Mittwoch, 12. Mai 2021

Zustand und Zukunft der Archäologie - der 100. DGUF-Newsletter

Seit neun Jahren gibt es den DGUF-Newsletter. , der die aktuellen Entwicklungen des Fachs berichtet und dokumentiert. Der Newsletter ist nicht nur für DGUF-Mitglieder zugänglich und erreicht inzwischen 1800 Abonennten

Jetzt gibt es den 100. DGUF-Newsletter, der Themen gesammelt hat, über die man in der Archäologie spricht oder dringend sprechen sollte. Er ist als pdf erreichbar auf der DGUF-Website unter: https://www.dguf.de/fileadmin/user_upload/Newsletter-Archiv/dguf-dok_100_newsletter_2021-05-12.pdf

Das breite Themenspektrum gibt viele Anstöße für eine Reflektion des Zustands und die Zukunft des Fachs, teils konktet, teils theoretisch - aber allesamt lesenswert!


Inhalt

  1. Vorwort der Herausgeber
  2. DGUF-Nachrichten
  3. Studium und Ausbildung
  4. Selbstverständnis des Fachs
  5. Archäologische Ethik
  6. Forschung
  7. Feldarchäologie
  8. Digitalisierung, Daten und Archäoinformatik
  9. Publizieren
  10. Kulturgutschutz
  11. Berufsleben
  12. Privatwirtschaftliche Archäologie
  13. Berufsverband und berufliche Selbstorganisation
  14. Das Verhältnis von Archäologie und Gesellschaft
    - by the way: 14.2 Rainer Schreg: Was bieten wir der Gesellschaft? Was ist sie bereit, uns zu bieten?
  15. Citizen Science bzw. ehrenamtliche Archäologie
  16. (Fach-)Politik
  17. Ausstellungen und Museen
  18. Worüber man sonst noch spricht oder dringend sprechen sollte

Sonntag, 9. Mai 2021

Show statt Substanz? Die Denkmalpflege im grün-schwarzen Koalitionsvertrag in Baden-Württemberg

Am 8.5.2021 haben Grüne und CDU in Baden-Württemberg dem Koalitionsvertrag "Jetzt für morgen" zugestimmt. 

Immerhin: Der Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Regierungskoalition in Baden-Württemberg nennt auch die Archäologie! Beim grün-roten Koalitionsvertrag vor zehn Jahren kam sie gar nicht vor.

Auf Seite 55 geht es unter der Überschrift "Verantwortungsvoller Umgang mit unserem kulturellen Erbe" zunächst um "Provenienz und Restitution". Hier heißt es:

"Wir setzen die konsequente wissenschaftliche Aufarbeitung der Provenienz unserer musealen und wissenschaftlichen Sammlungen fort und legen diese transparent offen. Schwerpunkte sind dabei die Provenienzforschung bezogen auf NS-Raubgut und auf in kolonialem Unrechtskontext erworbene Objekte. Daraus können Rückgaben einschlägiger Objekte folgen. Die Namibia-Initiative soll weitergeführt werden. Die Zuständigkeit zur Entscheidung über Rückgaben wird auf das für Kunst und Kultur zuständige Ministerium übertragen. Bei Vorgängen von besonderer Bedeutung ist eine Kabinettsbefassung erforderlich." (Koalitionsvertrag 2021, S. 55)

In Bezug zu Archäologie und Denkmalschutz" wird ausgeführt:

"Die Konzeption „Keltenland Baden-Württemberg“ werden wir fortführen und weiterentwickeln. Sie macht das keltische Erbe Baden-Württembergs über das ganze Land hinweg sichtbar und erfahrbar. Darüber hinaus sollen auch die anderen archäologischen Fundorte (insbesondere im Zusammenhang mit dem UNESCO-Weltkulturerbe) stärker in der Kultur- und Forschungsarbeit des Landes eingebunden und sichtbar  gemacht werden."  (Koalitionsvertrag 2021, S. 55)

Von den praktischen Belangen der Denkmalpflege ist hier nicht die Rede, sondern nur von prestigeträchtigen Highlights. Das ist bemerkenswert, denn im Koalitionsvertrag von 2016 hat zwar kürzer aber dafür perspektivenreicher gestanden:

"Im Bereich der Archäologie wollen wir im Einzelfall und in Absprache mit der Denkmalpflege entscheiden, ob eine konzeptionell und finanziell tragfähige Möglichkeit besteht, die archäologisch wertvollen Objekte am authentischen Ort zu bewahren und die betreffenden Regionen dabei zu unterstützen, sie sichtbar zu machen." (Koalitionsvertrag 2016, S. 44)

Darin war auch ein klares Bekenntnis zur Pflege des kulturellen Erbes enthalten ("Dieses gilt es zu pflegen, weiterzugeben und zu erforschen." [ebd.]).

Die Stoßrichtung in Richtung auf  prestigeträchtige, öffentlichkeitswirksame Projekte wird im aktuellen Koalitionsvertrag noch deutlicher, wenn im Abschnitt "Bauen und Wohnen" eine Novellierung des Denkmalschutzgesetzes angekündigt wird. 

"Interesse an Denkmalschutz wecken, Weltkulturerbe erhalten
Mit einer Öffentlichkeitsoffensive für Denkmale in Baden-Württemberg wollen wir Identität stiften und Heimat leben. Mit öffentlich zugänglichen Denkmalinformationen in einem Denkmalportal schaffen wir Transparenz und wecken Interesse. Die Denkmalförderung werden wir fortführen und das Denkmalschutzgesetz modernisieren, um zeitgemäße und auch ökologische Nutzungen der Denkmale im Land noch besser zu ermöglichen. Darüber hinaus wollen wir ein Fach- und Netzwerkzentrum zur Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden aufbauen.
Wir wollen den universellen kulturellen Wert unserer bisher sechs UNESCO-Welterbestätten in Baden-Württemberg für zukünftige Generationen bewahren und den Baden-Württembergerinnen und Baden-Württembergern ebenso wie Gästen aus aller Welt näherbringen. Hierzu wird das Land gemeinsam mit den jeweiligen regionalen Partnern geeignete Organisationsformen entwickeln.
Ein Welterbe-Förderprogramm für die Sicherung, den Schutz und die Vermittlung, insbesondere für die Unterstützung bei Einrichtung und Betrieb von Infozentren, werden wir mit zusätzlichen Mitteln einrichten. Ferner unterstützen wir die Bewerbung der Stadt Baden-Baden zum Weltkulturerbe." (Koalitionsvertrag 2021, S. 140)

Der Fokus auf  UNESCO-Welterbe lässt befürchten, dass die für die regionale Identität so wichtigen alltäglichen Bau- und auch Bodendenkmäler unter die Räder kommen. Zu einer Bedrohung für die alten Ortskerne, die akut an Charakter (und auch an Lebensqualität) verlieren, wird insbesondere die Absicht, "für innerörtliche Abbrüche alter Bausubstanz ohne Entwicklungspotential (...) höhere Förderanreize schaffen" zu wollen. Auch die Genehmigung der "Installation von PV-Anlagen und Solarthermie grundsätzlich auch auf denkmalgeschützten Gebäuden, auch bei Gebäuden im Privateigentum" (S. 15) wird es sehr erschweren, geeignete Kompromisse zu finden. Vor zehn Jahren war das für die grün-rote Regierung auch schon Thema, aber hier ging es noch darum "Lösungen [zu] finden, die sowohl dem Denkmal-, als auch dem Klimaschutz Rechnung tragen" (Koalitionsvertrag 2011, S. 52). Dass ein effektiver Denkmalschutz ein ganz wesentlicher Motor sein kann, den absehbar beschleunigten Strukturwandel in den Innenstädten in einer Weise zu lenken, die Lebensqualität, Vertrautheit und Sicherheit vermittelt, dass Denkmalerhalt statt Abbruch und Neubau ein esentieller Beitrag zu nachhaltigem Wirtschaften und CO2-Reduktion sein kann, liegt schon außerhalb des politischen  "Weitblicks". Der grüne Wahlkampfslogan "Bewahren heißt verändern" lässt sich eben hinten wie vorne betonen.


Wahlkampf 2021
(Foto: R. Schreg)


In welche Richtung die Novellierung des Denkmalschutzgesetzes gehen wird, ist klar, denn in Bezug zur Energiewende stehen eine Vereinfachung der Genehmigungsverfahren  (ebd., S. 27) , eine Vereinfachung im Bereich des Baurechts und des Denkmalschutzes (S. 108) auf dem Programm. Gemeinhin gehen solche Veränderungen mit einer Schwächung der Fachbehörden und einer Kompetenzverlagerung auf die Unteren Denkmalschutzbehörden einher, die in der Regel gar nicht über das nötige Fachpersonal verfügen. Eine Novellierung des Denkmalschutzgesetzes wäre aber Gelegenheit, das Verursacherprinzip gesetzlich besser zu verankern und auch ein Verbandsklagerecht einzuführen, das bis zu einem gewissen Grad die Fachbehörde stärken kann, insbesondere dann, wenn sie strukturell an Mitspracherecht verlieren sollte.

Geld soll übrigens in die Sanierung des Badischen Landesmuseums und einen Neubau des Linden-Museums fließen. Die Staatlichen Naturkundemuseen sollen in eine Strategie zum Biodiversitätsmonitoring eingebudnen werden, das Staatliche Naturkundemuseum Stuttgart für die Leibniz-Gemeinschaft fit gemacht werden, was allerdings die Frage aufwirft, ob das Land hier nicht vielleicht nur Kosten auf den Bund abwälzen möchte. Von einst so prestigeträchtigen Projekten wie dem Archäologischen Landesmuseum, das einst ja unter CDU-Regierung eine Zentrale in Stuttgart erhalten sollte, ist längst keine Rede mehr.


Links


Interner Link

Samstag, 8. Mai 2021

Promi-Klatsch(e): Kim Kardashian und die gestohlene Athene

Anfang Mai registrierte der amerikanische Zoll  in einem Hafen in Los Angeles eine antike Statue, die dann am 15. Juni 2016  beschlagnahmt wurde, da der Verdacht im Raum stand, dass die Provenienzangaben nicht stimmten. Es handelt sich um das Fragmen  einer Kopie der Athene des Myron, wie sie in zahlreichen Kopien römischer Zeit überliefert ist. Die Vatikanischen Museen, der Louvre in Paris, der Prado in Madrid oder das Liebighaus in Frankfurt besitzen solche Exemplare.

Die Statue war von einem belgischen Kunsthändler an Kim Kardashian adressiert. Die Statue war Teil einer 5,5-Tonnen-Lieferung im Wert von knapp 750.000 $ und soll 40 Antiquitäten sowie moderne Möbel und Dekorationsgegenstände enthalten haben. 

Kim Kardashian, 2014
(Foto: Eva Rinaldi [CC BY SA 2.0]
via WikimediaCommons)

 

Der amerikanische Zoll lies sich die Dokumente zur Statue vorlegen, um zu prüfen, ob ein legaler Import in die USA möglich ist. Eine Rechnung von 2012, die eine Provenienz  aus einer "Old German collection, bought before 1980” belegen sollte, führte jedoch eine Beschreibung des Objektes auf, die nicht zur vorliegenden Statue passte. Immer wieder fanden sich auf den Dokumenten aber auch Hinweise für eine Herkunft aus Italien, was im Widerspruch zur ausdrücklichen Erklärung des Kunsthändlers stand, wonach die Statue eben nicht aus Italien käme.

Nach einer Begutachtung durch italienische Comando Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale fordert Italien die Staue zurück, da sie bezeugen konnten, dass die Provenienzangaben falsch sind: Nach den vorgelegten Rechnungen hat der belgische Händler  Rechnungen erst 2012 erworben, die italienische Polizei hat sie aber bereits 2011 bei einer Messe in Maastricht im Besitz des Händlers registriert. 

Eine archäologische Expertise stellte fest, dass die sichergestellte Statue stilistisch aus einer italischen Werkstatt stammen müsse und daher wohl in Italien gefunden wurde. Bereits seit 1909 ist bei einer Ausfuhr archäologischer Funde aus Italien eine Genehmigung erforderlich, die offenbar nie ausgestellt wurde.


Athene des Myron
(Vatikan. Museen,
Foto: Alf van Beem [CC0]
via WikimdiaCommons, freigestellt)

Kim Kardashian dementiert, dass die Statue in ihrem Namen gekauft worden sei und sieht sich selbst als Betrogene. Angeblich hat Ihr Ex Kanye West die Statue erworben.

Archaeologik geht es hier nicht um den Klatsch oder eine Promi-Klatsche (ich musste erst mal googeln, wer Kim Kardashian eigentlich ist...). Auch will ich nicht weiter kommentieren, dass Nachrichten über die Bikinis von Kim Kardashian, ihre Scheidung und Dates einen sehr viel prominenteren Platz in den Klatschmedien einnehmen als die Affäre um die gestohlene Statue. 
 
Dass sich Promis gerne mit antiker Kunst schmücken, zeigt sich immer wieder. Hier war bereist der Schmuggel von Helmut Thoma (Archaeologik 16.7.2012) ein Thema, die auch die Klo-Ausstattung bei den Royals (Archaeologik 3.1.2014).
 
„Wir unterstützen eine Untersuchung und hoffen, dass das Kunstwerk an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben wird“ zitiert Bild einen Sprecher von Kim Kardashian.  Es wäre doch eigentlich eine gute Sache, würde sich Kim Kardashian, die derzeit angeblich Jura studiert, mit  Archäolog*innen zusammen setzen und die Rückgabe persönlich begleiten. Vielleicht würde das Problem der Raubgrabungen und ein Verständnis für die Zerstörungen und Wissensverluste im Gefolge des Promi-Klatsches etwas weitere Kreise erreichen und sensibilisieren.


Link

 
 

Dienstag, 4. Mai 2021

Archäologie, Öffentlichkeit, Politik & Wissenschaft

Archäologie kann nicht unabhängig von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrieben werden. Sie findet großes Interesse in der Öffentlichkeit, hat aber, wenn es darauf ankommt, eher keine Lobby. Archäologie wird offenbar als interessant, aber letztlich nicht als relevant wahrgenommen. - Warum? Was können wir dagegen tun?

Wer Archaeologik liest, weiß, dass ich die Themen Archäologie und Gesellschaft und Archäologie und Politik für wichtig halte und kennt vielleicht auch meine Positionen bzw. Überlegungen oder auch nur Gedankensplitter dazu. In Zeiten, in denen sich Wissenschaft in der Krise befindet, will Wissenschaftskommunikation genau überlegt sein und auch die Praxis der Denkmalpflege muss immer wieder neu gedacht werden. Die Kommerzialisierung hat die Rolle der Ehrenamtlichen in der Denkmalpflege reduziert, dafür explodiert die Zahl der Sondengänger, die zunehmend ein Problem wird, selbst wenn sich nicht alle der gezielten Raubgrabung hingeben. Tourismus und der Status als UNESCO-Welterbestätte sind stehen zunehmend im Spannungsfeld von Archäologie und Kommerz. - Das Verhältnis der Öffentlichkeit zur Vergangenheit scheint mir einem Wandel unterworfen zu sein, auf den wir reagieren müssen, damit eine gesellschaftliche Bedeutung der Archäologie erhalten oder auch erst geschaffen bzw. klar kommuniziert werden kann.

Für die Archäologischen Informationen der DGUF habe ich meine Position als Meinungsbeitrag zusammengefasst und ausformuliert. Er ist eben im Early View erschienen:

  • R. Schreg, Was bieten wir der Gesellschaft? Was ist sie bereit, uns zu bieten? – ein Meinungsbeitrag. Archäologische Informationen 44, 2021. Early View, online publiziert 4. Mai 2021. [PDF]

Freitag, 30. April 2021

Demokratie ins Museum?

2016 ging der Rheinland-Pfälzische  Landtag ins Exil. Das Landtagsgebäude sollte renoviert werden und man kam überein, dass er vorübergehend in der Steinhalle des Mainzer Landesmuseums tagen sollte. Vorübergehend.

Überlegungen, mit den archäologischen Ausstellungen zusammen mit dem RGZM an den Südrand der Stadt umzuziehen, wurden fallen gelassen. Die Steinhalle - die ehemalige Reithalle des Kurfürstlichen Marstalls - mit ihrer großen Raumhöhe war und ist der geeignete Platz, die über 9 m hohe Mainzer Jupitersäule zu präsentieren.

Jetzt will der Landtag nicht mehr ausziehen, sondern seine eigene Geschichte konservieren und den Interimslandtag in ein Demokratiemuseum  verwandeln. Dass hier neben der abgebauten Jupitersäule eigentlich der Ausstellungsraum für über 2000 römische Steindenkmäler ist, die derzeit eingemottet und der Öffentlichkeit und der Wissenschaft vorenthalten sind, interessiert offenbar nicht. schönredend ist von einer „gemeinschaftliche Nutzung der Steinhalle durch Landtag und das Landesmuseum“ die Rede: Unter der Woche Veranstaltungen des Landtags, am Wochenende Museum. Wie das mit dem verfügbaren Platz funktionieren soll, bleibt unklar Alternativlösungen werden nicht angeboten.

Protest kommt vom Deutschen Verband für Archäologie.

Der DVA verweist auf den denkmalcharakter der Reithalle per se, die "trotz der verheerenden Kriegszerstörungen des Zweiten Weltkriegs ein Baudenkmal ersten Ranges" darstelle, da "die kurfürstlich-erzbischöfliche Reithalle eine der größten Anlagen dieser Art im gesamten Heiligen Römischen Reich gewesen" ist. Vor allem aber geht es um "die weit über Mainz hinaus bekannte museologische Nutzung als sog. Stein-/Römerhalle. Dieses Ausstellungskonzept gilt zurecht als hoch bedeutend. In höchst authentischer Weise können Besucher*innen hier römische Steindenkmäler – darunter unter anderem ganze Bauten wie den berühmten Ehrenbogen des Dativius Victor und die noch bekanntere Mainzer Iuppitersäule für Kaiser Nero – in Originalgröße und ohne störende Schranken aus nächster Nähe betrachten." Befürhctet werden schädliche Auswirkungen auf die gesamte Mainzer Museumslandschaft. 

Eine Petition befürchtet, dass Mainz "aus der Wahrnehmung eines ganzen Wissenschaftszweiges verschwindet.  Es wird keine Exkursionen von Archäologen und Historikern aus Deutschland und dem Ausland mehr in das Landesmuseum geben, denn die Steinhalle ist dessen Herzstück. Sie ist von internationalem Rang und wird dies ausschließlich in der ehemaligen Form, nämlich der Präsentation einer überwältigend großen Zahl unmittelbarer Zeugnisse antiker Menschen, bleiben. Die Reduktion auf "kulturelle Highlights" verkennt den Aussagewert 2000 Jahre alter Grabinschriften, von Ehrungen für Götter, von Bauinschriften etc. Allein die Vielfalt und Vielzahl nimmt den Besucher ein, zeigt ihm die Parallelen und Unterschiede zur heutigen Welt. Nur die Diversität der antiken Zeugnisse vermittelt einen wirklichen, differenzierten Einblick in das Leben vor 2000 Jahren, informiert umfassend und lässt Antike nicht zu einer reduzierten Schaubühne, einer Kulisse ohne Inhalt und Wert werden."

Weiter heisst es hier: "Mit einer Umwidmung der Mainzer Steinhalle verliert das Mainzer Landesmuseum, die Stadt Mainz, ein identifikatives Alleinstellungsmerkmal."

Die Petition steht unter Openpetition zur Mitzeichnung offen:

Der Schaden entsteht aber nicht nur für die doch eher kleine wissenschaftliche Community, der an lateinsicher Epigraphik interessierten. Es ist ein verlust, wenn wieder ein Bildungszentrum verschwindet, das unserer Gesellschaft eine Vorstellung über ihr Werden und über die Fremdheit der eigenen Vergangenheit vermittelt. Mainz, einst eines der bedeutendsten römischen Zentren am Rhein und eine der größten mittelalterlichen Städte hat erschreckend wenige Zeugnisse seiner Vergangenheit im Stadtbild. Der endgültige Verlust der Steinhalle oder einer adäquaten Ausstellungsmöglichkeit wäre eine Tragödie. Auch ein neues RGZM kann das nicht wett machen.

Meine persönliche Meinung ist, dass wir in Mainz gelebte Demokratie brauchen, kein Demokratiemuseum, jedenfalls nicht für eine Landtagsbaustelle. Ein Demokratiemuseum in Mainz müsste sich beispielsweise kritisch mit der Mainzer Republik von 1793 befassen, ein herausragendes Kapitel der Deutschen Denokratiegeschichte.

Bedenklich ist aber auch, wie wieder einmal der didkatische Wert eines archäologischen Museums unterschätzt wird.  Eine verantwortungsvolle Demokratie kann nur funktionieren, wenn die Gesellschaft sich der Dimension der Zeit bewusst ist. Bewusstsein für die historische Zusammenhänge schafft Bewusstsein für unsere Verantwortung für die Zukunft - in Zeiten von Klimawandel, erneut aufkommenden Diskussionen um Atomenergie und einer wenig nachhaltigen Landwirtschaft ist dies ein wichtiges Gut.

Eine Stein-/ Römerhalle wäre letztlich ein Museum für die Demokratie (gerade, wenn es nüchtern-neutral-wissenschaftlich die Vergangenheit zeigt), was doch allemal besser ist, als Demokratie zu musealisieren...

 

Kopie der Großen Mainzer Jupitersäule auf dem heutigen Platz der Mainzer Republik. Das Original in der Steinhalle wurde für den Interimsplenarsaal des Landtags abgebaut.
(Foto: R. Schreg 2003)



Links


Sonntag, 25. April 2021

10 Jahre Archaeologik - Jubiläum Nr. 3

Jetzt sind es wirklich, wirklich 10 Jahre Archaeologik - auch ganz praktisch: Seit 10 Jahren läuft das Blog auch tatsächlcih unter dem Namen Archaeologik. Am 25. April 2011 erschien der Verweis auf Archaeologik auf der alten Plattform https://archaeologica.twoday.net 
Am 26.4.2011 erschien der erste originäre Archaeologik-Post, ein Verweis auf einen inzwischen offline gegangenen podcast des swr2 zu unseren Forschungen auf der Schwäbischen Alb (Auf den Spuren der Römer).


Interne Links