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Mittwoch, 28. Dezember 2022

Falsche Idole

Ein aktueller Artikel im International Journal of Cultural Property thematisiert die bekannten Kykladen-Idole, die sic in zahlreichen Museen finden. Mehrheitlich besitzen sie keinen Fundort, stammen sie doch überwiegend aus Raubgrabungen insbesondere aus den 1960er und 1970er Jahren in der Ägäis. Es ist schon lange bekannt, dass auch zahlreiche Fälschungen im Umlauf sind.

  • C. Tsirogiannis / D. W. Gill / C. Chippindale, The Forger’s tale: an insider’s account of corrupting the corpus of Cycladic figures. International Journal of Cultural Property 2022, 1–17. - doi:10.1017/S0940739122000352

Die Autoren haben 2009/10 einen Mann interviewt, der in den 1980er und 1990er Jahren selbst Idole gefälscht hat. Bevor er sich auf die Fälschungen eingelassen hat, betätigte er sich als Antikenhehler, wobei er den enormen Wert der Idole kennen lernte, aber auch Kontakte gewann, die ihm halfen, die nötige Expertise für die Herstellung der Idole zu entwickeln. Seine Aussage verrät nun zahlreiche Insider-Informationen über das Fälschergewerbe. Schritt für Schritt wird nachvollziehbar, wie die Fälscher gearbeitet haben, wie sie die Figuren behandelt haben, um sie alt erschienen zu lassen. 

Der Artikel gibt mit einigen Anonymisierungen den Bericht des Fälschers wörtlich wieder. Zahlreiche Details seiner Geschichte ließen sich verifizieren, so dass die Autoren prinzipiell von der Glaubwürdigkeit der Darstellung ausgehen. Viele Fragen bleiben offen, etwa die nach der Anzahl der gefälschten Objekte. 

Der Fälscher hat auf Fotografien von Figuren einige seiner eigenen Arbeiten identifiziert; Sie konnten in einer griechischen Privatsammlung identifiziert werden, deren Objekte wie gesetzlich vorgeschrieben, bei der Altertumsbehörde registriert sind. Der Fälscher war nicht der erste in diesem Metier, aber seine Darstellung gibt Kriterien an die Hand, um alte Diskussionen um gefälschte Kykladenidole neu aufzurollen. Der Artikel von Tsirogiannis, Gill und Chippindale greift als ein Beispiel das Idol eines sitzenden Harfenspielers aus dem Metropolitan Museum in New York auf. Solche Figuren standen bereits früher im Fälschungsverdacht und sie gehören auch zum Repertoire des interviewten Fälschers. Das New Yorker Stück wurde bereits 1947 erworben, doch scheint es identisch zu sein, mit einem Künstler namens Angelos Koutsoupis auf Ios gefertigt, der im Auftrag eines Athener Antikenhandlers gearbeitet und eine Skizze des Stücks hinterlassen hat.

sitzender Harfenspieler, angebl. 2800-2700 v.Chr.
(Foto: Metropolitan Museum [PD] via

Zu Beginn der Auseinandersetzung mit archäologischer Quellenkritik wurde diese oft auf die Frage echt oder falsch reduziert, was dazu geführt hat, dass die komplexen Formationsprozesse, die zu einer archäologischen Überlieferung und deren Quellenwert liefern, viel zu wenig reflektiert worden sind. Sie lassen sich nur mit den nötigen Grabungskontexten en detail rekonstruieren - und letztlich ist das heute schon eine wesentliche Voraussetzung, um ein Fundstück als echt einstufen zu können. 

Bei den derzeit in Deutschland im Hinblick auf einen Fälschungsverdacht heiß diskutierten Funden der Himmelsscheibe von Nebra einerseits wie auch bei den Funden von Bernstorf andererseits, ist es eben die Problematik, dass sie außerhalb regulärer Ausgrabungen gefunden wurden. Fälscher und Raubgräber diskreditieren möglicherweise auch echte Funde und produzieren enorme Folgekosten für Echtheitsprüfungen, die oft Interpretationsspielräume eröffnen und bestenfalls Indizien liefern können.


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Montag, 4. Mai 2020

Forschungsgeschichte als Teil der archäologischen Quellenkritik

Im Jahre 2013 erschien auf diesem Blog eine Serie zur Archäologischen Quellenkritik. Dabei wurde unter anderem ein Schema präsentiert, das den Weg von der vergangenen Realität hin zu unserer archäologischen Datenbasis zeigt.
Dabei (und bei Schreg 2016) wurden drei Stufen bzw. Phasen der Formation unterschieden (Abb. 1) .


Abb. 1: Bedingungen der archäologischen Datenbasis (Formationsprozess).

Mit den beiden ersten Stufen der primären und der sekundären Befundformation wurde auf das Konzept der formation processes von Michael Brian Schiffer zurück gegriffen. Sie erklären, wie unsere archäologische Datenbasis entstanden ist - genauer gesagt erklären sie vor allem, wie das archäologische Potential entstanden ist, also der Denkmälerbestand, der uns heute rein theoretisch als Überlieferung zur Verfügung steht, wenn wir ihn komplett untersuchen könnten. Aber reell können wir ja nur als archäologische Datenbasis nutzen, was wir auch kennen, das heisst, was wir prospektiert, ausgegraben und der Forschung zugänglich gemacht haben. An die primäre und sekundäre Formation schließt sich also eine dritte Stufe der Formation an, für die wir als Wissenschaftler*innen verantwortlich sind - übrigens egal ob mit akademischem oder Amateur-Hintergrund.

Mit dem Forschungsstand, den Beobachtungsmöglichkeiten, der Beobachtungsqualität sind Aspekte der konkreten archäologischen Praxis in dieser Stufe der Formationsprozesse benannt, ergänzt durch den Aspekt "Weltbild", der zwar eher die Theorien der Interpretation benennt, aber auch schon eine Rolle etwa bei der Auswahl der Grabungsobjekte spielt. Mit einem klassischen Geschichtsbild, das die wesentlichen Akteure in der Politik sieht und so vor allem auf Institutionen und Herrschaft achtet, spielen Burgen und Pfalzen eine große Rolle. Wer hingegen mehr an Alltagsgeschichte interessiert ist,  wird Ausgrabungen in ländlichen Siedlungen oder städtischen Parzellen höher schätzen.


Letztlich ist diese knappe "definitive Formation" in obiger Darstellung aber zu sehr verkürzt, da sie dem Forschungsprozess nicht genügend Rechnung trägt. Denn dieser endet nicht mit der Datenbasis, sondern beginnt damit in gewisser Weise erst.  Lücken in der Datenbasis regen einerseits zu neuen Grabungen an, andererseits sollen sich Archäolog*innen ja auch nicht mit einer Anhäufung von Funden bzw. Daten zufrieden geben, sondern diese ja auch interprtetieren.

Deshalb hat Sören Frommer (2007) in seiner Weiterentwicklung des obigen Schemas eine tertiäre und quartäre Formation unterschieden. Sein Schema  (Abb. 2) ist graphisch umgekehrt, von unten nach oben aufgebaut und startet mit dem archäologischen Kontext, was etwa dem archäologischen Potential (Abb. 1) entspricht. Frommer operiert hier mit dem Konzept der Hermeneutik, das in den Literatur- und Geschichtswissenschaften or allem im 19. Jahrhundert formuliert, im 20. Jahrhundert aber in der Philosophie weiter entwickelt worden ist. Im Kern geht es darum, dass Erkenntnis in den Geisteswissenschaften ein Prozess ist, bei dem der/die Forscher*in mit immer besserem Vorverständnis sich langsam seinem Forschungsobjekt annähert.
Der zweite zentrale Begriff in Frommers Konzept ist der der Heuristik. Er bezeichnet Verfahren, aus begrenztem Wissen bzw. unvollständigen Daten dennoch plausible, wahrscheinliche Aussagen zu gewinnen. Immer wieder muss dabei auf unbewiesene Annahmen zurück gegriffen werden, die im Nachhinein möglicherweise korrigiert werden müssen und so dazu zwingen, die darauf aufbauenden Schlußfolgerungen erneut nachzuvollziehen. Wenn man versucht, den derzeit oft zu hörenden Begriff des Algorithmus gegen Heuristik abzugrenzen, so liegt darin der wesentliche Unterschied: Ein Algorithmus ist berechenbarer als eine Heuristik, die sich eben in einem hermeneutischen Argumentationsraum bewegt.



Abb. 2 Der hermeneutische Arbeitsraum
(nach Frommer 2007)




Hier soll es indes nicht um die Theorie des Erkenntnisprozesses gehen, der Sören Frommer ein zentrales Anliegen ist, sondern eben um die Frage, wie unsere Datenbasis und unsere Interpetationen zustande kommen. Dazu ist es hilfreich, ganz einfach auf die drei Schritte des archäologischen Forschungsprozesses zurück zu kommen:
  • Datenerschließung
  • Datenanalyse
  • Dateninterpretation
Das  ist - soviel müssen wir aus obiger Theorie mitnehmen - kein einmaliger Prozess, sondern einer, der immer wieder wiederholt werden muss,  wobei die Archäologie eben eine Chance hat, mit der Datenerschließung ihre Quellenbasis zu erweitern. Damit können herausragende, besonders aussagekräftige Befunde  aufgefunden werden oder ggf. Aussagen statistisch  begründet werden.

Ich habe also versucht, die Aspekte der tertiären und der quartären Formation sowie die Stufen des archäologischen Erkenntnisprozesses in eine neue Fassung des  obigen Schemas zu integrieren.

Abb. 3 Formationsprozesse und Forschungsprozess
In dieser Graphik wird m.E. deutlicher als zuvor, wie eben auch die moderne Forschung in vielfältiger Weise unsere Rekonstruktion der Vergangenheit beeinflusst. 

In der tertiären Formation sind das nicht zuletzt Aspekte der klassischen Feldmethoden. Ganz offensichtlich ist der Forschungsstand von der Forschungsgeschichte abhängig. Wir kennen die Fortschritte, die die Forschung seit den Anfängen der Archäologie gemacht hat, etwa bei der Dokumentation und Auswertung von Stratigraphien. Auch aktuell sehen wir enorme methodische Fortschritte etwa aus dem Bereich der Bodenkunde oder der geophysikalischen Prospektion. Diese Methoden beeinflussen die Beobachtungsmöglichkeiten, wie auch der Beobachtungsqualität. Bisweilen stehen Methoden zur Verfügung, die in der Praxis aber nicht in ausreichendem Maß zum Einsatz kommen. Nicht immer gibt es dafür finanzielle Gründe. Beispielsweise liegen noch immer kaum archäobotanische Daten oder Knochenfunde von kleineren Tieren aus mittelalterlichen ländlichen Siedlungen vor, die wichtig wären, um die Siedlungsgeschichte tatsächlich zu verstehen. Teil der tertiären Formation während der Datenerschließung und -analyse sind also auch bereits die Fragestellungen.

In der quartären Formation sind die Faktoren vereint, die unsere Interpretation der dokumentierten archäologischen Datenbasis beeinflussen. Dazu gehört beispielsweise die Wissenschaftsorganisation mit dem nach wie vor zu beobachtenden Trend die Auswertung von Grabungen kostengünstig im Rahmen von Studienabschhlußarbeiten vornehmen zu lassen, was letztlich bedeutet, dass überwiegend der noch relativ unerfahrene junge Nachwuchs die entscheidenden Interpretationen vornimmt.  Auch der Trend zu einer Abkehr von Langfristprojekten zu Förderdauern von bestenfalls Dreijahresabschnitten hat Einfluß auf das Forschungsdesign.Wissenschaftsorganisation ist in Vielem abhängig von den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, weil beispielsweise die Politik mit speziellen Förderungen Einfluß auf die Forschung nimmt - so wie dies gerade in Ungarn versucht wird (Archaeologik 3.9.2019), wo auch die Wissenschaftsfreiheit auch von Archäologen bedroht ist (Archaeologik 12.7.2019; Archaeologik 30.5.2018) Aber auch die Stärke der Denkmalschutzgesetze in den deutschen Bundesländern hängt von der Wirtschaftsorientierung der jeweiligen Regierungsparteien ab - und theoretisch natürlich auch von der Akzeptanz der Wähler*innen bzw. der Verursacher*innen. Praktisch hat Archäologie und Denkmalschutz freilich meist nicht das große Interesse, dass sie die Wahlentscheidung der großen Masse tatsächlich beeinflusst. Die Politik sieht hier deshalb gerne einmal Sparpotential, bei dem kein großer Widerstand zu erwarten ist - bisweilen kommt er aber trotzdem und kann dann auch erfolgreich sein (vergl. Archaeologik unter dem Label Nordrhein-Westfalen - Finanzkürzungen). Hier geht es auch um Kommunikationsfähigkeit und Glaubwürdigkeit der Archäologie (vergl. Blog Journal of Community Arch. 4.7.2013).

Neben diesen gesellschaftlichen Faktoren spielen auf den ersten Blick eher theoretische Aspekte eine wichtige Rolle, einerseits allgemeine Werte der Gesellschaft, die oft als Paradigmen bzw. (un)bewusste Hintergrundkonzepte in die Forschung einfließen, andererseits konkrete theoretische Konzepte und Perspektiven. Auch diese verändern sich im Lauf der Zeit und sind in verschiedenen Kreisen durchaus unterschiedlich. Deshalb ist es nicht unwichtig, die sozialen Netzwerke der jeweiligen Forscher*innen genauer unter die Lupe zu nehmen und zu verstehen, welchen Ideen sie anhingen. Angesichts des Theoriedefizits in der deutschen Archäologie wurden in der Vergangenheit grundsätzliche Ansichten nicht offengelegt, sondern sind nur zwischen den Zeilen zu lesen oder ansatzweise aus den Biographien zu erschließen.

Archäologische Forschungsgeschichte ist nicht nur die Auflistung aller früheren Grabungen (was wichtig ist, um über eine zuverlässige Datenbasis zu verfügen), sondern primär eine Ideen- und Sozialgeschichte.

Literatur

  • Frommer 2007
    S. Frommer, Historische Archäologie. Ein Versuch der methodologischen Grundlegung der Archäologie als Geschichtswissenschaft. Tübinger Forsch. hist. Arch. 2 (Büchenbach 2007).
  • Schreg 2016
    R. Schreg, Quellenkritik. In: B. Scholkmann/H. Kenzler/R. Schreg (Hrsg.),Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Grundwissen (Darmstadt 2016) 101–113.
  • Serie zur Archäologischen Quellenkritik

Dienstag, 29. November 2016

Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit


Die Archäologie des Mittelalters hat sich im deutschen Sprachraum im wesentlichen seit den 1960er Jahren entwickelt. Bereits 1852 war auf der Versammlung deutscher Geschichts- und Alterthums-Vereine in Mainz von einer "mittelalterlichen Archäologie" die Rede, die sich jedoch auf die Monumente und noch nicht auf Bodenfunde bezog.
Die im Lauf der Zeit formulierten Definitionen lassen das sich verändernde Selbstverständnis des Faches erkennen.

H. v. Petrikovits 1962:
‚archäologische Landeskunde des Mittelalters‘

P. Grimm 1966:
‚archäologische Frühgeschichtsforschung‘

H. Jankuhn 1973:
‚direkte Fortsetzung der vor- und frühgeschichtlichen Archäologie, und zwar sowohl nach Problemstellung wie nach methodischem Ansatz‘

H. Hinz 1982:
‚Erforschung der Gesamtheit der Erscheinungen mittelalterlichen Lebens‘

G.P. Fehring 1987:
‚nach Fragestellung und Arbeitsziel eine historische Wissenschaft; aufgrund der in den Boden eingebetteten Sachquellen und ihrer Methoden eine archäologische Disziplin‘

B. Scholkmann 1998:
‚eine Geschichtswissenschaft, deren Forschungsgegenstand die gegenständlichen Quellen sind. Die Fragestellungen zielen auf kulturelle Erscheinungen und Entwicklungen, sie arbeitet mit einem breiten Methodenspektrum, dessen Kern die archäologischen Methoden bilden‘ 

Der Bezug auf die Geschichtswissenschaften tritt immer wieder auf, wobei die Formulierungen von v. Petrikovits und H. Hinz zeigen, dass es hier durchaus Spielraum für andere zugänge gibt. Ihnen alle ist gemeinsam, dass diese Referenzpunkte kaum genauer reflektiert wurden.

In der 2016 erschienenen neuen Einführung geben wir nun selbst die folgende Definition:
Scholkmann – Kenzler - Schreg 2016:
'Die Archäologie des Mittelalters (und der Neuzeit) ist  eine historische Kulturwissenschaft.
Sie analysiert die materiellen Hinterlassenschaften mit geistes- und naturwissenschaftlichen Methoden.
Sie ist eine historische Archäologie, die die materiellen Quellen in den Kontext einer überwiegend schriftlichen und bildlichen Parallelüberlieferung stellt und so zum Verständnis vergangener Gesellschaften beiträgt.' 

Begründung der Neudefinition

In diese neue Definition sind einige grundsätzliche Überlegungen eingeflossen:

Sonntag, 17. April 2016

Archäologik - was ist das?

Archaeologik ist natürlich zunächst einmal dieses Blog!
;-)

Aber Archäologik ist auch ein bislang noch wenig etablierter archäologischer Fachbegriff, den Manfred K.H. Eggert in Anlehnung an den historischen Fachbegriff der Historik geprägt hat (Eggert, 2006, 201-203). Archäologik bezeichnet die kritische und systematische Auseinandersetzung mit der „disziplinären Matrix“ bzw. den Paradigmen des Fachs, was sich auch als einer der Schwerpunkte des Blogs entwickelt hat.
Es geht um die Grundlagen archäologischer Erkenntnis, was mehr ist als Quellenkritik und die Methoden der Feldarchäologie und der Archäometrie, die überwiegend auf der Ebene der Datenerschließung und Datenanalyse ansetzen. Es geht um Methoden der Interpretation, das archäologische bzw. historische Denken und seinen wissenschaftlichen Anspruch, sowie um die Einbindung der Archäologie in die moderne Gesellschaft, was Perspektiven und Ziele entscheidend bestimmt.
Archäologik reflektiert die gängige Denkweise der Wissenschaft und analysiert beispielsweise deren Vorstellungen über das Wesen der Geschichte. 

Johann Gustav Droysen
(PD, via WikimediaCommons)
Der Begriff der Historik ist schon deutlich älter. Er reicht zurück ins 19. Jahrhundert, als Gustav Johann Droysen formuliert hatte, "die Historik ist nicht eine Encyklopädie der historischen Wissenschaften, nicht eine Philosophie (oder Theologie) der Geschichte, noch eine Physik der geschichtlichen Welt, am wenigsten eine Poetik für die Geschichtschreibung. Sie muss sich die Aufgabe stellen, ein Organon des historischen Denkens und Forschens zu sein." Und weiter: "Die Historik umfasst die Methodik des historischen Forschens, die Systematik des historisch Erforschbaren, die Topoi der Darlegungen des historisch Erforschten." Im Kontext solcher Historik wurden auch erste Überlegungen angestellt, wie schriftliche Quellen mit archäologischen Quellen zusammen hängen, was in der Folgezeit jedoch auf dieser systematischen Basis nicht weiter verfolgt wurde. 

Jörn Rüsen hat den Begriff in den 1980er Jahren aufgenommen und ihn im Sinne einer "Meta-Theorie der Geschichtswissenschaft, einer kritischen Selbstreflektion verwendet. Historik umfasst wie von Droysen definiert die Quellenkritik und Methode sowie die Strukturierung des Forschungsgebiet, aber auch eine Auseinandersetzung mit den Paradigmen und den sozialen Rahmenbedingungen der historischen Forschung.
"Die Historik bringt das in den Blick, worauf das historische Denken in seiner wissenschaftlichen Verfassung immer schon beruht, und das ohne seine Thematisierung und Explikation durch die Historik lediglich den Status nicht-explizitierter Voraussetzungen und Grundlagen hätte."  (Rüsen 1983, 10)

Diese Selbstreflektion begründet auch eine Kritikfähigkeit gegenüber dem eigenen Forschen wie der Forschungsgeschichte. So ist aus der Historik auch eine grundsätzliche Kritik der Paradigmen des Historismus erwachsen, der den Begriff der Historik ursprünglich eingeführt hat. Historik ist also nicht einfach geschichtswissenschaftliche Theorie - wie z.B. die Auseinandersetzung mit der Geschichtsphilosophie -, sondern sie bezieht sich immer auf die Praxis der Forschung.
In der disziplinären Matrix wirken fünf Faktoren zusammen: 1.) das Erkenntnisinteresse an der Vergangenheit, 2.) die sinnstiftenden Ideen, 3.) die Methoden der empirischen Forschung, 4.) die Darstellungsformen und Narrative und 5.) die aktive Rezeption und Integration der Erkenntnisse des geschichtswissenschaftlichen Forschens in die Daseinsorientierung der Gegenwart.

'Archäologik' ist das Pendant der Historik für die Archäologie. Sie ist die Beobachtung und Selbstreflektion unserer wissenschaftlichen Praxis.  

Archäologik ist nicht nur der Name, sondern auch das zentrale Thema von Archaeologik.



Literaturverweise
  • Droysen 1868
    J.G. Droysen, Grundriß der Historik (Leipzig 1868).
  • Eggert 2006
    M. K. H. Eggert, Archäologie. Grundzüge einer historischen Kulturwissenschaft. UTB 2728 (Tübingen 2006).
  • Rüsen 1983
    J. Rüsen, Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik I (Göttingen 1983).

Dienstag, 27. Januar 2015

Formationsprozesse in der Historischen Archäologie (Archäologische Quellenkritik VI)

Mit zeitlicher Verzögerung folgt der letzte Teil der Blogpost-Serie 'Archäologische Quellenkritik'. Die Blogposts der kleinen Serie gehen auf ein Manuskript zurück, das 1998 für ein Oberseminar am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters in Tübingen entstanden ist, das ich gemeinsam mit Frau Prof. Scholkmann angeboten hatte.  Eine immer wieder angedachte Publikation ist aufgrund anderer Projekte nie zustande gekommen. Ich stelle sie hier als Blogposts ein, wobei nur minimale Bearbeitungen und Aktualisierungen erfolgen. Lediglich vorliegender Teil 6 wurde etwas stärker überarbeitet, da ich seitdem einige der Überlegungen an Einzelbeispielen weiter verfolgt habe. 

Für die Erforschung historischer Perioden - wie etwa in der Archäologie des Mittelalters - stehen uns nicht nur archäologische Quellen zur Verfügung, sondern auch Kunstobjekte, Baudenkmäler, bildliche Darstellungen und Texte. Für die Rekonstruktion des Mittelalters sind sie grundsätzlich als gleichwertig zu betrachten, keine Quelle hat prinzipiellen Vorrang vor einer anderen. Sie sind lediglich unterschiedlich geeignet, um auf verschiedene Fragestellungen eine Antwort zu geben.
Im Gegensatz zur Ur- und Frühgeschichte ist man in der Archäologie des Mittelalters daher nicht auf indirekte Analogieschlüsse angewiesen, sondern kann ein Thema aus dem Blickwinkel sehr verschiedener Quellen beleuchten und damit auch direkte Anhaltspunkte zur Interpretation eines archäologischen Befundes erhalten. Kann einerseits die Kenntnis der Formationsprozesse wesentlich dazu beitragen, die Aussagen von Archäologie und Geschichte zu verknüpfen, so ist zu erwarten, dass andererseits die Kombination archäologischer und 'historischer' Quellen auch zur Kenntnis der Formationsprozesse beitragen und so Grundlagen für eine Weiterentwicklung archäologischer Methoden liefern kann.
Das Zusammenführen archäologischer und andersartiger Quellen bedarf jedoch größter Vor­sicht: Zwischen archäologischen Aussagen und solchen, die auf der Basis anderer Quellen gewonnen wurden, kommt es nicht selten zu Widersprüchen. Und auch bei einer augen­scheinlichen Übereinstimmung einer archäologischen und einer historischen Aussage, wird man prüfen müssen, inwieweit eine solche Synthese wirklich historisch tragfähig oder nicht quellenbedingt zufällig ist. In dieser Situation muß die Quellenkritik mit einer genauen Analyse die jeweiligen Aussagemöglichkeiten hinterfragen und untersuchen, wo die Differen­zen im Einzelfall liegen und wie sie zu begründen sein könnten. Voraussetzung jeder Synthese ist eine intensive Quellenkritik. Auf Seiten der Archäologie heißt das eine sorgfältige Aus­leuchtung der Formationsprozesse, die unsere Datenbasis geschaffen haben.
 

Der Beitrag der Archäologie des Mittelalters zum Verständnis von Formationsprozessen


Aus anderen Quellen stehen uns im Bereich der Archäologie des Mittelalters Informationen zur Verfügung, mit denen ein Erwartungshorizont formuliert werden kann, der sich dann mit dem konkreten Befund vergleichen lässt. Formationsprozesse können leichter er­kannt und in ihren Auswirkungen eingeschätzt werden. Die Archäologie des Mittelalters kann Formationsprozesse mit anderen Überlieferungen erkennen, quantifizieren und erklären.
 

Beispiel Schach

Abb. 6.1 Darstellung eines Schachspiels aus dem Libro de los Juegos,
1283 im Auftrag von Alfonso X von Kastilien, Galizien und Léon verfasst
(Bibliothek von San Lorenzo de El Escorial,
Public Domain via WikimediaCommons)
In einigen Fällen läßt sich der Formationsprozeß noch genauer erfassen. Wir kennen z.B. die Regeln und die Zusammensetzung des Figurensatzes des Schachspiels, das während des hohen Mittelalters auch in Europa Verbreitung fand (Abb. 6.1). Unter der Pompeji-Prämisse wäre zu erwarten, dass das archäologische Material zumindest statistisch dasselbe Mengenverhältnis zeigt. Das Mengenverhältnis der aus Europa vorliegenden mittelalterlichen, vorwiegend beinernen Schachfiguren weicht allerdings deutlich von diesen Erwartungen ab. Während Bauern erheblich unterrepräsentiert sind, werden Könige und Damen zu häufig gefunden. Die archäologische Datenbasis ist erheblich verzerrt. Nehmen wir einmal an, dass die hohen Figuren aus dem besser erhaltungsfähigen Bein hergestellt worden seien und das vorliegende Mengenverhältnis darin begründet sei. Dann bekommen wir jedoch Schwierigkeiten den Befund des im Feuchtbodenmilieu liegenden Herrenhofes am Lac du Paladru zu verstehen. Hier wurden vor allem Figuren aus Holz gefunden. Tatsächlich sind hier doppelt so viele Bauern vorhanden, als zu erwarten wären. König und Dame bestanden aber ebenfalls aus Holz, bei beiden vorliegenden Beinfiguren handelt es sich aber um Bauer und Turm (Abb. 6.2) (Kluge-Pinsker 1991; Colardelle/ Verdel 1993). So ist anzunehmen, dass zu diesem Bild weniger natürliche Erhaltungsprozesse der sekundären Formation eine Rolle spielen, sondern eher kulturelle Faktoren der primären Formation von Bedeutung sind.

Anhand des Beispieles der Schachfiguren kann man die statistische Abweichung des archäologischen Befundes von der historischen Realität gewissermaßen messen. Es ergibt sich eine Übereinstimmung von nur etwa 80 %. Die genauen Umstände der Formation bedürfen freilich noch einer genaueren Untersuchung. Dabei wird auch kritisch zu fragen sein, ob die uns heute bekannten Regeln und Figurensätze tatsächlich allgemeine Gültigkeit hatten.

Abb. 6.2. Fundstatistik mittelalterlicher Schachfiguren
(nach Kluge-Pinsker 1991, ergänzt durch Daten aus Colardelle/Verdel 1993).

Beispiel Glashütte Schmidsfelden

Abb. 6.3 Schmidsfelden, Grabung 1998:
Feuerzug des Nebenofens
(Foto R. Schreg/LDA Tübingen)
Als Beispiel für die Möglichkeiten einer Archäologie der Neuzeit im Hinblick auf ein Verständnis von Formationsprozessen möge hier die Untersuchung einer Glashütte des 19. Jahrhunderts im Allgäu stehen. Das Interesse bei einer Notgrabung 1998 galt dabei nicht nur der Geschichte der Glashütte selbst und der Industrialisierung bzw. Technologie, sondern vor allem auch dem methodischen Aspekt (Schreg 1999; 2013; vergl. Archaeologik, 8.4.2013).
Schmidsfelden ist ein heute noch bestehendes Glasmacherdorf südöstlich von Leutkirch. Der Betrieb der Glashütte, deren bedeutendstes Produkt Fensterglas war, wurde 1898 eingestellt, doch sind große Teile des Firmenarchivs erhalten. Sie wurden vor allem hinsichtlich der Arbeitsorganisation ausge­wertet . Die Grabungen 1998 legten einen Ofen frei, der aufgrund des Bauplanes der Hütte aus dem Jahr 1825 als Streckofen der Flachglasproduktion identifiziert werden kann (Abb. 6.3). Da das Verfahren der Flachglasproduktion aus der technischen Literatur des 19. Jahrhunderts gut bekannt ist und bei der Antikglasproduktion heute noch angewandt wird, ist es möglich, das Fundspektrum mit konkreten Produktionsschritten zu verbinden. Wichtig scheint dabei, dass das Fundmaterial bereits aus einem archäologischen Kontext stammt. Anders als bei der ethnologischen Beobachtungen in einer arbeitenden Glashütte, lernen wir hier unmittelbar archäologische Befunde kennen.
Abb. 6.4 Schmidsfelden, Grabung 1998
Flachglasreste aus der Verfüllung eines Feuerzugs
(Foto R. Schreg)
Das Fundmaterial - von der Grundproduktion nur wenige massive Glasbrocken vom Hefteisen, wenige Pfeifennäbel, fast kein Hohlglas und keinerlei Glastropfen, von der eigentlichen Flachglasproduktion zahlreiche Scherben verformten und zerbrochenen Flachglases sowie Teile der Streckbank (Tab. 6.1) - läßt sich sehr gut mit den Arbeitsschritten korrellieren (Abb. 6.4), obwohl es aus sekundären Ablagerungen, nämlich aus den Feuerzügen des Ofens stammt. Einzige Ausreißer sind einige Sonderstücke, wie ein Model für die Hohlglasproduktion und bislang nicht identifizierte Eisengegenstände. So läßt sich feststellen, dass nur etwa 78 % der Funde (gemessen anhand des Gewichtes der Glasfunde) wirklich mit der Funktion des Streckofens in Verbindung zu bringen, der Rest muss verlagert worden sein.


Abb. 6.5. Produktionsablauf der Flachglasproduktion (nach Lang 2001) und Abfälle.


Tab. 6.1. Spektrum der Glasfunde (n: nicht systematisch ausgezählt, Feuerzug 3 wurde nur teilweise untersucht).

Da der Produktionsablauf im Wesentlichen der Flachglasproduktion im Spätmittelalter entspricht (vergl. Kottmann 2001; Frommer/Kottmann 2004), gewinnen wir hier einen Erwartungshorizont, wie das Fundspektrum auch an einem älteren Streckofen aussehen müßte. Damit könnte es möglich sein, Argumente für eine Funktionsbestimmung auch von Öfen zu gewinnen, bei denen wir über ihre Funktion zunächst nichts wissen. Die Fundspektren spätmittelalterlicher Glashütten müssten in entsprechender Weise wie Tab. 6.1 statistisch ausgezählt werden, um einen detaillierten Vergleich zu ermöglichen. Das ist eine Warnung davor, durch eine Selektion von Massenabfällen auf der Grabung eine definitive Befundformation zu schaffen, die solche methodisch bedeutenden Ansätze unterbindet.

Das Beispiel der Glashütte Schmidsfelden eröffnet aber eine zweite Möglichkeit eines Vergleichs zwischen Schriftquellen und archäologischem Befund. Unter den schriftlichen Quellen haben sich Kohle-Rechnungen erhalten, denen bisher kaum Beachtung geschenkt wurde. Bei Grabungen 1998 zeigte sich eine Mehrphasigkeit des Streckofens. Zu seiner jüngeren Phase gehörten drei Feuerzüge, von denen einer wohl der Kohlebefeuerung dienen sollte. Kohle blieb aber für die Glashütte aufgrund der hohen Transportkosten unerschwinglich. Eine Torflage in einem der Feuerzüge deutet auf Versuche, andere, günstigere Brennstoffe zu nutzen. Die Kohlerechnungen sind also eventuell Zeugnisse eines Versuches, eine Energiewende (von regenerativ zu fossil) zu schaffen und müssten dementsprechend neu ausgewertet werden.

Beispiel Tiengener Gruft

In der Kirche von Tiengen befindet sich die Grablege der Grafen von Sulz. Aus der Kombination von schriftlichen Quellen und Archäologie geben sich hier Formationsprozesse zu erkennen, die man auf einem prähistorischen Gräberfeld so nicht erkennen könnte.
Bei zwei Bestattungen ist hier eine auffallende Bauchlage registriert worden, die die Archäologie in der Regel als Sonderbestattung einstufen würde. Durch die Identifikation der Bestatteten und der Verbindung mit deren Lebensgeschichte wird aber deutlich, dass die besondere Lage wohl eher auf eine Überführung der Leiche zurückzuführen ist, die einen langen Transport bedeutete. Die besondere Lage ist also wohl nicht intentional (Fingerlin 1992, 146 ff.; 157 ff.).
Abb. 6.6 Gruft der Grafen von Sulz in Tiengen
(verändert nach Fingerlin1992)


Die Synthese schriftlicher und materieller Quellen

Hier ist nicht der Ort, genauer die verschiedenen Möglichkeiten einer Synthese schriftlicher und materieller Quellen zu behandeln. Deshalb sei hier einfach auf die fünf Möglichkeiten hingewiesen, die der schwedische Archäologe Anders Andrén (1998) unterschieden hatte, auch wenn diese sicher nicht das gesamte Bezugsgeflecht der Quellen abdecken. Andrén unterschied:

Erläuterungen anhand von Beispielen der Archäologie der Neuzeit aus Deutschland finden sich bei Schreg 2007. Voraussetzung dieser Synthesen ist jeweils eine eingehende Quellenkritik, die einerseits am archäologischen Befund, andererseits aber in einer Konfrontation der Quellenaussagen zu erfolgen hat. Die große Gefahr in der Synthese archäologischer und historischer Quellen ist, dass man sie zu unkritisch aufeinander bezieht und den archäologischen Befund nach den Vorgaben der Schriftquellen interpretiert.

Bei den ausgewählten Beispielen der Kontrolle von Formationsprozessen durch schriftliche Quellen sind unterschiedliche Wege einer Synthese von archäologischen und schriftlichen Quellen involviert. Beim Beispiel der Schachfiguren konnte aufgrund einer Klassifikation und einer Norm ein Erwartungshorizont mit dem archäologischen Befund abgeglichen werden.
Beim Beispiel der Glashütte wurde ebenfalls ein Erwartungshorizont formuliert, dieses Mal auch auf Grundlage einer Klassifikation (Streckofen), die dann aber direkt auf ein archäologisches Befundbild bezogen werden konnte.
Im Falle der Gruft von Tiengen ermöglichte eine Identifikation die Integration von weiteren Kontextinformationen über den konkreten Bestattungsvorgang. Hier ergab sich kein Erwartungshorizont, sondern eine konkrete Erklärung eines außergewöhnlichen Befundes.
 

Historische Archäologie und archäologische Methodenentwicklung

Eine genaue Kenntnis der Formationsprozesse erweist sich als eine wichtige Grundlage jeder Synthese archäologischer und schriftlicher Quellen. Den hier skizzierten archäologischen Quellenkritik ist eine klassische historische Quellenkritik für die Schriftquellen zur Seite zu stellen, da sie sich im konkreten Fall gegenseitig ergänzen und verschiedene Eventualitäten erkennen lassen.
Wir gewinnen daraus aber nicht nur für den konkreten Einzelfall eine größere Sicherheit der Interpretation, sondern auch wichtige generelle Erfahrungswerte, die wesentlich sein können für die Entwicklung archäo­logischer Auswertungsmethoden. Ein Beispiel wäre hier etwa - auch wenn es zunächst auf kunstgeschichtlichen Daten beruht - der Versuch, anhand datierter bildlicher Darstellungen frühneuzeitlicher Gläser geeichte Daten für die Entwicklung der Seriationsmethode zu gewinnen (Goldmann 1972, 29ff.). Wichtig ist eine Kenntnis der Formationsprozesse in ihren verschiedenen Stufen insbesondere auch für eine archäologische Auseinandersetzung mit materieller Kultur (vergl. Serie 'Materielle Kultur und Archäologie').


Literaturverweise

Andrén 1998
A. Andrén, Between Artifacts and Texts. Historical Archaeology in Global Perspective (New York, London 1998).


Bernbeck 1997
R. Bernbeck, Theorien in der Archäologie. UTB 1964 (Tübingen/Basel 1997).

Colardelle/ Verdel 1993
M. Colardelle/ E. Verdel (Hrsg.), Les habitats du lac de Paladru (Isère) dans leur environnement. Doc. arch. franç. 40 (Paris 1993).

Fingerlin 1992
I. Fingerlin, Die Grafen von Sulz und ihr Begräbnis am Hochrhein. Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter 15 (Stuttgart 1992).

Frommer / Kottmann 2004
S. Frommer/A. Kottmann, Die Glashütte Glaswasen im Schönbuch. Tübinger Forsch. hist. Arch. 1 (Büchenbach 2004).

Goldmann 1972
K. Goldmann. Zwei Methoden chronologischer Gruppierung. Acta praehist. et arch. 3, 1972, 1-34.

Jankuhn 1973
H. Jankuhn, Umrisse einer Archäologie des Mittelalters. Zeitschr. Arch. Mittelalter 1, 1973, 9–19.

Kluge-Pinsker 1991
A. Kluge-Pinsker, Schach und Trictrac. Zeugnisse mittelalterlicher Spielfreude in salischer Zeit. Mon. RGZM 30 (Sigmaringen 1991).

Kottmann 2001
A. Kottmann, Reconstructing processes and facilities of production: a late medieval glasshouse in the Schönbuch Forest. Antiquity 76, 35–36.


Lang 2001
W. Lang, Spätmittelalterliche Glasproduktion im Nassachtal, Uhingen, Kreis Göppingen. Materialh. Arch. Bad.-Württ. 59 (Stuttgart 2001).

Schreg 1999
R. Schreg, Industriearchäologie in einer Glashütte des 19. Jahrhunderts: Schmidsfelden (Stadt Leutkirch, Kreis Ravensburg). Denkmalpfl. Bad.-Württ. 28/2, 1999, 107-111.

Schreg 2007
R. Schreg: Archäologie der frühen Neuzeit. Der Beitrag der Archäologie angesichts zunehmender Schriftquellen. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 18, 2007, 9-20.
 

Schreg 2013
R. Schreg, Industrial Archaeology and Cultural Ecology – A Case Study at a 19th Century Glasshouse. In: N. Mehler (Hrsg.), Historical Archaeology in Central Europe. SHA special publication 10 (Rockville 2013) 317-324


 

Mittwoch, 24. Juli 2013

Die Identifikation und Einschätzung von Formationsprozessen (Archäologische Quellenkritik V)

Die Blogposts der kleinen Serie 'Archäologische Quellenkritik' gehen auf ein Manuskript zurück, das 1998 für ein Oberseminar am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters in Tübingen entstanden ist, das ich gemeinsam mit Frau Prof. Scholkmann angeboten hatte. Eine immer wieder angedachte Publikation ist aufgrund anderer Projekte nie zustande gekommen. Ich stelle sie hier als Blogposts ein, wobei nur minimale Bearbeitungen und Aktualisierungen erfolgen. Vorliegender Teil V war im Originalskript ganz kurz gefasst und wurde geringfügig ausgebaut.


Grundlegend für eine archäologische Quellenkritik ist es, die relevanten Formationsprozesse überhaupt erst zu erkennen und in ihrer Auswirkung abzuschätzen. Der Übersichtlichkeit wegen ist es sinnvoll, zwischen Formationsprozessen zu unterscheiden, die den einzelnen Fund (das Artefakt) betreffen und solchen, die auf den Befund, als der "Gesamtheit historisch aussagefähiger Beobachtungen in archäologischen Fundsituationen" (Eggert 2001, 52) einwirken.

Mit diesen Merkmalen eines Formationsprozesses und dessen Identifikation hat sich vor al­lem M. Schiffer auseinandergesetzt (Schiffer 1983; 2010). Tab. 5.1 führt die wesentlichen Kriterien bei der Identifikation von Formationsprozessen tabellarisch auf. Was das bewegliche Fundmaterial betrifft, so lassen sich einfache und komplexe Merkmale unterscheiden. Letztere verweisen über das Einzelstück hinaus und sind meist statistisch zu bewerten. Einfache Merkmale beziehen sich auf das einzelne Fundobjekt und seine Fundlage, die komplexen Merkmale beziehen sich hingegen auf eine ganze Fundkategorie.

Dienstag, 11. Juni 2013

Scherbenschleier als Indikator für Landnutzungsstrategien

Streufunde von Keramik, insbesondere von mittelalterlicher und neuzeitlicher Keramik galten lange Zeit nur als interessant, wenn sie als Indikatoren einer früheren Siedlungsstelle angesehen wurden. Scherben, die dem sog. "Mistschleier" zugeschrieben wurden, wurden gar nicht erst aufgesammelt.

Feldbegehungen in Bräunisheim.
Die kleinen roten Flaggen markieren die
zur Einmessung vorgesehenen Scherbenfunde des zum Ortsrand
hin dichter werdenden Scherbenschleiers
(Foto R. Schreg, 2005)
Inzwischen liegen Studien aus verschiedenen Landschaften vor, die solche Scherbenschleier nicht unbeachtet gelassen haben. Sie reichen von England bis Griechenland und belegen den Quellenwert des Scherbenschleiers als Indikator für frühere Landnutzung.

Begehungen des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und der Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen im spätlatènezeitlichen Heidengraben haben auch jüngeres Material dieses Scherbenschleiers systematisch erfasst (Schreg 2006). Bei den Arbeiten auf der Stubersheimer Alb werden auch relativ junge Funde einzeln mit GPS eingemessen - jedenfalls die charakteristischen Randscherben und solche, die eine nähere Datierung versprechen. Es zeigt sich, dass immer wieder einzelne Scherben unterschiedlichster Zeitstellung auftreten. Oft bleibt ungewiß, ob sie der letzte Rest einer Besiedlung sind oder eben schon als Einzelscherben auf das Feld gelangt sind.
In Südwestdeutschland (und wohl in weiten Teilen Mitteleuropas) scheinen sie aber vor allem charakteristisch für das Spätmittelalter, insbesondere für das 14./15. Jahrhundert (Horizont der Karniesränder, wobei die breiten Formen des 15. Jh. besonders häufig scheinen). Obgleich mit einer recht großen Zahl spätmittelalterlicher, kaum je schriftlich exakt fassbarer Wüstungen zu rechnen ist, wird doch deutlich, dass der Scherbenschleier nicht als direkter Siedlungsniederschlag im Umfeld von Gebäuden sein kann.  
Am Niederrhein zeichnet sich ein Scherbenschleier bereits in der Karolingerzeit ab (Wessel u.a. 2008), im Hunsrück scheint er hingegen erst in der Neuzeit einzusetzen (Begutachtung einer Privatsammlung), in einigen Regionen ist ein Scherbenschleier schon in der römischen Zeit zu beobachten (Dyer 1990). Dabei bezeichnet der Scherbenschleier das großräumige Aufkommen einzelner Keramikfunde ohne Fundkonzentrationen, die auf spezifische Siedlungsaktivitäten an Ort und Stelle zurückzuführen sind.

Kritisch zu hinterfragen sind im Einzelfall aber die Faktoren im Formationsprozess des Scherbenschleier, wie etwa die
  • zunehmende Härte der dominierenden Warenarten
  • generell steigende Bedeutung der zunehmend als Massenware produzierten Keramik
  • verändertes Abfallverhalten 
All das kann zum Entstehen eines Scherbenschleiers beitragen.

Zunehmende Härte der dominierenden Warenarten

Härter gebrannte Keramik, wie etwa Faststeinzeug oder Steinzeug hat als Oberflächenfund bessere Erhaltungschancen. In Südwestdeutschland sind allerdings bereits die frühmittelalterlichen Drehscheibenwaren (rauwandige Drehscheibenware, ältere gelbe Drehscheibenware) hart bis sehr hart gebrannt und zeigen als Lesefunde meist kaum Auflösungserscheinungen. Schlechter erhalten sind meist die im Hochmittelalter dominierenden nachgedrehten Waren, die aber schon im 12./13. Jahrhundert durch die wiederum hart gebrannte jüngere graue Drehscheibenware abgelöst werden. Wäre also der Faktor Brandhärte ausschlaggebend für das Einsetzen des Scherbenschleiers, so müsste man dessen Beginn im 12./13. Jahrhundert und nicht erst im 14./15. Jahrhundert erwarten.

Generell steigende Bedeutung der zunehmend als Massenware produzierten Keramik

Der Grad der Verbreitung von Keramikgefäßen überhaupt ist ein wesentlicher Faktor. Im Hochmittelalter sind an der nachgedrehten Ware häufig Reparaturlöcher zu verzeichnen, die darauf hinweisen, dass Gefäße im Haushalt kostbar waren und nicht so schnell ersetzt werden konnten - wahrscheinlich handelte es sich um die saisonale Produktion von Teilzeitspezialisten. Mit dem zunehmend städtisch orientierten professionellen Töpferhandwerk des Spätmittelalters verbesserte sich die Keramikausstattung wohl auch im ländlichen Haushalt. Eine Quantifizierung ist allerdings kaum möglich, da kaum 'Pompeji-Situationen' bekannt sind. Quantifizierende Analysen aus Stadtkerngrabungen oder ländlichen Siedlungen, anhand derer ein Anstieg der Keramiknutzung nachvollzogen werden könnte, fehlen. Die empirische Einschätzung, dass der Fundanstieg im Zeitraum des 14./15. Jahrhunderts nicht ausreicht, bzw. dass er nicht auf einen engen Zeitraum eingrenzbar ist, um die starke Verdichtung des Scherbenschleiers zu erklären, kann derzeit nicht verifiziert werden.

Verändertes Abfallverhalten

Eine Erklärungsmöglichkeit für die Entstehung des Scherbenschleiers ist eine zunehmende Stallhaltung und die zunehmende Bedeutung des Misthaufens auch für den Hausmüll (inklusive zerbrochener Gefäße). Über das Ausbringen des Mistes sind die Scherben dann auf den Ackerflächen verteilt worden.
Diese These wird beispielsweise auch in der britischen Forschung vertreten, die Scherbenschleier vermehrt als Indikator für Landnutzung und Düngung auswertet, in England, aber auch im Mittelmeerraum  (Jones 2005, Caraher 2012).

Fazit

Im Augenblick scheint mir die These veränderten Abfallverhaltens am plausibelsten. Ganzjährige Stallhaltung ist in vielen Landschaften zwar erst eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, aber vielleicht ist dieser Prozess ja gekoppelt mit einer zunehmenden saisonalen Aufstallung. Es wäre hier zu fragen, ob dies nicht mit einem Wandel der Haustypen im späten Mittelalter - als das Eindachhaus vielfach an Bedeutung gewinnt - einhergeht?
Wenn wir im zunehmenden Scherbenschleier tatsächlich eine Intensivierung der Mistdüngung erfassen, so greifen wir damit eine Veränderung der Bodenmanagementstrategien, die der spätmittelalterlichen Wüstungsphase nachfolgt. Daher ist zu überlegen, inwiefern an der Krise des 14. Jahrhunderts auch eine starke Beanspruchung und Auslaugung der Böden beteiligt war. Hat fehlende Mistdüngung dazu beigetragen, dass die Bodenfruchtbarkeit im Spätmittelalter nachgelassen hat? Im Früh- und Hochmittelalter war eine Siedlungsfluktuation auf kleinem Raum gebräuchlich, die zumindest im Kernbereich der Feldflur durch einen mittelfristigen Nutzungswechsel von Siedlung, Garten und Acker immer wieder längere Perioden des Nährstoffeintrages mit sich brachte.
Ist es Zufall, dass wir im Rheinland, wo der Scherbenschleier seit der Karolingerzeit greifbar ist, die Wüstungsdichte im Spätmittelalter erheblich niedriger ist?

Bislang sind das Thesen, die durch eine feinere chronologische Eingrenzung, statistische Auswertungen und einen Vergleich verschiedener Landschaften geprüft werden müssen. Voraussetzung dafür sind systematische Untersuchungen des Scherbenschleiers. Die auch heute noch häufig als uninteressant verworfene spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Lesefunde erweisen sich als wichtige umweltarchäologische Quelle.


Literaturhinweise

  • Caraher 2012
    B. Caraher, Manuring and Artifact Distributions at Pyla-Koutsopetria Cyprus. Search: The New Archaeology of the Mediterranean World (2.8.2012)
     
  • Dyer 1990
    C. Dyer, Dispersed Settlements in Medieval England. A case study of Pendock, Worcestershire. Medieval Arch. 34, 1990, 97–121.
  • Jones 2005
    R. Jones, Signatures in the Soil: the Use of Pottery in Manure Scatters in the Identification of Medieval Arable Farming Regimes. Arch. Journal 161, 2005, 159–188. 
  • Schreg 2006
    R. Schreg, Mittelalterliche und neuzeitliche Keramikfunde vom Heidengraben (Feldbegehungen, Grabung 1994). In: T. Knopf, Der Heidengraben bei Grabenstetten. Archäologische Untersuchungen zur Besiedlungs­geschichte. Universitätsforsch. Prähist. Arch. 141 (Bonn 2006) 201-210.
  • Wessel u. a. 2008
    I. Wessel/C. Wohlfarth/R. Gerlach, Archäologische Forschungen auf der Rheinbacher Lößplatte. Ein Projekt zur Prospektion in einem geographischen Kleinraum. Rhein. Ausgr. 62 (Mainz am Rhein 2008).
Interne Links



Änderungsvermerk: 30.4.2024 Satzbau im Abschnitt "Zunehmende Härte" korrigiert

Mittwoch, 3. April 2013

Formationsprozesse und ihre Faktoren (Archäologische Quellenkritik IV)

Die Blogposts der kleinen Serie 'Archäologische Quellenkritik' gehen auf ein Manuskript zurück, das 1998 für ein Oberseminar am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters in Tübingen entstanden ist, das ich gemeinsam mit Frau Prof. Scholkmann angeboten hatte. Eine immer wieder angedachte Publikation ist aufgrund anderer Projekte nie zustande gekommen. Ich stelle sie hier als Blogposts ein, wobei nur minimale Bearbeitungen und Aktualisierungen erfolgen. In vorliegendem Teil wurde der Abschnitt zur Archäologie als Geschichtswissenschaft überarbeitet, da ich diesen Aspekt in jüngeren Publikationen vertieft habe. Eine pdf-Fassung folgt.


Der Blick in die Forschungsgeschichte hat uns bereits wesentliche Elemente des Formationsprozesses gezeigt. Im folgenden sollen die einzelnen Faktoren systematisch, aber in aller Kürze betrachtet werden. Ausführliche Zusammenstellungen und Besprechungen finden sich in den genannten Arbeiten von Schiffer (1983, 1987) und Sommer (1991).

Einfache und komplexe Formation


Wir unterscheiden im folgenden einfache und komplexe Formationsprozesse. Als einfache Formationsprozesse möchte ich etwa die offensichtliche, konkrete Befundgenese, wie das Ausheben einer Grube oder die Fälschung eines Fundes betrachten. Das Auffüllen, Abgraben oder Abtragen von Erdmaterial, das Ausheben einer Grube, das Setzen eines Pfostens durch Einrammen oder Eingraben, das Aufmauern, Zumauern, das Einplanieren, Pflastern sind ebenso einfache Formationsprozesse wie die natürliche Erosion oder Sedimentation. Diese Prozesse sind die wesentlichen Vorgänge der Befundbildung, an deren Ende der konkrete Grabungsbefund mit seinen stratigraphischen Beziehungen oder das einzelne Fundstück steht.

Dem möchte ich die komplexen Formationsprozesse gegenüberstellen, die weniger konkret erscheinen und deren Hintergründe schwieriger zu rekonstruieren sind. Es geht hier nun weni­ger um die Bildung eines einzelnen evidenten Befundes, als vielmehr um die latenten Befunde, um die Frage ihrer Repräsentativität. Menschliches Handeln und Denken stellen hier einen kaum abzuschätzenden Faktor dar.

 

Stufen der Formation


Im folgenden werden mehrere Stufen der Formation (Abb. 4.1) unterschieden, in deren Verlauf die in einem systemic context abgelagerten Funde zu dem transformiert werden, was uns als archäologische Datenbasis zu einer historischen Interpretation zur Verfügung steht:

Montag, 28. Januar 2013

Konzepte der Quellenkritik in der Forschungsgeschichte (Archäologische Quellenkritik III)


Rainer Schreg

Die Blogposts der kleinen Serie 'Archäologische Quellenkritik' gehen auf ein Manuskript zurück, das 1998 für ein Oberseminar am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters in Tübingen entstanden ist, das ich gemeinsam mit Frau Prof. Scholkmann angeboten hatte. Eine immer wieder angedachte Publikation ist aufgrund anderer Projekte nie zustande gekommen. Ich stelle sie hier als Blogposts ein, wobei nur minimale Bearbeitungen und Aktualisierungen erfolgen.


Wenn die "Pompeji-Prämisse" auch bei vielen archäologischen Interpretationen durchschimmert, die Notwendigkeit einer archäologischen Quellenkritik hat grundsätzlich schon die ältere Forschung erkannt. Sie beschränkte sich aber auf wenige, eher vordergründige Aspekte (z.B. Pescheck 1950, 97ff.). Jacob-Friesen etwa teilte 1928 die archäologischen Funde ganz einfach in drei Klassen ein: sicher, unsicher und gefälscht. Als sicher wurde ein Fund bestimmt, “wenn sich sein Fundort bestimmen läßt und sich sein Finder mit allen seinen Anga­ben als einwandfrei nachweisen läßt” (Jacob-Friesen 1928, 98f.).

Im 19. und 20. Jahrhundert gab es einige archäologische Affären, die Fundfälschungen zum Gegenstand hatten. So waren 1867 Fälschungen eiszeitlicher Kunst aus dem Kesslerloch bei Thayngen (Abb. 3.1) aufgeflogen, die die Diskussion um die Existenz der Eiszeitkunst neu anheizten (Lindenschmit 1876; Justus 2009). Im Falle des 1912 gefundenen Piltdown-Menschen gelang die Identifizierung als Fälschung erst mit neuen Methoden 50 Jahre später. So lange einzelne Objekte und deren stilistische und typologische Einordnung im Mittelpunkt stand, wie insbesondere auch bei primär als Kunst erachteten klassisch archäologischen Funde, galt das Hauptinteresse der Frage "echt oder gefälscht?"

Abb. 3.1 Die Fälschungen eiszeitlicher Kunst aus dem Kesslerloch
bei Thayngen und ihre Vorlagen aus Kinderbüchern
(nach Lindenschmit 1876 [public domain])

Die Einteilung von Funden nach Materialklassen wie Metall, Stein, Keramik oder Holz und nach Fundumständen bildeten die Anfänge einer weiterführende. Quellenkritik. Diese Einteilungen entstanden allerdings keineswegs aus kritischen Überlegungen und waren zunächst nicht mehr als ein Mittel musealer Präsentation und Inventarisation (Eggers 1986, 264).

Donnerstag, 24. Januar 2013

Indianerspitzen von der Schwäbischen Alb

Das Problem verschleppter Artefakte und von Abfällen moderner "experimenteller" Archäologie ist im Prinzip erkannt (vergl. Archaeologik). Es ist kein neues Problem. Hier seien einige Beispiele extremer Fundverschleppungen aus dem Württembergischen gezeigt, die aber gleichwohl von kulturhistorischer Bedeutung sind - wenn auch nicht für die Steinzeit, sondern für die Geschichte des 19. Jahrhunderts.

1.) Im Heimatmuseums Geislingen liegen 8, teilweise fragmentierte Geschossköpfe. Sie sind in dem von Georg Burkhardt in den 1920er und 30er Jahren angelegten Inventarbuch unter der Nummer 624 verzeichnet.
Abb. 1. Heimatmuseum Geislingen Inv. 624:
indianische Pfeilspitzen
(Foto R. Schreg, 1993)

Donnerstag, 17. Januar 2013

Die Pompeji-Prämisse (Archäologische Quellenkritik II)

Rainer Schreg


Die Blogposts der kleinen Serie 'Archäologische Quellenkritik' gehen auf ein Manuskript zurück, das 1998 für ein Oberseminar am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters in Tübingen entstanden ist, das ich gemeinsam mit Frau Prof. Scholkmann angeboten hatte. Eine immer wieder angedachte Publikation ist aufgrund anderer Projekte nie zustande gekommen. Ich stelle sie hier als Blogposts ein, wobei nur minimale Bearbeitungen und Aktualisierungen erfolgen.


Abb. 2.1 Pompeji: Gipsabguß
eines Körpers
(Foto R. Schreg, 1987)
Mittelitalien, 24. August 79 n.Chr., etwa 10 Uhr morgens: Für die Bewohner des antiken Pompeji beginnt eine Katastrophe, 3 Stunden später ist jedes Leben in der Stadt erloschen, die Gebäude und ihre Bewohner sind unter der Asche des Vesuv begraben. Was mehreren tausend Menschen das Leben kostete, ist für die Archäologie ein Glücksfall, da die Katastrophe einen letzten Augenblick der antiken Stadt konserviert hat. Man betritt heute das Atrium eines Hauses und sieht es fast so, wie es auch sein Hausherr vor 1920 Jahren gesehen hat. Die Stadt und ihre Bewohner wurden abrupt aus dem Leben gerissen. Die Erhaltungsbedingungen sind in Pompeji außerordentlich gut. Die Asche hat die Häuser zwar zusammengedrückt, aber vollständig bedeckt und versiegelt. Jüngere Störungen sind kaum vorhanden und alle Gegen­stände liegen prinzipiell in originalem Kontext (auch wenn das die frühen Grabungen leider oft ungenügend dokumentiert haben). Organische Materialien haben sich zumindest als Hohlräume erhalten, die als Gipsausgüsse wiedergewonnen werden können. Dadurch sind nicht nur Holzgegenstände, sondern auch die Spuren der Vegetation - und auch die Leichen der Bewohner - archäologisch erfaßbar geblieben. Erstarrt im Moment der Katastrophe.


Samstag, 12. Januar 2013

Von der vergangenen Realität zur rekonstruierten Realität (Archäologische Quellenkritik I)

Rainer Schreg

Die Blogposts der kleinen Serie 'Archäologische Quellenkritik' gehen auf ein Manuskript zurück, das 1998 für ein Oberseminar am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters in Tübingen entstanden ist, das ich gemeinsam mit Frau Prof. Scholkmann angeboten hatte. Eine immer wieder angedachte Publikation ist aufgrund anderer Projekte nie zustande gekommen. Ich stelle sie hier als Blogposts ein, wobei nur minimale Bearbeitungen und Aktualisierungen erfolgen.

Die Archäologie - gleich welcher Fachrichtung oder theoretischer Ausrichtung - bemüht sich um die Rekonstruktion einer vergangenen Realität. Quellen unserer Kenntnis und gleichzeitig unsere archäologische Datenbasis sind materielle Überreste - Funde und Befunde. Sie sind einerseits direkt von der vergangenen Realität abhängig und andererseits grundlegend für unsere Rekonstruktion der Vergangenheit (Abb. 1). Da der Archäologe durch seine Geländetätigkeit aktiv an der Erweiterung der Datenbasis arbeitet, ist seine Datenbasis nicht nur den Formationsprozessen der Überlieferung ausgesetzt, sondern kann auch durch moderne Faktoren beeinflußt werden. Aussagen anderer Quellen, moderne Forschungsergebnisse, aber auch unser eigenes gesellschaftliche Umfeld wirken auf die Datenbasis zurück.

Abb. 1.1 Vergangene Realität und rekonstruierte Realität
(Graphik R. Schreg)

Solche Probleme wurden bislang vor allem in der angelsächsischen Theoriediskussion aufgegriffen, haben in Deutschland aber nur geringe Resonanz gefunden. Diese allgemein zu konstatierende ablehnende Haltung gegenüber theoretischen Reflektionen innerhalb der deutschen Archäologie ist in der Archäologie des Mittelalters noch viel stärker ausgeprägt. Das ist bis zu einem gewissen Grad sicher forschungsgeschichtlich bedingt. Die deutsche Archäologie des Mittelalters ist aus der Praxis entstanden. Da das Fach zudem immer wieder als eine historische Disziplin aufgefaßt wurde, sah man keinen Anlaß, sich etwa mit der "ahistorischen" New Archaeology zu befassen (Fehring 2000, 194f.). Letzteres dürfte Grund sein, daß sogar in Großbritannien die Medieval Archaeology nur auffallend selten theoretische Themen aufgreift.

Tatsächlich hat die Archäologie des Mittelalters aber einen ganz erheblichen Bedarf an Theoriebildung. Der Diskussion kulturanthropologisch-soziologischer Konzepte kann die Archäologie des Mittelalters nicht dadurch aus dem Weg gehen, indem sie sich auf die Geschichtswissenschaften beruft, wurde und wird dort doch bis heute selbst eine Diskussion um "Geschichte als historische Sozialwissenschaft" geführt.

Archäologische Quellenkritik

Die Blogposts der in den nächsten Wochen geposteten kleinen Serie 'Archäologische Quellenkritik' gehen auf ein Manuskript zurück, das 1998 für ein Oberseminar am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters in Tübingen entstanden ist, das ich gemeinsam mit Frau Prof. Scholkmann angeboten hatte. Eine immer wieder angedachte Publikation ist aufgrund anderer Projekte nie zustande gekommen. Ich stelle sie hier als Blogposts ein, wobei nur minimale Bearbeitungen und Aktualisierungen erfolgen. Manche Beispiele und manche Aussagen zur Forschungslage sind nicht mehr ganz aktuell!


I    Von der vergangenen Realität zur rekonstruierten Realität
II   Die Pompeji-Prämisse
III  Konzepte der Quellenkritik in der Forschungsgeschichte
IV  Formationsprozesse und ihre Faktoren
V   Die Identifikation von Formationsprozessen
VI  Formationsprozesse in der historischen Archäologie


Weitere Beispiele aus früheren Blogposts:



Donnerstag, 29. November 2012

Thut jeder sich laben an Gottes herrlichen Gaben!

(Foto: R. Schreg)
Ein kleiner Lesefund im Pfarrgarten von Bräunisheim - sicher keiner, der in der Frage der Siedlungsentwicklung groß weiter hilft. Dazu ist er zu jung. Und trotzdem scheint er einen Blogpost wert. Es handelt sich um Steinzeug, innen weiß glasiert, außen mit einer matten Oberfläche und einer Inschrift.

Die Wandscherbe lässt sich schon durch eine Google-Suche anhand einschlägiger Angebote im Antiquitätenhandel identifizieren als ein 1897 in Mettlach bei Villeroy & Boch produzierter Bierkrug mit einem Volumen von 1/2 Liter. Außen war er mit einer Reliefauflage mit Weinranken verziert. Gegenüber dem astförmigen Henkel befindet sich eine Schrifttafel, die von einer Dame und einem Ritter gehalten werden.
Die Inschrift lautet demnach:
"Bei Singen und Sagen
Nach Mühen und Klagen
Thut jeder sich laben
An Gottes herrlichen Gaben!"

Die erste Idee, dass man es hier im Garten des Pfarrhauses sicherlich mit einem Objekt mit religiösem Hintergrund zu tun hätte, ist also grundlegend falsch -  eine Warnung vor entsprechenden, gar nicht so seltenen Indizienschlüssen! Andererseits wird das Stück erst durch den Fundort im Pfarrgarten kontextualisiert und zu einem Zeugnis des Milieus eines Dorfpfarrers (wenn auch mit gewissen quellenkritischen Unsicherheiten in Bezug auf frühere Verlagerungen).


Links
Mit Dank an Miriam Surek für die Identifizierung des Stücks und an A. Korpiun für die Aufmerksamkeit.

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Traktorfakt

Klinge mit frischen Retuschen
(Foto: R. Bollow [mit freundl. Genehmigung])
Robert Bollow zeigt ein eindrückliches Beispiel einer Pflugretusche an einer Silexklinge:
Umgepflügt 420. Post "JohnDeerefakt" - Die Landmaschine hat zu geschlagen!


Sonntag, 5. Juni 2011

Replikate von Feuersteinwerkzeugen werden zum Problem

Ein Artikel von John C. Whittaker und Michael Stafford "Replicas, Fakes, and Art: The Twentieth-Century Stone Age and Its Effects on Archaeology" berichtet bereits 1999 über die steigende Zahl von Hobby-Silexbearbeitern. Das Ausmaß dieser modernen Silexgeräteproduktion ist für die Archäologen kaum abzuschätzen. Es ist verbunden mit der Entstehung eines florierenden Markts für Antiquitäten, Fälschungen, Replikaten und moderner Silexkunst. Zunehmend wird die archäologische Überlieferung durch die modernen Schöpfungen und ihre Produktionsabfälle verunreinigt - oder es werden gar neue 'Fundstellen' geschaffen. Alte Silexquellen werden durch die Hobby-Steinschläger teilweise sehr erheblich ausgebeutet.
Whittaker und Stafford beschrieben die Situation vor über 10 Jahren in den USA. Was wissen wir über dieses Phänomen in Deutschland?

Literaturverweis
John C. Whittaker / Michael Stafford, Replicas, Fakes, and Art: The Twentieth Century Stone Age and Its Effects on Archaeology. American Antiquity 64 (2), 1999, 203-214 (http://www.jstor.org/stable/2694274)