Donnerstag, 18. August 2022

Finde den Fehler: Goldfund mit Wiener Flohmarktprovenienz

Richtig: Es wird nicht erwähnt, dass die Funde ganz offenbar aus Raubgrabungen stammen und es nicht ganz unwichtig wäre, den Fundort der Objekte zu kennen.  Die ursprüngliche Provenienz solcher Objekte ist immer eine archäologische Fundstelle, keine Sammlung, kein Dachboden und auch kein Flohmarkt. Ist kein Fundort angegeben, ist eine Raubgrabung seeeeehr naheliegend.

Donnerstag, 11. August 2022

Das Rätsel der Sozialarchäologie

Übrigens: Zu denr in einem vorigen Post (bzw. auf AMANZ-notiz-Blog) genannten Vorlesung gab es am Ende eine Klausur. Das Kreuzworträtsel daraus möchte ich hier teilen:

 


Viel Spaß beim Rätseln. Eine Lösung wird später (vielleicht) bereit gestellt, wenn mindestens 50 Leute gerätselt oder recherchiert haben.

Dienstag, 9. August 2022

Tagung in Linz: Das 19. und 20. Jahrhundert im Fokus der Historischen Archäologie

Das 19. und 20. Jahrhundert rücken immer mehr in den Fokus der Archäologie - auch jenseits der Schlösser und Schlachtfelder. 

Die Österreichische Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters ÖGM tagt im September in Linz:

Montag, 1. August 2022

Sozialarchäologie - Lehren aus der Lehre

Originalpost auf AMANZ-notiz-blog   (31.7.2022)

In diesem Sommersemester habe ich an der Universität Bamberg eine Vorlesung "Grundzüge einer Sozialarchäologie" gehalten - und parllel ein Seminar angeboten, das  "Von der Sozialstruktur zur Sozialen Praxis - neue Forschungsansätze in der AMaNz" betitelt war.

Anhand von konkreten Themen haben wir ausgelotet, welche Aspekte des Sozialen Archäologie, insbesondere die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit erfassen kann und welche Aussagen sie treffen kann.

Das eher abstrakte und theoretische Fazit der beiden Lehrveranstaltungen sei hier kurz im Blog  geteilt, da die Lehren aus diesen Lehrveranstaltungen mir für eine weitere Diskussion geeignet scheinen.

In der Vorlesung habe ich abschließend 5 Thesen formuliert.

These 1

Sozialarchäologie ist ein junges, noch wenig durchdrungenes Themenfeld

  • Zahlreiche Einzelstudien, aber kaum Synthesen
  • Vielfach noch Verharren in hergebrachten Kategorien z.B.
    • ethnische Gruppen
    • Geschlechterrollen – Rollen
    • Hierarchien: top-down-Denken
    • Kontinuitäten

These 2

Sozialarchäologie ist mehr als die Erforschung von Sozialstrukturen. Es geht um das Zusammenleben von Menschen – und das Funktionieren von Gesellschaften

  • Z.B. auch in Krisensituationen
  • Mensch-Umwelt-Interaktion
  • Wirtschaftsaspekte

These 3

Sozialarchäologie hat einen hohen Theoriebedarf. Notwendig sind z.B. Vorstellungen darüber, wie Objekte soziales Leben widerspiegeln – oder überhaupt wie Gesellschaft funktioniert.
Problematisch sind aktuell oft unbewusst angewandte, veraltete Theorien über Gesellschaft, die aus dem 19. Jh. stammen.
Sozialarchäologie bedarf andauernder kritischer Selbstreflexion (wie im Prinzip jede Wissenschaft).
 

These 4

Sozialarchäologie hat im Kontext von Archäologie & Geschichte ein besonderes Potential,
  • da sie oft jenen eine Stimme gibt, die in den Schriftquellen nur randlich aufscheinen
  • da sie einen Beitrag zur „dichten Beschreibung“ liefert
  • da sie gute Grundlagen liefert, archäologische Theoriekonzepte zu entwickeln und zu prüfen
  • da sie Interdisziplinarität fördert
Diese Möglichkeiten sind in der historischen Archäologie also insbesondere im Bereich der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit wegen und nicht trotz der textlchen Parallelüberlieferung besonders bedeutend

 

These 5

Sozialarchäologie ist stärker mit aktuellen Fragen und ethischen Problemen berührt als andere Zweige archäologischer Forschung. Viele Themen sind auch in aktuellen gesellschaftlichen Debatten wichtige Themen.

zum Beispiel:

  • Gender
  • Umgang mit Krieg
  • Umgang mit Minderheiten oder Indigenen
  • Kolonialismus
  • Umgang mit rezenten Bestattungen
  • Archäogenetik

Sozialarchäologie steht in besonderem Maße im Spannungsfeld von Archäologie & Politik/Gesellschaft  und zeigt, dass auch eine Wissenschaft, die sich primär mit der Vergangenheit befasst gesellschaftliche Verantwortung hat.

 
 

Definition der Sozialarchäologie

Im Seminar haben wir aus einer Diskussion dieser Thesen eine Definition der Sozialarchäologie formuliert:

Sozialarchäologie ist die Erforschung vergangenen sozialen Lebens von Individuen, gesellschaftlichen Gruppen und deren Interaktion. Sie ist eine historische Kulturwissenschaft, die die materielle Kultur in den Mittelpunkt stellt, primär archäologische Quellen nutzt, interdisziplinär und mit Blick auf unsere Gegenwart arbeitet. Kennzeichnend ist eine theoretisch reflektierte, kritische Herangehensweise, die Paradigmen identifiziert und kritisch hinterfragt.

Sonntag, 31. Juli 2022

Britisches Projektdesign expandiert in europäische Dörfer

In England wird seit Jahren eine besondere Art der Bürgerachäologie praktiziert: Bürger graben ihre Ortsgeschichte aus. Mit kleinen Suchschnitten werden Keramikspektren geborgen, die Aufschluss über die Siedlungsentwicklung geben. Beispielsweise konnten die Auswirkungen der Pest auf ländliche Siedlungen in Ostengland aufgezeigt werden. Maßgebend treibt Carenza Lewis, Professorin für "the Public Understanding of Research" in Lincoln das Projekt voran. Wichtige Impulse kamen aus der 1994-2012 ausgestrahletn britischen Fernsehserie Time Team, bei der in engem Kontakt mit der Dorfbevölkerung mehrfach kleine Forschungskampagnen realisiert wurden.

Es sind zwei Aspekte, die das Projekt methodisch und theoretisch interessant machen, nämlich einerseits die Methode der Testsondagen und der Aspekt der Bürgerarchäologie andererseits. 

Testsondagen

Methodisch ist es bedeutend, in die alten Ortskerne zu blicken und deren Entwicklung nachvollziehen zu können. Wir wissen seit langem (Schreg 2006), dass "das Dorf" erst spät entstanden ist - mit regionalen und individuellen Unterschieden. Oft kennen wir ältere, früh- und hochmittelalterliche Siedlungslagen außerhalb der späteren Ortskerne, was auf einen Prozess der Siedlungskonzentration bzw. Siedlungsverlagerung schließen lässt, über den nur in den Ortskernen genaueres zu erfahren ist.

Problematisch ist, dass bisher nur wenige Aufschlüsse in den alten Ortskernen vorliegen, Inzwischen scheint die Denkmalpflege zwar verstärkt engagiert, aber oft gibt es hier nur geringen Veränderungsdruck, so dass aussagefähige Synthesen noch kaum möglich sind (vgl. Brenner 2022).. 

Idealerweise wären hier die Potentiale in den Braunkohlerevieren zu nutzen, doch war es hier aufgrund der Konzerninteressen bisher nur in Ausnahmen möglich, ganze Dörfer zu untersuchen - und bisher nur in den mitteldeutschen Revieren.  Mit einem Projekt in Kerpen-Manheim, das am Tagebau Hambach liegt und inzwischen bis auf letzte Reste abgerissen ist, haben wir vom Bamberger Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit  mit Finanzierung durch die Stiftung zur Förderung der Archäologie im Rheinischen Braunkohlerevier  ein Projekt mit solchen Testsondagen durchgeführt. Aufgrund der äußeren Bedingungen konnte das britische Modell nicht völlig übertragen werden, sondern musste modifiziert werden. Zwar gelang es mit den Kerpener Heimatfreunden auch die Bürgerschaft einzubinden, aber das Dorf ist bereits "abgesiedelt", so dass es keine Einwohner mehr gibt. Deshalb wurden die Sondagen auch nicht von Hand gegraben, sondern mit einem Bagger angelegt, gleichwohl in Schichten vorgegangen. 170 Schaufeltestsondagen erbrachten ein auswertbares Spektrum an Keramikfunden, deren räumliche Auswertung mittels eines Geographischen Informationssystems die späte Aufsiedlung des Ortsbereichs zeigt (Petersen/Schreg 2021). Weitere Forschungen im Dorfbereich erfolgen nun durch exemplarische Ausgrabungen an einzelnen Hofstellen. Sie sind als bürgerschaftliches Projekt konzipiert, das interessierten Bürgern die Partizipation an den Ausgrabungen ermöglicht, wenngleich eine Grabungsfirma die eigentliche Durchführung übernimmt.

Schaufeltestsondagen ergeben keine a priori auswertbaren Informationen zu den Baustrukturen eines Dorfes, können aber ggf. auftretende relevante Befunde dokumentieren. Damit und mit den letztlich doch sehr geringen Eingriffen in die potentielle archäologische Substanz sind sie jedoch ein effektives Mittel, um Siedlungsdynamiken zu erfassen.  Die besten Ergebnisse sind übrigens anhand der Funde aus dem Oberboden zu erzielen, da hier - anders als in einem Befund - mit einem Fundspektrum zu rechnen ist, das die Siedlungsaktivitäten durch die Zeiten hinweg repräsentiert. Eine Kombination mit Gartenbegehungen bietet sich an, allerdings sind die dafür interessanten Gemüsegärten heute eher selten und durch einen Bodenaustausch nicht ganz unproblematisch.

Bürgerarchäologie

Der Erfolg des britischen Projektdesigns ist grundlegend jedoch mit dem Aspekt der Bürgerbeteiligung verknüpft.

Inzwischen wurde das Projekt „Community Archaeology in Rural Environments Meeting Societal Challenges“ (CARE-MSoC) aufgelegt:

In den Niederlanden, in Tschechien und Polen werden nun mit europäischer Finanzierung entsprechende Dorfprojekte durchgeführt.  CARE-MSoC zielt darauf ab, die Machbarkeit, den Wert und die Effekte solcher Ausgrabungen durch die Einwohner ländlicher Siedlungen in ihren Heimatgemeinden genauer zu untersuchen. Im Vereinigten Königreich wurde dadurch nicht nur eine größere Kenntnis der Ortsgeschiche vermittelt, sondern es zeigten sich weitere soziale und kulturelle Effekte der gemeinsamen Testsondagenausgrabungen.

Deutschland ist bislang nicht dabei, aber in Kooperation zwischen dem Exzellenzcluster ROOTS der Christian-Albrecht Universität Kiel, dem Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Schleswig, dem Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein sowie dem Leibniz-Institut für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik läuft ein ähnliches Projekt auch in Schenefeld bei Itzehoe. An zwei Wochenenden im März und Juni 2022 wurden mehrere Somdagen gegraben und dabei von den Anwohnern einige Funde geborgen, die Geschichte unmittelbar vermitteln.


Ausgräber am Grabungsschnitt
Schenefeld, Juni 2022  Bürger-Ausgräber an ihrem Sondageschnitt
(Foto: R. Schreg 2022)


Mein Dank geht an Carenza Lewis, die sich die Zeit genommen hat, mir die laufenden Arbeiten in Schenefeld zu zeigen - ein tolles Projekt, bei dem man allen Beteiligten, vor allem auch den Familien und Nachbar*innen ansieht, wie viel Spaß und Interesse sie dabei haben.

Bleibt zu hoffen, dass die Pilotstudien in Europa die Grundlagen schaffen, um solche Projekte fortzuführen. Ich wüsste bereits einige Dörfer, in denen dieser Ansatz sehr vielversprechend scheint.

Links

Medienberichte

Schenefeld

Mannheim

    Literatur

    • Lewis u.a. 2022: Carenza Lewis, Heleen van Londen, Arkadiusz Marciniak, Pavel Vařeka & Johan Verspay: Exploring the impact of participative place-based community archaeology in rural Europe: Community archaeology in rural environment meeting societal challenges, Journal of Community Archaeology & Heritage 2022,  - DOI : 10.1080/20518196.2021.2014697 
    • Lewis 2016: C. Lewis, Disaster recovery? New archaeological evidence from eastern England for the impact of the ‘calamitous’ 14th century. Antiquity 90, 2016, 777–797. 
    • Petersen/Schreg 2021: P. Petersen/R. Schreg, Kleiner Bagger vs. großer Bagger. Ein Schaufeltestsurvey zur Dorfgenese von Manheim (Stadt Kerpen, NRW) im Rheinischen Braunkohlerevier. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 34, 2021, 147-156