Dienstag, 3. November 2026

US-Heritage im MAGA-Würgegriff: aktuelle Entwicklungen in Denkmalpflege, Museen und Unis

Die US-amerikanische Denkmalpflege und die archäologische Forschung erleben derzeit die größten Beeinträchtigungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Unter dem Deckmantel von „Bürokratieabbau“ und ideologischen, geschichtsrevisionistischen Säuberungsaktionen vollzieht die Trump-Administration eine systematische Abkehr von der historischen Bewahrung und der wissenschaftlichen Infrastruktur. Eine Übersicht der aktuellen Entwicklungen.


Gesetzesänderungen 

Ein äußerst schwerer Schlag gegen das US-Denkmalrecht bahnt sich über das Advisory Council on Historic Preservation (ACHP) an. Der mit Trump-Loyalisten besetzte Regierungsbeirat hat Ende Juli 2026 mit 16 zu 5 Stimmen beschlossen, die grundlegende „Section 106“ des National Historic Preservation Act von 1966 drastisch zu schwächen.

Bislang verpflichtete dieses Gesetz US-Bundesbehörden dazu, vor der Freigabe oder Finanzierung von Bauprojekten Anhörungen durchzuführen, wenn historische Orte, indigene Friedhöfe oder Kulturlandschaften betroffen sind. Nach den neuen Plänen soll diese Konsultationspflicht mit lokalen Gemeinden und indigenen Stämmen faktisch aufgehoben oder ins Ermessen der Behörden gestellt werden. Kritiker wie der demokratische Abgeordnete Jared Huffman sprechen von einer „Bulldozer-Politik“ zugunsten privater Investoren. Lokale Planer warnen vor einer kulturellen Auslöschung ganzer Gemeinschaften.

Schon zuvor zeichnete sich dieser Kurs ab: Das Justizministerium stellte in einer Rechtsmeinung den dauerhaften Schutzstatus von National Monuments infrage und ebnete den Weg, Schutzgebiete wie Bears Ears oder Grand Staircase-Escalante erneut massiv zu verkleinern.

Abgesehen von der Aufhebung der Pflicht von Konsultationen ist noch ein anderer Änderungsvorschlag von Bedeutung. Künftig sollen nur noch „geografisch kompakte“ Stätten als geschützt gelten. Große Kulturlandschaften wie Chaco Canyon oder Denkmalensemble wie Washington D.C. fallen damit aus dem Denkmalschutz. Das zielt konkret auf zwei aktuelle Streitfälle: Chaco Canyon und Trumps Versuche Washington zu Trumpolis umzugestalten. 

 

Chaco Canyon

Eine der heftigsten Auseinandersetzungen um des Schutz archäologischen Kultuguts findet im amerikanischem Südwesten statt, wo Fracking archäologische Fundstellen und indigene Kulturlandschaft rund um den Chaco Canyon bedroht. Seit Jahren gibt es hier ein Gerangel zwischen Interessen des Denkmal- und Naturschutzes und windigen Geschäftsinteressen.  
Das ist eine längere Geschichte, die sich als separater Blogpost auf Archaeologik anbietet.
Hier sind aber die Auswirkungen der  geplanten Gesetzesänderung am deutlichsten zu erkennen. Man müsste sich gar nicht mehr mit irgendwelchen Fremdinteressen - schon gar nicht mit indigenen Rechten oder dem Denkmalschutz - abgeben, sondern eine Regierung könnte nach eigenem Gutdünken, bzw. nach Anweisungen von Don. Trump & Co rücksichtslos das Fracking einfach freigeben.

Trumps Protz- und Prolomonumente 

Parallel zur Aufweichung von Schutzgesetzen versucht die Administration, eigene symbolträchtige Großprojekte gegen geltendes Recht durchzudrücken. Der Arch de Trump droht in Washington DC die historische Sichtachse zwischen dem Nationalfriedhof Arlington und dem Lincoln Memorial massiv zu beeinträchtigen. Um den gesetzlichen Denkmalschutzprüfungsprozess komplett zu umgehen, plant das Weiße Haus, das Bauwerk kurzerhand als „Militäranlage“ zu klassifizieren.

Am 30. Oktober kurz vor dem geplanten Baubeginn am 5. November reichten der District of Columbia und Virginia Klage ein, um den Bau des 76 Meter hohen Bogens zu stoppen. Die Staatsanwälte bezeichnen das Projekt als „offensichtlich rechtswidrig“ und sehen die Gefahr von „ernsthaften, unmittelbaren und irreparablen Schäden“. Der Bau sei bisher nicht vom US-Parlament genehmigt worden, deshalb wird ein Bauverbot beantragt.

Zuvor hatten Vietnam-Veteranen geklagt und ebenfalls einen Eilantrag gestellt. Er wurde bereits im Februar von der Bürgerrechtsorganisation Public Citizen im Namen von drei Vietnamkriegs-Veteranen und einem Architektur-Historiker eingereicht. Diese Klage ist die inhaltlich grundsätzliche Klage (fehlende Kongress-Genehmigung + Schutz der Gedenklandschaft), über die bisher aber nicht entschieden ist. Am 30. Oktober fand lediglich eine Anhörung statt. Die neue Klage bringt nun zusätzlich Verkehrs- und Kostenargumente vor.

Der National Park Service, der das historische Gelände in Washington verwaltet ist indes eingeknickt. Im Juni 2026 hat er einen Bericht vorgelegt, der inzwischen in vier verschiedenen Versionen existiert. In einer ersten Version wurde „No Significant Impact“ festgestellt, dann jedoch in der zweiten Fassung ebenfalls aus dem Juni 2026 eine seriösere Prüfung durchgeführt. Dabei wurden die Bedenken und drohenden Schäden dargestellt, dann aber trotzdem der Schluss gezogen, das Projekt sei zu unterstützen, weil der Ort gerade wegen seiner Sensibilität historisch angemessen sei. Das politische Einknicken wird deutlich, wenn man die weiteren Fassungen des NPS-Berichtes von 18. Juni und Oktober vergleicht. Das habe ich die KI machen lassen (und nur allgemein, nicht im Einzelnen geprüft):
▶ NPS-Berichte zum Trump Arch im Vergleich – zum Aufklappen
Kriterium A - Juni 2026
No Significant Impact
B - Juni 2026
Assessment of Effects
C - Aug 2026
Assessment of Effects Revised
D - Okt 2026
Revised Environmental Assessment
Eingeknickt?
Umfang 13 Seiten
Einleitung zu B
277 Seiten 133 Seiten 209 Seiten
Adverse Effects Nein, fordert aber developing an archeological work plan in consultation with the relevant State Historic
Preservation Officers and potentially conducting a Phase IB subsurface investigation
Ja, nach 36 CFR 800.5(a)(1) festgestellt Ja, bestätigt + auf 37 Orte erweitert Ja, aber FONSI: als nicht signifikant eingestuft Fachlich nein, Bewertung ja
Sichtachsen Lincoln Memorial, Arlington Memorial Bridge, Memorial Circle, and Arlington
House
Zitat: "The Arch would occupy the center of this designed vista, obstructing the
reciprocal view and impacting the clarity of this sightline"
Lincoln Memorial ↔ Arlington House gestört Zitat: "obstructing the reciprocal view and impairing clarity" 8 neue Renderings aus Sekt. 43,55,57,73,74,75,76 + Marine Corps Memorial Mehr zugegeben, trotzdem freigegeben
Kulturlandschaften Lady Bird Johnson Park mit Memorial Circle Memorial Circle, Bridge, Avenue Gleich NEU: Mount Vernon Hwy, National Mall, Washington Monument Grounds, Jefferson Memorial Liste vergrößert
Lärm
Allgemein erwähnt Allgemein NEU quantifiziert: >57 dBA im Friedhof, Mitigation: Noise blankets/curtains um Pfahlramme Erst im Okt nachgebessert
Verkehr / Bau
Temporäre Sperrung Temporäre Sperrung Detailliert: 2-3 Jahre, 20h/Tag, 320 Fuß Kräne, 300 Fuß Mobilkran, 1400 LKW Ehrlicher geworden
Rechtfertigung " the Arch would reinforce shared civic identity, strengthen public appreciation for
this nationally important setting, and contribute positively to the quality of life of the American
people"
"ceremonial gateway" + "Avenue of Heroes" Gleich + Eingeständnis: "highly sensitive historic landscape" Gleich + NEU: EO 14252 + ewige Erdgas-Flamme als FAA-Hindernislicht Politischer Überbau
Link https://parkplanning.nps.gov/showFile.cfm?sfid=852874&projectID=136973 https://www.ncpc.gov/files/download.php?id=7862 https://parkplanning.nps.gov/showFile.cfm?sfid=862935&projectID=136973 Seiten Seiten

Alle Dokumente: DOI-NPS-136973. Quellen: Gerichtsakte 1:26-cv-00544-TSC vom 26.10.2026, S. 6-7 (sfid 852874, 862935, 869022). USA Today 28.08.2026 für B.


Den Bericht des NPS gibt es in vier Versionen:, wunderbarerweise alle mit derselben DOI.

Einen Etappensieg konnte die Denkmalpflege im August 2026 mit einem Baustopp für den White House Ballroom verbuchen. Ein Bundesberufungsgericht bestätigte den Baustopp für den umstrittenen, 400 Millionen Dollar teuren Ballsaal-Anbau am Weißen Haus. Die Denkmalschutzorganisation National Trust for Historic Preservation hatte geklagt nachdem die Regierung im Vorjahr den historischen Ostflügel (Baujahr 1902) ohne die verfassungsrechtlich notwendige Zustimmung des Kongresses abreißen ließ. Die Richter stellten unmissverständlich klar, dass der Präsident lediglich ein „temporärer Mieter“ und nicht der Eigentümer des Weißen Hauses ist. 
Allerdings hat der Supreme Court es dann zugelassen, dass bis zur Entscheidung im Hauptverfahren doch weiter gebaut werden dürfe.

Nach wie vor ist unklar, wer den fetten Ballsaal überhaupt finanziert. Trump spricht von privaten Sponsoren, was allerdings illegal sein dürfte, da ees der Regierung gesetzlich untersagt ist, durch private Gelder die Zustimmung des Kongresses zu umgehen.

Der Angriff auf Section 106 wirkt wie ein trotziger Racheakt auf den  denkmalpflegerischen Gerichtserfolg gegen Trumps Zerstörung des Weißen Hauses und gegen  die professionelle Gewissenhaftigkeit der Denkmalpfleger*innen. Trumps Gleichgültigkeit oder gar Geringschätzung von Kultur war aber bereits in Trumps erster Amtszeit zu erkennen. 

 

Zerstörung indigener Fundplätze an der Südgrenze

Während an der Ostküste um Sichtachsen gestritten wird, schafft die Regierung an der Grenze zu Mexiko unumkehrbare Fakten. Durch den Verzicht auf Umweltschutz- und Denkmalschutzgesetze (Waiver) beim Bau der Grenzbefestigungen wurden bereits mehrere bedeutende archäologische Stätten teils unwiederbringlich zerstört.

Betroffen sind unter anderem 6.000 Jahre alte Höhlenmalereien in der Big-Bend-Region in Texas, die durch den Bau einer KI-gestützten „Smart Wall“ bedroht sind (Hyperallergic 30.7..2026). In Arizona walzten Bautrupps zudem Teile des Las Playas Intaglio nieder – ein über 1.000 Jahre altes, indigenes Geoglyphen-Heiligtum der Tohono O’odham Nation (Washington Post 30.4.2026; Hyperallergic 1.5.2026; Einordnung bei Common Dreams). 
 
Beim Bau eines zweiten Abschnitts der US-Grenzmauer im Organ Pipe Cactus National Monument in Arizona wurden im September 2026 menschliche Überreste indigener Ureinwohner freigelegt. Eine wissenschaftliche Untersuchung bestätigte, dass die Funde von Brandbestattungen stammen, die im Einklang mit den historischen, rund 1.500 Jahre alten Bestattungspraktiken der lokalen Stämme stehen. Die Bauarbeiten wurden nur durchgeführt weil das US-Heimatschutzministerium jede erdenkliche rechtlichen Ausnahmeregelungen ausschöpft, den gesetzlichen Schutz indigener Gräberstätten und archäologischer Denkmäler zu umgehen und trotz eines gerichtlichen Baustops den Mauerbau fortzusetzen.
 
Die Archäologin Dr. Karen Steelman warnte davor, dass durch die Bauarbeiten 425 archäologische Fundstätten sowie 84 Stätten von Felsbildern unzugänglich werden könnten, während mehrere uralte Wandmalereien durch Sprengungen und Aushubarbeiten zerstört zu werden drohen. 


Kulturkampf im Museum: „Geschichte ist zu unpatriotisch“

Der kulturpolitische Zugriff betrifft nicht nur Gesetze, sondern greift auch die Institutionen an. Ein offizieller Bericht des Weißen Hauses forderte jüngst das Anbringen von ideologischen „Warnschildern“ am National Museum of American History (Smithsonian). Dem Museum wird vorgeworfen, es betreibe eine „radikale Ideologie“ von Anti-Weiß-, Transgender- und illegaler Migration und stelle Aktivismus für Minderheiten und Migranten über den Patriotismus. Das Ziel hinter den Angriffen ist durchschaubar: Der Stiftungsrat soll umstrukturiert und die Museumsleitung ausgetauscht werden, um die staatliche Kontrolle über das historische Narrativ der USA zu erlangen (Deutschlandfunk Kultur).

Dazu passt, dass  DOGE, die ehemals von Elon Musk geleitete Effizienzbehörde insbesondere die Gelder für Natives gestrichen hat. Verantwortung für die Fehler und Ungerechtigkeiten der Vergangenheit: Fehlanzeige:

Zu verweisen ist hier auch auf Trumps Bemühen , das John F. Kennedy Center for the Performing Arts zu vereinnahmen und politisch unliebsame Kunst durch MAGA-Kunst zu ersetzen.
 
Kennedy Center: Abnahme des Trump, Juni 2026
(Foto: Nvss, CC0, via WikimediaCommons)

 

Kürzungen in den Geisteswissenschaften

Wer die historische Wahrheit kontrollieren will, entzieht ihrer Erforschung die Lebensgrundlage. Unter massivem politischem Druck hat die National Science Foundation (NSF) eine beispiellose Säuberung ihrer Förderlinien vorgenommen. Radikale Kürzungen und strukturelle Umbauarbeiten haben gezielt die Sozialwissenschaften und auch die Archäologie extrem hart getroffen. 
Die Abteilung für Sozial-, Verhaltens- und Wirtschaftswissenschaften (SBE) soll nach Regierungswunsch vollständig abgewickelt werden. (ScienceDirect, APS, Scientific American). Hier war auch die Archäologie und die Cultural Anthropology angesiedelt. Interne Umstrukturierungen zur Abwicklung laufen bereits. 
 

Massenhafter Einbruch bei Bewilligungen

Während die NSF in einem normalen Frühjahr rund 250 sozialwissenschaftliche Grants vergibt, wurden in den ersten Monaten des Jahres 2026 zeitweise nur noch eine Handvoll (laut Berichten etwa fünf) bewilligt. 
In der neuen Ausschreibung für das prestigeträchtige Graduate Research Fellowship Program (GRFP) für 2027 wurde die im SBE-Direktorat organisierten Geistes- und Sozialwissenschaften komplett gestrichen. Wichtige Kernbereiche wie Kulturanthropologie, Politikwissenschaft, öffentliche Ordnung (Public Policy) und Kommunikationswissenschaften wurden explizit von der Förderung ausgeschlossen. 
Seit 2025 wurden bereits bewilligte Gelder für laufende Projekte in der Archäologie und Paläoanthropologie fristlos eingefroren oder gekündigt. 

 

Die Situation in der Archäologie

Für die Archäologie soll es fast gar kein Geld mehr geben. Zwar ist die Archäologie formal noch im GRFP gelistet, da das Budget jedoch radikal in Richtung Rüstungs- und KI-Forschung verschoben wurde, sinkt die reale Bewilligungschance gegen Null. Bereits im vergangenen Jahr hat die NSF die so wichtigen Doctoral Dissertation Research Improvement Grants (DDRIG) für die Archäologie, Linguistik und Geographie komplett eingestellt. Diese galten jahrzehntelang als finanzielle Lebensader für den wissenschaftlichen Nachwuchs. 
Seit 2025 hat die NSF unter anderem in der Archäologie und Paläoanthropologie zahlreiche laufende Förderungen fristlos gekündigt und Millionengelder eingefroren (Hauptmann 2005) - damit aber auch Millionen bereits ausbezahlte Gelder in den Sand gesetzt. Im GRFP-Stipendienprogramm ist das Teilgebiet der Archäologie im Gegensatz zu anderen gestrichenen Feldern formal zwar noch gelistet. Da jedoch das gesamte Budget für 2027 drastisch zusammengestrichen wurde und die Administration Gelder massiv in Prioritäten wie Künstliche Intelligenz und Quantencomputer lenkt, gehen Fachleute davon aus, dass die Bewilligungsquote für Archäologie in der Praxis gegen Null sinken wird. 

Brain Drain

Die Trump-Administration II setzt Universitäten von Anfang an unter Druck und will erreichen, dass ihr nicht genehme Forschungen eingestellt werden. Das umfasst ein breites Themenfeld, ausgehend von dem in einen Kulturkampf gezogenen Konzept DEI (diversity, equity, inclusion), das für Vielfalt, Gerechtigkeit und Rücksichtnahme steht..

Wissenschaftler*innen werden mit dem Versprechen von Wissenschaftsfreiheit und gesicherter Finanzierung nun aus den USA vor allem nach Kanada und Europa abgeworben. Ob das angesichts des Aufstiegs rechter, wissenschaftsfeindlicher Parteien redlich ist, scheint mir fraglich.

Aktuell scheinen keine Fälle von Archäolog*innen bekannt, die die USA wegen der Trump’schen Wissenschaftspolitik verlassen haben. Natürlich ist zu berücksichtigen, dass Nachwuchswissenschaftler*innen zu wenig prominent sind, um im Netz Spuren zu hinterlassen. Aktuell betrifft der Brain Drain mehr die Klimaforschung, Biologie und Medizin.

Da eine akademische Auswanderung für Archäologen aufgrund nationaler Spezialisierungen schwerer ist, äußert sich der "Brain Drain" hier oft anders: Nachwuchskräfte kehren den Universitäten komplett den Rücken und wechseln in das boomende Cultural Resource Management (kommerzielle Archäologie für Bauprojekte), wo der direkte politische Druck auf die Forschungsinhalte geringer ist. Mit dem angesprochenen Eingriff in den Denkmalschutz sind jedoch auch hier die staatlichen Eingriffe existenzgefährdend.

 

Aufgabe der größten Firma

Chronicle Heritage, die größte Firma für Cultural Resource Management (CRM) in den USA, hat laut Science am 1. Oktober abrupt ihren Betrieb eingestellt. Sie war engagiert als Grabungsfirma, aber auch im Sammlungs- und Ausstellungsmanagement. Die Massenentlassung trifft viele Archäologen genau zum Ende der Feldsaison. Kritisch ist auch die Frage, was mit den archäologischen, indigenen und paläontologischen Sammlungen passiert, die die Firma verwaltet hat.

Mehr als 600 Mitarbeiter, darunter Archäologen und Paläontologen, wurden völlig überrascht - viele sogar von laufenden Ausgrabungen weltweit abgezogen. 
Das Unternehmen war durch die Fusion mehrerer kleinerer Firmen entstanden, wurde von Risikokapital finanziert, hatte über 20 Büros und einen geschätzten Jahresumsatz von 100 Millionen Dollar. Solche privaten Firmen führen in den USA die gesetzlich vorgeschriebenen archäologischen Untersuchungen vor großen Bauprojekten durch. Schätzungen zufolge erbringen sie bis zu 90 % der archäologischen Forschung in den USA pro Jahr.

Die Schließung kommt zu einem unsicheren Zeitpunkt für die gesamte Branche. Die Regierung von Präsident Donald Trump plant Änderungen an Denkmalschutzgesetzen, die die Zahl der Projekte mit archäologischer Prüfungspflicht stark reduzieren könnten. Gleichzeitig hat eine überparteiliche Senatoren-Gruppe ein Gesetz zur Beschleunigung von Bundes-Genehmigungen vorgelegt, das denselben Effekt hätte. Eine breite Koalition aus Archäologie-Verbänden, Denkmalschützern und indigenen Nationen hat sich formiert, um dagegen vorzugehen.



Unter POTUS Don. Trump zählen Argumente kaum noch. Von Protesten hört man in Deutschland wenig, auch über den dreckigen Wahlkampf zu den Midterms wird relativ wenig berichtet - jedenfalls nach meinem subjektiven Eindruck.
So mag der Eindruck entstehen, man hätte sich in den USA mit den Grausamkeiten, korrupten Günstlingsgeschäften und Inkompetenzen dieser Administration abgefunden.
In Trumps erster Amtszeit  war der Widerstand jedenfalls sichtbarer.

Es gibt indes in den USA einen wenig spektakulären Widerstand: den massenhaften Gang durch die Institutionen. Es wird dazu aufgerufen, sich konkret an seine Abgeordneten und Verwaltungen zu wenden. In den USA ist das ein gängiger Weg, Demokratie zu leben - in Deutschland haben Petitionen erst in jüngerer Zeit durch online-Plattformen an Bedeutung gewonnen. Kampagnen, gezielt an die gewählten Volksvertreter heranzutreten, sind in Deutschland vergleichsweise selten.
 
Die SAA hat eine eigene Plattform, um Abgeordnete in archäologischen Angelegenheiten anzusprechen, auch zur Section 106. 
Die Anwaltskanzlei Cultural Heritage Partner ist besonders aktiv gegen das Zurückdrängen der gesetzlichen Standards durch die Regierung des POTUS Don. Trump. 

Da die erste entscheidende Abstimmung im Senat direkt nach den US-Midterm-Wahlen angesetzt ist, fordern die wichtigsten Fachinstitutionen die Bevölkerung auf, ihre Abgeordneten und Senatoren zu kontaktieren, um gegen diese Aufweichung der Schutzgesetze zu stimmen.
Die amerikanischen Denkmalschutz- und Archäologieverbände rufen im Herbst 2026 zu einer massiven, koordinierten Protestwelle auf. Grund dafür ist der Gesetzesentwurf S. 5653 (Bipartisan American Affordability and Jobs Act of 2026 / BAAJA) sowie vorangegangene Beschlüsse des von Regierungsanhängern dominierten Advisory Council on Historic Preservation (ACHP), welche die Mitspracherechte von Stämmen und Bürgern bei Bundesbauprojekten nach Section 106 des Nationalen Denkmalschutzgesetzes (NHPA) drastisch einschränken oder ganz abschaffen.

Die Koalition "106 Strong" aus 1.000 Organisationen und Stammesnationen, die nach eigenen Angaben über 9 Millionen Amerikaner vertritt, fordert den Kongress in einem Schreiben zum 60. Jahrestag des National Historic Preservation Act auf, mit NEIN zu S. 5653 zu stimmen, weil Titel III dessen zentrale Schutzvorschrift Section 106 faktisch aushebeln würde. Zur Begründung führt sie acht Haupteinwände an: Ausschluss der Öffentlichkeit aus dem Beteiligungsverfahren, Gefährdung tribaler heiliger Stätten und Souveränität, weitgehende Ausnahmen für Bundesvorhaben, Verengung des Schadensbegriffs um visuelle, akustische und kumulative Effekte, Ermessen der Behörden, Schäden ohne Minderung zuzulassen, Einschränkung gerichtlichen Rechtsschutzes sowie neue, unfinanzierte Pflichten für staatliche und tribale Denkmalschutzbehörden, die neue Verzögerungen schaffen würden.

 
Folgende archäologische und historische Verbände sind bei den Protesten derzeit aktiv: 
Die Society for American Archaeology (SAA) hat eine offizielle, scharfe Stellungnahme gegen die Permitting-Reformgesetze der Regierung vorgelegt. Sie warnt eindringlich davor, dass die Gesetzesinitiative das mühsam austarierte Gleichgewicht zwischen staatlicher Infrastrukturentwicklung und dem Schutz historischer Stätten auslöscht. Zudem verurteilte sie die zuvor im Eilverfahren durchgesetzten Verfahrensänderungen der Denkmalschutzbehörde.
Das Archaeological Institute of America (AIA hat sich im Herbst 2026 einer nationalen Koalition aus über 700 Organisationen angeschlossen, die gemeinsam rund 7 Millionen Bürger vertreten. Das Institut fordert den US-Kongress ultimativ auf, jedwede Gesetzesänderung oder Permitting-Reform abzulehnen, welche die Substanz von Section 106 untergräbt, um die unwiederbringliche Zerstörung historischer Landschaften und Fundorte zu verhindern.
Das National Council on Public History (NCPH) hat Ende Oktober 2026 einen akuten Call to Action an die wissenschaftliche Gemeinschaft und die Öffentlichkeit gerichtet. In diesem Aufruf wird gewarnt, dass ohne eine starke Section 106 historische Friedhöfe, heilige indigene Ländereien und historische Ortskerne künftigen Bauprojekten schutzlos ausgeliefert sind – verbunden mit der Aufforderung, vor den anstehenden politischen Voten Druck auf die Politik auszuüben.
Die Society of Architectural Historians (SAH) mobilisiert gemeinsam mit dem National Trust for Historic Preservation breiten zivilen Widerstand. Sie analysiert die verheerenden Auswirkungen der Neuregelungen, wie den Wegfall der Benachrichtigungspflichten für Bundesstaaten und das De-facto-Ende der verpflichtenden Konsultation mit indigenen Stämmen.
Die Society for Historical Archaeology schließt sich explizit dem Aufruf der Koalition "106 Strong" und verbreitet dies auch über Social Media.

 

Fazit

Die US-Denkmalpflege erlebt die größte Zäsur seit Verabschiedung des NHPA im Jahr 1966. Das ist kein einzelner Eingriff mehr, sondern ein systematischer Umbau: Gesetze werden entkernt, Kontrollinstanzen mit MAGA_Loyalisten besetzt, Förderlinien gekappt und Geschichte umerzählt.

Die Entwicklungen in den USA zeigen, wie eng Rechtsschutz, Forschungsförderung und institutionelle Infrastruktur in der US-Denkmalpflege verzahnt sind. Die geplante Aushöhlung von Section 106, die Aufhebung von Konsultationspflichten, die Verengung des Schutzbegriffs auf „geografisch kompakte“ Stätten, die Waiver-Praxis an der Südgrenze, der Umbau der Museen und die faktische Abwicklung der SBE-Abteilung bei der NSF greifen ineinander. Der Kollaps von Chronicle Heritage mit über 600 Beschäftigten verdeutlicht, dass bis zu 90% der archäologischen Feldarbeit in den USA über das privatwirtschaftliche CRM läuft und damit direkt von Section-106-Verfahren abhängt. Was in den USA als „Bürokratieabbau“ begründet wird, verschiebt Konflikte nicht in die Lösung, sondern von der Planungs- in die Bauphase – mit höheren Kosten, Rechtsunsicherheit und unwiederbringlichen Verlusten, besonders für indigene Kulturlandschaften. 
 
Kurz nach den Midterm-Wahlen stehen in den kommenden Tagen in den USA wichtige Entscheidungen an. Es steht zu hoffen, dass die Protestinitiativen etwas bewirken und dass nach einer Trump-Niederlage nicht schwerer wiegende Ereignisse eintreten, die Denkmalpflege als nebensächlich erscheinen lassen. 
 
Für die deutsche Debatte – etwa um die aktuelle Novellierung in NRW – ist das eine Lehre, wie schnell gewachsene Strukturen ins Rutschen kommen. Zweierlei sollte man hier mitnehmen: 
1. Der juristischen Verteidigung und Argumentation kommt ein erheblicher Stellenwert zu.
2. darf die Argumentation für die Archäologie sich nicht auf Gesetze berufen, sie muss den Wert den kulturellen Erbes und der archäologischen Quellen herausarbeiten und kommunizieren. Die vielen Fronten der Krise legen es nahe, dass man hier nicht an verschiedenen Fronten - Verteidigung der Denkmalschutzgeetze, Aufrechterhaltung von Studiengängen, Aufzeigen und Abwehren von Geschichtsverfälschung - kämpfen darf, sondern institutionenübergreifend argumentieren muss.
 

Literatur

  • Hauptmann 2025: E. Hauptmann, Standing out or looking for cover? Strategies for defending public funding for the social sciences in the U.S..Science Direct  113, 2025, 64-73. - https://doi.org/10.1016/j.shpsa.2025.08.007 

Interne Links 





Hinweis:
Bei der Zusammenstellung der Informationen wurde KI eingesetzt. Angaben und Links wurden geprüft.


Freitag, 30. Oktober 2026

RURALIA XVII: Living with Water - Beiträge gesucht

Die nächste Ruralia-Konferenz findet vom 13.-19. September 2027 im Grenzgebiet von Belgien und der Niederlande statt. Sie widmet sich dem Thema

“Living with Water: Opportunities and Constraints in Medieval and Post-Medieval Waterscapes”

Die XVII. Ruralia-Konferenz wird untersuchen, wie mittelalterliche und nachmittelalterliche Gemeinschaften in wasserreichen Umgebungen lebten, sich an diese anpassten, sie bewirtschafteten und veränderten.
Von Küstenlandschaften und Feuchtgebieten bis hin zu Flüssen, Kanälen und anderen wasserbasierten Netzwerken konnte Wasser sowohl eine Einschränkung als auch eine Chance darstellen. Ziel der Konferenz ist es, diese Beziehungen aus archäologischer Perspektive zu erforschen und gleichzeitig den Dialog und die Schnittmengen mit anderen Disziplinen zu fördern.

Wir laden zu Beiträgen ein, die Fallstudien, regionale Ansätze und vergleichende Analysen vorstellen und sich unter anderem mit folgenden Fragen befassen:

  • Landschafts- und Landnutzungsdynamik in Küstenregionen
  • Land gewonnen, Land verloren: die Urbarmachung von Feuchtgebieten
  • Kulturelle Wahrnehmungen und rituelle Praktiken im Zusammenhang mit Wasser
  • Rohstoffe
  • Siedlungen in wasserreichen Landschaften: räumliche Organisation
  • Wassermanagementsysteme
  • Wasserbasierter Transport und Netzwerke
  • Wasser als Lebensgrundlage
  • Außergewöhnliche Erhaltung, außergewöhnliche Herausforderungen

Weitere Informationen zum Call for Papers, zum Programm, zur Anmeldung und zu praktischen Abläufen werden in Kürze über die Homepage der RURALIA bekannt gegeben. 

 

RURALIA - European Association for Medieval and Post-Medieval Rural Archaeology

RURALIA ist eine internationale Vereinigung für die Archäologie mittelalterlicher (und neuzeitlicher) Siedlungslandschaften und des ländlichen Lebens. Es bietet eine europaweite Plattform für den wissenschaftlichen Austausch über aktuelle Probleme der ländlichen Archäologie, um vergleichende und interdisziplinäre Studien zu stärken. Die Konferenz umfasst die Zeit vom frühen Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Die Konferenzsprache ist Englisch. 
 

 

Internal Links

 

Donnerstag, 29. Oktober 2026

BaLISminK läuft wieder.

Die Neugier zu mittelalterlicher und neuzeitlicher Keramik kann wieder gestillt werden. BaLISminK ist zurück!

 

Nachtrag 3.11.2026: Zu früh gefreut - aktuell nicht erreichbar...

BaLISminK ist ein Wiki, offen im Zugang (OA), offen in der Mitarbeit. Es geht darum, unsere Kenntnis über mittelalterliche und neuzeitliche Keramik nach aktuellem Stand der Forschung darzustellen, zu systematisieren und für Einsteiger*innen in die Thematik aufzubereiten.

Es soll Laien, die Feldbegehungen machen, Anhaltspunkte zur Einordnung ihrer Funde bieten, Grabungsfirmen bei der Fundaufnahme helfen, Kolleg*innen als Nachschlagewerk dienen, Studierenden einen Einstieg in die Keramikforschung bieten und für Profis eine Forschungsplattform sein.

Neben den lexikalen Einträgen zu Terminologie, Warenarten, Werkstoffkunde, Handwerkstechnik, wissenschaftlichen Methoden und Forschungsressourcen bietet es (künftig) Lehrmaterialien.

Besonders sei auf das Fundstellenregest hingewiesen, das wichtige Referenzkomplexe erschließen möchte. Hier wäre es beispielsweise schon ein Anfang, für wichtige Fundstellen einen Eintrag zu erstellen, der wenigstens auf die einschlägige Publikation verweist.

BaLISminK ist work in progress. Vieles ist noch nicht perfekt, sondern soll sich unter Mithilfe Vieler entwickeln. 
 
Expert*innen sind eingeladen mitzuarbeiten. 
 
Promotion oder Master ist nicht erforderlich, nur etwas einschlägige Expertise - ggf. auch regional. Besonders gefragt sind Mitarbeiter*innen, die Informationen zu einzelnen Fundstellen (idealerweise auch mit lizenzierten Bildern) beisteuern können und die uns technisch unterstützen können. 

Augenblicklich hat BaLISminK einen Schwerpunkt in Süddeutschland, kann aber ggf. auch darüber hinaus ausgedehnt werden.


Wer mitmachen möchte, wende sich bitte per email an mich.

 


 

Interner Link

Freitag, 23. Oktober 2026

Bauernhäuser - archäologisch - bauforscherisch und ethnographisch

Pierre-Yves Laffont

Des agronomes aux archéologues. Le bâti paysan ancien en question, XIIe–XIXe siècle (France, Royaume-Uni, Italie)
Collection Mondes médiévaux 16

(Lyon: CIHAM-Éditions 2025).

ISBN 978-2-9585-8095-7 

504 Seiten, 71 Abbildungen

 Meine Rezension auf Franciarecensio: 

DOI: https://doi.org/10.11588/frrec.2026.3.116857

Sammlermotiv: "ein Gefühl von Macht und Erhabenheit"

Das Angebot eines vermeintlch frühbronzezeitlichen Dolchs auf ebay wird beworben mit:

"Erleben Sie ein Stück Geschichte mit diesem eindrucksvollen Bronze Vollgriffdolch aus der Frühbronzezeit (ca. 2000-1500 v. Chr.), ein authentisches Einzelstück für Sammler und Liebhaber. Das Dolch zeichnet sich durch seine hochwertige Verarbeitung und den Erhaltungsgrad "Sehr schön" aus, was es zu einem wertvollen Objekt für jede Sammlung macht. Das kunstvoll gefertigte Metallstück bestätigt seine Echtheit und verleiht jedem Betrachter ein Gefühl von Macht und Erhabenheit."*

Was für ein Stuß!

Generell sollte man als Käufer solcher Sachen bedenken, dass archäologische Funde auf dem Markt  (wenn's keine Fälschungen sind) meist aus Raubgrabungen stammen und statt Erhabenheit eher ein Gefühl von dumpem Kulturbanausentum vermitteln.