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Freitag, 7. November 2025

Nürnberg global leider ohne Neuzeitarchäologie

Aktuell (bis 22.3.2026) ist im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eine sehr schöne Ausstellung zu sehen, die das Phänomen der Globalisierung aus Sicht einer der größten deutschen Reichsstädte schildert - und zeigt, dass Globalisierungstendenzen kein neues Phänomen sind. Das GNM kann dazu auf seine umfangreichen Sammlungsbestände zurück greifen. Zu sehen gibt es frühe Globen und Karten, Nürnberger Exportschlager wie Waffen und Kunstprodukte, bemerkenswerte Importe wie Emailarbeiten, Porzellan und Majolica, aber auch exotische Objekte wie Straußenei- und Kokosnusspokale oder ein Barrett aus Straußenfedern. 

Nürnberg GLOBAL Buch und Flyer

 B. Baumbauer/M.-T. Feist/S. Jakstat (Hrsg.)

Nürnberg GLOBAL. 1300-1600

ART-Books

(Berlin: Deutscher Kunstverlag 2025).


ISBN 9783985013821

408 S., 280 Abb., Broschur, 27 x 22 cm


und im Open Access: https://doi.org/10.11588/arthistoricum.1668

Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen (Baumbauer u.a. 2025), der die Objekte doppelseitig mit guten Fotos abbildet. Zusätzlich sind einige wissenschaftliche Essays enthalten, die Nürnbergs Globalisierung ausführlich darstellen. 

Der Blick der Ausstellung geht nach Süden über die Alpen nach Venedig, ins  Heilige Land, ins Osmanische Reich, nach Spanien und weiter in die Neue Welt und bis Indien. 

Die Ausstellungsobjekte stammen mehrheitlich aus dem bürgerlichen oder adligen Milieu der Reichsstadt. Leider fehlt die archäologische Perspektive, die diese überwiegend kunsthistorische Perspektive gerade in Nürnberg zu ergänzen vermag.

Nürnberg zählt in Bayern zu jenen Stäten, in denen sich schon früh, nicht zuletzt durch das GNM, eine Mittelalter- und Stadtarchäologie etablieren konnte. Damit ist es einerseits möglich, in Nürnberg das Ausmaß der Importe genauer zu bestimmen. Das scheint - wenn nicht der gute Forschungsstand uns da etwas vorpsiegelt - in Nürnberg weit überdurchschnittlich. In einer Bamberger Dissertation wurden 2019 die Fayencen des 16. bis 19. Jahrhunderts aus dem Nürnberger Stadtgebiet bearbeitet, nicht zuletzt  anhand von Funden, die im GNM aufbewahrt werden (Koppelmann 2019). Die Importe wurden vorab publiziert (Koppelmann 2017). Italienische Importe liegen vor allem aus dem Komplex „Lorenzer Platz 19“ vor, bleiben insgesamt aber Einzelstücke. Deutlich wird jedoch, wie die Anregungen aufgegriffen wurden und schließlich zur lokalen produktion von Fayence führten. Leider fehlt dieser archäologische Blick in der Ausstellung.

Ebenfalls werden die "Nürnberger Waren" -  Nadeln, Drähte, Stufte, Beschläge, Schüsseln, Kannen, Becher, Leuchter, aus Buntmetall - nur am Rande erwähnt. Dabei gibt es auch hier wichtige Einblicke in die globalen Vernetzungen Nürnbergs (Cassitti 2021). Schriftliche Quellen belegen, dass diese „Nürnberger Waren“ auch in Afrika südlich der Sahara gefragt waren. Ein Schiffswrack aus der Adria, die 1583 vor Gnadić gesunkene Gagliana grossa hatte Nürnberger Waren an Bord. Zu Ihrer Ladung zählen zahlreiche Buntmetallobjekte wie Leuchter, Fingerhüte, Schellen, Stecknadeln, Buchschließen, Dochtscheren, Messingdrähte, -bleche und -barren. Die geborgenen Messingbarren wiegen zusammen etwa 80 kg, die Zinnbarren hingegen 1000 kg – dabei ist zu beachten, dass das Wrack vor den archäologischen Grabungen von Raubgräbern heimgesucht wurde. Laut schriftlichen Quellen waren solche „Nürnberger Waren“ auch in Afrika südlich der Sahara gefragt. 

Das sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass es archäologische Quellen erlaubt hätten, hier noch vieles deutlicher  herauszuarbeiten.

Kurzurteil: Trotzdem sehenswert. 

 

Literaturhinweise 

  • Baumbauer u.a. 2025: B. Baumbauer/M.-T. Feist/S. Jakstat (Hrsg.), Nürnberg GLOBAL. 1300-1600. ART-Books (Berlin, Heidelberg 2025)  https://doi.org/10.11588/arthistoricum.1668
  • Cassitti 2021: P. Cassitti, Nürnberger Waren. Herstellung, Handel und Konsum europäischer Buntmetallprodukte in Mittelalter und früher Neuzeit. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters Beiheft 27 (Bonn 2021).
  • Koppelmann 2017: S. Koppelmann, Imitation und Inspiration. Ausgewählte Fayencen aus dem Nürnberger Stadtgebiet und die Frage ihrer Provenienz. Mitt. Dt. Ges. Arch. Mittelalter u. Neuzeit 30, 2017, 229–242 https://doi.org/10.11588/dgamn.2017.0.40269
  • Koppelmann 2018: S. Koppelmann, Fayencen des 16. bis 19. Jahrhunderts aus dem Nürnberger Stadtgebiet als Untersuchungsgegenstand der Archäologie (Diss. Bamberg 2019) https://fis.uni-bamberg.de/handle/uniba/46667.

Link

Der Blogpost ist parallel auf AMANZnotozblog erschienen: https://amanzblog.hypotheses.org/1355 

Sonntag, 21. September 2025

Welcher Idiot schreibt heute noch ein Germanen-Buch?


Karl Banghard



Die wahre Geschichte der Germanen 
(Berlin: Propyläen 2025)


ISBN 978-3549100905

 Taschenbuch, 272 Seiten, farbiger Bildteil

 


Karl Banghard wirft diese Frage ausgerechnet in seinem Germanen-Buch auf. Seine Begründung, warum er es dennoch tut, ist so aktuell wie einleuchtend. In einer Zeit, in der KI aus dubiosen Internetquellen jedem sein individuelles Geschichtsbild generiert und rechte Kreise ein rückwärtsgewandtes Geschichtsbild propagieren, braucht es ein Gegenbild.

„Ein überkommenes Bild kann nur mit einem Gegenbild aufgelöst werden, nicht mit einem Vakuum“ (S. 8).


Solch ein Unterfangen ist gewiss nicht idiotisch, sondern ganz dringend geboten.

Tatsächlich haben sich die Germanen wissenschaftlich in Luft aufgelöst. Ein Blick auf die Begriffsgeschichte zeigt, dass er von Anfang an ein politischer Kampfbegriff war.

Ein Kampfbegriff wurde er auch wieder im 19. Jahrhundert, in dem die Nationalidee um sich griff. Die mythische Vergangenheit sollte sich im „Volksgeist“ spiegeln und das Wesen der Nation ausmachen. Das war zunächst auch kein rechts-konservativer Gedanke, sondern war 1848 auch in der Paulskirche weit verbreitet.

Schließlich wurde auf die Germanen aber alles projiziert, was man sich im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für das nationale Eigenbild so wünschte: eine hierarchische Gesellschaft (erst mit Adel, dann mit Führer), schollentreue, reinrassige Bauern (Blut und Boden), starke athletische Krieger, blond und blauäugige Herrenmenschen mit dem Drang zur Eroberung neuen Lebensraums für die großen Standard-Musterfamilien.

Dieses altbackene und falsche Germanen-Bild prägt aber bis heute das Geschichtsbild der Mehrheit der Deutschen. Es ist in das kollektive Gedächtnis überführt worden und damit sehr schwer zu hinterfragen. Das ist auch für die Wissenschaft ein schwieriges Unterfangen. Wie geht man mit dem obsoleten Germanen-Begriff um? Im wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten:

  1. ihn verdammen und der Vergessenheit anheimfallen lassen, also einfach nicht mehr verwenden.
  2. ihn als etablierten und populären Begriff weiter benutzen, aber die Klischees nicht mehr bedienen
  3. ihn offensiv aufgreifen und dekonstruieren.

Idiotisch ist am ehesten die erste Möglichkeit, denn wenn die Wissenschaft ihn nicht gebraucht, so wird er doch weiter vom unbedarften deutschen Michel, vom Nationalisten und von der KI genutzt werden. Damit gerät der Begriff in eine Bestätigungsschlaufe und macht die Wissenschaft eher unglaubwürdig.

Die zweite Möglichkeit ist durchaus gängige Praxis. Dabei reicht das Spektrum von detaillierten und durchaus kritischen, wissenschaftlich wertvollen Synthesen (z.B. Steuer 2021) bis zu populärwissenschaftlichen Arbeiten, die meist auch die Problematik darstellen, aber letztlich den Germanenbegriff dann doch bestätigen (Künzl 2021).

Ein Beispiel dafür war die große Germanen-Ausstellung in Berlin. Zwar wurde hier der Germanen-Begriff in Ausstellung und Katalog (Wemhoff / Uelsberg 2020) durchaus kritisch diskutiert, aber es ist vermessen anzunehmen, dass dies beim Publikum auch tatsächlich ankommt. Sehr viel mehr Leute dürften die auffallenden Ausstellungsplakate und die Werbung gesehen haben und bestenfalls als Botschaft mitgenommen haben, dass sich die Wissenschaft nach wie vor mit Germanen befasst. Der Punkt hinter dem Ausstellungstitel „germanen.“ verstärkt diese affirmative Wirkung.

Bemerkenswerterweise ist als Kontrapunkt zur Ausstellung 2020 bei der Bundeszentrale für politische Bildung ein Bändchen erschienen, das gezielt Möglichkeit 3 verfolgt (Langebach 2020). Die Autoren dieses Bandes reden sehr viel mehr Klartext, da sie ihr Thema sehr viel grundsätzlicher angehen. Auch Karl Banghard hat hier bereits einen Beitrag zum Germanenbild der extremen Rechten nach 1945 beigesteuert (Banghard 2020), das ihn als Leiter des Freilichtmuseums in Oerlinghausen, einst ein NS-Museum seit Jahren beschäftigt (Banghard 2016; Banghard / Raabe 2016). Die fachliche Kritik am Germanen-Begriff wird seit etwa 20 Jahren immer lauter und hat seit einigen Jahren auch die Medien erreicht. Grundsätzlich geht es um die Bedeutung von Ethnizität und um den Volksbegriff, konkret auf die Germanen bezogen, um die Methodik und Sinnhaftigkeit ethnischer Interpretation im frühen Mittelalter. Diese Diskussion hat in den vergangenen Jahren insbesondere aus Freiburg immer wieder wertvollen Input erhalten (z.B. Brather 2000; Beck et al. 2004; Rummel 2007; Fehr 2010), der zunächst, wohl auch als Ausdruck eines Generationenkonflikts auf reflexhafte Abwehr gestoßen ist (z.B. Bierbrauer 2004).

Die große Bedeutung, die die ältere Forschung der ethnischen Deutung zugebilligt hat, ist nur dann gegeben, wenn man an einen angeborenen Volkscharakter, an einen Volkstum o.ä. glaubt. Sicher entwickeln Gemeinschaften Mentalitäten und Gebräuche, die sie prägen, die aber historisch auch veränderlich sind. Daher ist es sehr viel sinnvoller, nicht nach ethnischer Identität, sondern gleich nach der jeweiligen sozialen Praxis und konkurrierenden Gruppen-Identitäten zu fragen. Die homogene Volksgemeinschaft jedenfalls ist heute ein politischer Traum der Rechten, der hervorgegangen ist aus den Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts. Diese haben sich lange Traditionen zurück in die Früh- oder gar Vorgeschichte geschaffen. Neben den Germanen wurden Slawen, Russen, Gallier, Daker, Albaner und Illyrer zu Ursprungsmythen moderner Gesellschaften, die allesamt daran kranken, dass sie historische Veränderungen und demographische Verschiebungen verkennen. Besorgniserregend ist, dass die moderne Archäogenetik in der populären Wahrnehmung Völker wieder als eine biologische Größe erscheinen lässt. Die wissenschaftlichen Texte sind hier in den vergangenen Jahren zwar schon sehr viel sensibler geworden, aber zahlreiche Studien setzen noch immer an der genetischen Charakterisierung von Völkern an. Aktuell gilt das etwa für eine Slawen-Studie, die auf einer letztlich doch sehr schmalen Datengrundlage eine genetische Diskontinuität in Mähren mit slawischer Migration verbindet und letztlich wieder alte Paradigmen aufgreift und bestätigt, anstatt die Chance der neuen Methode zu ergreifen, die gesellschaftliche Entwicklung ganz neu zu durchdenken (Schulz et al. 2025). Immerhin konnte kein repräsentativer Durchschnitt durch die Bevölkerung analysiert werden, sondern nur die auffallend andersartigen wenigen Körperbestattungen. Bevor man hier wieder ethnische Kategorien ins Spiel bringt, wäre zu fragen, wie homogen die Bevölkerung tatsächlich war. Für die Germanen wäre auch kritisch zu hinterfragen, inwieweit blond und blauäugig tatsächlich für die damaligen Menschen typisch war - was nur vergleichend über ganz Europa sinnvoll ist. Problematisch ist, dass die dominierende Brandbestattung während der römischen Eisenzeit genetische Analysen weitgehend unmöglich macht.

Anders als der Rückentext verspricht, beginnt das Buch nicht erst mit der Varusschlacht, sondern bereits mit Caesar. Banghard hängt seine einzelnen Kapitel an wichtigen Fundorten auf. Der erste ist Kronwinkl, eine seit den 1960er Jahren bekannte Grabgruppe in Südbayern, die eng verbunden ist mit der Frage früher Germanen in Süddeutschland. In der Öffentlichkeit ist dieser Fundort ebenso wenig bekannt, wie einige andere, die Banghard als Gerüst seines Buches ausgewählt hat. Vielfach handelt es sich um Neuentdeckungen der letzten Jahre. Da sich die Abbildungen auf einen Bildteil mit tollen Alltagsrekonstruktionen beschränken, wird dem Leser zu den angesprochenen neuen Funden leider keinerlei visuelle Unterstützung geboten. Vielleicht ist die Strategie aber durchaus richtig, an Stelle unbelebter Museumsfotos eindrucksvolle Lebensbilder zu stellen, um beim Lesepublikum in Erinnerung zu bleiben. Der Aspekt scheint mir nicht zuletzt daher interessant, da die Germanen-Propaganda der 1920er und 30er Jahre sehr geschickt mit Bildern und damals modernen Medien gespielt hat - auch und gerade mit Lebensbildern. 

Banghard geht offensiv gegen das Germanen-Bild vor. Der Titel "die wahre Geschichte der Germanen" mag da kontraproduktiv wirken, spielt aber auch mit dem Trend, das Lesepublikum mit "geheimer Geschichte" oder "Lügen" zu fangen.

Obwohl das Germanen-Buch von Karl Banghard populärwissenschaftlich angelegt ist, mag es dazu anregen, die Germanen neu zu durchdenken. Ein wichtiger und konsequenter Schritt ist es dabei, den Germanen-Begriff auf die Antike zu beschränken. Er wurde im 1. Jahrhundert v.Chr. durch C. Julius Caesar populär und auch Tacitus konnte noch in Anspruch nehmen, einen aktuellen Begriff zu verwenden. Danach verblasst er und wird zum literarischen Rückverweis. Banghard bricht daher recht unvermittelt im 5. Jahrhundert ab. Childerich und Theoderich müssen draußen bleiben. In der Spätantike und dem Frühmittelalter sind andere Ethnien von Bedeutung – Franken etwa, Goten, Langobarden, Alemannen und Bajuwaren. Erst viel später werden die Germanen mit der Gleichsetzung deutsch=germanisch wieder aufgegriffen.

Vor allem im 19. Jahrhundert und in der NS-Zeit wurden die Germanen zu nationalen Stammvätern. Das abschließende Kapitel geht auf diese ideologische Dimension der Germanen ein, deren Mythos als Begründung für Rassismus und Krieg herhalten musste und dazu diente, die deutsche Gesellschaft auf konservative Werte einzuschwören und festzulegen.

Sehr spannend ist es, dass Banghard diesen braunen Germanen gewissermaßen “grüne Germanen” gegenüber stellt. Er hebt auf die andersartige Wirtschaftsweise der rechtsrheinischen Stämme während der römischen Eisenzeit ab, die man mit guten Argumenten auch als nachhaltig wirtschaftend begreifen kann. Aus diesem Blick auf die Geschichte lässt sich zweifellos mehr für die Zukunft gewinnen, als aus dem traditionellen Germanenbild. Banghard dekonstruiert die Germanen nicht nur, er zeigt auch neue Perspektiven.


Kurzurteil: anregend und lesenswert!


Literatur

  • Banghard 2016
    K. Banghard, Nazis im Wolfspelz. Germanen und der Rechte Rand (Wuppertal 2016).
  • Banghard 2025
    K. Banghard, Die wahre Geschichte der Germanen (Berlin 2025).
  • Banghard / Raabe 2016
    K. Banghard / J. Raabe, Die Germanen als geschichtspolitisches Konstrukt der extremen Rechten. In: H.-P. Killguss / M. Langebach (Hrsg.), "Opa war in Ordnung!". Erinnerungspolitik der extremen Rechten. Beiträge und Materialien der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus 8 (Köln 2016) 131–143.
  • Banghard / Raabe 2020
    K. Banghard / J. Raabe, Das Germanenbild der extremen Rechten nach 1945. In: M. Langebach (Hrsg.), Germanenideologie. Einer völkischen Weltanschauung auf der Spur. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 10589 (Bonn 2020) 174–205.
  • Beck et al. 2004
    H. Beck / D. Geuenich / H. Steuer / D. Hakelberg, Zur Geschichte der Gleichung "germanisch - deutsch". Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen. RGA Ergbd. 34 (Berlin 2004).
  • Bierbrauer 2004
    V. Bierbrauer, Zur ethnischen Interpretation in der frühgeschichtlichen Archäologie. In: W. Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 45–84.
  • Brather 2000
    S. Brather, Ethnische Identitäten als Konstrukte der frühgeschichtlichen Archäologie. Germania 78/1, 2000, 139–177.
  • Fehr 2010
    H. Fehr, Germanen und Romanen im Merowingerreich. Frühgeschichtliche Archäologie zwischen Wissenschaft und Zeitgeschehen. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde - Ergänzungsbände 68 (Berlin 2010).
  • Haberstroh 2013/14
    J. Haberstroh, Von Germanen und anderen Erfindungen – Völkerbezeichnungen in der bayerischen Archäologie. Projekt für lebendige Archäologie des frühen Mittelalters, 2013/14, 10–50.
  • Jarnut 2004
    J. Jarnut, Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffes der Frühmittelalterforschung. In: W. Pohl (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 107–113.
  • Künzl 2021
    E. Künzl, Die Germanen (Darmstadt 2021).
  • Langebach 2020
    M. Langebach (Hrsg.), Germanenideologie. Einer völkischen Weltanschauung auf der Spur. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 10589 (Bonn 2020).
  • Rau 2022
    A. Rau, Ein Buch über die, die es nicht gab – Anmerkungen zu Heiko Steuers „‚Germanen‘ aus Sicht der Archäologie“. Germania 100, 2022, 313–348.
  • Reichenbach 2024
    K. Reichenbach, »Es werden Traditionen erfunden, die es nie gab«. Leibniz 23.3.2024. - https://www.leibniz-magazin.de/alle-artikel/magazindetail/newsdetails/es-werden-traditionen-erfunden-die-es-nie-gab
  • Rummel 2007
    P. von Rummel, Habitus barbarus. Kleidung und Repräsentation spätantiker Eliten im 4. und 5. Jahrhundert. RGA Ergbd. Bd. 55 (Berlin 2007).
  • Schulz et al. 2025
    I. Schulz / D. Zlámalová / C. S. Reyna-Blanco / S. Morris / G. A. Gnecchi-Ruscone / R. Eckel / R. Přichystalová / P. Ingrová / P. Dresler / L. Traverso / G. Hellenthal / J. Macháček / D. Wegmann / Z. Hofmanová, Ancient genomes provide evidence of demographic shift to Slavic-associated groups in Moravia. Genome biology 26,1, 2025, 259. - https://doi.org/10.1186/s13059-025-03700-9
  • Steuer 2021
    H. Steuer, "Germanen" aus Sicht der Archäologie. Neue Thesen zu einem alten Thema. RGA Ergbd. (Berlin, Boston 2021).
  • Wemhoff / Uelsberg 2020
    M. Wemhoff / G. Uelsberg (Hrsg.), Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme (Darmstadt 2020).
  • Wiwjorra 2006
    I. Wiwjorra, Der Germanenmythos. Konstruktion einer Weltanschauung in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts. Zugl: Berlin, Freie Univ., Diss., 2004 (Darmstadt 2006)


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Änderungsvermerk 7.11.2025: Lektorat mit Korrektur einiger Flüchtigkeitsfehler   

Freitag, 25. Juli 2025

Anfänge - Probleme und Paradigmen der Kulturanthropologie, Archäologie und Geschichte



David Graeber/ David Wengrow


Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit
(Stuttgart: Klett-Cotta 2022)
ISBN 9783608985085

inzwischen 4. Aufl., 2024 als Paperback
sowie - inzwischen schon vergriffen - als Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn 2022)


The Dawn of Everything. A New History of Humanity
(London: Penguin 2022)
ISBN 9780141991061



Nur wenige Prähistoriker haben sich an großen Geschichtsdeutungen versucht. Das gilt insbesondere für die deutsche Forschung, wo solche Arbeiten - wenn nicht sowieso schon national verengt - stets sehr deskriptiv und materiallastig geblieben sind (z.B. Müller-Karpe 1998) - begründet im Selbstverständnis der deutschen Forschung als Geschichtswissenschaft. Entsprechende prähistorische Weltgeschichten des englischsprachigen Raums boten da zumeist spannendere Narrative an. Erinnert sei an Gordon Childe, auf den die Vorstellung der neolithischen Revolution zurückgeht (Childe 1936).

David Graeber und David Wengrow (im folgenden nenne ich sie meist kurz G&W) präsentieren nun ein neues universal(vor)geschichtliches Narrativ. Es ist in positivem Sinne ein anarchistisches Geschichtsbild, das sich bemüht, Vorurteile alter weißer Männer zu entlarven und einer eurozentrierten Sicht ein Bild gegenüber zu stellen, das Indigene, Frauen, Wildbeuter*innen und “Primitive“ als gleichwertig begreift und Fortschrittsdenken und Überlegenheitsideen als historischen Unsinn entlarvt. Die gängige Erzählung einer Evolution egalitärer Jäger- und Sammlergesellschaften, einer neolithischen Revolution mit dem Beginn von Sesshaftigkeit und Landwirtschaft als Ausgangspunkt der Entwicklung sozialer Ungleichheit und politischer Hierarchien bis hin zu modernen, industrialisierten Gesellschaften wird dekonstruiert und durch das Bild plural strukturierter Gesellschaften ersetzt, deren Entwicklung nicht durch ökonomische oder ökologische Gesetzmäßigkeiten vorgegeben war, sondern durch kollektive Entscheidungen bestimmt wurde.

Ich halte das Gesamtbild für außerordentlich plausibel, wenn auch an einigen Punkten erhebliche Zweifel angebracht sind und eine weniger idealistische Sicht den historischen und anthropologischen Realitäten näher kommen dürfte. Ein wichtiger Knackpunkt ist, dass manche der Detailinterpretationen unter einer Dürftigkeit der Quellenbelege leidet, aber sehr bestimmt formuliert wird. Oft wird dem etablierten - häufig nur grob skizzierten - Bild der Forschung eine neue Sicht auch nur mit einer sehr verkürzten Argumentation gegenübergestellt. Das liegt im umfassenden Thema begründet, denn G&W haben so schon ein dickes Buch vorgelegt, in dem man die zahlreichen Beispiele unmöglich in aller Ausführlichkeit darstellen kann. Allerdings ist auch festzustellen, dass das Buch andererseits gerade bei der Darstellung mancher Beispiele Längen aufweist, die den Leser vom Gesamtbild eher weg führen. 
 

Eine anarchistische Perspektive

Festzuhalten ist, dass David Graeber (1963-2020), der kurz nach Fertigstellung des Buchs verstorben ist, als Kulturanthropologe Professor an der Yale University, dann an der UCL und der London School of Economics and Political Science war und eine anarchistische Anthropologie vertrat. Schon 2004 publizierte er "Fragments of an Anarchist Anthropology" (dt.: Graeber 2023), mit der er aufzuzeigen versuchte, dass unsere Gesellschaft so nicht selbstverständlich ist, sondern dass es unzählige Möglichkeiten gäbe, Gesellschaften anders zu organisieren. Anthropologie ist in dieser Sicht nicht nur eine Inspiration für alternative Lebens- und Gesellschaftsmodelle, sondern hinterfragt auch die Grundlagen unserer eigenen Gesellschaftstheorien. In seinem Buch "debt" (dt. Schulden [Graeber 2022]) nutzte Graeber eine historische Perspektive, um beispielsweise die Theorie des Geldes, eine Grundlage der modernen Ökonomie, in Frage zu stellen. Hier griff Graeber bereits bis nach Mesopotamien aus und nahm auch archäologische Quellen in den Blick. Graebers Kritik an der modernen Gesellschaft richtet sich gegen unsere Hinnahme gegenwärtiger Missstände als alternativlos. 2011 war Graeber einer der Köpfe von “Occupy Wall Street”. 



David Graeber 2015
(Foto: Guido van Nispen -  CC BY 2.0 via WikimediaCommons [Ausschnitt])


Eng verbunden mit der anarchistischen Perspektive ist auch der Freiheitsbegriff, der in dem Buch erscheint. Für G&W bedeutet Freiheit 1.) die Freizügigkeit des Reisens (“freedom of movement”), 2.) die Freiheit, nicht zu gehorchen (“freedom to disobey”) und 3.) die Freiheit, sich sozial neu zu organisieren (“freedom to shape new social realities”). Das steht im Gegensatz zu dem Freiheitsbegriff, der gerade die Oberhand gewinnt, der die Freiheit des Konsums, die Freiheit des Lügens und die Freiheit von Empathie und Verantwortung in den Mittelpunkt stellt. 

Die Kernthesen

Dieser Freiheitsbegriff liegt vielen Thesen zugrunde, die G&W vertreten. Ihre Kernthesen sind:
  1. Komplexität in menschlichen Gesellschaften benötigt und impliziert nicht zwingend Hierarchien und autoritäre Regime
  2. indigenes Denken aus Nordamerika hatte Einfluss auf die europäische Aufklärung
  3. Vielfalt von Wirtschaftsmodellen und sozialer Organisation
  4. keine unumkehrbare agrarische (neolithische) Revolution
  5. keine zwingende und unumkehrbare Staatenbildung und auch keine evolutionäre Abfolge von Gesellschaftsmodellen

G&W begründen diese Thesen aus einer Synthese archäologischer und kulturanthropologischer Einzelfälle, die vom Jungpaläolithikum bis ins 18. und teilweise gar 20. Jahrhundert reichen und prinzipiell den gesamten Globus abdecken. Der deutsche Titel „Anfänge“ mehr noch als der englische „The Dawn of civilization“ hat mich indes erwarten lassen, dass der Blick in der menschlichen Evolution noch weiter zurück reicht und die alten Themen der Sprache, der Feuernutzung und des Fleischverzehrs behandelt werden. Selbst die eiszeitlichen Anfänge menschlicher Kunstpraxis sind nicht Teil der Darstellung.

Bisherige Untersuchungen konzentrierten sich laut G&W einseitig auf die Ursprünge sozialer Ungleichheit und folgten dem Narrativ der Anfänge etwa in Bezug auf die Anfänge von Sesshaftigkeit, Landwirtschaft, städtischer Zivilisation, von Staaten oder der Herausbildung des Eigentums. Solche Versuche seien zum Scheitern verurteilt, denn die Vorstellung eines weitgehend kontinuierlichen, evolutionären Fortschritts in der Geschichte sei ein Mythos.

Als verallgemeinerndes Statement ist das sicherlich wahr, doch sei angemerkt, dass selbst in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eine Entwicklung stattgefunden hat, hin zu einer Sozialarchäologie, die die Gesellschaft in all ihren Aspekten erforscht und sich nicht mehr auf die Frage der Sozialstrukturen - konkret bedeutete dies Hierarchien und ethnische Interpretationen - konzentriert. Allmählich werden diese Narrative in der Archäologie zunehmend reflektiert. Noch immer allerdings dominieren in der Wissenschaftskommunikation, aber auch in der Forschung Narrative des Ältesten und der Anfänge. G&W greifen das in ihrem Titel zwar auf, ihr zentrales Narrativ ist aber das der Transformation, der Diversität von Gesellschaften und der Bedeutung herrschaftsarmer Gesellschaftsorganisationen.



Inhalt
  1. Abschied von der Kindheit der Menschheit. Oder warum dies kein Buch über die Ursprünge der Ungleichheit ist (Das Problem des Urzustands)
  2. Sündhafte Freiheit. Indigene Kritik und Fortschrittsmythos (Die Ideen von Jean-Jacques Rousseau und ihre indigenen Wurzeln)
  3. Die Eiszeit auftauen. Mit oder ohne Ketten: die proteischen Möglichkeiten menschlicher Politik (saisonal wechselnde Formen sozialer Organisation, Ungleichheiten im Jungpaläolithikum)
  4. Freie Menschen, der Ursprung der Kulturen und die Entstehung des Privateigentums. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge (warum setzt sich das Prinzip des Privateigentums durch?)
  5. Vor langer Zeit. Warum kanadische Jäger und Sammler Sklaven hielten und ihre kalifornischen Nachbarn nicht – oder das Problem der Produktionsweisen“ (gegen evolutionistische Modelle, Gleichzeitigkeit von egalitären und hierarchischen Organisationsformen, oft in nachbarlichem Gegensatz)
  6. Die Adonisgärten. Die Revolution, die niemals stattfand: wie jungsteinzeitliche Völker die Landwirtschaft umgingen (keine neolithische (agrarische) Revolution, sondern Vielfalt der Möglichkeiten)
  7. Die Ökologie der Freiheit. Wie die Landwirtschaft erst einen Sprung nach vorn machte, dann strauchelte und sich schließlich um die ganze Welt mogelte (zahlreiche Ansätze der Neolithisierung, viele als Mangelwirtschaft und nicht von Dauer)
  8. Imaginäre Städte. Eurasiens erste Städter - in Mesopotamien, dem Indus-Tal, der Ukraine und China - und wie sie Städte ohne Könige erbauten (frühe Städte als soziale Experimente (Trypillia-Megasites, Mesopotamien, Indus-Kultur))
  9. Im Verborgenen schlummernd. Die indigenen Ursprünge des sozialen Wohnungsbaus und der Demokratie in Amerika (Mesoamerika: Nebeneinander demokratischer und autoritärer Organisationen)
  10. Warum der Staat keinen Ursprung hat. Die bescheidenen Anfänge von Souveränität, Bürokratie und Politik (Aspekte sozialer Macht: Gewaltkontrolle (Souveränität), Informationskontrolle (Verwaltung) und individuelles Charisma (Heldengesellschaft))
  11. Der Kreis schließt sich. Über die historischen Grundlagen der indigenen Kritik (Die Irrtümer des europäischen Denkens: Primat der Ökonomie, Hierarchien und Evolution)
  12. Schluss. Anfänge – eine neue Geschichte der Menschheit (Triebkräfte der Geschichte und die Rolle der Freiheit)
  • Anhang


Montag, 13. Januar 2025

PIA: Pilotprojekt oder eher Pionierprojekt?

D. Krausse/N. Ebinger/T. Link (Hrsg.)

PIA 1. Bericht des Pilotprojekts Inwertsetzung Ausgrabungen.

Materialien zur Archäologie in Baden-Württemberg 1

(Heidelberg 2024)

 
 
 

Als eine Art Rezension konnten im Oktober Grabungsberichte aus Bayern und BaWü kritisch gewürdigt werden. Tabellarisch habe ich versucht, die nun existierenden verschiedenen Reihen einander gegenüber zu stellen, wobei die Materialien zur Archäologie in Baden-Württemberg noch offen geblieben sind. Nun ist auch in dieser Reihe der erste Band erschienen.

Er enthält mehrere Grabungsberichte, die wenig inneren Zusammenhang erkennen lassen, außer, dass sich einige auf dasselbe Areal bei Cleebronn beziehen, andere aber aus Sindelfingen stammen. Hinzu kommen zwei eher programmatische Beiträge.

Inhaltsverzeichnis

 

In einem einleitenden Kapitel "Das Pilotprojekt Inwertsetzung in der Archäologie (PIA)" wird von den Herausgebern das genannte Projekt des Landesamts für Denkmalpflege in Baden-Württemberg vorgestellt. Hier wird dargelegt, dass selbstverständlich die Archäologie sich nicht mit der Ausgrabung begnügen kann, sondern dass auch eine Auswertung folgen muss. Mit der unglücklichen Wortwahl der Konvention von La Valetta, auf die sich die Autoren als Verpflichtung berufen, wird dies als "Inwertsetzung" bezeichnet.

Ein grundlegendes Dilemma besteht darin, dass der Prozess der Inwertsetzung – er macht, wie gesagt, oft mehr Arbeit als die eigentliche Feldforschung – in der Konzeption von Forschungs- und vor allem von Rettungsgrabungen systematisch zu kurz kommt. Während für Ausgrabungen oft Mittel und Personal zur Verfügung stehen, sei es im Rahmen investorenfinanzierter Rettungsmaßnahmen oder durch Drittmittel, sind für die Auswertung und Veröffentlichung meist keine ausreichenden Ressourcen mehr vorhanden. So werden zwar immer mehr Archivbestände an Dokumenten und Funden generiert – da ihre Auswertung aber zusehends hinterherhinkt und sie somit nicht in Wert gesetzt werden, ist der Nutzen für Fachwelt und Öffentlichkeit stark eingeschränkt.

PIA soll daher Methoden und Standards für die effiziente Aufbereitung und zeitnahe Publikation von Rettungsgrabungen entwickeln. Der einführende Artikel gibt einige wichtige Erläuterungen, die übrigen Beiträge in dem Band müssen dann wohl als Muster oder gar Standard zu sehen sein.

Die Herausgeber schildern völlig richtig, dass das bisherige Modell der Auswertung nicht mehr greift. Sie machen die steigende Zahl der Ausgrabungen durch das Verursacherprinzip und die Einbindung kommerzieller Grabungsfirmen, aber auch den Strukturwandel in der universitären Ausbildung verantwortlich. Das alte System sah vor, dass

"wissenschaftliche Auswertungen von Materialkomplexen aus der Denkmalpflege zu einem großen Teil im Rahmen universitärer Abschlussarbeiten erfolgten. Es waren meist ausgesprochen umfangreiche Doktor- und ab den 1980er Jahren vermehrt Magisterarbeiten, deren Erstellung sich oft über Jahre hinzog. Zwischen 1971 und 2015 entstanden auf diese Weise mehr als 600 Examensarbeiten über archäologische Fundkomplexe aus Baden-Württemberg. Um die Finanzierung hatten die Studierenden sich in der Regel selbst zu kümmern, sie erfolgte durch Stipendien, eigene Erwerbstätigkeit oder familiäre Unterstützung. Die Denkmalpflegebehörden traten ihre wissenschaftlichen Publikationsrechte an die Studierenden ab und unterstützten in vielen Fällen das Zeichnen der Funde und den Druck der Examensarbeiten." (S. 12)

Mit anderen Worten beruhte das alte System darauf, dass man Verantwortung und Kosten an Studierende privatisiert hat. Übernommen wurden vielfach die damals noch wesentlich höheren Publikationskosten. Man darf sich also nicht wundern, dass das aus heutiger Sicht als Ausbeutung wahrgenommen wird und für Studierende auch ein gewichtiges Argument sein kann, ein anderes Studienfach zu wählen, wo Abschlußarbeiten finanziert sind. Indes gibt es inzwischen auch in der Archäologie genügend bezahlte Qualifikationsstellen, aber sie beruhen auf Drittmittelprojekten der Universitäten, die heute kaum noch  bewilligt werden, wenn anstelle zielgerichteter wissenschafticher Fragestellungen nur eine Ausgrabung nach dem Motto "schau'n wir mal" ausgewertet werden soll. Inzwischen sind es auch nur noch wenige herausragende Ausgrabungen, die per se einen Erkenntnisfortschritt ergeben. Das gilt etwa für landesgeschichtlich bedeutende Stätten oder für solche Fundstätten, die von ihren Erhaltungsbedingungen sonst nicht zu erfassende Details aufzeigen können. Für die Mehrzahl der Fundstellen und Themen ist die Grundlagenarbeit jedoch bereits andernorts geleistet und die Auswertung kann sich an etablierten Vorbildern orientieren. Die Leistung der Auswertung ist nun weniger die wissenschaftlich-intellektuelle Durchdringung des Themas, sondern der Fleiß und die Materialkenntnis. Das spricht den Auswertungen keineswegs den wissenschaftlichen Wert und die wissenschaftliche Qualität ab, sondern verweist auf das Problem, dass für eine Projektförderung die Innovation meist ein zentrales Kriterium darstellt. Eine klassische Auswertung hat heute aber – wenn wir sie nicht immer den Unerfahrensten im Fach, den Studierenden anvertrauen würden – eine Routinemäßigkeit.

Fragestellungen haben heute zumeist eine größere Detailtiefe, was etwa bei Chronologiefragen mit neuen Methoden, aber auch neuen theoretischen Perspektiven wie etwa aus der Sozial- und Umweltarchäologie zusammen hängt. Dennoch können wir auf die Auswertung einzelner Grabungen nicht verzichten, denn aus lokal- und landesgeschichtlicher Persoektive sind sie immer neu und einzigartig und in all den Befunden und Funden stecken mit Sicherheit auch immer wieder neue Einsichten, die es zu identifizieren gilt. Heute spielen auch statistische Verfahren und big data eine immer größere Rolle, was eine vernünftige Quellenerschließung und –zugänglichkeit voraus setzt.

Insofern ist der Gedanke richtig, Auswertungen im speziellen Team mit einem optimierten Ablauf durchzuführen und eben jene Routinen so zu entwickeln, dass sie auch effektiv sind. Letztendlich muss sich das Ergebnis jedoch daran messen lassen, dass die erarbeiteten Informationen aus den Ausgrabungen für die weitere Forschung – und auch für die Gesellschaft – Relevanz besitzen und wissenschaftlich nachvollziehbar sind. Vor allem muss es möglich sein, aus den einzelnen Grabungen serielle Daten zu gewinnen, die einen regionalen und überregionalen Vergleich ermöglichen, mit dem chronologische und räumliche Muster zu erkennen sind, oder mit denen historische Prozesse definiert und beschrieben werden können. Vergleichbarkeit ist also ein Kriterium, das nur gegeben ist, wenn im Sinne der Quellenkritik auch deutlich wird, wie die Daten einzuschätzen sind. Dazu benötigen wir Informationen etwa zur Grabungstechnik aber auch zu den die Ausgrabung leitenden Hypothesen.

Im Hinblick auf meine eigenen fachlichen Interessen habe ich mir nur die beiden Beiträge zu dem frühmittelalterlichen Gräberfeld von Cleebronn (Daniel Anton/ Hauke Kenzler, S. 147-202) und der nahe gelegenen Wüstung Niederramsbach (Robin Dürr, S. 203-227) genauer angeschaut, wobei es mir hier nicht um den Inhalt geht. Die Autoren haben hier jeweils hervorragende Arbeit geleistet. Funde und Befunde sind klar beschrieben. Ein eigener Abschnitt gilt der chronologischen Einordnung des Gräberfelds von Cleebronn, die im wesentlichen nach den Bearbeitungen von Schretzheim und Pleidelsheim (Koch 2001) erfolgt. Dem Sinn der Publikation folgend, findet keine ausführliche Diskussion der Funde statt, die Einordnungen sind aber gut und nachvollziehbar begründet. Eine detaillierte Beschreibung der Funde erfolgt im Kontext der Grabbeschreibungen.

Es geht mir vielmehr um das Konzeptionelle der neuen Reihe, die eine möglichst zeitnahe Bereitstellung von Katalogwerken und Materialeditionen bieten soll. Der Beitrag zu dem Gräberfeld versteht sich ausdrücklich als Katalog. "Die Befund- und Fundvorlage erfolgt in Form eines Katalogs, eines Tafelteils mit ausgewählten Inventaren sowie digitaler Daten (Planumsfotos und Röntgenaufnahmen der Funde)." Letztere finden sich unter https://doi.org/10.11588/data/QOUMAB. Der Link ist sehr unscheinbar im Text angegeben, dafür findet sich in der Randspalte groß gedruckt, aber unbeschriftet ein QR-Code. Das sieht modern aus, ist aber unsinnig, da der normale Nutzer das Dokument wohl am PC liest und für gewöhnlich kaum einen Handscanner angeschlossen hat, um dem Link zu folgen. Unter dem gegebenen Link finden sich zip-Dateien zu mehreren der Beiträge aus PIA 1. Jedes Grab ist als Verzeichnis angelegt, in dem Grabungsfotos als *.tif, noch einmal der Grabungsplan als pdf sowie in einem Unterverzeichnis die Röntgenbilder der Funde als *.tiff enthalten sind. Die Fotos der Befunde sind mit Grabungsnummer und Fotonummer benannt (z.B. 2019_0225_B_2120_0003.tif), die Röntgenbilder sind hingegen mit einer RPS-Nummer bezeichnet, also z.B. 366_2_RPS.tiff. Auf dem Foto sind Fund- und Befundnummern, aber nicht die Grabnummer zu finden. exif-Daten zu den Fotos sind nicht verwendet. Von der Fotobezeichnung allein ist nicht in den Katalog zu finden. Weder im pdf des PIA 1 noch in den Begleitdaten findet sich ein Lageplan. Der Übersichtsplan des Gräberfeldes auf Taf. 12 gibt ebenfalls keine Koordinaten an. Überhaupt fehlen alle relevanten Angaben zu den Ausgrabungen, wie sie in den Berichten der Parallelreihe der eigentlich mit geringerer Priorität ausgewiesenen "Dokumente zur Archäologie in Baden-Württemberg" recht ausführlich gegeben werden. Für die Ausgrabungen im Gräberfeld Niederramsbach gibt es einige Angaben in den Vorbemerkungen, ansonsten wird lediglich über das Literaturverzeichnis auf die Publikation Kenzler/ Neth 2019 in den Archäologischen Ausgrabungen in Baden-Württemberg verwiesen. Das ist aber nach seinem Selbstverständnis nur ein populärwissenscftlicher Vorbericht, der selbstverständlich keine technischen Daten zu den Grabungen gibt – und der auch nicht einfach online verfügbar ist. 

Als Beispiel für eine Siedlungsgrabung dient hier der Beitrag von Robin Dürr zu den westlichen Grabungsflächen der Wüstung Niederramsbach. Ging man ursprünglich davon aus, dass die 2013-15 ergrabene Siedlung ihren Westabschluß durch den Fürtlesbach fand, ergaben die Ausgrabungen 2019 im Industriegebiet Langwiesen IV neben vorgeschichtlichen Siedlungspuren (Beitrag D. Knoll) und dem eben bereits angeführten spätmerowingerzeitlichen Gräberfeld weitere Siedlungsspuren der Wüstung.  Abb. 2 gibt einen Gesamtplan der Grabungsbefunde 2013–2015, Abb. 3 die mittelalterlichen Befunde im Bereich der Untersuchungen 2019_0024 (oben) und 2019_0025 (unten) wieder. Dabei erkennt man auch die Gräber aus dem gesonderten Artikel, so dass der Lagebezug des Gräberfeldes zum Westteil der Siedlung deutlich wird, wo allerdings nur ein Fragment merowingerzeitlicher Keramik vorliegt. Die Besiedlung befand sich wohl eher östlich des Fürtlesbachs. Leider gibt es keine Abbildung, die die alten Grabungsflächen 2013-15 zu denen von 2019 in Relation setzt.

 

Fazit

Der erste Band der Reihe kann leider nicht überzeugen, da er zwar detaillierte und gut aufgearbeitete Grabungsvorlagen und -kataloge bietet, aber ein Gesamtkonzept und eine Koordination zu fehlen scheint. Im Gegensatz zu den Dokumenten zur Archäologie in Baden-Württemberg, die die unbearbeiteten Grabungsberichte der Ausgräber präsentiert, wird hier die Grabung in mehrere Einzelbeiträge zerstückelt, ohne dass ein einführender Beitrag vorhanden wäre. Die Vorberichte aus den Archäologischen Ausgrabungen in Baden-Württemberg können das nicht ersetzen. Es fehlen zudem brauchbare topographische Karten. So steht nirgendwo, ob nun tatsächlich alle Funde und Befunde von Cleebronn, Langwiesen IV auch vorgelegt sind. Letztlich zeigt sich auch bei diesem Band, dass man noch immer nicht digital denkt, sondern immer noch in Papier  und einzelnen Dateien, die zum Download bereit gestellt werden, die aber keine digtalen Schnittstellen oder Metadaten bieten. Hier wäre es heute sinnvoller anstelle eines pdf primär an ein Datenportal zu denken, das Funde und Befunde mit linekd data strukturiert und Bilder und Pläne integriert. Das klassische pdf/Papier ist hier sekundär und lediglich ein Service für all jene, die schon lange genug am Bildschirm sitzen.

Man fragt sich auch, warum die ohnehin nur digital publizierten Aufsätze  verschiedener Ausgrabungen in einem virtuellen Band kombiniert sind. Wäre es nicht viel schlauer, die Aufsätze einzeln zu publizieren, was das Zitieren letztlich einfacher machen würde?

Es bestehen nun verschiedene mehr oder weniger digitale Reihen nebeneinander. Die Tabelle aus Archaeologik v. 26.10.2024 kann nun vervollständigt werden:

Reihe Publikationsweise Inhalt Bemerkung
Forschungen und
Berichte zur Archäologie
in Baden-Württemberg
Buchpublikation mit Festeinband
Moving Wall von 2 Jahren digital im "Open Access" (unterschiedlich lizenziert:
Freier Zugang – alle Rechte vorbehalten oder auch mal CC BY SA 4.0)
umfassende wissenschaftliche Auswertungen die versprochene
Bereitstellung nach zwei Jahren ist nicht gegeben
Materialien zur
Archäologie in
Baden-Württemberg
“frei und ohne Karenzzeit
zugängliches Online-Format”
bislang alle CC BY SA 4.0
möglichst zeitnahe Bereitstellung von Katalogwerken und Materialeditionen
Dokumente zur
Archäologie in
Baden-Württemberg
digital,
"Open Access"
bislang alle
CC BY SA 4.0
Grabungsberichte
Fundberichte aus
Baden-Württemberg
Buchpublikation mit Moving Wall von 1 Jahr
digital im "Open Access" (ist jedoch nur Freier Zugang – alle Rechte vorbehalten)
wissenschaftliche Aufsätze in unregelmäßiger
Folge mit sehr zufälliger
Fundchronik
Archäologische
Ausgrabungen in
Baden-Württemberg
kartonierte Buchpublikation

Jahrbuch
populärwiss. Vorberichte
Archäologische
Informationen aus
Baden-Württemberg
kleinformatige kartonierte Buchpublikation

irgendwann
digital im "Open Access"
(unterschiedlich lizenziert: Freier Zugang – alle Rechte vorbehalten oder auch mal
CC BY SA 4.0)
regionale Themen der archäologischen Denkmalpflege
vorwiegend populärwiss. ausgerichtet.
Begleitbände zu Ausstellungen,
stärker fachlich orientierte Veröffentlichungen wie Berichte zu wissenschaftlichen Tagungen


Das Landesamt für Denkmalpflege in Baden-Württemberg hat damit ein Konzept entwickelt, das dem Problem der Vorlage und "Inwertsetzung" der zahlreichen, aktuell der Öffentlichkeit und der Wissenschaft kaum zugänglichen Ausgrabungen entgegenwirken soll. Das Pilotprojekt Inwertsetzung Ausgrabungen ist indes ein Pionierprojekt, dessen langfristige Finanzierung nicht sichergestellt scheint, obgleich dies eine Daueraufgabe ist.

"Die von Deutschland unterzeichnete Konvention von Malta besage, dass eine (einfache) Abschlusspublikation Pflichtteil jeder Ausgrabung sei - weshalb die Grabungsgenehmigungen auch entsprechende Auflagen machen könnten und sollten. Solchermaßen finanziert, hätten Firmen wie Landesdenkmalämter ganz andere Möglichkeiten, das aktuelle Publikationsdesiderat anzugehen" (DGUF 2024). Doch dies sei derzeit "politisch nicht durchsetzbar", meinten bedauernd die Vertreter der Amtsarchäologie bei einer Tagung bzw. einem World Café von Propylaeum & NFDI4Objects "Zeitgemäßes Publizieren" (Informationen/CfP der Veranstaltung), das Ende November 2024 in Heidelberg stattfand.  Es muss hier um die digitalen Formate ebenso gehen, wie um die fachlichen Strukturen. Schon 1989 kritisierte der britische Archäologe Christopher Tilley (1989) die heute übliche Rettungsarchäologie, die immer neue Grabungsdokumentationen liefere, ohne dass die Strukturen geschaffen würden, diese auch auszuwerten und zu nutzen, um die Vergangenheit zu verstehen.


Literaturhinweise

  • DGUF 2024: Zeitgemäßes Publizieren archäologischer Ausgrabungen: Bericht von "Aus der Erde ins Netz?" (Online, 20.11.) DGUF-Newsletter 23.12.2024). 
  • Kenzler/ Neth 2019: H. Kenzler/A. Neth, Das frühmittelalterliche
    Gräberfeld zum abgegangenen Dorf Niederramsbach bei Cleebronn. Arch. Ausgr. Baden-Württemberg 2019, 223–228.
  • Tilley 1989: Ch. Tilley, Excavation as theatre. Antiquity. 63 (239) 1989, 275–280. -  doi:10.1017/S0003598X00075992

Ändeurngshinweis 21.1.2025: redaktionelle Nacharbeit:  Absatz Fragestellungen war korrumpiert

M
T
G
Y
Die Sound-Funktion ist auf 200 Zeichen begrenzt

Donnerstag, 9. Januar 2025

Cold Case Ötzi - Mordermittlung als archäologisches Narrativ


Josef Rohrer

 

Cold Case Ötzi.
Eine Spurensicherung von Alexander Horn, Oliver Peschel und Andreas Putzer.

  

Bozen: Folio-Verlag, Wien 2024

ISBN 978-3-85256-904-8

.Hardcover mit Lesebändchen, 174 Seiten, zahlreiche farvige Abbildungen

24,00€


Krimis boomen. Gefühlt gibt es wesentlich mehr literarische Mordopfer als in der Realität und die Dichte von Mord und Sonderkommission übersteigt wohl bei weitem die tatsächliche Ausstattung der Polizeibehörden. Noch im letzten idyllischen Winkel gibt es Mord und Totschlag. Vielleicht ist es der Grund, dass mittlerweile True Crime so eine große Rolle spielt, dass Podcasts und Zeitschriften alte Kriminalfälle aufräumen, besonders gerne natürlich die ungelösten Cold Cases

Da Archäologie schon immer wieder mit Kriminalistik verglichen worden ist, verwundert es nicht, dass dieser Trend auch auf die Archäologie übergreift.

Und Ötzi bietet sich hier natürlich an, seit 2001 entdeckt wurde, dass Ötzi von hinten mit einem Pfeil erschossen wurde. Seitdem rückt der Kriminalfall in den Mittelpunkt des Interesses, vor allem, aber nicht nur in populärwissenschaftliche Darstellungen. Ötzi ist in erster Linie ein Kriminalfall und weniger eine Quelle zur Kenntnis, kupferzeitlicher Gesellschaften. Und natürlich ist der Mann im Eis auch der Cold Case im unmittelbaren Sinne.



Webcam an der Fundstelle von Ötzi auf dem Tisenjoch,
www.foto-webcam.eu (gemäß https://www.foto-webcam.eu/webcam/tisenjoch/2025/01/05/1130)“ 

 

Der Journalist Josef Rohrer, Kriminalist Alexander Horn, Rechtsmediziner Oliver Peschel und der Archäologe Andreas Putzer bilden ein Ermittlerteam, das auf einer Alphütte mit WLAN den Fall Ötzi durchgeht. Zwei Mal verlassen Sie die Hütte. Einmal treffen sie bei einem Spaziergang auf eine Gams, die Anlass gibt über Jagdtechniken zu reden, einmal - zum Ende - besuchen sie den Tatort und versuchen eine Rekonstruktion des Tathergangs.

Ansonsten diskutieren sie Schritt für Schritt den Fall und bringen ihre fachliche Expertise ein. Vor allem der Archäologe Andreas Putzer referiert die bisherigen Forschungsergebnisse. Dabei fallen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie die Namen der betreffenden Forscher und das ganze Buch kennt keine Literaturverweise. Auch die im Buch verteilten QR-Codes führen hier nur zu weiteren Bildern aber nicht zu weiteren Informationen.

Dafür ist das Buch spannend zu lesen und dürfte es schaffen, ein Publikum an die Archäologie heranzuführen, das nicht zum Stammpublikum gehört. Schade, dass die Chance verpasst wurde, die Neugier weiter zu leiten, etwa an das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen,

Die Ermittler entwerfen schließlich ein Bild der Vorgänge in Ötzis letzten Tagen. Es deckt sich weitgehend mit der Darstellung von Wiener et al 2018, die eine detaillierte Betrachtung von Ötzis Werkzeugen zum Anlaß genommen haben, das Szenario, das sich aus den jüngeren Forschungen ergibt knapp darzustellen.
 

Ötzis letzte Tage nach Wiener et al.  2018 (CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)




Ein wichtiges Detail ist es, dass der Silexdolch, zwei Pfeilspitzen, der Endschaber, der Bohrer und der kleine Geweihretuscheur überwiegend ihr letztes Stadium der Verwendbarkeit erreicht hatten. Sie weisen auf eine intensive Nutzung, hauptsächlich durch die Bearbeitung von Pflanzen. Die Geräte wurden nachgeschärft und zeigen Absplisse vom Gebrauch.. Offensichtlich hatte Ötzi schon seit längerem keinen Zugang mehr zu Hornstein, denn er nutzte offenbar auch die Pfeilspitze als Schaber zur Bearbeitung pflanzlicher Materialien. Wiener et al. versuchen die Informationen der Objektbiographien in das Bild einzufügen, das die Forschung bislang von Ötzis letzten Tagen gezeichnet hat (Abb.): Wahrscheinlich befanden sich alle Werkzeuge bereits Tage vor seinem letzten Bergaufstieg in seinem Besitz. Das gilt auch für die Spitze von Pfeil 14,die bereits im gleichen Stil wie Pfeilspitze 12 nachgeschärft wurde, aber von einem Linkshänder gefertigt wurde. Der Zeitpunkt des Bruchs der beiden steinernen Pfeilspitzen kann nicht angegeben werden, könnte aber in diesen Stunden geschehen sein. Sicher hat Ötzi die letzten Nachschärfungen der Silexwerkzeuge selbst vorgenommen, bevor er sich die tiefe Wunde an der rechten Hand zugezogen hat. Die Verletzung dürfte auch als terminus ante quem für alle anderen manuellen Arbeiten zu sehen sein, die unvollendet geblieben sind, wie die Fertigstellung des Bogenrohlings und der Pfeilschäfte: Obwohl sich Ötzi in tiefere Lagen aufgehalten, war es ihm nicht gelungen die notwendigen Gegenstände zu besorgen und sein abgearbeitetes Gerät zu ersetzen. Vielleicht hätte Ötzi aus diesem Grund die zerbrochenen Pfeilspitzen behalten und auch einige Geweihspitzen mitgenommen, einem alternativen Rohmaterial für die Herstellung von Pfeilspitzen.

Das Ermittlerteam um Pelzer diskutiert solche Befunde. Wichtig für das Verständnis der Vorgänge ist die genannte Handverletzung, die der Profiler als Indiz für eine gewaltsame Auseinandersetzung nimmt, in der Ötzi seinen Gegner wahrscheinlich erfolgreich abgewehrt und wahrscheinlich sogar getötet hat. Der Aufstieg zum Tisenjoch stellt sich als Flucht dar, sein Tod als persönliche Rache, der ihn gezielt von hinten ermordet hat.


Zwei Punkte an dem Buch scheinen mir bemerkenswert:

Die Argumentation des Ermittlerteams geht von wahrscheinlichen Szenarien aus, um ein Gesamtbild zu erreichen und ein Täterprofil zu erstellen. Ötzis Mörder war demnach wahrscheinlich männlich, stammte aus der Region Untervinschgau, war Jäger und Bogenschütze mit hoher körperlicher Belastbarkeit und ging bei der Verfolgung und beim Mord strukturiert und unter Kontrolle seiner Emotionen vor (S. 170). Heute hätte die Polizei damit einen Anhaltspunkt, konkret den Täter einzugrenzen und weitere Beweise für die Tat zu finden. In der Archäologie gelingt das nicht und für eine Wissenschaft ist das auch kritisch, weil am Ende eben kein gesichertes Wissen, sondern eine Hypothese steht. Hinter diesem Vorgehen steht eine pragmatische Heuristik, die zu näherungsweisen Aussagen bei begrenzter Datenlage führt. Das erste Kapitel ist überschrieben mit “Ockhams Rasiermesser”, das aber leider nicht genauer erklärt wird. Es handelt sich dabei um ein Erklärungsprinzip der Scholastik, benannt nach Wilhelm von Ockham (1288–1347), das einfache Erklärungen mit möglichst wenigen Variablen und Komplikationen präferiert. Im Verlauf der Diskussion werden aber viele Kenntnislücken deutlich. Vielfach sind die Wahrscheinlichkeitsannahmen des Profilers von modernen Erfahrungen geprägt. Bei der Frage nach Ötzis Position in der lokalen Gesellschaft beispielsweise wäre der Input eines Ethnographen/ Kulturanthropologen sehr erhellend gewesen.


Das Narrativ der Kriminalermittlung scheint für das Publikum sehr attraktiv. Anders als wir das von Aktenzeichen XY und anderen TrueCrime Dokumentationen gewohnt sind, beginnt die Geschichte nicht mit einer Darstellung des Tathergangs,wie das auf der Basis der Zeugenaussagen oder einer genauen Ortskenntnis des Tatorts möglich ist. Im Falle von Özi sind die Zeugen - sollte es sie gegeben haben - längst tot und der Tatort ist durch die Jahrtausende in hohem Maß verändert. Das Team geht die vorliegenden Indizien einigermaßen systematisch durch, indem der Leichnam und seine Funde nach und nach durchgegangen werden und dabei Fragen nach Ötzis Biographie und sozialer Rolle diskutiert werden. Hier kommen Ergebnisse von Isotopenstudien und Paläogenetik ebenso zur Sprache wie das Siedlungsbild im Alpenraum. Am Ende stehen eine Tatortbegehung und eine Rekonstruktion des Tathergangs. Dieses systematische, am Kriminalfall interessierte Narrativ bricht mit dem in der Archäologie häufigen Narrativ der Entdeckungsgeschichte, das gerade im Falle von Ötzi die meisten Darstellungen dominiert (Spindler 1993).


Mit dem Krimi ist nun im Fall Ötzi eine klare, eingängige Fragestellung da - sie fehlt bei den meisten archäologischen Forschungen in dieser Prägnanz. Nicht nur im Sinne der Wissenschaft, sondern auch im Sinne der Wissenschaftskommunikation sollten wir das schärfen. Archäologie kann damit (noch) interessanter werden und wohl auch seine Relevanz besser darstellen. Apropos Relevanz. Die Frage nach Ötzis Mörder ist eigentlich belanglos. Wir werden ihn nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Die Frage, wie Ötzis Gemeinschaft strukturiert war und im Alltag funktioniert hat, wie sie ihre alpine Umwelt mit den Mitteln ihrer Zeit gemeistert hat, ist viel wichtiger… Rohrer et al. setzen sich damit nur ganz am Rande auseinander.


Literaturhinweise

  • Dickson 2005
    J.H. Dickson/ K. Oeggl/ L.L. Hadley, The Iceman reconsidered. Scientific American Special Edition 2005; 15(1): 4–13. - doi:10.1038/scientificamerican0105-4sp
  • Gostner et al. 2004
    P. Gostner / E. Egarter-Vigl/ U. Reinstadler, Der Mann im Eis – eine paläoradiologisch-forensische Studie zehn Jahre nach der Auffindung der Mumie. Germania 2004; 82: 83–107. - DOI: https://doi.org/10.11588/ger.2004.95363
  • Gostner et al. 2011
    P. Gostner / P, Pernter/ G. Bonatti/ A. Graefen/ A. Zink, New radiological insights into the life and death of the Tyrolean Iceman. Journ. Arch. Science 38, 2011; 3425–3431. - https://doi.org/10.1016/j.jas.2011.08.003
  • Lippert et al. 2007
    A. Lippert/ P. Gostner/ E. Egarter Vigl/ P. Pernter, Vom Leben und Sterben des Ötztaler Gletschermannes. Neue medizinische und archäologische Erkenntnisse. Germania 2007; 85: 1–21. - DOI: https://doi.org/10.11588/ger.2007.95436
  • Maixner et al. 2026
    F. Maixner/ D.Turaev/ B. Krause-Kyora/ A. Cazenave-Gassiot/ M. Janko/ M.R. Hoopmann et al., Multi-omnics study of the Iceman’s stomach content shows main components of a Copper Age meal: fat, wild meat and cereals. Abstracts of the 3rd Bolzano Mummy Congress; 2016 Sept 19–21 (Bolzano 2016) 17–18.
  • Nerlich et al. 2003
    A.G. Nerlich/ B. Bachmeie/ A. Zink/ S.Thalhammer/ E. Egater-Vigl, Ötzi had a wound on his right hand. Lancet 2003; 362: 334. pmid:12892980 - DOI: 10.1016/S0140-6736(03)13992-X
  • Oeggi et al. 2007
    K. Oeggl/ W.Kofler/ A. Schmid/ J.H. Dickson/ E. Egarter Vigl/ O,Gaber, The reconstruction of the last itinerary of “Ötzi”, the Neolithic Iceman, by pollen analyses from sequentially sampled gut extracts. Quat Sci Rev 2007; 26: 853–861. - https://doi.org/10.1016/j.quascirev.2006.12.007
  • Spindler 1993
    K. Spindler, Der Mann im Eis: die Ötztaler Mumie verrät die Geheimnisse der Steinzeit (München 1993)
  • Wierer et al. 2018
    U. Wierer/ S Arrighi/ S. Bertola/ G. Kaufmann/ B. Baumgarten et al. , The Iceman’s lithic toolkit: Raw material, technology, typology and use. PLOS ONE 13(6), 2019,: e0198292. - https://doi.org/10.1371/journal.pone.0198292

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