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Samstag, 12. September 2026

Antiken und das doppelte Gesicht von ICE

In der Region Tampa im US-Bundesstaat Florida wurde ein illegales Schmuggel-Depot mit mehr als 22.000 antiken Objekten ausgehoben.  
 

Die Rolle von ICE 

Die offizielle Bekanntgabe der Beschlagnahmung erfolgte Ende August 2026. durch ICE (Immigration and Customs Enforcement), jener US-Bundestruppe, die in den letzten Monaten auf Weisung von POTUS Don. Trump mit Terrormethoden gegen Immigranten vorgeht und nun schon mehrere Tote zu verantworten hat, von denen Renée Nicole Good nur diejenige ist, die am meisten Aufmerksamkeit gefunden hat, weil ihre Ermordung im Video dokumentiert ist. Aktuell gibt es in den USA Ankündigungen, dass ICE in den Wahllokalen der Midtermwahlen im November Festnahmen durchführen würde (dazu hier) - ein angekündigter Rechtsbruch, der aber genug Angst verbreiten könnte, um die Wahlen zu beeinflussen. ICE entwickelt sich zu einer hochgerüsteten paramilitärischen Truppe, wie sie für faschistische Systeme charakteristisch ist (dazu schon Arendt 1955) und die vor allem der Einschüchterung der eigenen Bevölkerung dient (dazu hier; Samaras 2026). Ihre unkontrollierte Gewalt gegen Zivilisten schwebt auch hierzulande einigen Rechtspopulisten der AfD vor Augen. Wenn hier die Rüstungsindustrie als relevant für Remigration angesehen wird, so muss man sich auf geplante Gewalt einrichten (dazu hier und hier)

Die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE ist neben dem Migrationsrecht auch für die Bekämpfung von grenzüberschreitender Kriminalität wie Schmuggel, Menschenhandel und Geldwäsche zuständig. Über ihre spezialisierte Ermittlungseinheit Homeland Security Investigations (HSI) ist sie für Antiken zuständig, da der illegale Handel mit geraubten Kulturgütern über internationale Grenzen hinweg gegen US-Zollgesetze verstößt und da kriminelle und terroristische Netzwerke den Schmuggel von Antiken häufig zur Geldwäsche oder Finanzierung nutzen.
[5]
ICE sieht sich in den USA inzwischen mit einem zivilgesellschaftlichen Ungehorsam konfrontiert, der Nachbarn zu schützen sucht. In seiner PR-Arbeit versucht ICE sein Image aufzubessern und seine Legitimität unter Beweis zu stellen.
Leider kommt hier nun der prinzipiell zu begrüßende Kampf gegen die internationale Antikenhehlerei ins Spiel. Medienwirksam inszenierte Rückgabe-Zeremonien mit Botschaftern, Kuratoren und antiken Schätzen bringen ICE positive Schlagzeilen.  Das Narrativ einer "Retterin der Weltkultur", lenkt von Internierungslagern, Familientrennungen und Gewalt ab. Das ist dasselbe Propagandamuster, das wir in vielen Situationen etwa in Syrien kennen gelernt haben, wo sich Russland in Palmyra als Kulturretter inszeniert hat (Archaeologik 1.10.2015).
ICE verfügt mit der spezialisierten Ermittlungsabteilung HSI (Homeland Security Investigations) über das Programm für Kulturgüter, Kunst und Antiquitäten (Cultural Property, Art and Antiquities, CPAA), die im Kampf gegen die weltweite Antikenhehlerei in letzter Zeit einige Erfolge aufweisen kann.

Das Antikenlager in Florida 

Der aktuelle Fund in Florida stellt zwar einen der größten Schläge von ICE/ HSI dar, ist aber bei weitem nicht der einzige Fall. In Tampa, Florida wurden nach Medienberichten über 22.000 antike Artefakte sichergestellt, die aus Europa, Afrika und dem Mittelmeerraum stammen. Unter den Stücken befanden sich nach Medienangaben antike griechische und römische Münzen, byzantinisches Glas, Schmuck, Keilschrifttäfelchen und -zylinder, Terrakottafiguren, Gefäße, Statuen und Mosaike. Laut ICE stammen die Funde aus illegalen Grabungen und Museumsdiebstählen in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten. Aktuell arbeiten Archäologen der University of South Florida und der University of Pennsylvania unter Hochdruck daran, jedes einzelne Stück zu zertifizieren.
Glas- und Keramikfunde aus der Sicherstellung in Tampa
(Foto: ICE, PD, via ICE)

 
Die veröffentlichten Bilder lassen in der Tat ein großes Spektrum unterschiedlichster Fundobjekte erkennen, darunter auch solche, die nach meiner Einschätzung aus Syrien oder der Ukraine stammen könnten. Das stützt die These, dass Raubgrabungsfunde verzögert auf den Markt kommen und zunächst, entweder nahe ihrer Herkunftsgebiete oder aber schon in Händen der Hehler und Schmuggler über Jahren eingelagert werden, bevor Gras über die Konflikte gewachsen ist - oder die Politik ältere Funde mal wieder durch Anpassung der gesetzlichen Fristen legalisiert. 

Rückgaben

Sobald die strafrechtlichen Ermittlungen und Eigentumsprüfungen abgeschlossen sind, übergibt die US-Regierung die Raubkunst im Rahmen formeller Zeremonien an die Herkunftsländer. Zu den bedeutendsten Rückgaben der letzten Jahre gehören:
In Zusammenarbeit mit dem US-Außenministerium gab HSI im Mai 2026 26 antike Artefakte an die Republik Griechenland zurück. Das Prunkstück der Rückgabe war ein rund 250 Kilo schwerer Marmortorso von Asklepios, dem griechischen Gott der Heilkunst. Zudem wurden 25 seltene antike Münzen übergeben, die bis in die griechische, römische und byzantinische Epoche zurückreichen. 
 
Asklepios-Statue
(Foto: ICE, PD via WikimediaCommons)


Ebenfalls im Mai übergab die HSI-Dienststelle in El Paso in einer feierlichen Restitution eine Vielzahl präkolumbianischer Artefakte und Kolonialgüter an die mexikanische Regierung. 
In Washington wurden im Januar 2026 sieben wertvolle Artefakte an die ägyptische Botschaft restituiert. Darunter befanden sich zwei mumifizierte Fische sowie ein Falkenkopf aus der Ptolemäerzeit (304–30 v. Chr.) sowie ein Amulett des Gottes Set und ein Herzskarabäus aus Basalt. 
HSI New York gab im Februar 2025 gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Manhattan 133 antike Kunstschätze an Pakistan zurück. Die Stücke stammten größtenteils aus Beschlagnahmungen rund um illegale Kunsthändlerringe. 

Rückgaben gab es bereits vor Trumps zweiter Präsidentschaft, unter anderem an Indien, den Jemen, Zypern, Italien und Frankreich. Insgesamt hat das HSI-Kulturgüterschutzprogramm seit seiner Gründung im Jahr 2007 weit über 20.000 Objekte in mehr als 40 Länder weltweit zurückgebracht. 

Es ist schade, dass die notwendige Verfolgung der Antikenhehler nun einen Beigeschmack bekommt und diese Arbeit auch dazu dient, die dunkle Seite von ICE zu relativieren.


Quellen

  • Offizielle Pressemitteilungen ICE/HSI

Literatur

  • H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft (Frankfurt 1955). 
  • G. Samaras, ICE as domestic state terror: operation Metro Surge and the production of fear in Minneapolis. Critical Studies on Terrorism 19/3, 2026, 811–828. - doi: https://doi.org/10.1080/17539153.2026.2686525

Donnerstag, 27. August 2026

rein - raus - Gold weg: Nächster Goldschatz geklaut

Nach Manching und Vix ist der nächste Goldschatz  weg. 

Der Schatz von Villena war im Museum Alicante [Korrektur 29.8.26: Villena] ausgestellt, bis er am frühen Morgen a, 27.8.2026 gestohlen wurde, nebst einigen anderen Goldobjekten des Museums - und unter Zurücklassung des Silbers und hoffentlich auch der Eisenfunde. Unter den fat 60 Objekten des größten bronzezeitlichen Hortfundes finden sich nämlich auch ein paar Stücke der ältesten Eisenfunde.

Goldschatz von Villena
(Foto: Ángel M. Felicísimo , CC BY 2.0] via Wikimedia Commons]

 

Die Goldobjekte, vor allem Schalen und Miniaturgefäße, aber auch Schmuck gehörten zu den ganz herausragenden Funden der Bronzezeit. Der Hort wurde 1963 bei archäologischen Untersuchungen gefunden, wurde also nicht schon bei der Auffindung von Räubern zerstört. 

2024 wurde der Schatzfunde aus einem Banktresor in das neu gestaltete Museum der Stadt überführt. Die Polizei vermutet eine auf Kulturgut spezialisierte Bande hinter dem Raub. 

Möge man die Typen einkasteln, bevor sie die Objekte eingeschmolzen haben. Aber wahrscheinlich ist das schon zu spät... 

Literatur

  • G. Atiénzar,/ M. Hernandez/ V. Barciela, The Treasures of Villena and Cabezo Redondo. In: H. Meller/ R. Risch/ E. Pernicka (Hrsg.),  Metalle der Macht - frühes Gold und Silber. 6. Mitteldeutscher Archäologentag vom 17. bis 19. Oktober 2013 in Halle (Saale). Tagungen Landesmus. Vorgesch. Halle 11  (Halle 2014) 593–610 . - ISBN 978-3-944507-13-2

Änderungsvermerk 29.8.2026: Ich hatte irrtümlich das Museum in Alicante verortet. Es befindet sich in Vilena am Fundorte, etwa 40 km NW von Alicante.

Donnerstag, 30. Juli 2026

Der Goldschmuck von Vix doch Opfer eines Sammlers?

In einem Interview mit Ke Figaro äußert sich Dominique Garcia, Präsident des Institut national de recherches archéologiques préventives (Inrap)zumRaub des Halsreifs von Vix. Ers sieht auch bei solch exzeptionellen Stücken einen weltweiten Markt bei Sammlern und die Möglichkeit, dass es sich um einen Auftragsraub handelt

 

Laut Staatsanwaltschaft in Nancy wurde inzwischen eine Person verhaftet. Die Ermittler geheh aber davon aus, dass es mehr als die zwei Täter waren, die im Museum mit Hut, Perücke und Sonnenbrillen in Erscheinung traten.

Artur Brand ein niederländischer Kunstdetektiv, der schon einige gestohlene Kunstobjekte aufgefspürt hat, will nach dem Halsschmuck der Damevon Vix suchen. Vor Jahren wurde aus dem Museum eine römische Bacchus-Statuette gestohlen, die er wieder beibringen konnte.


 

Wollen wir mal hoffen, dass das gute Stück wieder auftaucht. Es ist eines der faszinierendsten Objekte 'keltischer' Kunst. Filigrane Auflagen und kleine Pegasus-Figürchen an den Enden kontrastieren mit der glatten Oberfläche des eher wuchtigen Nackenteils. Der Halsschmuck, für den der Begriff "Toques" nur bedingt zutreffend ist, ist ziemlich einzigartig, so dass die Forschung über seine Herkunft spekuliert hat: skythisch,etruskisch,griechisch oder doch einheimisch 'Keltisch'. Christiane Eluère argumentierte aufgrund stilistischer aber auch technischer Details für eine regionale Herstellung. Im Grabungsbefund lag der Schmuck am Schädel, aber letztlich blieb unklar, ob er als Halsschmuck oder doch eher als Teil einer Kopfbedeckung oder als Diadem zu verstehen ist. 1989 wurden Materialanalysen des Goldes publiziert, doch scheinen neuere Beprobungen im Rahmen einer systematischen Untersuchung keltischer Halsreife nicht durchgeführt worden zu sein. 

Halsschmuck der Dame von Vix
(Foto: GO69, CC BY-SA 4.0,via WikimediaCommons)
 

 

 

Links

 

Literaturhinweise 

  • C.Eluère, Das Gold der Kelten (München 1987)
  • C. Eluère/ F. Drilhon/ H. Duday/ A.-R. Duval, L'or et l'argent de la tombe de Vix. Bulletin de la Société préhistorique française 86/1, 1989.  10-32. - DOI : https://doi.org/10.3406/bspf.1989.9357  

Freitag, 24. Juli 2026

Der Goldschmuck der Dame von Vix wurde geraubt

 Der berühmte Halsschmuck der "Dame von Vix" wurde am helllichten Tag aus dem Museum in Châtillon-sur-Seine geraubt. Bereits früher gab es zwei erfolglose Einbrüche des Nachts, woraufhin die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt worden sind. Nun haben sich die Täter zwischen Touristen gemischt, haben die Vitrine eingeschlagen und sind mit dem Goldreif zur Vordertür geflohen. Erste Berichte in lokalen Medien:

  • Une partie du trésor de Vix dérobée au musée de Châtillon-sur-Seine, en plein jour. Le bien public 24.7.2026. - https://www.bienpublic.com/culture-loisirs/2026/07/24/le-musee-de-chatillon-sur-seine-victime-d-un-vol-en-plein-jour
  • Le Musée du pays Châtillonnais victime d'un vol en plein jour, le torque de la Dame de Vix dérobé. ici 24.7.2026. - https://www.ici.fr/bourgogne-franche-comte/cote-d-or-21/chatillon-sur-seine/le-musee-du-pays-chatillonnais-victime-d-un-vol-en-plein-jour-le-torque-de-la-dame-de-vix-derobe-2635625 
     

Das Grab der Dame von Vix aus der Späthallstattzeit wurde 1953 ausgegraben. Neben dem Goldreif enthielt es einen riesigen über zwei zentner schweren griechischen Bronzekrater, der in der klassischen Debatte um die Südimporte eine zentrale Rolle spielte. In den 1980er Jahren hatte Konrad Spindler die reiche Grabausstattung mit seinem Reichtum den griechischen Importen und einem Wagen einem Mann zugeschrieben. Nach neuen anthropologischen Untersuchungen gilt dies heute als ein Musterbeispiel dafür, wie modernes Rollenverständnis in die Vergangenheit projeziert wird. Das Grab wird dem "Fürstensitz" auf dem Mont Lassois zugeordnet, wo in den 2000er Prospektionen und Grabungen wichtige Einblicke in die Siedlung ergeben haben.

Halsschmuck der Dame von Vix
(Foto: GO69, CC BY-SA 4.0,via WikimediaCommons)
 


Der Goldreif der Dame von Vix ist ein hochgradiges Kunstobjekt, doch dürfte es den Räubern wohl eher auf die 480 Gramm reines, 24-karätiges Gold ankommen, die aktuell einen reinen Materialwert von rund 55.030 Euro haben. Es steht zu befürchten, dass der Reif eingeschmolzen wird.

 

Literaturhinweise

  • R. Pittioni, Grächwil und Vix handelsgeschichtlich gesehen. In: R. Degen / W. Drack / R. Wyss (Hrsg.), Helvetia Antiqua. Festschrift Emil Vogt. Beiträge zur Prähistorie und Archäologie der Schweiz (Zürich 1966) 123–128.
  • F. Fischer, KEIMELIA. Bemerkungen zur kulturgeschichtlichen Interpretation des sogenannten Südimports in der späten Hallstatt- und frühen Latène-Kultur. Germania 51, 1973, 436–459.
  • R. Joffroy, Vix et ses trèsors (Paris 1979).
  • W. Gross, Zu Problemen des 'Fürstengrabes' in Vix. Hamburger Beitr. Arch. 7, 1980, 69–77. 
  • K. Spindler, Die frühen Kelten (Stuttgart 1983). 
  • B. Arnold, The Deposed Princess of Vix: The Need for an Engendered European Prehistory. In: D. Walde / N. D. Willows (Hrsg.), The archaeology of gender. Proceedings of the Twenty-second Annual Conference of the Archaeological Association of the University of Calgary (Calgary 1991) 366-374. 
  • C. J. Knusel, More Circe than Cassandra: The Princess of Vix in ritualized social context. European Journ. Arch. 5,3, 2002, 275–308.
  • A. Mötsch / A. Haffner / U. Müller, Zu den Ausgrabungen des Kieler Instituts für Ur- und Frühgeschichte am Mont Lassois 2004-2006. In: D. Krauße / C. Steffen (Hrsg.), Frühe Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse. Zur Genese und Entwicklung frühkeltischer Fürstensitze und ihres territorialen Umlandes. Kolloquium des DFG-Schwerpunktprogramms 1171 in Blaubeuren, 9. Forsch. u. Ber. Vor- u. Frühgesch. Bad.-Württ. 101 (Stuttgart 2008) 9–26.
     
     

Mittwoch, 25. März 2026

Der Fall Butyagin - Politik in der Archäologie

Bereits im Dezember 2025 wurde der russische Staatsbürger Alexander Butyagin in Warschau festgenommen. Die Ukraine hat bei der Warschauer Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Auslieferung gestellt. Butyagin ist Leiter der Abteilung für antike Archäologie der Schwarzmeerregion des Staatlichen Eremitage-Museums in St. Petersburg und ihm werden illegale Ausgrabungen auf der Krim vorgeworfen.

Butyagin, 1971 noch in der Sowjetunion in Leningrad geboren und in Leningrad aufgewachsen, arbeitete schon seit 1999 als Ausgrabungsleiter in Myrmekion, einer antiken griechischen Kolonie aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf der Krim nahe des heutigen Kertsch. Bereits seine Abschlussarbeit an der staatlichen Universität in Leningrad befasste sich mit Myrmekion. Seitdem ist er an der Eremitage tätig wo er 2006 Abteilungsleiter wurde. Von 2010 bis zum russischen Angriffskrieg arbeitete er auch in römischen Villen am Golf von Neapel.

Die Grabungen erfolgten seit 2014 in Myrmekion mit russischer, nicht mit ukrainischer Genehmigung. Bereits im Januar 2022 begann die Ukraine ein Strafverfahren gegen Butyagin wegen "illegaler Grabungen".

Die Ukraine hat deswegen schon seit Jahren eine ganze Reihe von Archäolog*innen international zur Fahndung ausgeschrieben. Dennoch war Butyagin 2025 auf einer Vortragsreise durch Europa – geplant waren die Stationen Paris, Prag, Amsterdam, Warschau und Belgrad. An den ersten Stationen konnte er seinen Vortrag über "Die letzten Tage von Pompeji" auch halten. 

 

Russlands Reaktion und Butyagins Verteidigung

Der Fall Butyagin entwickelt sich nun zum diplomatisch-juristischen Nebenkriegsschauplatz. Russland bezeichnet die Festnahme als "politisch motiviert" und hat den polnischen Botschafter einbestellt. Das russische Außenministerium nannte die Vorwürfe "absurd" und behauptete, Butyagins Arbeit "bereichere das kulturelle Erbe der Völker der Krim". Michail Piotrowski, der Direktor der Eremitage, verglich die Verhaftung Butyagins und die Sanktionen gegen Russland mit der Belagerung Leningrads. 

Butyagin selbst betonte stets, er habe wissenschaftlich korrekt gearbeitet und sei kein Gesetzesbrecher, sondern ein Forscher, der dokumentiere und bewahre. Er sah sich als "Mann von Spaten, Kellen, Pinseln" und "Archiven", nie als "Mann der Politik". Er verwies auf die historischen Verbindungen der Eremitage zur Krim, die bis ins zaristische Russland zurückreichen. 2014 verfasste Butyagin nach der russischen Besetzung der Krim allerdings ein Gedicht, in dem er Russland seine Treue versicherte: "Bereit für Gefängnis und Armut, tue ich das, was ich für Russland tun muss." Dies zeigt seine Priorisierung der Loyalität gegenüber dem Staat über potenzielle rechtliche Grauzonen, was seine Beteuerungen, seine Tätigkeit sei völlig unpolitisch, in Frage stellt.
 

Der Prozess in Polen

Ein Warschauer Berufungsgericht hat im Februar Butyagins Verhaftung bestätigt, und seine Haft bis zum 1. Juni 2026 verlängert. Ein polnisches Gericht muss nun über die Auslieferung an die Ukraine entscheiden. 

Das polnische Gericht befasst sich nicht mit der Frage der Schuld Butyagins. Es klärt nur, ob die ihm von der Ukraine vorgeworfenen Handlungen eine Straftat darstellen, die nach polnischem und ukrainischem Recht mit mindestens einem Jahr Gefängnis zu bestrafen wäre; ob der Antrag der Ukraine ausreichend begründet ist und ob Butyagin in der Ukraine ein faires Verfahren bekommen würde.

Im Januar wurde der Prozess vorübergehend unterbrochen, da Butyagins Anwälte gegen die Richterin einen inzwischen abgelehnten Befangenheitsantrag gestellt hatten.

Bei der Verhandlung im Januar trat ein maskierter Demonstrant auf, der ein Foto von Butyagin hochhielt und lautstark über die Notwendigkeit sprach, „das Naziregime in Kiew zu bekämpfen“. Abgelehnt wurde zudem der Antrag, Butyagin aus der Haft zu entlassen und stattdessen in Hausarrest zu nehmen. Kolleg*innen - auch aus dem Westen - hatten eine Petition eingereicht und gesammelt, um einen Hausarrest zu erreichen.

Instrumentalisierung der Archäologie

Der russische Krieg in der Ukraine zeigt verschiedene Arten, wie Archäologie politisch instrumentalisiert wird. 
 
1.) Da ist zunächst die bewusste Manipulation. Herausragendes Beispiel dafür ist Putins Geschichtspark in Chersonnesos. Direkt an die Kernzone des UNESCO-Welterbes Und mitten in der antiken Vorstadt und mittelalterlichen Besiedlung wurden hier Pseudo-Rekonstruktionen hingeklotzt, die die propagierte Größe der russischen Vergangenheit vermitteln sollen (vgl. Archaeologik 4.8.2024; Schreg 2025). Hier geht es um Manipulation in der Interpretation und der Vermittlung, die sich ggf. auch Originalbefunde zerstört oder verfälscht. Auch Inszenierungen archäologischer Stätten als Bühne für politische Veranstaltungen können manipulativ sein (müssen es aber nicht unbedingt).
 
2.) Die subtile Propagandierung, bei der den beteiligten Wissenschaftlern in ihrem “quellen- und praxisorientierten“ Herangehen die eigenen Vorurteile gar nicht mehr bewusst sind und daher Wissenschaftlichkeit und Selbstkritik soweit verloren gehen, dass etablierte, aber möglicherweise falsche Geschichtsbilder weitergetragen werden. Politisch-gesellschaftlich stabilisiert dies bestehende Verhältnisse oder unterstützt konservative, schlimmstenfalls rückwärtsgewandte Weltbilder. Auf der Krim sind dies die ethnischen Deutungen, die weiterhin unreflektiert verbreitet werden, obwohl sie ein Konstrukt des Stalinismus sind. Damals waren die Alano-Goten erfunden worden, um die deutsche Gotenpropaganda abzuwehren und andererseits, um sich nicht mit den wenig angesehenen Byzantinern auseinandersetzen zu müssen (Archaeologik 28.6.2020). Die Politik steuert hier im Hintergrund nicht selten dadurch, dass sie durch Förderanreize oder Verbote bestimmte Themen unterdrückt oder fördert - oder in die Personalauswahl der Wissenschaft eingreift.
Die Integration archäologischer Funde und Stätten in die eigene Nationalgeschichte kann banal, aber auch politisch-identitätsstiftend sein und wäre je nachdem dem einen oder anderen zuzuordnen.

3.) Die Verfügbarkeit über archäologische Funde und Stätten als Ausdruck staatlicher Hoheitsrechte.  Die Initiative dafür geht oft nicht von der Archäologie aus, aber gerade solche Fälle machen klar, dass die Archäologie nicht unpolitisch sein kann. Im russischen Krieg gegen die Ukraine war dies von Anfang an ein wesentliches Feld der politischen Rolle der Archäologie. Der Aspekt wird vor allem dann wirksam, wenn eine öffentliche Aufmerksamkeit vorhanden ist und die Hoheitsrechte demonstrativ eingefordert werden können. Das war bei dem Krim-Gold in Amsterdam so (Archaeologik 29.1.2022) und das ist nun auch im Fall Butyagin so.
 
4.) Archäologie zur Normalisierung ist ein Fall, der häufig eintritt, wenn ein Staat mit demokratischen Defiziten versucht, internationale Beziehungen zu halten oder zu festigen. Hier geht es einfach um Akzeptanz, nicht um die archäologischen Inhalte. Nach dem Ende der Sowjetunion hatten archäologische Ausstellungen einige Bedeutung für die Völkerverständigung - etwa auch mit der 1999 in Zusammenarbeit mit der Ukraine  im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg  gezeigten Ausstellung „Unbekannte Krim“ (Werner/Ludwig 1999), oder den deutsch-russischen Ausstellungen der Staatlichen Museen in Berlin mit dem Puschkin-Museum in Moskau und der Eremitage in Sankt Petersburg etwa zur Merowingerzeit (Menghin / Bertram 2007). Gerade diese Normalisierung führt häufig zu divergierenden Einschätzungen und sozialem Sprengstoff. Aktuell beispielsweise geht es in der European Association of Archaeologists (EAA) um den Umgang mit Kolleg*innen aus Israel. Einige fordern, beim nächsten Annual Meeting  in Athen Kollegen aus Israel wegen der Politik Israels und dessen potentieller Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen, generell auszuschließen und wollen andernfalls die EAA boykottieren. Außerhalb der Archäologie finden die Debatten um den Ausschluss russischer Sportler bei den olympischen Spielen, aber auch den Boykott von Fußballweltmeisterschaften 2022 in Katar oder nun auch 2026 in den USA große Aufmerksamkeit. Teilweise wird russischen Sportler*innen eine individuelle Teilnahme gestattet. Von der Teilnahme als Vertreter ihres Staates befürchtet man eine Normalisierung der Kriegsführung. Normalisierung kann dabei von zwei Seiten wirken: Einerseits kann Unrecht von Täterseite relativiert werden, andererseits kann eine fehlende Verurteilung von Opferseite als normalisierend empfunden werden. 
 
Dabei ist zu fragen, ob die Normalisierung eine Strategie ist, die von den Akteuren selbst bewusst verfolgt wird - oder ob sie nicht ggf. einfach so weitermachen wie immer, weil sie vordergründig von dem eigentlichen Problem nicht betroffen und darin nicht engagiert sind. 
 
Ein Pauschalurteil und der generelle Boykott ganzer Nationen dürfen kein Automatismus sein. 
 
Im Falle Butyagin stellt sich die Frage, ob seine Vortragsreise in Europa bewusst das politische Ziel einer Normalisierung verfolgt hat und ob es darum ging, Russland salon-fähig zu machen. Schließlich wolle er tun, was er "für Russland tun muss" und schließlich stellt einer seiner Anhänger im Gerichtssaal den Prozess auch in einen Kontext mit den russischen Kriegszielen. Darum geht es aber bei der Verhaftung aktuell gar nicht - und ein Urteil ist hier eher auf einer moralischen, denn auf einer rechtlichen Ebene zu suchen. Dabei ist der Einzelfall zu berücksichtigen.

Klar ist nur: Wissenschaftler, die durch gezielte Manipulation der Geschichte aktiv Grundprinzipien der Wissenschaftlichkeit verletzen, können keine wissenschaftlichen Partner mehr sein. Wo aber die Grenze zwischen bewusster Manipulation und unbewusster Weitergabe von Mythen verläuft, ist oft nicht klar nachzuvollziehen. Völkerverständigung bedeutet  ja gerade auch, einander mit verschiedenen Werten und Kulturen vertraut zu machen - problematisch wird das nur, wenn die transportierten Geschichtsbilder nicht auf einer wissenschaftlichen Analyse, sondern auf einer politischen Agenda oder unkritisch hingenommenen Mythen beruhen. 
Wo verläuft aber beispielsweise die Grenze zwischen der wissenschaftlich gebotenen Dekonstruktion von Mythen und einer politischen Agitation dagegen? Viele Aspekte liegen dabei ja außerhalb der Aussagekraft archäologischer Daten.

Monitoring durch die Ukraine

Die Ukraine wirft Russland vor, das Kulturerbe zur Legitimation der Besetzung zu missbrauchen. Websites wie "The Ancient City of Tauric Chersonese and its Chora", betrieben vom CISS, beobachten die Situation speziell in Chersonesos. Eine weitere Website ("War Sanctions") dokumentiert illegale Ausgrabungen, Museumsdiebstähle und Zerstörungen in der gesamten Ukraine. Zahlreiche Berichte und Artikel untersuchen das russische Vorgehen bei Denkmalen, insbesondere auf der Krim (Campfens et al., 2023; Klenina et al., 2024; Kravchenko, 2024). Das CISS bietet zudem eine interaktive Karte des ukrainischen Kulturerbes, die Zerstörung, Plünderung und illegale Ausgrabungen aufzeigt.

Ukrainische Behörden haben damit russische Archäologen, die illegale Ausgrabungen in besetzten Gebieten wie der Krim durchführen, identifiziert und werfen ihnen Verstöße gegen ukrainisches und internationales Recht vor ("War Sanctions Stealers of Heritage"). Diese Aktivitäten werden als Plünderung und Diebstahl von Kulturgütern gewertet und sind oftmals Teil größerer Bauprojekte, wie etwa der Autobahn von der Krim-Brücke bei Kertsch nach Sewastopol. Hierbei wurden zwar viele archäologische Stätten zerstört, aber immerhin durch Notgrabungen dokumentiert. Angesichts der Umstände kann es sogar als glücklich angesehen werden, dass überhaupt Grabungen durchgeführt wurden. Obwohl sie unter erheblichem Zeitdruck stattfanden, scheinen sie  auch archäologischen Standards zu genügen - anders als die Grabungen zu Putins Geschichtspark.

Elmira Ablyalimova-Chyihoz vom CISS betont gegenüber den Medien, dass Archäologie nicht außerhalb legaler Rahmenbedingungen existiere und der Anspruch, Ausgrabungen "aufgrund einer kulturellen Mission" durchzuführen, nicht akzeptabel sei. Irina Tarsis vom Center for Art Law weist darauf hin, dass nach ukrainischem Recht seit 2004 Genehmigungen für Ausgrabungen erforderlich sind und unzulässige Grabungen als Verbrechen gelten. 

 

Künftige Urteile

Gerichtsurteile und moralische Urteile fallen nicht immer zusammen. Teil des moralischen Urteils sollte immer auch die Reflektion darüber sein, wie man selbst in solch einer Situation handeln würde. Früher waren das eher theoretische Denkspiele, heute sind das für manche Kolleg*innen schon ganz konkrete Entscheidungen.

Kollegen, die auf der Krim Notgrabungen durchgeführt haben, sind sicher anders zu beurteilen als solche, die das russische Regime freiwillig unterstützen und sich aktiv über das Völkerrecht hinwegsetzen und die  Wissenschaft dazu auch propagandistisch verbiegen.  Meist wissen wir auch nicht, ob und wie die betreffenden Kolleg“innen möglicherweise unter Druck gesetzt wurden.

Die Haltung Butyagins und die seines Arbeitgebers spaltet anscheinend auch die russische Wissenschaftsgemeinschaft. Von den Kolleg*innen in Russland erfahren wir naturgemäß nur wenig. Einige stellen sich auf die Seite Butyagins und betonen die "Grenzenlosigkeit der Archäologie". Andere bewerten sein Handeln kritisch, da er auch nach 2014 ohne ukrainische Genehmigung weitergegraben hat. Ein ehemaliger Kollege, Pawel Kolosnizyn, der Russland 2022 wegen seiner Kritik am Krieg verlassen hat, bemerkt: "Lebenswerk hin oder her, jeder trifft seine Entscheidung", sieht also eine Verantwortung.

Auch wenn einige die Ausstellung von Haftbefehlen für alle russischen Kollegen, die an illegalen Ausgrabungen teilnehmen, für angemessen halten (Tymchuk, 2017; War Sanctions Stealers of Heritage), wird es nach Kriegsende entscheidend sein, das Ausmaß solcher Anschuldigungen realistisch zu bewerten. Viele der russischen Wissenschaftler könnten unter erheblichem Druck stehen, wie das Beispiel eines Archäologen aus St. Petersburg zeigt, der 2023 wegen der Verbreitung von "Fake News über das russische Militär" zu 5 1/2 Jahren Haft verurteilt wurde (Novaya Gazeta Europe, 2023).

Zu gegebener Zeit wird man sich das genauer ansehen müssen. Aktuell scheint das gerechterweise kaum möglich. Das ist schlecht für Butyagin, der möglicherweise schon bald vor einem ukrainischen Gericht stehen wird.


Quellen

Medienberichte 

Literatur 

  • Lifanti 2024
    O. Lifantii, Occupied Heritage in Crimea: 10 Years of Illicit Excavations. In: 30th EAA Annual Meeting, Rome, Italy 2024. Abstract Book, Rome, 433. 
  • Lytvynenko, R. (2024). Ukraine’s Archaeological Heritage: Challenges of War. In: Lytvynenko, R. O. (ed.) The Current Russian-Ukrainian War: Socio-Historical Realities and Prospects. Proceedings of the International Conference, Vinnytsia, 15 March 2024. Konstanz, 173–182. - https://rchr.org.ua/wp-content/uploads/2023/06/buklet-press-anhl.-sotssety-2.pdf. 
  • Menghin / Bertram 2007
    W. Menghin / M. Bertram (Hrsg.), Merowingerzeit - Europa ohne Grenzen. Archäologie und Geschichte des 5. bis 8. Jahrhunderts. Archeologija i istorija V - VIII vv. = Merowingerzeit - Europa ohne Grenzen = The Merovingian period - Europe without borders (Wolfratshausen 2007). 
  • Schreg 2025
    R. Schreg, Russian Fake Historyand the Destruction of Heritage Sites by Illegal Excavations TEA 86, 2025, 27-36. - https://www.e-a-a.org/EAA/News___Publications/TEA_86_content/Special_Section.aspx
  • Werner / Ludwig 1999
    T. Werner / R. Ludwig (Hrsg.), Unbekannte Krim: archäologische Schätze aus drei Jahrtausenden. Ausstellungskat. Kurpfälz. Museum Heidelberg (9. Mai - 8. August 1999) (Heidelberg 1999). 

Interne Links 

Freitag, 23. Februar 2024

Schlechte Wertanlage: Antiken des IS in Heilbronn

Ein 35-jähriger Mann aus dem Kreis Heilbronn hat eine jahrtausendealte Keilschrifttafel aus Syrien erworben, Er fragte bei einer Universität um eine Übersetzung des Keilschrifttextes an. Die Experten fragten in Kenntnis der Situation vor Ort bei syrischen Kollegen, nach. Dabei stellte sich heraus, dass die Keilschrifttafel 2015 aus einem Museum in Idlib gestohlen wurde.
Der Mann behauptete, die Keilschrift aus einer alten bayerischen Sammlung erworben zu haben, um sie als Wertanlage zu nutzen. Bei einer Durchsuchung fand das LKA noch mehr archäologische Kulturgüter, darunter eine weitere Keilschrift und ägyptische Uschebtis. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun, ob der Mann gegen das Kultugutschutzgesetz verstoßen hat. 

Interessant an dem Fall ist vor allem, dass hier nun in Deutschland Artefakte auftauchen, die Daesh/ der IS nach 2015 im Museum Idlib gestohlen hat. 1550 Keilschrifttafeln werden dort seither vermisst. Versuche des Kunsthandels, die Rolle des Antikenhandels für die Terrorfinanzierung herunterzuspielen, hatten darauf verwiesen, dass in Europa bisher kaum Objekte aufgetaucht seien, die sich mit den IS-Plünderungen in Syrien verbinden lassen. Das war von Anfang an eine Nebelkerze. IS/Daesh hat ja sicherlich nicht direkt nach Heilbronn geliefert, sondern sein Geld von Zwischenhändlern erhalten, die die Funde erst einmal in Verstecken und Freihandelslagern zwischen gelagert haben, um sie dann nach und nach auf den Markt zu bringen. Der Fall aus Heilbronn ist ein Indiz, dass diese Welle nun anrollen dürfte, weil genug Gras über den Bürgerkrieg in Syrien gewachsen ist und die Welt genügend andere Krisen hat, um Raubgrabungen in Syrien, die vor fast 10 Jahren stattgefunden haben, Aufmerksamkeit zu schenken.  


 

Ein weiteres lehrt der Fall: Antiken sind eine schlechte Wertanlage, da sie meistens unter fragwürdigen bis illegalen Bedingungen auf den Markt gekommen sind. Regulär ausgegrabene Objekte werden schleßlich nicht verkauft, sondern kommen ins Museum.

 

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 Bearbeitungsvermerk 20.9.2025: stilistische Korrekturen


 

Freitag, 22. Dezember 2023

Mittwoch, 29. November 2023

Kunstverbrechen: Anderthalb Stunden Raubgräber

Unter dem Schlagwort "True Crime" widmet NDR-Kultur der Geschichte rund um die Himmelsscheibe von Nebra gleich zwei Podcast-Folgen von zusammen fast anderthalb Stunden nicht gefühlter Länge, die auch Einblicke in die Raubgräberszene geben. Wohltuend ist dabei, dass die Sucherei der Sondengänger nicht wie so häufig mit der Pauschal-Anssage "es ist verboten" abgetan wird, sondern durchaus erklärt wird, welchen Schaden sie mit ihrem eher kontraproduktiven "Geschichtsinteresse" anrichten. Letzteres hätte allerdings noch stärker thematisiert werden dürfen. Hervorzuheben ist auch, dass Sondengänger angehört und interviewt werden, was vor allem deutlich macht, dass sie eine seriöse Wissenschaftskommunikation de facto nicht erreicht.


leider wieder kein Bild der Himmelsscheibe


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Freitag, 29. September 2023

British Museum sucht Funde

und zwar die geklauten. Dazu wurde eine Website und eine e-Mail-Adresse eingerichtet.
 
in den Medien (Auswahl)
Die Website nennt die konkreten gestohlenen Objekte nicht. Diese diene dazu, zu verhindern, dass die dann unverkäuflichen gesuchten Funde im Schwarzmarkt landeten oder zerstört würden.
Übrigens war das BM nicht nur beim Verschwinden der Funde nachlässig, sondern auch beim Erwerb von Objekten und hat sich selbst beim Hehler bedient:

 interner Link

Donnerstag, 31. August 2023

Fehlbestände im British Museum: Ein gigantischer Museumsraub - oder viele kleine museale Alltagsprobleme?

Dem British Museum (BM) sind rund 1500-2000 Kleinobjekte abhanden gekommen - offenbar über die letzten zehn Jahre hinweg. 2021 wurde das BM von einem dänischen Antikenhändler darauf hingewiesen, dass bereits seit 2014 Objekte des BM auf ebay zu finden seien. Vieles hat er gekauft und laut Medienberichten mit Gewinn weiter verkauft.  Einige Objekte konnte er jedoch in Katalogen des BM identifizieren. Erste interne Ermittlungen des BM blieben allerdings ergebnislos, da einige der als gestohlen deklarierten Objekte tatsächlich im Depot gefunden werden konnten. Dem Vorfall wurde deshalb keine besondere Bedeutung zugemessen, der Händler nicht ernst genommen.

Immerhin wurden 70 Objekte auf ebay gesichtet, für die eine Herkunft aus dem BM wahrscheinlich zu machen war.

Daraufhin informierte dieser den Beirat des BM, so dass schließlich die Polizei ermittelte und einen wesentlich größeren Verlust konstatierte. Der Verdacht fiel auf einen langjährigen, renommierten Mitarbeiter, der als Kurator für griechische und römische Kultur zuletzt unter anderem für die Elgin Marbles zuständig war. Er wurde entlassen, doch betont die Familie seine Unschuld.

Inzwischen ist der Direktor des BM zurückgetreten.

 

Eingangshalle des British Museum London
(CC0 via Pixabay.de)

 

Welche Objekte genau abhanden gekommen sind, wurde bislang nicht im Detail bekannt gegeben. Sie befanden sich nicht in der Ausstellung, sondern im Magazin. Vollständigkeit und Tauglichkeit der Inventarisierung werden nun angezweifelt. Bei den Gegenständen soll es sich allgemein um Goldmünzen und -schmuck, Silberketten, Keramikstücke sowie Juwelen aus Halbedelsteinen und Glas handeln - vom 15. Jh. v.Chr . bis zum 19. Jh. n.Chr. 

Das ist ein auffallend breites Spektrum und ausgesprochen vage. Zu vermerken ist zudem, dass die Zahlen - sie sollen bei um die 2000 Stück liegen - keine Einschätzung über das tatsächliche Ausmaß geben. 935 Stück Edelsteine sind etwas anderes als 950 Keramikscherben, bei denen eine Einzelinventarisation oft jenseits des Leistbaren liegt und deren Wert vor allem in den Kontextinformationen liegt.

Meines Erachtens spricht das wohl eher breite Spektrum und der lange Zeitraum gegen die Idee eines Einzeltäters. Dem Verdächtigten wird als Motiv daher auch einfach  "Kleptomanie" unterstellt. 

Wenn jetzt im BM relativ schnell einzelne Objekte wieder aufgefunden wurden, spricht dies für eine nachlässige Organisation und eine laxe Handhabung mit dringendem Handlungsbedarf. Das hat aber als Skandal ganz andere, weit geringere Qualitäten als der Verlust hochwertiger Einzelstücke aus regulären Ausstellungen oder Magazinen. Dass nach wenigen Tagen einige Funde mit Hilfe befreundeter Kollegen wieder aufgetaucht sind, spricht dafür, dass vieles nicht gestohlen, sondern einfach im nicht so unüblichen Chaos wissenschaftlicher Bearbeitungen untergegangen ist. 

Einiges wurde sicher geklaut, anderes offenbar jedoch nicht. Hier würde ich mir eine Differenzierung wünschen, denn unter dem Eindruck eines vermeintlich riesigen Raubs durch einen Mitarbeiter besteht das Risiko, dass die Chance einer Problemanalyse und -lösung ungenutzt bleibt und ggf. sogar die Arbeit mit den Museumsobjekten weiter erschwert wird.

 

Umgang mit Studiensammlungen

In einigen der Berichte klingt an, dass es sich eben um Funde aus Studiensammlungen gehandelt hat und nicht, um inventarisierte, magazinierte Preziosen. Zu den Funktionen einer Studiensammlung gehört es, dass sie ohne große Hürden zugänglich ist, ggf. auch Stücke kurzfristig ausgeliehen werden können - zum Schutz höherrangiger oder wertvollerer Objekte. Wie das BM dies in der Vergangenheit gehandhabt hat, ist mir nicht bekannt.

Zweck von Studiensammlungen ist es idealerweise, zur Bestimmung neuer Funde vergleichend originale Referenzstücke heranziehen zu können. Da auch die neuen archäologischen Funde musealen-konservatorischen Reglements unterliegen, zudem möglicherweise erst im Prozess der Inventarisation oder Konservierung sind, sind es eher die Stücke der musealen Sammlung, die transportfähig und ausleihbar sein sollten. Idealerweise sind solche Stücke nicht die wertvollsten und kontextuell einmaligen Stücke. Durch die Vielzahl der Benutzer sind Studiensammlungen aufwändiger in Ordnung zu halten.

Daraus ergeben sich für solche Studiensammlungen de facto - wenn auch meist nicht formell - niedrigere Standards des Leihverkehrs im Interesse einer funktionierenden, effektiven Forschung. Dass in einer Vergleichs- oder Studiensammlung größere Risiken des Verlusts oder der Beschädigung bestehen, ist geradezu ein Kennzeichen solcher Sammlungen. 

 

Die Bedeutung der Inventarisation

Allerdings macht die Situation im BM auch deutlich, dass die Inventarisation der Museumsbestände unzureichend ist. Jenseits des schönen digitalen Katalogs fehlt es offenbar an der Grunderfassung auch der Altbestände. Darauf war schon vor 20 Jahren hingewiesen worden. 

Inventare waren in der Vergangenheit vor allem ein Besitznachweis und damit ein ungeliebter Verwaltungsakt, der der Öffentlichkeit auch verborgen blieb. Zu viel Aufwand im Inventar, war Zeit, die bei den "vornehmeren" Aufgaben der Museumsarbeit fehlte. Viele Museen verfügen über Altinventare, die gemäß der damaligen technischen und finanziellen Möglichkeiten ohne Fotos auskommen mussten. Oft sind nur Konvolute erfasst, ohne die Objekte einzeln aufzuführen. Das scheint auch im BM mit einigen geschenkten Objektsammlungen so gehandhabt worden zu sein. Damit fehlt nun die Möglichkeiten, den Besitz abhanden gekommener Objekte nachzuweisen und gezielt danach zu fahnden.   Selbst ein Haus wie das BM dürfte die erforderlichen personellen Kapazitäten nicht aus dem Ärmel schütten. Ein öffentliches Online-Inventar würde diese Arbeit aufwerten und hätte - richtig gemacht - einen Wert für Publikum und Forschung (vgl. Archaeologik 26.3.2023). Damit werden freilich auch jene Objekte sichtbar, die man in der Vergangenheit ob unklarer Provenienzen nur zögerlich gezeigt hat (vgl. Archaeologik 13.3.2023). Die größere Transparenz wäre Diebstahlschutz einerseits, andererseits aber auch ein wichtiger Schritt in die Gesellschaft.  

 

weitere Aufklärung

Es sind im BM erst mal eingehende Aufklärungen notwendig. Die Geschichte eines einzigen gigantischen Museumsraubs von einem internen Einzeltäter ist die medial attraktivere Geschichte als Defizite in der alltäglichen Museumsarbeit. Letzteres ist mit dem Stigma einer Unprofessionalität verbunden und würde dem Ruf der Institution wohl eher Schaden als ein Raub. 

Es wäre schön, wenn der Raub Anlaß wäre, Aufgaben von Museen gerade auch in ihrer Rolle als Archiv und Ort der Forschung neu zu reflektieren und darzustellen - und auch offen darzustellen mit welchen personellen und finanziellen Mitteln dies aktuell auskommen muss. 

 


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Rückgabeforderungen

 Der Vorfall zieht zahlreiche Rückgabeforderungen von Raubkunst nach sich:

Montag, 21. August 2023

Ein Bärendienst für den Kampf gegen Raubgrabungen und Antikenhehlerei

Die Behauptung, dass der illegale Handel mit Antiken sei nach Waffen und Drogen der drittgrößte, wird oft wiederholt. Aber woher stammt diese Behauptung und welche Beweise gibt es für ihre Richtigkeit? 

Donna Yates und Neil Brodie gehen der Frage in einem Artikel in Antiquity nach. Sie präsentieren eine "stratigraphische Ausgrabung" der Behauptung, indem sie systematisch wissenschaftliche Artikel, populäre Medienartikel und politische Dokumente sichten, um die Verwendung und Wiederverwendung des "Faktoids" in den letzten fünf Jahrzehnten aufzudecken. 

  • D. Yates and N. Brodie, “The illicit trade in antiquities is not the world's third-largest illicit trade: a critical evaluation of a factoid,” Antiquity 97 (2023) 991–1003. - DOI: https://doi.org/10.15184/aqy.2023.90 

Die Autoren stellen fest, dass die Behauptung nicht auf irgendwelchen Originalforschungen oder Statistiken beruht und nicht von zuständigen Behörden stammt. Insbesondere die Angaben bei Interpol, die 2005 selbst darauf aufmerksam gemacht haben, dass es keine brauchbaren Statistike dazu gäbe, blieben ohne Referenz auf konkrete Daten oder wenigstens begründete Schätzungen. Auf die Angabe bei Interpol habe ich mich auch auf Archaeologik schon bezogen - wenn auch mit dem Hinweis, das das kaum beweisbar sein könne (Archaeologik 13.8.2018). Damals ging es um die Behauptung, der Antikenhandel diene entscheidend auch der Terrorfinanzierung. Dies war im Kontext des Bürgerkriegs in Syrien eine häufig wiederholte Aussage, die insbesondere vom Kunsthandel angezweifelt wurde. Die Tatsache, dass sich Terroristen auch aus dem Handel mit Antiken finanzieren, ist inzwischen allerdings mehrfach nachgewiesen (vgl. Archaeologik 13.8.2018; Archaeologik 27.8.2015; Archaeologik 29.11.2018).

Die Analyse von Yates und Brodie zeigt, wie die unkritische Wiederholung unbegründeter "Fakten" legitime Bemühungen zur Verhinderung von Plünderungen, Schmuggel und illegalem Verkauf von Antiken untergraben kann. Die Lobby-Arbeit greift solche Schwachpunkte der archäologischen Position gerne auf, um zu ihren Gunsten Politik zu machen - und lenkt damit auch erfolgreich immer wieder davon ab, dass es letztlich nicht um Geldsummen, sondern um zerstörte archäologische Kontexte geht. 

In den Schlußfolgerungen ihrer Arbeit schreiben Ytes und Brodie:

"Die Vorstellung, dass die Schwere der Kriminalität vergleichend am Geldwert und nicht am Schaden für die Gesellschaft gemessen werden sollte, ist beunruhigend. Antiken und andere Kulturgüter sind grundlegende Bestandteile unseres Erbes und unserer Identität. Wir müssen ihren illegalen Handel nicht finanziell bewerten, um die sozialen Schäden noch schlimmer zu machen. Alles in allem zeugt das Fortbestehen dieser und ähnlicher Tatsachen, die sich auf die Quantifizierung des illegalen Handels mit Antiken und Kulturgütern im Allgemeinen durch Finanzvergleiche konzentrieren, auf einen schwerwiegenden Mangel im öffentlichen Verständnis und damit in unserer öffentlichen Darstellung der mit Plünderung und Menschenhandel verbundenen Schäden. Das öffentliche Verständnis und die Politik müssen auf Beweisen und nicht auf Rhetorik basieren. Zu diesem Zweck benötigen wir hochwertige Daten und Expertenanalyse, um die Faktoiden zu ersetzen, die derzeit im öffentlichen Diskurs verankert sind. Wir müssen auch die Ergebnisse dieser Analyse auf klare und aussagekräftige Weise kommunizieren und aufhören, träge zu wiederholen, was mittlerweile ein diskreditiertes Faktoid sein sollte."

 

 

(Foto: R. Schreg, 2013)

 

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