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Samstag, 29. August 2026

Hitler entsorgen - Dachboden- und Kellerfunde und das Erinnern

Noch ein Jahr lang ist im vorarlberg museum in Bregenz unter dem Titel „Baustelle Erinnerung | Hitler entsorgen“ eine vom Haus der Geschichte Österreichs hdgö übernommene Ausstellung zum Umgang mit NS-Objekten zu sehen. Sie lädt den Besucher ein, sich mit Familienerbstücken bewusst auseinanderzusetzen - ausgehend von der Frage „aufbewahren, verkaufen, zerstören?“

Die Ausstellung „Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum“ wurde schon ab 2018 konzipiert und zunächst 2021-2023 im Hdgö in Wien, dann in Innsbruck und Klagenfurt sowie zuletzt auf der Franzensfeste präsentiert. In der Festung Franzensfeste im italienischen Südtirol wurde die Ausstellung um eine regionale Perspektive „Mussolini entsorgen“ erweitert, die Südtirols Geschichte im Kontext von Faschismus und Nationalsozialismus beleuchtet. 

In Österreich, aber auch in Deutschland hat die Ausstellung einige Aufmerksamkeit und in der Regel positive Resonanz gefunden.


Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen.


  • M. Sommer (Hrsg.), Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum = Disposing of Hitler : out of the cellar, into the museum (Wien 2021). ISBN 9783010000505


Mit einer Alpen-Exkursion der Bamberger AMANZ 2025, die einen Schwerpunkt auf der Neuzeitarchäologie hatte, haben wir die Ausstellung in der Franzens-Feste besucht. Zu Beginn und am Ende wurden die Besucher gebeten, auf Papierkärtchen ihre Meinung festzuhalten. Als wir da waren, hat sich das Meinungsbild zum Ende der Ausstellung sehr eindeutig zum Aufbewahren und kritischem Erinnern verschoben. Neben Computerstationen sind in der Ausstellung vor allem die analog gestalteten Informationen und Interaktionen positiv hervorzuheben. Die Besucherinnen und Besucher werden damit dazu angehalten, nicht nur passiv zu konsumieren, sondern sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Es geht vorrangig um die Frage nach dem Umgang mit Relikten der NS-Zeit in Privatbesitz. Vieles taucht im Nachlass von Eltern und Großeltern auf. Geht es nicht um schriftliche Zeugnisse, sondern um Objekte, fehlt oft ein Kontext. Das gilt insbesondere für die NS-Objekte, die angeblich als historische Zeugnisse im Internet gehandelt werden - vielfach, aber genau diesen Zeugniswert durch eine Entkontextualisierung verloren haben und nun doch eher als gruselige Nazi-Devotionalien erscheinen.

Hier setzt die Ausstellung an. „Was tun mit Überbleibseln des Nationalsozialismus? Bewahren, entsorgen oder verkaufen? Die vom Haus der Geschichte Österreich (hdgö) konzipierte Ausstellung beleuchtet den Umgang mit NS-Relikten und fragt nach der gesellschaftlichen Verantwortung im Umgang mit diesen Objekten.“

Die Ausstellung zeigt exemplarisch Objekte der NS-Zeit, von denen die meisten beim hdgö in Wien abgegeben wurden. Dabei präsentiert die Ausstellung auch genau diese Abgabe, indem die Verpackungen, in denen die Objekte eingeliefert wurden, ebenso präsentiert werden wie die Begleitschreiben. Sie verraten viel über den unsicheren Umgang mit diesem Erbe. Eine dieser Verpackungen ist zum Symbolbild der Ausstellung geworden: das Filmschächtelchen beschriftet mit „Nazi Dreck“

An zahlreichen Objekten wurden Leitfragen entwickelt und beantwortet.Stets wird deutlich, dass die Objekte im Kontext zu sehen sind (was bei vielen archäologischen Ausstellungen bis heute nicht passiert). Zu jedem einzelnen Objekt wird gefragt:

  • Was ist dieses Objekt?
  • Wofür steht dieses Objekt?
  • Wer verwendete dieses Objekt auf welche Art und Weise?
  • Was wird über dieses Objekt erzählt?
  • Wie kann dieses Objekt im Museum verwendet werden?

Die gezeigten Objekte sind mehr als historische Relikte - sie regen zu einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Ideologie, Politik und persönlichen Erinnerungen an.

In Österreich hat die Thematik noch mal eine besondere Brisanz, da seit 2023 verschärfte Bestimmungen im Verbotsgesetz zu Verharmlosung des Holocaust gelten. Sie sehen vor, dass NS-Devotionalien - Originale oder moderne Schöpfungen - eingezogen und vernichtet werden können. Sammler und Konservative beklagen diese Regelungen als Enteignung oder Geschichtsvernichtung. Sie kolportieren, der Besitz von NS-Objekten sei generell verboten und Opas Fotoalbum müsse abgegeben und vernichtet werden.

Tatsächlich reagiert die gesetzliche Regelungen “vor allem auf Fälle, in denen Personen "ganze Keller voll" an NS-Devotionalien gehortet hätten, ohne dass ihnen diese bislang entzogen werden konnte.” Es geht lediglich um solche Fälle, bei denen nicht gewährleistet ist, dass “der Verfügungsberechtigte (…) Gewähr dafür (bietet), dass die Gegenstände nicht zur Begehung strafbarer Handlungen verwendet werden.” Strafbare Handlungen sind in diesem Kontext irgendwie geartete Betätigungen “für die NSDAP oder ihre Ziele”. Das Gesetz richtet sich gegen Alt- und Neonazis, wobei eine Einziehung der Objekte auch dann möglich ist, wenn es diesbezüglich nicht zu einer Verurteilung kommt. Gerichtlich kann dann auch bei einem Freispruch eine Einziehung bestimmt werden. Sammler, die in den Verdacht geraten, rechte Positionen zu vertreten (oder die der Faszination des Bösen verfallen sind und keine Distanzierung erkennen lassen) laufen Gefahr, dass ihre Sammlung eingezogen werden könnte. 

In Deutschland geht solches derzeit nicht, wie der Fall des AfD-Landtagsabgeordneten Daniel Halemba zeigt. Die Staatsanwaltschaft hat Klage wegen Volksverhetzung, Geldwäsche, Sachbeschädigung, Nötigung und versuchter Nötigung erhoben. Eine Anklage wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen wurde vom Gericht aber nicht zugelassen. In seinem Zimmer in einer Würzburger Studentenverbindung soll er einen von Heinrich Himmler aus dem Jahr 1939 stammenden SS-Befehl zur Schau gestellt haben. Da er den SS-Befehl nicht öffentlich gezeigt habe, ist keine Strafbarkeit gegeben. Mit der österreichischen Regelung wäre hier nun - trotz Unschuldsvermutung, ausbleibender Anklage und ggf. auch Freispruch in den Anklagepunkten - gerichtlich eine Einziehung des SS-Befehls möglich. Eine automatische Vernichtung scheint nicht vorgesehen, denn richtig kontextualisiert kann Nazi-Dreck eben auch wichtige Quelle oder Erinnerungsmal sein.

Die Ausstellung thematisierte jedenfalls auf der Franzensfeste diese eher juristischen Aspekte nur am Rande, beschäftigt aber die Sammler, die wir bei der Exkursion kennen gelernt haben, sehr. Sie sehen eine tatsächlich eingetretene Verunsicherung im Umgang mit historischen Dokumenten der NS-Zeit in Familienbesitz, sehen das Risiko des Verlustes, aber auch die Bildung eines Schwarzmarktes mit erhöhten Preisen,

Familienalbum aus NS-Zeit, Reichsparteitag Septt. 1935
(Privatbesitz)

 

In Bregenz ist die Ausstellung nun in eine größere Landesausstellung „Baustelle Erinnerung“ eingebettet. Sie präsentiert die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus als eine Baustelle und gemeinsame Verantwortung. Drei weitere Ausstellungsteile betreffen das Trachtenwesen, den NS-Kunst- und Ausstellungsbetrieb sowie die Südtiroler Siedlungen im Zuge des Hitler-Mussolini-Abkommens.

Mit der im Jahr 1939 gegründeten „Mittelstelle Deutsche Tracht“ in Innsbruck wurde die sogenannte Trachtenerneuerung systematisch organisiert. Tracht wurde im Nationalsozialismus zur Definition verwendet, wer dazugehören durfte - und wer nicht: Bereits ab Mitte 1938 galt ein Trachtenverbot für Juden in Vorarlberg und Tirol.

Das Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit, die mit ihren Millionen Toten das normale Vorstellungsmaß so dermaßen sprengen, gestaltet sich extrem schwierig, kaum da die Zeitzeugen weitgehend weg gestorben sind. Angesichts der aktuellen Wahlergebnisse (oder bisher Prognosen) wird auch deutlich, dass man mit bisherigen Konzepten nicht zufrieden sein kann. Ohne Zeitzeugen wird das noch schwieriger und es wird nötig sein, die Objekte dazu besser heranzuziehen. Dabei gilt es, Anknüpfungspunkte zu schaffen - durch die Familiengeschichte und die Dachbodenfunde, aber auh durch archäologische Ausgrabungen, wo es eine Herausforderung für die Denkmalpflege geben wird, zu begreifen, dass die Ausgrabung hier selbst die entscheidende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sein kann. Schützen für die Zukunft ist hier nicht sehr plausibel, wenn es jetzt heißen mus: Nie wieder!

Literatur

  • Franz-Stefan Meissel, Umgang mit einem schwierigen Erbe Österreichs NS-Zeit und das Recht (Wien 2025). - ISBN 978-3-214-26057-6
  • L. Beckershaus/ M. Fösl/ L. Langeder, “Hitler entsorgen” - oder soll das ins Museum? In: D. Döring/ M. Vöhringer (Hrsg.), Friktionen kuratieren. Für eine politische Wissensgeschichte des Ausstellens (Bielefeld 2025) 267-285. - DOI: https://doi.org/10.14361/9783839468838-018
  • Monika Sommer (Hrsg.), Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum. (Wien 2021). -
  • Louise Beckershaus / Stefan Benedik / Markus Fösl / Laura Langeder /Eva Meran / Monika Sommer, Aura versus Dialogue. Displaying Nazi Objects in the Exhibition. Disposing of Hitler: Out of the Cellar, Into the Museum. OeZG 34, 2023, S. 266-277. - DOI: https://doi.org/10.25365/oezg-2023-34-1-13
  • Chloe Paver, “Wartime” Ephemera from the Family Home in German and Austrian History Museums: A Counterexample to the British Case. Genealogy 2024, 8(2), 70 . - Doi: https://doi.org/10.3390/genealogy8020070

Links


Freitag, 7. November 2025

Nürnberg global leider ohne Neuzeitarchäologie

Aktuell (bis 22.3.2026) ist im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eine sehr schöne Ausstellung zu sehen, die das Phänomen der Globalisierung aus Sicht einer der größten deutschen Reichsstädte schildert - und zeigt, dass Globalisierungstendenzen kein neues Phänomen sind. Das GNM kann dazu auf seine umfangreichen Sammlungsbestände zurück greifen. Zu sehen gibt es frühe Globen und Karten, Nürnberger Exportschlager wie Waffen und Kunstprodukte, bemerkenswerte Importe wie Emailarbeiten, Porzellan und Majolica, aber auch exotische Objekte wie Straußenei- und Kokosnusspokale oder ein Barrett aus Straußenfedern. 

Nürnberg GLOBAL Buch und Flyer

 B. Baumbauer/M.-T. Feist/S. Jakstat (Hrsg.)

Nürnberg GLOBAL. 1300-1600

ART-Books

(Berlin: Deutscher Kunstverlag 2025).


ISBN 9783985013821

408 S., 280 Abb., Broschur, 27 x 22 cm


und im Open Access: https://doi.org/10.11588/arthistoricum.1668

Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen (Baumbauer u.a. 2025), der die Objekte doppelseitig mit guten Fotos abbildet. Zusätzlich sind einige wissenschaftliche Essays enthalten, die Nürnbergs Globalisierung ausführlich darstellen. 

Der Blick der Ausstellung geht nach Süden über die Alpen nach Venedig, ins  Heilige Land, ins Osmanische Reich, nach Spanien und weiter in die Neue Welt und bis Indien. 

Die Ausstellungsobjekte stammen mehrheitlich aus dem bürgerlichen oder adligen Milieu der Reichsstadt. Leider fehlt die archäologische Perspektive, die diese überwiegend kunsthistorische Perspektive gerade in Nürnberg zu ergänzen vermag.

Nürnberg zählt in Bayern zu jenen Stäten, in denen sich schon früh, nicht zuletzt durch das GNM, eine Mittelalter- und Stadtarchäologie etablieren konnte. Damit ist es einerseits möglich, in Nürnberg das Ausmaß der Importe genauer zu bestimmen. Das scheint - wenn nicht der gute Forschungsstand uns da etwas vorpsiegelt - in Nürnberg weit überdurchschnittlich. In einer Bamberger Dissertation wurden 2019 die Fayencen des 16. bis 19. Jahrhunderts aus dem Nürnberger Stadtgebiet bearbeitet, nicht zuletzt  anhand von Funden, die im GNM aufbewahrt werden (Koppelmann 2019). Die Importe wurden vorab publiziert (Koppelmann 2017). Italienische Importe liegen vor allem aus dem Komplex „Lorenzer Platz 19“ vor, bleiben insgesamt aber Einzelstücke. Deutlich wird jedoch, wie die Anregungen aufgegriffen wurden und schließlich zur lokalen produktion von Fayence führten. Leider fehlt dieser archäologische Blick in der Ausstellung.

Ebenfalls werden die "Nürnberger Waren" -  Nadeln, Drähte, Stufte, Beschläge, Schüsseln, Kannen, Becher, Leuchter, aus Buntmetall - nur am Rande erwähnt. Dabei gibt es auch hier wichtige Einblicke in die globalen Vernetzungen Nürnbergs (Cassitti 2021). Schriftliche Quellen belegen, dass diese „Nürnberger Waren“ auch in Afrika südlich der Sahara gefragt waren. Ein Schiffswrack aus der Adria, die 1583 vor Gnadić gesunkene Gagliana grossa hatte Nürnberger Waren an Bord. Zu Ihrer Ladung zählen zahlreiche Buntmetallobjekte wie Leuchter, Fingerhüte, Schellen, Stecknadeln, Buchschließen, Dochtscheren, Messingdrähte, -bleche und -barren. Die geborgenen Messingbarren wiegen zusammen etwa 80 kg, die Zinnbarren hingegen 1000 kg – dabei ist zu beachten, dass das Wrack vor den archäologischen Grabungen von Raubgräbern heimgesucht wurde. Laut schriftlichen Quellen waren solche „Nürnberger Waren“ auch in Afrika südlich der Sahara gefragt. 

Das sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass es archäologische Quellen erlaubt hätten, hier noch vieles deutlicher  herauszuarbeiten.

Kurzurteil: Trotzdem sehenswert. 

 

Literaturhinweise 

  • Baumbauer u.a. 2025: B. Baumbauer/M.-T. Feist/S. Jakstat (Hrsg.), Nürnberg GLOBAL. 1300-1600. ART-Books (Berlin, Heidelberg 2025)  https://doi.org/10.11588/arthistoricum.1668
  • Cassitti 2021: P. Cassitti, Nürnberger Waren. Herstellung, Handel und Konsum europäischer Buntmetallprodukte in Mittelalter und früher Neuzeit. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters Beiheft 27 (Bonn 2021).
  • Koppelmann 2017: S. Koppelmann, Imitation und Inspiration. Ausgewählte Fayencen aus dem Nürnberger Stadtgebiet und die Frage ihrer Provenienz. Mitt. Dt. Ges. Arch. Mittelalter u. Neuzeit 30, 2017, 229–242 https://doi.org/10.11588/dgamn.2017.0.40269
  • Koppelmann 2018: S. Koppelmann, Fayencen des 16. bis 19. Jahrhunderts aus dem Nürnberger Stadtgebiet als Untersuchungsgegenstand der Archäologie (Diss. Bamberg 2019) https://fis.uni-bamberg.de/handle/uniba/46667.

Link

Der Blogpost ist parallel auf AMANZnotozblog erschienen: https://amanzblog.hypotheses.org/1355 

Freitag, 27. Juni 2025

Zwischen Maßhalten und Massaker – Die Trierer Marc-Aurel-Ausstellung

Jutta Zerres 

Am 15.06.2025 eröffnete erneut eine große Sonderausstellung des Landes Rheinland-Pfalz ihre Pforten. Nach „Konstantin der Große“ (2007), „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“ (2016), „Der Untergang des Römischen Reiches“ (2022) (und der großen Ausstellung anlässlich des runden Geburtstages von Karl Marx 2018) steht nun wieder eine römische Herrscherpersönlichkeit im Zentrum der Betrachtung.

 

Marc Aurel – Kaiser, Feldherr, Philosoph im Landesmuseum

Das Konzept der zweiteiligen Schau folgt dem bewährten Schema: Das Landesmuseum beleuchtet brav chronologisch geordnet die Biographie (und sollte deshalb zuerst besucht werden) und das Stadtmuseum Simeonstift befasst sich mit Rezeptionsgeschichte. Anders als bei vergangenen Landesschauen ist das Dommuseum dieses Mal nicht beteiligt (warum eigentlich?). Das Verhältnis von Stoischer Philosophie und Christentum, geprägt von Gegensätzen und wenigen Berührungspunkten, hätte m. E. ein  interessantes Thema für eine Beteiligung des Hauses an der Landesausstellung bilden können. Dafür steuert die Stadtbibliothek einen kleinen Beitrag hinzu.

Die Trierer selbst haben die Messlatte hoch angesetzt, denn schließlich waren die früheren Schauen Publikumsmagneten, die nicht nur Museumskassen klingeln ließen, sondern auch die der gesamten regionalen Tourismusbranche.

Man wird nicht enttäuscht: 400 Objekte, darunter zahlreiche Leihgaben aus 117 internationalen Museen, beispielsweise dem Louvre, dem British Museum London oder den Vatikanischen Museen werden präsentiert. Eingebettet in eine kulissenhaft inszenierte Ausstellungslandschaft erzählen sie von Marc Aurels Herkunft, seiner Jugend- und Thronfolgerzeit, seinen philosophischen Neigungen, seinem Umfeld und seinen Herrscherjahren. Digitale Stationen illustrieren und vertiefen das jeweilige Thema.

Das Ganze spielte sich ab in einer Zeit, die als die Blüte des Römischen Reiches gilt. Die Ausdehung des Machtraumes ist auf dem Höhepunkt, mehrere Jahrzehnte währt Frieden, die Wirtschaft floriert.

Einzig das Auftreten der „Antoninischen Pest“ bereitet mancherorts Sorgen. Um welche Krankheit es sich konkret handelte, ist unbekannt. Erst in der späten Regierungszeit Marc Aurels kommt es zu einer Kette militärischer Auseinandersetzungen mit Barbarenstämmen an den Rändern des Reiches, gewissermaßen als leise Vorboten für den Niedergang im folgenden Jahrhundert.


Gegensätze sind das Salz in der Suppe

Da ist der feinsinnige Philosophenkaiser, der seine von der Stoa geprägten Ansichten über eine gute Lebensführung in griechische Sätze zu gießen weiß, darunter Aussagen wie diese: „Bleibe ein einfacher, guter Mensch, integer, ernsthaft, schlicht, ein Freund der Gerechtigkeit, gottesfürchtig, wohlwollend, liebevoll und standhaft in der Erfüllung deiner Pflichten.“ Sein Schreibtisch steht währenddessen in Militärcamps an der Donau, in deren Umfeld sich die gesamte Grausamkeit des Krieges entfaltet. Prägnant wird dieses durch vergrößerte Ausschnitte von Reliefs der Marcus-Säule, prominente Bildquelle zu den Markomannenkriege, illustriert: Barbarische Krieger in römischen Diensten enthaupten gefangene Barbaren, eine Germanin mit Kind wird an den Haaren fortgezerrt.

Eines wird klar: In der Wahrnehmung der Zeitgenossen galt Marc Aurel als tatkräftiger und pflichtbewusster Staatsmann und erfolgreicher Feldherr. Militärische Führungsstärke gehörte zur Stellenbeschreibung eines römischen Kaisers, Philosophie hingegen nicht. Diese mag so mancher Mann und so manche Frau des einfachen Volkes eher als nerdige Freizeitbeschäftigung der upper class angesehen haben.

 

Selbstbestrachtungen des Marc Aurel 
(Ausgabe des Artemis Verlags 1951, Foto: R. Schreg)

Was ist gute Herrschaft? Die Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift

Das Werk, das unsere moderne Sicht auf Marc Aurel prägt, die „Selbstbetrachtungen“, bildet den Konnex zu dem zweiten Teil der Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift. Der Autor hatte es wohl zu privaten Zwecken geschrieben und nie eine Veröffentlichung intendiert - die Schrift dürfte also bestenfalls nur einem sehr kleinen Kreis im Umfeld des Kaisers bekannt gewesen sein. Dieses einzigartige Selbstzeugnis eines antiken Menschen enthält den Entwurf des idealen Mindsets eines Herrschers. Die Karriere der Schrift in der Geistesgeschichte begann erst mit der Wiederentdeckung im 16. Jahrhundert. Denker und Politiker von Machiavelli bis Helmut Schmidt outen sich als Fans. In Zitate verhackstückt findet es heute Eingang in die Popkultur und begegnet uns etwa in Form von Kalendersprüchen oder Merksätzen für Führungskräfteseminare, quasi als westliches Pendant zu fernöstlichen Gelassenheitsweisheiten.
Die Ausstellung verlässt dann allerdings Marc Aurel und weitet die Perspektive auf die zeitlose Frage, was ein guter Herrscher bzw. eine gute Herrschaft sei. Kunstwerke illustrieren die unterschiedlichen Antworten, die seit der Antike gegeben wurden. Somit schlägt der letzte Teil der Ausstellung im Simeonstift die Brücke zurück in die Gegenwart.


Fazit

Der Fall Marc Aurel ist ein Lehrstück für die zeitbedingte Geschichtsdeutung und dieser Aspekt hätte im Rahmen der Ausstellung m. E. eine etwas weitergehende Betrachtung verdient. Trotz dieses kleinen Verbessungsvorschlags möchte ich einen Besuch der Ausstellung dringend empfehlen, noch bis zum 23.11.2025 ist Zeit dafür.


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Montag, 31. März 2025

Wiederherstellung von Wahrheit und Vernunft in der amerikanischen Geschichte?

Ein neues POTUS Trump-Dekret „Wiederherstellung von Wahrheit und Vernunft in der amerikanischen Geschichte“. will historische Wissenschaftsvermittlung durch das Regierungs-MAGA-Weltbild ersetzen und stellt dazu große Museen unter eine inhaltiche Regierungsaufsicht.

Hier heißt es:

"It is the policy of my Administration to restore Federal sites dedicated to history, including parks and museums, to solemn and uplifting public monuments that remind Americans of our extraordinary heritage, consistent progress toward becoming a more perfect Union, and unmatched record of advancing liberty, prosperity, and human flourishing. Museums in our Nation’s capital should be places where individuals go to learn — not to be subjected to ideological indoctrination or divisive narratives that distort our shared history."

"Es ist die Politik meiner Verwaltung, Bundesstätten wiederherzustellen, die der Geschichte gewidmet sind, einschließlich Parks und Museen, an feierliche und erhebende öffentliche Denkmäler, die die Amerikaner an unser außergewöhnliches Erbe erinnern, an konsequente Fortschritte in Richtung einer perfekteren Gemeinschaft, an unvergleichlich Zeugnisse der Weiterentwicklung von Freiheit, Wohlstand und menschlicher Blüte. Museen in der Hauptstadt unsere Hauptstadt sollen Stätten sein, die Einzelne  besuchen, um etwas zu lernen - nicht um sich ideologischer Indoktrination oder spalterischen Narrativen auszusetzen, die unsere gemeinsame Geschichte verzerren."

Angesprochen werden speziell die Smithsonian Institution mit ihren Einrichtungen des Smithsonian American Art Museum, das National Museum of African American History and Culture sowie das American Women’s History Museum. Trump passt es letztlich nich, dass alte weiße Männer nicht genügend gewürdigt, sondern kritisiert werden - und ihnen andere Perspektiven entgegengehalten werden.


Im Falle des National Museum of African American History and Culture hatte Trump jr. das Museum kritisiert, weil es „Aspekte und Annahmen zu Weißsein und weißer Kultur in den Vereinigten Staaten“ zusammen gesetllt hatte. Die aufgeführten Punkte sind nicht negativ -  unter anderem werden Individualismus, Objektivität, rationales, lineares Denken, Betonung der wissenschaftlichen Methode , protestantische Arbeitsethik ("harte Arbeit als Schlüssel zum Erfolg"), aufgeschobene Belohnung, die Familienstruktur (u.a. Kernfamilie), sowie Zukunftsorientierung und Zeitverständnis, aber auch Rechtsverständnis und Kommunikationspraxis als weißes Erbe aufgeführt. Die Graphik (im InternetArchive noch einsehbar) stand unter dem Oberbegriff "Talking about Race" und formulierte: "Die weiße dominante Kultur der "Whiteness" (übersetzt vielleicht it Weiß-Seins)  bezieht sich auf die Art und Weise, wie weiße Menschen und ihre Traditionen, Einstellungen und Lebensweisen im Laufe der Zeit normalisiert wurden und jetzt als Standardpraktiken in den Vereinigten Staaten gelten."

Ob das wissenschaftlich in dieser Pauschalität haltbar ist, sei hier dahingestellt, zumal es auch impliziert, dass die "afrikanische" Kultur hier genau das Gegenteil vertrete. 

Der Vorwurf, das sei Rassismus gegen Weiße ist abwegig. D. Trump Jr. hatte auf TwiX gepostet: "These aren't 'white' values. They're American values that built the world's greatest civilization. They help you succeed here, no matter your color. So make no mistake, Biden's radicals aren't coming for 'whites,' they're coming for the entire American way of life." Wenn D. Trump sen. dem Smithsonian ein ideologisches Weltbild vorwirft, so kommt hier vor allem die übliche Umkehrung der Tatsachen zum Tragen. Es ist Trumps MAGA-Weltbild, das von Vorurteilen und Ideologie getrieben ist.

Dass in den historischen Wissenschaften ein Bewusstsein dafür entstanden ist, dass die westlichen Fundamente“ ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden., ist nicht durch eine Ideologie bedingt, sondern durch eine wissenschaftliche historische Forschung. Sie hat an vielen Stellen die Lücken und Widersprüche der Überlieferung und der Geschichtsbilder aufgedeckt. Es sind Ewiggestrige, die aus dem hergebrachten Geschichtsbild ihre eigene Identität und ihren Stolz gewinnen und sich nun angegriffen fühlen, weil ihre Familien bigott und rassistisch waren. 

"Museum of African American History and Culture" und Washington Monument
(Foto: Georg Botz, CC BY-SA 3.0, via https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71853949)

 

2020 ist das Museum gegenüber dem Shitstorm in TwiX eingeknickt und hat die Graphik (InternetArchive 15.7.2020) von ihrer Website entfernt. "We have listened to public sentiment and have removed a chart that does not contribute to the productive discussion we had intended. The site's intent and purpose are to foster and cultivate conversations that are respectful and constructive and provide increased understanding. As an educational institution, we value meaningful dialogue and believe that we are stronger when we can pause, listen, and reflect—even when it challenges us to reconsider our approach. We hope that this portal will be an ever-evolving place that will continue to grow, develop, and ensure that we listen to one another in a spirit of civility and common cause." (InternetArchive 16.7.2020))

Die Executive Order zeigt das Geschichtsverständnis, das nichts mit Geschichtswissenschaft, sondern nur mit Glorifizierung zu tun hat. Ziel der Ausstellungen soll nicht Wissenschaftskommunikation sein, sondern "die Konzentration auf die Großartigkeit der Errungenschaften und Fortschritte des amerikanischen Volks oder, im Hinblick auf die Natur, auf die Schönheit, Üppigkeit und Erhabenheit der amerikanischen Landschaft."

"focus on the greatness of the achievements and progress of the American people or, with respect to natural features, the beauty, abundance, and grandeur of the American landscape"

POTUS Trump "verbietet Ausgaben für Exponate oder Programme, die gemeinsame amerikanische Werte beeinträchtigen, Amerikaner auf der Grundlage von Rassen spalten. Programme oder  Ideologien fördern."

(I, POTUS Trump "prohibit expenditure on exhibits or programs that degrade shared American values, divide Americans based on race, or promote programs or ideologies inconsistent with Federal law and policy."

Das sind massive Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit, nicht nur auf der Ebene der Wissenschaftsvermittlung, sondern noch tiefer greifend, indem Trump und seine Administration auch inhaltlich in Begriffsdefinitionen eingreifen. Besonders deutlich wird das am Umgang mit dem Begriff der Rasse. Zu Recht vertritt das Smithsonian American Art Museum „die Ansicht, dass Rasse keine biologische Realität, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt“ ist (vgl. Archaeologik 7.5.2016).


Angriffe der konservativen alten weißen Männer auf die Geschichte sind in den USA sind nicht neu. 2014 stellte Lamar S. Smith (dt. wikipedia), Trump-Fan und damals republikanischer Kongressabgeordneter in seiner Rolle als Vorsitzender des Kongress-Ausschusses für Wissenschaft, Weltraum und Technologie  inhaltliche Entscheidungen der NSF in Frage. Er forderte, dass nur noch national bedeutende Projekte sollten und dass das Verfahren des peer review zwar unangetastet bleiben, aber unter politischer Aufsicht stehen sollte (Archaeologik 9.10.2014). Vor allem kennt man solche Attacken schon aus Trumps erster Amtszeit (Archaeologik 5.6.2018).

Geschichtspolitik in dieser direkten Form der Eimischung der Politik in die Geschichte und deren Instrumentalisierung für den Erhalt der eigenen Machtstellung kennt man ansonsten vor allem aus faschistischen, und autoritären Regimen - aktuell liefet Vladimir Putin ein Beispiel aktiver Geschichtspolitik mit Umdeutungen und einer darauf ausgerichteten Ausstellungspolitik (Archaeologik 4.8.2024).


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 Interne Links


Donnerstag, 13. März 2025

Denkmal im Wald - Wanderausstellung in Eggolsheim

Unter Wald haben sich zahlreiche archäologische Geländedenkmäler erhalten.  In jüngerer Zeit haben die hochauflösenden digitalen Geländemodelle aus den Laserscanbefliegungen zahlreiche neue Strukturen zu erkennen gegeben.

Galten Denkmäöler im Wald lange Zeit als besonders geschützt, so sind sie heute von dem Maschineneinsatz in der modernen Forstwirtschaft, vom Bau von Windkraftanlagen (trotzdem besser als die Braunkohlelöcher) und von Sondengängern bedroht.

Eine Wanderausstellung "DenkMal im Wald! Kultur in der Natur", die als  ein Gemeinschaftsprojekt des Zentrums Wald-Forst-Holz Weihenstephan, des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege und des Vereins für Nachhaltigkeit ntstanden ist und von der Bayerischen Forstverwaltung unterstützt wurden, gibt auf 13 Schautafeln "einen tiefen Einblick in die oftmals verborgene Welt der Bodendenkmäler." 

Die Ausstellung zeigt Beispiele von Denkmälern, die sich im Wald erhalten haben und deren Gefährdungen. Sie spricht aber auch Schutzmöglichkeiten an, etwa die Möglichkeiten der modernen Forstwirtschaft zur bodenschonenden Nutzung des Waldes 



Die Wanderausstellung wird nun vom 13. März bis 10. April 2025 an der Fachoberschule Fränkische Schweiz in Eggolsheim  (im Schulgebäude Bahnhofstraße 55) zu sehen sein. Die Ausstellung wird am 13. März 2025 schulintern eröffnet und ist für einen größeren Interessentenkrei kostenlos von 10:00 bis 14:00 Uhr an den folgenden Samstagen (15., 22. und 29. März, 5. April 2025) zu besichtigen. 
 
Plakat der Fachoberschule in Eggolsheim
(m. freundl. Genehmigung)

 


Donnerstag, 2. Januar 2025

Gold und Gedöns - „Ramses II. und das Gold der Pharaonen“ in Köln

Jutta Zerres

Seit dem 13. Juli 2024 macht die internationale Wanderausstellung mit insgesamt 180 Exponaten aus ägyptischen Sammlungen im „Abenteuermuseum Odysseum“ ihre einzige Station in Deutschland. Zuvor gastierte die Schau in den USA, Frankreich und Australien und ab 6. Januar 2025 reist sie weiter nach Asien.

Leben und Wirken Ramses II., einer der bekanntesten Herrscherpersönlichkeiten des Alten Ägypten, stehen im Mittelpunkt. In seinen 90 Lebens- und 67 Regierungsjahren entstanden zahlreiche Bauten und Monumente, mit denen er sich im Bewusstsein der Zeitgenossen und der Nachwelt zu verewigen wusste. Über den Mann gibt es also viel zu erzählen und damit eignet er sich bestens als Tourismusbotschafter seines Landes.


Einen einzigen Makel hat das Sujet: Es mangelt an einer prunkvollen Grabausstattung à la Tutanchamun. Wie so oft waren die Grabräuber schneller. Ramses Grab im Tal der Könige (KV 7) war bereits seit der Antike geplündert und von Wassereinbrüchen beschädigt, die Mumie hatte sicherheitshalber im Cachette von Deir-el-Bahari eine ungeplante letzte Ruhestätte gefunden. Alles spannend, ohne Frage, aber aus Sicht der Ausstellungsmacher nicht genug Material für einen fulminanten Schlusspunkt mit hohem Goldgehalt.

 

Odysseum
(Foto: J. Zerres)


Das Thema der altägyptischen Jenseitsvorstellungen, das auf die Erzählung von Ramses’ Leben folgt, kann also nicht mit Hilfe seiner Grabausstattung dargestellt werden. Dieser Teil wird mit Objekten anderer Grabherren unterschiedlicher Abschnitte der ägyptischen Geschichte bestritten.
Die Ausstellungsmacher setzen auf Überwältigung und Staunen. Als ob man den exquisiten Exponaten alleine diese Wirkung nicht zutraut, kommen Filme, Fototapeten, Landschaftsinszenierungen, Beleuchtungseffekte bzw. Verdunkelung und eine Dauerbeschallung mit Musik in einem Übermaß zum Einsatz.
Wer dann noch nicht genug Lametta hat, kann sich noch auf eine Virtual-Reality-Reise durch den großen Tempel von Abu Simbel und das Grab der Nefertari begeben. Ramses hätte das gefallen. Der 15-minütige VR-Ausflug ist nicht im Eintritt inbegriffen und kostet 15 €. Überhaupt ist die Pharaonenschau kein preisgünstiges Vergnügen: Für einen Erwachsenen sind je nach Tag und Uhrzeit ab 22 € fällig. An Tagen mit voraussichtlich hoher Besucherfrequenz müssen bis zu 34 € berappt werden. Es werden aber auch Familien- und Gruppentickets sowie ermäßigte Eintritte für Kinder, Senioren und Studenten angeboten. Für einen Multimedia-Guide für’s Handy oder eine geführte Besichtigung fallen zusätzliche Kosten an, ebenso sowie für die Nutzung eines Gepäckschließfaches. Familienfreundlichkeit stelle ich mir anders vor.

Allzuviel Reflexion des Dargebotenen ist nicht gefragt. Die Erklärungstexte in der Ausstellung fallen eher dürftig aus, das gedruckte Werk, welches anderswo als „Begleitband“ oder „Katalog“ bezeichnet würde, heißt hier „offizielles Souvenirbuch“ - im Shop in Package mit Pharaonenschokolade zu erwerben. 

Es fehlt jede kritische Auseinandersetzung mit dem pharaonischen PR-Genie Ramses II. und gerade hier wäre m. E. ein Ansatzpunkt gewesen, um der Ausstellung einen Mehrwert zu verleihen, einen Mehrwert, der über das bloße Bestaunen von Monumenten und Gold hinausgeht. So werden leider wieder nur Klischees bedient. Das Thema der PR könnte eine Brücke in die Gegenwart schlagen und ist zugleich anschlussfähig für ein internationales Publikum. Propagandagetöse aller Art von Schönfärbererei bis Fake-News ist eine globale Erfahrung mit der jeder etwas anfangen kann.

 

Link


Donnerstag, 1. Oktober 2020

Neolithikum macht Gegenwart. Warum auch archäologische Museen unsere moderne Gesellschaft erklären sollten – ein Essay

Simon Matzerath, Joachim Pechtl, Christian Peitz, Daniel Schyle, Jürgen Weiner


Wie können wir aus der Geschichte für die Zukunft lernen? Verschiedene methodische Positionen in den archäologischen Fachrichtungen haben versucht, die Mechanismen hinter gesellschaftlichen Entwicklungen zu durchschauen, um wiederkehrende Zyklen und Schemata in der Menschheitsgeschichte zu identifizieren (etwa Gronenborn/Schreg 2020; für das Neolithikum beispielsweise Peters/Zimmermann 2017). Entsprechende Forschungen sind mit der Gefahr verbunden, die individuellen, komplexen Rahmenbedingungen, in denen geschichtliche Prozesse stattfinden, zu reduzieren. Geschichte kann niemals eine Wiederholung ihrer selbst sein, ebenso ist eine Übertragung schematisierter Entwicklungen auf heutige Prozesse kaum möglich (vgl. etwa den vieldiskutierten Versuch bei Engels 2014). Die Herausforderung einer dialektischen Auseinandersetzung „Archäologie und Gegenwart“ besteht darin, nachvollziehbare und belastbare inhaltliche Verbindungen jenseits aller Abstraktionen aufzuzeigen.

Die Neolithische Revolution liefert mehr als andere Epochen der Menschheitsgeschichte ein Potential für relevante Querbezüge in die Gegenwart. Der mit dem Neolithikum vollzogene, in der Geschichte einmalige Wandel der Gesellschaft und ihrer Lebens-, Siedlungs- und Wirtschaftsweise ist nicht nur ein gewaltiger Umbruch im Sinne eines turning point, sondern vor allem ein Prozess, der bis heute andauert und nach wie vor unsere Zivilisation bestimmt. Als Hauptmotor des Paläoanthropozäns (Foley u. a. 2013; kritische Anmerkungen zum Begriff bei Hoffmann 2017) hat er die Spirale des Wachstums von Bevölkerung und Wirtschaft in Gang gesetzt, die durch die Industrielle Revolution noch einmal exponentiell so beschleunigt worden ist, dass gegenwärtig vor allem die negativen Folgen für das Ökosystem der Erde und den Fortbestand der Menschheit in den Vordergrund rücken. Die Auswirkungen der Neolithischen Revolution setzen seit rund 10.000 Jahren den fixen Rahmen für die weiteren Transformationen unserer sesshaften Gesellschaften. Eine derart langanhaltende Fortbestimmung der weiteren geschichtlichen Entwicklung entspricht einer in ihrer räumlichen und zeitlichen Dimension einmaligen „longue durée“ in Anlehnung an Fernand Braudel (Braudel 1958).


Neolithikum macht Gegenwart – Inhaltlicher Bezug

Das Thema Neolithikum eignet sich besonders, weil kaum ein anderer Umbruch der Menschheitsgeschichte das menschliche Leben einerseits so einschneidend verändert und andererseits aber auch die Wurzel so vieler neuer Probleme angelegt hat, sodass sich die gesamte Menschheit dadurch heute in ihrer eigenen Existenz bedroht. Die Neolithische Revolution machte aus dem Jäger und Sammler einen seine Umwelt immer umfassender gestaltenden Akteur. Heute hat er die Natur in weiten Teilen bereits soweit außer Kraft gesetzt, dass er ihr vielerorts sogar wieder ‚auf die Sprünge‘ helfen muss. Mit diesem Rollenwechsel einher geht ein fundamentaler Wandel des menschlichen Bewusstseins: Auch in seinem Selbstbild empfängt der Mensch nicht mehr die Früchte der Natur, sondern er erarbeitet sich seinen Lebensunterhalt selbst. ‚Man Makes Himself’ – so hat das Gordon Childe im Titel seines epochalen Werks schon 1936 unübertrefflich auf den Punkt gebracht (Childe 1936). Heute spiegelt sich diese Erkenntnis in der Diskussion darüber, ob der Mensch gegenwärtig überhaupt noch einer natürlichen Evolution unterworfen ist.

Erst die neolithischen Innovationen Sesshaftigkeit und Nahrungsmittelproduktion haben die in der Biologie beispiellose Ausbreitung der Spezies Mensch in alle, auch in die lebensfeindlichsten Habitate des Erdballs ermöglicht. Die Produktion über den eigenen Bedarf hinaus hat wiederum zu Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Differenzierung geführt; Bevölkerungswachstum, Migrationen und Wissenstransfer haben Innovationen und technischen Fortschritt in einer Weise beschleunigt, dass keiner von uns heute in der Lage wäre, auf sich allein gestellt ein komplexes zeitgenössisches Allerweltsprodukt wie zum Beispiel ein Smartphone in all seinen Einzelheiten völlig zu verstehen oder womöglich sogar selber herzustellen.
 
Viele der Annehmlichkeiten und ebenso auch der problematischen Aspekte unseres heutigen Lebens sind letztlich auf die Innovationen des Neolithikums zurückzuführen und es ergeben sich zahllose Gelegenheiten, aus unserer Perspektive auf die Ursprünge des Neolithikums zurück zu blicken und dabei die bis heute wirksamen Folgen der Neolithischen Revolution begreiflich zu machen.
 
Allerdings treten in der Gegenwart negative Folgen der Neolithischen Revolution immer deutlicher in den Vordergrund. Unter individuellen gesundheitlichen Gesichtspunkten waren zum Beispiel Sesshaftigkeit und die Produktion von stärkehaltigen Nahrungsmitteln im Überfluss keine gute Idee, ein Ergebnis war Karies. Degenerationserscheinungen an Knochen durch einseitige körperliche Belastung damals sowie Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck heute sind letztlich die Folgen einer zu kohlehydratreichen Ernährung und eines die Menschen immer weniger körperlich fordernden Lebens. Auch Pandemien entstehen im engen Zusammenleben von Mensch und Tier, das im Neolithikum begann.
 
Dort hat außerdem die übermäßige Anhäufung von Gütern in den Händen Einzelner ihren Ursprung, die so entstehende soziale Ungleichheit verursacht und ermöglicht gleichermaßen brutale Gewaltausbrüche bis zu den globalen Kriegen der jüngsten Vergangenheit. Ganz aktuell sind die Folgen der übermäßigen Ausplünderung von Rohstoffvorkommen und der Umwelt im Allgemeinen. Artensterben und das Schwinden natürlicher Ökosysteme, Verschmutzung der Umwelt und die drohende Klimakatastrophe infolge der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung sind alles Herausforderungen, die im Neolithikum entstanden sind, aber in der Gegenwart bewältigt werden müssen.


LVR-LandesMuseum Bonn, 2015

Eine Ausformulierung der immanenten Rolle des Neolithikums im Wesen unserer modernen Gesellschaft steht noch am Anfang, ebenso die Aufarbeitung im Museum.
Das Titelmotiv der Erstausgabe der Kölner Römer Illustrierten (1/1974) mit der Darstellung des auf dem Rollfeld eines Flughafens liegenden Kopfes einer antiken Plastik lieferte für die sechste Landesausstellung Nordrhein-Westfalen die Inspiration für den Ansatz, eine Beziehung von Archäologie und Gegenwart anzudeuten (Matzerath 2015, Matzerath 2016). Hintergrund der Abbildung war vor über 45 Jahren die Eröffnung des Neubaus des Römisch-Germanischen Museums Köln und dessen von Hugo Borger betriebene Neukonzeption als „Schaufenster in die Römerzeit“. Die Objekte sollten in die Alltagswelt der Menschen geholt werden.

In der Planung der am 4. September 2015 im LVR-LandesMuseum Bonn eröffneten Landesausstellung „Revolution Jungsteinzeit“ zeigte sich, wie schwer eine sinnvolle Verknüpfung von Archäologie und Gegenwart sowohl auf der inhaltlichen Ebene als auch in der Realisierung für eine Ausstellungsinszenierung ist. Die Umsetzung reduzierte sich auf vereinzelt eingewobene, meist oberflächliche Bemerkungen in den Ausstellungstexten sowie die Einbeziehung von modernen Objekten: Einer Pflugschar, einem Rad und einer Motorsäge. Sie standen als Symbole für heute noch relevante Innovationen des Neolithikums bzw. im Fall der Motorsäge, Nachfolgerin des Steinbeils, auch für das Roden von Wald im Zuge der Umwandlung der Natur- zur Kulturlandschaft. Eine Pädagogik-Station erlaubte den Vergleich von statistisch ermittelten Tagesabläufen (Jäger/Sammler, Neolithikum und Gegenwart), eine Grafik zeigte den im Neolithikum durch die menschlichen Umwelteingriffe erstmals (minimal) gestiegenen Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre. Am Ende stand ein kurzes Mindmapping als Resümee zum Neolithikum und mit schlagwortartigen Verweisen auf in Beziehung stehende Phänomene der Gegenwart (Matzerath u. a. 2015).


Museum für Steinzeit und Gegenwart, 2019

Eine konsequentere Berücksichtigung erfuhr der gegenwartsbezogene Ansatz erstmals in der Planung des Museums für Steinzeit und Gegenwart im niederbayerischen Landau an der Isar (Matzerath u. a. 2020; Pechtl u. a. im Druck; Peitz u. a. im Druck). Das Museum verbindet auf 640 m² die aktuellen Standpunkte der europäischen Neolithikumforschung mit der Vermittlung eines modernen Steinzeitbildes und greift systematisch, aber auf Grundlage der langen zeitlichen Perspektive, Themen unserer heutigen Gesellschaft auf. In sechs Räumen werden über 500 archäologische Funde in einen internationalen Zusammenhang gestellt und inhaltlich mit der modernen Gesellschaft und ihrem Alltag in Beziehung gesetzt. Dabei aufkommende Kontroversen sind gewollt, denn nur in der argumentativen Auseinandersetzung entstehen Ideen, die den eigenen Horizont erweitern.

An 20 Stationen der Ausstellung sind Objekte des 20. und 21. Jahrhunderts eingebunden und helfen, den thematischen Zugang zum Neolithikum zu vereinfachen. Es wird an ausgewählten Beispielen deutlich, wie sehr die Gegenwart in der Tradition der Jahrtausende steht und Zustandsberichte und Zukunftsvisionen wie etwa der Vereinten Nationen (Griggs u. a. 2013; Díaz u. a. 2019), des Club of Rome (Weizsäcker/Wijkman 2017) oder von Yuval Noah Harari (Harari 2018) aus der Geschichte heraus verstanden werden können.

Zukünftige Positionierung im Museum: Wir stehen am Anfang.

Das öffentliche Interesse an einer aktiven Zukunftsgestaltung ist nicht zuletzt seit der #fridaysforfuture-Bewegung stark gewachsen. Auch die mediale und populärwissenschaftliche Berichterstattung bereitet das komplexe Themenfeld mit Einbeziehung der geschichtlich gewachsenen Entwicklung didaktisch für ein großes Publikum auf (ein Beispiel aus vielen: Bauer u. a. 2020). 
 
 
Ein neuer Museumstyp zieht die Aufmerksamkeit auf sich: Das 2019 gegründete Futurium in Berlin widmet sich den Fragen zur Zukunft unserer Gesellschaft. Archäologische Museen können und sollten sich an der Diskussion um die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen menschlichen Lebens beteiligen.
(Foto: Boonekamp [CC BY-SA 4.0] via WikimediaCommons).

 
Besucherinnen und Besucher fordern deshalb selbstverständlich auch von solchen Museen, die keine zeitgeschichtlichen Themen aufrufen, eine gegenwartsbezogene Relevanz jenseits einer rein archäologischen bzw. historischen Betrachtungsebene. Hier gilt es, diese Aufgabenstellung zu diskutieren und konkrete inhaltliche Bezüge wissenschaftlich-interdisziplinär zu überprüfen und, wo es aussagekräftig ist, diese kritisch herauszuarbeiten. 
 
Im Ergebnis bietet sich die Möglichkeit einer völlig neuen Definition von etwa archäologischen Museen als Orte der Geschichts- UND Gegenwartsvermittlung, verbunden mit einer stärkeren Positionierung der Museen in aktuellen Diskussionen zur Zukunft unserer modernen Gesellschaft. Das Neolithikum ist mit den hier skizzierten inhaltlichen Aspekten und den Andeutungen einer musealen Umsetzung ein dankbares Beispiel. Weitere epochale Umbrüche der Menschheitsgeschichte eignen sich ebenfalls, um essentielle Einsichten für das Heute zu gewinnen und einen Erfahrungsschatz für Zukunftsplanungen beizusteuern. Ganz allgemein bleibt aber die gegenwartsbezogene Vermittlung von entsprechenden Erkenntnissen aus der Geschichte vom einzelnen Sachverhalt abhängig und darf niemals konstruiert oder banal sein.


Literatur

  • Bauer u. a. 2020
    P. Bauer/R. Bocksch/B. Friedrich, 102 grüne Karten zur Rettung der Welt. (Berlin 2020).
  • Braudel 1958
    F. Braudel, Histoire et Sciences sociales: La longue durée. Annales 13/4, 1958, 725-753. - doi:10.3406/ahess.1958.2781
  • Childe 1936
    V. G. Childe, Man makes himself. (London 1936).
  • Diaz u. a. 2019
    S. Díaz/J. Settele/E. S. Brondízio/H. T. Ngo/M. Guèze/J. Agard/A. Arneth/P. Balvaner/K. A. Brauman/S. H. M. Butchart/K. M. A. Chan/L. A. Garibaldi/K. Ichii/J. Liu/S. M. Subramanian/G. F. Midgley/P. Miloslavich/Z. Molnár/D. Obura/A. Pfaff/S. Polasky/A. Purvis/J. Razzaque/B. Reyers/R. Chowdhury/Y. J. Shin/I. J. Visseren-Hamakers/K. J. Willis/C. N. Zayas, The global assessment report on biodiversity and ecosystem services. Summary for policymakers. (Bonn 2019). - https://zenodo.org/record/3553579#.Xu5a-NNlLIU [20.6.2020].
  • Engels 2014
    D. Engels, Auf dem Weg ins Imperium. Die Krise der Europäischen Union und der Untergang der Römischen Republik. Historische Parallelen. (Berlin 2014).
  • Foley u. a. 2013
    S. F.Foley/D. Gronenborn/M. O. Andreae/J. W. Kadereit/J. Esper/D. Scholz/U. Pöschl/D. E. Jacob/B. R. Schöne/R. Schreg/A. Vött/D. Jordan/J. Lelieveld/C. G. Weller/K. W. Alt/S. Gaudzinski-Windheuser/K.-C. Bruhn/H. Tost/F. Sirocko/P. J. Crutzen, The Palaeoanthropocene – The beginnings of anthropogenic environmental change. Anthropocene 3, 2013, 83-88. - doi:https://doi.org/10.1016/j.ancene.2013.11.002
  • Griggs u. a. 2013
    D. Griggs/M. Stafford-Smith/O. Gaffney/J.Rockström/M. C. Öhman/P. Shyamsundar/W. Steffen/G. Glaser/N. Kanie/I. Noble, Policy: Sustainable development goals for people and planet. Nature 495, 2013, 305-307.
  • Gronenborg/Schreg 2020
    D. Gronenborn/R. Schreg Die COVID-19 Pandemie. Teil 2: Kleine Geschichte der Erforschung von gesellschaftlichen Zyklen. Archaeologik (9.4.2020) - https://archaeologik.blogspot.com/2020/04/die-covid-19-pandemie-teil-2-kleine.html.
  • Harari 2018
    Y. N. Harari, 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. (München 2018).
  • Hoffmann 2017
    G. Hoffmann, Warum das Anthropozän nicht als neue geochronologische Epoche taugt. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften 168,/1, 2017, 3-7. - doi:10.1127/zdgg/2017/0048
  • Matzerath 2015
    S. Matzerath, Dokumentation der Archäologischen Landesausstellung NRW "Revolution jungSteinzeit". Projektskizze, Ausstellungskonzeption und Publikation. Berichte aus dem LVR-LandesMuseum Bonn 2 (Bonn 2015) 2-11.
  • Matzerath 2016
    S. Matzerath, Guide to the Archaeological State Exhibition of North Rhine-Westphalia – The Impact of Neolithisation (5300-2000 BC). (Detmold 2016).
  • Matzerath u. a. 2015
    S. Matzerath/T. Otten/M.Schmauder, Neolithikum und Gegenwart – Anknüpfungspunkte in der Archäologischen Landesausstellung NRW "Revolution jungSteinzeit". Blickpunkt Archäologie 4, 2015, 298-306.
  • Matzerath u. a. 2020
    S. Matzerath/C. Peitz/J. Pechtl/D. Schyle/J.Weiner, Back for the future. Das erste Museum für Steinzeit und Gegenwart. Museum heute 57, 2020, 9-13.
  • Pechtl u. a. im Druck
    J. Pechtl/S. Matzerath/C. Peitz/D. Schyle/J. Weiner, Neuling in der Museumslandschaft: Kastenhof Landau – Das Museum für Steinzeit und Gegenwart, Landau a.d. Isar, Landkreis Dingolfing-Landau, Niederbayern. Das archäologische Jahr in Bayern (im Druck) 106–109.
  • Peitz u. a. im Druck
    C. Peitz/S. Matzerath/J. Pechtl/D. Schyle/J. Weiner, Vermitteln zwischen Archäologie und Gegenwart. Ein neuartiges Museumskonzept in Niederbayern. Standbein Spielbein. Museumspädagogik aktuell (im Druck).
  • Peters/Zimmermann 2017
    R. Peters/A. Zimmermann, Resilience and Cyclicity: Towards a macrohistory of the Central European Neolithic. Quaternary International 446, 2017, 43–53. doi:https://doi.org/10.1016/j.quaint.2017.03.073
  • Von Weizsäcker/Wijkman 2017
    E. U. von Weizsäcker/A. Wijkman, Wir sind dran. Club of Rome: Der große Bericht. (Gütersloh 2017).


English abstract

Neolithic makes Present. Why Archaeological Museums should explain our Modern Society – an Essay

Archaeological museums, being showcases of history, contribute to collective consciousness and the processes of knowledge in our modern society. Archaeological research and its presentation to a broad public can also be an essential enrichment to the discussion of the present and questions about the future of mankind. This requires precise references and insights from history, which must never be constructed banally and, if anything, can only be gained to a limited extent from a diachronic comparison of development processes in the sense of recurring cycles. The authors see a meaningful contemporary approach almost exclusively in turning points in human history that have decisively determined the framework conditions of further historic developments since then until today. The Neolithic Revolution is described as a corresponding, elementary change in history with far-reaching effects on the challenges and opportunities of the present. Concerning exhibitions, this potential of a comparative examination of „the past and the present“ has hardly been noticed so far. Here the authors see a challenge for museum concepts.


Key words: Archaeology and Present, Modern Society, Museums, Exhibition concept, Neolithic Revolution.

 



Die Mitglieder der Autorengruppe waren bzw. sind in unterschiedlichen Anteilen in der Lehre und Vermittlung, in der Forschung, Feldarbeit und Denkmalpflege tätig. Gemeinsam haben sie das Museum für Steinzeit und Gegenwart in Landau an der Isar konzipiert und die Realisierung begleitet. 

Simon Matzerath M.A. ist Direktor des Historischen Museums Saar in Saarbrücken, war Mit-Kurator der Landesausstellung NRW „Revolution Jungsteinzeit“ 2015/2016 im LVR-LandesMuseum Bonn und am Lippischen Landesmuseum Detmold. 

Dr. Joachim Pechtl forscht mit Schwerpunkt zum Neolithikum in Bayern und im Ostalpenraum und ist Leiter des Fachbereichs Steinzeiten am Institut für Archäologien an der Universität Innsbruck. Er war 10 Jahre im kelten römer museum Manching tätig. 

Der Geologe und Paläontologe Dr. Christian Peitz (Rheinbach) ist seit 14 Jahren (teils freiberuflicher) Kurator und Museumspädagoge mit einem Wirkungsfeld an sieben Museen im Rheinland. 

Mit Schwerpunkten im Neolithikum und Paläolithikum war Dr. Daniel Schyle (Neanderthal Museum Mettmann) an zahlreichen Forschungsprojekten in Mitteleuropa und im Orient beteiligt. Aktuell arbeitet er in einem Projekt zu den Steinzeiten im Rheinland. 

Dr. Jürgen Weiner (Pulheim-Sinthern war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2012 im LVR-Amt für Bodendenkmalpflege beschäftigt. Unter anderem gehören Bergbau und Wasserversorgung im Neolithikum zu seinen Forschungsschwerpunkten.

Als korrespondierender Autor dieses Beitrags fungiert Simon Matzerath M.A., Historisches Museum Saar, Schlossplatz 15, 66119 Saarbrücken, s.matzerath@hismus.de