondere Rolle. Der Beitrag zu Aleppo dokumentiert vielmehr die Demontage historischer Bauteile (S. 31ff.).

Interessant ist die Zusammenstellung von Statements von Menschen aus Syrien, die in Raubgrabungen verwickelt sind, weil so die Strukturen der Raubgrabungen und des Handels deutlicher werden (S. 95ff.).

Das Beispiel einer neu-assyrischen Königsstele nutzt Neill Brodie um erneut die kriminellen Strukturen im Antikenhandel aufzuzeigen. Schon 1879 wurde auf dem Tal Sheikh Hamad der obere Teil einer Stele gefunden, die später ins British Museum gelangte. Im Jahr 2000 tauchte der untere Teil der Stele auf einer Auktion auf, angeblich seit den 1950er Jahren in Schweizer Privatbesitz. Nachdem das Stück zunächst nicht verkauft werden konnte, kontaktierte der Besitzer das British Museum, das ein Gutachten in Auftrag gab, das die Zusammengehörigkeit bestätigte, ausserdem aber auch den Archäologen zitierte, der in den 1970er Jahren an Tell Sheikh Hammad Grabungen durchführte und damals keine Spuren größerer Raubgrabungen registriert haben will. 2014 wurde die Stele in London erneut bei einer Auktion angeboten und mit dem 2012 publizierten Gutachten beworben und als legal dargestellt. Dieses Mal wurde die Stele aber von der Polizei beschlagnahmt. Als Besitzer erwies sich ein berüchtigter Antikenhändler, der beispielsweise auch in den dubiosen Fall des Seuso-Schatzes involviert war (vgl. Archaeologik 30.6.2015). Sicher ist, dass das Objekt illegal aus Syrien exportiert worden ist, egal ob in den 1960er oder 1990er Jahren, als offenbar doch Raubgrabungen an der Fundstelle stattgefunden haben. Deutlich wird, dass Archäolog*innen sich stärker für die Legalität und Provenienzen interessieren müssen (S. 101ff.). 

1879 gefundene neoassyrische Stele des Adad-Nirari III aus Dur-Katlimmu/Tal Sheikh Hamad im British Museum
1879 gefundene neoassyrische Stele des Adad-Nirari III aus Dur-Katlimmu/Tal Sheikh Hamad im British Museum.
(Foto: British Museum [ CC BY NC SA 4.0 ] via British Museum)
Der untere Teil tauchte 2000 im Kunsthandel auf.

Eine kritische Anmerkung zum Konzept der Publikation als durchaus ansprechend aufgemachtem Buch. Die Herausgebenden schreiben (S. 1), das Ausmaß des Raubs und der Plünderung von Kulturgütern sei bestenfalls Experten bekannt und die vorliegende Publikation dokumentiere prägnante Fallbeispiele für ein breiteres Publikum. Das ist richtig und wichtig, aber man fragt sich, ob ein Buch, auch wenn es nicht ganz 30 € kostet, effektiv dazu beiträgt, die Problematik breiter bekannt zu machen. Über das Buch stolpert nur, wer ohnehin schon eine Affinität zum Thema hat - und nur ein Bruchteil davon wird sich das Buch leisten und ins Regal stellen (oder gar lesen). Solche Themen, die öffentliche Aufmerksamkeit erfordern, gehören heute ohne große Hürden ins Internet. Zumindest müssen die Bücher digital im Open Access bereit stehen.




Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort der Herausgebenden/Foreword from the Editors
  • Übersicht der Beiträge/Abstracts
Syrien
  • Anonym, Aleppo. Demontagen aus historischen Wohngebäuden
  • Hasan Ali, Palmyra. Plünderung der Welterbestätte und ihres Museums
  • Raphaëlle Ziadé, Kirchen und Klöster. Gestohlene Ikonen
  • Fiona Greenland – Oya Topçuoğlu – Tasha Vorderstrasse, Raubgrabungen. Modellierung von Gewinnen
  • Anonym, Tote Städte. Raub von Mosaiken
  • Mohamad Alsbeeh, Kirchenmosaik. Entdeckung und Diebstahl in Babulin
  • Komait Abdallah, Fotobeitrag. Mosaiken aus den Sozialen Medien
  • Kulturgutschutzaktivisten, O-Töne. Stimmen aus der Raubgräberszene
  • Neil Brodie, Tall Sheikh Hamad. Eine Königsstele auf dem Kunstmarkt
  • Tasha Vorderstrasse, Dura Europos. Archäologische Detektivarbeit
  • Ristam Abdo, Tall Ajaja. Abbaggern und Plündern eines Siedlungshügels
  • Stefan Heidemann, Fundmünzen. Herkunft unbekannt?
  • Ayham Al-Fakhry, Raqqa. Museumsraub in Etappen
  • Yasser Shouhan, Hiraqla. Ein leergeräumtes Museumsdepot
  • Birthe Hemeier, Beterstatuetten. Etappen aus ihrem Leben
Irak
  • René Teijgeler, Irak. Manuskripte und Bücher, verbrannt oder gestohlen?
  • Simone Mühl, Nimrud. Die Inszenierung einer Zerstörung
  • Zaid Ghazi Saadallah, Mosul. Plünderung und Zerstörung im Museum
  • Peter A. Miglus – Stefan Maul, Ninive. Verwüstung und Plünderung des letzten unerforschten assyrischen Königspalastes
  • Anonym, Südirak. Heimliche Ausgrabungen im Randbereich
Jemen
  • Abdul Karim Al-Barkani, Jemen. Ein Plädoyer für den Kulturgutschutz
  • Ramzi Abdullah Saif ad-Dumaini, Taizz. Des Palastmuseums verlorene Sammlung
  • Rabi‘ Abdullah Muhammad al-Batul, Zinjibar. Plünderung des Museums durch Fundamentalisten
  • Iris Gerlach, AYDA-Denkmalregister. Ein Projekt zum Erhalt des Kulturerbes
Ägypten
  • Yolanda de la Torre Robles − Alejandro Jiménez Serrano, Elephantine. Kleinfunde gezielt aus Grabungsdepot gestohlen
    dazu: Cornelius von Pilgrim – Wolfgang Müller, Elephantine. Kleinfunde gezielt aus Grabungsdepot gestohlen – Addendum
  • Omniya Abdel Barr, Kairo. Bestohlene mamlukische Moscheen
  • Zsuzsanna Végh, Vorher/Nachher. Eine Mumie in den Händen der Raubgräber
Libyen
  • Ahmad Essa Farag Abdulkariem, Kyrene. Raubgrabungen in der Weltkulturerbestätte
  • Ahmed Hussein, Ostlibyen. Zwischen Museumsraub und Raubgrabung
  • Adrees A. A. Qatannish, Westlibyen. Die Museumsverluste von Sabratha und Bani Walid
  • Khaled Elhaddar, Bengasi. Der gestohlene ‚Schatz‘
Anhänge
  • Literaturverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Glossar

Im einleitenden Teil finden sich englische Abstracts, am Ende des Bandes arabische.

 

Links



Montag, 28. September 2020

ZDFinfo: "Blutantiquitäten" und Terror

Eine aktuelle Dokumentation des ZDF zeigt, wie berechtigt der Bericht "Blutantiquitäten" ist. Vor nicht allzu langer Zeit ist der Kunsthandel gegen die Verwendung des Begriffs "Blutantiken" gerichtlich als geschäftsschädigend vorgegangen.

Der Beitrag thematisiert vor allem illegale Funde aus Libyen und zeigt, wie neben den teuren Funden immer mehr auch Kleinobjekte im illegalen Handel an Bedeutung gewinnen. Dass die Geldströme nicht direkt auf Daesh/IS zurückgeführt werden können, ist nur logisch, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Antiken gerade aus Krisengebieten stammen.


Links

Freitag, 17. April 2020

Kulturgut im Vorderen Orient - 1. Quartal 2020

Ausgehend vom Bürgerkrieg in Syrien hat Archaeologik ab Mai 2012 erst unregelmäßig, dann monatlich und zuletzt zweimonatlich Medienberichte aus dem Krisengebiet Syrien und dann Nordirak zusammen gestellt. Diese Arbeit ist verschiedentlich aufgegriffen und gewürdigt worden. Die bisherigen Blogposts sind sicherlich hilfreich, wenn es einmal darum geht, den Ablauf der Syrienkrise forschungsgeschichtlich zu bewerten, auch wenn dann nicht mehr alle Links funktionieren werden.

Diese Berichte zu Syrien und Irak wird es auf Archaeologik so nun nicht mehr geben. Stattdessen werden einzelne Beiträge zu Syrien und Irak gepostet und eine wesentlich kürzere, nur noch etwa vierteljährliche  Medienschau.

Nach wie vor ist es ein wesentliches Ziel, zu zeigen, wie Kulturgut in Krieg und Krisen bedroht ist, wie es politischer Spielball sein kann, wie Archäolog*innen damit umgehen - und wo wir achtsam sein müssen: Beispielsweise auf das Auftauchen von Plünderungsgut aus Idlib im Antikenhandel (vgl. Archaeologik [11.4.2020]).
 
Zuletzt war die Nachrichtenfrequenz aus Syrien und Irak stark rückläufig, was wohl eher der Verlagerung der Aufmerksamkeit als einer Besserung der Lage geschuldet ist. Habe ich mich anfangs bemüht, einen einigermaßen vollständigen Überblick zu bieten, ist das im Lauf der Zeit schwieriger geworden, da viele meiner Informationsquellen im Netz verstummten, so z.B. APSA2011, deren Website nun offline ist. Auch die ASOR Monitoring Reports sind nun archiviert. Bestenfalls haben sie das Interesse verloren, in anderen Fällen besteht eher der Eindruck, dass Tod und Vertreibung zugeschlagen haben. Ich kann und will darüber im Einzelfall nicht spekulieren.

Nach wie vor gibt es die Damage Newsletters der Gruppe Heritage for Peace:
Weiterhin gibt es auch Informationen über der syrischen Altertumsbehörde, die freilich viel seltener geworden sind. Schadensberichte gab es schon immer v.a. aus den Gebieten in Rebellenhand. Im erstel Quartal gab es indes keine neue Pressemeldung

Kollateralschäden und Plünderungen/Raubgrabungen sind aber nach wie vor an der Tagesordnung, wenn auch die systematische Zerstörung von Kulturgut als politische Waffe durch Daesh/ IS vorläufig gestoppt ist. Dafür droht nun die USA bzw. POTUS Donald Trump mit der Zerstörung von Kulturgütern im Iran (Archaeologik [5.1.2020]) - auch wenn er das verbal wieder zurück gezogen hat, so zeigt dies doch Kulturvergessenheit und Werteverfall gerade bei der politischen Macht, die einmal für Demokratie und Menschenrechte stand (bzw. wenigstens zu stehen vorgab). Kurdische Rebellen und syrische Aufständige machen Vorwürfe systematischer Kulturgutzerstörung an die Türkei. Syrische Behörden verweisen auf Zerstörungen der Opposition, die ihrerseits das syrische Militär beschuldigt. Ausländische Nationen überbieten sich mit Initiativen des Wiederaufbaus, die freilich oft eher symbolisch erscheinen, denn an eine Arbeit vor Ort ist nach wie vor nicht zu denken. Kulturgut ist nicht nur in diesem Konflikt seit langem Propagandainstrument. 


Seit Jahren führt auch der Krieg im Jemen zu Kulturgutzerstörungen, was auch hier auf Archaeologik immer nur sporadisch (Label Jemen) aufgegriffen wurde.

So kann künftig nicht mehr allein Syrien im Blickfeld stehen, sondern es muss die ganze Region betrachtet werden. Das bedeutet aber auch, dass die in den letzten Post ohnehin kaum noch erreichte detaillierte Betrachtung aufgegeben werden muss. Künftig wird es Hinweise auf Zerstörungen und Restaurierungen an einzelnen Orten nur noch ausnahmsweise geben.
Letztlich geht es mir darum, mit den Blogs auf Archaeologik die Relevanz und Aktualität des Themas aufzuzeigen und einen Anreiz bieten, dass andere Akteure Informationen aufgreifen und weiter berichten und recherchieren. Das ist zu Beginn der Syrienberichte gut gelungen, als verschiedene Medien Archaeologik rezipiert und als Quelle/Inspiration benutzt haben.

Ich will nochmals darauf hinweisen, dass ich kein Experte für die betreffende Region bin und auch die Forschungscommunity nicht im Einzelnen kenne. Dass ich mit Archaeologik nun dennoch seit mehreren Jahren in den Vorderen Orient blicke, hat damit zu tun, dass sich Archäologie m.E. viel zu wenig mit aktuellen Entwicklungen und der eigenen Rolle dabei befasst. Im Lauf der Krise in Syrien ist dies recht deutlich geworden - etwa bei dem nach wie vor lahmen Umgang mit Raubgrabungsgut -, wenn auch viele interessante engagierte Projekte entstanden sind, mit denen vielfältige Hilfe geleistet wurde - nicht nur für den Schutz der Kulturgüter, sondern auch für die Menschen.

Nach wie vor gilt eines: Der Fokus auf die Kulturgüter darf und soll nicht ablenken von den Schicksalen der Menschen. Langfristig scheint aber eine Wiederherstellung lebenswürdiger Rahmenbedingungen auch davon abhängig, dass sich die Menschen auf eine vielfältige und wechselhafte Geschichte ihrer jeweiligen Region besinnen können. 

Mit der COVID-19-Pandemie wird das Überleben in der Krisenregion noch viel schwieriger. Aus dem Iran ist bekannt, dass die Pandemie hier kräftig wütet, aus Syrien sind bis dato (7.4.2020) nur 19 Covid-19-Fälle und zwei Tote bestätigt, doch liegt die wahre zahl ganz sicher weit höher. Es fehlt an Krankenhäusern, die Fälle registrieren und testen könnten. Die hygienischen Zustände in den Flüchtlingslagern vor allem im Nordwesten des Landes, wo immer noch gekämpft wird, geben keinen Anlass zur Hoffnung, es könnte glimpflich ausgehen. Dass es allerdings auch in den Flüchtlingslagern in Griechenland nicht besser aussieht, ist für Europa eine Schande. Ebenso problematisch ist die Lage im Jemen, obgeich das noch eines der wenigen Länder ist, aus denen keine bestätigten COVID-19-Fälle vorliegen.

Syrien

Aus Syrien gab es keine aktuellen Berichte über Raubgrabungen und Zerstörungen außer einer Reihe von Luftangriffen auf Moscheen.
Über die Verluste im Museum Idlib wurde schon in einem separaten Blogpost berichtet:
bronzezeitliche Siedlung von Ebla/ Tel Mrdikh
(Foto: Gianfranco Gazzetti
[CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
In Ebla selbst, dem heutigen Tel Mrdikh will das DGAM eine Bestandsaufnahme duchführen. Der Direktor des DGAM, Mahmoud Hammoud verwies darauf, dass nach den der DGAM vorliegenden Informationen "terroristische Gruppen" die archäologische Stätte als Trainingscamp genutzt hätten. Die Nachrichtenagentur SANA schickte im Februar einen Reporter nach Ebla, der schilderte, die Stätte sei "zu einem Ort für die Ausbildung und Schießerei von Terroristen umgebaut" worden, "was zur Zerstörung vieler Denkmäler der archäologischen Stätte führte. All diese Schäden sind ein Versuch, die menschliche Zivilisation zu zerstören, die durch den Ort aus dem dritten Jahrtausend vor Christus repräsentiert wird.  Die sogenannten 'Al-Fateh-Armee'-Terroristen hatten das Ebla-Gelände in Höhlen, Hauptquartiere und Trainingslager verwandelt, zu denen Betontürme, Klippen, Ketten und Treppen gehörten." Es gäbe auch Gefängnis- und Folterräume, zudem seien türkisches, saudi-arabisches Gerät und Gasmasken sowie Munition gefunden worden. Das ist vor dem Hintergrund der Untersuchungen zu den Giftgaseinsätzen in den vergangenen Jahren zu sehen (vergl. Tagesschau 9.4.2020)).

Irak

Iran

Irans Kulturgüter waren im erste Quartal 2020 nicht so sehr von klassischen Terroristen, sondern durch die USA bedroht. Donald Trump drohte nach der Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani in Bagdad durch US-Truppen zu Jahresbeginn mit der Zerstörung von Kulturerbe, musste dann aber doch unter Druck einen halbherzigen Rückzieher machen.
Danach gab es noch zahlreiche weitere Reaktionen, die alle etwas Ratlosigkeit zum Ausdruck brachten. Bei hr_iNFO lief am 10.1.2020 morgens ein kurzes Interview mit mir (nicht online, kein Link). Hier ging es nur um eine kurze Einordnung und die Frage, was man gegen Kulturgutzerstörungen in Krisengebieten machen könne. Schwierige Frage, schwierige Antwort. Ich hab auf die verschiedenen Initiativen verwiesen, den einschlägigen Konventionen mehr Geltung zu verschaffen, indem die Kriegsverbrechen tatsächlich verfolgt werden. Anderes wie die Schaffung von 'Safe haven' ist da natürlich nur bedingt brauchbar. Letztlich gilt: Am besten solche Leute wie D. Trump gar nicht erst nicht wählen...

Einige weitere Berichte:



Iran, Isfahan, Irans Hauptstadt im 17. Jahrhundert
(Foto: Arad Mojtahedi [CC BY SA 2.0] via WikimediaCommons)



Wie immer geht mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise. Die Übersetzungen arabischer Texte gehen meist auf Google Translator zurück und sind daher bisweilen Fehler-anfällig.

Freitag, 16. März 2018

Kulturerbe im Jemen: Neuigkeiten aus Taizz und Zabid

Beitrag von Stefan Kirchberger

Weitgehend unbemerkt geht im Schatten der Kämpfe in Syrien auch der Krieg im Jemen weiter. In erster Linie ist das sicher eine humanitäre Katastrophe, doch auch hier sind Kulturgüter betroffen, die zu den wichtigsten Monumenten des Mittelalters auf der arabischen Halbinsel gehören.

Von den Kämpfen besonders betroffen ist Taiz im Süden des Landes. Die Zerstörung der über der Altstadt gelegenen Zitadelle wurde bereits einmal erwähnt
Erinnert sei auch an die Zerstörungen im Museum von Taiz:
Nun werden auch Schäden an der Al-Ashrafiyya gemeldet, einer der herausragendsten Moscheen aus der Epoche der Rasuliden. Die ab dem späten 13. Jahrhundert erbaute Ashrafiyya wurde durch Artilleriebeschuss beschädigt:


    Taizz, Al Ashrafija-Moschee, 1994
    (Foto Stefan Kirchberger)

    Taizz, Al Ashrafija-Moschee, 1994
    (Foto Stefan Kirchberger)


    Tweet v. 25.2.2018: https://twitter.com/alguneid/status/967850637089128448




    Auch das weiter nordwestlich gelegene Zabid könnte nun zum Kampfgebiet werden. Die Stadt im Westen des Jemen war ebenfalls unter den Rasuliden eines der kulturellen Zentren des Jemen und wurde 1993 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Sie befindet sie sich seit dem Jahr 2000 auf der roten Liste. Das Internationale Komitee vom roten Kreuz warnt nun vor irreparablen Schäden am Kulturerbe:

    Interne Links






    Stefan Kirchberger (https://hdgbw.academia.edu/StefanKirchberger) studierte Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg. Seit 2006 arbeitet er als wissenschaftlicher Dokumentar und Bildarchivar im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart.

    Montag, 5. Februar 2018

    Rote Liste für den Jemen

    Bombenangriff auf Sana'a 2016
    (Foto: fahd sadi [CC BY 3.0] via WikimediaCommons)
    Man vernimmt wenig vom Krieg im Jemen. Meldungen aus den letzten Tagen berichten von neuen Konflikten und neuen Fronten. Schon bisher sind Menschenleben in offenbar nicht geringer Zahl zu beklagen - und auch die Zerstörung von Kulturgut, in der üblichen Mischung von Kollateralschäden, Vernachlässigung und Plünderung bis hin zu möglicherweise bewusster Zerstörung.

    ICOM hat nun eine ihrer Roten Listen publiziert, die exemplarisch Kulturgüter zeigt, die nun möglicherweise verstärkt in den illegalen Handel kommen:

    Links

    Zerstörung von Kulturgütern
    zur aktuellen Lage

    Trotz des Klagens über die Verluste an Menschen und Kultur verkauft der Westen die passenden Waffen:

    Interne Links

    Donnerstag, 4. August 2016

    Kulturzerstörung in Kriegsgebieten: Jemen

    Im Schatten von Syrien und Irak werden die Zerstörungen in anderen Kriegsgebieten relativ wenig beachtet. Hier eine (sicher unvollständige) Sammlung von Links aus dem Zeitraum Januar bis Juli 2016 zur Situation in Jemen:

    Schadensmeldungen


    Zerstörung der Moschee des Abdel Hadi al-Soudi aus dem 16. Jahrhundert in Taiz:


    Zerstörung von Gräbern:

    Die Zerstörung des Museums in Taiz, das am 31.1 nach Beschuss ausgebrannt ist.

    interner Link

    • frühere Blogposts zum Jemen

    Freitag, 25. September 2015

    Der vergessene Jemen

    Altstadt von Sanaa mit ihren historischen Turmhäusern
    (Foto: Kotaro, 2005 [CC BY-SA 4.0] via WikimediaCommons)
    Der Krieg und die Zerstörungen in Jemen treten hinter den Ereignissen in Syrien und Irak zurück.
    Eine Presseschau des CEFAS - Centre Français d’Archéologie et de Sciences Sociales:
    Herausgegriffen seien:

    Das 2002 erbaute Museum von Dhamar mit zahlreichen Grabungsfunden aus der Umgebung wurde bei Luftangriffen am 26.Mai.2015 zerstört (siehe Archaeologik 24.6.2015):
    Das Grabungshaus des DAI in Marib wurde bereits im Juni beschädigt:
    Statement von Blue Shield
    Statement der UNESCO

    Interne Links


     

    Mittwoch, 24. Juni 2015

    Zerstörungen im Jemen

    Als Reaktion und Ergänzung auf den Blogpost Luftangriffe auf historische Altstadt von Sanaa weist Dr. Stefan Kirchberger (Stuttgart) auf einige weitere Meldungen hin, die Art und Ausmaß der Zerstörungen im Jemen erahnen lassen.

    Viele Meldungen aus dem Jemen kommen über twitter, wo Journalisten teilweise auch sehr grausame Bilder von Kriegsopfern, darunter vielfach Kinder posten. Zerstörung von Kulturgut ist da nur nebenbei ein Thema.


    Marib, Staudamm  (wikipedia)
    • Ein Tweet des Journalisten Fatik Al-Rodaini (@Fatikr) vom 13.6.2015  stellt das Bild der Zerstörung dem Zustand zuvor gegenüber:


    Sanaa, Altstadt, UNESCO-Weltkulturerbe 12.06.2015:

    Taizz, Festung al-Qahirah 05.06.2015:


    Dhamar, Museum:
    • http://arabiantica.humnet.unipi.it/index.php?id=200
      „…Its pre-Islamic collection comprises over hundred inscriptions of various provenance and period, whereas the section dedicated to the Islamic archaeology contains some decorated artefacts bearing Arabic inscriptions, in addition to jewels and other handmade products of traditional handicrafts in Dhamar.  The most important object is the wooden minbar (pulpit) from the Great Mosque of Dhamar city, which is dated to the fourth century Hegira. …”
    • Nach einem Tweet des Journalisten Fatik al-Rodaini v. 21.5.2015 wurde das Museum offenbar komplett bei saudischem Luftangriff zerstört.
    • https://twitter.com/Fatikr/status/602232263472852992


    http://de.qantara.de/inhalt/die-zerstoerung-des-jemenitischen-kulturerbes-bedrohte-schaetze-der-menschheit meldet darüberhinaus:

    Aden:
    „[zerstört wurde] in Aden das dritte Geschoss des Nationalmuseums, dessen Gebäude auf Sultan Fadhl bin Ali al-Abdali (1912) zurückgeht, sowie die Jauhara-Moschee und die Sira-Festung, die ebenfalls bombardiert wurde. Sira gehört zu den bedeutendsten Burgen Adens, die im 11. Jahrhundert erbaut wurde. …“
    Baraquish, Stadtmauer: (wikipedia)
    „In Djauf bei Marib gingen große Teile der Stadtmauer von Baraqish (5. Jahrhundert v. Chr.) zu Bruch …“

    Sirwah, Tempelanlage (wikipedia)
    „…. bekamen weite Teile der Tempelanlage und der Mauer Risse … „


    Dank an Stefan Kirchberger!

    Samstag, 13. Juni 2015

    Luftangriffe auf historische Altstadt von Sanaa



    Altstadt von Sanaa mit ihren historischen Turmhäusern
    (Foto: Kotaro, 2005 [CC BY-SA 4.0] via WikimediaCommons)

    Einige weitere Links zur Situation im Jemen:

    PS
    Eigentlich verdient auch die Kulturgutzerstörung im Jemen mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Ich werde mit Archäologik aber trotzdem nicht in eine regelmäßige Postserie einsteigen wie sie für Syrien/Irak seit mehr als drei Jahren schon läuft. Vielleicht möchte jemand Kompetentes gelegentlich Gastbeiträge beisteuern?