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Donnerstag, 22. Mai 2025

Medienberichte zur Arche Noah: mangelnde Medienkompetenz und fehlendes Wissenschaftsverständnis

Mit zu den Klassikern der Pseudo- und Parawissenschaften gehört die Arche Noah.  Für Kreationisten gilt der Fund der Arche Noah als Beweis der Richtigkeit einer wörtlichen Auslegung der Bibel.
 
Auch derzeit wabern solche Berichte durch die internationalen Medien. Ausgangspunkt ist eine zunächst wohl in Social Media verbreitete Nachricht, ein amerikanisches Forschungsteam Noah'sArk Scans habe mittels Georadar die Arche Noah bestätigt. Der Platz ist indes nicht neu, es geht um eine Felsformation bei Durupınar in der östlichen Türkei, ca. 30 km südlich des Ararats. Nur kurz das fachlich eigentlich Selbstverständliche: Eine Identifikation als Arche Noah setzt eindeutige Befunde voraus. Davon ist hier weit und breit nichts zu sehen. Ein Schiff versteinert nicht, es verrottet, wenn es nicht am Meeresgrund oder in feuchtem Milieu liegt. Eine zufällige Schiffsform einer Felsformation in einer obendrein lehmreichen von Rutschungen geprägten Landschaft und irgendwelche rechtwinkligen Strukturen besagen hinsichtlich der Arche Noah gar nichts. Umgekehrt ist schon die Suche nach einem legendären Objekt, bei dem der ganze Überlieferungskontext einen Glaubenshintergrund hat und gar nicht erst irgendeinen Anspruch hat, eine historische Wahrheit im modernen Sinne zu vermitteln, kein wissenschaftlicher Ansatz.
 
Durupınar
(Foto: Zorka Sojka CC BY SA 4.0
via WikimediaCommons)

 
Anscheinend berichtete zunächst völlig unkritisch die britische Sun und zwar bereits am 19. Oktober 2024:
Inspiriert wurde der Artikel wohl von einem Video, das im Oktober 2024 auf YouTube und dem Blog anchorstone.com erschien und der ein Update der Forschungen seit 2022 präsentiert. Anchorstone ist verknüpft mit dem Bescherzentrum bei der vorgeblichen Arche-Fundstelle.
Am 9. April berichtete dann das norwegische Dagbladet:
Nachdem hier zunächst der Standpunkt von Noah's Ark Scans berichtet wird, steht am Ende immerhin noch eine Einschränkung "Einige Kritiker behaupten, dass bei Projekten wie „Noah’s Ark Scans“ pseudoarchäologische Methoden zum Einsatz kämen, bei denen Schlussfolgerungen gezogen würden, bevor ausreichend Beweise gesammelt worden seien."
 
Wenige Tage zuvor, am 28.3. hatte die britische DailyMail  bereits einen Titel zum Thema:
Der Fokus dieses Artikels liegt indes auf der Rolle der CIA, die über die "Fundstelle" tatsächlich eine Akte hatte, da sie um Luftbilder angefragt wurde. Die ersten Bilder der schiffsförmigen Felsfomration stammten tatsächlich von 1957 von der türkischen Luftwaffe, die hier die Ostgrenze der Nato gegen die UdSSR sicherte. Lange war das Militär die einzige Möglichkeit, Luftbilder zu erhalten und dementsprechend wurde die CIA verschiedentlich, auch von Kreationisten, um Bilder angefragt. Daily Mail erwähnt nur nebenbei das Projekt Noah's Ark mit dem angeblichen Nachweis einer Überschwemmungsschicht aus biblischen Zeiten und in einer Bildunterschrift steht zu lesen: "Geologists strongly contest the theory and argue that the Durupinar Formation can be explained by natural physical processes."
 
Es war indes der Bericht im Dagbladet, der in Deutschland zunächst von der BILD aufgegriffen wurde.
Die Bild verweist auf Sun und insbesondere das Dagbladet ohne jedoch dessen kritischen Hinweis aufzugreifen. Später greift der Fokus die Geschuchte auf und greift dazu auf die CIA-Story zurück.
Mitte April laufen die Berichte anscheinend aus, ehe am 14.5.2025 die griechische Newsbomb die Geschichte  auf, auf die sich zwei Tage später dann die Jerusalem Post beruft.
 
Die Bandbreite der Berichte reicht vom dumben Verbreiten des wissenschaftlich-methodischen Blödsinns über vorsichtige Distanzierung bis zur Hintergundrecherche, die den Bericht nutzt, um seriöse Forschung zu thematisieren.

Völlig unkritisch

vorsichtig distanzierend

Die Distanzierung findet bestenfalls am Ende statt, indem wie bei Dagbladet darauf hingewiesen wird, dass es Kritiker gäbe. In der Regel wird der Schwachsinn aber als eine gleichwertige Forschungsmeinung dargestellt. Wissenschaft verliert hier an Profil und lässt die Meinungen als völlig beliebig erscheinen.   


 Seriöser Wissenschaftsjournalismus

Der seriöse Journalismus braucht Zeit, die Beiträge - übrigens aus den Öffentlich-Rechtlichen - sind erst Wochen nach dem Hype erschienen.
 

Mangelnde Medienkompetenz und fehlendes Wissenschaftsverständnis

Bedenklich sind die völlig unkritischen, mehr noch aber vielleicht die vorsichtig distanzierenden Beiträge, da sie zur Erosion der Wissenschaft und damit auch der gesellschaftlichen Stabilität und Zukunftsfähigkeit beitragen.  Hier wird deutlich, dass es den betreffenden Journalist*innen an der Kenntnis oder Motivation fehlt, die betreffenden Meldungen als unwissenschaftlich zu erkennen und einzuordnen. In Bezug auf die Archäologie stellt sich allerdings auch die Frage, woher diese Kompetenz stammen soll, wenn schon in der archäologichen Vermittlungsarbeit die archäologischen Methoden immer wieder nur auf Ausgrabung und neuerdings auch Hightech-Methoden verkürzt werden (hier hat Noah's Ark ja auch bunte Bilder von Geophysik im Angebot)? 
 
Quellenkritik und Interpretationsmethoden der Archäologie müssen zwingend ein Teil der archäologischen Wissenschaftsvermittlung sein, um das Wissenschaftsverständnis in der Gesellschaft  zu fördern. Das ist gar nicht so einfach, wenn hier auch fachunntern ein Defizit besteht. Die Arche Noah-Berichterstattung zeigt auch, dass ein wissenschaftlich-kritischer Blick auch Teil moderner Medienkompetenz ist, denn dieser ist notwendig, um Pseudowissenschaft und tatsächliche FakeNews als solche zu erkennen.
 
Die Archäologischen Wissenschaften müssen hier dringend ihre Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und auch ihre Vermittlungsarbeit überdenken (siehe z.B. Diederich 2023).
 

Links

 

Mittwoch, 25. Dezember 2024

Der archäologische AdventsKIlender, Nachdenkliches

 

 

Adventskalender 2024
 

Ich habe den Adventskalender 2024 als AdventsKIlender gestaltet und dafür eine Auswahl von KI generierten Bildern verwendet, die mit einigen Prompts rund um die Archäologie entstanden sind. Meist generiert die KI in einem Durchlauf mehrere Bilder, die bei dem hier zumeist verwendeten Microsoft Designer stilistisch und von der Grundidee des Bildes einander sehr ähnlich sind. Jeder Durchlauf kreiert etwas andere Bilder., aber der Duktus ist erstaunlich einheitlich. Braun- und Gelbtöne dominieren die Bilder, das Setting ist ausgesprochen kolonialistisch und es dominieren Ägypten und Mesoamerika das Szenarium. Interssanterweise ist das Hightechbild der Archäologie, das in den Medien immer wieder auftritt in den Bildern noch nicht präsent. Das Büro im Landesdenkmalamt beispielsweise enthält zwar mehrere Globen, aber keinen Computer (Türchen 9; anders allerdings im Großraumbüro der Abt. Bodendenkmalpflege, die über Bildschirme verfügt (Türchen 10). Die Grabungsszenen zeigen erwartungsgemäß pinselnde Archäologen - wobei auch bei dem nicht gegenderten Prompt gleichermaßen Männer wie Frauen gezeigt werden.

Gegenüber ersten Tests mit KI-generierten Bildern vor etwa einem Jahr, wo häufig eklatante Fehler wie Hände mit sechs Fingern oder anatomisch unrealistischen Körperhaltungen  produziert wurden (Archaeologik 8.5.2023), ist die Bilanz bei den Bildern für den AdventsKIlender deutlich besser - sieht man mal von den berüsselten Neandertalern ab (Türchen 11).

Bei aller Spielerei sind die KI-Bilder sehr interessant, spiegeln sie doch die Quellen wieder, anhand derer die KI trainiert wurde und entlarvt so auch Klischees, die sich in der Gesellschaft und im digitalen Trainingsmaterial  finden.

Natürlich sind der KI Fachbegriffe wie ältere gelbe Drehscheibenware  (Türchen 12, vgl. Adventskalender 2023, Türchen 7) oder auch nur das klassische Pfostenloch Türchen  13) unbekannt. Es ist auch klar, dass KI in der vorliegenden Form unbrauchbar ist, um Rekonstruieren und Lebensbilder der Vergangenheit zeichnen zu lassen. Die Tätigkeiten in dem jungsteinzeitlichen Dorf (Türchen 14) sind nicht zu identifizieren, die Landschaft wird parkartig dargestellt. Ein Kennzeichen vieler Darstellungen ist es, dass viele Funde, meist Phantasieobjekte, schön nebeneinander drapiert ausliegen, egal ob auf der Grabungsfläche oder auf dem Schreibtisch.

Verschiedene Versuche mit einem Prompt wie archäologische Fundzeichnung o.ä. erbrachte nie eine Darstellung, die einer modernen zeichnerischen Dokumentation entspricht, sondern war eher von Fundpublikationen des 19. Jahrhunderts inspiriert (Türchen 12). 

Diese KI-Versuche waren nun keine systematische wissenschaftliche Untersuchung, ich habe auch nicht verschiedene Bild-KIs genutzt, erst recht keine professionellen. Insofern könnten durchaus qualitativ bessere Ergebnisse zu erzielen sein. Das Bild hinter Türchen 17 habe ich einer  facebook-Gruppe Ancient Civilisations and Archaeology  entnommen, die aktuell hin und wieder KI-fakes verbreitet und diese als echt ausgibt. Für den Laien ist das häufig nicht mehr leicht zu  erkennen.

So war der AdventsKIlender zumindest für mich recht vergnüglich, aber leider zeigt er auch einige Schwächen in der Wissenschaftskommunikation aus: 1.) einen geringen Anteil seriöser Archäologie im KI-Trainingspool und 2.) die  Gefahr ,die der seriösen Forschung  und deren Glaubwürdigkeit durch „Skeptiker“ und durch Parawissenschaften droht.



Freitag, 13. Januar 2023

Wirres Weltbild mit einem Schuss Archäologie: Russen und Neoskythen, Hyberboräer, Arier und Slawen

Die Plünderung des Museums in Melitopol war am 3.5.2022 Thema auf Archaeologik (Skythisches Gold verschwunden). Jetzt berichtet die Neue Züricher Zeitung nochmals darüber:

Verrfasst hat den Artikel in der NZZ Konstantin Akinsha, der in Kiew, Moskau und St. Andrews Kunstgeschichte studiert hatte und seidem immer wieder mit Fragen der politischen Bedeutung von Kunstobjekten befasst war. Er verweist auf die ideologische Rolle der Skythen für das russische Selbstverständnis. Versuche, die Russen auf die Skythen zurück zu führen, reichen bis zu Katharina der Großen zurück. Im 19. Jahrhundert wurden solche Gedanken populär und mündeten im frühen 20. Jahrhundert in der Vorstellung, die Skythen (und Russen) seien so etwas wie der Puffer zwischen dem verräterischen Westen und den orientalischen Horden. So gibt es heute unter russischen Nationalisten die Auffassung, dass der "Skythianismus" die regnerative Kraft habe, Russlands seinen Platz in der Welt zurück zu geben. Teilweise werden die Skythen sowohl als Arier als auch als Vorfahren der Slawen gesehen (Laruelle 2019, 144). In diesem ideologischen Hintrgrund sieht Akinsha einen wesentlichen Grund für das große Interesse der Russen an den skythischen Funden  - was bereits im Konflikt um die in den Niederlanden verbliebenen Funde der Krim (vgl. Archaeologik 29.1.2022) sichtbar geworden sei.

Im Hintergrund des Skythianismus steht ein weiter gefasster Eurasianismus, der in post-sowjetischer Zeit große Bedeutung für einen neuen russischen Nationalismus hat, der eine Führungsrolle auch in Zentralasien beansprucht. Als Autorität steht der 1992 verstorbene Ethnograph Lew Gumilev im Hintergrund, auf den auch die Idee einer "Passionarität" zurük geht, wonach jedes Volk und vor allem ihre Führer eine Phase mit Expansionsbestrebungen durchlaufe. Diese Geschichtsideologie kreist um Ethnien und deren in gewisser Weise vorbestimmtes Schicksal. Russland hätte demnach schon verschiedene solcher Expansionsphasen durchlaufen, die ihre Stärke von den Nomaden aus dem Osten gegen den europäischen Katholizismus bezogen hätten. Nach Gumilev sind Ethnien ursprüngliche Entitäten mit alten Wurzeln, Sie durchlaufen einen historischen Zyklus, den er mit rund 1500 Jahren ansetzte, bei dem aber ihre grundlegenden Charaktereigenschaften unverändert blieben. Ethnische Gruppen könnten demnach über die Zeiten hinweg verfolgt werden (Bassin 2016, 20). 
 
Denkmal für Lew Gumilev in Bezhetsk, Tverskaya oblast', Russland
(Foto:
46yuri [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)



Ein solches Bild von Ethnie entbehrt zwar einer wissenschaftlichen Grundlage, lässt sich aber politisch sehr gut einsetzen. Vladimir Putin hat sich 2016 auch ausdrücklich zu Gumilews Ideen bekannt.

Immerhin ist die Ukraine auch ein Kerngebiet skythischer Kultur. Hier gibt es zahlreiche Kurgane mit herausragenden Goldfunden, wie eben jenen aus Melitopol.

Seit 2009 besteht in Moskau und St. Petersburg ein Lev Gumilev Zentrum für euasische Studien, das die Idee des Neo-Skythen propagandistisch verbreitet. Die Website der seit 2015 bestehenden Niederlassung in Afghanistan listet als Aktivitätsfelder des Zentrums weniger Forschung als vielmehr Propaganda auf.

Das Zentrum und die mit ihr verbundene Gruppe der Neo-Skythen ist auch in Transnistrien aktiv, wo im übrigen auch die örtlichen Archäologen für die russisch-skythische Sache aktiviert und mit Nova-Skythia-T-shirts beehrt wurden.

Sie ist außerdem Veranstalter des Kurultaj-Festivals, das die vermeintliche Zusammengehörigkeit der Steppenvölker im ehemaligen sowjetischen Einflußbereich - inklusive Victor Orbans Ungarn (vgl. Archaeologik v. 12.7.2019) - beschwört. Der Direktor des Zentrums Pavel Zarifullin ist in den ultra-nationalistischen Kreisen offenbar nicht unbedeutend (Laruelle 2019, 115).

  • Евразийцы и скифы провели на Алтае съезд-курултай (Eurasier und Skythen hielten einen Kongress-Kurultai im Altai ab). ИДЕОЛОГИЯ НОВЫХ СКИФОВ (8..10.2021). -http://newskif.su/2021/6311/
Das Kurultaj - ein angeblich traditionelles, tatsächlich erst 2007
begründetes - Festival der Steppenvölker propagiert die
wissenschaftlich nicht gedeckte These
einer Abstammung der Ungarn von Hunnen und Skythen.
(Foto: Derzsi Elekes Andor [CC BY SA 4.0]
via Wikimedia Commons)

Wenig wissenschaftlich ist auch die Auseinandersetzung mit Atlantis, das mit der Heimat der slawisch-arischen Hyperböräern unter dem Eis im Norden Sibiriens verbunden wird. Hier werden Züge von Verschwörungstheorien deutlich, denn die Entdeckungen dort würden vom russischen Militärgeheimdienst geheim gehalten (der ja seinerseits tatsächlich ein geschichtspolitischer Akteur ist, vgl. Archaeologik 9.10.2022). Deuten sich da Rivalitäten an?

  • Философия Гипербореи на театральных подмостках (Philosophie von Hyperborea auf der Bühne). ИДЕОЛОГИЯ НОВЫХ СКИФОВ (21.11.2021). - http://newskif.su/2021/6336/

Diese skythischen Städte im Norden Sibiriens werden - so dies etwas wirre Weltbild - nach dem Abtauen des Eises in Folge des Klimawandels die neuen Zentren der modernen Welt sein.

  • Города Гипербореи (Hyperboräische Städte). ИДЕОЛОГИЯ НОВЫХ СКИФОВ (17.5.2016). - http://newskif.su/2020/6140/

Literatur

interne Links

Im Kontext des russischen Ukraine-Kriegs war russische Geschichtsideologie auf Archaeologik inzwischen mehrfach ein Thema. Ich bin hier kein Spezialist und maße mir kein fachliches Urteil an. Ich sammle aktuell einfach Beobachtungen und versuche diese mit Kommentaren irgendwie provisorisch einzuordnen. Sicherlich wird es da noch mehr Posts dazu geben, die vielleicht etwas mehr Durchblick liefern. Ich befürchte aber, ein klares Theoriegebäude, das wissenschaftlich ernst zu nehmen ist, gibt es da überhaupt nicht. Politisch ernst zu nehmen ist der Quatsch aber allemal, wie der russische Krieg gegen die Ukraine zeigt.


Dienstag, 14. Dezember 2021

Die Abstimmung ist eröffnet: die Wahl zum Wissenschaftsblog des Jahres 2021

Gerade Corona macht deutlich, wie wichtig Wissenschaftskommunikation ist. Viel der aktuellen Unsicherheiten und der niedrigen Impfquoten haben mit schlechter Wissenschaftskommunikation zu tun. Daran sind viele Akteure beteiligt, die klassischen Medien vom Bouelvard bis zum seriösen Wissenschaftsjournalismus, Forschungsinstitutionen und Behörden und zunehmend die Social Media. Viele der Informationen, die hier verbreitet werden, basieren aber nicht auf Wissen nach wissenschaftlichen Standards, sondern sind schlimmstenfalls dumm oder bewusst manipulativ, meist aber eher naiv oder angstgetrieben.

Der Wissenschaftskommunikation kommt daher eine sehr wichtige Bedeutung zu - dank Corona ist das deutlicher denn je.

Der Blog „Wissenschaft kommuniziert“ führt in diesem Jahr zum elften Mal die Wahl der „Wissenschafts-Blog des Jahres“ durch. Auf der Shortlist stehen 30 Blogs. auch Archaeologik ist als Gewinner des Jahres 2015 darunter. Die offene Publikumswahl im Internet geht bis zum 10. Januar 2022 (24.00 Uhr). 


2015 war Archaeologik der Gewinner. der Auszeichnung in Gold..


Auf die Wahl des Blogteufelchens wird dieses Jahr verzichtet. Damit wurden Blogs ausgezeichnet, die Parawissenschaften verbreiteten - oder diese kritisch aufspiesen. Seinen Verzicht begründet Korbmann damit, dass das Ziel erreicht sei, das Problem der Falschinformationen werde ernst genommen. Im Eye-Catcher heisst es allerdings "Ein Ziel ist erreicht – Wissenschaftsskeptiker werden ernst genommen."- wohl ein Versehen, aber tatsächlich scheint das Problem ja eben auch schlimmer geworden zu sein. Qualitätsinformation und Halbwissen bzw. gar Unwissen sind im medialen Diskurs kaum noch unterschieden.

Wissenschaftler*innen sind meist keine Kommunikationsspezialist*innen, aber ihre Expertise wird auf Blogs direkt zugänglich und die Wissenschaft bzw. ihre vielen Fächer auch nahbarer.

In der überarbeiteten (von wenig aktuellen Blogs bereinigten) Vorschlagsliste zur Wahl (die sich mit einem Eintrag unter Sonstige durch die Wähler*innen auch erweitern lässt) sind vermehrt Blogs aus den Sozial- und Geisteswissenschaften aufgeführt. Reiner Korbmann schreibt dazu;

"Gerade in der Pandemie hat sich gezeigt, dass Naturwissenschaften, Medizin und Biowissenschaften nicht ausreichen, um die Gesellschaft mit wissenschaftlichen Erkenntnissen bei der Bewältigung einer Krise zu unterstützen. Gesellschafts- und Geisteswissenschaften spielen mindestens eine ebenso große Rolle, etwa wenn es darum geht, die Langzeitfolgen für das Bildungswesen abzuschätzen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern oder aber gerade den Wissenschaftsskeptikern zu begegnen."

Tatsächlich scheint in der aktuellen Wissenschaftskommunikation einigen zu kurz zu kommen, was eher Sozial- und Geisteswissenschaftler mit ihrer Kenntnis über Gesellschaften vermitteln können:
  • der direkte Weg zu den Menschen - Politik und Wissenschaft verlassen sich hier zu sehr auf mediale Berichterstattung, die aber mit einer qualitätvollen Darstellung oft selbst überfordert ist. Die wenigen, oft wirklich guten Wissenschafts-Journalist*innen und Wissenschafts-Kommunikatoren verlieren sich in der Vielzahl des Mäßigen. Viele klassische Medien verlinken gar nicht auf die originalen Publikationen (die, wie sich aktuell, zeigt dringend open access sein müssen), das  leisten doch eher die Wissenschaftsblogs.

  • die Diskussion von Risiken - Corona hat viel mit Risikoabwägungen zu tun, aber das scheint mir leider ein sehr untergeordnetes Thema. Gerade aber die wichtige Entscheidung für eine Impfung hängt davon ab, dass man Risiken richtig einschätzt. Ängste sollte man ernst nehmen, um ihnen entgegenzutreten und sie seriös auszuräumen. 
  • die Offenlegung wissenschaftlicher Abläufe und Publikationen - In der öffentlichen Debatte um Corona zeigt sich oft ein ziemliches Unverständnis wissenschaftlichen Arbeitens. Ein nach dem Prinzip der stillen Post mehrfach widergekäuter wissenschaftlicher Artikel wird auch nicht besser und  talkende Semi-Fachleute in irgendwelchen Fernseh-Shows können dort schon allein dem Format geschuldet auch nicht immer klar zwischen Fakten und Einschätzung differenzieren. Die rasche Vorab-Publikation von noch nicht begutachteten Artikeln ist wichtig für eine rasche Wissenschafts-Kommunikation, speist aber auch ungare Ergebnisse in eine eh schon aufgeregte Debatte ein und ist auch ein Einfalltor für Verquerdenker (so der richtige Terminologie-Vorschlag von Reiner Korbmann). 
  • die Rolle und die Gefahr von Desinformation - Ich denke nicht, dass das Problem der Falschinformation  erkannt wurde. Politische Lösungsansätze kurieren auch eher an den Symptomen, wenn etwa versucht wird, Hassrede einfach zu unterbinden, statt nach den Gründen zu fragen und dort anzusetzen.

Archäologie scheint hier auf den ersten Blick weniger relevant, aber es fällt in der aktuellen Debatte doch auch auf, dass auch ein fehlendes Verständnis für den Faktor Zeit und prozesshafte Verläufe zur Verwirrung und Verunsicherung in der Bevölkerung beiträgt. Corona ist dynamisch und die Situation verändert sich. Das ist normal und damit ist es auch verständlich, wenn heute die Einschätzung mancher Dinge heute anders ist also noch vor Wochen. Der Blick in die Vergangenheit mag auch hier etwas Orientierung geben, da er hilft, den Faktor Zeit, das langfristige Risiko, aber auch die Bedeutung von gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen zu verstehen.


Kurz Wissenschaftsblogs scheinen mir wichtig, wichtiger denn je - und eine Stimme bei der Wahl kann helfen - so Reiner Korbmann -,

  1. Die besten und populärsten Blogs zum Thema Wissenschaft herausstellen, natürlich.
  2. Interessante Beispiele zeigen, wie jeder Forscher, jedes Institut, jeder Kommunikations-Verantwortliche Informationen in die Öffentlichkeit des Internets bringen, seine Perspektive darstellen kann.
  3. Durch die Auswahl einer Shortlist: Ein wenig Orientierung schaffen in der endlosen Welt der Wissenschafts-Blogs, die kaum jemand mehr überschaut.

Also: hier geht's zur Wahl!

Dienstag, 3. September 2019

Der Propaganda-Charakter des Instituts für Ungarische Studien (Magyarságkutató Intézet)

Mit der de-facto-Zerschlagung der Akademie der Wissenschaften wurde das zum 1. Januar 2019 gegründete Institut für Ungarische Studien (Magyarságkutató Intézet) Teil des Eötvös Loránd Forschungsnetzwerks (vgl. Archaeologik [12.7.2019]) und tritt hier neben das bisherige Archäologische Institut der Akademie. Das neue Institut ist eine staatliche Einrichtung, deren Gründung im Oktober 2018 im Staatsanzeiger angekündigt wurde (http://www.kozlonyok.hu/nkonline/MKPDF/hiteles/MK18172.pdf, S. 2-4). Es steht unter direkter politischer Kontrolle.

Das Institut befindet sich noch im Aufbau, so dass erst allmählich Einzelheiten zu dem neuen Institut bekannt werden. Dabei ergeben sich bisweilen offenbar noch strukturelle Veränderungen und auch das Personal wird erst noch angeworben. Neben den Informationen der Instituts-Homepage gibt vor allem ein internes Papier, das durch einen Pressebericht an die Öffentlichkeit gelangt ist, Einblicke in die Hintergründe des neuen Instituts.

Als Introbild fungiert ein monumentales Historiengemälde von Árpád Feszty, das 1895 zum 1000jährigen Jubiläum der ungarischen Landnahme gemalt wurde (vergl. https://en.wikipedia.org/wiki/Arrival_of_the_Hungarians?wprov=sfla1/ https://de.wikipedia.org/wiki/Feszty-Panorama).
Das Titelbild des neuen Instituts: Auschnitt aus dem Feszty-Panorama "Ankunft der Ungarn"
(Árpád Feszty [PD] via WikimediaCommons)


Über Ausrichtung und Ziele des neuen Instituts heißt es auf der Website (https://mki.gov.hu/hu/magyarsagkutato-intezet ):
“Das Hauptziel des Ungarischen Forschungsinstituts ist es, den hohen wissenschaftlichen Kenntnisstand in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen so weit wie möglich zusammenzuführen, zu bewerten und zu kommentieren.

Die Aufgabe der Organisation ist es, Forschungen durchzuführen, um die Vergangenheit, Sprache und Herkunft der Ungarn aufzudecken, was bisher nicht möglich war. Das von der Regierung und dem Ministerium für Humanressourcen verwaltete Institut nahm am 1. Januar 2019 seinen Betrieb auf.

Das Institut plant, einen großen Teil seiner Forschungsergebnisse online zu veröffentlichen, veröffentlicht aber auch gedruckte Veröffentlichungen und wird sich auch mit Konferenzen und Veranstaltungen befassen.“

Das Institut hat folgende Aufgaben (laut https://mki.gov.hu/hu/magyarsagkutato-intezet):
  1. ungarische Geschichte vor der Eroberung, interdisziplinäre Erforschung der Geschichte der Ungarn,
  2. Erforschung der Steppenvölker des 5. bis 9. Jahrhunderts
  3. interdisziplinäre Erforschung der Eroberung und des ungarischen Mittelalters,
  4. Osteuropa im 8.-10. Jahrhundert, historisch-geographische Landschaftsrekonstruktion,
  5. Ungarische und ausländische, mündliche und schriftliche Quellen zur Geschichte der Ungarn
  6. Religionsgeschichte
  7. Volkskunde und Volksmusikforschung,
  8. allgemeine und berufliche Bildung, Beteiligung an der Entwicklung des Kulturtourismus, des Religions- und Pilgertourismus,
  9. Englische und ungarische Zeitschriften,
  10. archäogenetische Forschung
  11. Die Stellung der frühen ungarischen Geschichte für die ungarische Identität im 21. Jahrhundert
  12. Koordination und Kontrolle der Entwicklung einer mittelfristigen Strategie für die ungarische Sprache,
  13. Untersuchung der inneren Struktur, der Besonderheiten, der Funktionsweise der ungarischen Sprache, ihrer Verbindung mit der ungarischen Kultur als Ganzes und Anwendung ihrer Ergebnisse in der öffentlichen Bildung,
  14. Durchführung von Forschungen zur Sprachgeschichte, Förderung der Entwicklung von Sprachspeichern,
  15. die bewusste Entwicklung verschiedener Sprachen und Terminologien im Bereich der Sprach- und Sprachforschung, die vergleichende Erforschung der ungarischen Terminologie über die Grenzen und im Mutterland hinaus, die Zusammenstellung vergleichender Terminologiewörterbücher zu koordinieren,
  16. Erstellung von Gutachten zu sprachpolitischen Themen für die öffentliche Verwaltung und die öffentlichen Medien,
  17. Teilnahme an der Entwicklung des Lehrbuchprogramms für Ungarisch, Ausarbeitung der sprachlichen Grundlagen, insbesondere Harmonisierung der Entwicklung der fachlichen Grundlagen der Grundschul-Grammatikbücher zur Entwicklung kindgerechter, muttersprachlicher Fähigkeiten in der gesamten ungarischen Kultur;
  18. Untersuchung der Situation der ungarischen Diaspora, der ungarischen Dialekte, der Sprachen, der grenzüberschreitenden Sprachfassungen, der Minderheitensprachen,
  19. Ausarbeitung von Richtlinien für die Regierung für die Behinderung der ungarischen Sprache,
  20. fachliche und internationale Diskussionsrunden, Sommerkurse und - insbesondere für grenzüberschreitende Ungarn - die Organisation von Sommeruniversitäten, die gemeinsame Organisation von sprachlichen Kulturtagen im für die jeweilige Aufgabe erforderlichen Kreis in Zusammenarbeit mit den zuständigen Einrichtungen, Organisationen und Hochschuleinrichtungen in Ungarn und den Karpaten,
  21. Organisation von Forschungsarbeiten zum Überleben der ungarischen Sprache im digitalen Netzwerkraum,
  22. Studien-, Förderungs- und Entwicklungsprogramme für Übersetzungs-, Mehrsprachigkeits- und damit verbundene Lokalisierungsaktivitäten
  23. Ermutigung zum Sprachenlernen,
  24. 1 bis 23 die Aufrechterhaltung des Vermächtnisses der herausragenden Wissenschaftler, die die Aufgaben nach den Punkten 1 bis 4 permanent mitgestalten, die Digitalisierung der Forschungsmaterialien,
  25. die historische Darstellung des Ausdrucks der ungarischen Identität und des Patriotismus aus den früheren Jahrhunderten der ungarischen Geschichte,
  26. Unterstützung für traditionelle Veranstaltungen, Konferenzen, Veranstaltungen, Werke, Medien und
  27. andere von der Regierung in ihrer normativen Entscheidung festgelegte Aufgaben, die in ihren Tätigkeitsbereich fallen.“ 

Keine freie Forschung, sondern politische Agenda

An diesem Programm fällt auf, dass hier eine Mixtur von vermeintlichen Forschungsthemen, Aufgaben der Tourismusförderung und ideologisch-politischer Erziehung vorliegt. Dabei zeigt der letzte Punkt 27, dass sich das Institut als Erfüllungsgehilfe der Regierung sieht und nicht für eine freie Forschung steht. 

Das ganze Repertoire der Fragestellungen kommt mit seinen Vorstellungen von Nationen und der engen Verbindung von Anthropologie, Sprache, Volkssitten und Archäologie, direkt aus dem 19. Jahrhundert. Themen der Sozial- und Umweltgeschichte beispielsweise kommen nicht vor. 
Mit der Genetik werden zwar moderne Methoden einbezogen, die Formulierung der Aufgaben der archäogenetischen Abteilung zielt indes auf eine genetische Klassifikation der Bevölkerungen in Ungarn (Übersetzung by GoogleTranslator):
Die Hauptaufgabe des Archäogenetischen Forschungszentrums besteht darin, den Prozess der Ethnogenese der Ungarn durch interdisziplinäre Forschung zu erforschen. zu untersuchen, welche Bevölkerungsgruppen und inwieweit sie an der Entwicklung des genetischen Bildes der heutigen Ungarn beteiligt waren; um anzuzeigen, zu welchen Populationen genetische Verwandte gehören, die im Karpatenbecken leben und leben. (http://translate.google.com/translate?hl=de&sl=auto&tl=de&u=https%3A%2F%2Fmki.gov.hu%2Fhu%2Fkutatas%2Farcheogenetikai-kutatokozpont)
Diese Vorstellung, genetisch Ethnien differenzieren zu können, erinnert bedenklich an die Anthropologie der NS-Zeit. Archäogenetik ist heute ein seriöser und viel versprechender Zweig der Altertumsforschung, doch gehört es zu den wichtigen Erkenntnissen, dass sich Populationen und Nationen genetisch nicht gegeneinander abgrenzen lassen (vergl. J. Krause, Die Reise unserer Gene [Berlin 2019], 238ff.).

Gezielt werden die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern mit einbezogen, denen Ungarn 2014 die Wahlberechtigung gegeben hat. Sie spielen für große Teile der ungarischen Bevölkerung eine wichtige Rolle, da nach wie vor familiäre und emotionale Beziehungen bestehen. Das Institut ist hier aber weniger um eine wissenschaftlich-historische Perspektive bemüht, die für ein schlüssiges Bild ungarischer Geschichte natürlich diese Regionen berücksichtigen muss, sondern es agiert hier populistisch emotional manipulierend: Ein Video zeigt einen zehnjährigen ungarisch-stämmigen Jungen aus der Ukraine, der ein patriotisches Gedicht vorträgt:
Teil der Aktivitäten sind auch Vorträge für die ungarische Minderheit etwa in Rumänien, bei denen deren nationale Identität beschworen wird.
Exemplarisch für die große Nähe zur Politik und eine populistische Agenda ist auch das Video mit János Horváth (s. engl. wikipedia).

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Der Gesamteindruck der Internetseite des Instituts ist somit weniger wissenschaftlich als propagandistisch.


Institutsstruktur

Das Institut soll 101 Mitarbeiter und einen Jahresetat von 1,77 Mrd. HUF (ca. 4,3 Mio €) haben, wegen “zusätzlicher Bedürfnisse” offenbar deutlich mehr als zuvor veranschlagt wurde. Es gliedert sich in 11 Abteilungen, doch sind derzeit auf der Homepage nur acht benannt, anderswo werden 10 genannt.

Generaldirektor des Instituts ist Gábor Horváth-Lugossy, ein Anwalt, der in den Medien als “guter Fidesz-Cader” bezeichnet wird (444.hu [4.1.2019] ), sein Stellvertreter Dr. László Vizi PhD. Aufgabe des Generaldirektors ist es, “das Institut auf komplexe Weise" zu leiten.

Prof. Dr. Miklós Kásler wird in einem Zeitungsartikel als Direktor innerhalb des Instituts genannt (https://hvg.hu/itthon/20190625_kasler_magyarsagkutato_intezet_emmi_attila_emlekmu), was sich anhand der Internetseiten nicht verifizieren lässt. Demnach wäre „das wissenschaftliche Management einer großen Anzahl von hochqualifizierten Forschern“ die Aufgabe von Kásler und Vizi. Als zuständiger Minister für Humanressourcen hätte Kásler demnach aufgrund der Empfehlung eines Beirats seinen Chef, den Generaldirektor ernannt. So oder so erweist sich Kásler jedoch als eine zentrale Person. Kásler ist Krebsforscher und Hobby-Historiker, "der das ungarische wissenschaftliche öffentliche Leben versteht" und "sich der wissenschaftlichen Selbsterkennung und Anerkennung erfreut" (so Google-Übersetzer)

Kásler absolvierte eine akademische Karriere an verschiedenen ungarischen Universitäten


Archäologische Forschung

Eine der Abteilungen soll das Archäologische Forschungszentrum sein. Sein Leiter ist Miklós Makoldi (https://mki.gov.hu/hu/kutatas/regeszeti-kutatokozpont ; https://mki.gov.hu/hu/esemeny/makoldi-miklos-eloadasa ).

Das Förderprogramm des Nationalen Amtes für Forschung, Entwicklung und Innovation (NKFI-Büro) sieht im Exzellenzprogramm für 2019 (https://nkfih.gov.hu/hivatalrol/hivatal-hirei/temateruleti-kivalosagi-program-2019) in der Förderlinien ‘Kultur und Familie’ folgende archäologischen Projekte vor:
  • Die späte Avar-Reform und ihre Folgen
  • Erforschung der Herkunft der Ungarn durch archäogenetische Untersuchung der historischen Populationen des Karpatenbeckens.
  • Molekulare anthropologische Forschung auf dem Gebiet der ungarischen Ethnogenese


Das bislang bekannte Forschungsprogramm ist also noch wenig konkret. In einem, auf facebook dokumentierten Fall, wurde jedoch versucht, aufbauend auf einer neuen, noch unpublizierten Dissertation und darauf aufbauende Forschungspläne gegen die ausdrückliche Ablehnung der betreffenden Nachwuchswissenschaftlerin ein Projekt am neuen Institut zu etablieren. Es geht dabei um langjährige Forschungsarbeiten des Archäologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, mit denen dies nicht abgestimmt wurde. 

Archäologische Forschung findet letztlich auch in der Abteilung des Archäogenetischen Forschungszentrums statt, dessen Mission es ist, “neue Daten zur Entwicklung eines einheitlichen historischen Bildes der Herkunft der Ungarn beizutragen. Zu diesem Zweck konzentriert er seine Forschung auf die genetische Untersuchung der historischen Populationen des Karpatenbeckens und auf die Entdeckung ihrer genetischen Beziehung zu den Populationen, die einst lebten und heute leben.”  (https://mki.gov.hu/hu/kutatas/archeogenetikai-kutatokozpont ).

Die archäogenetische Abteilung verfolgt frühere Projekte von Kásler, dessen Forschungen von seinem Minister-Kollegen László Palkovics damit mehrere Millionen Forint zugewiesen, was in den Medien sehr kritisch berichtet wurde.

Auf die Bedeutung der ‘turanischen Theorie’ für rechtskonservative Kreise, die vorwissenschaftliche mittelalterliche Spekulationen über die Namensähnlichkeit Ungarn - Hunnen folgend, eine Ableitung der Ungarn von den Hunnen sucht, wurde in anderen Posts schon hingewiesen (Archaeologik [24.5.2012]; Archaeologik [30.5.2018]; Archaeologik [12.7.2019]). Hier wird bewusst polarisiert, denn der Wissenschaft auch in der kritisierten Akademie ist schon lange klar, dass Sprache und ‘Abstammung’ zwei unterschiedliche Kategorien sind. Längst geht die Forschungsproblematik nicht mehr um ein Entweder-Oder einer finno-ugrischen oder turanischen Herkunft der Ungarn und um ein blindes Folgen sprachwissenschaftlicher Theorien, sondern um eine sehr viel weiter gefasste Untersuchung kultureller Beziehungen in den Osten, die eben tatsächlich am ehesten auf den Raum zwischen Ural und Karpathen weisen (vergl. Archaeologik [19.12.2013]). Ausgangspunkt sind hier archäologische Funde und nicht vorwissenschaftliche Theorien und überinterpretierte genetische Daten.  
Auf die Seite der Akademie-Kritiker stellt sich auch die bei der Akademie beschäftigte Archäologin Gabriella Lezsák. Sie sieht die finno-ugrische These als ein Dogma, das im Kommunismus verankert war (obgleich sie viel älter ist) und greift für ihre Forschungen auf eben die mittelalterliche, nicht auf Wissenschaft basierende These einer turanischen Beziehung zurück. Sie sieht dies als Ausdruck freier Forschung, die nun dank großzügiger staatlicher Forschung nun mit modernen Methoden voran schreiten könne.
Dies sind die Positionen, die normalerweise von Seiten der Akademie-Kritiker stammen und die etwa auch M. Kásler vertritt. Gabriella Lezsák ist verwandt mit dem Politiker Sándor Lezsák (vgl. wikipedia), der bei den Kurultaj - 3rd World Nomad Games 2014 in seiner Funktion als Parlamentssprecher die “common roots, which binds our peoples together, and on which the new, independent Hungarian policies are based” in einer Rede betont hatte (vgl. Archaeologik [12.7.2019]).
Hier ist es Populisten offensichtlich gelungen, parawissenschaftliche Thesen in der Öffentlichkeit zu platzieren und mit allerhand Verschwörungstheorien gegen die etablierte Wissenschaft zu hetzen. Politisch entspricht dies der Linie der Fidesz-Regierung, die enge Kontakte zu Nachfolgestaaten der UdSSR und zur Türkei sucht.
Die wissenschaftliche Diskussion über die Beziehungen der Ungarn in den Osten ist durchaus ein interessantes Feld und muss offen geführt werden. Bedenklich ist, dass die Kritik an der bisherigen Überlegungen der Forschung leicht verschwörungstheoretische Züge annimmt und mit der politischen Agenda der Orbán-Regierung personell sehr eng verwoben scheint.


Ein normatives Narrativ und eine ideologisch-politische Agenda

Hinter dem Programm des neuen Instituts steht ein normatives Narrativ, das aus der Vergangenheit identitätsstiftende Werte ableiten möchte. Das wird nicht nur im eingangs zitierten Programm deutlich, sondern beispielsweise auch an Äußerungen von Miklós Kásler. In einem Interview erklärte er, dass Wissenschaft ein Dienst an Gott sei. Der heutige Mensch sei vom Weg abgekommen und habe seine Werte verloren. Alte klassische Werte seien über Jahrhunderte verunreinigt worden (https://en.wikipedia.org/wiki/Mikl%C3%B3s_K%C3%A1sler). Offenbar vertritt er eine normative Bedeutung der Vergangenheit, was wenig mit wissenschaftlichem Interesse zu tun hat.

Archäologie und Kulturwissenschaften müssen politisch sein - im Sinne eines kritischen Narrativs.

Ein wenig positives Signal ist hier auch die Besetzung des Leitungs-Postens des übergeordneten Loránd-Eötvös-Forschungsnetz (ELKH) mit dem Orientalisten und Altphilologen Miklós Maróth, der zuletzt Schlagzeilen mit rassistischen und hetzerischen Äußerungen gemacht hat.

Millionen neue Ausgaben und ein Attila-Denkmal

Ende Juni wurden in einem Presseartikel Informationen aus einem geheimen Papier des neuen Instituts veröffentlicht. In dem Papier wird, formuliert als Regierungsbeschluss ein „würdiges und eindrucksvolles Gebäude“ gefordert, da bisher nur eine provisorische Unterbringung besteht.

Weiterhin sollen ein neues Ungarisches Heimatmuseum sowie ein “Hunnisch-Ungarisches Museum” gegründet werden. Für letzteres wird das Vajdahunyad-Schloss im Stadtpark vorgeschlagen, in dem bisher das Landwirtschaftsmuseum untergebracht ist. Davor soll eine monumentale Attila-Statue errichtet werden.



Als repräsentatives Gebäude für das neue Institut gewünscht: das Vajdahunyad-Schloss
(Foto: Paolo Villa [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

 

Diebstahl geistigen Eigentums?

Ziel ist es laut des Papiers, mit einem Stipendienprogramm "zum Entstehen einer neuen wissenschaftlichen Generation beizutragen, die ihre eigene moderne wissenschaftliche Erzählung formuliert". Deutlich wird an ersten Fällen, in denen sich Betroffene via facebook - gerade aus der Archäologie - geäußert haben, dass mit dieser gezielten Nachwuchsförderung etablierte Akademie-Projekte bisherigen Forschern entzogen und Nachwuchswissenschaftlern übertragen werden.


Herausforderung für die EAA

Es geht bei diesem Beitrag nicht darum, das neue Institut vorzuverurteilen, aber die bislang bekannten Informationen werfen Fragen auf - nach Vetternwirtschaft und Korruption, über die Wissenschaftlichkeit des Instituts, aber auch zur Linie, die die archäologische Forschung ihm gegenüber einnehmen sollte. Ist es verantwortbar, mit diesem Institut wissenschaftlich zu kooperieren?

Die European Association of Archaeologists plant, ihre jährliche Konferenz 2020 in Budapest abzuhalten. Dabei wird es darauf ankommen, sich von den neuen Strukturen in geeigneter Weise zu distanzieren. Bislang gibt es keine Stellungnahme der EAA zur politischen Einflussnahme auch auf die Archäologie. Während der Tagung in Budapest darf es indes nicht zu einer Legitimierung der neuen nicht- oder vielleicht parawissenschaftlichen Institutionen wie dem Institut für ungarische Studien kommen.

Vielleicht aber kann die EAA, die derzeit in Bern tagt, zumindest eine Klarstellung erreichen.



Links

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Dank

Ich danke meinen ungarischen Kolleginnen und Kollegen für Auskünfte und Übersetzungshilfen. Einige Texte wurden mit Hilfe von Google Translator übersetzt (was für das Ungarische nach wie vor problematisch ist!).

Mittwoch, 30. Mai 2018

Ungarn listet unliebsame Wissenschaftler

Nur kurz nach der Wiederwahl von Viktor Orbáns Fideszpartei für das ungarische Parlament veröffentlicht die regierungstreue Zeitung Figyelő; eine Liste mit unliebsamen Journalisten, NGO-Vertretern und Wissenschaftlern. Viele der 200 Gelisteten haben Verbindungen zur Central European University (CEU), die von Orban in irrationalem Verschwörungswahn schon länger schikaniert wird.
  • Die Liste: A spekuláns emberei. Figyelő (4/2018)

Mit auf der Liste steht Patrick Geary, ein in Archäologenkreisen wohlbekannter Historiker. Er ist Professor für Geschichte des abendländischen Mittelalters am Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey und war von 2008 bis 2009 Präsident der Medieval Academy of America. Derzeit leitet Geary ein Forschungsprojekt zu Migrationen während des frühen Mittelalters. Im Mittelpunkt stehen die Langobarden, die bis ins 6. Jahrhundert auch Bevölkerungsruppen im heutigen Ungarn zugerechnet werden, ehe sie 568 nach Norditalien abgewandert seien. Geary’s Projekt analysiert die DNA aus Gräberfeldern aus Ungarn und Italien.

Ebenfalls auf der Liste steht der renommierte ungarische Mittelalterhistoriker Gábor Klaniczay, der erst vor Kurzem als Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt wurde. Klaniczay ist Professor an der CEU in Budapest und arbeitet vor allem zu Religionsgeschichte, aber auch zur Rezeption von Antike und Mittelalter in der Gegenwart.

Es ist unklar, was diese Liste zu bedeuten hat. Sicher geht es um Einschüchterung, vielleicht aber auch um noch Schlimmeres? Soll Wissenschaft auf solche Forschungsergebnisse getrimmt werden, die das krude Geschichtsbild der Nationalisten stützen?

Entscheidend dafür, dass Wissenschaftler auf der Liste stehen sind derzeit wohl generell deren Verbindungen zur CEU, weniger inhaltliche Positionen. Dass Letzteres zumindest indirekt aber durchaus auch eine Rolle spielen mag, zeigt die angekündigte Gründung des László Gyula Őstörténeti Intézet (László Gyula Institut für [ungarische] Frühgeschichte). Das neue Institut wird finanziell von einem Politiker der Fideszpartei, Sándor Lezsák, Vizepräsident des Parlaments und Vertrauter von Viktor Orbán. Das Institut wurde vor den Wahlen gegründet, wohl um Stimmen im rechtsextremen Lager zu sammeln, ist aber noch nicht öffentlich sichtbar.
Das Kurultaj - ein angeblich traditionelles, tatsächlich erst 2007
begründetes - Festival der Steppenvölker propagiert die
wissenschaftlich nicht gedeckte These
einer Abstammung der Ungarn von Hunnen und Skythen.
(Foto: Derzsi Elekes Andor [CC BY SA 4.0]
via Wikimedia Commons)
Propagiert wird hier ein parawissenschaftliches Geschichtsbild des Ursprungs der Ungarn (vgl. Simon-Nanko 2017). Die sprachwissenschaftlich erwiesene Verbindung des Ungarischen zum Finnischen wird abgelehnt, weil sie zu wenig Größe ausstrahlt. Da wird zwar richtig darauf verwiesen, dass die Kategorien Sprache und Volk nicht deckungsgleich sein müssen, zugleich wird aber an einer grundsätzlich falschen Vorstellung von Volk und Nation als natürlicher, weitgehend unveränderlicher Größe festgehalten. Vorwissenschaftliche Mutmaßungen mittelalterlicher Autoren, die eine Verbindung der Ungarn zu Hunnen und Skythen postulierten, werden trotz fehlender wissenschaftlicher Argumente zum Paradigma erhoben und um die absurde These ergänzt, dass die Sumerer als erste Hochkultur Mesopotamiens ungarisch gewesen sei. Unter anderen hat  Gábor Klaniczay auf die mangelnden Grundlagen dieses nationalistischen Geschichtsbildes hingewiesen.

Ein Artikel, ebenfalls kurz nach der Wahl in einer rechten Zeitung erschienen, greift eine alte Verschwörungstheorie auf (vergl. Simon-Nanko 2017) und sieht in der sprachwissenschaftlichen Klassifikation des Ungarischen in einer finno-ugrischen Sprachgruppe eine Verschwörung der Habsburgermonarchie, der insbesondere die Ungarische Akademie der Wissenschaften bis heute verpflichtet sei. Künftig müsse Wissenschaft die ungarische Seele und die historischen Traditionen stärker berücksichtigen.
Die CEU bezeichnet die Liste in einer ersten Reaktion als inakzeptabel.

Im Ausland hat dieser ungeheuerliche Vorgang, bei dem Menschen ob ihrer wissenschaftlichen Interessen und Forschungen persönlich bedroht werden, offenbar kaum Beachtung gefunden. Hier wäre ein klares Statement der EU gefragt!

Literatur

Simon-Nanko 2017
L. Simon-Nanko, Politische Mythologie in Ungarn? Zu Kontinuitäten paralleler Geschichtsschreibung im Kontext von Archäologie und Sprachwissenschaft. In: I. Götz/K. Roth/M. Spiritova (Hrsg.), Neuer Nationalismus im östlichen Europa (Bielefeld 2017) 139-148.

Interne Links

Es scheint besser, für Auskünfte und Übersetzungshilfen, die ich aus Ungarn erhalten habe, nicht namentlich zu danken.