Sonntag, 22. September 2019

Archäologie und die Zukunft der Demokratie: Das EAA Statement von Bern

Die European Association of Archaeologists (EAA) hat bei ihrem Annual Meeting Anfang September 2019 in Bern ein Statement zur "Archaeology and the Future of Democracy" verabschiedet. Knapp zusammengefasst wird hier festgestellt:

Archäologie befasst sich mit den materiellen Hinterlassenschaften der Vergangenheit. Die Narrative und Rekonstruktionen, die sich daraus ergeben spiegeln jedoch die sozialen und politischen Strukturen der Gegenwart. Unausweichlich muß sich die Archäologie in ihren Interpretationen daher auch kritisch mit den aktuellen und zu erwartenden sozialen und politischen Rahmenbedingungen auseinander setzen und insofern auch politisch engagiert sein. Archäologie bringt hier insbesondere eine Langzeitperspektive ein und kann grundlegende Erfahrungen für eine Abschätzung künftiger Entwicklungen liefern. Sie kann zu vielen aktuellen Themen wichtiges Orientierungswissen liefern, etwa zu Flucht, Migration, Konflikt, De-Industrialisation, Globalisierung oder auch Digitalisierung.

Die EAA hält es daher auch für ihre Pflicht, sich und ihre Expertise in politische Diskussionen einzubringen. Dies erfordert uneingeschränkte Wissenschaftsfreiheit und institutionelle Unabhängigkeit und eine demokratische Gesellschaft mit den Prinzipien von Gleichberechtigung und Pluralität.

Der genaue (englische) Text der EAA-Erklärung findet sich als pdf unter:

Ein klein wenig ausführlicher ist die Artikelfassung in der EAA-Zeitschrift 'The European Archaeologist":  

Der Text der EAA macht zwar deutlich, dass die Situation in Ungarn ein wesentlicher Anlass für die Resolution darstellt, spricht aber leider Ungarn nicht konkret an. Die m. E. nötigen klaren Worte fehlen daher. Entscheidend wird sein, bei der Tagung der EAA 2020 in Budapest sich von politischer Vereinnahmung und staatlich geförderten Parawissenschaften zu distanzieren.

Interne Links

Sonntag, 8. September 2019

Kulturgüter in Syrien und Irak (Juli/ August 2019)

    Zerstörer von Mosul gefasst

    Bislang ist es nur eine Nachricht auf Twitter, wonach die Polizei von Mosul den Terroristen gefasst hat, der 2015 in einem IS/Daesh-Video archäologische Statuen zerschlagen hat. Quelle ist 'TomtheBassetCat', der regelmäßig und intensiv aus dem syrisch-irakischen Kriegsgebiet berichtet und am 27.8. den besagten tweet eingestellt hat.



    vergl.


    Rechtlich sind mit dem Präzedenzfall aus Mali die Grundlagen für eine internationale Strafverfolgung gelegt: 

    Das Wiedererstarken des Daesh


    Aktuell verweist die UN darauf, dass Daesh ein Vermögen von geschätzt 300 Millionen $ zur Verfügung habe und nach wie vor über Finanzquellen verfüge - unter anderem durch den Verkauf von archäologischen Funden.
    Sehenswert sind zwei Dokumentationen auf ARTE, die mit Archäologie zwar nichts zu tun haben, aber die bedenklichen Entwicklungen zeigen, die kaum geeignet sind, auf Dauer friedliche Lebensbedingungen zu schaffen:


    Raubgrabungen und Antikenhehlerei

    Unabhängig davon, dass die Berichte auch der Rehabilitierung des syrischen Regimes als Kulturnation dienen, zeigen sie doch, dass der internationale Antikenmarkt in erheblichem Maße mit Raubgrabungsfunden aus der Krisenregion beliefert wurde und wohl auch noch wird.

    Ein arabischer Artikel in HashtagSyria gibt  einen Überblick über das Ausmaß der gestohlenen Museumsbestände und eine grobe Abschätzung der Zerstörungen. Dabei gehen diese Schätzungen auf die Expertise der syrischen Altertumsbehörde zurück, die sich in den vergangenen Jahren trotz des Krieges sehr darum bemüht hat, mit lokalen Kräften wichtige Fundstellen im Auge zu behalten und Schäden zu dokumentieren. Der Beitrag zitiert den aktuellen Generaldirektor der DGAM Mahmoud Hammoud und seinen Vorgänger Mahmoud Abdelkarim (bis Oktober 2017):
    Demnach lässt sich als Momentaufnahme die folgende Zusammenstellung geben, die sich jedoch nur auf die inventarisierten Objekte bezieht, nicht auf die riesigen Depotbestände, die noch nicht aufgearbeitet waren und eben auch nicht die wohl weit größere Zahl, der direkt auf den Fundstellen in Raubgrabungen geplünderten Funde:
    Bezirk Idlib: 16.000 Objekte 
    Bezirk Raqqa: 6.000 Objekte
    Museum Bosra: 700 Objekte
    Bezirk Homs: ca 400-500 Objekte
    Das sind vorläufige Zahlen, die bei weitem nicht ganz Syrien abdecken und, wie gesagt, die Raubgrabungen und Funddepots nicht mit einschließen. Mahmoud Abdelkarim schätzt, dass es dreißig bis vierzig Jahre dauere, die Schäden einigermaßen richtig zu bemessen. HashtagSyria zitiert Mahmoud Hammoud: "Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich für mindestens eine Million Artefakte verantwortlich bin, die aus unseren nationalen Museen gestohlen wurden und in den Westen gingen" (Google-Übersetzung).

    Rund 25.000 Artefakte seien von der syrischen Armee nach der Rückeroberung der Territorien des IS und der Oppositionin den Bezirken Damaskus, Palmyra, Apameia, Daraa, Mary und Euphrat sicher gestellt worden. Als großes  Problem sehen Hamoud und Abdelkarim nicht zuletzt den Schmuggel ins Ausland, da die Grenzen dafür offen gewesen wären, über die Türkei, den Libanon, Jordanien und auch in die israelisch besetzten Gebiete. Abdelkarim regt an, in Syrien ein eigene Behörde mit Juristen einzurichten, um die Funde aus dem Ausland zurück zu fordern und eng mit Interpol zusammen zu arbeiten. 
    Der Artikel thematisiert dabei breit die früheren Plünderungen syrischer Altertümer während der osmanischen Zeit und der Zeit des französischen Mandats nach dem Ersten Weltkrieg, was deutlich macht, wie der europäische Kolonialismus bis heute nachwirkt (vergl. Die Zerstörung des alten Palmyra - 1929. Archaeologik [28.12.2015]).

    Ein weiteres wichtiges Thema des Artikels sind die laufenden Restaurierungen, die improvisiert und weitgehend ohne fachkundliche Anleitung und Expertisen durchgeführt werden.
    Wichtig für die Schätzung des Volumens der geplünderten Artefakte sind auch die Überlegungen, die ein amerikanisches Team jüngst publiziert hat:
    Auf der Basis des Fundvolumens jüngerer Ausgrabungen und der aktuellen Preise aus dem Handel errechneten sie am Beispiel von zwei Ausgrabungen den theoretischen finanziellen Wert der Funde. Im Falle von Dura Europos beläuft sich die Schätzung auf 18 Millionen US$, in Tell Bi’a, das nur zu etwa 10% ergraben ist auf 4 Millionen Dollar.  50% der Summen stammen demnach von kleinen Objekten unter 7 cm.

    Diese Beobachtungen zeigen nochmals, wie unsinnig das Argument des Kunsthandels ist, es gäbe "kein Angebot an hochwertigen Objekten", denn den Schaden richtet die Massenware an. Außerdem wird es noch dauern, bis die Raubgrabungsobjekte aus Syrien in den Markt eingeschleußt sind. -Vergl.  https://archaeologik.blogspot.com/2019/08/der-abschlussbericht-von-illicid-und.html

    Als Nachtrag ein Bericht vom Juni
    Syria: “Stones Smuggling”, SIRAJ (15.6.2019). - https://sirajsy.net/en/header/syria-stones-smuggling/

    Rückgabe von Artefakten

    Sicherstellung von Antiken in der Provinz Homs, die wohl auf eine Exportgelegenheit warteten:
      Angeblich mit amtlicher Bewilligung aus Aleppo haben pro-Iranische Milizen östlich von Aleppo Grabungen durchgeführt:

      Aktuelle Meldungen und Berichte

      Immer nnoch keine neuen Aktivitäten bei http://www.asor.org/chi/reports/weekly-monthly
       

      Weitere Zerstörungen durch Militärs und Milizen

      Die kriegsbedingten Zerstörungen, die die erste Phase des Bürgerkrieges in Syrien bestimmt haben, sind durch die Berichte über Plünderungen und Zerstörungen etwa durch Daesh etwas überlagert worden. Welche Schäden an Kulturdenkmalen die andauernden Luftangriffe im Nordwesten Syriens mit sich bringen, bleibt unklar.
      Militärs und Milizen treten eher als Akteure von Raubgrabungen und ggf. gezielten Kulturgutzerstörungen in Erscheinung.
      So gibt es Berichte, die die Iranischen Revolutionsgarden in Syrien der Plünderung und Zerstörung in Aleppo und Palmyra bezichtigen - sicher auch eine Gegenerzählung zur oben genannten Selbststilisierung der syrischen Regierungsseite als Kulturretter.

      Auch die Beurteilung der Vorwürfe an die türkischen Besatzer in Efrin hat dies zu berücksichtigen:
      Bilder auf facebook sollen diese Zerstörungen auch zeigen:
      Ein Bericht der Altertumsbehörde aus Afrin vom Juni 2019:
       

        Mosul

        3D-Replikat einer Löwenskulptur, die im Museum Mosul durch zerstört wurde:
        ein Rückblick auf die Zerstörungen:

        Apameia

        In Apameia wurde durch Mitarbeiter der Denkmalpflege in Hama eine Metallkiste geborgen, in der vor der Besetzung von Apameia durch "Bewaffnete Banden" Hunderte von Artefakten (Schmuck, Statuen, Keramik und Glas aus verschiedenen historischen Epochen) versteckt worden waren.
         Ein Bericht zur aktuellen Situation am Ort:


        Damaskus

        Die UNESCO überlegt die Altstadt von Damaskus von der Liste des gefährdeten Kulturerbes zu nehmen.

        Aleppo


        Ein Bericht zur Restaurierung der Omayaden-Moschee mit zahlreichen Bildern:

        Aleppo, Omaijaden-Moschee vor der Zerstörung, 2008
        (Foto: Martijn Munneke [CC BY 2.0] via Wikimedia Commons)
        Laut einer Meldung von  Urdu Point wurde der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Al Saktyya Markt in Aleppo vollständig restauriert. Offenbar waren russische Organisationen involviert. Die Eröffnung verzögert sich noch.
        Die Rolle der Social Media für das Bewusstsein des Kulturguts:

        Palmyra

        Russland bestärkt das Interesse an einer Beteiligung bei der Restaurierung:

        Mar Bishu, Khabour (Northern Syria)


        Ein Video aus der Provinz Hasake in Nordsyrien zeigt den Zutsnad der assyrisch-christlichen Dorfkirche (wohl ein moderner Bau), die durch Daesh 2015 zerstört worden war.

        Raqqa

        In Raqqa wurde von der Altertumsbehörde mit der Restaurierung der kriegsbeschädigten Stadtmauer begonnen. Dabei wird auch ein benachbarter Park saniert.

        Al-Sheuok Tahtani

        Die lokale Antiquities in Culture Authority  in der Al-Jazira Provinz in Nordsyrien bereitet die restaurierung der Mosaiken von Al-Sheuok Tahtani vor. Während der Besetzung durch Daesh kam es zu Plünderungen und Planierungen.

          Irak, außerhalb des Krisengebietes:


          Sonstige Berichte


            Links

            frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak:

            Wie immer geht mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise. Die Übersetzungen arabischer Texte gehen meist auf Google Translator zurück und sind daher bisweilen Fehler-anfällig.

             

              Dienstag, 3. September 2019

              Der Propaganda-Charakter des Instituts für Ungarische Studien (Magyarságkutató Intézet)

              Mit der de-facto-Zerschlagung der Akademie der Wissenschaften wurde das zum 1. Januar 2019 gegründete Institut für Ungarische Studien (Magyarságkutató Intézet) Teil des Eötvös Loránd Forschungsnetzwerks (vgl. Archaeologik [12.7.2019]) und tritt hier neben das bisherige Archäologische Institut der Akademie. Das neue Institut ist eine staatliche Einrichtung, deren Gründung im Oktober 2018 im Staatsanzeiger angekündigt wurde (http://www.kozlonyok.hu/nkonline/MKPDF/hiteles/MK18172.pdf, S. 2-4). Es steht unter direkter politischer Kontrolle.

              Das Institut befindet sich noch im Aufbau, so dass erst allmählich Einzelheiten zu dem neuen Institut bekannt werden. Dabei ergeben sich bisweilen offenbar noch strukturelle Veränderungen und auch das Personal wird erst noch angeworben. Neben den Informationen der Instituts-Homepage gibt vor allem ein internes Papier, das durch einen Pressebericht an die Öffentlichkeit gelangt ist, Einblicke in die Hintergründe des neuen Instituts.

              Als Introbild fungiert ein monumentales Historiengemälde von Árpád Feszty, das 1895 zum 1000jährigen Jubiläum der ungarischen Landnahme gemalt wurde (vergl. https://en.wikipedia.org/wiki/Arrival_of_the_Hungarians?wprov=sfla1/ https://de.wikipedia.org/wiki/Feszty-Panorama).
              Das Titelbild des neuen Instituts: Auschnitt aus dem Feszty-Panorama "Ankunft der Ungarn"
              (Árpád Feszty [PD] via WikimediaCommons)


              Über Ausrichtung und Ziele des neuen Instituts heißt es auf der Website (https://mki.gov.hu/hu/magyarsagkutato-intezet ):
              “Das Hauptziel des Ungarischen Forschungsinstituts ist es, den hohen wissenschaftlichen Kenntnisstand in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen so weit wie möglich zusammenzuführen, zu bewerten und zu kommentieren.

              Die Aufgabe der Organisation ist es, Forschungen durchzuführen, um die Vergangenheit, Sprache und Herkunft der Ungarn aufzudecken, was bisher nicht möglich war. Das von der Regierung und dem Ministerium für Humanressourcen verwaltete Institut nahm am 1. Januar 2019 seinen Betrieb auf.

              Das Institut plant, einen großen Teil seiner Forschungsergebnisse online zu veröffentlichen, veröffentlicht aber auch gedruckte Veröffentlichungen und wird sich auch mit Konferenzen und Veranstaltungen befassen.“

              Das Institut hat folgende Aufgaben (laut https://mki.gov.hu/hu/magyarsagkutato-intezet):
              1. ungarische Geschichte vor der Eroberung, interdisziplinäre Erforschung der Geschichte der Ungarn,
              2. Erforschung der Steppenvölker des 5. bis 9. Jahrhunderts
              3. interdisziplinäre Erforschung der Eroberung und des ungarischen Mittelalters,
              4. Osteuropa im 8.-10. Jahrhundert, historisch-geographische Landschaftsrekonstruktion,
              5. Ungarische und ausländische, mündliche und schriftliche Quellen zur Geschichte der Ungarn
              6. Religionsgeschichte
              7. Volkskunde und Volksmusikforschung,
              8. allgemeine und berufliche Bildung, Beteiligung an der Entwicklung des Kulturtourismus, des Religions- und Pilgertourismus,
              9. Englische und ungarische Zeitschriften,
              10. archäogenetische Forschung
              11. Die Stellung der frühen ungarischen Geschichte für die ungarische Identität im 21. Jahrhundert
              12. Koordination und Kontrolle der Entwicklung einer mittelfristigen Strategie für die ungarische Sprache,
              13. Untersuchung der inneren Struktur, der Besonderheiten, der Funktionsweise der ungarischen Sprache, ihrer Verbindung mit der ungarischen Kultur als Ganzes und Anwendung ihrer Ergebnisse in der öffentlichen Bildung,
              14. Durchführung von Forschungen zur Sprachgeschichte, Förderung der Entwicklung von Sprachspeichern,
              15. die bewusste Entwicklung verschiedener Sprachen und Terminologien im Bereich der Sprach- und Sprachforschung, die vergleichende Erforschung der ungarischen Terminologie über die Grenzen und im Mutterland hinaus, die Zusammenstellung vergleichender Terminologiewörterbücher zu koordinieren,
              16. Erstellung von Gutachten zu sprachpolitischen Themen für die öffentliche Verwaltung und die öffentlichen Medien,
              17. Teilnahme an der Entwicklung des Lehrbuchprogramms für Ungarisch, Ausarbeitung der sprachlichen Grundlagen, insbesondere Harmonisierung der Entwicklung der fachlichen Grundlagen der Grundschul-Grammatikbücher zur Entwicklung kindgerechter, muttersprachlicher Fähigkeiten in der gesamten ungarischen Kultur;
              18. Untersuchung der Situation der ungarischen Diaspora, der ungarischen Dialekte, der Sprachen, der grenzüberschreitenden Sprachfassungen, der Minderheitensprachen,
              19. Ausarbeitung von Richtlinien für die Regierung für die Behinderung der ungarischen Sprache,
              20. fachliche und internationale Diskussionsrunden, Sommerkurse und - insbesondere für grenzüberschreitende Ungarn - die Organisation von Sommeruniversitäten, die gemeinsame Organisation von sprachlichen Kulturtagen im für die jeweilige Aufgabe erforderlichen Kreis in Zusammenarbeit mit den zuständigen Einrichtungen, Organisationen und Hochschuleinrichtungen in Ungarn und den Karpaten,
              21. Organisation von Forschungsarbeiten zum Überleben der ungarischen Sprache im digitalen Netzwerkraum,
              22. Studien-, Förderungs- und Entwicklungsprogramme für Übersetzungs-, Mehrsprachigkeits- und damit verbundene Lokalisierungsaktivitäten
              23. Ermutigung zum Sprachenlernen,
              24. 1 bis 23 die Aufrechterhaltung des Vermächtnisses der herausragenden Wissenschaftler, die die Aufgaben nach den Punkten 1 bis 4 permanent mitgestalten, die Digitalisierung der Forschungsmaterialien,
              25. die historische Darstellung des Ausdrucks der ungarischen Identität und des Patriotismus aus den früheren Jahrhunderten der ungarischen Geschichte,
              26. Unterstützung für traditionelle Veranstaltungen, Konferenzen, Veranstaltungen, Werke, Medien und
              27. andere von der Regierung in ihrer normativen Entscheidung festgelegte Aufgaben, die in ihren Tätigkeitsbereich fallen.“ 

              Keine freie Forschung, sondern politische Agenda

              An diesem Programm fällt auf, dass hier eine Mixtur von vermeintlichen Forschungsthemen, Aufgaben der Tourismusförderung und ideologisch-politischer Erziehung vorliegt. Dabei zeigt der letzte Punkt 27, dass sich das Institut als Erfüllungsgehilfe der Regierung sieht und nicht für eine freie Forschung steht. 

              Das ganze Repertoire der Fragestellungen kommt mit seinen Vorstellungen von Nationen und der engen Verbindung von Anthropologie, Sprache, Volkssitten und Archäologie, direkt aus dem 19. Jahrhundert. Themen der Sozial- und Umweltgeschichte beispielsweise kommen nicht vor. 
              Mit der Genetik werden zwar moderne Methoden einbezogen, die Formulierung der Aufgaben der archäogenetischen Abteilung zielt indes auf eine genetische Klassifikation der Bevölkerungen in Ungarn (Übersetzung by GoogleTranslator):
              Die Hauptaufgabe des Archäogenetischen Forschungszentrums besteht darin, den Prozess der Ethnogenese der Ungarn durch interdisziplinäre Forschung zu erforschen. zu untersuchen, welche Bevölkerungsgruppen und inwieweit sie an der Entwicklung des genetischen Bildes der heutigen Ungarn beteiligt waren; um anzuzeigen, zu welchen Populationen genetische Verwandte gehören, die im Karpatenbecken leben und leben. (http://translate.google.com/translate?hl=de&sl=auto&tl=de&u=https%3A%2F%2Fmki.gov.hu%2Fhu%2Fkutatas%2Farcheogenetikai-kutatokozpont)
              Diese Vorstellung, genetisch Ethnien differenzieren zu können, erinnert bedenklich an die Anthropologie der NS-Zeit. Archäogenetik ist heute ein seriöser und viel versprechender Zweig der Altertumsforschung, doch gehört es zu den wichtigen Erkenntnissen, dass sich Populationen und Nationen genetisch nicht gegeneinander abgrenzen lassen (vergl. J. Krause, Die Reise unserer Gene [Berlin 2019], 238ff.).

              Gezielt werden die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern mit einbezogen, denen Ungarn 2014 die Wahlberechtigung gegeben hat. Sie spielen für große Teile der ungarischen Bevölkerung eine wichtige Rolle, da nach wie vor familiäre und emotionale Beziehungen bestehen. Das Institut ist hier aber weniger um eine wissenschaftlich-historische Perspektive bemüht, die für ein schlüssiges Bild ungarischer Geschichte natürlich diese Regionen berücksichtigen muss, sondern es agiert hier populistisch emotional manipulierend: Ein Video zeigt einen zehnjährigen ungarisch-stämmigen Jungen aus der Ukraine, der ein patriotisches Gedicht vorträgt:
              Teil der Aktivitäten sind auch Vorträge für die ungarische Minderheit etwa in Rumänien, bei denen deren nationale Identität beschworen wird.
              Exemplarisch für die große Nähe zur Politik und eine populistische Agenda ist auch das Video mit János Horváth (s. engl. wikipedia).

              .
              Der Gesamteindruck der Internetseite des Instituts ist somit weniger wissenschaftlich als propagandistisch.


              Institutsstruktur

              Das Institut soll 101 Mitarbeiter und einen Jahresetat von 1,77 Mrd. HUF (ca. 4,3 Mio €) haben, wegen “zusätzlicher Bedürfnisse” offenbar deutlich mehr als zuvor veranschlagt wurde. Es gliedert sich in 11 Abteilungen, doch sind derzeit auf der Homepage nur acht benannt, anderswo werden 10 genannt.

              Generaldirektor des Instituts ist Gábor Horváth-Lugossy, ein Anwalt, der in den Medien als “guter Fidesz-Cader” bezeichnet wird (444.hu [4.1.2019] ), sein Stellvertreter Dr. László Vizi PhD. Aufgabe des Generaldirektors ist es, “das Institut auf komplexe Weise" zu leiten.

              Prof. Dr. Miklós Kásler wird in einem Zeitungsartikel als Direktor innerhalb des Instituts genannt (https://hvg.hu/itthon/20190625_kasler_magyarsagkutato_intezet_emmi_attila_emlekmu), was sich anhand der Internetseiten nicht verifizieren lässt. Demnach wäre „das wissenschaftliche Management einer großen Anzahl von hochqualifizierten Forschern“ die Aufgabe von Kásler und Vizi. Als zuständiger Minister für Humanressourcen hätte Kásler demnach aufgrund der Empfehlung eines Beirats seinen Chef, den Generaldirektor ernannt. So oder so erweist sich Kásler jedoch als eine zentrale Person. Kásler ist Krebsforscher und Hobby-Historiker, "der das ungarische wissenschaftliche öffentliche Leben versteht" und "sich der wissenschaftlichen Selbsterkennung und Anerkennung erfreut" (so Google-Übersetzer)

              Kásler absolvierte eine akademische Karriere an verschiedenen ungarischen Universitäten


              Archäologische Forschung

              Eine der Abteilungen soll das Archäologische Forschungszentrum sein. Sein Leiter ist Miklós Makoldi (https://mki.gov.hu/hu/kutatas/regeszeti-kutatokozpont ; https://mki.gov.hu/hu/esemeny/makoldi-miklos-eloadasa ).

              Das Förderprogramm des Nationalen Amtes für Forschung, Entwicklung und Innovation (NKFI-Büro) sieht im Exzellenzprogramm für 2019 (https://nkfih.gov.hu/hivatalrol/hivatal-hirei/temateruleti-kivalosagi-program-2019) in der Förderlinien ‘Kultur und Familie’ folgende archäologischen Projekte vor:
              • Die späte Avar-Reform und ihre Folgen
              • Erforschung der Herkunft der Ungarn durch archäogenetische Untersuchung der historischen Populationen des Karpatenbeckens.
              • Molekulare anthropologische Forschung auf dem Gebiet der ungarischen Ethnogenese


              Das bislang bekannte Forschungsprogramm ist also noch wenig konkret. In einem, auf facebook dokumentierten Fall, wurde jedoch versucht, aufbauend auf einer neuen, noch unpublizierten Dissertation und darauf aufbauende Forschungspläne gegen die ausdrückliche Ablehnung der betreffenden Nachwuchswissenschaftlerin ein Projekt am neuen Institut zu etablieren. Es geht dabei um langjährige Forschungsarbeiten des Archäologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, mit denen dies nicht abgestimmt wurde. 

              Archäologische Forschung findet letztlich auch in der Abteilung des Archäogenetischen Forschungszentrums statt, dessen Mission es ist, “neue Daten zur Entwicklung eines einheitlichen historischen Bildes der Herkunft der Ungarn beizutragen. Zu diesem Zweck konzentriert er seine Forschung auf die genetische Untersuchung der historischen Populationen des Karpatenbeckens und auf die Entdeckung ihrer genetischen Beziehung zu den Populationen, die einst lebten und heute leben.”  (https://mki.gov.hu/hu/kutatas/archeogenetikai-kutatokozpont ).

              Die archäogenetische Abteilung verfolgt frühere Projekte von Kásler, dessen Forschungen von seinem Minister-Kollegen László Palkovics damit mehrere Millionen Forint zugewiesen, was in den Medien sehr kritisch berichtet wurde.

              Auf die Bedeutung der ‘turanischen Theorie’ für rechtskonservative Kreise, die vorwissenschaftliche mittelalterliche Spekulationen über die Namensähnlichkeit Ungarn - Hunnen folgend, eine Ableitung der Ungarn von den Hunnen sucht, wurde in anderen Posts schon hingewiesen (Archaeologik [24.5.2012]; Archaeologik [30.5.2018]; Archaeologik [12.7.2019]). Hier wird bewusst polarisiert, denn der Wissenschaft auch in der kritisierten Akademie ist schon lange klar, dass Sprache und ‘Abstammung’ zwei unterschiedliche Kategorien sind. Längst geht die Forschungsproblematik nicht mehr um ein Entweder-Oder einer finno-ugrischen oder turanischen Herkunft der Ungarn und um ein blindes Folgen sprachwissenschaftlicher Theorien, sondern um eine sehr viel weiter gefasste Untersuchung kultureller Beziehungen in den Osten, die eben tatsächlich am ehesten auf den Raum zwischen Ural und Karpathen weisen (vergl. Archaeologik [19.12.2013]). Ausgangspunkt sind hier archäologische Funde und nicht vorwissenschaftliche Theorien und überinterpretierte genetische Daten.  
              Auf die Seite der Akademie-Kritiker stellt sich auch die bei der Akademie beschäftigte Archäologin Gabriella Lezsák. Sie sieht die finno-ugrische These als ein Dogma, das im Kommunismus verankert war (obgleich sie viel älter ist) und greift für ihre Forschungen auf eben die mittelalterliche, nicht auf Wissenschaft basierende These einer turanischen Beziehung zurück. Sie sieht dies als Ausdruck freier Forschung, die nun dank großzügiger staatlicher Forschung nun mit modernen Methoden voran schreiten könne.
              Dies sind die Positionen, die normalerweise von Seiten der Akademie-Kritiker stammen und die etwa auch M. Kásler vertritt. Gabriella Lezsák ist verwandt mit dem Politiker Sándor Lezsák (vgl. wikipedia), der bei den Kurultaj - 3rd World Nomad Games 2014 in seiner Funktion als Parlamentssprecher die “common roots, which binds our peoples together, and on which the new, independent Hungarian policies are based” in einer Rede betont hatte (vgl. Archaeologik [12.7.2019]).
              Hier ist es Populisten offensichtlich gelungen, parawissenschaftliche Thesen in der Öffentlichkeit zu platzieren und mit allerhand Verschwörungstheorien gegen die etablierte Wissenschaft zu hetzen. Politisch entspricht dies der Linie der Fidesz-Regierung, die enge Kontakte zu Nachfolgestaaten der UdSSR und zur Türkei sucht.
              Die wissenschaftliche Diskussion über die Beziehungen der Ungarn in den Osten ist durchaus ein interessantes Feld und muss offen geführt werden. Bedenklich ist, dass die Kritik an der bisherigen Überlegungen der Forschung leicht verschwörungstheoretische Züge annimmt und mit der politischen Agenda der Orbán-Regierung personell sehr eng verwoben scheint.


              Ein normatives Narrativ und eine ideologisch-politische Agenda

              Hinter dem Programm des neuen Instituts steht ein normatives Narrativ, das aus der Vergangenheit identitätsstiftende Werte ableiten möchte. Das wird nicht nur im eingangs zitierten Programm deutlich, sondern beispielsweise auch an Äußerungen von Miklós Kásler. In einem Interview erklärte er, dass Wissenschaft ein Dienst an Gott sei. Der heutige Mensch sei vom Weg abgekommen und habe seine Werte verloren. Alte klassische Werte seien über Jahrhunderte verunreinigt worden (https://en.wikipedia.org/wiki/Mikl%C3%B3s_K%C3%A1sler). Offenbar vertritt er eine normative Bedeutung der Vergangenheit, was wenig mit wissenschaftlichem Interesse zu tun hat.

              Archäologie und Kulturwissenschaften müssen politisch sein - im Sinne eines kritischen Narrativs.

              Ein wenig positives Signal ist hier auch die Besetzung des Leitungs-Postens des übergeordneten Loránd-Eötvös-Forschungsnetz (ELKH) mit dem Orientalisten und Altphilologen Miklós Maróth, der zuletzt Schlagzeilen mit rassistischen und hetzerischen Äußerungen gemacht hat.

              Millionen neue Ausgaben und ein Attila-Denkmal

              Ende Juni wurden in einem Presseartikel Informationen aus einem geheimen Papier des neuen Instituts veröffentlicht. In dem Papier wird, formuliert als Regierungsbeschluss ein „würdiges und eindrucksvolles Gebäude“ gefordert, da bisher nur eine provisorische Unterbringung besteht.

              Weiterhin sollen ein neues Ungarisches Heimatmuseum sowie ein “Hunnisch-Ungarisches Museum” gegründet werden. Für letzteres wird das Vajdahunyad-Schloss im Stadtpark vorgeschlagen, in dem bisher das Landwirtschaftsmuseum untergebracht ist. Davor soll eine monumentale Attila-Statue errichtet werden.



              Als repräsentatives Gebäude für das neue Institut gewünscht: das Vajdahunyad-Schloss
              (Foto: Paolo Villa [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)

              Diebstahl geistigen Eigentums?

              Ziel ist es laut des Papiers, mit einem Stipendienprogramm "zum Entstehen einer neuen wissenschaftlichen Generation beizutragen, die ihre eigene moderne wissenschaftliche Erzählung formuliert". Deutlich wird an ersten Fällen, in denen sich Betroffene via facebook - gerade aus der Archäologie - geäußert haben, dass mit dieser gezielten Nachwuchsförderung etablierte Akademie-Projekte bisherigen Forschern entzogen und Nachwuchswissenschaftlern übertragen werden.


              Herausforderung für die EAA

              Es geht bei diesem Beitrag nicht darum, das neue Institut vorzuverurteilen, aber die bislang bekannten Informationen werfen Fragen auf - nach Vetternwirtschaft und Korruption, über die Wissenschaftlichkeit des Instituts, aber auch zur Linie, die die archäologische Forschung ihm gegenüber einnehmen sollte. Ist es verantwortbar, mit diesem Institut wissenschaftlich zu kooperieren?

              Die European Association of Archaeologists plant, ihre jährliche Konferenz 2020 in Budapest abzuhalten. Dabei wird es darauf ankommen, sich von den neuen Strukturen in geeigneter Weise zu distanzieren. Bislang gibt es keine Stellungnahme der EAA zur politischen Einflussnahme auch auf die Archäologie. Während der Tagung in Budapest darf es indes nicht zu einer Legitimierung der neuen nicht- oder vielleicht parawissenschaftlichen Institutionen wie dem Institut für ungarische Studien kommen.

              Vielleicht aber kann die EAA, die derzeit in Bern tagt, zumindest eine Klarstellung erreichen.



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              Dank

              Ich danke meinen ungarischen Kolleginnen und Kollegen für Auskünfte und Übersetzungshilfen. Einige Texte wurden mit Hilfe von Google Translator übersetzt (was für das Ungarische nach wie vor problematisch ist!).

              Freitag, 30. August 2019

              Streik der Denkmalpfleger - der Abbruch des Pont des Trous in Tournai bringt das Fass zum Überlaufen

              Das mittelalterliche Stadttor  'Pont des Trous", das die Schelde überspannt, wird abgebrochen, um den Fluß für größere Kähne schiffbar zu machen. Proteste der Bevölkerung blieben erfolglos und die Denkmalpflege fühlt sich übergangen. Archaeologik hat 2014 über die Situation aus Anlaß einer Petition zum Erhalt des Tores berichtet:

              Nun ist der Abbruch vollzogen:

              Der Abbruch ist nun Anlaß, dass Mitarbeiter des Demkalamtes AWAP (l’agence wallonne du patrimoine) ihrem Minister mit Streik drohen. Sie haben ihm eine Liste von Forderungen zugestellt, die betitelt ist mit "Erbe ist keine Ware" und  "Die Ineffizienz der Agence-Mitarbeiter ist keine Faulheit". Ab September soll es in ganz Wallonien, vor allem aber an den Resten des Pont des Trous zu Protestaktionen kommen.
              Tournai, Pont des Trous 1892
              Der mittlere Durchlass wurde seitdem für größere Schiffe aufgeweitet, nun ist die Partie zwischen den flankierenden Türmen ganz abgebrochen.
              (Foto: unbekannter Fotograf 1892, gemeinfrei,
              via Wikimedia Commons)