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Dienstag, 16. Juni 2026

„Irgend‘n Pisser hat hier locker zwei Euro verloren!“ – Marcants problematische Schatzsuche

 Jutta Zerres


Einen launiger Samstagsausflug unternahm Politik-Influencer Marcant mit seinem Kumpel Vincent. Man wollte sich auf die Spuren der Vorfahren begeben und als echte Youtuber dokumentierte man die Aktion mit der Kamera.


Für alle, die sich jetzt fragen, wer Marcant und Vincent sind: Erstgenannter ist ein 24jähriger Jura-Student aus Frankfurt, der mehrere Socialmedia-Kanäle betreibt. Zunächst setzte er sich kritisch mit rechtsextremen Inhalten auf Tiktok und Youtube auseinander. Die große Resonanz im Netz begann, als er ab Anfang 2025 mit Kamera und Mikrofon bei Veranstaltungen der rechtsextremen Szene auftauchte, um Interviews mit Akteur*innen und Teilnehmer*innen zu führen. Er befragt sie nach ihren Motiven und Meinungen zu gesellschaftspolitischen Themen. Dabei bewahrt er stets eine freundlich-sachliche Haltung, hört zu, lässt ausreden, enthält sich jeder Belehrung, macht aber auch keinen Hehl aus seinem demokratischen Standpunkt. Die Zuschauer der teilweise millionenfach geklickten Videos erhalten einen ungefilterten Einblick in die Denkwelt der Protagonist*innen. Sie werden Zeugen wie sich so manche/r Gesprächspartner*in in Widersprüche verwickelt, bei der rationalen Begründung der eigenen Weltsicht ins Trudeln gerät und zuweilen sogar ins Nachdenken kommt. Ergänzt werden die Interviews mit nachträglich hereingeschnittenen Faktenchecks und humorigen Randbemerkungen. Vincent betreibt ebenfalls zwei YT-Kanäle und ist Marcants gelegentlicher Begleiter. 


Mit zunehmender Bekanntheit steigt der Argwohn gegenüber dem jungen Mann in der Szene. Veranstalter versuchen Gespräche zu unterbinden, Pöbeleien, Drohungen und auch tätliche Angriffe sind nicht selten. Die Abwehr zeigt deutlich, dass er einen Punkt trifft. Der junge Typ mit „credibility“ in der Altersgruppe transportiert demokratische Standpunkte genau dorthin, wo andere Akteure der Zivilgesellschaft schon längst nicht mehr angehört werden: In die rechtsextremen Bubbles der sozialen Medien. Marcants Engagement wurde jüngst von der Theodor-Heuss-Stiftung ausgezeichnet.


Umso bestürzender ist diese Aktion, die als „Saturday Sidequest“ auf einem YT-Nebenkanal veröffentlicht wurde. Ausgestattet mit einem Metalldetektor, einem Bauhelm (wozu?), Handschuhen, einer Kinderschaufel (!) und einer kleinen Spitzhacke kurven die beiden durch den ländlichen Raum südlich der oberfränkischen Stadt Hof (Eppenreuth, Oberkotzau) und suchen zunächst in einem Wald, später auf einem Spielplatz am Ufer des Untreusees.

Soweit die Ortsangaben aus dem Video Recherchen im Denkmalatlas Bayern erlauben, bewegten sich die beiden zwar nicht auf oder in der Nähe von ausgewiesenen Bodendenkmälern. Ihre Suche war daher nicht erlaubnispflichtig. Die Ausbeute an Fundmaterial aus der nicht besonders ernst betriebenen „Schatzsuche“ überrascht daher nicht: Metallschrott, Kronkorken, ein rostiger Nagel. Die Vorgehensweise hat zwar erkennbar (?) satirische Züge und ist gewollt dilettantisch, aber trotzdem macht mich die Sache sauer!

Spielplatz am Untreusee, einer der Schauplätze von Marcants  "Schatzsuche"
(
Foto: PantheraLeo1359531, CC BY-4.0 via WikimediaCommons) 


Der reichweitenstarke Influencer, der für viele besonders junge Menschen ein Vorbild ist, macht sich als Wochenendbelustigung auf die Suche mit einem Metalldetektor, um „Schätze auszugraben“. Der Jurastudent hat es versäumt, sich wenigstens grob mit dem Standpunkt der professionellen Archäologie zur Suche mit Metalldetektoren durch Laien zu befassen oder sogar einen Blick in das Bayerische Denkmalschutzgesetz zu werfen. Zumindest sagt er nichts dazu…

Auch der telefonisch kontaktierte Fachmann, Dr. Joachim Rother, ist in puncto Denkmalschutz ein Totalausfall (ab Min. 3:19). Der Historiker befasst sich im Schwerpunkt mit Kreuzzügen und Ritterorden und teilt sein Wissen ebenfalls auf Youtube (@mdval). Dieser habe recherchiert und könne erzählen, was man ausgraben könne.
Hätte er sich mal lieber mit dem Thema Denkmalschutz befasst und die beiden Suchtouristen informiert. Dabei muss er den Gesetzestext nicht auswendig aufsagen können, aber von einem Historiker kann man das bare Minimum erwarten: Das Wissen, dass archäologische Stätten keine Spielplätze für Schatzsucher sind und unsachgemäße Buddelei zum Verlust von wissenschaftlichen Erkenntnissen führt. Verstöße gegen das Denkmalschutzgesetz können als Ordnungswidrigkeiten geahndet werden und auch strafrechtliche Belange berühren.

Auf seiner Homepage mdval.de wirbt Rother folgendermaßen: „Wissenschaft? Aber bitte richtig. Keine TikTok-Verschwörungen, kein Esoterik-Müll. MDVAL steht für historische Genauigkeit, Quellenkritik und eine Prise ironische Bodenhaftung. Ich arbeite mit aktuellen Forschungsergebnissen, kooperiere mit Unis, schreibe Fachartikel – und zerlege Desinformation mit Quellenstellen, nicht mit Gefühlen.“ Nun ja…

Die beiden Schatzsucher machen sich immer wieder über die rechte Szene und deren Germanen-Affinität lustig – versäumen es aber, das Problem auch deutlich anzusprechen. Die nicht zu verallgemeinernde, aber immer wieder festzustellende Affinität rechter Esoterik mit eigener Sondel-„Forschung“.


Links

 Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: https://www.blfd.bayern.de/Über Marcant:Einige der Interviews:

Update vom 25.06.2026

Herr Rother kontaktierte mich am 21.06.2026 telefonisch und stellte in dem persönlichen Kontakt klar, dass im Video nur ein Auschnitt aus dem Telefonat zu sehen sei. Er betonte, dass er die beiden Schatzsucher sehr wohl über die denkmalschutzrechtlichen Gegebenheiten informiert habe; dieser Teil des Telefonats ist dann beim finalen Schnitt unter den Tisch gefallen. Vor diesem Hintergrund erscheint mir nun die Wortwahl "Totalausfall" ein wenig zu harsch.

Freitag, 27. Juni 2025

Zwischen Maßhalten und Massaker – Die Trierer Marc-Aurel-Ausstellung

Jutta Zerres 

Am 15.06.2025 eröffnete erneut eine große Sonderausstellung des Landes Rheinland-Pfalz ihre Pforten. Nach „Konstantin der Große“ (2007), „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“ (2016), „Der Untergang des Römischen Reiches“ (2022) (und der großen Ausstellung anlässlich des runden Geburtstages von Karl Marx 2018) steht nun wieder eine römische Herrscherpersönlichkeit im Zentrum der Betrachtung.

 

Marc Aurel – Kaiser, Feldherr, Philosoph im Landesmuseum

Das Konzept der zweiteiligen Schau folgt dem bewährten Schema: Das Landesmuseum beleuchtet brav chronologisch geordnet die Biographie (und sollte deshalb zuerst besucht werden) und das Stadtmuseum Simeonstift befasst sich mit Rezeptionsgeschichte. Anders als bei vergangenen Landesschauen ist das Dommuseum dieses Mal nicht beteiligt (warum eigentlich?). Das Verhältnis von Stoischer Philosophie und Christentum, geprägt von Gegensätzen und wenigen Berührungspunkten, hätte m. E. ein  interessantes Thema für eine Beteiligung des Hauses an der Landesausstellung bilden können. Dafür steuert die Stadtbibliothek einen kleinen Beitrag hinzu.

Die Trierer selbst haben die Messlatte hoch angesetzt, denn schließlich waren die früheren Schauen Publikumsmagneten, die nicht nur Museumskassen klingeln ließen, sondern auch die der gesamten regionalen Tourismusbranche.

Man wird nicht enttäuscht: 400 Objekte, darunter zahlreiche Leihgaben aus 117 internationalen Museen, beispielsweise dem Louvre, dem British Museum London oder den Vatikanischen Museen werden präsentiert. Eingebettet in eine kulissenhaft inszenierte Ausstellungslandschaft erzählen sie von Marc Aurels Herkunft, seiner Jugend- und Thronfolgerzeit, seinen philosophischen Neigungen, seinem Umfeld und seinen Herrscherjahren. Digitale Stationen illustrieren und vertiefen das jeweilige Thema.

Das Ganze spielte sich ab in einer Zeit, die als die Blüte des Römischen Reiches gilt. Die Ausdehung des Machtraumes ist auf dem Höhepunkt, mehrere Jahrzehnte währt Frieden, die Wirtschaft floriert.

Einzig das Auftreten der „Antoninischen Pest“ bereitet mancherorts Sorgen. Um welche Krankheit es sich konkret handelte, ist unbekannt. Erst in der späten Regierungszeit Marc Aurels kommt es zu einer Kette militärischer Auseinandersetzungen mit Barbarenstämmen an den Rändern des Reiches, gewissermaßen als leise Vorboten für den Niedergang im folgenden Jahrhundert.


Gegensätze sind das Salz in der Suppe

Da ist der feinsinnige Philosophenkaiser, der seine von der Stoa geprägten Ansichten über eine gute Lebensführung in griechische Sätze zu gießen weiß, darunter Aussagen wie diese: „Bleibe ein einfacher, guter Mensch, integer, ernsthaft, schlicht, ein Freund der Gerechtigkeit, gottesfürchtig, wohlwollend, liebevoll und standhaft in der Erfüllung deiner Pflichten.“ Sein Schreibtisch steht währenddessen in Militärcamps an der Donau, in deren Umfeld sich die gesamte Grausamkeit des Krieges entfaltet. Prägnant wird dieses durch vergrößerte Ausschnitte von Reliefs der Marcus-Säule, prominente Bildquelle zu den Markomannenkriege, illustriert: Barbarische Krieger in römischen Diensten enthaupten gefangene Barbaren, eine Germanin mit Kind wird an den Haaren fortgezerrt.

Eines wird klar: In der Wahrnehmung der Zeitgenossen galt Marc Aurel als tatkräftiger und pflichtbewusster Staatsmann und erfolgreicher Feldherr. Militärische Führungsstärke gehörte zur Stellenbeschreibung eines römischen Kaisers, Philosophie hingegen nicht. Diese mag so mancher Mann und so manche Frau des einfachen Volkes eher als nerdige Freizeitbeschäftigung der upper class angesehen haben.

 

Selbstbestrachtungen des Marc Aurel 
(Ausgabe des Artemis Verlags 1951, Foto: R. Schreg)

Was ist gute Herrschaft? Die Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift

Das Werk, das unsere moderne Sicht auf Marc Aurel prägt, die „Selbstbetrachtungen“, bildet den Konnex zu dem zweiten Teil der Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift. Der Autor hatte es wohl zu privaten Zwecken geschrieben und nie eine Veröffentlichung intendiert - die Schrift dürfte also bestenfalls nur einem sehr kleinen Kreis im Umfeld des Kaisers bekannt gewesen sein. Dieses einzigartige Selbstzeugnis eines antiken Menschen enthält den Entwurf des idealen Mindsets eines Herrschers. Die Karriere der Schrift in der Geistesgeschichte begann erst mit der Wiederentdeckung im 16. Jahrhundert. Denker und Politiker von Machiavelli bis Helmut Schmidt outen sich als Fans. In Zitate verhackstückt findet es heute Eingang in die Popkultur und begegnet uns etwa in Form von Kalendersprüchen oder Merksätzen für Führungskräfteseminare, quasi als westliches Pendant zu fernöstlichen Gelassenheitsweisheiten.
Die Ausstellung verlässt dann allerdings Marc Aurel und weitet die Perspektive auf die zeitlose Frage, was ein guter Herrscher bzw. eine gute Herrschaft sei. Kunstwerke illustrieren die unterschiedlichen Antworten, die seit der Antike gegeben wurden. Somit schlägt der letzte Teil der Ausstellung im Simeonstift die Brücke zurück in die Gegenwart.


Fazit

Der Fall Marc Aurel ist ein Lehrstück für die zeitbedingte Geschichtsdeutung und dieser Aspekt hätte im Rahmen der Ausstellung m. E. eine etwas weitergehende Betrachtung verdient. Trotz dieses kleinen Verbessungsvorschlags möchte ich einen Besuch der Ausstellung dringend empfehlen, noch bis zum 23.11.2025 ist Zeit dafür.


Links:



Donnerstag, 2. Januar 2025

Gold und Gedöns - „Ramses II. und das Gold der Pharaonen“ in Köln

Jutta Zerres

Seit dem 13. Juli 2024 macht die internationale Wanderausstellung mit insgesamt 180 Exponaten aus ägyptischen Sammlungen im „Abenteuermuseum Odysseum“ ihre einzige Station in Deutschland. Zuvor gastierte die Schau in den USA, Frankreich und Australien und ab 6. Januar 2025 reist sie weiter nach Asien.

Leben und Wirken Ramses II., einer der bekanntesten Herrscherpersönlichkeiten des Alten Ägypten, stehen im Mittelpunkt. In seinen 90 Lebens- und 67 Regierungsjahren entstanden zahlreiche Bauten und Monumente, mit denen er sich im Bewusstsein der Zeitgenossen und der Nachwelt zu verewigen wusste. Über den Mann gibt es also viel zu erzählen und damit eignet er sich bestens als Tourismusbotschafter seines Landes.


Einen einzigen Makel hat das Sujet: Es mangelt an einer prunkvollen Grabausstattung à la Tutanchamun. Wie so oft waren die Grabräuber schneller. Ramses Grab im Tal der Könige (KV 7) war bereits seit der Antike geplündert und von Wassereinbrüchen beschädigt, die Mumie hatte sicherheitshalber im Cachette von Deir-el-Bahari eine ungeplante letzte Ruhestätte gefunden. Alles spannend, ohne Frage, aber aus Sicht der Ausstellungsmacher nicht genug Material für einen fulminanten Schlusspunkt mit hohem Goldgehalt.

 

Odysseum
(Foto: J. Zerres)


Das Thema der altägyptischen Jenseitsvorstellungen, das auf die Erzählung von Ramses’ Leben folgt, kann also nicht mit Hilfe seiner Grabausstattung dargestellt werden. Dieser Teil wird mit Objekten anderer Grabherren unterschiedlicher Abschnitte der ägyptischen Geschichte bestritten.
Die Ausstellungsmacher setzen auf Überwältigung und Staunen. Als ob man den exquisiten Exponaten alleine diese Wirkung nicht zutraut, kommen Filme, Fototapeten, Landschaftsinszenierungen, Beleuchtungseffekte bzw. Verdunkelung und eine Dauerbeschallung mit Musik in einem Übermaß zum Einsatz.
Wer dann noch nicht genug Lametta hat, kann sich noch auf eine Virtual-Reality-Reise durch den großen Tempel von Abu Simbel und das Grab der Nefertari begeben. Ramses hätte das gefallen. Der 15-minütige VR-Ausflug ist nicht im Eintritt inbegriffen und kostet 15 €. Überhaupt ist die Pharaonenschau kein preisgünstiges Vergnügen: Für einen Erwachsenen sind je nach Tag und Uhrzeit ab 22 € fällig. An Tagen mit voraussichtlich hoher Besucherfrequenz müssen bis zu 34 € berappt werden. Es werden aber auch Familien- und Gruppentickets sowie ermäßigte Eintritte für Kinder, Senioren und Studenten angeboten. Für einen Multimedia-Guide für’s Handy oder eine geführte Besichtigung fallen zusätzliche Kosten an, ebenso sowie für die Nutzung eines Gepäckschließfaches. Familienfreundlichkeit stelle ich mir anders vor.

Allzuviel Reflexion des Dargebotenen ist nicht gefragt. Die Erklärungstexte in der Ausstellung fallen eher dürftig aus, das gedruckte Werk, welches anderswo als „Begleitband“ oder „Katalog“ bezeichnet würde, heißt hier „offizielles Souvenirbuch“ - im Shop in Package mit Pharaonenschokolade zu erwerben. 

Es fehlt jede kritische Auseinandersetzung mit dem pharaonischen PR-Genie Ramses II. und gerade hier wäre m. E. ein Ansatzpunkt gewesen, um der Ausstellung einen Mehrwert zu verleihen, einen Mehrwert, der über das bloße Bestaunen von Monumenten und Gold hinausgeht. So werden leider wieder nur Klischees bedient. Das Thema der PR könnte eine Brücke in die Gegenwart schlagen und ist zugleich anschlussfähig für ein internationales Publikum. Propagandagetöse aller Art von Schönfärbererei bis Fake-News ist eine globale Erfahrung mit der jeder etwas anfangen kann.

 

Link


Dienstag, 10. September 2024

Archäologie als Kunst (12): Varus kämpft noch immer

 Jutta Zerres

 

Dennis Oppenheim: Battle Drums
in Osnabrück
(Foto: J. Zerres 2024,
CCBY 4.0)


Dennis Oppenheim: Battle Drums
in Osnabrück
(Foto: J. Zerres 2024,
CCBY 4.0)


 

Dennis Oppenheim: Battle Drums
in Osnabrück
(Foto: J. Zerres 2024,
CCBY 4.0)

Zum 2000jährigen Jubiläum der Varusschlacht schuf der New Yorker Künstler Dennis Oppenheim (1938–2011) die Kunstinstallation„Battle Drums“, die auf dem Theodor-Heuss-Platz (vor dem Hauptbahnhof) in Osnabrück zu sehen ist. Die beiden Trommeln können von Innen beleuchtet werden. Wenn sie sich drehen, wird ein Lichtspiel in Form von kämpfenden Legionären und fliegenden Speeren auf den Boden geworfen.

 

Links

„Battle drums“ beleuchtet:: 

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 14. Juni 2023

Afrika unerwünscht - War das Alte Ägypten schwarz oder weiß?

von Jutta Zerres

Zwei aktuelle Vorgänge zeigen, dass das moderne Ägypten Probleme mit der Vorstellung schwarzafrikanischer Komponenten in der antiken Kultur hat.

Dem Rijksmuseum van Oudheiden Leiden (RMO) wurde kürzlich von der ägyptischen Antikenbehörde, die seit Jahrzehnten bestehende Genehmigung für das Grabungsprojekt in Sakkara entzogen. Der Grund liegt in einem Konflikt um eine aktuelle Ausstellung des niederländischen Archäologie-Museums. In „Kemet. Egypt in hip-hop, jazz, soul & funk werden die Einflüsse der altägyptischen und nubischen Kultur auf das Schaffen von afro-amerikanischen Musikerinnen und Musikern in den letzten sieben Jahrzehnten thematisiert. Beispielsweise ließen sich Rihanna und ihre Kollegin Beyoncé für Fotos als Nofretete inszenierten. Der Rapper Nas ist auf einem Plattencover als Tutanchamun abgebildet und die Fugees-Sängerin Lauryn Hill rappte über die ägyptische Antike. Größen des Jazz wie Miles Davies ließen sich vom das Land am Nil inspirieren. Die Liste lässt sich mit Nina Simone, Prince, Fela Kuti, Erykah Badu und Michael Jackson noch erweitern.

Die Ausstellung verfolgt eine doppelte Zielsetzung:

1) will sie die Rezeption des antiken Ägypten bei schwarzen Musikern aufzeigen und die damit verbundenen Botschaften zu verstehen
2) will die Ausstellung zeigen, was die wissenschaftliche ägyptologische Forschung über Ägypten und Nubien aussagen kann..

Das Museum konstatiert dazu: “Die Ausstellung diskutiert, wie das alte Ägypten aus eurozentrischer und afrozentrischer Perspektive erforscht wurde. Afrozentrismus betrachtet Geschichte und Gesellschaft aus panafrikanischer Sicht und aus der Perspektive schwarzafrikanischer Diasporagemeinschaften. Das sieht und hört man manchmal auch an der Musik in der Ausstellung. Die Musik deckt beispielsweise Vorurteile in der Geschichtsschreibung auf und wirkt antischwarzem Rassismus entgegen. Das ist dem Museum wichtig.”

Aus Ägypten wurde der Vorwurf der „Geschichtsverfälschung“ durch „Afrozentrik“ erhoben. Laut der Zeitung „El Fagr“ sei die Schau „äußerst provokativ und erklärungsbedürftig“. Sie unterstütze afrozentrische Ideen und ziele darauf ab, die altägyptische Zivilisation von ihrem Volk zu trennen“. Es fehle die Klarstellung, dass es um nicht-ägyptische, afroamerikanische Musiker gehe. Hier würde nicht die Realität dargestellt, es handele sich viel mehr um Provokation und kulturelle Aneignung.

Museumsdirektor Wim Wijnand setzte sich zur Wehr: Die Schau sei mit großer Sorgfalt vorbereitet worden. Lange Zeit habe man das Land hauptsächlich als Teil des Mittelmeerraums wahrgenommen, aber aus der Perspektive vieler in Afrika geborene Musiker sei das alte Ägypten als eine afrikanische Kultur anzusehen. Er moniert weiterhin, dass niemand von den Kritikern nach Leiden gereist sei, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Die Ereignisse erinnern an eine Kontroverse, die kürzlich um die Netflix-Doku-Drama-Serie „Queen Cleopatra“ entspann. In Ägypten, aber auch anderenorts regte sich Kritik, dass die legendäre Herrscherin von der dunkelhäutigen Britin Adele James verkörpert werde. Der Streaming-Dienst betreibe Blackwashing. Eine Petition fordert gar ein Verbot der Ausstrahlung.

Kleopatra VII, Portrait aus der Antikensammlung Berlin
(Foto:
Sailko,  CC BY SA 3.0  via WikimediaCommons)

 

Promi-Ägyptologe und ägyptischer Ex-Minister Zahi Hawass stellte taggleich mit der Veröffentlichung des NetflixTrailers eine anderthalbstündige Video-Dokumentation zu Kleopatra vor (Discover the true Cleopatra, auch auf youtube). Dabei wird auch die Frage der Black Cleopatra dargestellt und darauf verwiesen, dass dies 1.) historisch falsch und 2.) ein Konzept sei, das in der US-Geschichte wurzele, da sich afrikanisch nicht mit “black” gleichsetzen lasse..

Was aber ist die Wahrheit? Die antiken Schriftquellen schweigen zu dem Thema, antike Darstellungen in Porträts und auf Münzen helfen auch nicht weiter. Hawass verwies auf Kleopatras makedonisch-griechische Abstammung, verschweigt dabei aber, dass dies nur auf die väterliche Linie zutrifft. Über Kleopatras Mutter wissen wir allerdings nichts. 

Sicherlich legte die Pharaonenfamilie Wert auf die 'richtige' Abstammung. Aber die Dynastie der Ptolemäer war zum Zeitpunkt von Kleopatras Geburt knapp 300 Jahre am Nil ansässig. Ehen mit Personen aus der einheimisch-ägyptischen Bevölkerung sind wohl kaum auszuschließen. Eine blaß-weiße, europäische Kleopatra, wie sie von Theda Bara 1917 oder Liz Taylor 1963 verkörpert wurde, ist vor diesem Hintergrund eher unwahrscheinlich. 

Theda Bara als Kleopatra, 1917
(via WikimediaCommons)

Das Museum in Leiden präsentiert jedoch keine schwarze Pharaonin, sondern weisst darauf hin, dass das populäre Bild des alten Ägypten ein europäisches ist. Dem ein anderes Bild der Rezeption gegenüber zu stellen, ist Teil guter Wissenschaft.  Dass sich Ägypten gegen eine Vereinnahmung "seiner" Geschichte wehrt, ist nachzuvollziehen, trifft hier aber die Falschen. 


Links

Zur Ausstellung des RMO:


Zu „Queen Cleopatra“



Freitag, 3. Juni 2022

Es glänzt nicht alles im Louvre: Polizeiliche Ermittlungen gegen ehemaligen Direktor

Ein Beitrag von Jutta Zerres 

Zahlreiche internationale Medien berichten in den letzten Tagen über Ermittlungen der französischen Polizei gegen Jean-Luc Martinez, der von 2013 bis 2021 das weltberühmte Pariser Museum des Louvre leitete. Es steht der Vorwurf des Betruges und der Verschleierung von Provenienzen von fünf unrechtmäßig erworbenen ägyptischen Antiken im Raum. Diese seien für das Zweigmuseum in Abu Dhabi bestimmt gewesen und sollen für den Preis von 15 Millionen Euro angekauft worden sein. Darunter befindet sich eine Stele mit der Nennung von Tutanchamun, für die alleine 8,5 Millionen über den Tisch gegangen seien. Martinez habe im Genehmigungsverfahren der Ankäufe bei den gefälschten Provenienznachweisen nicht allzu genau hingeschaut. Er bestreitet die Vorwürfe und ist mittlerweile gegen Auflagen freigelassen geworden. 

Louvre
(via Pixabay)

Die Ermittlungsverfahren gegen ihn kam 2018 nach der Verhaftung des deutsch-libanesischen Galeristen Robin Dib ins Rollen, der den Verkauf an den Louvre vermittelt hatte. Die in Rede stehenden Objekte waren in der Zeit des „arabischen Frühlings“ 2011 illegal ausgegraben und in den Handel gebracht worden. Archaeologik berichtete ausführlich über Raubgrabungsaktivitäten, die in dieser Phase staatlicher Instabilität deutlich zugenommen hatten. Nicht zum ersten Mal tauchen Objekte, die in der politischen Unruhephase von 2011 entwendet wurden, in internationalen Museen auf. Schlagzeilen machte 2019 der Fall des goldenen Sarkophages des Priesters Nedjemankh, der vom Metropolitan Museum of Art in New York erworben und später an Ägypten restituiert wurde (auf Archaeologik).


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Samstag, 16. April 2022

Notgrabung als Selbstzweck: Kontroverse um das „roman quarter Eboracum“ in York

Jutta Zerres

 

Es ist ein legitimes Anliegen einer Stadt ihre Vergangenheit zu präsentieren, nicht nur aus ideellen, sondern auch aus ökonomischen Gründen und in Sachen Historie und Denkmäler hat die nordenglische Stadt York neben der berühmten Kathedrale einiges zu bieten: Der römerzeitliche Vorgänger Yorks mit Namen „Eboracum“ nahm seinen Anfang unter Kaiser Vespasian als Militärbasis am linken Ufer der Ouse; die Zivilsiedlung lag gegenüber. Am Beginn des 3. Jahrhunderts avancierte letztere zur Kolonie und wurde die Hauptstadt der neu geschaffenen Provinz Britannia inferior. Nach der Reichsreform des Diokletian im Jahre 296 behielt die colonia Eboracensium den Rang als Verwaltungszentrum der neugegründeten Provinz Britannia secunda. Römische Kaiser residierten hier zeitweise: Septimius Severus und Constantius Chlorus, der hier im Jahre 306 verstarb. Seine Truppen riefen dessen Sohn Constantin am Ort zum Kaiser aus. Reste des Legionslagers wurden unter dem York Minster freigelegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Teile der spätrömischen Kastellmauern sind zu besichtigen und eine Therme, eine Basilika, eine Brücke sowie Gräberfelder sind ebenfalls bekannt. Das Yorkshire Museum und die Website „History of York“ zeigen einen Überblick.

Die moderne Statue des Kaisers Constantin vor der Kathedrale erinnert an die historische
Bedeutung der römischen Stadt Eboracum.
(Foto: Son of Groucho [CC BY SA 2.0] via WikimediaCommons)

Neue Pläne des Unternehmens „Rougier Street Developments“ sehen vor, den Bestand der sichtbaren römischen Denkmäler für Besucher zu erweitern und museal zu erschließen. Dafür soll das „Northern House“, ein schmuckloses Gebäude aus den 1960er Jahren in der Rougier Street, abgerissen werden. Hier befindet man sich topografisch im Herzen der antiken Zivilsiedlung. Nach den Ausgrabungen ist der Bau eines unterirdischen Besucherzentrums namens „Eboracum“ mit thematischem Fokus auf der römischen Vergangenheit geplant. So weit so gut.


Die Kontroverse entzündet sich daran, dass das Besucherzentrums durch den Ersatz des „Northern House“ finanziert werden soll. Die Pläne sehen über dem Museum ein 10-stöckiges Gebäude mit einem Hotel, 153 Wohnungen und Büroflächen vor. „Rougier Street Developments“ und das kommerzielle Archäologie-Unternehmen York Archaeology Trust (YAT), das nicht nur Grabungen durchführt, sondern auch ein Consulting für Bauherren anbietet und Vermittlungsarbeit betreibt, beziffern den Gewinn, den das Projekt über 30 Jahre hinweg generieren mit 315 Millionen Pfund. Hinzu kämen 625 neue Arbeitsplätze.


Wohlgemerkt: Die Befunde und Funde, die präsentiert werden sollen, liegen noch nicht vor, sondern sollen erst durch die Ausgrabungen erschlossen werden. Unter den Kritikern sind die Denkmalschutz-Organisation „Historic England“ und das „Council for British Archaeology“ (CBA). Dessen Geschäftsführer Neil Redfern resümiert bestürzt, dass man also ein Besucherzentrum etablieren und für eben dieses ein sehr großes Loch graben möchte, um das Material zu finden, das dann an Ort und Stelle präsentiert werden soll. Zur Finanzierung des Ganzen sei der Bau eines extrem großen Gebäudes nötig.

Redfern stellt Fragen: Normalerweise würden Archäologen erst dann hinzugezogen, wenn ein Bauprojekt geplant sei und der Bodeneingriff sei nicht größer als nötig. Lediglich ein Drittel des Geländes würde archäologisch erschlossen, was aber geschehe mit dem Rest? In ca. 6 m Tiefe werde man voraussichtlich auf römische Schichten treffen, zuvor müsse man sich jedoch durch angelsächsische und wikingerzeitliche Schichten graben - die sich anderswo im Stadtzentrum als sehr bedeutend und obendrein sehr fundreich erwiesen haben. Im 9. Jahrhundert wurde York zu einem Zentrum der skandinavischen Besiedlung Nordenglands. Das Jórvík Viking Centre ist ein 1984 gegründetes, vom YAT getragenes, sehr erfolgreiches archäologisches Museum der Stadt, das anhand der Coppergate-Grabungen 1976-81 den Alltag der Wikingerzeit präsentiert. Was also passiert, wenn in der Rougier Street herausragende Befunde nachrömischer Zeit auftreten? Kann die geplante Frist von zwei Jahren unter diesen Umständen eingehalten werden? Was soll aus dem Besucherzentrum werden, wenn die erhofften römischen Befunde ausbleiben?

Eingang zum Jórvík Viking Center, 19 Coppergate
(Foto: Jeremy Bolwell [CC BY SA 2.0] via WikimediaCommons)


David Jennings, der Geschäftsführer von YAT, entgegnet, dass die Grabungstechniken heute besser seien als vor Jahrzehnten und dass für Ausgräber das Auftreten unerwarteter Situationen zur Praxis gehöre. Die Einhaltung der zweijährigen Frist sieht er daher nicht gefährdet. Der Grund dafür, dass nur ein Drittel des Geländes ausgegraben werde, läge in dem Umstand begründet, dass das „Northern House“ zum Teil auf dem Areal einer alten Tankstelle errichtet wurde. Durch die ehemals tief in der Erde versenkten Tanks wäre bereits ein großer Teil des archäologischen Materials bereits verloren.


Das Dilemma ist klar: Einerseits belegen die Vorgänge, dass Archäologie entgegen der landläufigen Meinung nicht bloß ein notwendiges Übel und lästiger Kostenfaktor ist, sondern selber einen Umsatzfaktor darstellen kann. Andererseits ist es aus der denkmalpflegerischen Perspektive ein „No-Go“ Ausgrabungen durchzuführen mit dem Ziel etwas Vorzeigbares zu finden und kommerziellen Interessen zu dienen.
Allerdings wäre ein normales Investitionsprojekt möglicherweise gar nicht zu verhindern und Ausgrabungen wären dann ohnehin notwendig, aber mit geringerem Engagement des Investors.
Oder geht es letztlich einfach darum, in sensiblem Gelände eine Baugenehmigung zu erhalten?


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