Dienstag, 13. April 2021

Altflurrelikte als historische Quelle

Die Landwirtschaft ist unsere Lebensgrundlage. Durch Technisierung und Industrialisierung hat sie sich jedoch in den letzten Generationen radikal verändert und stellt uns heute vor zahlreiche Umweltprobleme wie Überdüngung und Nitratbelastung der Böden, Erosion oder Artensterben. Die Kenntnis vergangener Wirtschaftsweisen kann helfen zu erkennen, wo Risiken und Chancen liegen und wie sensibel Agrarökosysteme auch ohne moderne industrielle Bewirtschaftung sind.

Traditionelles Wissen zu landwirtschaftlichen Praktiken geht verloren, Da Schriftquellen nur wenige, allenfalls punktuelle Einblicke in frühere Landnutzung ergeben sind Kulturlandschaftsrelikte wichtige historische Quellen, die es zu erforschen und zu erhalten gilt.

Altflurrelikte gibt es in großer Zahl. Sie sind schwer zu datieren und zu erforschen, besitzen aber dennoch ein großes Aussagepotenzial für vergangene Landnutzungspraktiken. Ich setze mich schon länger mit dem Thema auseinander (vergl. Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie - Antrittsvorlesung publiziert. Archaeologik 12.1.202), weil mich einerseits das Potenzial fasziniert, mehr über die Agrargeschichte allgemein, andererseits aber auch zur jeweiligen lokalen Siedlungsgeschichte im besonderen zu lernen.

Nach der weiträumigen Perspektive der Feld-, Wald- und Wiesenarchäologie ist num ein Artikel von mir im Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg erschienen. Hier geht es nun um die Situation in Südwestdeutschland, insbesondere um die Wölbäcker.

Wölbäcker stehen für eine mittelalterliche Veränderung der Agrarlandschaft, wenn auch noch immer nicht ganz klar ist, wie diese genau einzuordnen ist. Im selben Heft ist vor meinem Beitrag ein Aufsatz von Richard Vogt abgedruckt, der Wölbäcker am Federsee vorstellt, für die eine relativ frühe Datierung in die späte Merowinger- oder frühe Karolingerzeit wahrscheinlich gemacht werden konnten.

Dennoch scheint es aktuell naheliegend, die Wölbäcker eher im Kontext der Entwicklung der Gewannfluren und der Dreizelgenwirtschaft und indirekt der Dorfgenese überwiegend des 12./13. Jahrhunderts zu sehen. Hier wird man freilich landschaftlich stärker differenzieren und die lokalen Sozial- und Herrschaftsverhältnisse berücksichtigen müssen. Derzeit sieht es auch so aus, als sei die Einführung der Dreizelgenwirtschsft keineswegs der große agrartechnologische Fortschritt, die die Forschung hier lange gesehen hat. Es ist im Gegenteil wahrscheinlich, dass diese Art des Ackerbaus die Krise des 14. Jahrhunderts zumindest begünstigt hat. Hier ist vieles noch Hypothese, aber es ist wichtig, diese dennoch zu formulieren und zu präsentieren, denn ein Forschungsfortschritt ist nur möglich, wenn es gelingt, die Methoden und die Datenbasis auszubauen. Voraussetzung dafür ist es aber, dass eine Fragestellung und ein Ziel vor Augen steht. 


Wölbäcker bei Albershausen GP
(Foto: R. Schreg, Februar 2020)

Es freut mich daher, dass im Editorial des Nachrichtenblattes der Regierungspräsident des Regierungsbezirks Stuttgart Wolfgang Reimer die Thematik aufgreift und schreibt; “Hier eröffnet sich ein wichtiges neues Forschungsfeld auch für die archäologische Denkmalpflege.“

Und: Auf Veranlassung des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg ist im Vorfeld der Erschließung eines Neubaugebietes in Albershausen ein vielversprechende Projekt entstanden, das sehr interdisziplinär und in Kooperation von Denkmalamt, Universitäten (Tübingen und Bamberg), Landkreis, Gemeinde und Grabungsfirma an solch einem Wölbackerkomplex arbeitet.


Links

 

Freitag, 2. April 2021

Vom praktischen Nutzen archäologischer Rekonstruktionen

(Foto: R. Schreg, 2021)
 
Die Pfostenschlitzmauer auf dem Staffelberg bietet nicht nur eine gute Vorstellung einer prähistorischen Befestigung, sondern auch einen gern genutzten Sichtschutz...

Freitag, 5. März 2021

Antikenhehlerei online: Die ATHAR-Studie zu facebook

Digitale Medien sind wichtig für die Wissenschaftskommunikation - sie haben aber auch eine enorme Bedeutung für die Antikenhehlerei. Ihre Analyse liefert wichtige Informationen über das Funktionieren des illegalen Handels und zeigt Handlungsoptionen auf.

(Foto:voteprime [CC BY-NC-SA 2.0] bei flickr)


Speziell mit facebook setzt sich das investigative Projekt "The Antiquities Trafficking and Heritage Anthropology Research (ATHAR)" auseinander. Es wertet facebook aus, um die Unterwelt von Schmuggel, Terrorfiannzierung und organisiertem Verbrechen zu beleuchten. ATHAR kooperiert mit  The Day After Heritage Protection Initiative und Alliance to Counter Crime Online. Der Name Athar leitet sich vom arabischen Begriff für 'Altertümer' ab.
In einem Bericht zu den Beobachtungen im Jahr 2019 kommt ATHAR zu folgenden Kernaussagen:
  • Eine Analyse von 95 arabischen Facebook-Gruppen, die für den Handel mit Antiken eingerichtet wurden, zeigt, dass die Administratoren („Admins“), die Gruppen verwalten, eng miteinander verbunden sind und eine globale Reichweite haben.
  • Diese Gruppen nutzen Facebook als Plattform für Antikenhehlerei, entweder im direkten Konatkt mit Käufern und Verkäufern oder durch Mittelsmänner. die als Zwischenglied zwischen Interessenten und Terrorgruppen dienen.
  • Es gibt 488 einzelne Administratoren, die fast 2 Millionen Mitglieder in 95 Facebook-Gruppen verwalten. 23 der Administratoren verwalten vier oder mehr Gruppen. Ihr Einfluss erstreckt sich bis in die USA, wo ein amerikanischer Antikenhändler ein Facebook-Freunde eines Administrators ist, der mehrere Trafficking-Gruppen und -Seiten auf Facebook betreibt.
  • Zu den Gruppenmitgliedern gehört eine Mischung aus Durchschnittsbürgern, Zwischenhändlern und gewalttätigen Extremisten. Zu den gewalttätigen Extremisten zählen derzeit Personen, die mit syrischen Terrorgruppen, aber auch mit Al-Qaida- oder dem Islamischen Staaten (ISIS)/ Daesh verbunden sind.
  • Administratoren der Facebook-Gruppe verlangen von Benutzern, die über die fb-Gruppe einen Verkauf tätigen oder Kontakt aufnehmen eine Gebühr. Administratoren können eine Gebühr aus Verkäufen erheben, die durch Kontakte in ihrer Gruppe erzielt werden. Die Gebühr wird von einigen als „Khums-Steuer“ bezeichnet, was an die Steuerpraxis des ISIS erinnert.
  • Die Hehler bieten auch große Artefakte an, darunter Mosaike, architektonische Elemente und pharaonische Särge, die sich noch in situ befinden. Diese Stücke finden Käufer, bevor die Plünderung erfolgt.
  • Die Überwachung von sozialen Medien bietet den Behörden damit eine seltene Gelegenheit, Plünderungen zu stoppen, bevor ein Objekt dem Boden entrissen - und der archäologische Befund zerstört wird.

Ausführliche Berichte und Dokumentationen finden sich auf der Seite von http://atharproject.org zum Download:

In einer Fallstudie zu syrischen Facebook-Gruppen zeigte sich, dass Beiträge von Nutzern in Konfliktgebieten mehr als ein Drittel aller Beiträge mit Artefakten ausmachen. Bei 36% der Posts, die Artefakte anbieten, lassen sich Standorte in Konfliktzonen identifizieren, bei 44% der Posts liegen die Standorte in Ländern, die an die Konfliktzonen angrenzen. Die Website enthält eine interaktive Karte, die dies anschulich zeigt. Kartiert sind die Standorte von Admins und Usern von 4 einzelnen fb-Gruppen, in denen syrische Antiken angeboten wurden. Eine Gruppe wird beispielsweise von sechs Admins betrieben, von denen vier in Syrien, Idlib und Hama sitzen, einer in Istanbuld und ein weiterer in Bamberg. Die User sitzen v.a. in Syrien und der Türkei. Gehandelt wird vor allem mit Münzen und Kleinfunden.

Die Seite verlinkt auch eine Petition von "Center on Illicit Network and Organized Crime", die sich an die US-Regierung wendet, die auf Grundlage bestehender Gesetze gegen den illegalen Handel in den Social Media einschreiten soll: 

 

Unter anderem berichtete BBC über die Ergebnisse der ATHAR-Studie:Als Reaktion kündigte 2020 facebook an, gegen Antikenhehlerei vorgehen zu wollen, die schon länger gegen ihre Richtlinien verstoße. Inhalt, der "encourages or attempts to buy, sell or trade historical artefacts"soll gelöscht werden.

Allerdings erschwert diese Politik nun auch die Ermittlung gegen Kriegsverbrecher und die Recherche nach Provenienzen:

Im Januar berichtete auch 3sat-Kulturzeit über "Kunstraub im Homeoffice":
Der syrische Archäologe Amr Al-Azm, Professor an der Shawnee State University in Ohio und Co-Direktor von ATHAR. fordert hier, dass facebook die geposteten Bilder in einer Datenbank speichert, da sie die einzigen Zeugnisse dieser geplünderten Artefakte darstellen und für Forshcung wie Strafverfolgung wichtig sind.
 
Facebook ist mit Sicherheit nicht die einzige Social Media-Plattform, die der Antikenhehlerei dient. Ähnliche Strukturen scheint es auf telegram zu geben. Darüber berichtet Oliver Moos:
Neill Brodie hat bereits Anfang 2016 auf seinem Blog  Market of Mass Destruction einen Fall des Angebotes mehrerer Halaf-Figurinen, wie sie auch auf der Roten Liste der UNESCO für Syrien stehen. Sie wurden auf ebay ohne jede Provenienzangabe angeboten und verstießen damit klar gegen die ebay-Richtlinien. Sie wurden dennoch verkauft:
 
 

Dienstag, 2. März 2021

Archäologie als Kunst (9)

Jutta Zerres

(Foto: J. Zerres)

 

Idyllisch im Schnee: Die Kopien zweier der berühmten T-förmigen Pfeiler der steinzeitlichen Kreisanlage von Göbekli Tepe (Südosttürkei) vor der Geschäftsstelle der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Bonner Stadtteil Plittersdorf. Genau gesagt handelt es sich um Repliken der beiden zentralen Pfeiler der Anlage D (frühneolithisch). Die DFG fördert (unter anderen) die dortigen Forschungen des Deutschen Archäologischen Instituts seit 2004.


Links:

Montag, 1. März 2021

Archäologie als Kunst - Wer hat Bilder?

Unter dem Label Kunst hat sich über die Jahre hier auf Archaeologik eine Handvoll Beiträge angesammelt, in denen ich Kunstobjekte aus dem öffentlichen Straßenraum gepostet habe - mehr oder weniger (un)sinnige Erinnerungen an archäologische Fundstellen - oft an solche, die vollständig durch Überbauung zerstört worden sind.

Es würde mich nun interessieren, was für Blüten es da sonst noch gibt.

Wer hat Bilder (und die Rechte daran), die sie/er für einen Blogpost (gerne im Rahmen eines kurzen Gasttbeitrags mit einer CC-Lizenz) zur Verfügung stellen würde?

Es geht explizit nicht um (einigermaßen gute oder schlechte) wissenschaftliche Rekonstruktionen.

Kreisverkehr am Donnersberg mit latènezeitlichem Achsnagel
(Foto: R. Schreg, 2019)

Aschheim bei München
(Foto: Donaulustig [freigegeben]
via WikimediaCommons)




Goldbach, Lkr. Aschaffenburg
(Foto: R. Schreg, 2019)


Metalldenkmal für Steinzeitsiedlung in Vaihingen/Enz, errichtet 2004
(Foto R.Schreg)

Kreisverkehr in Niederstimm
(Foto R. Schreg)


schachspielende Rittersleut, Knetzgau-Zell
(Foto: M. Decoster)

protoneolithische Stele vor der DFG
(Foto: J. Zerres)


weitere: https://archaeologik.blogspot.com/search/label/Kunst

Samstag, 20. Februar 2021

Paul Crutzen, das Anthropozän und die Archäologie

Am 28. Januar 2021 ist Paul Crutzen verstorben. 1995 erhielt er den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeit in der Atmosphärenchemie, die insbesondere zum Verständnis der Ozonschicht beigetragen hat. Er erkannte dabei den Einfluss des Menschen auf die Atmosphäre und das Ozonloch. Er trug damit nicht nur zum Verbot der klimagefährdenden FCKW-Treibgase bei, sondern thematisierte auch den Einfluss des Menschen auf das globale Klima. Auf Crutzen geht der Begriff des Anthropozän zurück (Crutzen/ Stoermer 2000), der jene Periode bezeichnet, in der der Mensch zur entscheidenden Kraft auf der Erde, genauer für die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse geworden ist.


Globale Kohlendioxidemissionen mit Anstieg seit 1950er Jahren
(Graphik Mak Thorpe [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)


 

Der Beginn dieses Zeitalters ist wird in der Forschung verschieden datiert. Crutzen selbst entschied sich für eine Datierung mit dem Beginn der Industrialisierung. Häufig vertreten wird indes ein Beginn um 1950, als der Energieverbrauch mit dem Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg und der Etablierung des Energieträgers Erdöl exponentiell zu wachsen begann.

Daneben stehen aber auch Überlegungen, inwiefern nicht bereits sehr viel früher der Mensch einen entscheidenden Einfluss auf das globale Klima hatte. William Ruddiman (2003, 2007) beispielsweise hat die These aufgestellt, dass die holozäne Klimaentwicklung nur durch den Einfluss der Landwirtschaft mit deren Folgen für Methan (CH4) und Kohlendioxid-Haushalt erklärbar sei. Ruddimans Hypothese basierte auf drei Argumenten. (1) Zyklische Schwankungen von C02 und CH4 aufgrund von Veränderungen der Erdumlaufbahn lassen eigentlich einen Rückgang im gesamten Holozän erwarten. Die tatsächlichen Trends von C02 und CH4  zeigen jedoch vor 8000 Jahren bzw. vor 5000 Jahren eine andere Entwicklung. (2) Veröffentlichte Erklärungen für diese Gaserhöhungen im mittleren bis späten Holozän aufgrund natürlicher Faktoren sah Ruddiman in den paläoklimatischen Daten nicht bestätigt.  (3) Als dritten Punkt verwies Ruddiman auf "eine Vielzahl archäologischer, kultureller, historischer und geologischer Beweise", nach denen eben anthropogenen Veränderungen infolge der frühen Landwirtschaft in Eurasien für diese erhöhten C02 und CH4--Gehalte in der Atmosphäre verantwortlich sind. Ein wichtiger Aspekt dieser Entwicklung stellt die Bewaldung dar. Der Beginn der Waldrodung vor 8000 Jahren im Rahmen der Neolithisierung und der Beginn der Reisbewässerung vor 5000 Jahren in Asien sieht Ruddiman als entscheidende Faktoren. Aber auch die Abkühlung der Kleinen Eiszeit in Spätmittelalter und der Neuzeit sieht er als eine Folge veränderter Landnutzung. Das Wüstfallen von Siedlungen und die Wiederbewaldung nach der Pest hat genug Kohlenstoff gebunden, um die beobachteten C02-Abnahmen zu erklären. "Pestbedingte C02-Veränderungen waren auch ein wesentlicher ursächlicher Faktor für Temperaturänderungen während der Kleinen Eiszeit (1300–1900 n. Chr.)." Ruddiman schlug den Begriff des Early Anthropocene vor.


Die Ruddiman-These des frühen Anthropozän
(nach Ruddiman 2016, Graphik DeWikiMan [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

 

Im Rahmen des Mainzer Forschungsclusters Geocycles, in dem von 2005 bis 2012 Atmosphärenforscher, Geowissenschaftler und Archäologen zusammenwirkten, wurde der Begriff des Palaeoanthropozäns definiert (Foley u.a. 2013). Er bezeichnet die Zeit zwischen den ersten, kaum erkennbaren anthropogenen Umweltveränderungen und der industriellen Revolution, als anthropogen induzierte Veränderungen des Klimas, der Landnutzung und der biologischen Vielfalt sehr schnell zuzunehmen begannen. Paul Crutzen war an dieser Mainzer Publikation als Co-Autor und Mentor auch beteiligt. Das Konzept des Paläoanthropozäns geht davon aus, dass der Mensch ein integraler Bestandteil des Erdsystems ist und Klima nicht nur ein externer Antriebsfaktor. Die Abgrenzung des Beginns des Paläoanthropozäns erfordert ein besseres Verständnis und eine genauere Darstellung der Paläoklimaindikatoren. Die Verknüpfung von Paläoklima, paläoökologischen Veränderungen und menschlicher Entwicklung mit Veränderungen erweist sich als ein wichtiges Forschungsfeld, in dem noch immer Grundlagenarbeit zu leisten ist.  Einerseits müssen archäologische Funde und Befunde so be- und hinterfragt werden, dass sie methodisch Aussagen beispielsweise zu sozioökonomischen Verhältnissen, Art und Intensität der Landnutzung, Biodiversität und Demographie ergeben, die mit Klimadaten korrelierbar sind. Da Korrelationen aber noch keine Kausalitäten begründen, müssen hier Ökosystem-Modellierungen erarbeitet werden, die helfen, Zusammenhänge tatsächlich zu verstehen und zu begründen. Letztlich lässt sich die These eines frühen oder Paläoanthropozäns nur mit archäologischen Daten nachweisen.

Der Begriff des Anthropozän macht derweil angesichts des Klimawandels Karriere, wächst aber auch darüber hinaus. Es geht nicht mehr allein um die Veränderungen in der Atmosphäre, sondern auch um das Artensterben und auch um die anthropogenen Stoffe in Sedimenten und Meere, das Mikroplastik (Waters u.a. 2016).  Der Begriff blieb aber auch nicht ohne Kritik, abgesehen davon, dass er teilweise als überflüssig empfunden wurde. Geradezu als gefährlich an dem Konzept des Anthropozän wird gesehen, dass es die Umwelteinwirkung des Menschen zu einem Teil des Erdsystems mache und sie damit gewissermaßen als unabänderlich und "natürlich" begreift (Crist 2013).  Der Begriff des Anthropozän gehe über die eine Beschreibung hinaus und sei Ausdruck eines Anthropozentrismus, der gerade am Beginn unserer Umweltprobleme stünde. Dieser moralischen Dimension des Begriffs war sich Crutzen bewusst, denn, so formulierte er selbst: "Das Anthropozän beschreibt die Schuld des Menschen an diesem Zustand: Wir haben alles gestaltet und verändert. Der Begriff beschreibt aber auch eine neue Qualität von Verantwortung, die diese Situation allen Menschen abverlangt" (Klimaretter,info, 25.3.2015). Das Konzept des Anthropozäns führe, so die Kritik, zwangsläufig zu dem Gedanken, dass der Mensch dann konsequenterweise heute auch mittels Geoengineering in das Erdsystem einzugreifen habe.

Tatsächlich ist auch dies ein Aspekt des Wissenschaftlerlebens von Paul Crutzen. 2006 publizierte er einen Artikel (Crutzen 2006), in dem er Schwefel-Injektionen in der Atmosphäre als Fluchtweg aus der Klimaerwärmung empfahl, da er nicht glaubte, dass die gegenwärtigen Bemühungen, die Erwärmung zu begrenzen ausreichten. Crutzen sah aber auch die Gefahren. In einem Interview 2015 warnte er - bezüglich Kohlenstoffspeicherung und Fracking - vor technischen Lösungen als einer "Sache, bei der der Mensch das tut, was er nicht tun sollte. Für einen kurzzeitigen Vorteil werden die Probleme auf längere Sicht vergrößert." Crutzen plädierte für "eine engere Zusammenarbeit zwischen Natur- und Sozialwissenschaften. Die Sozialwissenschaft muss sich für naturwissenschaftliche Fragen stärker öffnen und umgekehrt. Leider gibt es bei den Naturwissenschaftlern zu wenige, die sich für Sozialwissenschaften interessieren." Das Umgekehrte kann man sicher auch behaupten. Für Crutzen war die Ökologie hier entscheidend. 

Gerade hier wird aber der Begriff des Anthropozän interessant. Er kann als ein heuristisches Mittel dienen, die Zusammenhänge von Mensch und Umwelt genauer zu erforschen. Er macht deutlich, dass wir diese bislang nicht ausreichend verstanden haben. Wenn man auch das Anthropozän erst 1950 beginnen lassen möchte, so macht er doch auch deutlich, dass es in der Reihe von Pleistozän und Holozän (bei dessen Definition seine Bedeutung für die Menschheitsgeschichte bereits ein Argument war) Teil einer langfristigen Entwicklung ist. Letztlich ist es die Archäologie, die die kulturelle Entwicklung des Menschen auf diesem langen Zeithorizont erforschen kann. Da sich Rodung, Emission, Landnutzungsintensität und Bevölkerungsdichte aber nicht direkt ausgraben lassen, gilt es hier, interdisziplinär und mittels stochastischer Verfahren aus der Gesamtheit der archäologischen Überlieferung als Proxies und für Modellierungen nutzbare Datenserien aufzubauen. Das klingt nach einer Aufgabe für die prähistorische Archäologie, die eben tatsächlich die langen Zeiträume betrachtet, aber auch die historische Archäologie ist hier gefragt, nicht nur weil sie als Archäologie der Moderne das Anthropozän im engeren Sinne seit 1800 oder 1950 selbst abdeckt, sondern weil beispielsweise auch die Archäologie des Mittelalters wesentliche Informationen für das Verständnis der kleinen Eiszeit liefern kann. Beispielsweise mit der Frage: Sind die von Ruddiman postulierten Folgen der Pest tatsächlich so drastisch?

Crutzens Konzept des Anthropozän weist der Archäologie eine relevante Aufgabe in der aktuellen Klima- und Umweltdiskussion zu. Das Anthropozän ist damit ein zentrales Thema für eine moderne Umweltarchäologie. 2015 formulierte Crutzen - allerdings nicht auf die Archäologie bezogen: "Es wird zu wenig dazu geforscht."

 

Literaturhinweise

  • Crist 2013
    E. Crist, On the Poverty of Our Nomenclature. Environmental Humanities 3, 1, 2013, 129–147. - doi: 10.1215/22011919-3611266 
  • Crutzen 2006
    P. J. Crutzen, Albedo Enhancement by Stratospheric Sulfur Injections. A Contribution to Resolve a Policy Dilemma? Climatic Change 77, 3-4, 2006, 211–220. - doi: 10.1007/s10584-006-9101-y
  • Crutzen/Stoermer 2000
    P. J. Crutzen/E. F. Stoermer, The 'Anthropocene'. Global change Newsletter 41, 2000, 17–18.
  • Foley u. a. 2013
    S. F. Foley/D. Gronenborn/M. O. Andreae u. a., The Palaeoanthropocene – The beginnings of anthropogenic environmental change. Anthropocene 3, 2013, 83–88. - doi: 10.1016/j.ancene.2013.11.002
  • Ruddiman 2003
    W. F. Ruddiman, The Anthropogenic Greenhouse Era Began Thousands of Years Ago. Climatic Change 61, 3, 2003, 261–293. - doi: 10.1023/B:CLIM.0000004577.17928.fa
  • Ruddiman 2007
    W. F. Ruddiman, Plows, plagues, and petroleum. How humans took control of climate (Princeton, NJ 2007).
  • Ruddiman u. a. 2016
    W. F. Ruddiman/D. Q. Fuller/J. E. Kutzbach u. a., Late Holocene climate. Natural or anthropogenic? Rev. Geophys. 54, 1, 2016, 93–118. - doi: 10.1002/2015RG000503
  • Ruddiman 2018
    W. F. Ruddiman, Three flaws in defining a formal ‘Anthropocene’. Progress in Physical Geography: Earth and Environment 42, 4, 2018, 451–461. - doi: 10.1177/0309133318783142
  • Waters u. a. 2016
    C. N. Waters/J. Zalasiewicz/C. Summerhayes u. a., The Anthropocene is functionally and stratigraphically distinct from the Holocene. Science (New York, N.Y.) 351, 6269, 2016, aad2622. - doi: 10.1126/science.aad2622


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