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Samstag, 19. September 2015

"Es ist wichtiger, die Händler aus dem Markt zu nehmen" - EAA-Session zum Scheitern des internationalen Kulturgutschutzes

[see also English blogpost]
Angesichts von Zerstörungen, Plünderungen und andauernden Angeboten von Raubgrabungsgut im Handel, bei ebay und auf Auktionen stellt sich die Lage des internationalen Kulturgutschutzes mehr als deprimierend dar. Prinzipiell sind die bisherigen Bemühungen gescheitert!
 

Session bei der EAA in Glasgow

Bei der Tagung der European Association of Archaeologists (EAA) in Glasgow widmete sich am 2.9.2015 eine Sektion dem "Culture Trafficking: Research into the global traffic in cultural objects at the University of Glasgow (Illegaler Kulturguthandel - Forschungen zum illegalen Handel mit Kulturgütern an der Universität Glasgow" dem Thema. Vor allem wurden hier die Einblicke in das Dunkelfeld des illegalen Handel mit Kulturgütern präsentiert, die das Glasgower Projekt Culture Trafficking, für die Jahre 2012-16 finanziert mit ERC-Mitteln, erarbeiten konnte.

Beispiel Kambodscha

Koh Ker, Prasat Thom
Tempel von Koh Ker
(Foto: Arian Zwegers [CC BY 2.0] via flickr)
Sehr aufschlussreich ist beispielsweise die Untersuchung zur Rolle von Kulturgütern für die Guerillabewegung der Roten Khmer in Kambodscha, die Tess Davies vorgestellt hat. Im Zeitraum von 1975 bis zu ihrer Auflösung 1998 veränderte sich diese von einer propagandistischen Aneignung hin zu einer kommerziellen Ausbeutung durch Tempelraub und Raubgrabung. Mit der Zerstörung von buddhistischen Tempeln, christlicher Kirchen und islamischer Moscheen finden sich auch hier eine bilderstürmerische Ideologie. Diese richteten sich jedoch weniger gegen Altertümer, die der eigenen Traditionsbildung der Roten Khmer dienten. Wurde der Handel mit Kulturgütern von den Roten Khmer anfangs einfach besteuert - wie dies im Prinzip auch westliche Staaten tun - so engagierten sich spätere Kommandeure der Roten Khmer persönlich im Handel. Die Glasgower Forschungen zeigen die Schmuggelwege aus Kambodscha über Mittelsmänner in der Grenzregion hin zu renommierten Händlern in Bangkok, von wo aus die Ware weiß gewaschen in den Westen gelangt. Ein großer Teil des Gewinns verbleibt bei diesen Händlern, gewissermaßen als Entlohnung für die Übernahme des Risikos der Antikenwäsche. Mittlerweile gibt es in Kambodscha keinen einzigen Tempel mehr, der vom Raub der letzten Jahrzehnte verschont worden wäre. Einiges findet sich in westlichen Museen (vergl. The Secret of Cambodia’s Mythic Koh Ker Warrior: Archaeological Insight. Devata.org [1.3.2012]; Archaeologik 26.10.2012). In steigender Anzahl werden nun Gräber geplündert. An vielen Stellen konnte Tess Davies Parallelen zu den aktuellen Entwicklungen bei Daesh/IS aufzeigen.
  • S. Mackenzie / T. Davis, Temple Looting in Cambodia: Anatomy of a Statue Trafficking Network. British Journal of Criminology 54(5), 2014, 722-740 - doi:10.1093/bjc/azu038

Schutz vor Ort ist unrealistisch!

Calakmul, Mexiko:
Die Stele wurde von Plünderer seitlich abgearbeitet,
um das Relief besser verkaufen zu können
(Foto: Donna Yates [CC BY NC SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Donna Yates Beitrag zu Bolivien und Belize führte in zwei archäologisch fundreiche Regionen Lateinamerikas. Sie zeigte auf, wie internationale Abkommen den Realitäten vor Ort gar nicht gerecht werden können. Die Verpflichtungen der Staaten zum Schutz ihres Kulturguts sind unrealistisch, wenn beispielsweise keine Elektrizität für eine Alarmanlage zur Verfügung steht, in den betreffenden Dörfern nur noch wenige alte Menschen wohnen und weder Polizei noch Staatsanwaltschaft vor Ort existent sind. Schutzmaßnahmen vor Ort - die der Kunsthandel als Lösung des Problems propagiert und mit denen er seine Verantwortung abschieben möchte - können Plünderungen vor Ort nicht stoppen. Auch bilaterale Abkommen, wie sie die USA als MoU mit auch mit Belize und Bolivien (trotz eines eher angespannten diplomatischen Verhältnisses) geschlossen hat, sind keine brauchbaren Instrumente: Ähnlich wie im Vorderen Orient werden Raubgrabungsgüter mit Provenienzen versehen, die über die Grenzen moderner Staaten hinaus weisen. Der Kulturraum der Maya umfasst heute Mexiko, Guatemala, Honduras, El Salvador, und eben Belize.
  • D. Yates, Church Theft, Insecurity, and Community Justice: The Reality of Source-End Regulation of the Market for Illicit Bolivian Cultural Objects’. European Journal on Criminal Policy Research 20(4), 2014, 445–457. - doi 10.1007/s10610-014-9232-z (bei Trafficking Culture)

Der Weg der Objekte

Weitere Beiträge der Session zeigten auf, wie auch heute noch Kollegen aus der Archäologie von Raubgrabungen profitieren: Noch immer gibt es dicke akademische Monographien, die völlig unkritisch Funde aus dem Kunsthandel editieren, insbesondere Keilschrifttexte. Die auch wissenschaftlich quellenkritisch notwendige Aufklärung dubioser Provenienzen fehlt dabei häufig. In der Diskussion wurde mehrfach die Meinung vertreten, dass Archäologen sehr wohl Funde aus Raubgrabungen bearbeiten und publizieren sollten - allerdigs eben nur mit einer kritischen Dokumentation und klaren Darstellung der fragwürdigen Provenienzen. Dadurch werden Möglichkeiten für ein Markt-Monitoring geschaffen, dessen Bedeutung der Beitrag von Christos Tsirogiannis aufgezeigt hat. Aus dem Vergleich aktueller Auktionskataloge und den Abbildungen aus verschiedenen Publikationen ist es gelungen, den Weg einiger Funde durch den Markt aufzuklären und einen Beitrag zu leisten, zu verstehen, welche Rolle einzelne Händler und große Auktionshäuser in dem Geschäft spielen. Konkret konnte gezeigt werden, wie Funde, die schon einmal im Rahmen des Medici-Falls 1995 von der Polizei sichergestellt worden waren, nun wieder im Kunsthandel mit verschlüsselten Provenienzen auftauchen.

Scheitern auf ganzer Breite

Vor allem Neill Brodies Vortrag brachte eine umfassende Problemanalyse und damit auch einige konkrete Handlungsempfehlungen für die Politik - die gerade auch bei der deutschen Gesetzesnovellierung berücksichtigt werden müssten. Die Politik verfolgte mit ihren Maßnahmen bisher zwei Ziele: Zum einen den Schutz der Fundstellen vor Ort und zum anderen eine Rückführung von Raubgütern in die Herkunftsstaaten. Für Brodie ist die Kulturgüterpolitik der letzten Jahrzehnte gescheitert, da diese Ziele weder zu erreichen, noch sinnvoll sind. Konkret benennt er vier Gründe: 
  1. Schutz vor Ort
  2. eine reaktive Politik
  3. länder- und situationsspezifische Maßnahmen
  4. Bedeutung der Sicherstellung und Rückführung von Raubgrabungsgut.
Für einen Schutz vor Ort gibt es schlichtweg zu viele Fundstellen und gerade ärmere Staaten können adäquate Schutzmaßnahen gar nicht gewährleisten. Ein Schutz vor Ort kann prinzipiell nur unter Friedensbedingungen funktionieren, nicht aber in Krisen- und Kriegszeiten, wenn er besonders notwendig ist. Auf  aktuelle Bedrohungen vor ort wird allenfalls reagiert - mit großen Verzögerungen und oft eher improvisierten Maßnahmen. Brodie verwies auf den Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien 2011 und den Erlaß eines Handelsverbots mit syrischen Antiken erst im Frühjahr 2015.
Da solche Maßnahmen länder- und situationsspezifisch sind, werden sie mit den üblichen unklaren 'Provenienz'angaben probemlos umgangen. Heute profitiert Daesh von dieser unglücklichen Politik, denn sie unterbindet den Handel in keinster Weise.
Eine Sicherstellung und Rückführung von Raubgrabungsgut ist damit nicht zu erreichen - und als politisches Ziel auch unsinnig, denn die betreffenden Objekte haben ihren im Fundkontext liegenden historischen Wert längst verloren, die historischen Fundstellen vor Ort sind dann längst zerstört. Durch das Ziel der Rückgabe werden die genauen Wege der Raubgüter meist gar nicht erst aufgeklärt, da sich meist gar nicht bestimmten lässt, welcher moderne Staat Ansprüche anmelden könnte. Gelingt dies einmal doch, entgehen die Händler weiteren Ermittlungen und Verfolgungen einfach damit, dass sie Eigentumsansprüche aufgeben, eine Rückgabe zulassen, und sich dann für ihren "verantwortungsvollen" Umgang mit Kulturgütern feiern lassen.

Eckpunkte einer künftigen Politik

Aus dieser Problemlage folgen Brodies Handlungsempfehlungen.


Künftige Politik für den Kulturgutschutz muss:
  1. den Markt am Ende der Kette bekämpfen!
  2. proaktiv und nachhaltig sein
  3. global - nicht auf einzelne Staaten - orientiert sein und
  4. die kriminellen Händler verfolgen.
In der Schlußdiskussion wurde von Seiten der Glasgower Gruppe betont, dass anstelle befristeter Projekte andauernde Anstrengungen notwendig sind, um laufend den Markt zu beobachten. Dies könne nur von einer langfristig arbeitenden Institution übernommen werden. Eine Perspektive dafür fehle derzeit. Solches kann nur in internationaler Zusammenarbeit erfolgen, weshalb es im übrigen irritierend war, dass die deutschen Ansätze mit ILLICID in dieser Gruppe keinerlei Notiz gefunden haben (wie auch, dass kaum deutsche Teilnehmer in der Session saßen). Deutlich wurde auch, dass sich die Institutionen der Forschungsförderung - explizit genannt wurde die DFG - sich hier für nicht zuständig sehen. Die Beobachtung und Aufklärung des Antikenhandels wird von archäologischer Seite nicht als Forschung gesehen. Aber auch innerhalb der akademischen Kriminologie hat der Themenkomplex kaum Akzeptanz (Beitrag S. Mackenzie), da er hier viel zu anwendungsbezogen erscheint.


Programm der EAA-Session am 3. September 2015

Chair: Dr. Christos Tsirogiannis
Organiser(s): Dr. Christos Tsirogiannis, Prof. Simon Mackenzie, Dr. Neil Brodie, Dr. Donna Yates, Ms. Terressa Davis

  • 1330 - 1340 Introduction
  • 1340 - 1400 The interface between criminology and archaeology: trafficking culture, S. Mackenzie (University of Glasgow)
  • 1400 - 1420 Cultural property protection policy failure in Syria, N. Brodie (University of Glasgow)
  • 1420 - 1440 Preventing protection: On-the-ground barriers to effective cultural property policy in Bolivia and Belize, D. Yates (University of Glasgow)
  • 1440 - 1530 Discussion
  • Coffee break
  • 1600 - 1620 Lessons in Cultural Heritage Preservation: Learning About the Illicit Antiquities Trade from the Cambodian Civil War, T. Davis (Antiquities Coalition)
  • 1620 - 1640 Inside Job: The Effects of Archaeological Involvement on the Illicit Antiquities Trade, M. Lambert (University of Glasgow)
  • 1640 - 1700 An evidence-driven approach to mapping illicit antiquities networks, C. Tsirogiannis (University of Glasgow)
  • 1700 - 1800 Discussion


Links


Donnerstag, 4. Juli 2013

Peru - Grundstückspekulanten planieren Pyramide ein

Ein Teil eines der ältesten Monumente in Peru wurde offenbar von zwei privaten Baufirmen beseitigt. Es handelte sich um eine Pyramide der aus dem 3. Jahrtausend v.Chr. stammenden Anlage von El Paraiso bei San Martin de Porres im Distrikt Lima.
Erst am 24. Juni wurde auf der Fundstelle - auch mit Beteiligung von Schülern der deutschen Schule - eine traditionelle Sonnwendfeier zelebriert, um das Bewusstsein für die archäologische Zone zu stärken und diese besser zu schützen.


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Nachtrag (5.7.):
Nachtrag (17.7.):

Freitag, 21. Juni 2013

Legal looting - Columbia's dissipation of its submarine cultural heritage

On monday 17th of june 2013 Colombia sold its cultural submarine heritage to treasure hunters. There are many shipwracks in the Caribbean sea as well as at Colombia's Pacific coast. They represent unique testimonials to World history. Remains of the ships as well as their cargo provide important historical information, providing a careful archaeological excavation.
Sir Francis Drake in Cartagena 1585,
hand-colored engraving, by Baptista Boazio, 1589
(PD, library of Congress, via Wikimedia Commons)

Colombia now pass a law which allows treasure hunter the looting of these wracks, if they give half of the finds to the Colombian state. This will without any doubt lead to the destruction of many archaeological sites. Most treasure hunter companies speculate for monetary revenue and have little interest in an archaeological documentation.
The law already passed the House of Representatives last december with 78 / 11 votes. The Senate with 102 representants accepted the disastrous law with only 8 votes against.

The argumentation of the politicians refers to the retrieval of otherwise unreachable objects.
"The spirit of this bill was to create mechanisms to access some heritage objects that would otherwise be unattainable" explained Colombian minister of culture Mariana Garcés. Furthermore, they see no problem in selling 'repetitive finds'. There is no understanding, that in archaeology the context of finds is the basis for every historical interpretation. Repetition of finds (assumed this is a concept suitable for preindustrial handicraft production at all) is an important archaeological fact, which has profound consequences on chronology as well as on the understanding of trading routes. 'Repetition' of finds is in itself an valuable archaeological fact, which must not be disturbed.

Colombian gouvernment rather followed the recommendation of commercial treasure hunting companies than their own archaeological experts. In several experts' report state archaeologists argued against passing the law. By political pressure several archaeologists resigned from their posts in the Antiquities Commission as well as from the ICANH (Instituto Colombiano de Antropología e Historia).

Contacted by Spanish ABC News UNESCO declared "enormous concern about the destruction of underwater cultural heritage sites worldwide through commercial exploitation and plunder. The situation is alarming and the threat is growing every day in many countries of our planet. "
There are several doubts whether the bill is in accordance with national and international laws. The UNESCO Convention for the Protection of Submerged Heritage states that any submarine archaeological remains should not be sold on antiquities market.


internal link

Dienstag, 18. Dezember 2012

Falsches Signal: Kolumbien gibt Wracks zur Plünderung frei


Mit großer Mehrheit hat das Parlament von Kolumbien ein neues Kulturgesetz verabschiedet, das es Unternehmen erlaubt, 50% der aus historischen Wracks geborgenen Goldfunde zu verkaufen. Unter dem Einfluß der Schatzgräberlobby wurde die - falsche - These der wissenschaftlich wertlosen Dublette aufgegriffen. Unbeachtet dieser Überlegungen bedeutet aber das Versprechen von legalen Gewinnen einen Aufruf zur Plünderung historischer Wracks.
Archäologen, die schon vorher gegen den Gesetzesentwurf demonstriert hatten, kündigten an, Klage einzureichen, da das Gesetz gegen nationales wie internationales Recht - unter anderem gegen die UNESCO-Konvention zum Schutz des Kulturerbes unter Wasser - verstoßen würde.


Zum Archäologenprotest:

Montag, 3. September 2012

Eine fossile Kulturlandschaft in den Anden

Die Auswertung von Google-Luftbildern spielt für die fossilen Feldsysteme der Anden inzwischen eine wichtige Rolle. Das Potential der Luftbildarchäologie war hier schon lange erkannt worden, aber die leichte Zugänglichkeit der Daten hat die Forschungen enorm vorangetrieben.

Dabei sind sehr unterschiedliche Formen von Feldsystemen und anderen Erdwerken zu erkennen.

Raised Fields
Bei den raised fields handelt es sich um eine Flurform aus Hochbeeten und dazwischen liegenden Kanälen, die insbesondere in Überschwemmungszonen vorkommt. Ihr Vorkommen in heute ariden Zonen des Anden-Hochlandes ist ein Hinweis auf einen regionalen Klimawandel.
Verbreitet sind sie in unterschiedlichen Landschaften, von den Überschwemmungsebenen auf Meereshöhe bis ins Anden-Hochland. Obwohl die Befunde am Titicaca-See in einer Höhe von über 3810 m liegen, weisen sie eine größe Ähnlichkeit zu den Befunden am Rio Chepo in Panama auf, deren Publikation wir gerade vorbereiten (vergl. hier auf Archaeologik).

Bisweilen sind es sehr ausgedehnte Landschaften, die durch solche raised fields geprägt werden, bisweilen sind es nur kleine Areale. In den Anden sind sie in der Regel als Streifen angelegt (im Gegensatz etwa zu den Befunden aus Guyana an der Atlantikküste - s. Altfluren an der Abschußrampe).
Die streifigen raised fields werden in Südamerika als canellones oder waru-waru bezeichnet.

Altflurrelikte Lateinamerika


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Größere Kartenansicht - unterschiedliche Feldkomplexe scheinen sich hier zu überlagern

Im Rahmen von Projekten der Rehabilitación wurden seit Ende der 1980er Jahre verschiedentlich wieder raised fields angelegt - und teilweise von Entwicklungshilfeorganisationen als traditionelle Landwirtschaft gefördert. Tatsächlich scheinen die Feldsysteme am Ende der Tiahuanaco-Periode, gegen Ende des 12. Jahrhunderts aufgegeben worden zu sein, ohne dass eine Tradition bis heute besteht. Die moderne Bewirtschaftung basiert auf Ergebnissen experimenteller Archäologie.


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Terrassen und Blockwälle
Berühmt sind die Terrassen in den Anden. Sie sind eine Erscheinung der Hänge und nutzen andere landschaftliche Rahmenbedingungen aus als die auf die Ebene beschränkten raised fields. Sie liegen aber am Titicacasee oft unmittelbar benachbart zueinander.


Größere Kartenansicht - in der Ecke oben rechts am Seeufer raised fields, auf dem Berg unterschiedliche terrassierte Felder

Die ausgedehnten Felder zeugen von einer ehedem dicht besiedelten Landschaft - auch wenn sie nicht gleichzeitig sind. Ihre Aufgabe hat offenbar nichts mit den Einbrüchen der präkolumbischen Bevölkerung zur Zeit der Conquista zu tun, sondern datiert wahrscheinlich bereits wesentlich früher.


Landnutzungsstrategien der Neuen Welt
Terrassen und raised fields sind nur die markantesten Ackerbauformen der Neuen Welt. Anders als die Felder in der Alten Welt waren sie nicht auf den Einsatz von Pflug und eine Beweidung während der Brachezeiten ausgelegt, da es Haustiere von entsprechender Größe nicht gab. Die einzige Ausnahme davon findet sich allerdings gerade in den Anden. Das Lama war hier nicht nur als Lieferant von Wolle hoch geschätzt, sondern auch wegen seines Dungs (siehe Archaeologik).
Gerade in der Versorgung mit Nährstoffen liegt wohl einer der Hauptaspekte der raised fields. Durch die Kanäle wurden Flussedimente in direkter Nachbarschaft der Beete abgelagert, so dass man sie einfach hochschaufeln konnte. Daneben verbesserten die raised fields aber auch das Mikro-Klima und verbesserten die Feuchtigkeitsbedingungen. Welcher Aspekt im Vordergrund stand, hängt unmittelbar vom jeweiligen Standort ab. In den Anden trugen sie zur Verkürzung der Frostperiode bei und verlängerten die Vegetationsphase, anderswo milderten sie die Auswirkungen der Trockenzeit.

Literaturhinweis

  • W. M. Denevan, Cultivated landscapes of native Amazonia and the Andes. Oxford geographical and environmental studies (Oxford 2001).

interne Links

Sonntag, 5. August 2012

Erste Nachweise von 'raised fields' auf dem Isthmus von Panama


von Juan Guillermo Martín

Juan Guillermo Martín, Archäologe an der Universidad del Norte, Barranquilla, Colombia  gibt einen Überblick über das Forschungsprojekt zu präkolumbischen Altfluren, deren Entdeckung auf eine systematische Durchsicht von Google-Luftbildern, bequem von Deutschland aus, zurückgeht. Anlaß dazu boten die inzwischen abgeschlossenen Tübinger Forschungen in Panama la Vieja, die die Frage nach den ökologischen Veränderungen im Kontext der spanischen Conquista aufwarfen.
Siehe die Beiträge zum Chinina-Projekt
hier auf Archaeologik.  Ein gemeinsames ausführliches Manuskript mit Vorlage der bisherigen Ergebnisse steht vor der Einreichung zum Druck. Eine spanische Fassung findet sich bei Wiki loves Monuments Panama  (R. S.).



Feldstrukturen mit Sondageschnitt (Foto J. Martín-Rincón).

Erste Nachweise von 'raised fields' auf dem Isthmus von Panama
In Überschwemmungsgebieten, wie dem Momposina-Becken in Kolumbien, haben schon die präkolumbischen Gesellschaften die Landschaft massiv verändert. Durch ein komplexes System von Gräben und Hochbeeten wurde die Tallandschaft der Flüsse San Jorge und Sinz auf ca. 5000km² massiv umgestaltet, um es das ganze Jahr hindurch produktiv zu machen. Dies gilt als eine der bedeutendsten Wasserbaumaßnahmen der Welt, die an den Beginn unserer Zeitrechnung zurück reichen.

Im heutigen Panama und generell in Mittelamerika war diese landwirtschaftliche Technik bisher nicht bekannt. Eine Auswertung von Luftbildern im Mündungsgebiet des Rio Bayano (auch: Rio Chepo) hat es erstmals erlaubt, solche Feldsysteme auch hier zu identifizieren. Im Gemeindegebiet von Santa Cruz de Chinina, Distrikt Chepo, wurden auf mindestens 25 ha Gräben und Hochbeete prähispanischer Zeitstellung ausgemacht. Interessant daran ist, dass es moderne Technik möglich gemacht hat, dass der Archäologe Rainer Schreg vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz diese Entdeckung von seinem Schreibtisch aus machen konnte. Er beobachtete die anthropogenen Strukturen im Osten Panamas und gab die Informationen an seine Kollegen in Panama weiter.
Eine Forschergruppe der Abteilung Archäologie, Geschichte und Stadtforschung der kolumbianischen Karibik (Grupo de Arqueología, Historia y Estudios Urbanos del Caribe Colombiano – GRAHUS) der Universidad del Norte en Colombia hat die Felder im Gelände verifiziert. Seit letztem Jahr haben Tomás Mendizábal und Juan Guillermo Martín, Forscher bei GRAHUS, Sondagen begonnen, die es erlaubten, ihr Alter mittels Radiocarbondatierungen genauer zu bestimmen und durch palaeobotanische Untersuchungen Aussagen über die Vegetation und Landwirtschaftsstrategien der Region zu treffen.

Der Sondageschnitt bei Grabungsende.
Die dunklen Ablagerungen zeigen die Gräben des hydraulischen Systems mit einem hohen Anteil organischen Materials (Foto J. Martín-Rincón).

Diese Strategien der Landschaftsveränderungen und Ressourcennutzung sind eng mit der Landwirtschaft verbunden. Die Domestikation von Kulturpflanzen und verbesserte landwirtschaftliche Techniken waren für die Entwicklung komplexer Gesellschaften von zentraler Bedeutung, insbesondere bei der Konzentration und Umverteilung von Ressourcen. Bevölkerungswachstum und die Konsolidierung von Produktionszentren waren entscheidend bei der Ausbildung der intensiven Handelsverbindungen, die den Isthmus von Panama prägten.

Die präkolumbischen Gesellschaften  hatten genaue Kenntnisse der Klima- und Umweltbedingungen, die durch die saisonale Überschwemmungen und zyklische Ereignisse bestimmt werden. Sie bauten ein System von Kanälen, mit denen die Wasserfluten der Flüsse und Bäche des pazifischen Tieflands von Panama während der Regenzeit reguliert wurden. Zugleich garantierte es ausreichende Feuchtigkeit während der trockenen Perioden des Jahres. Die Hochbeete schufen die nötigen, vor Überschwemmungen geschützten  Anbauflächen; die Kanäle wurden wahrscheinlich als eine wichtige Quelle aquatischer Ressourcen genutzt.

Das Projekt wird von der Foundation for Research on Ancient Panama finanziert. Beteiligt ist weiter das Römisch-Germanische Zentralmuseum, an dem Dr. Rainer Schreg beschäftigt ist. Er ist an der Auswertung der Luftbilder beteiligt und bringt eine umweltarchäologische Perspektve ein.
Die renommierte paläoökologische Forschergruppe des Smithsonian Tropical Research Institute (STRI), die von Dr. Dolores Piperno geleitet wird, führt Pollen- und Phytolithenanalysen durch. Ebenso beteiligt ist Dr. Richard Cooke (STRI) der mit seinen profunden Kenntnissen der präkolumbischen Archäologie Panamas das Projekt begleitet und unterstützt.
Das Labor für Archäologie der Universidad del Norte und seine Spezialisten haben die erste Feldkampagne durchgeführt, bei der Probenmaterial für verschiedene Analysen gesammelt wurde. Dadurch konnte inzwischen eine Altersbestimmung (rund zweitausend Jahre vor heute) gewonnen werden. Surveys identifizierten ein Siedlungsareal, das mit dem Feldsystem verbunden scheint, wie weitere präkolumbische Fundstellen in der Umgebung. Sie geben Einblicke in den komplexen Prozess der vorspanischen Besiedlung dieser Region von Panama, die archäologisch zum Großraum Darien zählt und enge Verbindungen zum nordwestlichen Kolumbien zeigt.
Bei den Feldsystemen handelt es sich offenbar um eine effiziente Strategie der Anpassung an die lokalen Bedingungen. Angesichts der heutigen, niedrigen landwirtschaftlichen Produktion in dieser Region ist dies von besonderem Interesse. Es ist heute eine unwirtliche Landschaft mit schweren jährlichen Überschwemmungen, aber fruchtbaren Böden. Die Menschen der Vergangenheit transformierten die Landschaft, intensivierten die landwirtschaftliche Produktion und sicheten ihre Präsenz in dieser weiten und abwechslungsreichen Region.

Montag, 7. November 2011

Altfluren an der Abschußrampe

Ein weiteres Google-Bild mit Altfluren - diesmal im französischen Übersee-Département Guyana, nahe des Weltraumbahnhofs Kourou. Zu sehen sind "raised fields" in Form von einzelnen, regelmäßigen Hügeln und kleineren längeren Beeten. Im weiteren Umfeld gibt es Siedlungshügel und causeways.


Die Feldstrukturen sehen etwas anders aus als jene in Panama, sind aber prinzipiell vergleichbar.


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Link

Literatur


Freitag, 8. Juli 2011

Archäologie und Gesellschaft - der Fall Machu Picchu

Die heutigen Feierlichkeiten um die Entdeckung von Machu Picchu vor 100 Jahren zeigen einmal mehr die Bedeutung von Fundstellen für moderne Identitäten.
Machu Picchu von Norden (Foto Martin St-Amant - Wikipedia - CC-BY-SA-3.0)

  • Die Tagesschau des Schweizer Fernsehen geht auf die unausgewogenen Profite des Tourismus-Geschäftes ein, von denen die lokale Bevölkerung wenig hat.
  • Spiegel online verweist kritisch auf die schillernde Gestalt des Abenteurers Hieram Bingham, der seine Funde außer Landes gebracht hat. Erst 2010 wurde eine Rückgabe vereinbart.

Bingham wird jetzt gefeiert - 1915 musste er aus Peru flüchten, nachdem ihm vorgeworfen wurde, Schätze illegal außer Landes gebracht zu haben. Überhaupt ist Bingham nicht gerade durch Wissenschaftlichkeit in Erscheinung getreten.

Literaturhinweis
  • B. Riese, Machu Picchu. Die geheimnisvolle Stadt der Inka. C. H. Beck Wissen (München 2004).

Mittwoch, 6. Juli 2011

Peru fordert Textilien aus Schweden zurück

Peru fordert präkolumbische Textilien aus Schweden zurück, die im Museum of World Culture in Gothenburg liegen. Die Funde wurden um 1930 illegal außer Landes gebracht. Vor gut einem Jahr wurden bereits Textilfunde aus Schweden an Peru zurück gegeben.
Bericht bei The Archaeology News Network

Dienstag, 7. Juni 2011

Landnutzungsstrategien: Lamadung

In Antiquity schreibt Alex Chepstow‑Lusty über "Agro-pastoralism and social change in the Cuzco heartland of Peru: a brief history using environmental proxies" - und betont die Bedeutung des Lamas als Dunglieferant für die Landwirtschaft der Inca.



aufgegriffen von
BBC News

Sonntag, 29. Mai 2011

Schmuggel präkolumbischer Mumien

sichergestellter Schädel einer Mumie
(télam via diario uno)
Die argentinische Zeitung Diario uno berichtet am 27.5. 2011 über die Sicherstellung dreier Schädel sowie einer vollständigen Mumie, die der prä-inkazeitlichen Paracas-Kultur zugerechnet werden. Sie befanden sich in einem aus La Paz in Bolivien versandten, angeblich peruanische Keramikreplikate enthaltenden Päckchen. Nach Angaben der argentinischen Administración Federal de Ingresos Públicos (AFIP) stammen die archäologischen Reste aus Südperu und waren für europäische Museen und Privatsammler bestimmt, die gezielt Textilreste suchen, in denen die Mumien eingewickelt sind.
Einer der Schädel weist eine Trepanation auf, die anderen intenionelle Schädeldeformationen. Weitere Informationen zur Lage dieser Bestattungen im bislang unbekannten, beraubten Gräberfeld wäre wissenschaftlich von Bedeutung gewesen, sind nun aber nicht mehr möglich.

in English

Dienstag, 3. Mai 2011

Grabraub in den Anden

Plünderungen und Verwüstungen in einem Inka-zeitlichen Gräberfeld mit Mumien bei Jaqui, Bezirk Arequipa in Peru in einem schockierenden Video auf YouTube von 2007