Noch ein Jahr lang ist im vorarlberg museum in Bregenz unter dem Titel „Baustelle Erinnerung | Hitler entsorgen“ eine vom Haus der Geschichte Österreichs hdgö übernommene Ausstellung zum Umgang mit NS-Objekten zu sehen. Sie lädt den Besucher ein, sich mit Familienerbstücken bewusst auseinanderzusetzen - ausgehend von der Frage „aufbewahren, verkaufen, zerstören?“
Die Ausstellung „Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum“ wurde schon ab 2018 konzipiert und zunächst 2021-2023 im Hdgö in Wien, dann in Innsbruck und Klagenfurt sowie zuletzt auf der Franzensfeste präsentiert. In der Festung Franzensfeste im italienischen Südtirol wurde die Ausstellung um eine regionale Perspektive „Mussolini entsorgen“ erweitert, die Südtirols Geschichte im Kontext von Faschismus und Nationalsozialismus beleuchtet.
In Österreich, aber auch in Deutschland hat die Ausstellung einige Aufmerksamkeit und in der Regel positive Resonanz gefunden.
- "Hitler entsorgen" - so kann es gehen. DW 29.1.2022 (B. Breuer). - https://www.dw.com/de/wie-umgehen-mit-nazi-devotionalien/a-60533474
Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen.
- M. Sommer (Hrsg.), Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum = Disposing of Hitler : out of the cellar, into the museum (Wien 2021). ISBN 9783010000505
Mit einer Alpen-Exkursion der Bamberger AMANZ 2025, die einen Schwerpunkt auf der Neuzeitarchäologie hatte, haben wir die Ausstellung in der Franzens-Feste besucht. Zu Beginn und am Ende wurden die Besucher gebeten, auf Papierkärtchen ihre Meinung festzuhalten. Als wir da waren, hat sich das Meinungsbild zum Ende der Ausstellung sehr eindeutig zum Aufbewahren und kritischem Erinnern verschoben. Neben Computerstationen sind in der Ausstellung vor allem die analog gestalteten Informationen und Interaktionen positiv hervorzuheben. Die Besucherinnen und Besucher werden damit dazu angehalten, nicht nur passiv zu konsumieren, sondern sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Es geht vorrangig um die Frage nach dem Umgang mit Relikten der NS-Zeit in Privatbesitz. Vieles taucht im Nachlass von Eltern und Großeltern auf. Geht es nicht um schriftliche Zeugnisse, sondern um Objekte, fehlt oft ein Kontext. Das gilt insbesondere für die NS-Objekte, die angeblich als historische Zeugnisse im Internet gehandelt werden - vielfach, aber genau diesen Zeugniswert durch eine Entkontextualisierung verloren haben und nun doch eher als gruselige Nazi-Devotionalien erscheinen.
Hier setzt die Ausstellung an. „Was tun mit Überbleibseln des Nationalsozialismus? Bewahren, entsorgen oder verkaufen? Die vom Haus der Geschichte Österreich (hdgö) konzipierte Ausstellung beleuchtet den Umgang mit NS-Relikten und fragt nach der gesellschaftlichen Verantwortung im Umgang mit diesen Objekten.“
Die Ausstellung zeigt exemplarisch Objekte der NS-Zeit, von denen die meisten beim hdgö in Wien abgegeben wurden. Dabei präsentiert die Ausstellung auch genau diese Abgabe, indem die Verpackungen, in denen die Objekte eingeliefert wurden, ebenso präsentiert werden wie die Begleitschreiben. Sie verraten viel über den unsicheren Umgang mit diesem Erbe. Eine dieser Verpackungen ist zum Symbolbild der Ausstellung geworden: das Filmschächtelchen beschriftet mit „Nazi Dreck“
An zahlreichen Objekten wurden Leitfragen entwickelt und beantwortet.Stets wird deutlich, dass die Objekte im Kontext zu sehen sind (was bei vielen archäologischen Ausstellungen bis heute nicht passiert). Zu jedem einzelnen Objekt wird gefragt:
- Was ist dieses Objekt?
- Wofür steht dieses Objekt?
- Wer verwendete dieses Objekt auf welche Art und Weise?
- Was wird über dieses Objekt erzählt?
- Wie kann dieses Objekt im Museum verwendet werden?
Die gezeigten Objekte sind mehr als historische Relikte - sie regen zu einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Ideologie, Politik und persönlichen Erinnerungen an.
In Österreich hat die Thematik noch mal eine besondere Brisanz, da seit 2023 verschärfte Bestimmungen im Verbotsgesetz zu Verharmlosung des Holocaust gelten. Sie sehen vor, dass NS-Devotionalien - Originale oder moderne Schöpfungen - eingezogen und vernichtet werden können. Sammler und Konservative beklagen diese Regelungen als Enteignung oder Geschichtsvernichtung. Sie kolportieren, der Besitz von NS-Objekten sei generell verboten und Opas Fotoalbum müsse abgegeben und vernichtet werden.
Tatsächlich reagiert die gesetzliche Regelungen “vor allem auf Fälle, in denen Personen "ganze Keller voll" an NS-Devotionalien gehortet hätten, ohne dass ihnen diese bislang entzogen werden konnte.” Es geht lediglich um solche Fälle, bei denen nicht gewährleistet ist, dass “der Verfügungsberechtigte (…) Gewähr dafür (bietet), dass die Gegenstände nicht zur Begehung strafbarer Handlungen verwendet werden.” Strafbare Handlungen sind in diesem Kontext irgendwie geartete Betätigungen “für die NSDAP oder ihre Ziele”. Das Gesetz richtet sich gegen Alt- und Neonazis, wobei eine Einziehung der Objekte auch dann möglich ist, wenn es diesbezüglich nicht zu einer Verurteilung kommt. Gerichtlich kann dann auch bei einem Freispruch eine Einziehung bestimmt werden. Sammler, die in den Verdacht geraten, rechte Positionen zu vertreten (oder die der Faszination des Bösen verfallen sind und keine Distanzierung erkennen lassen) laufen Gefahr, dass ihre Sammlung eingezogen werden könnte.
In Deutschland geht solches derzeit nicht, wie der Fall des AfD-Landtagsabgeordneten Daniel Halemba zeigt. Die Staatsanwaltschaft hat Klage wegen Volksverhetzung, Geldwäsche, Sachbeschädigung, Nötigung und versuchter Nötigung erhoben. Eine Anklage wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen wurde vom Gericht aber nicht zugelassen. In seinem Zimmer in einer Würzburger Studentenverbindung soll er einen von Heinrich Himmler aus dem Jahr 1939 stammenden SS-Befehl zur Schau gestellt haben. Da er den SS-Befehl nicht öffentlich gezeigt habe, ist keine Strafbarkeit gegeben. Mit der österreichischen Regelung wäre hier nun - trotz Unschuldsvermutung, ausbleibender Anklage und ggf. auch Freispruch in den Anklagepunkten - gerichtlich eine Einziehung des SS-Befehls möglich. Eine automatische Vernichtung scheint nicht vorgesehen, denn richtig kontextualisiert kann Nazi-Dreck eben auch wichtige Quelle oder Erinnerungsmal sein.
Die Ausstellung thematisierte jedenfalls auf der Franzensfeste diese eher juristischen Aspekte nur am Rande, beschäftigt aber die Sammler, die wir bei der Exkursion kennen gelernt haben, sehr. Sie sehen eine tatsächlich eingetretene Verunsicherung im Umgang mit historischen Dokumenten der NS-Zeit in Familienbesitz, sehen das Risiko des Verlustes, aber auch die Bildung eines Schwarzmarktes mit erhöhten Preisen,
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| Familienalbum aus NS-Zeit, Reichsparteitag Septt. 1935 (Privatbesitz) |
Mit der im Jahr 1939 gegründeten „Mittelstelle Deutsche Tracht“ in Innsbruck wurde die sogenannte Trachtenerneuerung systematisch organisiert. Tracht wurde im Nationalsozialismus zur Definition verwendet, wer dazugehören durfte - und wer nicht: Bereits ab Mitte 1938 galt ein Trachtenverbot für Juden in Vorarlberg und Tirol.
Das Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit, die mit ihren Millionen Toten das normale Vorstellungsmaß so dermaßen sprengen, gestaltet sich extrem schwierig, kaum da die Zeitzeugen weitgehend weg gestorben sind. Angesichts der aktuellen Wahlergebnisse (oder bisher Prognosen) wird auch deutlich, dass man mit bisherigen Konzepten nicht zufrieden sein kann. Ohne Zeitzeugen wird das noch schwieriger und es wird nötig sein, die Objekte dazu besser heranzuziehen. Dabei gilt es, Anknüpfungspunkte zu schaffen - durch die Familiengeschichte und die Dachbodenfunde, aber auh durch archäologische Ausgrabungen, wo es eine Herausforderung für die Denkmalpflege geben wird, zu begreifen, dass die Ausgrabung hier selbst die entscheidende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sein kann. Schützen für die Zukunft ist hier nicht sehr plausibel, wenn es jetzt heißen mus: Nie wieder!
Literatur
- Franz-Stefan Meissel, Umgang mit einem schwierigen Erbe Österreichs NS-Zeit und das Recht (Wien 2025). - ISBN 978-3-214-26057-6
- L. Beckershaus/ M. Fösl/ L. Langeder, “Hitler entsorgen” - oder soll das ins Museum? In: D. Döring/ M. Vöhringer (Hrsg.), Friktionen kuratieren. Für eine politische Wissensgeschichte des Ausstellens (Bielefeld 2025) 267-285. - DOI: https://doi.org/10.14361/9783839468838-018
- Monika Sommer (Hrsg.), Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum. (Wien 2021). -
- Louise Beckershaus / Stefan Benedik / Markus Fösl / Laura Langeder /Eva Meran / Monika Sommer, Aura versus Dialogue. Displaying Nazi Objects in the Exhibition. Disposing of Hitler: Out of the Cellar, Into the Museum. OeZG 34, 2023, S. 266-277. - DOI: https://doi.org/10.25365/oezg-2023-34-1-13
- Chloe Paver, “Wartime” Ephemera from the Family Home in German and Austrian History Museums: A Counterexample to the British Case. Genealogy 2024, 8(2), 70 . - Doi: https://doi.org/10.3390/genealogy8020070
Links
- "Baustelle Erinnerung" zur NS-Zeit im vorarlberg museum. JoynNews 8.5.2026. - https://news.joyn.at/themen/joynnews/baustelle-erinnerung-zur-ns-zeit-im-vorarlberg-museum-121480
- https://www.franzensfeste.info/ausstellung/hitler-entsorgen-vom-keller-ins-museum/
- https://hdgoe.at/hitler_entsorgen
- Sonderschau mit Objekten aus NS-Zeit- Landesmuseum. kärntenmuseum. - https://landesmuseum.ktn.gv.at/aktuelles?nid=371
- vienna.at 9.12.2023: In Wien kommen NS-Objekte "vom Keller ins Museum". - https://www.vienna.at/in-wien-kommen-ns-objekte-vom-keller-ins-museum/7222200
- NZZ 12.1.2022; «Jeder hat seinen kleinen Giftschrank»: Österreich folgt Hitlers Spuren am Heldenplatz, in Kellern und Familiengeschichten.. - https://www.nzz.ch/international/hitler-in-oesterreich-jeder-hat-seinen-kleinen-giftschrank-ld.1662901DW 25.1.2022.: "Hitler entsorgen" - so kann es gehen. - https://amp.dw.com/de/wie-umgehen-mit-nazi-devotionalien/a-60533474
- Anklage wegen Volksverhetzung gegen AfD-Politiker.. FAZ 21.8.2025: - https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-politiker-daniel-halemba-wegen-volksverhetzung-angeklagt-110647635.html
- Dürfen NS-Devotionalien eingezogen werden? Homepage Strafverteidiger und Rechtsanwalt Mag. Normann Hofstätter, MBA. - https://www.strafverteidiger-wien.at/recht-oesterreich-news/einziehung-ns-devotionalien/
- https://www.parlament.gv.at/aktuelles/pk/jahr_2023/pk1435
- Gesetzliche Grundlagen zum Umgang mit NS-Objekten. HdGÖ - https://hdgoe.at/gesetze-ns-Objekte
- Novelle des Verbotsgesetzes. Magazin des BMI 3-4, 2024. Österr. Bundesministerium des Innern - https://www.bmi.gv.at/magazin/2024_03_04/31_recht.html
- https://www.ris.bka.gv.at/NormDokument.wxe
- Klarstellungen zur Neufassung des NS-Verbotsgesetzes in Bezug auf die Ahnenforschung. Familia Austria 2024. - https://www.familia-austria.at/index.php/aktuell/archiv-2024/1845-klarstellungen-zur-neufassung-des-ns-verbotsgesetzes-in-bezug-auf-die-ahnenforschung (Zugriff 22.8.2026)


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