Dienstag, 16. April 2019

Das Großfeuer in Nôtre Dame: Wikipedia hat die beste Berichte

natürlich mehr noch die französische Wikipedia als die deutsche:
Paris, Notre Dame, Brand 15.4.2019
(Foto: LeLaisserPasserA38 [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Zwar ist es zu früh, um Schäden im Detail zu beurteilen, aber während die Medien sich sonst auf Tweets von A- und B-Prominenz (z.B. VIP.de (RTL); Tagesschau; Stern; t-online)  und ihre absonderlichen Vorschläge (z.B. @realDonaldTrump) konzentrieren, findet sich hier eine erste Einschätzung, was genau abgebrannt sein dürfte. Natürlich gibt es hier auch weiter verwendbare Bilder (verbunden freilich mit dem Risiko, dass hier Gaffer ihre Beute präsentieren).
Insgesamt scheint es mir spannend zu sein, die Berichterstattung genauer zu analysieren, da sie viel über die Bedeutung aussagt, die die moderne Gesellschaft einem so hochkarätigen Kulturdenkmal zubiligt. Hier aber auf die Schnelle nur ein paar subjektive Impressionen, die sich aus den via GoogleNews gewichteten Berichten ergeben.
Zwar gehen viele Medien kurz auf Geschichte und Kunstgeschichte des Baus ein, bemühen sich aber kaum, jenseits der Bedeutung für Touristenströme und die Pariser die historische und kunsthistorische Bedeutung aufzuzeigen. Vielleicht kommt da ja noch etwas nach. Was ohne lange Recherche passieren kann, hat BILD gezeigt: https://bildblog.de/109772/falsche-dame/. ZDF und ARD wurden kritisiert, dass sie statt dem Brand nur Tierfilme gezeigt hätten (Tierdoku statt Notre-Dame-Brand: Laschet knüpft sich ARD und ZDF vor. Focus 15.4.2019). Noch mehr Live-Übertragungen waren aber sicher nicht nötig - eher eine gehaltvolle Information, was denn eigentlich gebrannt hat. CNN immerhin hat das Interview mit einem Kunsthistoriker der Live-Schalte zu Präsident Macron vorgezogen (weil keine Übersetzung parat war). 
Und natürlich kommen auch schon diejenigen um die Ecke, denen ein Attentat lieber gewesen wäre oder die zumindest darauf hoffen, dass die Untersuchung der Brandursachen noch auf etwas anderes weise als auf einen Unfall bei der eben begonnenen Restaurierung. Im „katholischen Journalismus, der alles Vorübergehende und Unmittelbare im Licht ewiger Prinzipien betrachtet“ gerät das fast schon zu Verfolgungswahn und Hetze: https://katholisches.info/2019/04/15/der-symboltraechtige-brand-von-notre-dame-de-paris/
Dachstuhl
(Foto: Harmonia Amanda, 2005
[CC BY SA 3.0]
via WikimediaCommons)
Dass der abgebrannte Dachstuhl tatsächlich zu guten Teilen aus dem 12. Jahrhundert stammte, wurde kaum irgendwo gesagt. CNN hat dazu einen Bericht: https://edition.cnn.com/style/article/nortre-dame-fire-oak-wood-trnd/index.html, der auch auf die Zimmermannsleistung und die Menge Wald verweist, die nötig war, um das Bauholz zu gewinnen.

Weitere Links


Eine Gute Wahl: Der Deutsche Archäologiepreis 2019 für Open Access

Dr. Maria Effinger und Dr. Katrin Bemmann (Heidelberg) erhalten den Deutschen Archäologiepreis 2019 für ihre Verdienste um die Einführung und den Ausbau eines modernen offenen Publikationswesens in der deutschsprachigen Archäologie:

Samstag, 13. April 2019

Abstimmen für die Archäologie!

Auch nach dem Kohlekompromiss und dem Votum für den Erhalt der Reste des Hambacher Forstes geht im Rheinischen Braunkohlerevier der Abrisses des Dorfes Manheim unbeirrt und gar forciert weiter. Da das Verursacherprinzip im Falle des Braunkohletagebaus nicht greift und die Denkmalpflege nicht so ausgestattet ist, auch nur annähernd die Kulturdenkmale zu dokumentieren, bemüht sich der Verein Heimatfreunde Kerpen für sein Projekt „Spurensuche im Dunkeln“ um Spendengelder.
Um die Ortsgeschichte wenigstens ansatzweise zu erfassen, soll in einer Kooperation von professionellen Archäologen und ehrenamtlichen Engagement ein Projekt verwirklicht werden, das exemplarische Grabungen, eine Kellererfassung und - sofern es gelingt, eine Finanzierung aufzubauen - ein Sondagenprogramm unter Beteiligung auch der Mittelalterarchäologie Bamberg umfasst. Die Einwerbung von Fördermitteln benötigt jedoch eine Kofinanzierung durch den Verein, der sich nun bemüht, eine finanzielle Grundlage zu schaffen. Deshalb hat er sich auch bei der Aktion der Kreissparkasse Köln "Wir für die Region" beworben, wo 3.000,00 € zu gewinnen sind.
Bitte unterstützen! - das ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt, um die archäologischen Geschichtsquellen eines Dorfes vor der endgültigen Zerstörung doch noch zu bewahren. 

Der Abbruch geht weiter. Manheim, April 2019
(Foto: R. Schreg)


Freitag, 5. April 2019

Erdbeben, Feuer, Wasser und andere Katastrophen

Auf der Plattform Peristyle werden die umwelthistorisch und -archäologisch hochinteressanten Beiträge eines Basler Kolloquiums online bereit gestellt.

Im einzelnen sind das die folgenden Beiträge:

Von drei 'Ausreißern' abgesehen, die den Blick nach Ostia, Dalmatien und Ägypten wenden, liegt der Schwerpunkt im süddeutschen Raum. Schon die bloße Vielzahl der umwelthistorischen Ereignisse und Katastrophen vor unserer Haustür ist jenseits eines kleinen Spezialistenkreises weitgehend unbekannt.
Daher ist es sehr zu begrüßen, dass die Publikation im Open Access online erfolgt.
Ungünstig ist aber, dass die einzelnen Kapitel-pdfs weder eine doi noch sonst eine persistente Adresse aufweisen.  Sinnvoll wäre es auch, auf den einzelnen pdfs die ganze Publikationsreferenz anzugeben, um eine Zitierbarkeit sicherzustellen. Online-Artikel werden mehrheitlich über Repositorien gefunden, die nicht immer den Publikationskontext erkennen lassen Eine Angabe zur Lizenzierung der Inhalte wäre ebenso sinnvoll.

Montag, 25. März 2019

Die frühen Bauern als Dokudrama, … aber Steinzeit kann mehr

ein Beitrag von Detlef Gronenborn



Fernseh-Dokumentationen über die frühen Bauern in Mitteleuropa (vgl. Terberger/Gronenborn 2014)  gab es in den letzten 20 Jahre schon einige. Das ist, aus Sicht der Wissenschaft, durchaus erfreulich, rückt doch somit eine der faszinierendsten und auch menschheitsgeschichtlich bedeutendsten Umbruchsperioden in die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit.
Aktuell im Programm von ARTE und ZDF:


Ein menscheitsgeschichtlicher Quantensprung

Mit der, im Nahen Osten noch schrittweisen, Entwicklung von Bodenbau und Viehzucht veränderten sich die Gemeinschaften so grundlegend, dass man durchaus von einem Quantensprung in der Menschheitsgeschichte sprechen kann. Seßhaftigkeit und die veränderte Nahrung, vermehrt pflanzlichen Ursprungs, nahmen Einfluss auf die körperliche Beschaffenheit der Menschen, ja vielleicht gar auf ihre Artikulationsmöglichkeiten (Blasi u. a. 2019).

Fundamental waren auch der Bevölkerungszuwachs, der Einfluss auf jegliche sozialen Strukturen wie auch auf die politischen Organisationsform hatte (Kohler et al. 2017): die Gruppen wurden bedeutend größer, daraus resultierte der Bedarf sich besser zu organisieren, was wiederum zur Entstehung von Führungseliten führte (Gronenborn 2016; Jeunesse 2018).

Entstehung und Ausbreitung der Landwirtschaft im westlichen Eurasien. Dunkel- und hellgrün ist die frühe und späte Phase der Linienbanderkamischen Kultur dargestellt.
(Graphik, Stand 2019: D. Gronenborn/ M. Ober, RGZM [CC BY 4.0])
Aufgrund dieser Veränderungen kam es in vielen Fällen weltweit zu einer Expansion von Bevölkerungsgruppen aus den Kerngebieten der landwirtschaftlichen Entwicklung, für das westliche Eurasien, mithin auch Mitteleuropa, war das der Nahe Osten, die klassischerweise als „Fruchtbarer Halbmond“ bekannte Region (siehe Karte). So kommt es auch in Mitteleuropa zu einer Einwanderung doch beträchtlicher Bevölkerungsgruppen, die letztlich aus Anatolien stammen (Archaeologik [28.10.2015]).


Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse

Alle diese – bis zum heutigen Tage wirksamen – Folgen des Bodenbaus wurden in den verschiedenen TV-Produktionen auch mehr oder weniger deutlich angesprochen - nun auch in der Produktion der Caligari Film, München, die in ARTE erstmals am Samstag dem 23.03.2019 in bester Sendezeit lief, wie auch im Rahmen der Reihe Terra X im ZDF gezeigt werden wird. Diese jüngste deutsche Produktion zum Thema unterscheidet sich von früheren durchaus dadurch, dass eine Reihe neuer Erkenntnisse der Naturwissenschaften in den Mittelpunkt rücken. Das ist gut und unterrichtet auch den Laien vom Fortschritt der Wissenschaft.

Etwas zurück tritt jedoch handfestes archäologisches Hintergrundwissen, so schleichen sich in die Rekonstruktionen und Lebensdarstellungen immer wieder kleine Fehler ein. Das ist zwar nicht weiter dramatisch und wird nur den Fachleuten auffallen, hätte aber ohne Mehraufwand auch problemlos vermieden werden können.

Hier und da sind auch eigentlich recht bedeutsame historische Fragestellungen angerissen, wie etwa nach der Entwicklung von Hierarchien (unvermittelt vermutet anhand einer Kopfbedeckung mit Schmuckschnecken), aber gerade dieses Thema verläuft wieder bedauerlicherweise ohne weitere Behandlung. Erstaunlich ist die erzählerische Verlagerung der mittelneolithischen „Kreisgrabenanlagen“ des Mittelneolithikums in das Ende der Linienbandkeramische Kultur (LBK - die archäologische Bezeichnung der Kultur der frühen Bauern in Mitteleuropa), hier sind dem Drehbuchautor die Begrifflichkeiten durcheinander gegangen. Möglicherweise sind diese Unsauberkeiten allerdings auch dem enormen Zeitdruck, unter dem moderne TV-Produktionen stehen, geschuldet. Tiefgreifende, vorbereitende Recherchen sind offenbar nur selten möglich.


Klima erklärt keine Gewalt

Nicht ganz korrekt aus der Literatur wiedergegeben sind leider die Mechanismen, die zum Ende der LBK geführt haben sollen. Das telekopiert dargestellte Zusammenspiel von Trockenheit, Gewalt und Krise hat so historisch nicht stattgefunden, wenngleich es in seiner Dramatik sicher Verkaufswert hat.

Näher an der Realität scheint eher zu sein, dass die Bevölkerung im Zuge allgemein trockenerer Verhältnisse zugenommen hatte, und auch bislang nicht bewirtschaftbare Regionen erschlossen werden konnten. Im Zuge dieser Boomphase kommt es vermehrt zu Errichtung von Umwehrungen oder Grabenwerken (nicht „Kreisgrabenanlagen“), vielleicht als Verteidigung, vielleicht auch als Markierung von territorialem Anspruch. Die Gesellschaften scheinen sich mithin eher in guten Zeiten in Richtung vermehrtem Konfliktpotential hin bewegt zu haben, also rein interne Prozesse sind ausschlaggebend. Die starken klimatischen Schwankungen gegen Ende der LBK mögen einzelne Prozesse verstärkt haben, hatten aber keinerlei Auslöserfunktion. Dieser Verhaltensmechanismus lässt sich über lange Zeitreihen bei einfachen bäuerlichen Gesellschaften beobachten, auch in ariden Gebieten (z. B. Gronenborn et al. 2017; 2018; Kintigh / Ingram 2018). 

Steinzeit kann mehr: Lehren für Heute?

Allerdings liegt in der Erkenntnis, dass sich an steinzeitlichen Gesellschaften wie in einer Petrischale immer wiederkehrende Verhaltensmechnismen beobachten lassen, die sich übrigens bis zum heutigen Tage wiederholen (Turchin 2015; 2016), ein gewaltiger Gewinn:

Gerade in den komplexeren Gegenwartsbezügen wird die Betrachtung vermeintlich weit zurückliegender Epochen zu einem wissenschaftlich wie aber auch gesellschaftlich bedeutenden Thema, denn Steinzeit kann mehr als nur gruselige Gewaltgeschichten zu erzählen oder aber den Diätplan aufzufrischen. Nicht nur, dass sich die heutige europäische Bevölkerung weitgehend während der Jungsteinzeit entwickelt hat (Haak u. a. 2015), auch viele Grundmuster unseres gesellschaftlichen Verhaltens sind in dieser Periode entstanden (Scheffer 2016; Archaeologik [1.8.2018]).



Literatur

  • D. E. Blasi/S. Moran/S. R. Moisik/P. Widmer/D. Dediu/B. Bickel, Human sound systems are shaped by post-Neolithic changes in bite configuration. Science 363/6432, 2019, eaav3218. -
    DOI: 10.1126/science.aav3218
  • D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung/R. Risch (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle1 (2016) 61–76.
  • D. Gronenborn/H.-C. Strien/C. Lemmen, Population dynamics, social resilience strategies, and Adaptive Cycles in early farming societies of SW Central Europe. Quaternary International 446, 2017, 54–65. - DOI: 10.1016/j.qaint.2017.01.018.
  • D. Gronenborn/H.-C. Strien/R. van Dick/P. Turchin, Social diversity, social identity, and the emergence of surplus in the western central European Neolithic. In: H. Meller/D. Gronenborn/R. Risch (Hrsg.), Überschuss ohne Staat / Surplus without the State. Politische Formen in der Vorgeschichte / Political Forms in Prehistory. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 181 (Halle 2018) 201–220.
  • W. Haak/I. Lazaridis/N. Patterson/N. Rohland/S. Mallick/B. Llamas/G. Brandt/S. Nordenfelt/E. Harney/K. Stewardson/Q. Fu/A. Mittnik/E. Bánffy/C. Economou/M. Francken/S. Friederich/R. G. Pena/F. Hallgren/V. Khartanovich/A. Khokhlov/M. Kunst/P. Kuznetsov/H. Meller/O. Mochalov/V. Moiseyev/N. Nicklisch/S. L. Pichler/R. Risch/M. A. Rojo Guerra/C. Roth/A. Szécsényi-Nagy/J. Wahl/M. Meyer/J. Krause/D. Brown/D. Anthony/A. Cooper/K. W. Alt/D. Reich, Massive migration from the steppe was a source for Indo-European languages in Europe. Nature 522/7555, 2015, 207–211.  - DOI: 10.1038/nature14317
  • K. W. Kintigh/S. E. Ingram, Was the drought really responsible? Assessing statistical relationships between climate extremes and cultural transitions. Journal of Archaeological Science 89, 2018, 25–31. - DOI: 10.1016/j.jas.2017.09.006
  • C. Jeunesse, « Big Men », chefferies ou démocraties primitives? Quels types de sociétés dans le Néolithique de la France. In: J. Guilaine/D. Garcia (Hrsg.), La protohistoire de la France. Histoire et archéologie (Paris 2018) 171–186.
  • T. A. Kohler/M. E. Smith/A. Bogaard/G. M. Feinman/C. E. Peterson/A. Betzenhauser/M. Pailes/E. C. Stone/A. M. Prentiss/T. J. Dennehy/L. J. Ellyson/L. M. Nicholas/R. K. Faulseit/A. Styring/J. Whitlam/M. Fochesato/T. A. Foor/S. Bowles, Greater post-Neolithic wealth disparities in Eurasia than in North America and Mesoamerica. Nature, 2017, nature24646. - DOI: 10.1038/nature24646
  • M. Scheffer, Anticipating societal collapse. Hints from the Stone Age. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 113/39, 2016, 10733–10735. -
  • T. Terberger/ D. Gronenborn, Vom Jäger und Sammler zum Bauern - Die Neolithische Revolution. Archäologie in Deutschland, Sonderheft (Stuttgart 2014). - pdf via academia.edu (Band vergriffen)
  • P. Turchin, Ultrasociety. How 10,000 Years of War Made Humans the Greatest Cooperators on Earth (2015). - ISBN: 9780996139519
  • P. Turchin, Ages of discord. A structural-demographic analysis of American history (Chaplin, Connecticut 2016).