Donnerstag, 30. Juni 2022

Älteste Bestattungen des Homo sapiens - aus gutem Willen (?) eingegraben und vernichtet

Seit Jahren gab es in Australien eine Auseinandersetzung, wie mit den archäologischen Funden zweier Bestattungen zu verfahren sei, die 1969 bzw. 1974 am Lake Mungo in New South Wales bei Ausgrabungen entdeckt worden sind. Man datiert beide heute um etwa 40.000 v.Chr.. Sie sind nicht nur ältestes Zeugnis der Besiedlung Australiens, sondern gehören überhaupt zu den ältesten Gräbern unserer Spezies homo spaiens.

Mungo Man
(Foto James Maurice Bowler [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

 

Nach der Ausgrabung verblieben die Skelettreste in einem Safe der Australian National University in Canberra und wurden 1992 bzw. 2017 offiziell an Australiens Ureinwohner zurückgegeben, die der pietätlosen Aufbewahrung in der Fremde und in einem Safe widersprochen haben. 

Sie wurden jeweils in den Mungo National Park überführt. Mungo Lady wurde dort in einem Ausstellungszentrum wiederum in einem Safe aufbewahrt, Mungo Man wurde 2017 nach einem Zeitungsbericht der FAZ auf dem Gelände des Besucherzentrums in einem Sarg beigesetzt. 

Die Umweltministerin Sussan Ley der inzwischen abgewählten Regierung kündigte Anfang April 2022 an, dass Mungo Man und Mungo Lady sowie 100 weitere prähistorische sterbliche Überreste an 26 unbekannten Stellen im westlichen New South Wales beigesetzt werden sollen. Entsprechende Forderungen waren von Aboriginees seit langem erhoben worden. - Allerdings gab es auch Stimmen, die für einen Keeping Place sprachen, an dem die Überreste so bestattet werden sollten, dass sie für künftige Generationen – und potenziell auch für die Wissenschaft - erhalten bleiben. Tatsächlich gelten mehrere Stämme als "traditional owners" und sie haben die Pläne auch vor Gericht erfolgreich angefochten. Ihre Stimme wurde bei der Entscheidung zur Bestattung übergangen.

Trotz des laufenden Verfahrens fanden jedoch am 24. Mai die anonymen Bestattungen auf Anweisung der Regierung an nicht nachvollziehbaren Orten statt. Es steht der Verdacht im Raum, dass die Regierung angesichts ihrer drohenden Abwahl noch rasch Fakten schaffen wollte. Die zuständige Umweltministerin Sussan Ley, die der Morrisson-Regierung angehörte, die sich vehement gegen Klima- und Umweltschutz engagiert hat,  hat beispielsweise auch wichtige Schutzregelungen für den vom Aussterben bedrohten Tasmanischen Teufel noch schnell außer Kraft gesetzt.

Nun soll eine unabhängige Untersuchung klären, wie es zu der illegalen Bestattung, die in der Art und weise, wie sie durchgeführt wurde einer Zerstörung deer Funde gleich kommt, kommen konnte.


Links

Mungo National Park: http://www.visitmungo.comau/ 



Literatur

  • Tim H. Heupink, Sankar Subramanian, Joanne L. Wright, Phillip Endicott, Michael Carrington Westaway,Leon Huynen, Walther Parson, Craig D. Millar, Eske Willerslev, and David M. Lambert: Ancient mtDNA sequences from the FirstAustralians revisited. PNAS 113/25, 2016, 6892–6897. - https://www.pnas.org/doi/full/10.1073/pnas.1521066113

Dienstag, 14. Juni 2022

Zurückgestellt: Das neue Wikingerschiffmuseum in Oslo

Seit 1926 war das berühmte Oseberg-Schiff im Wikingerschiffmuseum in Oslo ausgestellt. Seit Beginn dieses Jahres ist es geschlossen.
Schon lange ga es ein Hin und Her zur realisierung eines Neubaus, da es Befürchtungen gab, inwiefern die fragilen Funde einen Umzug unbeschadet überstehen könnten.


Grabung des Osebergschiffs 1904/05
(Foto Mus. Oslo, public domain; Wikimedia commons)


Nun war ein solcher Neubau eigentlich beschlossen und der Bau sollte demnächst beginnen. Ziel war es dort neben dem Osebergschiff auch die Wikingerschiffe von Tune und Gokstad sowie weitere Grabfunde auszustellen. Der Plan für den Neubau wurde 2016 in einem internationalen Architektenwettbewerb ausgewählt,
Aufgrund pandemiebedingter Verzögerungen und gestiegener Materialkosten sind die kalkulierten Kosten inzwischen jedoch gestiegen.
Die norwegische Regierung ist nicht bereit, die gesteigerten Kosten zu tragen und fordert im Gegenteil weitere Einsparungen.


Ein vom staatlichen Bauamt und der als Träger den Museums fungierenden Universität Oslo erstellter und unabhängig geprüfter Bericht hat Einsparmaßnahmen geprüft und kommt eindeutig zu dem Schluss, dass das Projekt nicht in einem reduzierten Rahmen durchgeführt werden kann.

Es besteht nun die Gefahr, dass das Projekt wieder auf Eis gelegt wird und die Schiffe und anderen Objekte auf unbestimmte Zeit hinter verschlossenen Türen und ohne die notwedigen Maßnahmen für verbesserte Lagerungsbedingungen liegen bleiben.

Sonntag, 12. Juni 2022

Messis? Die Notwendigkeit archäologischer Magazinierung

Raimund Karl stellt in einem Interview in der taz Archäologen als "Messis der Wissenschaft dar".

In einem Punkt hat er Recht: Es gibt hier ein Problem. Immer mehr Ausgrabungen liefern immer mehr Funde, deren Lagerung, Konservierung und Aufarbeitung Ressourcen erfordert, die nicht da sind.

Seine Forderung, auszusortieren und auch alte Magazine zu entsammeln geht aber am Problem vorbei.

In seinen Äußerungen klingt es so, als sei es noch immer die Aufgabe der Archäolog*innen, zu sammeln. Das ist es seit etwa dem 19. Jahrhundert oder etwas enger gefasst seit den 1960er/70er Jahren nicht mehr. Archäologie ist als Wissenschaft an dem Verständnis der Vergangenheit interessiert. Die Funde sind Quelle und Beleg wissenschaftlicher Aussagen. Es geht schon lange nicht mehr um die Objekte selbst, sondern um ihre Kontexte. Diese sind aber jeweils individuelle.

Eine Auswahl nach den Kriterien eines Sammlungskonzeptes geht an dieser Eigenschaft archäologischer Funde vorbei. Ein Problem der Forschung sind sehr häufig die nicht aufbewahrten, heute verlorenen Funde. Aus der Sicht eines Mittelalterarchäologen beispielsweise ist zu bedauern, dass frühere Sammlungskonzepte nur an älteren Perioden interessiert waren. Hier hat man sehr oft eher zu wenig als zu viel gesammelt. Die musealen Sammlungskriterien sind auch nicht zwingend mit den wissenschaftlichen identisch, denn vieles was wissenschaftlich grundlegend ist, ist optisch und ausstellungstechnisch leider außerordentlich unattraktiv. Man denke nur an die zahlreichen Keramikscherben, die in der Regel die Datierung einer Fundstelle begründen, aber auch viele weitere Einblicke in Alltagssituationen geben können. Dabei kommt es auf das Spektrum, nicht auf die Einzelstücke an. Das bietet theoretisch ein gewisses Potential für ein repräsentatives Aufbewahren und eine Kassation - aber es ist doch häufig, dass später im Lichte neuer Forschung beispielsweise eine typologische Revision vorgenommen werden muss, die erfordert, dass ein möglichst vollständiger Rückgriff auf das Material möglich ist.

Viel Potential archäologischer Ausgrabungen wird heute schon verschenk, weil auf den Ausgrabungen bereits selektiert wird. Die außerordentlich spannende Fundgruppe der Dachziegel findet meist kaum Beaxhtung und landet meist gleich im Abraum. Eigentlich stellen sie aber eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion von Gebäuden dart - über die Fundverteilung, aber auch über ihre Typologie und sekundäre Bearbeitung könnten überdachte Areale genauer definiert oder Walm- und Gaubendächer identifiziert werrden, was für eine Rekonstruktion nicht nur ein unwichtige Details sind.

Raimund Karls Beispiel der Lübecker Nusstorte zeigt ein leider auch unter Archäolog*innen immer noch verbreitetes Unverständnis für die Rolle der Funde und insbesondere auch für eine historische Archäologie. 2019 ging der Fund einer etwa 80 Jahre alten Nusstorte durch die Medien, die bei Ausgrabungen in der Alfstraße gefunden wurde. Karl möchte sie wegschmeißen. "Nusstorten kennen wir eigentlich gut." Das ist aber gar nicht der Punkt. Ja Nusstorten kennen wir gut, aber diese eine, die Raimund Karl als überflüssiges Sammlerstück darstellt, ist auch nicht wichtig, weil wir an einem Nusstortenrezept interessiert sind. Sie ist aus verschiedenen anderen Gründen ein höchst wichtiges Objetkt: Sie stammt aus einem fixierten historischen Kontext, Das Haus in der Lübecker Alfstraße, in deren Keller die Torte nebst einem Kaffeeservice und mehreren Schallplatten gefunden wurde, war im März 1942 bei einem alliierten Bombenangriff auf Lübeck zerstört worden. Wie Karl schreibt, sind Rezepte überliefert, "Brauchen wir also ein originales Stück, das dauerhaft konserviert werden soll? Wahrscheinlich nicht." meint er. Allerdings: Es wäre durchaus interessant, zu erfahren, ob die in Kriegstagen gebackene Torte nicht auch Versorgnngsengpässe widerspiegelt. Man hat vermutet, dass die Torte vielleicht für eine Konfirmationsfeier gebacken wurde, denn der Luftangriff fand am 28./29. März 1942 in der Nacht zum Palmsonntag statt, Die Torte ist Zeugnis des Kriegsalltags und hat gerade als alltägliches Objekt die Fähigkeit, Emotionen zu wecken und so zu einer Auseinandersetzung mit der Geschichte anzuregen und Erinnerung wach zu halten. Es ist eines der Potentiale der historischen Archäologie, dass ihre Funde - wenn sie bisweilen selbst auch nur von bescheidenem eigenständigem Quellenwert sind - neue Perspektiven eröffnen und geschichtsdidaktisch außerordentlich wertvoll sein können. Gerade die Lübecker Torte hat ein großes mediales Echo gefunden - wenn vielleicht auch unterschwellig mit etwas Kopfschütteln und Amusement. Dennoch: Die Torte hat den Ausgrabungen in Lübeck emdiale Aufmerksamkeit geschenkt, national, internationla und auch von der BILD. Im März 2022 wurde die Torte zum Mittelpunkt einer Ausstellung "Bittersüß - Der Tortenfund von Lübeck 1942-2022" und regt so zu einer Auseinandersetzung mit dem Bombenkrieg an. Trotz des Kriegs in der Ukraine, ist für Viele in Deutschland solch ein Ereignis heute völlig außerhalb der Vorstellungskraft.

Das Probelm der Archäologie liegt nicht im Sammeln, sondern in der Aufarbeitung des Gesammelten und weiterhin zu Sammelnden (oder doch umfassend zu Dokumierenden). Erst im Zug einer wissenschaftlichen Auswertung kann zuverlässig entschieden werden, was Quellenpotential, was Referenzcharakter und was didaktischen Wert hat. Das ist auf der Ausgrabung nicht möglich, da gerade unter Bedingungen der kommerziellen Archäologie dafür keine Zeit und meist auch keine Fachexpertise vorliegt.

Eine Lösung des Problems wachsender Sammlungsbestände muss bei der Auswertung ansetzen.

  1. Die Auswertung muss mit nachvollziehbaren Kriterien eine Fundauswahl treffen, die magaziniert wird. Keine Rolle dürfen dabei auf Ausstellungen oder Schwerpunkte setzende Sammlungsstrategien einzelner Museen spielen, da gewährleistet werden sollte, dass eine gleichmäßige Überlieferung entsteht. Eine Museumsinventarisierung sollte erst nach der Auswertung vorgenommen werden.
  2. Künftige Sammlungskonzepte sollten nicht mehr allein auf die großen Landesmuseen setzen, die allzu leicht in die auch von Karl vorgeschlagene Duplettenargument verfallen könnten. Archäologie ist aber nicht immer nur große Geschichte, sondern eben auch Ortsgeschichte. Was es landesweit schon hundert- oder tausendfach gibt, kann ortsgeschichtlich von größter Bedeutung sein.
  3. Auswertungsarbeit muss angemessen bezahlt werden Sie ist Teil der Ausgrabung und sollte vom Verursacherprinzip mit abgedeckt werden. Es kann hier nicht weiter auf universitäre Abschlussarbeiten gesetzt werden. Von der Ausnutzung dahinter einmal abgesehen: Das Potential an Studierenden reicht bei weitem nicht aus und zudem setzt man strukturell die Unerfahrensten in der Wissenschaft an die wichtigste Arbeit.
  4. Wir brauchen digitale Funddatenbanken. Sie gewinnen nicht nur für die Forschung an Bedeutung die zunehmend statistisch arbeitet. Hier könnten auch kassierte Funde so dokumentiert werde, dass zumindest eine grundlegende wisenschaftliche Datenbasis erhalten bleibt (was nicht geling, wenn die Kassation auf der Grabung erfolgt, bevor zuverlässig alles begutachtet wurde). Bei einer Dezentralisierung musealer Aufbewahrung kann eine Datenbank den Überblick erhalten und übrigens auch bei Provenienzproblemen eine wichtige Rolle spielen.

Der Umgang mit Fundstellen und Funden in der aktuellen archäologie erfordert sicherlich, wie Karl das anstößt, mehr Reflektion über Strategien in Forschung und Denkmalpflege. dabei ist es wichtig, nichts zu beschönigen - in vielen archäologischen Depots ist die Welt durchaus nicht in Ordnung und auch die angemessene Auswertung der zahlreichen Grabungen ist nicht mehr gewährleistet (falls sie es jemals war). Hier muss grundsätzlich nachgedacht werden und der Handlungsbedarf anerkannt und kommuniziert werden.

Entscheidend ist, dass sich Archäolog*innen mehr als bisher Rechenschaft über ihre Fragestellungen und Ziele ablegen - in der Denkmalpflege, an den Museen, an den Universitäten, aber auch in den historischen/ arcchäologischen Vereinen und Gesellschaften.

Ein einfaches Entsammeln hilft nicht, sondern gefährdet die Wissenschaftlichkeit der Archäologie, die meines Erachtens ihren Kern ausmacht, die aber beispielsweise doch auch soziale und politische Bildungsarbeit berührt.



Depot mit archäologischen Funden
(Foto R. Schreg)

Links

  • R. Karl, My preciousssss... Zwanghaftes Horten, Epistemologie und sozial verhaltensgestörte Archäologie. In: K.P. Hofmann/ T. Meier/ D. Mölders/ S. Schreiber (Hrsg.), Massendinghaltung in der Archäologie. Der Material Turn und die Ur- und Frühgeschichte (Leiden 2016) 43-69. - https://www.sidestone.com/books/massendinghaltung-in-der-archaeologie


zur Lübecker Torte:



Montag, 6. Juni 2022

Ukrainisches Nationaldenkmal in Flammen - Kloster Sviatohirsk

Das Kloster Sviatohirsk im Gebiet Donesk ist ein Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung für die Ukraine 2005 wurde das Kloster auf einer 10-Hriwna-Gedenkmünze dargestellt. Damit gewinnt es jetzt im Kriegsgebiet symbolische Bedeutung,


Ukrainische 10 Hriwna-Münze von 2005 mit Darstellung des Klosters Sviatohirsk
(Public Domain viaWikimediaCommons)


Der Komplex des Klosters Sviatohirsk am Fluß Seversky Donets
(Foto: Megamegalex 2010  [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)



Der russische Angriff auf die Ukraine hat mehrfach auch das Kloster betroffen. Es diente Flüchtlingen aus der Donesk-Region als Unterkunft. Am 12. März 2022 griff das russische Militär die Stadt Swjatohirsk nördlich des Flusses aus der Luft an. Eines der Ziele war wohl die Brücke beim Kloster.  Eine der Fliegerbomben explodierte 50 Meter vom Kloster entfernt und zerstörte alle Scheiben sowie einige der Türen. Da in dem Kloster hunderte Menschen Zuflucht gesucht hatte, kam es zu Verletzen. Zudem gab es weitere Schäden an den kirchlichen Einrichtungen. An den folgenden Tagen wurde das Kloster und seine Umgebung erneut beshossen. Am 15. März wurde dabei die Fassade der Kathedrale beschädigt.

Der Komplex des Klosters Sviatohirsk. südlich der Brücke am Fluß und der angrenzenden Anhöhe. Die abgebrannte Kirche Allerheiligen liegt auf der Hochfläche weiter südlich
(Karte: OpenTopoMap - Kartendaten: © OpenStreetMap-Mitwirkende, SRTM | Kartendarstellung: © OpenTopoMap (CC-BY-SA))

Ende Mai geriet die Stadt Sviatohirsk unter russische Kontrolle. Am 4. Juni 2022 wurde die Holzkirche „Vsikhsviatskyi Skete“/ Allerheiligen durch russischen Beschuss in Brand gesetzt. Das Kloster scheint direkt an der aktuellen Front zu liegen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezieht sich noch am Abend auf telegram auf den Vorfall, berichtet die Kirche sei zerstört und beschuldigt Russland der Kulturgutzerstörung. Er gab sich überzeugt, dass jede vom russischen Militär niedergebrannte Kirche, jede gesprengte Schule und jedes zerstörte Denkmal beweise, dass Russland keinen Platz in der UNESCO hat und Russland auch hier sanktioniert werden müsse.

Selenskyj schreibt, die Besatzer wüssten genau, welches Objekt beschossen wird. Sie wissen, dass es auf dem Territorium der Svjatohirsk Lawra keine militärischen Ziele gibt. Es ist bekannt, dass etwa 300 Laien vor den Feindseligkeiten fliehen, darunter 60 Kinder. Aber immer noch beschießt die russische Armee den Lorbeer, wie den ganzen Donbass. Wie jedes andere Territorium und jedes andere Objekt der Ukraine, das erreicht werden kann. Es ist ihnen egal, was sie in Ruinen verwandeln."

Selenskyj fordert den Ausschluss Russlands aus der UNESCO:  

"Am 31. Mai appellierte das ukrainische Parlament an die UNESCO, Russland die Mitgliedschaft in der Organisation zu entziehen. Daran arbeitet die ukrainische Diplomatie konsequent. Kein anderes Land als Russland hat seit dem Zweiten Weltkrieg so viele Denkmäler, kulturelle und soziale Stätten in Europa zerstört. Jede von Russland in der Ukraine niedergebrannte Kirche, jede gesprengte Schule, jedes zerstörte Denkmal beweist, dass Russland keinen Platz in der UNESCO hat. Worüber können wir mit einem barbarischen Staat, mit einem terroristischen Staat sprechen? Über welche Artilleriegeschosse ist es besser, das historische Erbe zu zerstören?

Wir erwarten eine logische und faire Antwort von der UNO und der UNESCO. Es sind die Vereinten Nationen, und ihre Charta sieht keine Allianzen mit Terroristen vor. Die Isolation Russlands muss vollständig sein, es muss für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. "

An seinen Telegram-Post hängt Selenskyj einen Videoschnipsel der brennenden Kirche an. Die Berichterstattung suggeriert - wahrscheinlich nicht aufgrund einer tendenziösen Berichterstattung, sondern aus mangelnder Reflektion des Denkmal- bzw. Kulturerbe-Begriffs - , hier gehe es um altes historisches Kulturerbe. Tatsächlich ist die Kirche Allerheiligen 2006 fertig gestellt worden. Die ältere Anlage war nach dem Zweiten Weltkrieg zerfallen und erst als das Kloster nach 1991 neu begründet wurde, fanden umfangreiche Neubauten statt. Allerheiligen wurde dabei als Holzkirche errichtet.

In seinem Post spricht Selenskyj diese jüngere Geschichte übrigens offen an, und zwar gleich zu Beginn: "Zerstörtes Allerheiligenkloster. 1912 wurde sie eingeweiht. Es wurde zuerst während der Sowjetzeit zerstört. Später wurde es wieder aufgebaut. Und so wurde er von der russischen Armee verbrannt."  Worauf sich das Datum 1912 beziehen soll, ist mir allerdings nach kurzer online-Recherche nicht klar geworden. Eventuell hat sich der Präsident vertippt und er wollte auf die letzte Wiederbegründung des Klosters 1992 verweisen.


Kulturgutpolitik in der Russischen Kriegsführung

Immer wieder lassen sich in ukrainischen Meldungen über Kulturgutzerstörungen kleine Ungenauigkeiten beobachten (vgl. Archaeologik 16.3.2022; Archaeologik 26.4.2022). Diese ändern nichts daran, dass sich das russische Militär ganz offenbar verbrecherisch wie die letzten "Barbaren" (ein sorry an alle oft zu unrecht so gebrandmarkten Barbaren) - oder wie Ukrainer das aktuell bezeichnen: Orks - aufführen. Es zeigt aber, wie dem Umgang mit Kulturgut eine moralische Dimension zukommt. Die Achtung des Kulturguts ist ein Zeichen der Überlegenheit und der moralisch richtigen Position. Das hat Russland mit der Inszenierung von Palmyra im Kampf gegen den IS selbst auch so praktiziert.

Mit diesem Hintergrund ist es schwer zu beurteilen, inwiefern neben zumindest billigend in Kauf genommene Kollateralschäden an Kulturgütern auch eine bewusste Zerstörung ukrainischer Kultur praktiziert wird. Immer wieder steht der Vorwurf im Raum, Putin würde auf eine Vernichtung traditionsstiftender ukrainischer Traditionen abzielen.
Eine gezielte Zerstörung der historischen Gebäude von Sviatohirsk würde im Hinblick auf eine solche imperialistische Kulturtraditionspolitik wenig Sinn machen, da die Geschichte des Klosters eng mit der russischen Expansion ist. Im 16./17. Jahrhundert nutzten die Moskauer Zaren die strategische Lage des Klosters für die militärische Überwachung der Region, die darauf abzielte, sich gegen Tatareneinfälle zu schützen. Die Mönchen von Sviatohirsk hielten enge Beziehungen zum Moskauer Staat und erhielten materielle und militärische Unterstützung (Yaisiuk 2018). Wie so viele historische Hinterlassenschaften sind sie nicht eindeutig modernen Nationen zuzuweisen, sondern stehen für die Komplexität der Geschichte, der ein nationalistisches Weltbild fast immer mit völligem Unverständnis entgegen tritt. Putin hat sein völlig verständnisfreies Geschichtsbild durchblicken lassen und zur Rechtfertigung seines Krieges benutzt (vgl. Archaeologik 25.2.2022; Archaeologik 22.1.2022).
 
 

Literaturverweis

  • Yaisiuk 2018: Микола Яцюк, Святогірський монастир між московською владою та українськими козацькими впливами (ХVІ−ХVІІ ст.). Історія релігій в Україні: Науковий щорічник 28, 2018, 396-413. - http://www.religio.org.ua/index.php/religio/article/download/206/204 (pdf)

Links

 


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Blogposts auf Archaeologik zu Putins Krieg gegen die Ukraine

Freitag, 3. Juni 2022

Es glänzt nicht alles im Louvre: Polizeiliche Ermittlungen gegen ehemaligen Direktor

Ein Beitrag von Jutta Zerres 

Zahlreiche internationale Medien berichten in den letzten Tagen über Ermittlungen der französischen Polizei gegen Jean-Luc Martinez, der von 2013 bis 2021 das weltberühmte Pariser Museum des Louvre leitete. Es steht der Vorwurf des Betruges und der Verschleierung von Provenienzen von fünf unrechtmäßig erworbenen ägyptischen Antiken im Raum. Diese seien für das Zweigmuseum in Abu Dhabi bestimmt gewesen und sollen für den Preis von 15 Millionen Euro angekauft worden sein. Darunter befindet sich eine Stele mit der Nennung von Tutanchamun, für die alleine 8,5 Millionen über den Tisch gegangen seien. Martinez habe im Genehmigungsverfahren der Ankäufe bei den gefälschten Provenienznachweisen nicht allzu genau hingeschaut. Er bestreitet die Vorwürfe und ist mittlerweile gegen Auflagen freigelassen geworden. 

Louvre
(via Pixabay)

Die Ermittlungsverfahren gegen ihn kam 2018 nach der Verhaftung des deutsch-libanesischen Galeristen Robin Dib ins Rollen, der den Verkauf an den Louvre vermittelt hatte. Die in Rede stehenden Objekte waren in der Zeit des „arabischen Frühlings“ 2011 illegal ausgegraben und in den Handel gebracht worden. Archaeologik berichtete ausführlich über Raubgrabungsaktivitäten, die in dieser Phase staatlicher Instabilität deutlich zugenommen hatten. Nicht zum ersten Mal tauchen Objekte, die in der politischen Unruhephase von 2011 entwendet wurden, in internationalen Museen auf. Schlagzeilen machte 2019 der Fall des goldenen Sarkophages des Priesters Nedjemankh, der vom Metropolitan Museum of Art in New York erworben und später an Ägypten restituiert wurde (auf Archaeologik).


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Dienstag, 31. Mai 2022

Geschichte im Krieg

Im Unterschied zur Corona-Pandemie (vgl. Archaeologik 9.1.2021) sehen Historiker sich beim Ukraine-Krieg sehr viel mehr in der Lage, Einordnungen oder gar Erklärungen zu liefern. Die Medienbeiträge, die nun auf die ukrainische Geschichte blicken, Putins Geschichtsbild analysieren - und zurück weisen - sind recht zahlreich, aber dennoch im Vergleich zu "Militärexperten" doch eher eine Randerscheinung.

Nur exemplarisch:

Zwei Aspekte eines historischen Blicks auf den russischen Krieg gegen die Ukraine scheinen bemerkenswert. Mehrdach wird Putins Geschichtsbild analysiert, einmal in seinen historischen Aussagen etwa betreffend die Geschichte der Sowjetunion oder der Kiewer Rus, zum anderen aber auch das generelle Geschichtsverständnis Putins.

Kritik an Putins Geschichtsdarstellung (vgl. Archaeologik 22.1.2022):

Putins konservatives Geschichtsverständnis:

Russland streitet mit vorgeblich historischen Argumenten eine Existenzberechtigung  der Ukraine ab. Das machtdeutlich, wie wichtig eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für uns ist.


In der aktuellen Kriegssituation scheint dies tatsächlich in eine bewusste Zerstörung von Museen, Gedenkstätten und Archiven zu münden:

Die UNESCO gibt auf ihrer Website eine Liste bislang bekannter zerstörter Kulturdenkmale in der Ukraine - mit Aktualisierungen:


Besonders hingewiesen sei auf einen Beitrag bei Radio Free Europe:

 

Dass Meldungen zu Kulturdenkmälern Teil von Propganda sind, hat sich bereits in Syrien gezeigt, wo sich Russland als deren Retter dargestellt hat - nun zeigt die Ukraine die russischen Zerstörungen auf, ohne freilich immer die Fakten ganz korrekt darzustellen. Das ist sicher nicht immer auf die Kriegsbedingungen zurückzuführen, die zu reduzierter Sorgfalt führen könnten, sondern eine bewusste Strategie, Russland mit eingängigen Bildern und Aussagen vorzuführen.

 

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