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Dienstag, 14. Juni 2022

Zurückgestellt: Das neue Wikingerschiffmuseum in Oslo

Seit 1926 war das berühmte Oseberg-Schiff im Wikingerschiffmuseum in Oslo ausgestellt. Seit Beginn dieses Jahres ist es geschlossen.
Schon lange ga es ein Hin und Her zur realisierung eines Neubaus, da es Befürchtungen gab, inwiefern die fragilen Funde einen Umzug unbeschadet überstehen könnten.


Grabung des Osebergschiffs 1904/05
(Foto Mus. Oslo, public domain; Wikimedia commons)


Nun war ein solcher Neubau eigentlich beschlossen und der Bau sollte demnächst beginnen. Ziel war es dort neben dem Osebergschiff auch die Wikingerschiffe von Tune und Gokstad sowie weitere Grabfunde auszustellen. Der Plan für den Neubau wurde 2016 in einem internationalen Architektenwettbewerb ausgewählt,
Aufgrund pandemiebedingter Verzögerungen und gestiegener Materialkosten sind die kalkulierten Kosten inzwischen jedoch gestiegen.
Die norwegische Regierung ist nicht bereit, die gesteigerten Kosten zu tragen und fordert im Gegenteil weitere Einsparungen.


Ein vom staatlichen Bauamt und der als Träger den Museums fungierenden Universität Oslo erstellter und unabhängig geprüfter Bericht hat Einsparmaßnahmen geprüft und kommt eindeutig zu dem Schluss, dass das Projekt nicht in einem reduzierten Rahmen durchgeführt werden kann.

Es besteht nun die Gefahr, dass das Projekt wieder auf Eis gelegt wird und die Schiffe und anderen Objekte auf unbestimmte Zeit hinter verschlossenen Türen und ohne die notwedigen Maßnahmen für verbesserte Lagerungsbedingungen liegen bleiben.

Montag, 11. September 2017

Die Archäologie hat die Marktkrankheit. Wir tun so, als würden wir Geschäfte machen und werfen die Geschichte weg.

Ende 2016 berichtete der Stockholmer Archäologe Johan Runer in der schwedischen Zeitschrift Populär Arkeologi über die in Schweden bei kommerziellen Grabungsfirmen gängige Praxis, Funde, die aufgrund der engen Finanzkalkulation nicht restauriert werden können, wegzuwerfen oder zu schreddern.
Runer benannte konkret zwei Ausgrabungen in Lund und  Molnby, bei denen Funde wie Kupfermünzen, Knöpfe, Beschläge, ein Messer, ein Blech mit Ornamenten sowie mehrere unidentifizierte Gegenstände weggeworfen worden sein sollen.

Ausgrabungen in Schweden 2013
(Foto: Västgöten [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

Rettungsgrabungen werden in Schweden - wie in manchen deutschen Bundesländern - mit privaten Gabungsfirmen vorgenommen, die sich mit einem entsprechenden Angebot für den Auftrag bewerben. Je weniger Funde zur Restaurierung vorgesehen sind, um so günstiger lässt sich das Auftragsangebot kalkulieren. 
Allerdings gibt es entsprechende Direktiven, die Funde auszudünnen, bereits von den staatlichen Auftraggebern. Runer schreibt:
"Oft, besonders bei kleineren Untersuchungen, lautet die Anweisung der Landesregierung, so wenig Funde wie möglich aufzuheben. Formulierungen wie „Es werden keine Funde aufgehoben“ oder „Die Fundeinsammlung wird äußerst restriktiv sein“ sind eher die Regel in den Direktiven. Auch bei den größeren Untersuchungen wird wesentlich mehr weggeworfen als früher." (Übersetzung: unzensuriert.at)
Das Vorgehen ist unverantwortlich, wenn es auch Situationen gibt, in denen Funde aus praktischen Gründen kassiert werden müssen. Es gibr Situationen auf Grabungen, bei denen Funde in so großer Zahl anfallen, dass letztendlich nicht alles geborgen, gelagert und restauriert werden kann. Das gilt beispielsweise für Dachziegel, bisweulen auch für Nägel oder Grobkeramik. Aber auch dann ist sicherzustellen, dass die Quelleninformationen gesichert werden, etwa durch gezielte Stichproben oder durch eine Kurzaufnahme vor Ort, die in Zeiten der Digitalkamera auch eine rasche fotographische Dokumentation umfassen kann.  Das Problem ist weniger das Wegwerfen als vielmehr das finanzielle Auswahlkriterium. In jedem Fall müssen die Funde in der Grabungsdokumentation erfasst werden, so dass zumindest Kartierungen möglich sind. Nicht jeder Ziegel kann beispielsweise archiviert werden, zumal seine Aussagen eher in der Fundkartierung liegt, die dann wichtige Hinweise auf die Rekonstruktion des Dachs eines Hauses geben kann.

Entscheidend  dürfen letztlich nur wissenschaftliche Fragestellungen sein, eine verantwortungsbewusste Entscheidung ist durch den Grabungsleiter oder erfahrene Wissenschaftler zu treffen, nicht, wie das in Schweden Praxis zu sein scheint, schon am Befund durch die betreffenden, meist eher weniger erfahrenen  Ausgräber.
Auch scheint nach Runers Artikel in den Berichten nicht immer klar kommuniziert zu werden, was denn nun entsorgt worden ist. Immerhin listet der von Runer zitierte Bericht einer Grabung in Lund die weggeworfenen Objekte kurz auf. Insgesamt erinnert die Praxis mehr an ein Vertuschen als an Wissenschaft, die eben situativ reagieren muss und nicht mit standardisierten Abläufen zu leisten ist.

Gegenüber dem Svenska Dagblatt kommentiert Johan Runer:
Wir werfen unsere Geschichte weg! [...] Es ist völlig verrückt, aber diese Branche hat die Marktkrankheit bekommen. Wir tun so, als würden wir Geschäfte machen.

Das ist ein Skandal, aber gleichzeitig zeigt der Artikel von Runer, dass die wissenschaftliche Selbstkontrolle prinzipiell funktioniert. Allerdings müssen dann jetzt auch rasch Konsequenzen gezogen werden und die betreffende Praxis abgestellt werden. Dass Runers Artikel kaum Resonanz gefunden hat, ist allerdings bedenklich. In einer Stellungnahme betont das Riksantikvarieämbetet die Priorität der wissenschaftlichen Kriterien. Bei dem zitierten Fall aus Lund seien moderne Gegensände ausgesondert worden (spätes 18. Jahrhundert und jünger [was seinerseits in der Tat noch viel zu wenig diskutierte Fragen nach dem Umgang mit der Neuzeitarchäologie aufwirft]). Inzwischen seien die Verfahren insofern geändert, als die Konservierungskosten bei den Preisangeboten für die Grabungen herausgenommen wurden. Das Problem liegt auch hier in der Nachfinanzierung der Grabungen, die bei einem Verursacherprinzip oft die Auswerungs-, Restaurierungs- und Lagerkosten außer Acht lässt. 

Wasser auf die Mühlen rechter Verschwörungstheoretiker

Natürlich  nutzen einige Kreise diese Nachrichten um gegen professionelle Archäologie Stimmung zu machen. In der European Union Times, einem rechten Propagandaorgan wird der Vorgang als Teil einer Verschwörung dargestellt: "The struggle to erase Swedish history, break down Swedish culture and force the Swedes to assimilate into the multicultural globalist phenomenon is going according to plan." Als Quelle wird ein Verweise auf The Daily Westerner News gesetzt, das die Geschichte mit einem Symbolbild mit antisemitischer Symbolik verknüpft.

Links

Montag, 7. September 2015

Zum Umgang mit Massenfunden

Das österreichische Bundesdenkmalamt stellt zum Download bereit:
Nikolaus Hofer (Hrsg.),  »Massenfunde – Fundmassen. Strategien und Perspektiven im Umgang mit Massenfundkomplexen« , Fachgespräch  21. August 2014, Mauerbach (Niederösterreich). Fundberichte aus Österreich/Tagungsband 2 (Horn: Berger 2015) - 2410-9193 (als pdf)
Als Hauptproblem bei der wissenschaftlichen Auswertung der ›Fundmassen‹ erweist sich somit – wenig überraschend – einmal mehr die Bereitstellung einer adäquaten finanziellen und personellen Ausstattung für Aufarbeitungsprojekte."
(N. Hofer, S. 8)

Inhalt

  • Nikolaus Hofer:
    Tagungsbericht zum Fachgespräch »Massenfunde – Fundmassen« am 21. August 2014 in der
  • Kartause Mauerbach / Alice Kaltenberger:
    Scherbenmassen und kein Ende – eine nicht verrottende Hinterlassenschaft. Keramische Massenfunde und Fundmassen als wissenschaftliches Potenzial
  • Daniela Kern:
    Gedanken zur Auswertung großer Siedlungsmaterialien anhand von Beispielen aus Ostösterreich
  • Maria Windholz-Konrad:
    Die Verwaltung der enormen Fund- und Datenmengen aus 20 Jahren archäologischer Forschung im steirisch-oberösterreichischen Salzkammergut
  • Hauke Jöns:
    Überlegungen zur wissenschaftlichen Analyse von Fundmassen. Forschungsstrategien zwischen Desideraten und Machbarkeiten im Grenzbereich von Natur- und Kulturwissenschaften
  • Claudia Theune:
    Archäologische Fundmassen und Massenfunde aus ehemaligen Konzentrationslagern
  • Andreas Heege:
    Keramische Fundmassen und Massenfunde. Bearbeitungsbeispiele aus Liechtenstein,

Mittwoch, 8. Juli 2015

Konservierung kostet Zeit und Geld

Das ist in dieser Kommunikation eine bittere Entscheidung  - aber vielleicht auch eine Gelegenheit, deutlich zu machen, dass es
1.) mit der Ausgrabung nicht getan ist, sondern dass auch danach noch Kosten anfallen, die durch das Verursacherprinzip oft eben nicht gedeckt sind,
und dass es
2.) nicht das Ziel der Archäologie ist, Museumsexponate anzuhäufen, sondern diese als wissenschaftliche Quelle zu nutzen und zu bewahren.


Interne Links

Montag, 14. Juli 2014

Schimmel-Keramik

Die Bearbeitung von Keramikfunden aus alten Sammlungsbeständen kann hin und wieder eklig sein: Milbenpopulationen und Schimmelflecken sind mir nun schon mehrfach begegnet. Jüngster Fall ist ein bronze- und urnenfelderzeitlicher Keramikbestand der Sammlung Kley - der anders als die nebenan gelagerten Funde auf fast allen Scherben punktuell auftretenden weißen Schimmel zeigt.
verschimmelte Keramik einer urnenfelderzeitlichen Fundstelle aus Langenau, geborgen Mitte der 1980er Jahre
(Foto: R. Schreg)

Im Falle des Schimmels wurden die Scherben nochmals gewaschen, wobei die befallene Fläche etwas wasserabweisend ist. Ohne Einsatz einer Bürste sind die Schimmelreste nicht ohne Weiteres zu beseitigen. Für weniger hart gebrannte vorgeschichtliche Keramik ist das ein Risiko für die Erhaltung der originalen Oberflächen.

Bei der Milbenpopulation hatte es keinen anderen Ausweg gegeben, als mit Insektenvernichtungsmitteln zu agieren - was ggf. für künftige archäometrische Untersuchungen ein Problem sein könnte.
Auch für Keramik sind trockene Lagerungsbedingungen wichtig - ebenso wie eine gelegentliche Prüfung des Zustandes der Funde.

Montag, 3. September 2012

Vasa - Probleme mit der Holzkonservierung

ScienceDaily (29.8.2012): Warning On Deterioration of Famous Swedish Warship, Vasa
mit Links zu weiteren Nachrichten aus dem Themenfeld der Holzkonservierung insbesondere bei Schiffsfunden
Vasa port galleries1
Heck der Vasa, Vasamuseum in Kalmar
(Foto: Peter Isotalo [GFDL, CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons)

Links

Dienstag, 17. April 2012

Kein Geld: Oseberg-Fund verrottet

Grabung des Osebergschiffs 1904/05
(Foto Mus. Oslo, public domain; Wikimedia commons)
Das zur Universität gehörige Kulturhistorische Museum in Oslo hat im März beim Bildungsministerium umgerechnet etwa 5 Mio Euro beantragt, um die Holzfunde von Oseberg erhalten zu können. Der Antrag wurde abgelehnt und das Museum auf seinen normalen Etat verwiesen...


Der Fund von Oseberg, dendrochronologisch auf 834 n.Chr. datiert, ist einer der wichtigsten wikingerzeitlichen Grabfunde. Obwohl keinerlei Metallbeigaben erhalten waren, zeigen die reichen Holzfunde - neben dem Schiff auch ein Wagen sowie Schlitten und Textilfunde - eine sehr aufwändige Grabausstattung.

Die Erhaltung von Holzfunden ist generell schwierig. Problematisch sind Fäulnis und Austrocknung. Eine entscheidende Phase ist die Zeit direkt nach der Bergung. Im Falle der wikingerzeitlichen Holzfunde aus dem Oseberg-Grab, geborgen 1904-05 wurde damals eine Konservierungsmethode mit Alaun verwendet. Sie hat das Holz bereits sehr spröde gemacht. Betroffen sind beispielsweise Wagen und Schlitten aus dem Grab, nicht aber das Oseberg-Schiff, das mit anderen Methoden konserviert wurde. Nun stellt sich heraus, dass die Mehrzahl der Funde im Innern völlig marode ist und nur die Oberfläche sie noch zusammen hält.

Mein Dank an Natascha Mehler für den Hinweis auf die norwegischen Zeitungsartikel.


Nachtrag 9.6.2012

Samstag, 3. Dezember 2011

Das Buch im Grab: Text und archäologischer Kontext

Kloster Bebenhausen
(Foto R. Schreg)
Im neuesten Band der "Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit" stellt Christina Vossler-Wolf ein interessantes Beispiel für den Fall einer Einbindung eines Textes in einen archäologischen Befund dar: Im südlichen Querschiff der Klosterkirche von Bebenhausen wurde im Jahr 2008 ein Grab freigelegt, das nach dem Fundmaterial aus der Grab- und Grabgrubenverfüllung, grün und gelb glasierte Hafnerware, in die Zeit ab dem 16. Jahrhundert datiert wird. Die Beigabe eines Rosenkranzes verweist somit auf eine der Phasen, in denen katholische Mönche nach Bebenhausen zurückkehrten.

Bücher sind als archäologische Funde ungewöhnlich und so stellte die Konservierung des Fundes eine Herausforderung dar. Der Fund wurde im Institut für Archiv- und Bibliotheksgut und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Studiengang Restaurierung von Grafik-, Archiv- und Bibliotheksgut bearbeitet. Der Einband verweist auf das frühe 17. Jahrhundert, doch konnte der Text nicht mehr lesbar gemacht werden. "Es stellte sich heraus, dass es sich doch eher um ein 'archäologisches' Fundobjekt als um ein 'archivalisches' handelt."

Insofern ist der Greifswalder Fund vom Januar 2011 natürlich "schöner": Hier wurde ein noch lesbares Buch des 15. Jahrhunderts (eine Handschrift, die „Revelationes“ (Offenbarungen) der Brigitta von Schweden enthielt)  unter dem Fußboden des Domes entdeckt - offenbar war es mit anderen Gegenständen dort deponiert worden.
In Bebenhausen handelt es sich um eine Grabbeigabe, die in einem persönlichen Bezug zu dem vor einem Altar bestatteten Mann stehen dürfte; in Greifswald um einen "Depotfund", dessen Niederlegungsgründe zunächst unklar sind (zumal er nicht bei einer planmäßigen Grabung, sondern bei unbeobachteten Baumaßnahmen zutage kam).

Literaturhinweis

Interner Link