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Samstag, 12. September 2026

Antiken und das doppelte Gesicht von ICE

In der Region Tampa im US-Bundesstaat Florida wurde ein illegales Schmuggel-Depot mit mehr als 22.000 antiken Objekten ausgehoben.  
 

Die Rolle von ICE 

Die offizielle Bekanntgabe der Beschlagnahmung erfolgte Ende August 2026. durch ICE (Immigration and Customs Enforcement), jener US-Bundestruppe, die in den letzten Monaten auf Weisung von POTUS Don. Trump mit Terrormethoden gegen Immigranten vorgeht und nun schon mehrere Tote zu verantworten hat, von denen Renée Nicole Good nur diejenige ist, die am meisten Aufmerksamkeit gefunden hat, weil ihre Ermordung im Video dokumentiert ist. Aktuell gibt es in den USA Ankündigungen, dass ICE in den Wahllokalen der Midtermwahlen im November Festnahmen durchführen würde (dazu hier) - ein angekündigter Rechtsbruch, der aber genug Angst verbreiten könnte, um die Wahlen zu beeinflussen. ICE entwickelt sich zu einer hochgerüsteten paramilitärischen Truppe, wie sie für faschistische Systeme charakteristisch ist (dazu schon Arendt 1955) und die vor allem der Einschüchterung der eigenen Bevölkerung dient (dazu hier; Samaras 2026). Ihre unkontrollierte Gewalt gegen Zivilisten schwebt auch hierzulande einigen Rechtspopulisten der AfD vor Augen. Wenn hier die Rüstungsindustrie als relevant für Remigration angesehen wird, so muss man sich auf geplante Gewalt einrichten (dazu hier und hier)

Die US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE ist neben dem Migrationsrecht auch für die Bekämpfung von grenzüberschreitender Kriminalität wie Schmuggel, Menschenhandel und Geldwäsche zuständig. Über ihre spezialisierte Ermittlungseinheit Homeland Security Investigations (HSI) ist sie für Antiken zuständig, da der illegale Handel mit geraubten Kulturgütern über internationale Grenzen hinweg gegen US-Zollgesetze verstößt und da kriminelle und terroristische Netzwerke den Schmuggel von Antiken häufig zur Geldwäsche oder Finanzierung nutzen.
[5]
ICE sieht sich in den USA inzwischen mit einem zivilgesellschaftlichen Ungehorsam konfrontiert, der Nachbarn zu schützen sucht. In seiner PR-Arbeit versucht ICE sein Image aufzubessern und seine Legitimität unter Beweis zu stellen.
Leider kommt hier nun der prinzipiell zu begrüßende Kampf gegen die internationale Antikenhehlerei ins Spiel. Medienwirksam inszenierte Rückgabe-Zeremonien mit Botschaftern, Kuratoren und antiken Schätzen bringen ICE positive Schlagzeilen.  Das Narrativ einer "Retterin der Weltkultur", lenkt von Internierungslagern, Familientrennungen und Gewalt ab. Das ist dasselbe Propagandamuster, das wir in vielen Situationen etwa in Syrien kennen gelernt haben, wo sich Russland in Palmyra als Kulturretter inszeniert hat (Archaeologik 1.10.2015).
ICE verfügt mit der spezialisierten Ermittlungsabteilung HSI (Homeland Security Investigations) über das Programm für Kulturgüter, Kunst und Antiquitäten (Cultural Property, Art and Antiquities, CPAA), die im Kampf gegen die weltweite Antikenhehlerei in letzter Zeit einige Erfolge aufweisen kann.

Das Antikenlager in Florida 

Der aktuelle Fund in Florida stellt zwar einen der größten Schläge von ICE/ HSI dar, ist aber bei weitem nicht der einzige Fall. In Tampa, Florida wurden nach Medienberichten über 22.000 antike Artefakte sichergestellt, die aus Europa, Afrika und dem Mittelmeerraum stammen. Unter den Stücken befanden sich nach Medienangaben antike griechische und römische Münzen, byzantinisches Glas, Schmuck, Keilschrifttäfelchen und -zylinder, Terrakottafiguren, Gefäße, Statuen und Mosaike. Laut ICE stammen die Funde aus illegalen Grabungen und Museumsdiebstählen in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten. Aktuell arbeiten Archäologen der University of South Florida und der University of Pennsylvania unter Hochdruck daran, jedes einzelne Stück zu zertifizieren.
Glas- und Keramikfunde aus der Sicherstellung in Tampa
(Foto: ICE, PD, via ICE)

 
Die veröffentlichten Bilder lassen in der Tat ein großes Spektrum unterschiedlichster Fundobjekte erkennen, darunter auch solche, die nach meiner Einschätzung aus Syrien oder der Ukraine stammen könnten. Das stützt die These, dass Raubgrabungsfunde verzögert auf den Markt kommen und zunächst, entweder nahe ihrer Herkunftsgebiete oder aber schon in Händen der Hehler und Schmuggler über Jahren eingelagert werden, bevor Gras über die Konflikte gewachsen ist - oder die Politik ältere Funde mal wieder durch Anpassung der gesetzlichen Fristen legalisiert. 

Rückgaben

Sobald die strafrechtlichen Ermittlungen und Eigentumsprüfungen abgeschlossen sind, übergibt die US-Regierung die Raubkunst im Rahmen formeller Zeremonien an die Herkunftsländer. Zu den bedeutendsten Rückgaben der letzten Jahre gehören:
In Zusammenarbeit mit dem US-Außenministerium gab HSI im Mai 2026 26 antike Artefakte an die Republik Griechenland zurück. Das Prunkstück der Rückgabe war ein rund 250 Kilo schwerer Marmortorso von Asklepios, dem griechischen Gott der Heilkunst. Zudem wurden 25 seltene antike Münzen übergeben, die bis in die griechische, römische und byzantinische Epoche zurückreichen. 
 
Asklepios-Statue
(Foto: ICE, PD via WikimediaCommons)


Ebenfalls im Mai übergab die HSI-Dienststelle in El Paso in einer feierlichen Restitution eine Vielzahl präkolumbianischer Artefakte und Kolonialgüter an die mexikanische Regierung. 
In Washington wurden im Januar 2026 sieben wertvolle Artefakte an die ägyptische Botschaft restituiert. Darunter befanden sich zwei mumifizierte Fische sowie ein Falkenkopf aus der Ptolemäerzeit (304–30 v. Chr.) sowie ein Amulett des Gottes Set und ein Herzskarabäus aus Basalt. 
HSI New York gab im Februar 2025 gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Manhattan 133 antike Kunstschätze an Pakistan zurück. Die Stücke stammten größtenteils aus Beschlagnahmungen rund um illegale Kunsthändlerringe. 

Rückgaben gab es bereits vor Trumps zweiter Präsidentschaft, unter anderem an Indien, den Jemen, Zypern, Italien und Frankreich. Insgesamt hat das HSI-Kulturgüterschutzprogramm seit seiner Gründung im Jahr 2007 weit über 20.000 Objekte in mehr als 40 Länder weltweit zurückgebracht. 

Es ist schade, dass die notwendige Verfolgung der Antikenhehler nun einen Beigeschmack bekommt und diese Arbeit auch dazu dient, die dunkle Seite von ICE zu relativieren.


Quellen

  • Offizielle Pressemitteilungen ICE/HSI

Literatur

  • H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft (Frankfurt 1955). 
  • G. Samaras, ICE as domestic state terror: operation Metro Surge and the production of fear in Minneapolis. Critical Studies on Terrorism 19/3, 2026, 811–828. - doi: https://doi.org/10.1080/17539153.2026.2686525

Donnerstag, 30. Juli 2026

Der Goldschmuck von Vix doch Opfer eines Sammlers?

In einem Interview mit Ke Figaro äußert sich Dominique Garcia, Präsident des Institut national de recherches archéologiques préventives (Inrap)zumRaub des Halsreifs von Vix. Ers sieht auch bei solch exzeptionellen Stücken einen weltweiten Markt bei Sammlern und die Möglichkeit, dass es sich um einen Auftragsraub handelt

 

Laut Staatsanwaltschaft in Nancy wurde inzwischen eine Person verhaftet. Die Ermittler geheh aber davon aus, dass es mehr als die zwei Täter waren, die im Museum mit Hut, Perücke und Sonnenbrillen in Erscheinung traten.

Artur Brand ein niederländischer Kunstdetektiv, der schon einige gestohlene Kunstobjekte aufgefspürt hat, will nach dem Halsschmuck der Damevon Vix suchen. Vor Jahren wurde aus dem Museum eine römische Bacchus-Statuette gestohlen, die er wieder beibringen konnte.


 

Wollen wir mal hoffen, dass das gute Stück wieder auftaucht. Es ist eines der faszinierendsten Objekte 'keltischer' Kunst. Filigrane Auflagen und kleine Pegasus-Figürchen an den Enden kontrastieren mit der glatten Oberfläche des eher wuchtigen Nackenteils. Der Halsschmuck, für den der Begriff "Toques" nur bedingt zutreffend ist, ist ziemlich einzigartig, so dass die Forschung über seine Herkunft spekuliert hat: skythisch,etruskisch,griechisch oder doch einheimisch 'Keltisch'. Christiane Eluère argumentierte aufgrund stilistischer aber auch technischer Details für eine regionale Herstellung. Im Grabungsbefund lag der Schmuck am Schädel, aber letztlich blieb unklar, ob er als Halsschmuck oder doch eher als Teil einer Kopfbedeckung oder als Diadem zu verstehen ist. 1989 wurden Materialanalysen des Goldes publiziert, doch scheinen neuere Beprobungen im Rahmen einer systematischen Untersuchung keltischer Halsreife nicht durchgeführt worden zu sein. 

Halsschmuck der Dame von Vix
(Foto: GO69, CC BY-SA 4.0,via WikimediaCommons)
 

 

 

Links

 

Literaturhinweise 

  • C.Eluère, Das Gold der Kelten (München 1987)
  • C. Eluère/ F. Drilhon/ H. Duday/ A.-R. Duval, L'or et l'argent de la tombe de Vix. Bulletin de la Société préhistorique française 86/1, 1989.  10-32. - DOI : https://doi.org/10.3406/bspf.1989.9357  

Freitag, 6. Juni 2025

Nachlaß Helmut Thoma: Zeit für die Rückgabe des palmyrenischen Grabreliefs

Helmut Thoma
(Foto Manfred Werner - Tsui
[CC-BY-SA-3.0
via Wikimedia Commons])
Anfang Mai 2025 ist Helmut Thoma an seinem 86. Geburtstag in Wien verstorben. Die Medien haben ihm als einem unterm Strich wohl erfolgreichem Medienmanager einige Nachrufe gewidmet. Die Geschichte seiner Beteiligung an einer Raubgrabung in Palmyra und dem Schmuggel eines palmyrenischen Grabreliefs nach Deutschland wird nicht erwähnt. Dennoch ist das der Augenblick, daran zu erinnern, denn jetzt wäre der Zeitpunkt, zu dem seine Erben das Stück - sofern es nicht schon wieder längst auf den Markt gelangt ist - nach Syrien zurück geben sollten. In Syrien hat sich die Lage verändert und die Geste einer solchen Rückgabe würde eine positive Entwicklung dort auch unterstützen. 
 
Bereits 2010 forderte der Palmyra-Experte Prof. Andreas Schmidt-Colinet eine Rückgabe des Reliefs an den syrischen Staat als rechtmäßigem Eigentümer.. Nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs 2011 und der Verbrechen des Assad-Regimes war eine Rückgabe an diesen Staat aber nicht denkbar. Jetzt aber ist die Lage eine andere. Jetzt kann und muß das unrechtmäßig aus einem Grab entfernte und nach Deutschland geschmuggelte Relief zurück gegeben werden.


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Sonntag, 2. Februar 2025

Öffnungen und Eröffnungen in Damaskus

Wenige Wochen nach der Wende in Syrien zeigen sich einige optimistische Entwicklungen für die archäologischen Stätten im Land:

In einer Erklärung der Generaldirektion für Antiquitäten und Museen  (DGAM) vom 31.1.2025 (via facebook) lädt sie zur Rückkehr ausländischer archäologischer Expeditionen nach Syrien ein.  Sie betont, dass es wichtig ist, „alle Anstrengungen zum Schutz und zur Bewahrung des syrischen Kulturerbes zu bündeln, das die gemeinsame Identität aller Syrer, unabhängig von ihrem Umfeld, darstellt.“

Weiter heisst es „Dies ist eine entscheidende und sensible Zeit für die Wiederherstellung des syrischen Kulturerbes und erfordert, dass alle Syrer gemeinsam mit der lokalen und internationalen Gemeinschaft auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten: dieses Erbe zu schützen und eine Zukunftsvision zu entwickeln, die alle einbezieht, um die Brillianz und Vitalität des syrischen Kulturerbes wiederherzustellen.


Frankreich und Italien sind offenbar bereits in Verhandlungen, um die langjährigen Grabungen in Marie wieder aufzunehmen, wie aus einem anderen Statement der DGAM hervorgeht

Auf den Seiten des DAI finden sich noch keine Angaben zu einer möglichen Rückkehr nach Damaskus. Auch im Kontext des Besuchs der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock findet das DAI keine Beachtung. Schon kurz nach dem Sturz des Assad-Regines wurde bon Seiten des DAI auf die Bedeutende einer Bestandsaufnahme hingewiesen.

Die neue Regierung ist offenbar auch in der Verfolgung von Raubgrabungen und Antikenhehlerei aktiv geworden. 

ATHAR Project berichtet auf TwiX , dass die Behörden der neuen syrischen Regierung Personen verhaftet, hätte die sowohl in Drogen- als auch in Antikenhehlerei verwickelt sind. Dazu heisst es: „Die Einwohner haben die neue Regierung aufgefordert, alle Personen strafrechtlich zu verfolgen, die an solchen Aktionen beteiligt sind, die die kulturelle und historische Identität Syriens bedrohen.“

ATHAR Project ist unter @atharproject.bsky.social  nun auch auf bluesky, aber dort noch nicht aktiv


Wiedereröffnung des Nationalmuseums in Damaskus

Das Nationalmuseum in Damaskus wurde  am 8. Januar 2025 1.8.2025 wiedereröffnet. Der Direktor der DGAM , Dr. Anas Haj Zidanes führte dabei  den türkischen Botschafter Burhan Kaur Oglu im Nationalmuseum.

Auch andere Stätten in Damaskus werden wiedereröffnet und mit Bürgerbeteiligung gereinigt.



Freitag, 28. Juni 2024

3 Mio DM für Raubgut

Am 13.Juni 2024  unterschrieben der italienische Kultusminister Genaro Sanguliano und Kulturstaatsministerin Claudia Roth die Übergabevereinbarung für 25 archäologische Objekte. 1984 hat die Berliner Antikensammlung - heute Teil der Stiftung Preußischer Kulturbesitz 21 rotfigurige Vasen aus Unteritalien für die stolze Summe von drei Millionen D-Mark im Schweizer Kunsthandel erworben. Wie so häufig war die Angabe "aus Genfer Familienbesitz" falsch und diente der Verschleierung der Provenienz aus Raubgrabungen der 1970er Jahre.

Rhesos-Krater, ehemals Antikensammlung Berlin
(Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung /CC BY-SA 4.0
via
https://id.smb.museum/object/677302/apulischer-volutenkrater)

Tatsächlich sind viele der Funde in den Unterlagen des verurteilten Antikenhehlers Giacomo Medici auf Fotos noch grabungsfrisch  zu erkennen.

Leider gar nicht ungewöhnlich die Geschichte.

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Montag, 29. April 2024

Grabraub: Immerhin erregte es Aufsehen

Eine eigentlich banale Meldung zum kommenden 85. Geburtstag von Helmut Thoma in den Salzburger Nachrichten (nach APA Austra Presse Agentur):

 Nur ein Absatz ist bemerkenswert:

Helmut Thoma, Women's World Awards 2009
Helmut Thoma
(Foto Manfred Werner - Tsui
[CC-BY-SA-3.0
via Wikimedia Commons])
"In seiner Freizeit ging Thoma, der mit der buddhistischen Lebensphilosophie liebäugelte, u.a. gerne tauchen, sorgte aber speziell mit einem Aufenthalt in Syrien für Aufsehen. Noch weit vor der Jahrtausendwende erbeutete er mit einem Grabräuber zusammen einen Grababschluss, wie er viele Jahre später erzählte. "Er hat mich zu einem Höhlengrab in der antiken Wüstenstadt Palmyra geführt und meinte: 'Jetzt krabbeln wir da rein.' Da hatte ich schon ein bisschen Bedenken. Es war Nacht, und da waren Schlangen...", sagte er der "Welt"."

 Immerhin erregte es Aufsehen...

Mal sehen, ob zu Thomas 85. Geburtstag am 3. Mai die ungeheuerliche Geschichte nochmals aufegriffen wird.

Archäologen forderten eine Restitution an Syrien. Das war vor dem Bürgerkrieg und den Greueltaten des Assad-Regimes. Thoma reagierte offenbar nicht auf die Anragen.

Wo ist das geklaute Relief heute? Längst wieder im Kunsthandel?

 

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Freitag, 23. Februar 2024

Schlechte Wertanlage: Antiken des IS in Heilbronn

Ein 35-jähriger Mann aus dem Kreis Heilbronn hat eine jahrtausendealte Keilschrifttafel aus Syrien erworben, Er fragte bei einer Universität um eine Übersetzung des Keilschrifttextes an. Die Experten fragten in Kenntnis der Situation vor Ort bei syrischen Kollegen, nach. Dabei stellte sich heraus, dass die Keilschrifttafel 2015 aus einem Museum in Idlib gestohlen wurde.
Der Mann behauptete, die Keilschrift aus einer alten bayerischen Sammlung erworben zu haben, um sie als Wertanlage zu nutzen. Bei einer Durchsuchung fand das LKA noch mehr archäologische Kulturgüter, darunter eine weitere Keilschrift und ägyptische Uschebtis. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun, ob der Mann gegen das Kultugutschutzgesetz verstoßen hat. 

Interessant an dem Fall ist vor allem, dass hier nun in Deutschland Artefakte auftauchen, die Daesh/ der IS nach 2015 im Museum Idlib gestohlen hat. 1550 Keilschrifttafeln werden dort seither vermisst. Versuche des Kunsthandels, die Rolle des Antikenhandels für die Terrorfinanzierung herunterzuspielen, hatten darauf verwiesen, dass in Europa bisher kaum Objekte aufgetaucht seien, die sich mit den IS-Plünderungen in Syrien verbinden lassen. Das war von Anfang an eine Nebelkerze. IS/Daesh hat ja sicherlich nicht direkt nach Heilbronn geliefert, sondern sein Geld von Zwischenhändlern erhalten, die die Funde erst einmal in Verstecken und Freihandelslagern zwischen gelagert haben, um sie dann nach und nach auf den Markt zu bringen. Der Fall aus Heilbronn ist ein Indiz, dass diese Welle nun anrollen dürfte, weil genug Gras über den Bürgerkrieg in Syrien gewachsen ist und die Welt genügend andere Krisen hat, um Raubgrabungen in Syrien, die vor fast 10 Jahren stattgefunden haben, Aufmerksamkeit zu schenken.  


 

Ein weiteres lehrt der Fall: Antiken sind eine schlechte Wertanlage, da sie meistens unter fragwürdigen bis illegalen Bedingungen auf den Markt gekommen sind. Regulär ausgegrabene Objekte werden schleßlich nicht verkauft, sondern kommen ins Museum.

 

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 Bearbeitungsvermerk 20.9.2025: stilistische Korrekturen


 

Freitag, 22. Dezember 2023

Freitag, 29. September 2023

British Museum sucht Funde

und zwar die geklauten. Dazu wurde eine Website und eine e-Mail-Adresse eingerichtet.
 
in den Medien (Auswahl)
Die Website nennt die konkreten gestohlenen Objekte nicht. Diese diene dazu, zu verhindern, dass die dann unverkäuflichen gesuchten Funde im Schwarzmarkt landeten oder zerstört würden.
Übrigens war das BM nicht nur beim Verschwinden der Funde nachlässig, sondern auch beim Erwerb von Objekten und hat sich selbst beim Hehler bedient:

 interner Link

Donnerstag, 31. August 2023

Fehlbestände im British Museum: Ein gigantischer Museumsraub - oder viele kleine museale Alltagsprobleme?

Dem British Museum (BM) sind rund 1500-2000 Kleinobjekte abhanden gekommen - offenbar über die letzten zehn Jahre hinweg. 2021 wurde das BM von einem dänischen Antikenhändler darauf hingewiesen, dass bereits seit 2014 Objekte des BM auf ebay zu finden seien. Vieles hat er gekauft und laut Medienberichten mit Gewinn weiter verkauft.  Einige Objekte konnte er jedoch in Katalogen des BM identifizieren. Erste interne Ermittlungen des BM blieben allerdings ergebnislos, da einige der als gestohlen deklarierten Objekte tatsächlich im Depot gefunden werden konnten. Dem Vorfall wurde deshalb keine besondere Bedeutung zugemessen, der Händler nicht ernst genommen.

Immerhin wurden 70 Objekte auf ebay gesichtet, für die eine Herkunft aus dem BM wahrscheinlich zu machen war.

Daraufhin informierte dieser den Beirat des BM, so dass schließlich die Polizei ermittelte und einen wesentlich größeren Verlust konstatierte. Der Verdacht fiel auf einen langjährigen, renommierten Mitarbeiter, der als Kurator für griechische und römische Kultur zuletzt unter anderem für die Elgin Marbles zuständig war. Er wurde entlassen, doch betont die Familie seine Unschuld.

Inzwischen ist der Direktor des BM zurückgetreten.

 

Eingangshalle des British Museum London
(CC0 via Pixabay.de)

 

Welche Objekte genau abhanden gekommen sind, wurde bislang nicht im Detail bekannt gegeben. Sie befanden sich nicht in der Ausstellung, sondern im Magazin. Vollständigkeit und Tauglichkeit der Inventarisierung werden nun angezweifelt. Bei den Gegenständen soll es sich allgemein um Goldmünzen und -schmuck, Silberketten, Keramikstücke sowie Juwelen aus Halbedelsteinen und Glas handeln - vom 15. Jh. v.Chr . bis zum 19. Jh. n.Chr. 

Das ist ein auffallend breites Spektrum und ausgesprochen vage. Zu vermerken ist zudem, dass die Zahlen - sie sollen bei um die 2000 Stück liegen - keine Einschätzung über das tatsächliche Ausmaß geben. 935 Stück Edelsteine sind etwas anderes als 950 Keramikscherben, bei denen eine Einzelinventarisation oft jenseits des Leistbaren liegt und deren Wert vor allem in den Kontextinformationen liegt.

Meines Erachtens spricht das wohl eher breite Spektrum und der lange Zeitraum gegen die Idee eines Einzeltäters. Dem Verdächtigten wird als Motiv daher auch einfach  "Kleptomanie" unterstellt. 

Wenn jetzt im BM relativ schnell einzelne Objekte wieder aufgefunden wurden, spricht dies für eine nachlässige Organisation und eine laxe Handhabung mit dringendem Handlungsbedarf. Das hat aber als Skandal ganz andere, weit geringere Qualitäten als der Verlust hochwertiger Einzelstücke aus regulären Ausstellungen oder Magazinen. Dass nach wenigen Tagen einige Funde mit Hilfe befreundeter Kollegen wieder aufgetaucht sind, spricht dafür, dass vieles nicht gestohlen, sondern einfach im nicht so unüblichen Chaos wissenschaftlicher Bearbeitungen untergegangen ist. 

Einiges wurde sicher geklaut, anderes offenbar jedoch nicht. Hier würde ich mir eine Differenzierung wünschen, denn unter dem Eindruck eines vermeintlich riesigen Raubs durch einen Mitarbeiter besteht das Risiko, dass die Chance einer Problemanalyse und -lösung ungenutzt bleibt und ggf. sogar die Arbeit mit den Museumsobjekten weiter erschwert wird.

 

Umgang mit Studiensammlungen

In einigen der Berichte klingt an, dass es sich eben um Funde aus Studiensammlungen gehandelt hat und nicht, um inventarisierte, magazinierte Preziosen. Zu den Funktionen einer Studiensammlung gehört es, dass sie ohne große Hürden zugänglich ist, ggf. auch Stücke kurzfristig ausgeliehen werden können - zum Schutz höherrangiger oder wertvollerer Objekte. Wie das BM dies in der Vergangenheit gehandhabt hat, ist mir nicht bekannt.

Zweck von Studiensammlungen ist es idealerweise, zur Bestimmung neuer Funde vergleichend originale Referenzstücke heranziehen zu können. Da auch die neuen archäologischen Funde musealen-konservatorischen Reglements unterliegen, zudem möglicherweise erst im Prozess der Inventarisation oder Konservierung sind, sind es eher die Stücke der musealen Sammlung, die transportfähig und ausleihbar sein sollten. Idealerweise sind solche Stücke nicht die wertvollsten und kontextuell einmaligen Stücke. Durch die Vielzahl der Benutzer sind Studiensammlungen aufwändiger in Ordnung zu halten.

Daraus ergeben sich für solche Studiensammlungen de facto - wenn auch meist nicht formell - niedrigere Standards des Leihverkehrs im Interesse einer funktionierenden, effektiven Forschung. Dass in einer Vergleichs- oder Studiensammlung größere Risiken des Verlusts oder der Beschädigung bestehen, ist geradezu ein Kennzeichen solcher Sammlungen. 

 

Die Bedeutung der Inventarisation

Allerdings macht die Situation im BM auch deutlich, dass die Inventarisation der Museumsbestände unzureichend ist. Jenseits des schönen digitalen Katalogs fehlt es offenbar an der Grunderfassung auch der Altbestände. Darauf war schon vor 20 Jahren hingewiesen worden. 

Inventare waren in der Vergangenheit vor allem ein Besitznachweis und damit ein ungeliebter Verwaltungsakt, der der Öffentlichkeit auch verborgen blieb. Zu viel Aufwand im Inventar, war Zeit, die bei den "vornehmeren" Aufgaben der Museumsarbeit fehlte. Viele Museen verfügen über Altinventare, die gemäß der damaligen technischen und finanziellen Möglichkeiten ohne Fotos auskommen mussten. Oft sind nur Konvolute erfasst, ohne die Objekte einzeln aufzuführen. Das scheint auch im BM mit einigen geschenkten Objektsammlungen so gehandhabt worden zu sein. Damit fehlt nun die Möglichkeiten, den Besitz abhanden gekommener Objekte nachzuweisen und gezielt danach zu fahnden.   Selbst ein Haus wie das BM dürfte die erforderlichen personellen Kapazitäten nicht aus dem Ärmel schütten. Ein öffentliches Online-Inventar würde diese Arbeit aufwerten und hätte - richtig gemacht - einen Wert für Publikum und Forschung (vgl. Archaeologik 26.3.2023). Damit werden freilich auch jene Objekte sichtbar, die man in der Vergangenheit ob unklarer Provenienzen nur zögerlich gezeigt hat (vgl. Archaeologik 13.3.2023). Die größere Transparenz wäre Diebstahlschutz einerseits, andererseits aber auch ein wichtiger Schritt in die Gesellschaft.  

 

weitere Aufklärung

Es sind im BM erst mal eingehende Aufklärungen notwendig. Die Geschichte eines einzigen gigantischen Museumsraubs von einem internen Einzeltäter ist die medial attraktivere Geschichte als Defizite in der alltäglichen Museumsarbeit. Letzteres ist mit dem Stigma einer Unprofessionalität verbunden und würde dem Ruf der Institution wohl eher Schaden als ein Raub. 

Es wäre schön, wenn der Raub Anlaß wäre, Aufgaben von Museen gerade auch in ihrer Rolle als Archiv und Ort der Forschung neu zu reflektieren und darzustellen - und auch offen darzustellen mit welchen personellen und finanziellen Mitteln dies aktuell auskommen muss. 

 


 Links

Rückgabeforderungen

 Der Vorfall zieht zahlreiche Rückgabeforderungen von Raubkunst nach sich:

Montag, 21. August 2023

Ein Bärendienst für den Kampf gegen Raubgrabungen und Antikenhehlerei

Die Behauptung, dass der illegale Handel mit Antiken sei nach Waffen und Drogen der drittgrößte, wird oft wiederholt. Aber woher stammt diese Behauptung und welche Beweise gibt es für ihre Richtigkeit? 

Donna Yates und Neil Brodie gehen der Frage in einem Artikel in Antiquity nach. Sie präsentieren eine "stratigraphische Ausgrabung" der Behauptung, indem sie systematisch wissenschaftliche Artikel, populäre Medienartikel und politische Dokumente sichten, um die Verwendung und Wiederverwendung des "Faktoids" in den letzten fünf Jahrzehnten aufzudecken. 

  • D. Yates and N. Brodie, “The illicit trade in antiquities is not the world's third-largest illicit trade: a critical evaluation of a factoid,” Antiquity 97 (2023) 991–1003. - DOI: https://doi.org/10.15184/aqy.2023.90 

Die Autoren stellen fest, dass die Behauptung nicht auf irgendwelchen Originalforschungen oder Statistiken beruht und nicht von zuständigen Behörden stammt. Insbesondere die Angaben bei Interpol, die 2005 selbst darauf aufmerksam gemacht haben, dass es keine brauchbaren Statistike dazu gäbe, blieben ohne Referenz auf konkrete Daten oder wenigstens begründete Schätzungen. Auf die Angabe bei Interpol habe ich mich auch auf Archaeologik schon bezogen - wenn auch mit dem Hinweis, das das kaum beweisbar sein könne (Archaeologik 13.8.2018). Damals ging es um die Behauptung, der Antikenhandel diene entscheidend auch der Terrorfinanzierung. Dies war im Kontext des Bürgerkriegs in Syrien eine häufig wiederholte Aussage, die insbesondere vom Kunsthandel angezweifelt wurde. Die Tatsache, dass sich Terroristen auch aus dem Handel mit Antiken finanzieren, ist inzwischen allerdings mehrfach nachgewiesen (vgl. Archaeologik 13.8.2018; Archaeologik 27.8.2015; Archaeologik 29.11.2018).

Die Analyse von Yates und Brodie zeigt, wie die unkritische Wiederholung unbegründeter "Fakten" legitime Bemühungen zur Verhinderung von Plünderungen, Schmuggel und illegalem Verkauf von Antiken untergraben kann. Die Lobby-Arbeit greift solche Schwachpunkte der archäologischen Position gerne auf, um zu ihren Gunsten Politik zu machen - und lenkt damit auch erfolgreich immer wieder davon ab, dass es letztlich nicht um Geldsummen, sondern um zerstörte archäologische Kontexte geht. 

In den Schlußfolgerungen ihrer Arbeit schreiben Ytes und Brodie:

"Die Vorstellung, dass die Schwere der Kriminalität vergleichend am Geldwert und nicht am Schaden für die Gesellschaft gemessen werden sollte, ist beunruhigend. Antiken und andere Kulturgüter sind grundlegende Bestandteile unseres Erbes und unserer Identität. Wir müssen ihren illegalen Handel nicht finanziell bewerten, um die sozialen Schäden noch schlimmer zu machen. Alles in allem zeugt das Fortbestehen dieser und ähnlicher Tatsachen, die sich auf die Quantifizierung des illegalen Handels mit Antiken und Kulturgütern im Allgemeinen durch Finanzvergleiche konzentrieren, auf einen schwerwiegenden Mangel im öffentlichen Verständnis und damit in unserer öffentlichen Darstellung der mit Plünderung und Menschenhandel verbundenen Schäden. Das öffentliche Verständnis und die Politik müssen auf Beweisen und nicht auf Rhetorik basieren. Zu diesem Zweck benötigen wir hochwertige Daten und Expertenanalyse, um die Faktoiden zu ersetzen, die derzeit im öffentlichen Diskurs verankert sind. Wir müssen auch die Ergebnisse dieser Analyse auf klare und aussagekräftige Weise kommunizieren und aufhören, träge zu wiederholen, was mittlerweile ein diskreditiertes Faktoid sein sollte."

 

 

(Foto: R. Schreg, 2013)

 

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