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Montag, 3. März 2025

Oscar verpasst

Für den Oscar als Beste Dokumentation  war auch  "Sugarcane" nominiert, ging nun aber leer aus. 

Der Film  handelt über die Nachforschungen in der kanadischen Residental School St. Joseph's Mission. Vor Jahren begannen hier die Untersuchungen mit Hilfe geophysikalischer Prospektion, mit denen mehrere Gräber lokalisiert wurden. In diesen Schulen sollten indigene Kinder "zivilisiert" werden, tatsächlich wurden sie vielfach vernachlässigt, mißbraucht und teilweise auch ermordet.

In Zeiten, in denen in den USA sich ein autokratisches Regime etabliert, das DEI-Themen unterdückt und der Wahnsinn Politik macht, ist es bemerkenswert, dass der Film mit einer indigenen Perspektive überhaupt noch nominiert wurde. Das war allerings noch vor dem Amtsantritt von POTUS Trump. Haben die Oscar-Feierlichkeiten in der Vergangenheit immer wieder als Plattform für politische Statementsgedient, so war es dieses Jahr offenbar vergleichsweise unpolitisch. Die Kulturschaffenden kuschen und werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht.

Die Forschungen an den Residental Schools in Kanada sind ein gutes Beispiel, das die Bedeutung der Archäologie der Moderne für die Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit zeigt. Schade, dass es dafür nicht die Aufmerksamkeit eines Oscars gab.

Schüler*innen der Fort Albany Residential School unter Aufsicht einer Nonne, um 1945.
(Foto: Edmund Metatawabin collection at the University of Algoma [gemeinfrei] via WikimediaCommons)
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Sonntag, 1. August 2021

Die toten Kinder auf dem Radar

Ende Mai 2021 wurden auf dem Gelände einer ehemaligen Residential School in Kamloops in Kanada 215 Kindergräber entdeckt. Das System der Residential Schools in Kanada ist seit langem in der Diskussion und 2008 entschuldigte sich der damalige Premierminister Stephan Harper im Namen der kanadischen Regierung und aller Kanadier bei den First Nations für dieses System. Kindern der indigenen Bevölkerung sollte hier europäische Kultur "beigebracht" werden. Die Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und gezwungen, ihre eigenen Traditionen und Sprache zu vergessen.  Die Anfänge des Systems, das bis in die 1990er Jahre bestand, gehen ins 17. Jahrhundert zurück. Ab 1874 wurden so rund 150.000 indigene Kinder von ihren Familien und ihrer Kultur getrennt. Die „residential schools“ wurden von der Regierung verwaltet und finanziert, aber zumeist von Kirchen und religiösen Organisationen betrieben. Immer wieder wurde berichtet, dass Vernachlässigung, Gewalt und sexueller Missbrauch an der Tagesordnung waren.


Schüler*innen der Fort Albany Residential School unter Aufsicht einer Nonne, um 1945.
(Foto: Edmund Metatawabin collection at the University of Algoma [gemeinfrei] via WikimediaCommons).

 

Dass der Fund, trotz einer erneuten Entschuldigung des Premierministers Justin Trudeau Wut und Zorn der Indigenen entfacht, ist anzunehmen. Am 22. Juni 2021 brannten mitten in der Nacht zwei katholische Kirchen in Kamloops ab, wobei, so ein Bericht kurz nach dem Brand, mindestens in einem der Fälle Hinweise auf flüssigen Brandbeschleuniger gefunden wurden. Mit guten Gründen sprechen Vertreter der First Nation von “kulturellem Völkermord”. Sie berufen sich dabei auch auf den Bericht einer Historikerkommission, die sich 2009 bis 2013 mit dem Thema beschäftigte. Die Berichte der Kommission haben auf eine überhöhte Sterblichkeit in den Indian Residential Schools hingewiesen und auch die Frage untersucht, wo die Kindergräber liegen (Hamilton 2015). 


Kommissionsbericht 

Der Fund der Gräber in Kamloops kam nicht überraschend, sondern ist das Ergebnis gezielter Prospektionen, die jedoch nicht zentral organisiert, sondern von den Hinterbliebenen und den indigenen Gemeinden veranlasst wurden.

 

Marieval Mission, Cowesses Indian Residential School in Elcapo Creek Valley, Saskatchewan, 1923
(Foto: Library and Arcives Canada [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)


Wenige Wochen nach der Veröffentlichung der Ergebnisse von Kamloops wurde am 26. Juni 2021 der Fund eines noch größeren Bestattungsplatzes mit 751 Gräbern bei der Marieval Indian Residential School bei Regina in der Provinz Saskatchewan gemeldet. Es sind nicht die einzigen - auch in Manitoba sollen Gräber gefunden worden sein und am 14.7. wurde der Fund von weiteren 160 unmarkierten und undokumentierten Gräbern bei einer Schule auf der Penelakut-Insel westlich Vancouver bekannt. 

 

Berichterstattung zu den aktuellen Funden und Ereignissen: 

Viele Fragen drängen sich auf, etwa, wie die Kinder zu Tode kamen und wie viele ähnliche Fälle es noch gibt. Manche der Friedhöfe sind prinzipiell bekannt, vielfach wurden sie lediglich nicht gepflegt und sind darum nicht mehr kenntlich, andere Bestattungsplätze waren offiziell wohl gar nie als solche ausgewiesen. Hier Klarheit zu schaffen, erfordert intensive Recherchen bei Zeitzeugen sowie Archiv- und Geländearbeit. 

 

Die Rolle der Archäologie 

Der Fund der Bestattungen geht auf eine gezielte Suche mittels Georadar zurück. Schon seit einigen Jahren gibt es Projekte mit den Nationen der Eingeborenen, die versuchen, als vertrauensbildende Maßnahme (die meisten Wissenschaftler*innen haben keine indigene Identität) Erinnerungsarbeit zu leisten (Meloche 2020). Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit indigenen Gruppen, wie sie von westlichen Forschern betrieben wurde, war rassistisch und hat das Verhältnis zwischen Indigenen und Wissenschaftlern zutiefst gestört (Nichols 2020). Schon 2007 erschien von Barbara Little und Paul A. Shackel ein Buch, das sich mit der Archäologie als Mittel bürgerschaftlichen Engagements befasste (Little/ Shackel 2007). Dabei spielten die Residential Schools bereits eine besondere Rolle. Beispielhaft seien hier Untersuchungen genannt, die Katherine Nichols 2015 als Masterarbeit in Kooperation mit der Sioux Valley Dakota Nation an der Brandon Indian Residential Schoo durchführte. Schriftquellen wurden ausgewertet und Zeitzeugen interviewt. In Absprache mit der indigenen Nation wurden Detektorbegehungen und geophysikalische Prospektionen auf Verdachtsflächen durchgeführt, die tatsächlich Befunde erbrachten, die im Abgleich mit einem bekannten Friedhof als Bestattungen gedeutet werden können (Nichols 2015). Vor Jahren war bereits die Queen Victoria Jubilee Home for Indian Children im Reservat der First Nation der Piikani im Süden der Provinz Alberta Ziel archäologischer Untersuchungen. Die Schule bestand von 1896 bis 1926 und hatte im Durchschnitt 21 Schüler und Schülerinnen im Alter von 6 bis 12 Jahren. Hier gab es einen offiziellen eingezäunten Schulfriedhof, bei dessen Anlage die Angehörigen von der Pikani Gemeinschaft nicht beteiligt wurden. Das archäologische Projekt wurde von Stammesvertretern begrüßt, da es auch hilft, die lange Geschichte äußerer Einmischung in das Leben der Gemeinschaft in den Reservaten aufzuzeigen (Dielissen 2012, 120). 

Eine gesellschaftliche Bedeutung einer Archäologie der Moderne wird hier offensichtlich. Sie unterstützt die Aufklärung von moralisch zumindest fragwürdigen Vorgängen und leistet einen Beitrag zu Recht und Gerechtigkeit. Daraus  ergibt sich ein moralischer Anspruch und gegebenenfalls auch eine besondere idealistische oder gar politische Motivation.

 

Die Auseinandersetzung um eine "Indigenous Archaeology"

Solche Forschungen über, mit und für indigene Gemeinschaften wurden in den USA als "Indigenous Archaeology" bezeichnet. 2008 führte ein Artikel von  Robert McGhee, der der "Indigenous Archaeology" die Wissenschaftlichkeit absprach (McGhee 2008), zu einigen energischen Widersprüchen.

McGhee wendet sich primär gegen diese idealistischen Projektionen auf die indigenen Gemeinschaften, die er als "stereo typical view of the Aboriginal that is common in both the academy and among the publics of Western nations" (McGhee 2008, 580) sieht. Anders formuliert: In der postkolonialistischen Diskussion werden alte Vorurteile durch neue ersetzt. Das kolonialistische Unrecht, das sich die Archäologie vielerorts dadurch aufgeladen hat, dass sich nicht-indigene, westliche Forscher Artefakte, archäologischer Stätten und historischer Deutungen bemächtigt haben, stellt McGhee nicht in Abrede. Kritisiert werden aber Versuche, indigene Interessen und Zugängen in die archäologische Forschung zu integrieren. Dies würde der Wissenschaft und den indigenen Gemeinschaften langfristig gleichermaßen schaden.

McGhee stellte den Begriff "Aboriginalismus" an den Beginn seiner Überlegungen. Der Begriff stammt aus Australien, wo er einerseits das Engagement für die Rechte der Aboriginees bezeichnete, andererseits aber auch die Überzeugung, nach der die heutigen Aboriginees die "authentischen" Ureinwohner seien. Letzteres impliziere, dass Ureinwohnerschaft per se eine besondere kulturelle Qualität besitze, die den Nicht-Eingeborenen grundsätzlich abging. 

Eine fast schon mystische Überhöhung nicht-europäischer Gruppen ist nicht ungewöhnlich. Wir begegnen ihr auch beispielsweise in der Umweltgeschichte und Umweltarchäologie, wo bisweilen indigene Gruppen Amerikas als naturverbunden und ökologisch sensibel dargestellt werden. Letztlich bricht das alte Motiv des "edlen Wilden" durch. McGhee verweist auf den Mythos des primitiven Menschen, den er im Aboriginalismus wiedererkennt und auf die völlig ahistorische Vorstellung, dass die lokalen indigenen  Gesellschaften über die Jahrhunderte hinweg stabile und feststehende Größen gewesen seien. In den Entgegnungen auf McGhee wurde hingegen dessen Konzept mit dem Schlagwort "separate, but equal" belegt und mit der Rassentrennung assoziiert (Wilcox 2010). 

Die Auseinandersetzung mit der Indigenous Archaeology, dem Problem auch heute immer wieder aufbrechender, zum Teil  kolonialistischer oder rassistischer Gedankengänge, sei hier nicht weiter verfolgt. Wichtig ist, dass das kritische Potential einer Archäologie der Moderne hier in eine Zwickmühle gerät. Bedeutung erhält sie durch ihr Engagement in klärungsbedürftigen Situationen, die aber stets auch politisch sind, da sie Menschen der Gegenwart unmittelbar betreffen.

Während die prähistorische Archäologie oft große  und grundlegende Erkenntnisse über die Menschheitsgeschichte liefert, erbringt die historische Archäologie Detailwissen, das zwar  manchmal das Gesamtbild radikal verändern und neue Perspektiven eröffnen kann, oft aber doch nur Aufmerksamkeit oder Anschaulichkeit für Themen liefert, die man auf breiter, überwiegend nicht-archäologischer Evidenz diskutieren muss. Archäologie fällt hier oft weniger eine Rolle in der Forschung als vielmehr in der (politischen) Bildungsarbeit zu. Letzteres ist jedoch mit politischem Engagement und Werten verbunden, die sich nicht zwingend aus der wissenschaftlichen Analyse ergeben. 

Das Beispiel der Residential Schools zeigt, wie wichtig historische Archäologie ist, Archäologie ist ein Teil der Aufarbeitung und der ansatzweisen Wiedergutmachung. Sie ist hier Teil einer Indigenous Archaeology, die zwingend mit den betroffenen Gemeinschaften zusammenarbeiten muss - aus methodischen wie aus ethischen Gründen. Das Beispiel zeigt auch, dass Wissenschaftlichkeit, Forschungsziele und Wissenschaftsethik eine neuartige Bedeutung gewinnen und hier eine glaubwürdige, stimmige Position gefunden werden muss. 

 

Archäologie der Moderne - engagiert und wissenschaftlich, bildend und forschend

Die Archäologie ist forschungsgeschichtlich hinsichtlich politischen Missbrauchs ein gebranntes Kind.  Wir kennen aus der europäischen Archäologie viele Situationen, in denen auch vorgeschichtliche Perioden politisiert werden und zur Vereinnahmung oder Ausgrenzung dienen.  Eine Archäologie der Moderne ist aber näher an uns dran - und damit auch näher an aktuell relevanten und politisch umstrittenen Fragen. Deshalb sollte bei der Weiterentwicklung der historischen Archäologie in Moderne und Gegenwart, deren kritisches Potential gründlich reflektiert werden. Archäologie sollte so wenig als möglich in tagespolitische Grabenkämpfe involviert sein, wird aber um eine Positionierung zugunsten der Achtung aller Menschen und Wissenschaftlichkeit nicht umhin kommen - im Gegenteil, diese ist ihr Wesenszug. 

Archäologie der Moderne muss mit Menschen engagiert sein - und darf dabei jedoch nie ihre Wissenschaftlichkeit gefährden oder gar verlieren.


Literatur 

  • Brady/ Hilz 2018:
    Miranda J. Brady/ Emily Hiltz, The Archaeology of an Image: The Persistent Persuasion of Thomas Moore Keesick’s Residential School Photographs. TOPIA: Canadian Journal of Cultural Studies 37, 2018. - https://doi.org/10.3138/topia.37.61 
  • Dielissen 2012:
    S.U. Dielissen, Teaching a School to talk: Archaeology of the Queen Victoria jubilee Home for Indian Children (2012). - https://core.ac.uk/download/pdf/56376589.pdf 
  • Hodgetts/ Kelvin 2020: 
    L. Hodgett/ L. Kelvin, At the Heart of the Ikaahuk Archaeology Project. In: Supernant K., Baxter J., Lyons N., Atalay S. (eds) Archaeologies of the Heart. (Cham: Springer 2020), 97-115. - https://doi.org/10.1007/978-3-030-36350-5_7
  • McGhee 2008
    R. McGhee Aboriginalism and the Problems of Indigenous Archaeology.
    American Antiquity. 73/4, 2008, 579-597.  - https://doi.org/10.1017/S0002731600047314
  • Meloche u.a. 2020
    Chelsea H. Meloche/ Laure Spake/ Katherine L. Nichols, Working with and for Ancestors. Collaboration in the Care and Study of Ancestral Remains (London: Taylor & Francis 2020) - ISBN 9780367809317 
  • Nichols 2015
    Katherine L. Nichols, Investigation of Unmarked Graves and Burial Grounds at the Brandon Indian Residential School (MA thesis, University of Manitoba 2015). - http://hdl.handle.net/1993/30396 
  • Nichols 2020
    Katherine L. Nichols, The Brandon Indian Residential School Cemetery Project. Working towards reconciliation using forensic anthropology and archaeology. In: Meloche u.a. 2020, 43-55. - 
  • Little/ Shackel 2007
    Barbara J. Little/ A. Paul Shackel, Archaeology as a Tool of Civic Engagement (2007) - ISBN 978-0-7591-1060-1 
  • Silliman 2010:
    S. Silliman, The Value and Diversity of Indigenous Archaeology: A Response to McGhee. American Antiquity, 75/2, 2010, 217-220. - https://doi.org/10.7183/0002-7316.75.2.217
  • Simons u. a. 2021
    E. Simons/A. Martindale/A. Wylie, Bearing witness: What can archaeology contribute in an Indian Residential School context? In: C. H. Meloche/L. Spake/K. L. Nichols (Hrsg.), Working with and for ancestors. Collaboration in the care and study of ancestral remains (London, New York 2021) 21–31. 
  • Wicox 2010
    M. Wicox, Saving Indigenous Peoples From Ourselves: Separate But Equal Archaeology is Not Scientific Archaeology. American Antiquity 75/2, 2010, 232-227. 

 

Link 

Donnerstag, 2. November 2017

Persischer Krieger mehrfach geklaut und jetzt beschlagnahmt

Ein Artikel der New York Times schildert süffisant die Razzia auf der European Fine Art Fair (TEFAF) vorige Woche:
Die European Fine Art Fair im Park Avenue Armory ist eine vornehme Veranstaltung, bei der reiche Sammler Stände mit erstaunlichen Kunstwerken von antiken Skulpturen bis hin zu Meisterwerken des frühen 20. Jahrhunderts durchstöbern.
Als, wie Augenzeugen berichten  am Freitag nachmittag zwei Kriminalermittler und drei Polizeibeamte mit ersnter Minen und Durchsuchungsbefehl in das Armory marschierten, kam es zu eingem Stirnrunzeln. Minuten später war lautes Fluchen aus dem Stand eines Londoner Kunsthändlers zu hören, das die ruhige ehrfurchtsvolle Atmosphäre durchbrach.

The European Fine Art Fair at the Park Avenue Armory is an elegant event during which wealthy collectors browse through booths of stunning art pieces, from ancient sculptures to works by early 20th-century masters.
So it raised a few eyebrows on Friday afternoon when two prosecutors and three police officers marched into the armory at 2 p.m. with stern expressions and a search warrant, witnesses said.
A few minutes later, cursing could be heard coming from a London dealer’s booth, breaking the quiet, reverential atmosphere.
Die Polizei beschlagnahmte auf Anordnung des New Yorker Staatsanwalts Cyrus Vance jr. das Relief eines persischen Kriegers, da es illegal aus Persien, dem heutigen Iran exportiert worden war. 

Nach Angaben der TEFAF New York Fall ist die Rupert Wace Ancient Art in London "one of the top dealers in the field", zu deren Kunden das British Museum, der Louvre, das Metropolitan Museum of Art in New York, das Museum of Fine Arts in Boston, the Antiken Museum Basel und "the Staatliche Museum, Munich" zählen.


Über das Stück hat beispielsweise der Art Crime Blog in der Vergangenheit schon mehrfach berichtet, so dass der Händler angesichts seiner Sorgfaltspflicht eigentlich kaum durch die Tatsache des illegalen Exports aus Persien überrascht sein konnte:

Ausgrabung und Restaurierung in Persepolis

Die Provenienzgeschichte des Stückes ist mit wenigen Lücken einigermaßen nachzuvollziehen. Noch 1935 befand es sich im Apadana-Palast in Persepolis an Ort und Stelle, wo es 1930 ausgegraben worden war. Danach tauchte es in der Sammlung von Frederick Cleveland Morgan, eines Privatmannes auf, der es in den frühen 1950er Jahren dem Montreal Museum of Fine Art in Montreal, Kanada schenkte. Da seit 1930 in Persien ein striktes Ausfuhrverbot galt, war der Export des Stückes ohne Papiere wie die Entfernung aus dem Fries mit Sicherheit illegal.

Fotos aus den 1930er Jahren zeigen den jetzt sichergestellten Krieger in ihrem ursprünglichen Aufstellungsort.  Auf dem ersten Foto ist die Situation mit der östlichen Treppenanlage der Arpadana in Persepolis zu erkennen.

Blick auf die östliche Treppenanlage der Apadana in Persepolis 1933.
Im Vordergrund ein Kriegerfries, auf dem links der großen Lücke der Krieger zu erkennen ist, dessen herausgebrochener Kopf nun sicher gestellt worden ist.
(Foto: Courtesy of The Oriental Institute der University of Chicago, Photo 23188/ Neg.Nr. 12822
https://oi-idb.uchicago.edu/id/bec348b2-7e3c-49fd-8fd6-e9f057c92c4e)

Nach den Ausgrabungen war der Fries aufwändig restauriert worden, wie ein weiteres Foto von 1934 erkennen lässt.
Derselbe Relieffries während einer Restaurierung in den 1930er Jahren. Der betreffende Kopf ist links des Holzbretts zu erkennen.
(Foto: Courtesy of The Oriental Institute der University of Chicago, Photo 61379/ Neg.Nr. 41057
https://oi-idb.uchicago.edu/id/f8395971-9cba-42c1-807e-90e2d11e52f4)

In einer höher aufgelösten Version der beiden Fotos, die das Oriental Institute der Universität Chicago freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, sind die Details der Beschädigungen zu  erkennen, die eine Identifikation mit dem nun sichergestellten Relief belegen. 


Ausschnitt aus dem obigen Bild
(Courtesy of the Oriental Institute of the University of Chicago)
Ausschnitt aus dem obigen Bild
(Courtesy of the Oriental Institute of the University of Chicago)

Kopf eines Kriegers
nach einer Pressemeldung zum Museumsraub 2011
(Foto: Pressemeldung The Globe and Mail  via Wikipedia)

Der aktuelle Zustand ist auf folgenden Bildern zu erkennen:

    Der erste Raub

    Die Provenienzangaben verweisen auf den kanadischen Sammler Frederick Cleveland Morgan, dem Erben eines Millionenvermögens, der das Stück 1950 dem Quebec National Museum vermacht hat. Der erste Raub lässt sich damit auf die Jahre von Mitte der 1930er bis 1950 eingrenzen. Gewaltsam muss das Stück aus der 1933 noch deutlich größeren Platte herausgebrochen worden sein.
    Ein Bild der Balustrade, zu der das Stück gehört hatte, liegt mir nicht vor, der betreffende Bereich scheint heute für Besucher von Persepolis nicht zugänglich.

    Der zweite Raub

    Am 3. September 2011 wurde das an einer Wand aufgehängte Relief  während der Öffnungszeit aus dem Museum in Montreal gestohlen. Wenige Wochen später wurde offenbar durch denselben Täter ein römisches Marmorköpfchen gestohlen. Museum, Polizei und Versicherung gingen erst Monate später mit einem Fahndungsplakat und einem Video der Überwachungskamera an die Öffentlichkeit.
    Während das Marmorköpfchen bis heute verschwunden ist, wurde das Kriegerrelief schließlich zwei Jahre später in Edmonton im billigen IKEA-Regal eines 33-jährigen Mannes, gefunden wo es zwischen ausgestopften Tieren und StarWars-Figuren stand. Laut Wikipedia (dessen Quellenangabe diese Information nicht enthält), war das Relief zufällig auf Filmaufnahmen zu sehen, die der Sender CBS bei einem Interview mit dem als Yogalehrer tätigen Besitzer geführt hat. Er hatte es für 1400$ vom Frend eines Freundes gekauft und für ein gutes Replikat gehalten. Tatsächlich wurde das Stück auf 1,2 Mio $ geschätzt, wohl nicht ganz der Betrag, den das Museum zwischenzeitlich von der Versicherung kassiert hatte.

      Lieber Geld als das Relief

      Als das Relief schließlich wieder da war, entschied sich das Museum, lieber die ausbezahlte Versicherungssumme zu behalten und überließ das Stück der Versicherung, die es ihrerseits auf dem Kunstmarkt anbot. 2016 war das Stück auf der Frieze Fairs in London für 2,2 Mio £ angeboten worden, am Stand eines Händlers, der sonst eher mit mittelalterlicher Kunst seine Geschäfte macht. Dort scheint das Stück nur in Kommission gewesen zu sein, denn Wace hat es angeblich direkt von der Versicherung erworben.

        Reliefs aus Persepolis

        Auch in jüngerer Zeit kam es in Persepolis zu Beschädigungen der Reliefs am Apadana-Palast, die aus dem späten 6. Jahrhundert und dem 5. Jahrhundert v..Chr. stammend neben Kriegern und Wachen Delegationen der im Persischen Reich unterworfenen Völker zeigen. Die Fundstelle war Ziel deutscher und amerikanischer Ausgrabungen und hat für das moderne Persien/ den Iran eine große symbolische Bedeutung. Seit 1990 ist Persepolis, die ehemalige Hauptstadt des Persischen Reiches UNESCO-Weltkulturerbe.
        Relieffragmente aus Persepolis finden sich in vielen Museen in Europa und Nordamerika. Einige wenige sind schon im 19. Jahrhundert vor den systematischen Grabungen in Persepolis außer Landes gebracht worden. In den 1920er Jahren wurde kräftig geplündert, was dann schließlich zu einem strikten Exportverbot geführt hat, das aber, wie das fragliche Kriegerrelief zeigt, Zerstörung und Raub selbst in den restaurierten Partien nicht verhindern konnte.  

        2006 wurden zwei Kriegerreliefs während Filmaufnahmen mit Eisenwerkzeugen beschädigt worden, wobei der Verdacht geäußert wurde, dass sie herausgebrochen und gestohlen werden sollten.

        Ein anderes Relief aus Persepolis war 1971 bei Sothebys und 2005 bei Christies angeboten worden. Es soll ebenfalls vor 1971 aus dem Iran geschmuggelt worden sein.
        Die Ansprüche des Irans wurden in diesem Fall allerdings zurück gewiesen, da das Relief schon vor der Unterzeichnung der UN-Konvention durch die Großbritannien geklaut worden war und weil der Iran seine Ansprüche bei einer früheren Versteigerung nicht geltend gemacht hätte.

        Die Bedeutung des Falls

        Der neue Fall ist daher in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung:
        1. Da sich das Relief an der Fundstelle noch zu Beginn der 1930er Jahre nachweisen lässt, ist klar, dass es illegal exportiert wurde - jedenfalls wenn man die Rechte der Herkunftsländer ernst nimmt - was aber durch die ganzen Fristenregelungen im Kulturgüterschutz  regelmäßig untergraben wird, wie auch im neuen deutschen Kulturgüterschutzgesetz
        2. Hier wird in einem Fall ermittelt und das Fundstück auch beschlagnahmt, bei dem der Diebstahl und die Zerstörung des Gesamtobjektes schon Jahrzehnte zurück liegt. Der Fall hat die Chance, zu einem Präzedenzfall zu werden, dass Eigentumsansprüche nicht erlöschen und dass sich Händler ihre Provenienzverfolgung nicht auf die letzten Vorbesitzer beschränken können. James Ratcliffe, Direktor der Datenbank für verlorene und gestohlene Kunstwerke, auf die TEFAF zurückgreift, verweist darauf, dass das Relief seit den 1950er Jahren öffentlich ausgestellt gewesen sei und es daher interessant sein wird, zu sehen, ob und wie sich eine Rückgabeforderung des Iran entwickle.
        3. Die Tatsache, dass recht schnell mit Bildern, die im Internet verfügbar sind, die ursprüngliche Situation des Reliefs geklärt werden kann, zeigt, was von der Sorrgfaltspflicht des Handels zu halten ist. Gerade die TEFAF legt angeblich großen Wert auf legale Stücke.
        4. Die Argumentation, dass archäologische Objekte im Westen sicherer seien, wird durch den Fall ad absurdum geführt: Zerstört wurde das Kriegerrelief dadurch, dass man den Kopf offenbar speziell in der Absicht, es einer Sammlung einzuverleiben, gewaltsam herausgebrochen hat. Schließlich wurde es einem Museum im Westen geklaut, das auch kein Interesse oder Verantwortung zeigte, es nach seiner Wiederentdeckung wieder in seine Obhut zu nehmen. Lieber hat man die Versicherungssumme angenommen.
        5. Deutlich wird auch, dass die Rückgabe solcher Objekte nicht die Lösung des Problems ist. Dieses liegt vielmehr in der Zerstörung archäologischer Substanz schon bei der Plünderung. In vorliegendem Fall, in dem eine prominente, bekannte Fundstelle beraubt wurde, ist ausnahmsweise einmal die ursprüngliche Provenienz nachweisbar. Der Schaden wäre hier dank der alten Dokumentation durch einen guten Restaurator einigermaßen reparabel, Dennoch ist damit deutlich auch ein materieller Schaden entstanden.
        6. Der Fall ist ein klares Signal, dass sich die USA auch nach dem Austritt aus der UNESCO zum internationalen Kulturgüterschutz bekennen - was in der Trump-Ära gewiss nicht mehr selbstverständlich ist. (vergl. Archaeologik v. 12.10.2017). Durchaus bemerkenswert ist auch, dass die Justiz in einem Fall aktiv wird, der den Iran betrifft, obgleich die politischen Beziehungen derzeit unter Trump wieder unter verstärktem Stress stehen.

        Literaturhinweis 

        • M. G. Majd, The great American plunder of Persia's antiquities, 1925-1941 (Lanham, Md. 2003). 
        • L. Allen, 'The Greatest Enterprise': Arthur Urphan Pope, Persepolis and Achaemenid Antiquities.  In: Y. Kadoi, Artur Upham Pope and A New Survey of Persian Art (Leiden, Boston: Brill 2016) 127-167.

        Nachtrag (1.1.2018)

            Donnerstag, 26. Oktober 2017

            Klimawandel als denkmalpflegerisches Problem

            Parks Canada plant Maßnahmen gegen den steigenden Meeresspiegel, der Fort Louisbourg, einen für die Geschichte der französischen Präsenz in Kanada bedeutenden Platz, bedroht. Die Kosten werden mit 9.2 Millionen $ kalkuliert. 
            Der - unbestreitbare - Klimawandel hat Folgekosten auch in der Denkmalpflege.

            Fortress of Louisbourg National Historic Site
            (Foto: James Sherar [CC BYSA  3.0] via WikimediaCommons)

            Freitag, 24. Juni 2016

            Ontario versagt als Kustos seiner Vergangenheit

            Auch in Deutschland steht im Verursacherprinzip meist die Ausgrabung im Vordergrund, der Aufwand für Aufarbeitung und Lagerung wird meist vergessen. Noch schlimmer ist die Lage in Ontario/Kanada, dessen gute archäologische Notgrabungspolitik gelohnt wird. Eine Regelung, was mit den Funden ansschließend geschehen soll, gibt es nicht (abgesehen von einer Aufbewahrungspflicht für die Ausgräber und Bauherren), geschweige denn öffentliche Magazine. Komplexer als in Deutschland wird die Situation noch dadurch, dass präcolumbische Funde die Kultur und Vergangenheit indianischer Stämme repräsentieren.   
            The rich irony is that while Ontario has North America’s most robust archaeological preservation policy, almost no effort is made to interpret, commemorate and study those artifacts because the rules fall silent when it comes to the question of how to manage the material once it comes out of the ground.
            That gap is a shocking abdication of the province’s duty to serve as a responsible steward of our collective past.