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Dienstag, 12. Mai 2026

Zur Plünderung freigegeben - die Katastrophe wiederholt sich jeden Tag

Sehr grundlegend und mal nicht beschönigend oder paragraphenwedelnd...

Wolfgang Bauer schildert die Resignation und Ratlosigkeit von Archäolog*innen und Denkmalpfleger*innen ob einer Lobby von Sondlern, Händlern und Detektoranbietern bei gleichzeitiger Ignoranz von Polizei und Justiz. Seit Corona hat sich das Hobby des Sondelns weiter verbreitet und führt dazu, dass archäologische Fundstellen in größtem Ausmaß vernichtet werden. 

Bauer berichtet von der Option eines Verbots leistungsstarker Metalldetektoren bzw. der Pflicht zu einem Detektorschein. Da die Suche auf Bodendenkmälern längst verboten ist, scheint das die einzige Chance, wenn auch die Möglichkeit dies bundesweit durchzusetzen ob der Kulturhoheit der Länder und der Lobbyarbeit der Sondler nicht einfach sein wird.

Der ZEIT-Artikel hebt sich wohltuend von all den Berichten ab,  die wieder mal einen Sondlerfund feiern, bestenfalls auf die Gesetzeslage hinweisen, aber nicht registrieren, dass solche Funde meist aus dem Kontext gerissen sind.

Was also tun? Ein kleiner Schritt, für den einige Kollegen plädieren, wäre es, so viele Anzeigen auf den Weg zu bringen, dass die Polizeistatistik die Ausmaße des Problems deutlich macht und die nötige Aufmerksamkeit schafft. Man muss sich das aber trauen. Bauer berichtet von zunehmenden „körperlichen Auseinandersetzungen“.

Gleichwohl: Die Archäologie muss den wirklich Geschichtsinteressierten Angebote machen, mitzuforschen. Citizen Science - wo es Sinn macht auch mit Sonde - ist kein Luxus, sondern gehört eigentlich zur disziplinären Matrix der Archäologie. Sie hat sich erst aus bürgerschaftlichem Engagement über die adligen Schatzkammern hinaus zur Wissenschaft weiter entwickelt. Es sind Steuerzahler*innen und demokratische Gesetze, die unsere moderne archäologische Praxis ermöglichen. 

Falsch wären Modelle jedoch wie das britische PAS oder eine Fundprämie, da das nur Anreize zur weiteren Zerstörung von Bodendenkmälern bietet. Sondler (man verzeihe die Pauschalisierung) sind stolz auf ihre Funde, werfen der Archäologie vor, zu versagen, weil sie ihre Funde nicht anerkenne, aber selber unfähig sei, zu finden. Es ist ein grundlegendes Misverständnis, dass Funde per se ein Gewinn sind.  Ja, die Archäologie ist auf Neufunde angewiesen - aber nur auf gut dokumentierte, der Rest ist ineffektiv, Zeit und Personalverschwendung. "Funde" sollten so lange als möglich im Boden verbleiben (wobei man wohl mehr als bisher über Notgrabungen im Ackergelände nachdenken muss). Dass man auch im Fach immer wieder von Funden redet, ist da kontraproduktiv. Es sind zunächst Quellen der Vergangenheit, die adäquat erschlossen werden müssen - dazu gehört zunächst deren Lokalisierung. Eine anständige Geomagnetik bringt dabei viel mehr als eine noch so gut ausgestattete Sonde. Vor allem müssen Kontexte dokumentiert werden - wenn das am Ende die Bergung von Objekten beinhaltet, ist das auch okay. Funde haben auch Folgekosten in den Bereichen Dokumentation, Restaurierung, Lagerung und auch wissenschaftlicher Bearbeitung. Anstatt einer Fundprämie wäre theoretisch eine Fundgebühr volkswirtschaftlich sehr viel konsequenter - aber natürlich auch nicht im Interesse der Wissenschaft.

 

Sondler auf einer Wüstung (Foto R. Schreg, 2026)

Man muss hier mit ernsthaft archäologisch Interessierten zu Kooperationen kommen - die, wenn man gut miteinander kommuniziert, auch außerordentlich fruchtbar sein können - unter den Schlagwort "public archaeology" oder "citizen science" gibt es eine wachsende Zahl guter Beispiele. Gute Geländekenntnis, oft gute Materialkenntnis, flexiblere und kontinuierlichere Feldarbeit und bisweilen gute örtliche Vernetzung können wertvolle Beiträge sein, die Amateurforscher einbringen und die mit wissenschaftlicher Expertise und Dokumentation (was man ggf. auch lernen kann) ein neues Bild der Vergangenheit ergeben können. Sondelfunde bedeuten bestenfalls eingeschränkte Erkenntnis, immer begleitet vom Schmerz des Informationsverlustes.
Das muss erklärt werden - der durchaus richtige Verweis auf die Gesetzeslage ist dabei wenig hilfreich.


Sonntag, 31. Juli 2022

Britisches Projektdesign expandiert in europäische Dörfer

In England wird seit Jahren eine besondere Art der Bürgerarchäologie praktiziert: Bürger graben ihre Ortsgeschichte aus. Mit kleinen Suchschnitten werden Keramikspektren geborgen, die Aufschluss über die Siedlungsentwicklung geben. Beispielsweise konnten die Auswirkungen der Pest auf ländliche Siedlungen in Ostengland aufgezeigt werden. Maßgebend treibt Carenza Lewis, Professorin für "the Public Understanding of Research" in Lincoln das Projekt voran. Wichtige Impulse kamen aus der 1994-2012 ausgestrahletn britischen Fernsehserie Time Team, bei der in engem Kontakt mit der Dorfbevölkerung mehrfach kleine Forschungskampagnen realisiert wurden.

Es sind zwei Aspekte, die das Projekt methodisch und theoretisch interessant machen, nämlich einerseits die Methode der Testsondagen und der Aspekt der Bürgerarchäologie andererseits. 

Testsondagen

Methodisch ist es bedeutend, in die alten Ortskerne zu blicken und deren Entwicklung nachvollziehen zu können. Wir wissen seit langem (Schreg 2006), dass "das Dorf" erst spät entstanden ist - mit regionalen und individuellen Unterschieden. Oft kennen wir ältere, früh- und hochmittelalterliche Siedlungslagen außerhalb der späteren Ortskerne, was auf einen Prozess der Siedlungskonzentration bzw. Siedlungsverlagerung schließen lässt, über den nur in den Ortskernen genaueres zu erfahren ist.

Problematisch ist, dass bisher nur wenige Aufschlüsse in den alten Ortskernen vorliegen, Inzwischen scheint die Denkmalpflege zwar verstärkt engagiert, aber oft gibt es hier nur geringen Veränderungsdruck, so dass aussagefähige Synthesen noch kaum möglich sind (vgl. Brenner 2022).. 

Idealerweise wären hier die Potentiale in den Braunkohlerevieren zu nutzen, doch war es hier aufgrund der Konzerninteressen bisher nur in Ausnahmen möglich, ganze Dörfer zu untersuchen - und bisher nur in den mitteldeutschen Revieren.  Mit einem Projekt in Kerpen-Manheim, das am Tagebau Hambach liegt und inzwischen bis auf letzte Reste abgerissen ist, haben wir vom Bamberger Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit  mit Finanzierung durch die Stiftung zur Förderung der Archäologie im Rheinischen Braunkohlerevier  ein Projekt mit solchen Testsondagen durchgeführt. Aufgrund der äußeren Bedingungen konnte das britische Modell nicht völlig übertragen werden, sondern musste modifiziert werden. Zwar gelang es mit den Kerpener Heimatfreunden auch die Bürgerschaft einzubinden, aber das Dorf ist bereits "abgesiedelt", so dass es keine Einwohner mehr gibt. Deshalb wurden die Sondagen auch nicht von Hand gegraben, sondern mit einem Bagger angelegt, gleichwohl in Schichten vorgegangen. 170 Schaufeltestsondagen erbrachten ein auswertbares Spektrum an Keramikfunden, deren räumliche Auswertung mittels eines Geographischen Informationssystems die späte Aufsiedlung des Ortsbereichs zeigt (Petersen/Schreg 2021). Weitere Forschungen im Dorfbereich erfolgen nun durch exemplarische Ausgrabungen an einzelnen Hofstellen. Sie sind als bürgerschaftliches Projekt konzipiert, das interessierten Bürgern die Partizipation an den Ausgrabungen ermöglicht, wenngleich eine Grabungsfirma die eigentliche Durchführung übernimmt.

Schaufeltestsondagen ergeben keine a priori auswertbaren Informationen zu den Baustrukturen eines Dorfes, können aber ggf. auftretende relevante Befunde dokumentieren. Damit und mit den letztlich doch sehr geringen Eingriffen in die potentielle archäologische Substanz sind sie jedoch ein effektives Mittel, um Siedlungsdynamiken zu erfassen.  Die besten Ergebnisse sind übrigens anhand der Funde aus dem Oberboden zu erzielen, da hier - anders als in einem Befund - mit einem Fundspektrum zu rechnen ist, das die Siedlungsaktivitäten durch die Zeiten hinweg repräsentiert. Eine Kombination mit Gartenbegehungen bietet sich an, allerdings sind die dafür interessanten Gemüsegärten heute eher selten und durch einen Bodenaustausch nicht ganz unproblematisch.

Bürgerarchäologie

Der Erfolg des britischen Projektdesigns ist grundlegend jedoch mit dem Aspekt der Bürgerbeteiligung verknüpft.

Inzwischen wurde das Projekt „Community Archaeology in Rural Environments Meeting Societal Challenges“ (CARE-MSoC) aufgelegt:

In den Niederlanden, in Tschechien und Polen werden nun mit europäischer Finanzierung entsprechende Dorfprojekte durchgeführt.  CARE-MSoC zielt darauf ab, die Machbarkeit, den Wert und die Effekte solcher Ausgrabungen durch die Einwohner ländlicher Siedlungen in ihren Heimatgemeinden genauer zu untersuchen. Im Vereinigten Königreich wurde dadurch nicht nur eine größere Kenntnis der Ortsgeschiche vermittelt, sondern es zeigten sich weitere soziale und kulturelle Effekte der gemeinsamen Testsondagenausgrabungen.

Deutschland ist bislang nicht dabei, aber in Kooperation zwischen dem Exzellenzcluster ROOTS der Christian-Albrecht Universität Kiel, dem Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Schleswig, dem Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein sowie dem Leibniz-Institut für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik läuft ein ähnliches Projekt auch in Schenefeld bei Itzehoe. An zwei Wochenenden im März und Juni 2022 wurden mehrere Somdagen gegraben und dabei von den Anwohnern einige Funde geborgen, die Geschichte unmittelbar vermitteln.


Ausgräber am Grabungsschnitt
Schenefeld, Juni 2022  Bürger-Ausgräber an ihrem Sondageschnitt
(Foto: R. Schreg 2022)


Mein Dank geht an Carenza Lewis, die sich die Zeit genommen hat, mir die laufenden Arbeiten in Schenefeld zu zeigen - ein tolles Projekt, bei dem man allen Beteiligten, vor allem auch den Familien und Nachbar*innen ansieht, wie viel Spaß und Interesse sie dabei haben.

Bleibt zu hoffen, dass die Pilotstudien in Europa die Grundlagen schaffen, um solche Projekte fortzuführen. Ich wüsste bereits einige Dörfer, in denen dieser Ansatz sehr vielversprechend scheint.

Links

Medienberichte

Schenefeld

Mannheim

    Literatur

    • Lewis u.a. 2022: Carenza Lewis, Heleen van Londen, Arkadiusz Marciniak, Pavel Vařeka & Johan Verspay: Exploring the impact of participative place-based community archaeology in rural Europe: Community archaeology in rural environment meeting societal challenges, Journal of Community Archaeology & Heritage 2022,  - DOI : 10.1080/20518196.2021.2014697 
    • Lewis 2016: C. Lewis, Disaster recovery? New archaeological evidence from eastern England for the impact of the ‘calamitous’ 14th century. Antiquity 90, 2016, 777–797. 
    • Petersen/Schreg 2021: P. Petersen/R. Schreg, Kleiner Bagger vs. großer Bagger. Ein Schaufeltestsurvey zur Dorfgenese von Manheim (Stadt Kerpen, NRW) im Rheinischen Braunkohlerevier. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 34, 2021, 147-156 


     

    Montag, 4. Februar 2019

    Petition zum Erhalt des Römerlagers Wilkenburg

    Seit 1990 ist durch Luftbilder bei Wilkenburg im Leine-Tal südlich Hannover ein römisches Marschlager bekannt, das im Bereich einer geplanten Auskiesung liegt. Aus einer örtlichen Römer AG Leine (RAGL) ging nun eine Petition auf den Seiten des Niedersächsischen Landtags an den Start. Sie steht 6 Wochen bis zum 15.3.2019 zur Zeichnung offen und ist auf 5000 Mitzeichner angelegt, die erforderlich sind, damit sich der Petitionsausschuss des Landtages in einer mündlichen Anhörung mit dem Thema befasst.
    Zum Hintergrund der Petition:
    Grabungsschnitt mit ausgeschältem Spitzgraben
    (Foto Axel Hindemith [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

    Das öffentliche Intersse und Engagement ist der Unterstützung wert, auch wenn die Berufung auf "unsere geschichtlichen Vorfahren, die germanischen Cherusker" etwas konstruiert und wissenschaftlich befremdlich wirkt.

    Erste Medienresonanz

    Links

    Sonntag, 26. Februar 2017

    Global Xplorer - archäologische Fernerkundung und Dokumentation von Raubgrabungen

    Sarah Parcak hat 2016 den TED-Price gewonnen, mit einem Preisgeld, das in die Entwicklung von Global Xplorer fließen soll, einer Citizen Science-Plattform, mit der Fernerkundungsdaten für archäologische Prospektionen eingesetzt und unter Beteiligung der Öffentlichkeit ausgewertet werden.

    Zum Projekt:

    Durch Raubgräber zerstörte archäologische
    Fundstelle in Rontoy, Huaura-Tal, Peru. Juni 2007
    (Foto: Nathancraig [CC BY 3.0] via Wikipedia)
    Derzeit steht ein Projekt im Vordergrund, mit dem in Peru die Spuren von Raubgrabungen dokumentiert werden sollen. In Kooperation mit den peruanischen Behörden sollen Luftbilder durch interessierte Laien auf Raubgrabungsspuren durchgesehen und markiert werden. Ein Handbuch und ein System der Verifizierung dienen der Qualitätssicherung der von Laien beigesteuerten Beobachtungen.

    Montag, 25. Juli 2016

    Citizen Science für alle

    Eine Handreichung für Citizen-Science-Projekte wurde im Rahmen des GEWISS-Projektes erarbeitet. Sie soll Machern, Initiatoren, Beteiligten und Interessierten praktische Tipps für die Planung und Umsetzung von Citizen Science-Projekten liefern.

    In einem ersten Teil werden Fragen behandelt wie: 
    Welche Punkte muss ich bei der Projektplanung beachten? Wie kann ich Fördermittel einwerben? Welche Form der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt mein Anliegen und motiviert Mitforscher? Im ersten Teil helfen viele praktische Tipps bei der Entwicklung des Projekts. Eine grafische Darstellung der Projektmeilensteine und eine Checkliste runden die Darstellung ab. 

    Im zweiten Teil wird ein Überblick über die aktuelle Praxis von Citizen Science in Deutschland geboten, wobei die Umsetzung von Citizen Science in bestimmten Bereichen wie Naturschutz, Geisteswissenschaften oder im digitalen Raum beschrieben und reflektiert wird.

    Die Archäologie kommt nur punktuell vor. So wird dezidiert darauf hingewiesen, dass sich etwa die DGUF auch gezielt an interessierte Bürger wendet (S. 40). Etwas fragwürdig ist, dass das Portable Antiquities Scheme positiv als langfristig angelegter Ansatz, vorgestellt wird. Es heißt: "Die Ergebnisse zeigen, dass sich nicht nur eine große Zahl an Menschen daran beteiligt und damit das kulturelle Erbe in Großbritannien erschließt, sondern dass vor allem eine Sensibilisierung für dessen Wert und die Arbeit von Archäologen und Historikern der größte Mehrwert des Projektes ist. (S. 45)" Gerade hierin liegt aber die große Schwäche von PAS, dass nämlich diese Sensibilisierung eben nicht in ausreichendem Maße erfolgt und viele der vermeintlichen Erfolge von PAS tatsächlich eher zum Schaden der Wissenschaft sind, indem Befundkontexte zerstört und das Vertrauen in Fundortangaben  untergraben werden. Derzeit gibt es einen großen Aufschrei gegen die Deklarierung von PAS als Citizen Science:

    Insgesamt vierzehn verschiedene Projekte werden über die Broschüre verteilt in Kästchen-Stories exemplarisch beschrieben. Für die Archäologie steht hier ein experimentalarchäologisches Projekt zur Rekonstruktion römischer und mittelalterlicher Töpferöfen, das am LEA in Mayen durchgeführt wird (S. 10). Von Anbeginn waren hier archäologische Laien integriert, die jedoch Erfahrungen aus dem Keramikhandwerk einbringen können.

    Die 60-seitige Broschüre steht unger einer CC BY SA-Lizenz als PDF zum freien Download bereit: