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Donnerstag, 16. Juli 2026

Hassberger Hafner

 Inge Lippert


Zum frühneuzeitlichen Hafnerhandwerk in der nordbayerischen Region Hassbergen. Ein Überblick anhand von Schriftquellen

 (Würzburg: Röll-Verlag 2025).

ISBN 978 3 89754 694 3

86 Seiten, 19 Abbildungen

 

Inge Lippert, die im Fränkischen schon lange mit Publikationen zum Hafnerhandwerk hervorgetreten ist, hat 2023 in den Mainfränkischen Studien einen gewichtigen Band  von 224 Seiten zum Hafnerhandwerk des Hochstifts Würzburg vorgelegt (Lippert 2023). 2025 ist nun ein wesentlich schmaleres Büchlein erschienen (Lippert 2024, im folgenden nicht im einzelnen zitiert), das hier knapp besprochen sei, weil gleich in der Einführung die aktuellen Forschungen der Bamberger AMANZ als Anknüpfungspunkt aufscheinen.

Ausgehend von den Befunden am Lußberg ist die Region zwischen Forchheim / Effeltrich im Süden und der bayerisch-thüringischen Grenze im Norden als Töpferregion ins archäologische Blickfeld geraten. Dabei zeigen sich einzigartige Potentiale in einer Synthese von archäologischen und schriftlichen Quellen aus Bamberg. Die Arbeiten von Inge Lippert  erschließen nun den reichen Würzburger Quellenbestand, der nun nochmals neue Aspekte liefert.

1455 gewährte der Würzburger Fürstbischof Johann III von Grunbach den Hafnern die Freiheiten, der handwerklichen Selbstverwaltung und Gerichtsbarkeit. Der dabei entstandene Haffnerbund organisierte die Töpfer in einer zunftähnlichen Korporation in seinem gesamten Territorium, das in den Hassbergen fast bis vor die Tore Bambergs reichte.

Die Mitgliedschaft war verpflichtend, nicht nur für die Töpfer, die auf Würzburger Gebiet ansässig waren, sondern für alle, die hier ihre Waren absetzen wollten. Das betraf auch Bamberger Töpfer, deren Handel mainabwärts aus Schriftquellen seit 1406/07 bekannt ist. Nachen, die mit „hefen, Kacheln und anderen solchen dingen“ beladen waren, mussten auf dem Weg nach Würzburg in Eltmann und Theres verzollt werden. 1466 beklagte der Bamberger, Fürstbischof Georg I. von Schaumberg, dass sich Bamberger Töpfer im Würzburgischen einzünften lassen mussten, wodurch das alte Handelsgeschäft erschwert wurde.

Die Aufsicht über den Hafnerbund übte ein Oberrichter aus, ein Amt, das der Würzburger Bischof am Ende des 15. Jahrhunderts regionalen Niederadelsfamilien als Lehen vergab. Die Oberrichter erhielten Anteile aus den Handwerksgeldern.

Deutlich wird, dass die Tone aus den Hassbergen eine wichtige Rolle spielten. In einer internen Auseinandersetzung drohte der Oberrichter Christoph Fuchs von Limbach den städtischen Töpfern in Würzburg 1479 mit einem Lieferstopp von Ton aus Ebern. Nachweisbar hatten die Hassberger Töpfer seit 1521, vielleicht aber auch schon seit dem späten 15. Jahrhundert, das Privileg zur Nutzung „weißer Erden“. Diese Vorkommen wurden teilweise auf adligem Landbesitz gegraben.

Der Vorstand des Hafnerbundes bestand aus dem Hafner-Schultheiß, den 12 Schöffen des Rügegerichts und den Viermeistern. Im 15. Jahrhundert war es üblich, sie bei der Jahresversammlung, die an Pfingsten in Haßfurt stattfand, zu wählen. Seit 1521 war eine Berufsqualifikation als Meister Voraussetzung für die Mitgliedschaft.

Im 16. Jahrhundert sind Versammlungen des Hafnerbunds auch an anderen Orten im Hochstift Würzburg nachweisbar. Auf der Jahresversammlung 1578 in Dettelbach wurde eine 3-Meilen Regelung beschlossen, wonach die Hafner ihre Produkte nur noch im Umkreis von 3 Meilen um ihren Wohnort auf den Märkten anbieten dürfen.

Hintergrund war eine starke Konkurrenz zwischen den Würzburger Hafner, denen im Bamberger Territorium sowie den Töpfern aus den kleinen Ritterschaftlichen Gebieten. Die Coburger Hafner beschwerten sich, weil Hafner des Würzburgischen Hafnerbundes aus Ebern und Seßlach Kachelöfen in der Stadt bauten.

Für die Töpfer aus dem Raum Bamberg zählten die 3 Meilen ab der Grenze des Hochstifts Würzburg. Traditionellerweise hatten sie jedoch per Floß auf dem Main ihre Produkte sehr viel weiter nach Westen, nach Eltmann, Haßfurt, Schweinfurt, Eisenheim, Volkach, Dettelbach, Kitzingen und Ochsenfurt verhandelt. Darum beschwerte sich 1580 der Bamberger Fürstbischof bei seinem Würzburger Amtskollegen. Dieser hatte selbst 1575 eine überarbeitete Handelsordnung des Hafnerbundes bestätigt, der ein verschärftes Vorgehen gegen „Störer“ angekündigt hatte. Der Bamberg-würzburgische Handelsstreit zog sich über mehrere Jahre hin, bis 1589 die Rechtmäßigkeit der Würzburgischen Handelsordnung inklusive der später zugefügten 3 Meilen-Bestimmung bestätigt wurde.

1582 wurden mehrere Stadtzünfte im Hochstift Bamberg zu einer Stiftszunft zusammengeschlossen, wohl als Gegenpol zu dem Würzburger Bund.

1592-1604 amtierte der Bamberger Hafner Michael Hilprand als Schöffe des Würzburger Hafnerbundes (Lippert 2023, 101). Seit 1596 führte der Bund ein Protokollbuch, das im Staatsarchiv Würzburg verwahrt ist. Es enthält die Aufzeichnungen der jährlichen Zusammenkünfte mit Nachträgen bereits ab 1592 und die mit einigen Unterbrechungen bis 1682 reichen. Diese Treffen fanden nun nicht mehr in Haßfurt, sondern bis 1613 an wechselnden Orten des Hochstifts statt, nach 1613 jeweils in Würzburg. Dieses Protokollbuch erlaubt es Inge Lippert, eine Liste der führenden Hafnermeister aus den Orten des heutigen Landkreises Hassberge zusammenzustellen (S. 22-34) und gewisse statistische Auswertungen vorzunehmen. Für die Zeit von 1592 bis 1682 sind rund 180 Hafnermeister aus dem heutigen Landkreis Hassberge namentlich fassbar, die meisten von Ihnen stammen aus Haßfurt, Ebern und Rudendorf.

Die Einträge zeigen, dass die Ausbildung vom Beginn der Lehrzeit bis zur Meisterprüfung 7 bis 14 Jahre dauerte. Einige Hafnergesellen gingen auf Wanderschaft, nachgewiesen ist beispielsweise ein Aufenthalt in Linz in Oberösterreich.

Der Dreißigjährige Krieg scheint einige Veränderung gebracht zu haben, denn nach einer Lücke im Protokollbuch nach 1650 sind aus manchen Orten keine Haffner mehr zu belegen.

Ein besonders ausführliches Protokoll einer Jahresversammlung liegt für das Jahr 1609 vor, als der Bund sich in Dettelbach traf. Hier sind 100 Mitglieder zu erfassen, darunter 14 neu aufgenommene Lehrlinge und 20 Jungmeister, von denen neun als Meistersöhne bezeichnet werden (Lippert 1993, 55).

Die Spannungen zwischen Würzburger und Bamberger Töpfern dauerten auch im 17. und 18. Jahrhundert an. Entsprechend kam es immer wieder zur Aushandlung von Kompromissen. Trotz einer Produktion der Hassberger Töpfer über den lokalen Bedarf hinaus, war das Hochstift Würzburg wohl durchaus auf Importe aus Bamberg, aber auch aus Lichtenfels angewiesen. Haßfurt musste Bamberger Importe auf seinen Jahrmärkten dulden, dafür durften Haßfurter Töpfer über die 3 Meilen hinaus mainabwärts, etwa mit Stadtschwarzach handeln. 1720 kam es auf dem Markt in Schweinfurt zu „mords- und todsgereichenden handtgemengmesigen Thätlichkeiten“ zwischen Würzburger und reichsritterschaftlichen Hafnern aus Baunach.

Wenig später, 1732/33, traten die Schweinfurter Hafner aus der Würzburger Hafnerkorporation aus, weil sie hofften, dadurch den Handelsbestimmungen zu entkommen. Man berief sich auf einen Reichsschluss von 1731, der doppelte Inkorporationen von Handwerkern in städtische Zünfte und regionale Korporationen abschaffte. Im Frühjahr 1733 konnte dann aber ein Schweinfurter Hafner auf dem Markt von Arnstein nur verkaufen, weil er gegen seine örtliche Hafnerkonkurrenz militärischen Schutz erhielt (Lippert 2023, 124f.).

Ende des 18. Jahrhunderts spiegelt sich eine Unzufriedenheit der Kunden mit den Hafnerprodukten PP wegen „geringhaltiger Materie und Untüchtigkeit“.

Mit der Säkularisation des Hochstifts Würzburg 1802 verloren auch die Hafnerprivilegien ihre Gültigkeit und der Hafnerbund wurde durch andere Formen der Berufsvereinigung abgelöst. Mit dem Übergang des Gebiets an das Königreich Bayern 1814 wurden eine umfassende Statistik und ein Kataster eingeführt, so dass für diese Jahre die Anzahl der Töpfereien nun genau bekannt ist. Im Gebiet des heutigen Landkreises Hassberge gab es damals 57 Hafner, 9 in Eltmann  je 5 in Memmelsdorf i.Ufr. und Stettfeld  und je 4 in Ebern, Hassfurt und Hofheim i. Ufr. In den Orten zu Füssen des Lußbergs sind nur zwei Töpfer in Kirchlauter genannt. Die früher zu beobachtende Konzentration der Hafnerwerkstätten im Umkreis des Lußbergs hatte sich offenbar aufgelöst.

Fragen und Forschungsansätze

Im Vorausgehenden wurde die von Lippert herausgearbeitete Geschichte des Würzburger Hafnerbundes recht ausführlich referiert, um im folgenden einige archäologische Fragestellungen daraus abzuleiten.

Inge Lippert liefert mit ihren beiden Studien wichtige Einblicke in Produktion und Vertrieb von Alltagsgütern, die prinzipiell auch in der archäologischen Überlieferung prominent vorhanden sind.

Aktuell ist die Quellenlage jedoch noch nicht kohärent. Die schriftliche Quellenlage zu den Töpfern auf Bamberger Seite für das Spätmittelalter in Bamberg relativ gut überschaubar, während  die Quellen für die Neuzeit noch zusammenzustellen sind. Hier gibt es nur einzelne Ansätze, etwa zur Bamberger Hafnerordnung von 1582 (J. Staudenmaier 2008).  Auf Würzburger Seite ist es genau umgekehrt.  Ab 1455 sind die Aussagen dank Inge Lippert gut zu überblicken, ob es ältere Quellen zu Töpfern im Würzburger Raum gibt, ist zumindest mir aktuell unklar. Nur das 15. Jahrhundert stellt einen Überlappungsbereich dar.

Archäologisch liegen mit den Arbeiten von Hans Losert und Luitgard Löw grundlegende Regional-Aufarbeitungen für die hoch- und spätmittelalterliche sowie frühneuzeitliche Keramik im Raum Bamberg  vor. In Unterfranken  sind zusammenfassende Bearbeitungen schon älter: Uwe Lobbedey hatte Ende der 1960er Jahre Unterfranken in sein Arbeitsgebiet einbezogen, wenig später hat es Georg Hauser auch so gehalten. Seitdem gab es eine Reihe weiterer Fundvorlagen, aber keine aktuellere Synthese (z.B. Vychiti 1991l, Hembach 2003, Michl 2015). Für die Neuzeit ist von archäologischer Seite bisher wenig geschehen, hier ist auf die Volkskunde zu verweisen.

oxidierende und reduzierende Keramiklandschaften

Der Beginn des Würzburger Hafnerbundes fällt ins 15. Jahrhundert, als archäologisch die jüngere Drehscheibenware dominierend ist. Im Raum Bamberg ist dies die oxidierend gebrannte jüngere Drehscheibenware, wie sie auf dem Lussberg, in Kipfendorf, Strullendorf und Bamberg produziert wurde. Im Würzburger Raum hingegen dominiert eine graue jüngere Drehscheibenware. Wo verläuft die Grenze zwischen diesen Keramiklandschaften? Sie spiegelt offenbar nicht die Grenze zwischen den Stiftsterritorien!? Äußert sich diese Differenzierung auch in anderen Kriterien, wie dem Formenbestand?

Können oxidierend gebrannte Gefäße im Würzburger Raum als Bamberger Importe begriffen werden? Wurde oxidierend gebrannte Keramik auch auf Würzburger Seite produziert?

Im Raum Bamberg bevorzugte man seit dem späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert einen oxidierenden gegenüber einem reduzierenden Brand – im Unterschied zu den benachbarten Räumen Würzburg und Nürnberg. In der Wüstung Lindelach bei Gerolzhofen (Michl 2015) oder auch in der Wüstung Birkenrod bei Ebrach dominiert die oxidierend gebrannte Drehscheibenware (Schreg/ Dix/ Jakob/ Funke, in Vorber.). Auch anderswo gibt es solche Inseln oxidierend gebrannter Waren, etwa der Prebrunner Ware bei Regensburg, der Musberger Ware im Raum Esslingen oder auch der Buocher Ware im damaligen Württemberg, die aber als rotbemalte Feinware überwiegend eine spezielles Produktspektrum umfasst.

Umbruch im späten 15. Jahrhundert

In Bamberg kam es um 1474 erneut zu einem Umbruch im Hafnergewerbe. 1474 explodierten die Ausgaben des städtischen Bauhofs für die Hafner. Etwa gleichzeitig kam es auch zu einer Verlagerung der Töpfer vom Unteren Sand in Bamberg in das Gebiet am oberen Sand vor der Stadtmauer – was eine Verlagerung in die Stadt hinein bedeutet.  Weitere Archivstudien in Bamberg mögen diese Entwicklung genauer beleuchten können, doch ergibt sich die Frage, inwiefern die Einführung der Glasur bestehende Werkstätten aus dem Geschäft drängte und inwiefern sich hier ein Vorsprung der Stadt gegenüber landsässigen Töpfern ergab. Problematisch oder auch symptomatisch? –  ist, dass die glasierte Keramik bei den bisher bekannten Töpfereien zu fehlen scheint.

Gab es  in Würzburg eine ähnliche Entwicklung?

Der 1474 gewählte Oberrichter Christoph Fuchs von Limbach setzte sich damals für die Interessen der landsässigen Handwerker gegenüber den städtischen Töpfern in Würzburg ein. Wenig früher gab es Auseinandersetzungen über die beruflichen Qualifikationen, wobei von handwerklichen Fähigkeiten nicht die Rede gewesen zu sein scheint  (Lippert 2023, 20ff.).

Identifikation von gelbem und weißem Geschirr

Im 18. Jahrhundert wurden in den Würzburger Schriftquellen innen glasiertes gelbes Geschirr und „weißes Geschirr“,” hergestellt aus weißer Tonerde“ genannt. 1791 ist von Keramik die Rede, das „außen weiß sei. Gemeint ist damit wohl eine Ware mit weiß-beigem Scherben, die innen häufig schwarz glasiert ist. Die gelbe Ware, die  „nach unterländischer Art und Handwerksordnung“ hergestellt sei, ist wohl als die regional gängige oxidierend gebrannte gelb glasierte Hafnerware zu klassifizieren.

Archäologisch ist aus dieser Zeit wenig bearbeitet, aber der regionale Museumsbestand, etwa aus Ebern, umfasst zahlreiche Gefässe. Der Bestand wäre darauf zu sichten, ob sich diese Differenzierung nachvollziehen lässt. Auf den ersten Blick fällt ein großer Bestand an grün glasierten Keramik auf, der sich in den Würzburger Quellen nicht widerzuspiegeln scheint.

Westerwälder Einwanderer

Seit dem 17. Jahrhundert wurde in der nördlichen Oberpfalz insbesondere in Creußen Steinzeug nach Westerwälder Vorbild produziert. Archäologische Funde und schriftliche Quellen belegen eine Steinzeugproduktion seit dem späten 18. Jahrhundert auch im ritterschaftlichen Rentweinsdorf.  Obwohl in den Museumsbeständen der Region Steinzeug eine große Rolle spielt, scheint es in den Auseinandersetzungen um Marktzugänge, die im späteren 18. Jahrhundert wieder verstärkt aufleben, keine Rolle gespielt zu haben.

Fazit

Die Bearbeitungen der Geschichte der Hafner in den Hassbergen von Inge Lippert und zuvor schon der Hafner im Hochstift Würzburg  sind wichtige Arbeiten zur Wirtschaftsgeschichte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit und bieten aktuellen Forschungen in der Region wichtige Ansatzpunkte. Sie lassen zudem den Wunsch entstehen, auch die Bamberger Überlieferung zu Hafnerinnen und Hafner systematischer aufzuarbeiten, als uns dies von archäologischer Seite aktuell möglich erscheint.

Literatur

  • Hauser 1984: G. Hauser, Beiträge zur Erforschung hoch- und spätmittelalterlicher Irdenware aus Franken. Beih. ZAM 3 (Köln, Bonn 1984)
  • Hembach 2003: T. Hembach, Die Ausgrabung in der Domerschulstraße in Würzburg – 1300 Jahre Stadtgeschichte (Diss. Bamberg 2003)
  • Lippert 2023: I. Lippert, das Hochstift Würzburger Hafnerhandwerk 1455-1802. Mainfränkische Studien 92 (Neustadt a.d. Aisch 2023).
  • Lippert 2025: I. Lippert, Zum frühneuzeitlichen Hafnerhandwerk in der nordbayerischen Region Hassbergen. Ein Überblick anhand von Schriftquellen (Würzburg 2025)
  • Lobbedey 1968: U. Lobbedey, Untersuchungen mittelalterlicher Keramik vornehmlich in Südwestdeutschland. Arbeiten zur Frühmittelalterforschung 3 (Berlin 1968).
  • Losert 1993: H. Losert, Die früh- bis hochmittelalterliche Keramik in Oberfranken. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Beiheft 8 (Köln 1993).
  • Löw 1993: L. Löw-Kopf, Funde aus einem Töpferofen um 1500 in Bamberg. NEARCHOS 1, 1993, 143–154.
  • Löw 2005: L. Löw, Keramik des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit aus dem westlichen Oberfranken (Bamberg 2005). – https://fis.uni-bamberg.de/handle/uniba/63
  • Michl 2015: E. Michl, Castellum, Curia, Palatium?! Die mittelalterliche Besiedlungsgeschichte eines mainfränkischen Zentralortes auf dem Kapellberg bei Gerolzhofen. Bamberger Schriften zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 5 (Bonn 2015).
  • Staudenmaier 2008: J. Staudenmaier, Zur Implementation frühneuzeitlicher Handwerksordnungen : Das Beispiel der Bamberger Hafnerordnung von 1582. In: M. Häberlein (Hrsg.), Bamberg in der frühen Neuzeit. Neue Beiträge zur Geschichte von Stadt und Hochstift. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bamberg Bd. 11 (Bamberg 2008) 49–76.
  • Schreg 1997: R. Schreg, Keramik aus Südwestdeutschland. Eine Hilfe zur Beschreibung, Bestimmung und Datierung archäologischer Funde vom Neolithikum bis zur Neuzeit. Lehr- und Arbeitsmaterialien zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit (Tübingen 1997).
  • Schreg 2012: R. Schreg, Keramik des 9. bis 12. Jahrhunderts am Rhein. Forschungsperspektiven auf Produktion und Alltag. In: H. Pantermehl/L. Grunwald/R. Schreg (Hrsg.), Hochmittelalterliche Keramik am Rhein. Eine Quelle für Produktion und Alltag des 9. bis 12. Jahrhunderts. RGZM-Tagungen 13 (Mainz 2012) 1–19.
  • Dix/ Jakob/ Funke/ Schreg, in Vorber.: Birkenrod und Rambach. Beobachtungen an zwei Wüstungen im Steigerwald. AMANZdokumente (Bamberg 2026). – https://fis.uni-bamberg.de
  • Vychitil 1991: P. Vychitil, Keramik des 8. bis 13. Jahrhunderts aus Siedlungen am Maindreieck. Beiträge zur Anwendung quantitativer Methoden. Antiquitas, Reihe 3, Abhandlungen zur Vor- und Frühgeschichte, zur klassischen und provinzial-römischen Archäologie und zur Geschichte des Altertums 31 (Bonn 1991).

 

Der Blogpost ist ursprünglich auf AMANZnotozblog erschienen: https://amanzblog.hypotheses.org/1556 

 

Montag, 9. Februar 2026

Archäologie und Geschichte - ein Rätsel

Begleitend zur Vorlesung "Archäologie & Geschichte - Die historische Interpretation archäologischer Funde und Befunde" im grade vergangenen Wintersemester 2025/26 entstand das folgende Rätsel: 

 Für die Studierenden war es ein Teil der Klausur, für die Leser hier ist es hoffentlich zum Vergnügen.

Freitag, 7. Februar 2025

Ein Identifikationsproblem: Die justinianische Pest in England

Eine neue Studie untersucht Radiocarbon-Daten zur Justinianischen Pest in England, eine andere die schriftlichen Quellen. Ihr Problem: Radiocarbondaten fallen zu alt aus.

Ich kommentiere das in einem Blogpost, auf deutsch auf dem AMANZnotizblog erschienen und auf englisch im BlackDeathNetwork:

 

Gelände bei Edix Hill, Path to Orwell
(Dave Thompson, CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)

Samstag, 2. November 2024

Von wegen: Genetik bestätigt Saga

Die altnordischen Sagas beleuchten die Entwicklung von Machtdynastien und Staatsbildung im mittelalterlichen Norwegen (ca. 1060–1537 n. Chr.). Obwohl sie Jahrhunderte nach den geschilderten Ereignissen von isländischen Gelehrten verfasst wurden, basieren sie wahrscheinlich auf mündlichen Überlieferungen und verlorenen Manuskripten. Ein Beispiel ist die Sverris Saga, die den Aufstieg von König Sverre Sigurdsson (1151–1202 n. Chr.) beschreibt, der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts über Norwegen herrschte. Diese Saga bietet einen Einblick in eine Zeit politischer Instabilität, geprägt von Konflikten und Bürgerkriegen, die weitgehend durch Thronfolgestreitigkeiten verursacht wurden. 

Ein Abschnitt der Sverris Saga schildert einen Überfall der Bagler - kirchlich orientierte Gegner von König Sverre - auf die Festung Steinsborg im Jahr 1197, während der König selbst in Bergen weilte. Die Angreifer drangen durch einen geheimen Eingang ein, plünderten die Burg und warfen die Leiche eines Mannes in den Trinkbrunnen, um diesen unbrauchbar zu machen.

Sverresborg: Brunnen vor dem Haupttor
(Foto: Wolfmann CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)

 

Burg Sverresborg, die mit der Steinsborg aus der Saga identifiziert wird, wurde wohl um 1180 westlich von Nidaros/Trondheim erbaut und war mehrfach das Ziel archäologischer Ausgrabungen. 1938 wurde ein Brunnen bis auf etwa sechs Meter Tiefe ausgegraben, was jedoch ungenügend dokumentiert wurde. In 5 m Tiefe wurden dabei unter einem Paket großer Steine die Reste eines Skeletts angetroffen. 2014 und 2016 fanden Nachgrabungen mit dem Ziel statt, zu prüfen, inwiefern noch Teile des Skeletts zu finden und zu bergen seien. Das Skelett wurde tatsächlich lokalisiert, doch konnte aus Sicherheitsgründen zunächst wiederum nur ein Teil geborgen werden. Das Skelett gehört einem erwachsenen Mann, der im Alter von 30 bis 40 Jahren zu Tode kam. Eine Größenangabe liegt nicht vor. Er litt  an chronischen Rückenproblemen und früh einsetzender Arthritis der Hüfte. Der gesondert aufgefundene Schädel wieß am Hinterhaupt schwere Hiebverletzungen wohl von einem Schwert auf. 

Aktuell wurde nun ein Aufsatz publiziert, der in erster Linie das Genom behandelt, der aber die Saga zur Sensationalisierung nutzt und darauf abhebt, dass es erstmals gelungen sei, das Genom einer Person zu erfassen, die in einer altnordischen Saga auftritt.

  • M. Ellegaard und 19 weitere Co-Autoren, Corroborating written history with ancient DNA: The case of the Well-man described in an Old Norse saga. iScience Nr. 111076, 25.10.2024. - DOI: 10.1016/j.isci.2024.111076

Es ist eines der Merkmale der historischen Archäologie, dass aus der Kombination von schriftlichen und archäologischen Quellen ein Wissensmehrwert geschaffen wird, da einem die große Informationsdichte viele neue Einblicke in die Vergangenheit geben kann. Leider geht die Methodendiskussion in der Archäologie immer noch überwiegend um Methoden der Quellenerschließung und der Analytik, wo naturwissenschaftliche Methoden tatsächlich eine Revolution anbahnen. Die Methoden der Interpretation archäologischer Quellen sind hingegen in den letzten Jahren nur wenig vorangekommen. Sie hängen natürlich stark mit den Fragestellungen zusammen, die ihrerseits viel zu wenig reflektiert werden.

Zu diesen Interpretationsmethoden gehört das Feld einer Synthese schriftlicher und materieller Quellen. Der Steinsborger Brunnenmann liefert dazu eine kritische Studie, aus der wir einiges lernen können - auch wenn hier auf eine genaue Analyse von Sverris Saga und der norwegischen Geschichte verzichtet werden muss (nicht mein Fachgebiet). Es lohnt sich aber, den neuen Artikel und die Art und Weise, wie hier vorgeblich solch eine Synthese erreicht wird und was kommuniziert wird,  zu reflektieren.

Welche Botschaft vermittelt die Studie?

Daher beginne ich mit den Medienberichten zu dem Aufsatz, der verschiedentlich aufgegriffen wurde:

  • "Archäologen können nun nach 800 Jahren den mysteriösen "Brunnenmann" identifizieren."
  • "Seit Jahrhunderten erzählen Sagen fantastische Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Forscherinnen und Forscher aus Norwegen haben nun bewiesen, dass in der sogenannten "Sverris Saga" doch mehr Realität steckt als gedacht." 
  • That 800-Year-Old Corpse in the Well? Early Biological Warfare. The New York Times 25.10.2024. - https://www.nytimes.com/2024/10/25/science/archaeology-norway-sverresborg.html
    “Findings such as this make it possible to assess the trustworthiness of ‘Sverris Saga’ and similar texts in new ways,” said Tore Skeie, a Norwegian historian and author, “making us better at reading and evaluating the majority of texts that have not and will never be underpinned by archaeological evidence.”
  • DNA-Analyse bestätigt 800 Jahre alte Sage. Science.ORF.at . 28.10.2024. - https://science.orf.at/stories/3227293/
    Anhand von sieben noch erhaltenen Zähnen konnte das Forschungsteam nun prüfen, ob die Knochen tatsächlich zu dem in der „Sverris Saga“ beschriebenen Mann gehörten. „Der Chroniktext ist nicht ganz korrekt, die Realität ist viel komplexer“, sagt Anna Petersén, Archäologin am Norwegischen Institut für Kulturerbeforschung in Oslo.

Für die Umsetzung ihrer Ergebnisse in journalistische Inhalte sind die Autor*innen nur begrenzt verantwortlich, doch geben die Presseerklärungen bzw. Texte des NIKU die Narrative vor, die ja auch in den Publikation angelegt sind.


Was ist also Quellenlage und Problem?

In Sverris Saga, einer der auf Island überlieferten altnordischen Königs-Sagas findet sich ein Passus, in dem es zum Jahr 1197 heißt (Sverris Saga §137):

„Nun ist zu erzählen von den Baglern, die geflohen waren und deren Anführer und Haupttruppen sich im oberen Teil der Uppländer versammelten und so nach Norden bis zu Trondheim und Niðaróss zogen. Als sie zur Stadt Steinbjörg kamen, lagerten sie ihr Heer um die Stadt und taten vor, dass sie dort campieren wollten. In der Stadt waren Thorsteinn, Kúgaðr und Bjálfi Skinnstakk sowie Asgautr. Sie hatten achtzig Männer, und es mangelte ihnen weder an Waffen noch an Vorräten, und sie hatten nicht wenig zu trinken; die Bagler konnten nichts ausrichten. Dann führten sie Gespräche mit den Stadtbewohnern und versammelten sich im Kristskirkjugarð und legten eine Abgabe auf die Stadt. Sie forderten die Bauern zur Teilnahme am Heer des Gebiets auf; entsprechend der Gepflogenheiten der Birkibeiner ließen sie ihre Männer einen Schwur ablegen, dass sie nicht auf der gegnerischen Seite oder der des Königs sein sollten. Danach gingen sie wieder zur Stadt und eröffneten einen langen Schusswechsel. Dann riefen sie sie heraus. Bischof Nikolás sprach zu Thorsteinn: „Es ist unklug, die Stadt zu halten und unter Belagerung zu stehen. Du wirst mehr in einem anderen Ort verlieren; wir werden eine Streitmacht zu deinem Hof Goðreksstaður senden und dort alles rauben, was vorhanden ist, und die Häuser anzünden und den Hafen verbrennen.“ Nachdem dies gesagt war, rief Thorsteinn Bjálfi Skinnstakk zu sich und sagte ihm, dass es unklug sei, die Stadt lange zu halten, wenn sie belagern wollten; so endete ihr Gespräch, und sie einigten sich darauf, die Stadt aufzugeben; die anderen Stadtbewohner wussten nichts von diesem Plan. Eine geheime Tür war an der Stadt; Thorsteinn ging dorthin und konnte dann mit den Baglern sprechen. Guðbrandr der Jüngere ging ihm entgegen, und sie besprachen ihre Pläne: Thorsteinn bat die Bagler, zuerst in die Stadt hinabzugehen und am Abend zurückzukommen, dann, wenn die Stadtbewohner am wenigsten wachsam waren: „Ich weiß, dass diese gleichen Türen dann offen sein werden.“ Hierauf antwortete Guðbrandr, im Auftrag der Bagler gewährte er allen Stadtbewohnern das Leben, Rüstungen und Kleider. Dann gingen die Bagler in die Stadt und am Abend hinauf zur Burg; Thorsteinn ließ die Türe öffnen, und die Bagler traten ein. Es war zu der Zeit, als die Stadtbewohner beim Essen waren; sie bemerkten es nicht, bis die Burg voll von den Baglern war. Die Stadtbewohner behielten ihr Leben und ihre Gewänder, aber nur wenige Waffen und kein Geld. Asgaudr und Bjálfi zogen aus der Region, und Thorsteinn war erschöpft; er wurde den Baglern unterworfen und ging mit ihnen. Asgaud und Bialf verließen die Region, und Thorstein Kugad nahm den Dienst bei den Baglern an und ging mit ihnen. Die Bagler nahmen alle Güter, die sich in der Burg befanden, und brannten dann alle Häuser nieder, die sich dort befanden. Sie nahmen einen toten Mann und warfen ihn in den Brunnen, trugen Steine dorthin und legten sie hin, bis der Brunnen voll war. Bevor sie die Burg verließen, forderten sie die Stadtbewohner auf, alle Steinmauern einzureißen. Und bevor sie aus der Stadt marschierten, verbrannten sie alle Langschiffe des Königs. Dann kehrten sie ins Hochland zurück, sehr zufrieden mit der Beute, die sie auf ihrer Reise gesammelt hatten."
(altnord. Text im InternetArchive, S. 324 und abweichend http://www.heimskringla.no/wiki/Sverres_saga, hier Übersetzung mit KI [vgl. engl. Übersetzung], in fett der Teil, auf den Ellegaard et al. 2024 Bezug nehmen, indem sie ihn in ihrem graphical abstract abbilden)

Nú er at segia frá Boglum, er þeir höfðu flýit, at [höfðíngjar ok meginliðit vendu hit efra um Upplönd, ok svá norðr til þrándheims ok til Niðaróss. Ok er þeir komu til [borgar á Steinbjörg, settu þeir lið sitt umhverfis borgina, [ok létust þar skyldu tjalda. þar var fyrír i borginni þorstéinn, kúgaðr ok Bjálfi skínnstakkr ok Asgautr; þeir höfðu LXXX manna, [skorti þá hvártki váþn né vistir, ok eigi drykk; gátu Baglar ekki at gert. Síðan áttu þeir stefnur við bæjarmenn ok þíng uppi í Kristskirkjugarði, lögðu vistagjald á bæinn, ok kröfðu bændr leiðángrs i héraði; [höfðu nú venju Birkibeina, ok lètu (menn)sverja sèr trunaðareiða, [at þeir skyldu rigi vera í gagnstaðarflokki þeirra eða konúngs þeirra. Eptir þetta fóru þeir upp til borgar, ok gerðu þeim lánga skothríð; ok eptir pat kölluðust þeir á. Nikolás biskup mæhi til þorsteins: úráðligt er þér at halda borgina, ok vera í banni; láta muntu meira í öðrum stað; vér skulum gera lið til [Goðreksstaða, bús þíns, ok láta þar ræna öllu því sem til er, en leggja eld í húsin ok brenna hæinn."
Eptir þetta kallaði þorsteinn til sín Bjálfá Skinnstakk, ok sagði honum at úreðligt var at halda lengi borginni, ef þeir vildi umsitja; lauk svà þeirra tali, at þeir urðu á þat sáttir, at upp skyldi gefa borgina; ekki vissu aðrir borgarmenn [þessa ráðagerð.
Laundyr voru á borginni; gekk þorsteinn þar til, ok mátti hann þá tala við Bagla. Guðbrandr úngi gekk til móts við hann, ok gerðu þeír ráð sín á milli: bað þorsteinn [Bagla fara fyrst ofan í bæinn, en koma upp um kveldit, þá er borgarmenn varði minnst: man ék þá opnar láta þessar sömu dyrr. Hèr ímót hèt Guðbrandr. fyrir hönd Bagla öllum borgarmönnum lífsgriðum ok vápna ok klæða. [Síðan fóru Baglar ofan í bæinn, ok um kveldit til borgar upp; þorsteinn lèt þá opnar laundyrnar, gengu Baglar þar inn; þat var í þann tíma er borgarmenn sátu um mat, funnu peir eigi fyrr en [borgin var full af Böglum; fengu borgarmenn lífsgrið, ok höfðu ígángsklæði sín, en fáir yápn, en ekki fé; snerist [Asgaudr ok Bjálfi út til hèraðs, en þorsteinn kúgaðr; gerðist handgenginn Böglum, ok fór; med þeim. Baglar tóku ált fé, þat er í var borginni, ok síðan brendu þeir hvert hús, þat er þár var; þeir tóku einn mann dáuðan, [er þar var ok steyptu í brunninn, báru síðan [þar á ofan grjót, þar til er fullr var, peir stefndu til bæjármönnum at brjóta alla steinveggina [til járðar, áðr en þeir skilðist við; þéir brendu öll lángskip konángs, áðr þeir fóru íbrot. Eptir þetta snerust Jeiraptp til Upplanda, ok þottust hafa [vel ráðit til ,fiár [í þessi ferð.


Der Artikel von Ellegaard et al. 2024 bezieht sich nur auf einen kleinen Ausschnitt des Texts und konzentriert sich allein auf die Brunnengeschichte. Aus dem Gesamtzusammenhang ergibt sich, dass die Stadtbewohner angesichts einer drohenden Belagerung verraten wurden. Dabei wurde den Bewohner Leben und Kleidung zugesichert und angeblich auch tatsächlich gewährt.

Der archäologische Befund wurde oben bereits kurz beschrieben. Zu ergänzen ist, dass ein 14C-Datum vorliegt, das kalibriert mit zwei Sigma Abweichung ein Datum von 1020 bis 1165 AD ergibt. Dieses Datum ist älter als der aus Sverris Saga postlierte Zeitpunkt von 1197.  Massenspektrometrie zur Bestimmung des stabilen Isotopenverhältnisses von 13C und 15N aus einer Knochenprobe des Skeletts ergab allerdings einen Hinweis auf einen marinen Nahrungsbestandteil von etwa 20 %, was bedeutet, dass die Datierung durch einen marinen Reservoireffekt zu alt ausfällt und entsprechend zu korrigieren ist. Der resultierende kalibrierte/korrigierte Datumsbereich, 1055–1076 (2,5 %), 1153–1277 (92,9 %) kal n. Chr., stimmt gut mit dem erwarteten Datum des Überfalls auf Sverresborg, 1197 n. Chr., überein.

"While we cannot prove that the remains recovered from the well inside the ruins of Sverresborg Castle are those of the individual mentioned in Sverris Saga, the circumstantial evidence is consistent with this conclusion" schreiben die Autor*innen.

Nun passt zwar die Datierung, aber der Artikel sagt wenig über den Befund des Brunnens. Inwiefern ist dieser in einen Baukontext um 1200 eingebettet? Ist das der einzige Brunnen? Lassen sich aber auch Brandspuren einer Zerstörung aus dieser Zeit nachweisen? Dazu gibt es keine Informationen. 


Bestätigt die DNA die Saga?

Nein, ganz und gar nicht. Die Tatsache, dass der Mann blond war, blaue Augen hatte, 30 bis 40 Jahre alt und vielleicht aus Südnorwegen stammt, trägt zur Frage einer Identifikation des Mannes aus dem Brunnen mit dem 1197 in einen Brunnen gestürzten Leiche überhaupt nichts bei, da die Schriftquelle hierzu gar nichts sagt. Entgegen dem Titel des Artikels bestätigt die DNA hier also auch rein gar nichts. Auch die ergänzenden Informationen zu der Saga sind sehr begrenzt. 

Die Autor*innen haben das Genom des Brunnenmanns mit den modernen Genomen von 6140 Norwegern verglichen, um mehr über seine Abstammung und die Region zu erfahren, aus der er stammte. Sie zeigen sich überrascht, dass sein Genom eher zu einer Gruppe passt, die heute für das südwestliche Norwegen charakteristisch ist. Das würde nun eher für einen Krieger aus dem Süden, aus dem Umfeld der Bagler sprechen. Dahinter steht wohl die Erwartungshaltung, dass die Angreifer nicht einen der Ihren in den Brunnen geworfen hätten. Kann sein, muß aber nicht sein. Daher ist auch die Schlußfolgerung nicht nachzuvollziehen, warum das Genom des Brunnenmanns anzeigen soll, dass es bereits vor 800 Jahren die in modernen Daten zu sehende genetische Drift gegeben haben soll. Die vorliegenden mittelalterlichen Genome stammen mit Ausnahme des Brunnenmanns aus der Wikingerzeit. Den Raum, aus dem der Brunnenmann nun stammen soll, decken sie nur bedingt ab. In der verwendeten Datenserie sind jedenfalls keine alten Genome der postulierten Herkunftsregion vorhanden, so dass implizit eine Kontinuitätsannahme vorliegt.


 

links: Karte von Norwegen mit farbcodierten Regionen;
rechts: Hauptkomponentenanalyse von 6140 heutigen Norweger*innen mit Farbzuweisung zu den Regionen wie in der Karte dargestellt,
sowie 24 alte norwegische Individuen,
deren Fundregionen in der Karte beschriftet sind
Der Bunnenmann in grün.
(Graphik verändert nach Ellegard et al. 2024 CC BY 4.0 via Elsevier)


Die Diskussion der verschiedenen Interpretationen hat letztlich nichts mehr mit dem Brunnenmann zu tun haben, da er hier nur noch als ein Punkt in einer größeren (aber bei weitem nicht großen) Serie von 24 mittelalterlichen Genomen aus Norwegen auftritt. Die Autor*innen merken selbst an, dass für eine genauere Kenntnis der Entwicklung des norwegischen Genpools weitere Untersuchungen, etwa durch die Sequenzierung älterer Norweger aus den südlichen Provinzen notwendig sind. Als wichtigstes Ergebnis der Studie sehen sie den Nachweis, dass ein wesentlicher Bestandteil der heutigen Genomcharakteristik der Menschen aus den südwestlichen Norwegen bereits vor 800 Jahren vorhanden war. Die deutet darauf hin, dass diese Region lange Zeit isoliert war. Das Genom des "Brunnenmannes" ist damit zwar ein wertvoller Beitrag zu einer statistischen Charakterisierung der mittelalterlichen Population in Skandinavien, aber das Ergebnis, dass der Mann aus dem Brunnen blond und blauäugig war ist vollkommen irrelevant. Es bestätigt populäre Vorstellungen -  so what?

 

Wurde der Brunnenmann identifiziert?

Einige Medienberichte vermelden das so. Aber, obwohl wir sein Genom kennen, seine (wahrscheinliche) Augen- und Haarfarbe kennen, wissen wir eben nicht, wer er war. Eigentlich ist es bedenklich, wenn hier das Bild verbreitet wird, ein Mensch wäre durch sein Äußeres ausreichend identifiziert. 

Nun mag man aus Gründen einer musealen Präsentation die Geschichte aus Sverris Saga gerne etwas ausschmücken wollen. Immerhin wurde die Ruine vor einigen Jahren Teil des Freilichtmuseums Sverresborg Trøndelag Folkemuseum und wohl aus diesem Anlaß neu restauriert. Details machen eine Geschichte erzählerisch lebhafter und interessanter. - Bestätigen aber auch Klischees und Vorurteile



Zeichnerische Rekonstruktion des Mannes aus dem Sverresborger Brunnen
(Graphik Ellegard et al. 2024 CC BY 4.0 via Elsevier)


 

KI Bild des Brunnenmanns
KI-Illustration mit dem Prompt "Mann, Skandinavier, Blond, blauäugig, Arthritis an der Hüfte, 30-40 Jahre alt, Rückenprobleme, unbewaffnet, aber von Schwerthieb am Hinterkopf verletzt, Mittelalter um 1200n.Chr., sehr unsympathischer hinterhältiger Typ"
(Microsoft AI Image Designer)

Die Autoren schreiben, sie wollten näheres über den Brunnenman und die Ereignisse wissen, die in Sverris Saga, beschrieben sind.  Deshalb wären die Genome sequenziert und Untersuchungen zu Geschlecht, Abstammung und sein Aussehen gemacht worden. Die Studie sei eine einzigartige Gelegenheit, ein tieferes Verständnis des historischen Ereignisses zu gewinnen, indem Ergebnisse aus Isotopie, Osteologie, Archäologie und Genetik im Kontext der Informationen eines 800 Jahre alten Texts zusammengeführt würden ("Our study provides an unusual opportunity to gain a deeper understanding of this historical event through the integration of results from isotopic, osteological, archaeological and genetic analyses in the context of information from an 800-year-old text").

Fragestellung und angewandte Methode passen hier in keiner Weise zusammen. Die entscheidenden Fakten für den Abgleich von Befund und Saga - da liegt tatsächlich ein Mann im Brunnen der Burg und die Datierung passt in etwa - wurden 1938 und 2016 mit der Radiocarbondatierung erbracht und kamen völlig ohne Genetik aus. Wenn wir mehr über das Ereignis in den Schriftquellen erfahren wollen, wären eine sorgfältige geophysikalische Prospektion der Burganlage, archäologische Forschungsgrabungen und selbstverständlich eine genauere und vor allem vollständige Textanalyse notwendig. Wurde die Burg tatsächlich komplett geplündert und zerstört? Gehört die Brunnenverfüllung tatsächlich dazu? Wie wurde die Burg nach einem Wiederaufbau mit Wasser versorgt? Betrachten wir überhaupt die richtige Burg?

 

Sverresborg
(Foto: Cato Edvardsen CC BY SA 3.0 via WikimediaCommons)


Statt einer Bestätigung: ein Widerspruch von Saga und Befund!

Ich sehe in dem Fall eine andere Interaktion von Text und archäologischem Befund. Die Saga behauptet in dem Abschnitt, der der Brunnengeschichte voraus geht, die Stadtbewohner hätten bei der Übergabe ihr Leben behalten. Wenn die Identifikation des Toten Mannes aus dem Brunnen mit der Leiche aus der Saga richtig ist, würde das bedeuten, dass die Stadtbewohner sich sehr wohl zur Wehr gesetzt hätten, denn der Schädel aus dem Brunnen wies Schwerthiebe am Hinterkopf auf, die wohl todesursächlich waren. Insgesamt konnten am Skelett mehrere Traumata beobachtet werden, wobei aber unklar blieb, ob sie vor oder nach dem Tod entstanden sind. Die Verletzungen am Schädel hingegen sind aber sicherlich nicht post-mortem.

Die in den modernen Berichten gerne aufgegriffene Idee, der Leichnam sei gewissermaßen als Biowaffe zur Verseuchung des Brunnens genutzt worden, ergibt sich nicht aus der Schriftquelle. Die genetischen Untersuchungen ergaben keine Hinweise auf Krankheitserreger, was jedoch methodisch bedingt ist und keine Rückschlüsse zulässt, ob die Leiche vielleicht nicht doch ansteckend gewesen sein könnte.

Es entseht eher ein Widerspruch zwischen Befund und Saga, als eine Bestätigung. Verschiedene Szenarien sind denkbar, wie sich dieser auflösen lässt.

Zunächst könnte das Problem in der Schriftquelle liegen. Die Überlieferung der Saga könnte vor deren Niederschrift die Information der Kämpfe verloren haben, weil sie irgendwann nicht ins Bild passt. Die erhaltene Version der Saga steht eher auf Seiten des Königs und hätte vielleicht die Bagler eher schlecht gemacht - oder wollte man die Niederlage des Königs minimieren? Hier kommt nun doch noch der - allerdings erst zu verifizierende - Befund der Genetik ins Spiel, wonach der Tote aus dem Brunnen aus dem Südwesten Norwegens, dem Gebiet der Bagler stammte, er also wohl einer der Angreifer war. Dann hätten sich die Stadtbewohner doch gewehrt, aber sie wären durchaus mit dem Leben davon gekommen.

Das Problem könnte aber auch im Befund und dessen Identifikation liegen. Dabei ist eventuell schon eine Ebene höher anzusetzen. Die Saga spricht von der Steinsbörg als Ort des Geschehens, nicht von der Sverrisborg. Wie sicher ist denn diese Gleichsetzung? Liegt der Tote im richtigen Brunnen?

Letztlich lässt sich hier viel spekulieren, eine sichere Identifikation ist nicht möglich.

Deutlich wird aber, dass der Artikel die Geschichte vom Brunnenmann nur nutzt, um die Forschungsergebnisse zu hypen. Eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsgehalt der Sagageschichte hätte sich nicht nur mit dem kleinen Ausschnitt des Textes begnügen dürfen, den Befund genauer dargestellt und auf andere geeignetere Methoden als der Genetik gesetzt. 

Das Autorenteam, als dessen Senior-Autor der Genetiker Michael D. Martin aus Trondheim fungiert umfasst 18 Naturwissenschaftler und gerade mal zwei Archäolog*innen. Der Artikel zeigt wieder mal, wie naturwissenschaftliche Ansätze mit vorgeblich sensationellen Erkenntnissen solide historisch/archäologische Forschungen überwuchern können und letztlich eher die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit hintertreiben (vgl. Samida/Eggert 2013).

Literatur

Links



Montag, 23. September 2024

Rechtsanwalt darf Synagoge nicht abreissen

 Der Streit um ein Baudenkmal in Detmold wurde jetzt vor Gericht entschieden.

Eine Synagoge von 1633 - die älteste freistehende Hofsynagoge Nordwestdeutschlands - darf nicht für einen Parkplatz abgerissen werden. Das Oberverwaltungsgericht folgte der Einstufung des LWL. Der Denkmalschutz hat Vorrang gegenüber einem Parkplatz. Der Denkmaleigentümer will weitere Rechtsmittel ausschöpfen und erklärt auf seiner Seite: "Neben der Translozierung und dem schlichten Verfall des Denkmals gibt es keine Alternative, und ich kann das gar nicht oft genug sagen, damit die Vertreter der Stadt Detmold und ihre Gesinnungsgenossen von der Antifa bis zu den „Omas gegen Rechts“, und vom „Forum Offenes Detmold“ bis zur Lippischen Landeskirche und anderen religiösen Vereinigungen endlich aus ihren bunten Träumen aufwachen."

Presseberichte legen nahe, dass es im Hintergrund um eine politische Agenda gehe, der jüdisches Erbe nicht genehm ist. 

Der Bau war ursprünglich als Gartenhaus des 19. Jahrhunderts unter Denkmalschutz gestellt worden, doch Bauuntersuchungen 2010 zeigten sein höheres Alter und legen nahe, dass es sich um ein Bethaus von 1633 handelt. Die jüdische Bevölkerung war 20 Jahre zuvor aus Denkmal vertrieben worden und erhielt erst in den 1660er Jahren wieder eine offizielle Genehmigung zur Feier religiöser Feste. Das nun festgestellte Bethaus vertritt den Typ der Hofsynagoge, der darauf ausgelegt war, jüdische Religion im Verborgenen des Hinterhofes auzuüben.

Der Widerspruch des Eigentümers, läuft darauf hinaus, dass er den Wert der dendrochronologischen Datierung bestreitet und auf schriftliche Quellen verweist, die für die Zeit um 1860 einen Neubau nahelegen. Die dendrochronologische Untersuchung ist jedoch durch mehrere Proben imBaubestand abgesichert. Ein erster Fehlversuch der Datierung, auf den der Antragsteller verweist, ist wohl nicht der Sekundärnutzung der Hölzer geschuldet, sondern beruht wohl eher auf einer ungünstigen Beprobung, bei der viele Proben wohl wegen Wuchsanomalien oder einer nicht ausreichender Zahl an Jahrringen "nicht zu einem belastbaren Ergebnis" führten.  Eine Diskrepanz zwischen schriftlichen Quellen und dem bauhisorischen oder archäologischen Befund ist nicht ungewöhnlich. Wenn die Dendrodatierung in sich stimmig ist, ist hier erst der Sachevidenz zu folgen. In der Vergangenheit hat man mehr im Bestand "neu" gebaut und ein Recycling erfolgte oft nicht in Form der Wiederverwendung einzelner Hölzer, sondern ganzer Bauteile der Vorgängerbebauung.Dass der Bau in einigen Altkarten zu fehlen scheint ist auch so ein quellenkritisch zu hinterfragender Widerspruch, der aber höchst wahrscheinlich in der thematischen Intention der betreffenden Karten zu suchen ist.

 

Detmold, Bruchmauerstr. 37.Ehemalige Synagoge,
(Foto: Jan Mathys CC BY-SA 4.0 via WikimediaCommons)

Die Idee einer Translozierung übergeht die Existenz archäologischer Befunde im Boden - und den Kontext umliegender jüdischer Vergangenheit.

 

Literatur

  • F. Kaspar/ P. Barthold: Eine „vergessene“ Synagoge von 1633. Das Gebäude Bruchmauerstraße 37 in Detmold. Westfalen 96, 2018, 95–124.
  • M. Delker-Hornemann/ A. Köllner: Erste Mikwe in Detmold entdeckt. Ausgrabungen in der Freiligrathstraße in Detmold.  Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 75, 2006, 125–133 (Digitalisat

Links

die Dokumentation der Position des Abbruch-Antragstellers:

  • http://www.hofsynagoge.de/

Eintrag auf Wikipedia s.v. Hofsynagoge Detmld: https://de.wikipedia.org/wiki/Hofsynagoge_Detmold

aktuelle Berichte

über Hinweis bei Archivalia: https://archivalia.hypotheses.org/212881

Sonntag, 22. Oktober 2023

Archäologie im Kino

aktuell im Kino, offenbar mit nur wenigen Terminen.

 

 Dazu:

Freitag, 23. Juni 2023

Die Suche nach Opfern der deutschen Besatzung in Griechenland

am 18.6.2023 zunächst auf AMANZ-notiz-blog erschienen
 
Es sind Zeithistoriker der Universität Osnabrück, die in Nordgriechenland auf archäologische Methoden der Prospektion mittels klassischer Begehungen, aber auch mit Georadar und -magnetik zurückgreifen, um ein Arbeitslager aus der Zeit der deutschen Besatzung zu erforschen. Sie werfen damit ein Schlaglicht auf das Schicksal der Juden aus Thessaloniki.
Ausgangspunkt des archäologischen Projektes in Nordgriechenland war ein privates Fotoalbum, das zufällig auf einem Münchner Flohmarkt entdeckt wurde. Es stammt aus dem Jahr 1943 und zeigte neben Aufnahmen aus Thessaloniki auch Bilder von Zwangsarbeitern mit Judensternen an der Kleidung. die unter deutscher militärischer Bewachung an einem Ort namens Karya arbeiteten. Da Griechenland im Anschluß an die deutsche Besatzung von einem Bürgerkrieg heimgesucht wurde und zudem weiterhin eine antisemitische Stimmung herrschte, hat die Zeit der deutschen Besatzung und das Schicksal der jüdischen Gemeinden in Griechenland kaum wissenschaftliches Interesse gefunden.
 
Inzwischen gibt es schon keine lebenden Zeitzeugen mehr, die von den Vorgängen in Karya berichten konnten. Vorhanden sind vor allem Erinnerungen der Nachfahren der wenigen überlebenden Opfer sowie der örtlichen Bevölkerung und wenige zeitgenössische Berichte. Verwaltungsakten zum Bahnbau, vor allem aber ein Vergleich der topographischen Situation mit Altkarten hilft die Vorgänge genauer zu erfassen.
So ist es gelungen, die Lokalität des Arbeitslagers in Karya zu identifizieren, wo die Organisation Todt mit jüdischen Zwangsarbeitern eine Bahntrasse baute. Die örtliche Überlieferung verweist auf ein Massengrab, das nun in schwierigem Gelände mit geophysikalischen Methoden gesucht wird - bislang allerdings erfolglos. Die Lokalisierung des Massengrabs soll helfen einen Ort würdigen und mahnnenden Gedenkens zu schaffen.



Montag, 8. Juni 2020

Kulturgeschichte und Archäologie im 19. Jahrhundert

Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit sieht sich "nach Fragestellung und Arbeitsziel" als "eine historische Wissenschaft", wenn auch "aufgrund der in den Boden eingebetteten Sachquellen und ihrer Methoden" als eine archäologische Disziplin (Fehring 1987).

Gedanken darüber, was denn nun eine historische Wissenschaft ausmacht, hat man sich in der Archäologie und auch in der Archäologie des Mittelalters aber kaum gemacht. Bei vielen Autoren wird zwischen den Zeilen klar, dass im Hintergrund meist ein traditionelles Geschichtsbild steht, das sich auf den Historismus oder die klassische Kulturgeschichte bezieht.  Obgleich nun die Kulturgeschichte der Archäologie eigentlich sehr viel bessere Anknüpfungspunkte geboten hätte, wurden letztlich doch eher die Standpunkte des Historismus für das Geschichtsbild der Archäologie prägend - bis zumindest ans Ende des 20. Jahrhunderts. In einem späteren Blogpost wird noch zu zeigen sein, zu welchen gedanklichen Verrenkungen dies teilweise führen musste (Archaeologik, 25.7.2020).



Andere Geschichtsauffassungen, die für die Archäologie und ihre materiellen Quellen sehr viel interessanter sein könnten, wurden meist gar nicht zur Kenntnis genomment. Die Ansätze der angelsächsischen Anthropology, die in der New Archaeology prägend wurden, wurden rundweg abgelehnt - weitgehend ohne eine kritische Diskussion. Da Theoriediskussion lange mit der New Archaeology gleichgesetzt wurde, unterblieb auch die Auseinandersetzung mit den theoretischen Entwicklungen in den deutschen Geschichtswissenschaften. Die in den 1960er und 70er Jahren populär werdende Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, die Mikrogeschichte oder später auch die Umweltgeschichte. Auch die französische Annales-Perspektive, die in Frankreich maßgeblich zur Ausbildung einer Archäologie des Mittelalters beigetragen hat, fand in Deutschland erst spät Resonanz (Knopf 1998; Schreg 2001). 

Auch im 19. Jahrhundert, als sich die Archäologie allmählich als eigenständiges Fach entwickelte, unterblieb diese Diskussion. Man sah sich nahe an der Anthropologie und Ethnologie als Naturgeschichte oder als Kulturgeschichte - langfristig und schleichend setzte sich aber der Historismus durch - und hielt sich auch noch, als die Geschichtswissenschaften in einem langwierigen Prozess dessen Positionen selbst kritisch relativiert haben.

Naturhistorisches Museum Wien
Anthropologie - Ethnographie - Urgeschichte
(Foto: R. Schreg)


Es scheint mir daher lohnend, einmal der Frage nachzugehen, wie die Kulturgeschichte der Zeit um 1900 auf die Archäologie gewirkt hat - und warum sie trotz mancher Anknüpfungspunkte nicht stärker Theorie-bildend geworden ist. Das kann hier nur kurz, ohne erneute eingehende Bibliotheks- und Archivrecherchen geschehen, aber es sollte doch gelingen, einige Grundlinien aufzuzeigen.



Kulturgeschichte um 1900

Bereits im späten 19. Jahrhundert gab es verschiedene Gegenentwürfe zum Historismus (zum Folgenden Daniel 2001; Iggers 2007). Kulturgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte waren sich vor allem darin einig, dass weniger Einzelpersonen oder Staatsaktionen das Wesen von Geschichte ausmachen, sondern wirtschaftlichen und sozialen Aspekten eine entscheidende Bedeutung für historischen Wandel zukomme. Erhebliche Unterschiede lassen sich hingegen im Kulturbegriff ausmachen. Die Diskussion um den Kulturbegriff begann schon im 18. Jahrhundert (Daniel 2001, 195f.). Kultur hatte damals die Konnotation der Veredelung und „Kultivierung“.

Kulturgeschichte beschreibt damit den sittlichen und technischen Fortschritt der Menschheit, wofür auch der Begriff „Bildung“ stehen konnte. Kultur entwickelte sich zu einem Leitbegriff der Geschichtsauffassung der Aufklärung und wurde schon damals als „Gegenprogramm gegen die Helden-, Schlachten-, Klatsch- und Hofgeschichten“ (Daniel 2001, 198) verstanden.
 
Jacob Burkhardt
(Foto via ETHBibliothek
und WikimediaCommons)
 
Jacob Burckhardt (1818-1897) kritisierte diese Fortschrittsidee und bemängelte eine auf die Gegenwart gerichtete Geschichte, die das Vergangene als Anfänge bzw. Ursache des Gegenwärtigen verstehe. Dies führe dazu, dass Vorstellungen der eigenen Gegenwart anachronistisch auf vergangene Zeiten übertragen würden und zu einer Übersteigerung der eigenen Gegenwart „als Erfüllung der Zeiten“. Burckhardts Kulturgeschichte geht nicht vom diachronen Verlauf, sondern von einer synchronen Betrachtung aus, fragt aber gleichzeitig, wie Veränderungen zustande kommen (vergl. Rüsen 1978).

Kulturgeschichte wurde damals aber auch als allgemeine Geschichte verstanden, die die Faktoren gesellschaftlichen Wandels untersuchen sollte. 
 
Eberhardt Gothein
(via WikimediaCommons)
 
Diese Position vertrat der Historiker und Nationalökonom Eberhard Gothein (1853-1923), für den die Ideen hierbei die zentrale Rolle spielten. Auch er sah sich einer grundsätzlichen Ablehnung des Konzeptes der Kulturgeschichte gegenüber. Der Historiker Kurt Breysig (1866-1940) verstand unter Kulturgeschichte eine Universalgeschichte, deren Hauptinteresse historischen Entwicklungen gilt, die er indes nicht linear oder fortschrittsgerichtet verstanden hat, für die er aber sehr wohl gesetzförmige Wandlungsprozesse postulierte – wobei er in der ‚Rasse’ einen wichtigen Faktor sah. Wesentlich schien ihm das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Breysig rezipierte intensiv die damalige amerikanische Ethnologie.

Karl Theodor von Inama-Sternegg
(via WikiSource)
 
Die "deutsche Wirtschaftsgeschichte" von Karl Theodor von Inama-Sternegg (1843-1908), erschienen seit 1879, postulierte „allgemeine Entwicklungsgesetze der Völker“ und sah eine nationale Perspektive nur als Vorstufe zu einer Geschichte der Wirtschaft des Menschengeschlechtes (Inama-Sternegg 1909, VI). Wirtschaft wird hier als Grundlage des kulturellen Lebens begriffen. Inama-Sternegg zog archäologische Fundobjekte als wichtige Quellen für seine Wirtschaftsgeschichte heran.

Karl Lamprecht hatte mit seiner Deutschen Geschichte ein Werk vorgelegt, das sich thematisch wesentlich auf Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bezog. Bei traditionellen Historikern stieß das Werk auf Ablehnung, da es das Soziale und Wirtschaftliche als die entscheidenden Entwicklungsfaktoren ansah. Lamprecht postulierte unterschiedliche, vor allem aber sozialpsychologische Kausalzusammenhänge in der Geschichte (Daniel 2001, 214f.; Osterhammel 2011, 163). Bei lamprecht, wie aber beispielsweise auch bei Breysig ergänzten sich mit der Landes- und der Universalgeschichte zwei unterschiedliche räumliche Skalenebenen.

Im sogenannten Lamprecht-Streit verhärteten die Fronten zwischen Historismus und Kultur- und Wirtschaftsgeschichte so sehr, dass historistische Positionen für die klassische Geschichtswissenschaft für lange Zeit festgeschrieben wurden. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte wurde fortan vor allem in der Landesgeschichte, der Nationalökonomie, der Volkskunde, der historischen Geographie sowie außeruniversitär von Privatgelehrten und Museen betrieben.

Insgesamt lässt sich um 1900 eine große Bandbreite unterschiedlicher Kulturbegriffe feststellen. Neben die Vorstellung von Kultur als Bildung tritt in der Kulturgeschichte ein allgemeiner Kulturbegriff, wie ihn etwa Karl Lamprecht nutzte. Teilweise ist allerdings auch ein starker Bezug auf materielle Kultur zu erkennen, etwa in den Büchern deutscher Hausaltertümer von Moritz Heyne (Heyne 1899).
In der deutschen Geographie und Ethnologie vertrat die Anthropogeographie von Friedrich Ratzel oder die Kulturkreislehre von Leo Frobenius einen eher statischen Kulturbegriff, der Kulturen als Äußerung historisch relevanter Gemeinschaften begriff.

Der "Methodenstreit"

In den 1890er Jahren gerieten die Kulturgeschichte und die traditionelle, historistsische Geschichtswissenschaft heftig aneinander. Im sogenannten Methodenstreit der Geschichtswissenschaft ging es  nicht einfach um Methoden, sondern viel grundsätzlicher um das gängige Geschichtsbild. Zwei Positionen standen sich hier unversöhnlich gegenüber.

Auf der einen Seite stand die Position des Historismus, die von den meisten Historikern  vertreten wurde, allen voran sind hier beispielsweise Georg von Below, Hans Delbrück, Friedrich Meinecke, oder  Gustav von Schmoller zu nennen. Im Mittelpunkt der Geschichte stand hier der machtvolle Staat und die Politik sowie ein starkes Interesse an der Individualität historischen Geschehens. Treibende Kraft der Geschichte sind Personen (v.a. Militärs und Politiker), Institutionen und Nationen. Eine zentrale Überzeugung dabei war, dass man eine Periode aus sich heraus, individuell zu verstehen habe.

Karl Lamprecht
(Foto: N. Perscheid [PD]
via WikimediaCommons)
Auf der anderen Seite stand eben die Kulturgeschichte, wobei in dem Methodenstreit Karl Lamprecht (1856-1915), seit 1890 Professor in Leipzig in vorderster Front stand. Seine Kulturgeschichte interessierte sich für die Bedeutung materieller Faktoren und sozialer Gruppen für die Geschichte. Dem Credo von Leopold von Ranke - dem Begründer einer modernen Geschichtswissenschaft - der Geschichte gehe es darum, zu zeigen, "wie es eigentlich gewesen" ist, stellte Lamprecht gegenüber, Geschichte solle zeigen, "wie es geworden" ist.  Lamprecht versuchte einerseits vergleichend, universalgeschichtlich zu arbeiten, wurde andererseits aber auch bedeutend für die Entwicklung der Perspektive der Regional- oder Landesgeschichte.

Lamprecht, geboren 1856 in Jessen im heutigen Sachsen-Anhalt studierte ab 1874 Geschichte an den Universitäten Leipzig, Göttingen und München. Er promovierte 1878 in Leipzig. Seine Dissertation waren "Beiträge zur Geschichte des französischen Wirthschaftslebens im elften Jahrhundert" (online), die inhaltlich eine detaillierte Darstellung der Landwirtschaft enthielt. Sein 1885/6 erschienenes "Deutsches Wirtschaftsleben" (online) verwies im Untertitel explizit auf die "Entwicklung der materiellen Kultur". Grundlage war eine detaillierte, quellenbasierte Untersuchung des Moseltals. Danach wurde er im Rheinland als Lehrer tätig. Dabei erhielt er Gelegenheit an der Universität Bonn wirtschaftsgeschichtlichen Themen weiter nachzugehen.1890 wurde Lamprecht nach Leipzig berufen, wo er in derr Lehre Themen von der Vorgeschichte bis in die Zeitgeschichte vermittelte.


Zwar hatte Lampecht schon zu Beginn seiner Karriere eine kritische Distanz zu etablierten historiographischen Ansätzen, als er etwa 1876 noch als Student eine Kritik von Droysens Historik schrieb. Entzündet hat sich der "Lamprecht-Streit" jedoch an dessen Deutscher Geschichte, erschienen 1891-1909. Die Rezensionen waren überwiegend schlecht. Einige Kritik galt dabei dem Handwerklichen, wo Lamprecht Fehler und Oberflächlichkeit vorgeworfen wurden, die bis zu einem gewissen Grad auch die Inhalte diskreditierten. Wie schon kurz skizziert ging die Auseinandersetzung aber tiefer und Karl Lamprecht war in diesem Methodenstreit nur der prominente Kopf.

Kritik kam von dem Historiker Georg von Below (1858-1927), aber auch dem Soziologen Max Weber (1864-1920). Below war ein extrem gut vernetzter, äußerst konservativer Historiker, der im autoritären Nationalstaat das Ziel der historischen Entwicklung sah. Zu seiner Zeit war er berühmt, aber langfristige Wirkungen seines Werkes sind eher subkutan zu spüren. Der Staat des Mittelalters und die Stadt des Mittelalters waren zwei seiner Spezialgebiete, die - so das Urteil der späteren Generationen - daran krankten, dass die dahinter stehende "Verfassungsgeschichte 'a la Below [...] sich durch ihren dogmatisch erstarrten Gegenwartsbezug und ihrren übertriebenen Hang zu juristischer Abstraktion selbst um eine erfolgversprechende Zukunft" gebracht hätte" (Cymorek 1998, 14).  Belows Kritik an Lamprecht ging paradigmatisch von einem Primat des States aus und war mit kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Ansätzen wenig kompatibel. Von Below schmähte zwar die Wirtschafts- und Sozialgeschichte, war aber dennoch selbst seit 1903 Herausgeber der Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, was einen "fortgesetzten Balance-Akt" erforderte.  Auch mit Max Weber  bestanden grundsätzliche Differenzen, doch kam es hier nicht zum offenen Streit. Weber gehörte indes mit dem Vorwurf des Dilletantismus ebenfalls zu Lamprechts Kritikern.

Lamprecht griff unter anderem auch auf Ansätze der "Völkerpsychologie" zurück, die sein Kollege an der Universität Leipzig, Wilhelm Wundt entwickelt hatte. Wundt interessierte sich für die Entwicklung des Denkens, der Sprache, der künstlerischen Phantasie, des Mythos, der Religion, der Sitten sowie des Verhältnisses des Einzelnen zur Gemeinschaft, die geistige Umgebung. Ziel war es nicht, eine  spezifische nationale Volkspsyche zu rekonstruieren, sondern die Entwicklung von Kultur zu verstehen. Lamprecht führte dies zu einer Definition der Geschichtswissenschaft als einer "an erster Stelle sozialpsychologischen Wissenschaft" (zitiert nach Daniel 2011, 214).

Durch die Isolation und die Verweigerung einer grundsätzlichen Diskussion gerät die Kulturgeschichte lange Zeit auf ein Nebengleis. Die hauptsächlichen Akteure sind Privatgelehrte (wie z.B: Jacob Burkhardt oder Egon Friedell) oder Vertreter anderer nicht-historischer Disziplinen. Nur in Leipzig gelingt eine Institutionalisierung,  denn hier kommt es 1906 zur Gründung des Seminars für Landesgeschichte und Siedlungskunde, das zur ersten Verankerung der Landesgeschichte führt, die methodisch sehr viel offener war, als der 'klassische Kern' der Geschichtswissenschaften. Besetzt wurde dieses neue Seminar mit Rudolf Kötzschke (1867-1949), der mit seinem Interesse für Wirtschafts-, Siedlungs- und Agrargeschichte auch enge Kontakte zur historischen Geographie ermöglichte.

Lamprecht und die Archäologie

Blicken wir abschließend noch einmal auf Lamprecht und gehen der Frage nach, inwiefern er persönlich eine Rolle für das Konzept einer Kulturgeschichte in der Archäologie gespielt haben könnte.

Felix Hettner
(via Wikipedia)
Lamprecht wurde 1881 Mitbegründer der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde und Herausgeber der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst. Deren Korrespondenzblatt ist letztlich ein Vorläufer der heute von der RGK herausgegebenen Germania. Lamprecht hat dabei eng mit Felix Hettner (1851-1902), dem Direktor des Rheinischen Landesmuseums in Trier zusammen gearbeitet. 

In Leipzig arbeitte Lamprecht mit dem Geographen Friedrich Ratzel (1844-1904), dessen Anthropogeographie den Kulturbegriff der deutschen Archäologie stark prägte (Kossack 1999, 32. 38).

In der Archäologie wurde der Lamprecht-Streit offenbar nicht rezipiert, obgleich die archäologische Forschung mit ihrer Betonung der Kulturgeschichte einerseits und dem hohen Stellenwert der ethnischen Interpretation und der Ereignisgeschichte andererseits theoretisch mitten auf der Konfliktlinie zwischen Historismus und Kulturgeschichte stand.


Kulturgeschichte in der Archäologie

Bis heute ist die Kulturgeschichte ein wichtiger Bezugspunkt für die Archäologie, wie schon die Titel einiger wichtiger Publikationsreihen, gerade aus der Archäologie des Mittelalters verraten, so z.B. die Lübecker Schriften zu Archäologie und Kulturgeschichte oder die Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters.

Im folgenden soll exemplarisch gezeigt werden, wo sich für die Archäologie im langen 19. Jahrhundert Anknüpfungspunkte an die Kulturgeschichte ergaben. Das ist hier freilich  nur sehr kursorisch möglich, da mangels damals schon wenig ausgeprägter theoretischer Diskussion meist keine klaren Querbezüge zitiert werden und wir hier auf eine genauere Analyse der persönlichen Netzwerke der beteiligten Personen angewiesen sind, die ich hier nicht bieten kann.

Das Germanische Nationalmuseum

Die kulturgeschichtliche Ausrichtung der damaligen Altertumsforschung wird vor allem am Profil des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg deutlich. Seine Gründung erfolgte 1852 parallel zum Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, wobei das eine das deutsche, christliche Mittelalter, das andere die heidnische Vorzeit in den Mittelpunkt stellte. In der Praxis gab es einige Überschneidungen und so kam im 19. Jahrhundert immer wieder die Idee auf, beide Institutionen zusammen zu führen.
 
Im Hinblick auf ein eine Archäologie des Mittelalters kommt dem GNM natürlich die größere Bedeutung zu, denn hier fanden von Anbeginn das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit Berücksichtigung. Auch archäologische Funde des Mittelalters wurden hier gesammelt. Beispielsweise gelangten auch Funde aus den Grabungen auf Burg Tannenberg - der ersten wissenschaftlichen Grabung einer Mittelalterarchäologie - nach Nürnberg. Auch Keramikfunde und Fußbodenfliesen fanden ihren Weg ins GNM, noch ehe die Archäologie des Mittelalters wirklich profiliert war.

Im Kontext der Gründung von GNM und RGZM war 1852 zwar von einer 'mittelalterlichen Archäologie' die Rede, gemeint war jedoch eine weiter gefasste Altertumskunde der christlichen Periode.


Mittelalterliche Archäologie 1852

Im September 1852 versammelten sich in Mainz Vertreter der Geschichts- und Altertumsvereine Deutschlands. Sie organisierten sich in mehrere Sektionen, wobei die erste  der "römisch-germanisch-keltisch-slawischen (kurz: heidnischen) Zeit", die zweite "der Kunst des Mittelalters" und die dritte der "Geschichte und deren Hilfswissenschaften" gewidmet waren. Bemerkenswerterweise wurde aus der Sektion 1 heraus ein Handbuch der mittelalterlichen Archäologie angeregt, das ein sehr weitgefasstes, kulturgeschichtliches Programm umfassen sollte. Architektur, Baugeschichte und Mediävistik standen hier gleichwertig nebeneinander. Wenn hier auch bereits ein Interesse für den Alltag im Mittelalter angelegt war, so standen aber letztlich doch Bürger und Adel wie auch Klöster im Mittelpunkt. Ausgrabungen und Detailbeoachtungen spielten noch keine Rolle. Der Begriff der Archäologie wurde hier im Sinne von "Altertumskunde" benutzt, der nicht auf Ausgrabungen und materielle Kultur beschränkt blieb.

mittelalterliche Archäologie 1852



Hausaltertümer

Moriz Heyne
(via WikimediaCommons)
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgten viele Arbeiten einem solchen umfassenden kulturgeschichtlichen Ansatz, trotz einer Verwurzelung in ganz unterschiedlichen Disziplinen. Das gilt beispielsweise für die "Fünf Bücher deutscher Hausaltertümer von den ältesten geschichtlichen Zeiten bis zum 16. Jahrhundert" des Hallenser Germanisten Moriz Heyne (1837-1906). Von dem auf fünf Bände angelegten Werk sind leider nur drei erschienen:
Weiter vorgesehen waren Bände zu Handel und Gewerbe sowie zum gesellschaftlichen Leben. Heyne lenkte hier den Blick auf die Sachkultur, war er doch während seiner Zeit als Professor in Basel (1869-1883) am Aufbau des Historischen Museums ebenso beteiligt, wie in seiner folgenden Göttinger Zeit (1883-1906) Gründer des dortigen Städtischen Museums. Heyne zog in sein Werk auch archäologische Funde mit ein - und ebenso Befunde.


Vorgeschichtliche Vorratsgruben (?),
von Heyne als 'altgermanische' Brenngruben interpretiert
(aus Heyne 1899)

Für die Sachkulturforschung der Archäologie des Mittelalters gilt Heyne als traditionsstiftend. So berief sich Sabine Felgenhauer-Schmiedt explizit auf ihn (Felgenhauer-Schmiedt 1995).

Die Chronologie-Diskussion

Ganz überwiegend war die archäologische Forschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Klärung chronologischer Fragen beschäftigt. Zunächst hatte man noch wenig Vorstellungen von den zeitlichen Dimensionen, denn eine lange vorgeschichtliche Zeit konnte man sich gar nicht vorstellen. Als man sich 1852 in Mainz traf, war die heidnische Zeit ganz klar mit den Begriffen der Römer, Germanen, Kelten udn Slawen verknüpft, eine Zeit davor konnte man sich kaum vorstellen.
Stellte das Dreiperiodensystem - die Einteilung in Stein-, Bronze- und Eisenzeit - nach heutiger Sicht einen Durchbruch dar, so war das doch lange nicht so eindeutig. 1836 hatte
Christian Jürgensen Thomsen
(via WikimediaCommons)
Christian Jürgensen Thomsen (1788-1863) die Grundzüge des Dreiperiodensystems anhand der großen Materialbasis des dänischen Nationalmuseums publiziert.  Thomsen verwies darauf, wie wichtig es sei, "die angewandten Formen und Zierrathen zu untersuchen, um durch Vergleichung und durch Bemerkung, welche Arten in Verbindung gefunden werden, dahinter zu kommen, in welcher Ordnung hiermit Veränderungen vorgegangen sind, und was man, schon den Zierrathen nach, zu einem gewissen Zeitraume wird hinzuführen können (Thomsen 1837, 62).

Zwar stritt man sich schon bald um die Ehre, wer das System entdeckt hätte, aber Skepsis gegenüber dem System blieb bestehen, weil es eben auch immer wieder Funde gab, in denen Eisen und Bronze kombiniert vorkam. Einer der wichtigsten Kritiker war Ludwig Lindenschmit (1809-1893), der Gründer des RGZM, der nach anfänglicher Zustimmung bis zu seinem Tod das System zurück wies. Schon Thomsen erwog bei der Vorstellung des Dreiperiodensystems Faktoren der Ausbreitung von materieller Kultur durch Handel oder Migration. Genau hier setzte auch Ludwig Lindenschmits Kritik an, der sehr viel mehr mit Importen aus dem Süden rechnete und so die Bronzegegenstände im Norden erklären wollte.  Erst die folgende Generation, zu der etwa der Schwede Oskar Montelius (1843-1921) oder der spätere bayerische Landesarchäologe Paul Reinecke (1872-1958) zu zählen sind, konnten mit ihren feineren chronologischen Einteilungen die generelle Richtigkeit der Grobgliederung erweisen. Aber bis zur Methodenrevolution der 14C-Datierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterschätzte man die Dauer der vorgeschichtlichen Periode.


Das Konzept der Altertumskunde

Die Chronologiediskussion darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Kern um kulturgeschichtliche Fragen ging. Gerade Thomsens Koppenhagener Museumsführer von 1836, der im Jahr darauf auch auf deutsch erschien, lässt ein breites wissenschaftliches Programm erkennen, für das eine epochenübergreifende Perspektive charakteristisch war.


Gezielt sammelte man auch Funde, die als Vergleiche bzw. Analogien zu den archäologischen Funden der Vorzeit dienen konnten. Thomsen unterschied "A. Merkwürdigkeiten, welche jünger als das Mittelalters sind" und "B. Sachen von Ländern außerhalb des Nordens". Nachmittelalterliche Funde sollten dann Berücksichtigung finden, wenn sie "in der alten Form ausgearbeitet sind" oder "merckwürdigen Personen zugehört haben, oder von ihnen gebraucht worden sind. (Thomsen 1937, 68). Die Vergleichsfunde umfassen Funde der klassischen Archäologie aus Italien und Griechenland, aber auch ethnologische Objekte wie etwa "ältere Sachen aus Stein und Knochen von den Eskimos in Grönland" (ebd. 69).
Das christliche Mittelalter selbst war ganz selbstverständlich Teil des Museums und der Altertumsforschung. Thomsen gibt beispielsweise eine erste Anleitung für die Erforschung alter Kirchen, die letztlich auch  Ausgrabungen (wenn auch nur der Gräber) empfiehlt (Thomsen 1837, 72f). Er schreibt dazu: "Dieser Theil der Alterthumswissenschaft ist bei uns noch nicht sehr bearbeitet, aber verdient Aufmerksamkeit als ein wichtiger Beitrag zur Cultur- und Kunstgeschichte" (ebd. 72).

Obgleich der Leitfaden mit einer Feststellung von "Umfang und Wichtigkeit der anltnordischen Literatur" beginnt   (ebd. 1), geht es im folgenden größtenteils um materielle Kultur - nicht nur um Fundobjekte, sondern auch um Geländedenkmäler wie z.B. Grabhügel oder Befestigungsanlagen sowie um Kirchenarchitektur.
Thomsen verfolgt eine Langfristperspektive, sieht keinerlei Probleme mit interkulturellen Vergleichen und Analogie. In der Interpretation kommt er trotzdem immer wieder auf die schriftlichen Quellen zurück, von denen er ein sehr idealisiertes Bild hatte:


(Thomsen 1837, 11)


Thomsens Geschichtsbild ähnelt sehr dem, was 1852 in Mainz und auch bei Ludwig Lindenschmit (der übrigens mit Thomsen rege korrespondierte: Street-Jensen u. a. 1985) zu fassen ist.
Ludwig Lindenschmit
Diese Verortung der Altertumskunde in der Kulturgeschichte findet sich auch in Lindenschmits Publikationen wie den "Alterthümern unserer heidnischen Vorzeit" (Lindenschmit 1858) sowie  dem 1880 erschienen "Handbuch der deutschen Altertumskunde" (Lindenschmit 1880-98). Von einer umfassenden Reihe ist nur der erste Band erschienen, der die Alterthümer der merowingischen Zeit behandelte.
Er wurde als erstes Nachschlagewerk einer Archäologie der Merowingerzeit auf lange Zeit zu einem Grundlagenwerk, doch war Lindenschmit eine genauere Chronologie noch nicht möglich. In verschiedenen Aufsätzen behandelte Lindenschmit Themen wie etwa die Ausrüstung des römischen Militärs.

In einem eher programmatischen Aufsatz von 1866 formulierte Lindenschmit:

"Indem sie von den Verhältnissen der ältesten historischen Zeit, als der einzig sicheren Grundlage, ausgehend, ihren Pfad in die dunkleren Räume der Vorzeit, Schritt für Schritt zu sichern strebt, ist sie bedacht, vor Allem die Belege einer naturgemässen Verbindung des zeitlich Näheren mit dem Weiterzurückliegenden, des Gereifteren und Vorgeschrittenen mit dem Unentwickelten zu finden, kurz, die Stellung der vorhistorischen Bildungszustände mit jenen der geschichtlichen Zeit in ein folgerechtes und begreifliches Verhältnis zu bringen."  (Lindenschmit 1866, 44)

Konsequent wurde die kulturgeschichtliche Konzeption am RGZM unter dem Ersten Direktor Karl Schumacher umgesetzt. 1910 wurde die neue Ausstellung eröffnet, die in der Einschätzung von Kurt Böhner "wohl die erste Ausstellung [war], in der die Altertümer nicht nur unter chronologischen und typologischen Gesichtspunkten, sondern in kulturgeschichtlichen Zusammenhängen — wie z.B. Schiffbau, Hausbau, Religion, Musik — gezeigt wurden, und [...] in dieser Hinsicht eine große Wirkung auf die künftigen Ausstellungen deutscher Altertumsmuseen ausgeübt" (Böhner 1970, IX).

Prinzipiell umfasste die Altertumskunde auch das Mittelalter. In Mainz kam dies wegen der Arbeitsteilung mit dem GNM in Nürnberg nicht zum Tragen (wobei sich das GNM bald darüber hinweg setzte und selbst auch vorgeschichtliche Funde sammelte). Aber auch Lindenschmit war - noch vor seinen Ausgrabungen in Selzen und vor der Gründung des RGZM - mittelalterarchäologisch engagiert. Vor Selzen grub er 1844 im ehemaligen Mainzer Kloster St. Alban, wo römische Inschriften, spätantike Sarkophage aber auch Reste des Kreuzgangs zum Vorschein gekommen waren (Lindenschmit 1851). In den 1920er Jahren aber wurde auch am RGZM selbstverständlich eine Mittelalterarchäologie betrieben, die sich mit Burgen, Klöstern und Kirchen, aber auch Siedlungslandschaften auseinander setzte (s. Archaeologik, 15.6.2020).


Völkerpsychologie

Selbst der heute kaum noch zeitgemäße Ansatz der Völkerpsychologie traf das Interesse der Archäologie. Lamprechts Leipziger Kollege Wilhelm Wundt etwa war 1934 für R.R. Schmidt eine wichtige Inspiration für eine "Untersuchung über das seelisch-geistige Werden" bei paläolithischen Gruppen. Hier zeigt sich mit Begriffen wie "Volksseele" und "Artgedächtnis" eine weit verbreitete Überhöhung 'völkischer' Kategorien (Schmid 1934). Schmid kommt ohne Verweis auf Sigmund Freud aus, zitiert aber den NS-Ideologen Alfred Rosenberg.
Kulturgeschichte ohne die Vorstellung eines starken Nationalstaats als oberste Priorität war eben auch nicht gefeit gegen die Anbiederung an die NS-Ideologie.Im Methodenstreit wurde Lamprecht auch angegriffen, weil man ihn links wähnte.



Fazit

Aus heutiger - und insbesondere archäologischer - Sicht waren einige der Ansätze und Perspektiven Lamprechts wegweisend, wenn es ihm selbst auch an einer methodische Sicherheit noch mangelte und  man manche seiner Interpretationen äußerst kritisch sehen muss. Bei aller methodischer Differenz mit den Vertretern des Historismus, so waren viele Hintergrundkonzeptionen doch gemeinsam. Auch bei Lamprecht ist eine problematische Bedeutung von Nation und Volksgeist festzustellen, die in den 1920er und 30er/ frühen 40er Jahren ebenso zu einer engen Nachbarschaft und legitimierenden Affinität der Kultur- und Landesgeschichte zur NS-Politik führten.

Die Kulturgeschichte bot der Archäologie damals einige Anknüpfungspunkte, die teilweise auch langfristige Wirkung entfaltet haben, wie die eben exemplarisch angesprochenen Punkte. Auch sonst ergeben sich viele Anknüpfungspunkte:
  • Berücksichtigung der materiellen Kultur
  • langfristige Perpektive
  • große Bedeutung der Wirtschaftsgeschichte 
  • verschiedene Skalenebenen der Betrachtung
Die klassische Kulturgeschichte hatte auch Berührungspunkt mit der Anthropogeographie und der Kulturkreislehre, die aich für die Archäologie interessant waren. Vieles hat die Archäologie aufgegriffen, umgesetzt und auch weiter entwickelt. Da theoretische Reflektionen in der deutschen Archäologie aber weitgehend fehlten - übrigens nicht erst als Folge der Verwicklungen in die NS-Archäologie - konnte daraus kein klares fachliches Selbstverständnis entstehen. Zwischen den Zeilen sind meist eher Haltungen des Historismus auszumachen, obwohl diese wissenschaftlich weit weniger attraktiv waren als die der Kulturgeschichte. Der Ausgang des Methodenstreits, nämlich ein vordergründiger Sieg des Historismus und eine fachliche Isolation der Kulturgeschichte, ließ es wohl vielen Archäologen günstiger erscheinen, sich nicht damit zu identifizieren - was indes anhand der Biographien und Netzwerke der Forschergeneration nach 1900 zu untersuchen wäre.



Die moderne Kulturgeschichte steht in einem zwiespältigen Verhältnis zu ihren früheren Traditionen, sieht darin Fluch und Segen (Landwehr 2009, 6). Denn in vielem, selbst in ihrer grundlegenden Definition hat sich Kulturgeschichte gewandelt. Sie bestimmt sich nicht mehr über die Auseinandersetzung mit dem Lebensbereich ‚Kultur’, da sie Kultur als Prozess der Sinnproduktion versteht. Das Entscheidende für die Kulturgeschichichte ist heute die Perspektive des Beobachters, der nach Sinnmustern und Bedeutungskontexten fragt, mit denen die Menschen der Vergangenheit ihre Lebenswelt strukturiert haben (Landwehr 2009). Kulturgeschichte ist daher heute sehr eng mit der Geschichte der Mentalitäten verbunden.

Heute empfiehlt sich der Archäologie methodische - und für die historische Archäologie bis zu einem gewissen Grade auch inhaltlich - eine Orientierung an den historischen Kulturwissenschaften, die sich gerade durch eine Verknüpfung von Kultur- und Sozialanalyse, die kritische Reflexion der eigenen Rolle im Erkenntnisprozess und eine nachdrückliche Relativierung jeglicher kulturellen Werteskala auszeichnen - letzteres übrigens eine Idee, die den Historismus auszeichnete, eher er sich wie im Methodenstreit konservativ-staatstragend gebärdete.


Literatur

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    K. Schumacher, Siedlungs- und Kulturgeschichte der Rheinlande von der Urzeit bis ins Mittelalter. Die merowingische und karolingische Zeit. Handb. RGZM 1/3 (Mainz 1925).
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    J. Street-Jensen/C. J. Thomsen/L. Lindenschmit, Christian Jürgensen Thomsen und Ludwig Lindenschmit, eine Gelehrtenkorrespondenz aus der Frühzeit der Altertumskunde (1853 - 1864). Beiträge zur Forschungsgeschichte. Monogr. RGZM 6 (Bonn 1985).
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    C.J. Thomsen, Leitfaden zur nordischen Alterthumskunde (Kopenhagen 1837). - https://books.google.de/books?id=mIxBAAAAYAAJ&hl=de&pg=PP12#v=onepage&q&f=false

Links



PS

Der Blogpost ist als Teil meiner Vorlesung "Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit - eine Forschungsgeschichte von ihren Anfängen bis heute" im Corona-Sommersemester 2020 an der Universität Bamberg entstanden. In Teilen konnte er auf meine Habilitationsschrift "Neue Perspektiven des Geschichtsverständnisses in der historischen Archäologie. Reflektionen und Fallstudien zur Umwelt- und Sozialarchäologie als historischer Kulturwissenschaft" (Tübingen 2014) zurückgreifen.