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Montag, 10. September 2018

Die Burg Henneberg in Südthüringen

Rezension von Fabian Schwandt

Ines Spazier
mit Beiträgen von Kevin Bartel, Hans-Volker Karl, Oliver Mecking, Volker Morgenroth, Johannes Mötsch, Ralf-Jürgen Prilloff, Benjamin Rudolph, Tim Schüler, Corina Seidl, Wolf-Rüdiger Teegen, Gisela Wolf, Günther Wölfing

Die Burg Henneberg in Südthüringen.
Stammburg der Henneberger Grafen



(Langenweissbach: Verlag Beier & Beran 2017)

ISBN 978-3-95741-057-3

2 Bände, insg. 568 S., 238 Farbabb., 116 Tafeln und 3 Beilagen
89,00 €

Wie der Herausgeber Sven Ostritz, Landesarchäologe von Thüringen und Präsident des Thüringischen Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie in seinem Vorwort ausführt, handelt es sich bei der Burgruine Henneberg um ein „vergessenes“ Denkmal. Die Lage an der ehemaligen innerdeutschen Grenze sorgte dafür, das die Anlage jahrzehntelang keinerlei wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhielt und verfiel. Nach der Wiedervereinigung wurden dann in rascher Folge denkmalpflegerische Maßnahmen und eine Grabungskampagne durchgeführt, deren Publikation aber nicht über Vorberichte hinaus kam. Um so schöner ist es, das Ines Spazier, Mitarbeiterin am Landesamt, die Burg nun mit der Unterstützung vieler Mitautoren aus ihrem Schlaf geweckt hat und mit diesem Werk eine umfassende Aufarbeitung der archäologischen Ausgrabungen und der Geschichte vorlegt.
Die Burg Henneberg ist der Stammsitz des gleichnamigen Grafengeschlechts, welches von seiner ersten Erwähnung im 11. Jahrhundert bis zum seinem Aussterben im 16. Jahrhundert zeitweise das bedeutendste Adelsgeschlecht im südthüringischen und fränkischen Raum war. An gleicher Stelle befand sich auch schon einmal eine eisenzeitliche Höhensiedlung. Von der mittelalterlichen Burganlage sind heute noch der Bergfried, ein Rundturm, der Großteil der Ringmauer und einige kleinere Mauerreste erhalten. 1992-1995 (unter Mitarbeit des Lehrstuhl für Prähistorische Archäologie der Martin-Luther-Universität Halle-Witten und des Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg) und 2001-2002 wurden jeweils Grabungen durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie durchgeführt.
Bergfried der Burg Henneberg, Ansicht von Westen.
(Foto: Dietrich Krieger [ CC-BY-SA-3.0]
via WikimediaCommons)
Im ersten Band wird nach einigen Vorworten die Geologie des Henneberger Raumes, die Topografie der Burg und die Forschungsgeschichte der bisherigen Untersuchungen auf der Henneberger Burg erläutert. Sodann wird chronologisch erst auf die Befunde, dann die Funde der hallstattzeitlichen Besiedlungsphase eingegangen. Durch die starke Überprägung in mittelalterlicher Zeit werden hier allerdings keine weitergehenden Betrachtungen angestellt, obgleich das Fundmaterial zum Beispiel eine gedrechselte Bernsteinperle enthält, zu der sich in dieser Form fast keine Vergleichsfunde herausstellen lassen (S. 71f.).

Rundturm mit Teilen der Außenmauer, von Osten gesehen.
(Foto: Detlef Mewes [PublicDomain]
via WikimediaCommons)
Nach einer kurzen Betrachtung der mittelalterlichen politischen Umgebung der Burg Henneberg und der umgebenden Burgen, Klöster, Pfalzen und frühmittelalterlichen Siedlungen, widmet sich die Autorin im Hauptteil den hoch- und spätmittelalterlichen Befunden und Funden. Hier zeigt sich auch die Sorgfalt, mit der die Grabungen durchgeführt wurden: so wurde im Innenraum des Rundturmes eine organische Schicht festgestellt, bei der es sich tatsächlich um erhaltenen Stalldung handelt (S. 107). Danach folgen Ausführungen zur Baugeschichte und ein historischer Abriss über die Besitzer und ihre Vögte und ein kurzer Abschnitt über die auf der Burg befindliche Katharinenkapelle und die dazu erhaltenen schriftlichen Quellen. In diesem Teil hätte man auf einige Quellenauszüge verzichten können, die von einem Autoren übernommen wurden, der aber selbst keine Quellenangaben für diese Auszüge angegeben hat. Da diese Auszüge nur kurz und ohne wesentliche Informationen sind und ihr Inhalt auch nicht geprüft werden kann, wäre ihr Weglassen an dieser Stelle nicht tragisch gewesen (S. 216f).

Als letztes folgt noch ein kurzer, vergleichender Abschnitt, der die archäologischen und historischen Quellen zusammenführt. So konnte ein schriftlich belegter Blitzeinschlag mit anschließendem Feuer im Jahre 1308 durch Brandrötung des Felsen zwischen Rundturm und Kapellenturm nachgewiesen werden, ebenso, das einer der beiden Türme infolge dessen eingestürzt sein muss (S. 221).

Im zweiten Teil des ersten Bandes werden die naturwissenschaftlichen Untersuchungen zusammengefasst, namentlich die Auswertungen der Tierknochen, der pflanzlichen Makroreste, die Analyse der verschiedenen Glasfunde und die geophysikalischen Prospektionen auf der Burg Henneberg.
Der zweite Band dient als Katalog. Es werden Befundbeschreibungen und -zeichnungen, Fundbeschreibungen und -zeichnungen sowie die die Tabellen zu den Tierknochenuntersuchungen aufgeführt, zusätzlich noch Pläne und verschiedene Zeichnungen und grafische Darstellungen der Burg beziehungsweise ihrer Ruine in der Vergangenheit. Bei den Zeichnungen der Keramik und bei besonderen Fundstücken wurden Fotografien daneben gestellt, was dem Betrachter zusätzliche Informationen gibt und einen besseren Vergleich gestattet.

Fazit

„Die Burg Henneberg in Südthüringen“ ist methodisch und in der Ausführung sehr gut gelungen und stellt wichtige Informationen und Aspekte dar, die bis jetzt so noch nicht veröffentlicht und einem breiten (Fach)publikum zur Verfügung gestanden haben. Da so viele Autoren an diesem Werk mitgearbeitet haben, ist es nur natürlich, dass der Sprachfluss manchmal etwas zerhackt wirkt und sich manche Fakten gerade in den Einleitungen wiederholen.
Insgesamt ist es eine vollständig wirkende und sehr hochwertig gedruckte Arbeit, die den aktuellen Stand und die Möglichkeiten der Archäologie wiedergibt. Darüber hinaus gehende Betrachtungen oder Auswertungen fehlen weitestgehend, worauf die Publikation, die sich als Grabungspublikation versteht, selbst aber auch keinerlei Anspruch erhebt. Die erhaltenen Quellen werden umfänglich dargestellt, ihren eigenen Zielsetzungen wird sie also absolut gerecht. Damit bietet der Band Wissenschaftlern, wie auch dem interessierten Publikum aus der Region wie auch der Burgen-Fans wichtige Ansatzpunkte für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Burgenbau der Region.

Literaturhinweise

  • P. Helmut-Eberhard, Burgen in Thüringen: Geschichte, Archäologie und Burgenforschung (Regensburg 2007).
  • R. Küchenmeister, Ausgrabungen auf der Burg „Henneburg“, Landkreis Schmalkalden-Meinigen, Ausgrabungen und Funde im Freistaat Thüringen 6, 2002, 35-43.
  • H. Schwarzberg, Die Ausgrabungen auf der Burg Henneberg. Vorbericht der Kampagnen 1992- 1995, 900 Jahre Henneberger Land 1096-1996. Jahrbuch der Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsverein 11, 1996, 163-168.

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Text
  • Vorwort des Herausgebers – S. 7
  • Vorwort der Autorin – S. 7
  • Archäologie – Bauforschung – Geschichte
  • Ines Spazier: Einleitung – S. 11
  • Volker Morgenroth: Zur Geologie im Henneberger Raum – S. 13
  • Ines Spazier: Lage und Beschreibung der Burgruine Henneberg – topografische und naturräumliche Angaben – S. 21
  • Ines Spazier: Forschungsgeschichte zu den Abbruch- und Sanierungsarbeiten sowie den archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen auf der Burgruine Henneberg – S. 25
  • Kevin Bartel: Die archäologischen Ausgrabungen auf der Burg Henneberg – die hallstattzeitliche Höhensiedlung – S. 41
  • Kevin Bartel: Das vorgeschichtliche Fundmaterial der Burg Henneberg – S. 49
  • Kevin Bartel: Die früheisenzeitliche Besiedlungsentwicklung im südlichen Thüringen – S. 77
  • Ines Spazier: Politische und siedlungsgeschichtliche Verhältnisse im Grabfeld im ausgehenden 8. -11. Jh. – historische Voraussetzungen zur Gründung der Burg Henneberg – S. 83
  • Ines Spazier: Die Archäologischen Ausgrabungen auf der Burg Henneberg – die mittelalterliche Burg der Henneberger Grafen – S. 93
  • Ines Spazier: Das mittelalterliche Fundmaterial der Burgruine Henneberg – S. 141
  • Benjamin Rudolph: Zur Baugeschichte der Burgruine Henneberg – S. 183
  • Johannes Mötsch: Die Burg Henneberg unter den Grafen von Henneberg – die Besitzer und ihre Burgmannen – S. 197
  • Günther Wölfing: Die Kapelle St. Katharina auf der Burg Henneberg in der schriftlichen Überlieferung – S. 211
  • Ines Spazier: Vergleichende Betrachtungen der archäologischen und bauhistorischen Ergebnisse mit den archivalischen Quellen – S. 219

Naturwissenschaftliche Untersuchungen
  • Hans- Volker Karl: Auswertung der Tierknochen vom Nordwestteil der Burganlage – S. 227
  • Ralf-Jürgen Prilloff: Auswertung der Tierknochen vom Südteil der Burganlage – S. 241
  • Wolf-Rüdiger Teegen & Ralf-Jürgen Prilloff: Spuren krankhafter Veränderungen an Tierknochen von der Burg Henneberg – S. 275
  • Gisela Wolf: Die pflanzlichen Makroreste der Burg Henneberg – S. 283
  • Oliver Mecking: Analyse der Glasfingerringe von der Burg Henneberg – S. 289
  • Corina Seidl: Einblick in das Glasinnere - naturwissenschaftliche Untersuchung von Flachglasscherben von der Burg Henneberg – S. 295
  • Tim Schüler. Geophysikalische Prospektionen auf der Burg Henneberg – S. 299
  • Ines Spazier: Zusammenfassung – S. 301
  • Literatur- und Quellenverzeichnis – S. 305
  • Abbildungsnachweis – S. 329
  • Autorenverzeichnis – S. 333

Teil 2: Kataloge, Tabellen, Tafeln, Beilagen
  • Ines Spazier; Kevin Bartel: Gesamtkatalog
    • Allgemeine Angaben – S. 7
  • Verzeichnis der hallstattzeitlichen und mittelalterlichen Baustrukturen – S. 9
    • Katalog der Ausgrabungen von 1992 bis 1995 – S. 10
    • Katalog der Ausgrabungen von 2001 bis 2002 – S. 47
  • Hans-Volker Karl: Anhang zu den Tierknochenuntersuchungen vom Nordwestteil der Burganlage
    • Katalog – S. 71
    • Tabellen – S. 119
    • Maß-Tabellen – S. 125
  • Hans-Volker Karl: Anhang zu den Tierknochenuntersuchungen vom Südteil der Burganlage
    • Katalog – S. 129
    • Tabellen – S. 155
    • Maß-Tabellen – S. 211
  • Tafeln – S. 235
    • Taf. 1-20 Pläne
    • Taf. 21-31 Profile
    • Taf. 32-101 Fundtafeln
    • Taf. 102-116 Historische Darstellungen
  • Beilagen






Fabian Schwandt ist Masterstudent der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg. Dort machte er auch seinen Bachelor in den Archäologischen Wissenschaften mit einer Arbeit über „Helme und Panzerung des frühen und hohen Mittelalters und ihr archäologischer Nachweis“.

Freitag, 7. Oktober 2016

Raubgräber auf der Hiltenburg

Hiltenburg bei Bad Ditzenbach, Luftbild Juli 2009
(Foto: R. Schreg [CC BY SA 4.0] auf WikimediaCommons)


 
Ausgehend von umfangreichen Sicherungsarbeiten war die Hiltenburg in den vergangenen Jahren  Schauplatz archäologischer Ausgrabungen durch die Kreisarchäologie Göppingen. Trotz der großen Zahl mittelalterlicher Burgen und trotz ihrer Bedeutung für das klischeebeladene Mittelalterbild gibt es nur erstaunlich wenige professionelle Ausgrabungen. Von den zahlreichen Burgen am Trauf und im Vorland der Schwäbischen Alb, darunter prominente Anlagen wie der Hohenstaufen oder der Hohenzollern liegen so gut wie keine Ausgrabungen vor. Die Grabungsfunde geben somit wichtieg Einblicke auf die Ausstattung einer Burg, das Leben dort, wie auch ihrer Entwicklung. Die archäologischen Untersuchungen haben daher eine Bedeutung, die über die Ortsgeschichte hinaus geht.
Um so ärgerlicher ist es, dass nun Sondengänger die Burganlage heimgesucht haben und an mindestens zwei bisher wohl noch unberührten Stellen ihre Löcher hinterlassen.  Was sie entwendet haben ist natürlich nicht bekannt, aber das Risiko, dass sie - gerade bei der Grabungsaktion im Keller Funde entwendet oder Fundschichten gestört haben, die Aufschluss über dessen Funktion und Baugeschichte hätten geben können, ist recht groß. Ein weiteres Raubgrabungsloch liegt im Hang der Burg. In solchen Bereichen liegen oft die Abfallhalden der Burg, oft aber auch Funde der früheren Bauphasen, die man bei Baumaßnahmen mit Dreck und Schutt einfach am Hang entsorgt hat, gegebenenfalls aber auch die Spuren von Kämpfen um die Burg. Selbst wenn größere Fundmengen vorliegen sollten (es ist nicht wahr, dass Funde, die es in großer Stückzahl gibt, für die Archäologie keinen relevanten Erkenntniswert haben - sie sind in ihrem Kontext und in statistischen Auswertungen vielmehr grundlegend): erst das Gesamtspektrum lässt weitergehende Aussagen über Datierungen oder Kampfhandlungen zu. Raubgräber reißen hier Löcher in unser Wissen.

Ich arbeite derzeit selbst an einem kleinen Aufsatz, in dem auch die Hiltenburg, insbesondere die vorgeschichtliche Besiedlung dort eine Rolle spielt. Mit den wenigen vorliegenden Funden ist jeder Hinweis auf die Datierungsspanne und die Tätigkeiten auf dieser Höhensiedlung von Bedeutung. Gut möglich, dass die Raubgräber einen Teil der Antwort haben mitgehen lassen oder gleich ganz zerstört haben.
Abgesehen davon: In Bad Ditzenbach wurden die Ausgrabungen und Sanierungsarbeiten mit öffentlichen Mitteln und durch das Engagement  eines Förderverein unterstützt. Die Raubgrabungen, insbesondere die im Keller, sind so auch eine Sachbeschädigung.
Gerade derzeit läuft (noch bis zum 16.10.2016) eine Ausstellung, die die Geschichte und Grabungsergebnisse im Hinblick auf die Zerstörung der Burg vor 500 Jahren präsentiert. Bei einer Anlage, die regional so im Bewusstsein steht, sind die Raubgrabungen eine vorsätzliche Tat, für die es keine Ausreden durch angebliches Geschichtsinteresse gibt. Für die Kollegen ist es gewiß keine Motivation, ihre Arbeit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wenn anschließend Raubgräber über die Denkmäler herfallen. Es wurde Anzeige erstattet.

Links


Literatur

  • R. Rademacher, Eine neu entdeckte Höhensiedlung der Urnenfelderzeit auf dem Schloßberg bei Bad Ditzenbach, Hohenstaufen/Helfenstein. Historisches Jahrbuch für den Kreis Göppingen 15, 2005, 207–2011
  • R. Rademacher, Archäologische Beobachtungen während der Sanierung der Ruine Hiltenburg bei Bad Ditzenbach, Kreis Göppingen, Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 2006, 258–261
  • R. Rademacher, "Ein schön, herrlich, gut Sloß" - Neues von der Ruine Hiltenburg bei Bad Ditzenbach, Kreis Göppingen, Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 2007, 230–233
  • R. Rademacher, Zum Fortgang der archäologischen Untersuchungen "in castro Hiltiburk" bei Bad Ditzenbach, Kreis Göppingen, Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 2008, 287–290
  • R. Rademacher, Ein "Freudenschuss" und seine Folgen : weitere Untersuchungen "Uff Hilttenpurk", Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 2009, 291–295
  • R. Rademacher, Zum vorläufigen Abschluss der Untersuchungen an der Hiltenburg: Bad Ditzenbach, Kreis Göppingen, Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 2010, 291–293
  • R. Rademacher – M. Weidenbacher, "Mit Seil und Haken …" - neue archäologische Beobachtungen zur Befestigung der Hiltenburg : Bad Ditzenbach, Kreis Göppingen, Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 2012, 323–326
  • R. Rademacher – M. Weidenbacher, "Alte Zistern uff Hilttenpurg" : spannende Entdeckungen auf dem Schlossberg bei Bad Ditzenbach, Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 2014, 351–354
  • R. Rademacher, Die Ausgrabungen 2009 bis 2012 auf dem Schlossberg bei Bad Ditzenbach, Hohenstaufen/Helfenstein. Historisches Jahrbuch für den Kreis Göppingen 18, 2014, 301–309
  • M. Weidenbacher, Weit mehr als 1000 Jahre Hiltenburg: zur Besiedlungsgeschichte des Schlossbergs bei Bad Ditzenbach, Hohenstaufen/Helfenstein. Historisches Jahrbuch für den Kreis Göppingen 18, 2014, 293–300

     

Dienstag, 7. Juni 2016

Einstürzende Burgen - Sanierungs- und Lobbybedarf

Jonny Schwabe


Wenn Burgen zerfallen

Rums!!! Und weg war er. Es muss laut gescheppert haben im Mai 2010 im Lenniger Tal als die Reste des Viereckturmes und Teile der Ostmauer der berühmten Burg Teck abrutschten (s. Wikipedia; Teckbote 5.12.2012; Ottersbach/Starzmann 2013, 171).
Schon in der Bronzezeit war der Sporn des Albtraufs bei Owen bewohnt. Auch in alemannischer Zeit und im Frühmittelalter siedelten Menschen auf der Teck. Ende des 11. Jh. wurde auf der Teck eine Burg errichtet, die 1152 in die Hand Kaiser Friedrich Barbarossas geriet. Aus dieser Zeit stammte auch der im Mai 2010 abgerutschte Teil der Burg Teck. Von der Stauferzeit an gehörte die Burg den „Herzögen von Teck“. Fortan waren die Burg und ihre Herren mit der deutschen und europäischen Geschichte eng verbunden. Der Adelstitel „Teck“ war bis 1918 im englischen Hochadel vertreten.
Die Burg selbst überlebte die Jahrhunderte jedoch nicht so unbeschadet. 1525 wurde die Burg durch die Bauernkriege fast vollständig zerstört. Und so geriet die Burg mehr oder weniger in einen Dornröschenschlaf, bis Ende des 19. Jh. der Schwäbische Albverein, der seit 1941 Eigentümer der Burg ist, die Burg "entdeckte" und sie mit einem Aussichtsturm und einer Mehrzweckhalle sowie einem Wanderheim ausbaute (Ottersbach/Starzmann 2013, 170f.; Schmitt 1991, 95-108).
Burg Teck von Westen
(Foto: Merkur-kun [CC BY SA 3.0] via Wikimedia Commons)
Die Schäden an der Ostmauer der Burg Teck, die 2010 durch einen Abrutsch des Viereckturmes entstanden, waren erheblich. So wurde eine bei Besuchern der Burg Teck beliebte Aussichtsplattform, die auf dem aus der Stauferzeit stammenden Stumpf des Burgturmes errichtet wurde, zerstört. Zudem rutschten auch große Teile des historischen Burgturmstumpfes mit ab. Einzelne Eckbuckelquader, die nach dem Abrutsch noch in der Mauer verblieben waren, wurden nachträglich zur Absturzsicherung abgetragen. Einziger positiver Effekt des Abrutsches war, dass nun zum einen das aufwendige Fundament des Turmes wissenschaftlich untersucht werden konnte, zum anderen festgestellt werden konnte, dass der Turm eine Zisterne (vermutlich aus der Stauferzeit) und nachträglich auch eine Treppe hatte. Ab 2013 wurde um den abgerutschten Turmstumpf ein Betonmantel gelegt. Zudem wurde die obere Abbruchkante (an der sich einst die Aussichtsplattform befand) durch eine Gabionen-Mauer geschützt (vgl. Teckbote 5.12.2012).  

Dem Verfall preisgegeben

Burg Loch, Südseite des Bergfrieds, 1990
(Foto: MacElch (Reiner Kunze) [CC BY SA 3.0]
via WikimediaCommons)
Im Fall der Burg Teck reagierten die verantwortlichen Behörden recht schnell. Das muss aber nicht immer der Fall sein. Das Beispiel der Höhlenburg „Burg Loch“ (wikipedia) zeigt, dass nicht jede Burg in Deutschland saniert oder restauriert wird (und werden kann). Die Burg Loch liegt unweit von Regensburg im Tal der Schwarzen Laber und ist nicht nur wegen ihrer besonders schönen Aussicht berühmt, sondern sie ist eine der ganz wenigen Höhlenburgen nördlich der Alpen und allein deswegen schon eine Besonderheit. Seit 1988 ist die Burg herrenlos und gehört somit dem Land Bayern. 1989/90 konnte die einsturzgefährdete Wehrmauer der Burg gesichert werden. Danach passierte lange Zeit nichts - außer, dass die Burg für jeglichen Besucherverkehr gesperrt wurde. Die Gefahr des Einsturzes war zu groß. Und so ließ man die Burg bis 2014 weiter verfallen. Seit September letzten Jahres hat nun das Landesamt für Denkmalpflege Bayern damit begonnen, große Teil der Burg zu sichern. Für die Sanierung kämpft schon seit 2008 der „Förderkreis Burgruine Loch e.V.“, der auch große Teile der Finanzierung der Notsicherung trägt. Eines steht aber auch fest: Ohne den jahrelangen Kampf des Förderkreises würde es bis heute keine Sicherungsmaßnahmen geben (vgl. Boos 1998, 429ff.; Schwaiger 2007; Burgen in Bayern).  

Kein Einzelfall?


Die Burgen „Teck“ und "Loch" sind jedoch kein Einzelfall. Viele Burgen und Schlösser in Deutschland sind nicht nur „in die Jahre“ gekommen, sondern vom massiven Verfall betroffen. Viele andere wurden dagegen durch private und staatliche Initiativen teilweise sehr aufwendig saniert und restauriert. Dabei wurde natürlich nicht nur sinnvoll restauriert, sondern man schoss dabei oft über das Ziel hinaus. Verfallene Ruinen wurden wieder aufgemauert oder gar ganz phantasievoll 'rekonstruiert'. Dabei wurde nicht nur falsch rekonstruiert, sondern oft auch die falschen Materialien verwendet (z.B. falsche Betonmischungen, falsches Holz, falsche Materialien bei der Zusammensetzung von Farben usw. - siehe Böhme/Dollen 1991, Bd. I, 177 – 81, mit weiterführender Literatur; Adler 1994; Fischer 2001).
Burgensanierung
(Foto: Adrian Michael [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons, beschnitten)


Um einen gewissen Standard in der Erforschung, Sanierung und Restaurierung von Burganlagen, aber auch anderen archäologischen Quellen des Mittelalters (etwa Siedlungen, Städte, Pfalzen usw.) zu gewährleisten, wurde in den 1980er Jahren die Mittelalterarchäologie nach den Vorbildern englischer und skandinavischer Hochschulen erstmals auch an deutschen Hochschulen institutionalisiert (erstmals 1981 an der Uni Bamberg). Dabei ging es aber zunächst nicht um die Erarbeitung von Standards in der Sanierung und Restaurierung von Burganlagen, sondern um die grundlegenden Methoden einer archäologischen Burgenforschung. Wegweisend waren die in den 1950er und 1960er Jahren an rheinischen Burgen durchgeführten Ausgrabungen (besonders die Ausgrabung von A. Herrnbodt an der Niederungsburg Husterknupp, vgl. Herrnbrodt 1958). Erstmals kamen dabei Methoden der Dendrochronologie, der 14C-Datierung sowie eines detaillierten Bauaufmaßes zum Einsatz. Spätestens seit den 1980er Jahren konnten sich auch in der Burgenforschung die wissenschaftlichen Standards der Archäologie und seiner Nachbardisziplinen wie der Archäozoologie, Archäobotanik, Bauforschung, Mediävistik und Kunstgeschichte etablieren. Damit lassen sich detaillierte Fakten über die Architektur von Burgen, Häusern, Pfalzen usw. gewinnen, die die Baugeschichte der Burganlagen klären, aber vor allem auch Informationen über die Lebensumstände gewinnen, die letztlich unser Bild vom Leben im Mittelalter konkretiseren (Böhme/Dollen 1991, Bd. I, S. 31f.).

Die Qualität der Erforschung und Sanierung von Burgen in Deutschland hängt entscheidend davon ab, dass kompetente Ausgräber, Bauforscher und Handwerker in die Sanierung eingebunden sind. Für die Erforschung von Burgen gibt es heute hohe Qualitätsstandards an die Dokumentation, die etwa exakte Aufnahmemethoden der Bauforschung durch händisches oder computergestütztes Aufmaß, fotografische und textliche Dokumentationen sowie „Raumbücher“ für intakte Gebäude umfasst.

Burg Hohenfreyberg
(Foto: Patrick Huebgen, PD)
Ein gutes Beispiel für eine gelungene Sanierung einer Burg stellt sicher die Burg Hohenfreyberg in Bayern (Ostallgäu) dar. So ging dort der Sanierung eine sorgfältige und sicherlich auch kostenintensive Dokumentation des Bestandes voraus. Während der Arbeiten an der Burganlage wurde jede Sanierungskampagne von Spezialisten begleitet und zugleich eine Schadenskartierung vorgenommen, anhand der man ein schlüssiges Sanierungskonzept erarbeiten konnte (siehe Burgen in Bayern; wikipedia; Böhme/ Dollen 1991, Bd. I, 37).

Madenburg
(Foto: Ramessos [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
Dass nicht immer, fast zwanghaft, alles rekonstruiert werden muss, sondern durchaus Burgen auch als Burgruinen stehen bleiben können (und nur der für den Besucherverkehr begehbare Teil so restauriert werden muss, dass er ein sicheres Betreten der Burg erlaubt) zeigt das Beispiel der Burg „Madenburg“ in Rheinland-Pfalz. Am Beispiel der Madenburg ist ein wohl heute in der Denkmalpflege wichtiger Grundsatz, nämlich „Konservieren vor Restaurieren“ deutlich sichtbar. So wurden nur partiell einige wenige Bereiche (etwa Teile des sog. Phillipsbaus und Eberhardsbaus) restauriert, große Teile der Burganlage jedoch lediglich konserviert. Einzig die sich in der Burg befindliche „Burgschenke“ wurde im 20 Jh. neu hinzugefügt (Wikipedia; Appel 2000; Keddigkeit 1999-2007, Bd 3, 494 – 514; Thon/ Reither/ Pohlit 2003, 101ff.).


Burg Trifels
(Foto: J. Schwabe)
Dennoch wurden vor allem zu Beginn des 20. Jh. viele Burgen in Deutschland falsch konserviert und rekonstruiert. Ein Beispiel dafür ist die Burg Trifels bei Annweiler im südlichen Rheinland-Pfalz. So wurde ab dem Beginn des 20. Jh. zwar zahlreiche Grabungen an der Burganlage vorgenommen, doch wurden die Grabungsergebnisse in die Rekonstruktion der Burg durch die Nationalsozialisten am Ende der 1930er Jahre nicht berücksichtigt und die Burg zu einer „nationalen Weihstätte“ ausgestaltet. Dabei wurde die Burgruine nach Vorbildern italienischer Burganlagen phantasievoll rekonstruiert (siehe ausführlich Keddigkeit 1999-2007, 4.2., 105–133; Thon/ Reither/ Pohlit 2003, 147, Fleischner 1999).

Was ist zu tun?


Letztlich stellt sich nun die Frage, können, ja sollen wir alle Kulturgüter in Deutschland schützen und bewahren? Die Antwort kann nur lauten: JA! Und zwar ohne Einschränkung. Wir sollten in Zukunft nicht darüber diskutieren, ob Kulturgüter in Deutschland geschützt werden sollten, sondern wie. Denn dann würden Kulturdenkmäler nicht einfach nur noch zum Objekt. Aber Kulturgüter sollten mehr sein als bloß eine Burg, ein Schloss oder eine alte Kirche. Und sie sind auch mehr. Sie erzählen uns Geschichten und zeigen uns, dass wir eine Vergangenheit haben und nicht einfach im luftleeren Raum leben. Sie geben uns Identität und das Wissen, das wir über uns selbst brauchen (vgl. Martin/ Krautzenberger 2013, 246ff.). Denkmäler sind, so sagt es zumindest der Duden 2013, „erhaltene (Kunst)Werke die für eine frühere Kultur Zeugnis ablegen“ (Martin/ Krautzenberger 2013, 183ff.). Sie sind somit Zeugnisse unserer kulturellen Entwicklung und geben uns unsere kulturelle Identität.

Nebenbei dienen sie aber auch als unwiederbringlicher Wirtschaftsmotor, denn an Kulturgütern hängen mehr Arbeitsplätze als man so denkt. Nicht nur der Denkmalpfleger, der Archäologe oder Wissenschaftler, sondern auch Restauratoren, Handwerker, Architekten, Gärtner und nicht zu vergessen, die ganze Tourismus- und Gastwirtschaftsbranche (http://www.das-baudenkmal.tv/2013/01/denkmalschutz-als-wirtschaftsmotor/ - siehe auch:Tietz 2005).


Aber was sollten wir in Zukunft machen, um unsere Kulturgüter besser zu schützen bzw. instand zu setzen? Dazu sollte die Politik verstehen, dass Kultgüterschutz Geld kostet. Wer Kulturgüter erhalten will, muss auch Geld investieren. Dazu benötigt man m.E. eine konkretere und gesteuerte Lobbyarbeit seitens der Denkmalpflege. Denn nur wer eine starke Lobby hinter sich vereinen kann, kann auch seine Ziele und Forderungen stärker durchsetzen. Sicherlich sind mit den einschlägigen Burgenvereinigungen und dem DGKS eV. bereits Organisationen vorhanden, die diese Lobbyarbeit übernehmen. Die Deutsche Burgenvereinigung hat begonnen, alle Burgen, Burgruinen und Burgplätze in Deutschland und Europa mittels einer Datenbank zu erfassen und die Daten online zu stellen: http://www.ms-visucom.de/cgi-bin/ebidat.pl
In ähnlicher Weise versucht die Wartburg-Gesellschaft durch den Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Institutionen aus über 14 mittel- und osteuropäischen Ländern die Erforschung von Burgen und Schlössern zu unterstützten.
Letztlich sollte eine starke Lobby den Denkmalschutz nicht nur auf politischer und finanzieller Ebene stärken, sondern vor allem die Denkmalpflege auch kritisch begleiten und gegebenenfalls schon frühzeitig konkrete Maßnahmen einfordern. Für eine starke Lobby braucht es aber auch einen starken Zusammenhalt. Diesen gewinnt man sicherlich nur, wenn man die Bürger mit einbezieht.


Eines ist jedoch grundlegend, um einen besseren Denkmalschutz gewährleisten zu können:
Der Dialog zwischen Eigentümern/ Besitzern, Kommunen, Denkmalpflege und Wissenschaftlern!

Literaturhinweise

Adler 1994
H. Adler (Hrsg.), Die Burgenforschung und ihre Probleme. Ergrabung –  Konservierung – Restaurierung (Wien 1994).

Appel 2000
W. Appel, Ruine Madenburg bei Eschbach, Kreis Südliche Weinstraße. 2. Aufl. (Landau 2000).

Böhme/Dollen 1991
H.W. Böhme/ B. v. d. Dollen u.a. (Hrsg), Burgen in Mitteleuropa. Ein Handbuch, 2 Bde. (Stuttgart 1999).

Boos 1998
A. Boos, Burgen im Süden der Oberpfalz. Die früh- und hochmittelalterlichen Befestigungen des Regensburger Umlandes (Regensburg 1998).

Duden 2013
Die deutsche Rechtschreibung. Auf der Grundlage der amtlichen Rechtschreibregeln, 27. Auflage, (Berlin 2013).

Fischer 2001
K. Fischer (Hrsg.), Das Baudenkmal - Nutzung und Unterhalt (Braubach 2001).

Fleischner 1999
S. Fleischner, Schöpferische Denkmalpflege. Kulturideologie des Nationalsozialismus und Positionen der Denkmalpflege (Münster 1999).

Herrnbrodt 1958
A. Herrnbrodt, Der Hustenknupp. Eine rheinische Burgenanlage des frühen Mittelalters, Beih. d. Bonner Jahrb. 6 (Köln 1958).

Keddigkeit 1999-2007J. Keddigkeit (Hrsg.), Pfälzisches Burgenlexikon, 4 Bde (Kaiserslautern 1999 – 2007).

Martin/ Krautzenberger 2013
Martin/ Krautzenberger (Hrsg.), Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege, 3. Auflage (München 2013).

Ottersbach/Starzmann 2013
C. Ottersbach/ H. Starzmann, Stuttgart und der Mittlere Neckarraum (Petersberg 2013).

Schmitt 1991
G. Schmitt, Burgenführer Schwäbische Alb, Band 4 (Alb Mitte-Nord) (Biberach 1991).

Schwaiger 2007
D. Schwaiger, Die Burgruine Loch bei Eichenhofen im Tal der Schwarzen Laber (Abensberg 2007).

Thon/ Reither/ Pohlit 2003
A. Thon/ H. Reither/ P. Pohlit, „wie eine gebannte, unnahbare Zauberburg“. Burgen in der Pfalz (Regensburg 2003).

Tietz 2005
J. Tietz, Investition Denkmal (Bonn 2005)


weitere Links


Institutionen zur Erforschung und Erhaltung von Burgen (im deutschsprachigen Raum) 

1.) Deutschland Denkmalschutz allgemein:
Überregional tätige Institutionen und Vereine:

Selbstständige Institutionen der Länder (ohne Denkmalämter):
Daneben gibt es noch eine Reihe von regionalen und auf wichtige Einzelobjekte bezogene Vereine, deren Auflistung hier den Rahmen sprengen würde

2.) Schweiz

3.) Österreich






Jonny Schwabe  studiert an der Ruprecht Karls-Universität Heidelberg Ägyptologie im Haupt- und Ur- und Frühgeschichte im Nebenfach. Der Beitrag geht zurück auf eine erste Auseinandersetzung mit Burgen in einem Heidelberger Seminar 2013/14.