Samstag, 22. Januar 2022

„Russland, Ukraine, Weißrussland – das ist das heilige Russland“ - Die frühgeschichtliche Dimension der Ukrainekrise

Die Ukrainekrise hält Europa in Atem. Nach der Besetzung der Krim 2014 und dem Krieg in der Ostukraine soll nun eine große russische Armee an der Grenze zur Ukraine stehen. Der Westen befürchtet einen russischen Angriff auf die Ukraine, Russland eine Aufnahme der Ukraine in die NATO oder generell in die Einflußsphäre des Westens.

Es ist nicht Aufgabe und Kompetenz eines Archäologie-Blogs eine geopolitische Analyse vorzunehmen, wohl aber scheint es notwendig, an historische Zusammenhänge zu erinnern, die in der aktuellen Berichterstattung auffallend kurz kommen., Sie rechtfertigen nicht, dass Herr Putin die staatliche Souveränität der Ukraine in Frage stellt und eine doch eher aggressiv-expansive Außenpolitik fährt, aber sie sind wichtig, um zu verstehen, dass es für Russland möglicherweise um mehr geht als um machtpolitische Ambitionen ihres Präsidenten und den Traum einer Restitution des Machtgebiets der vor 30 Jahren untergegangenen Sowjetunion. 
Die Frühgeschichte in Osteuropa ist ein faszinierendes Forschungsfeld der Archäologie, denn hier lässt sich eine unglaubliche Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung erkennen, bei der Fernhandelsbeziehungen von Skandinavien bis in den Vorderen Orient ebenso eine Rolle spielen, wie das Zuammentreffen unterschiedlicher Gesellschaften mit höchst unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen. Die Wikinger sind hier ebenso involviert, wie Gruppen, die die Waldgebiete Russlands (und Finnlands) nutzen, Steppennomaden, aber auch das Byzantinische Reich. Das ist mehr als 1000 Jahre her, aber es scheint ein wichtiger Faktor in der aktuellen Krise zu sein. 

Politik und Medien schauen in ihrer Analyse der Interessen und Ziele Russlands und Putins vor allem auf das Ende der Sowjetunion und bestenfalls auf das Zarenreich.
Bei den russischen Befindlichkeit mit der Ukraine und auch bei der Unterstützung des autokratischen Präsidenten Lukaschenko handelt es sich jedoch nicht einfach um die Rückgewinnung ehemaliger Sowjetrepubliken, es geht um Kerngebiete russischer Identität. Damit unterscheidet sich die Region - historisch oft als Ruthenien bezeichnet - deutlich von anderen Regionen, in denen sich Purins Russland militärisch engagiert, wie z.B. Kasachstan, oder auch Syrien. Der Blick auf die Frühgeschichte, das Bewusstsein für die Geschichte über das 20. Jahrhundert zurück, scheint dem Westen zu fehlen und daher erscheint die Russlandpolitik der NATO und Europas ebenso kurzsichtig wie historisch unreflektiert .

Das Gebiet der Kiewer Rus - es deckt große Teile der Ukraine und von Belarus ab und ist ein grundlegender Bezugspunkt der russischen Geschichte
(Graphik: Captain Blood [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)



Dir Ursprünge russischer Staatlichkeit liegen in der heutigen Ukraine

Die Anfänge russischer Staatlichkeit liegen entlang der Nord-Südachse, die die Ostsee mit dem Schwarzen Meere entlang der Flüsse Düna / Beresina oder Wolchow im Norden und Dnjepr oder Wolga - Don im Süden verband. Eine wesentliche Rolle spielten dabei die als Waräger bekannten skandinavischen Gruppen, deren Handel die islamische Welt und Nordeuropa miteinander verband. Eines der frühen Zentren entstand im 9. Jahrhundert in Novgorod, deren Fürsten aber spätestens im frühen 10. Jahrhundert in Kiew am Dnepr als ihren Herrschaftsmittelpunkt etablierten. Diese sogenannten Kiewer Rus sind der Kern russischer Staatenbildung. Ihre Herrscherfamilie, die Rurikiden waren später Großfürsten von Moskau, das indirekt auch Kiew als Sitz des Metropoliten der Russisch-Orthodoxen Kirche ablöste. Das russische Geschichtsbild betont diese Kontinuität.
 
Einer der bedeutendsten Großfürsten von Kiew war Wladimir I (ca. 960-1015), auf den die Christianisierung Russlands zurück geht. Um ein Bündnis mit Byzanz eingehen zu können, ließ er sich 988 taufen, gefolgt von einer Massentaufe der Rus. Eine legendäre Überlieferung verbindet Wladimirs Taufe mit der byzantinischen Stadt Chersonesos beim heutigen Sevastopol auf der Krim. Die in der post-sowjetischen Zeit wieder aufgebaute Wladimirskathedrale soll an die Christianisierung Russlands erinnern.

Vladimir-Kathedrale inmitten der antiken Fundstelle
von Chersonessos
(Foto: R.Schreg/RGZM, 2007)
 
Große Bedeutung kommt auch der Sophienkathedrale und dem Höhlenkloster in Kiew zu, die ebenfalls in die Zeit der Kiewer Rus zurückreichen. 

Das Höhlenkloster in Kiew
(Foto: i.Parfeniy [in public domain] via WikimediaCommons)



Die Blütezeit der Kiewer Rus waren das 10. und 11. Jahrhundert, doch war deren Geschichte durch wiederholte Aufspaltungen und Rivalitäten gekennzeichnet, die schließlich auch dazu führten, dass Ukraine und Belarus eigene sprachliche und nationale Identitäten entwickelten.

Zu Russland gehören heute zwar die frühesten Orte der Entwicklung der Kiewer Rus ganz im Norden - Stätten  wie Staraja Ladoga mit seinen Grabhügeln oder Novgorod mit langjährigen archäologischen Ausgrabungen (z.B. Vdovichenko 2020). Wichtige Elemente der russischen Geschichte - erste Staatlichkeit, erste Sprachzeugnisse, Urbanisierung und Christianisierung - sind an die Kiewer Rus gebunden, so dass wichtige identitätsstiftende Orte Russlands heute in der Ukraine - oder auf der seit 2014 russisch besetzten Krim - liegen.
 
Grabhügel bei Staraja Ladoga
(Foto: V. Miratov 1976 [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)


Politische Frühgeschichte

Die Frühgeschichte der Kiewer Rus war in der Vergangenheit in vielfältiger Weise ein Politikum. Eine Streitfrage war lange, ob die Staatsentwicklung - wie die schriftlichen und archäologischen Quellen nahelegen - “normannisch”-skandinavische oder slawische Grundlagen hatte. Hinzu kommt, dass zahlreiche weitere Gruppen, wie Finno-Ugrier im Norden, Polen und Balten im Westen oder die muslimischen Chazaren sowie zahlreiche Steppenvölker im Süden weitere wichtige Gruppen im früh- und hochmittelalterlichen Osteuropa waren, die in vielfältiger Weise mit den nationalen Narrativen moderner Staaten wie z.B. Ungarn (vgl. Archaeologik [19.12.2013]) verbunden sind. In diesem Gefüge sind auch die Entstehungen unterschiedlicher Nationalitäten in Russland, der Ukraine und Belarus zu sehen, deren gemeinsamer Bezugspunkt jedoch die Kiewer Rus sind. Beide Staaten beanspruchen die Kontinuität von den Kiewer Rus.

Die historische Landschaft der Kiewer Rus war in der Zarenzeit immer wieder Anlass für Kriege gegen Litauen und Polen. Ukrainer, Belarusier und Russen werden als Teile eines gemeinsamen ostslawischen Volkes oder doch als Teile eines einheitlichen altrussischen Volkes gesehen. Die „Sammlung der russischen Erde“ war Teil der Politik des Zarenreichs wie der Sowjetunion. Auch die russisch-orthodoxe Kirche oder jedenfalls der Moskauer Metropolit Kyril sieht eine Einheit: „Russland, Ukraine, Weißrussland – das ist das heilige Russland“ (https://ria.ru/20080727/114995505.html via GoogleTranslator). 

Ostern 2016: Vladimir Putin und Patriarch Kyril I
(Foto: kremlin.ru  [CC BY 4.0] via WikimediaCommons)


Putins Geschichtspolitik

Dass diese historischen Bezüge für Putin durchaus eine Rolle spielen, hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach gezeigt. Putin zeigte generell ein Interesse an Archäologie, das durchaus auch von politischen Überlegungen getragen scheint. Im Zweifelsfall kann Archäologie aber auch als Sündenbock für Verzögerungen wichtiger Bauprojekte herhalten.:
Auch Russlands Engagement in Syrien ist von einem propagandistischen Einsatz von Archäologie und Geschichte begleitet:
 
Wichtig ist, dass Putin aber immer wieder bewusst auf die Kiewer Rus Bezug nimmt. So muss man wohl seine Einmischung in die Leitung des archäologischen Parks von Chersonesos um die sogenannte Wladimirskathedrale sehen.
Mehr noch: Putin hat in Reden explizit Bezug auf die Kiewer Rus genommen. Nach der Annexion der Krim sagte Putin am 18. März 2014 in einer Rede, Ukrainer und Russen seien nicht nur Nachbarn, sondern ein Volk, der eine könne nicht ohne den anderen leben.  2016, anlässlich des tausendjährigen Todestags von Wladimir, betonte Putin die Bedeutung Wladimirs als Schöpfer des russischen Staates. In Moskau wurde ein monumenales Wladimir-Denkmal mit Schwert in der Hand errichtet und von Putin eingeweiht. Schon 2003 war Putin persönlich beim 1250 jährigen Jubiläum in Staraja Ladoga, das sich auf ein dendrochronologisches Datum bezieht. Deutlich zeigt sich der hohe Stellenwert dieser frühen Zeit für Putins Geschichtsbild.
 
Wladimir Putin vor der neuen Statue des Wladimir von Kiew in Moskau
(Foto: Website des Bürgermeisters von Moskau [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)



Vertreten wird ein Geschichtsbild, wonach Ukraine und Belarus Teil eines gemeinsamen ostslawischen Volkes sind. Ob das nun die tatsächliche Überzeugung Putins darstellt, oder ob er Geschichte hier bewusst verdreht, entzieht sich  einer archäologischen Einschätzung.
 
Sicher ist, dass die in Ost(mittel)europa vielfach gängigen, starken Narrative  nationaler Geschichte der tatsächlichen Komplexität historischer Entwicklungen nicht gerecht werden, da sie stark an Kontinuiäten und unveränderlichen Ethnien glaubt. Das ist in der Regel deutlich komplizierter und daher eignet sich Geschichte letztlich auch nicht zur Legitimierung machtpolitischer Ansprüche. Einen Aufmarsch von Kampftruppen - und gegebenenfalls deren Einsatz - rechtfertigt das prinzipiell nicht.
  • Vdovichenko 2020: M. Vdovichenko, Medieval Churches in Novgorod: Aspects of archaeological investigations and museum presentation, Internet Archaeology 54, 2020. -  https://doi.org/10.11141/ia.54.10

Freitag, 21. Januar 2022

ARKUM-Nachwuchsworkshop

Der Arbeitskreis für historische Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa e.V. (ARKUM) (demnächst mit neuer Homepage) versteht sich als Knoten in einem Netzwerk der historischen Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa. Er fördert die interdisziplinäre wissenschaftliche Forschung, Information und Bildung auf dem Gebiet der Geschichte der Kulturlandschaft sowie der Kulturlandschaftspflege..

Dazu gehört auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, Am 17. und 18.6.2022 soll ein ARKUM-Nachwuchsworkshop in BambergStudierende aller relevanten Fachrichtungen eine Gelegenheit für fachlichen aaustausch und Venertzung bieten.

Näheree Informationen unter:

Sonntag, 16. Januar 2022

Als es zwei Grad kälter wurde

Ein Radiofeature des BR:

  • https://www.br.de/mediathek/podcast/radiofeature/als-es-zwei-grad-kaelter-wurde-was-die-kleine-eiszeit-ueber-den-klimawandel-heute-verraet/1846526


mit guten Gegenwartsbezügen

Freitag, 14. Januar 2022

Wissenschafts- und Publikationsfreiheit für Ausgräber*innen aus der kommerziellen Archäologie

In den Richtlinien des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe hießes , in konsequenter Fortführung früherer Praxis noch im  Mai 2021: "Bei allen auf vorliegender Genehmigung nach § 13 DSchG NRW beruhenden Ausgrabungen ... sind alle sich hieran anschließenden Veröffentlichungen des Genehmigungsinhabers (sei es in Wort, Bild oder Schrift, in gedruckter Form oder elektronisch) zuvor mit der LWL-AfW einvernehmlich abzustimmen; das Urheberrecht bleibt davon unberührt." 
Da damit alle nicht-amtlichen Archäologen unter eine Vormundschaft der Amtsarchäologie gestellt wurden, übten die DGUF und Ihre Mitglieder auf eine Depublikation dieser Richtlinien und ihre Überarbeitung hin.
Am 13.1.2022 erschien eine Neufassung der Richtlinien, die diese mehr als fragwürdige Praxis in Westfalen-Lippe nun beendet. Ähnliche Ansprüche der Ämter sind anderswo anscheinand aber durchaus noch anzutreffen, wenn auch nicht immer schriftlich fixiert.
 
Offen bleibt natürlich die Frage, wie Grabungsergebnisse aus der kommerziellen Archäologie zuverlässig der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dass die Richtlinien für das Amt ein "Recht zur Nutzung für sämtliche analoge und digitale Daten der Maßnahme, soweit dies zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben erforderlich ist" vorsehen erscheint angemessen und verhältnismäßig. Wie aber kann sichergestellt werden, dass darüber hinaus die Daten der Wissenschaft und auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Dass sie dies letztlich müssen, steht m.E. außer Frage, denn die Sinnhaftigkeit und Rechtfertigung einer Notgrabungsmaßnahme und deren Finanzierung mit Steuermitteln oder aus dem Verursacherprinzip heruaus ergibt sich ja daraus, dass der originale Befund für die Gesellschaft nicht verloren ist, die Grabungsdaten (wie auch die Funde) also nicht irgendwo, kaum auffindbar und nicht nachhaltig gesichert im Privatbesitz dümpeln.
 
Wie man das in Zukunft erreichen kann, ist freilich eine offene Frage. M.E. müssten die Grabungsrohdaten in einem Repositorium lizensiert bereit stehen, eventuell mit gestaffelten Rechten zur Wahrung möglicher anderer Schutzrechte und -interessen, vielleicht auch mit einer mehrjährigen Wartefrist, die den Ausgräbern eine Chance einräumt, selbst eine weitergehende Auswertung vorzunehmen. 
Das aber ist nichts, was in Amtsrichtlinien geregelt werden kann, sondern etwas, das eine gesetzliche Regelung im Denkmalschutzgesetz erfordert - und eine übersichtliche Dateninfrastruktur.
 
Deshalb ist es wichtig, hier auf eine für Juni geplante Gemeinsame Tagung von DGUF & NFDI4Objects in Frankfurt hinzuweisen, die sich eben dieser Thematik annehmen möchte.
Problematisch ist hier übrigens auch, dass die Kosten für Auswertungen nirgendwo im normalen denkmalpflegerischen Ablauf von Notgrabungen angemessen mit berücksichtigt werden. Die Auswertung ist nicht Teil der Kosten, für die der Verursacher aufzukommen hat. Auswertungen werden daher gerne als Abschlußarbeiten an die Universitäten delegiert, was  definitiv keine Lösung sein kann Abgesehen davon, dass natürlich an der Universität ein Interesse daran besteht, dass Studierende praktische Erfahrungen in der Grabungsauswertung sammeln können, sind es einfach zu wenige Studierende um die neu anfallenden (und schon vorliegenden) Daten abzuarbeiten. Letztlich werden die Studierenden hier auch nur als günstige Arbeitskräfte gesehen. Die Auswertung und Interpretation von Grabungen ist jedoch auch eine der anspruchsvollste Arbeiten in der Archäologie, die hier strukturell immer in den Händen von Anfänger*innen bleibt. Viele meistern das, aber viele Abschlussarbeiten (v.a. BA und MA-Niveau) sind eben auch nicht so ohne weiteres publizierbar.

Man wird differenzieren müssen zwischen einer (digital zugänglichen) Materialvorlage, die Teil der Grabung und der Verursacherfinanzierung sein muss und einer tieferen wissenschaftlichen Auswertung, die fragestellungsorientiert die Datenrepositorien und Grabungsfunde (und -proben) einer Detailuntersuchung zuführt und auswertet.  Letztlich wäre das nicht unähnlich der seit langem bestehenden Kooperation/Aufgabenteilung von Archivar*innen und Historiker*innen.

Freitag, 7. Januar 2022

BILD regt sich zu Recht - aber doch etwas unehrlich - über die Raubgräber von Rodenbach auf

Sonst ist BILD jedoch nicht so sensibel und schürt Empörung ob verurteilter Raubgräber.  Gut 10 Jahre ist nun BILDs Jagd nach einem Maya-Schatz her, bei der in kolonialer Manier und auf parawissenschaftlicher Grundlage eine BILD-Expedition nach Guatemala zog - und in Konflikt mit den Altertumsbehörden geriet.

Aktuell ist aber hervorzuheben, dass BILD auch den Schaden darstellt: 

"Historische Funde aus der Bronzezeit sind laut Dr. Elisabeth Faulstich-Schilling in Hessen sehr selten: „Woran das liegt, wollte ich u.a. durch diese Funde herausfinden. Doch wenn Funde weg sind, ist die Arbeit zerstört, das Kulturgut nicht wiederherzustellen.“  "

Solche nicht mehr beantwortbare Fragen  - und das ist hier ja sicher nur eine von vielen - sollten sehr viel öfters kommuniziert werden.

 
(Foto: R. Schreg, 2013)



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