Dienstag, 16. Juni 2026

„Irgend‘n Pisser hat hier locker zwei Euro verloren!“ – Marcants problematische Schatzsuche

 Jutta Zerres


Einen launiger Samstagsausflug unternahm Politik-Influencer Marcant mit seinem Kumpel Vincent. Man wollte sich auf die Spuren der Vorfahren begeben und als echte Youtuber dokumentierte man die Aktion mit der Kamera.


Für alle, die sich jetzt fragen, wer Marcant und Vincent sind: Erstgenannter ist ein 24jähriger Jura-Student aus Frankfurt, der mehrere Socialmedia-Kanäle betreibt. Zunächst setzte er sich kritisch mit rechtsextremen Inhalten auf Tiktok und Youtube auseinander. Die große Resonanz im Netz begann, als er ab Anfang 2025 mit Kamera und Mikrofon bei Veranstaltungen der rechtsextremen Szene auftauchte, um Interviews mit Akteur*innen und Teilnehmer*innen zu führen. Er befragt sie nach ihren Motiven und Meinungen zu gesellschaftspolitischen Themen. Dabei bewahrt er stets eine freundlich-sachliche Haltung, hört zu, lässt ausreden, enthält sich jeder Belehrung, macht aber auch keinen Hehl aus seinem demokratischen Standpunkt. Die Zuschauer der teilweise millionenfach geklickten Videos erhalten einen ungefilterten Einblick in die Denkwelt der Protagonist*innen. Sie werden Zeugen wie sich so manche/r Gesprächspartner*in in Widersprüche verwickelt, bei der rationalen Begründung der eigenen Weltsicht ins Trudeln gerät und zuweilen sogar ins Nachdenken kommt. Ergänzt werden die Interviews mit nachträglich hereingeschnittenen Faktenchecks und humorigen Randbemerkungen. Vincent betreibt ebenfalls zwei YT-Kanäle und ist Marcants gelegentlicher Begleiter. 


Mit zunehmender Bekanntheit steigt der Argwohn gegenüber dem jungen Mann in der Szene. Veranstalter versuchen Gespräche zu unterbinden, Pöbeleien, Drohungen und auch tätliche Angriffe sind nicht selten. Die Abwehr zeigt deutlich, dass er einen Punkt trifft. Der junge Typ mit „credibility“ in der Altersgruppe transportiert demokratische Standpunkte genau dorthin, wo andere Akteure der Zivilgesellschaft schon längst nicht mehr angehört werden: In die rechtsextremen Bubbles der sozialen Medien. Marcants Engagement wurde jüngst von der Theodor-Heuss-Stiftung ausgezeichnet.


Umso bestürzender ist diese Aktion, die als „Saturday Sidequest“ auf einem YT-Nebenkanal veröffentlicht wurde. Ausgestattet mit einem Metalldetektor, einem Bauhelm (wozu?), Handschuhen, einer Kinderschaufel (!) und einer kleinen Spitzhacke kurven die beiden durch den ländlichen Raum südlich der oberfränkischen Stadt Hof (Eppenreuth, Oberkotzau) und suchen zunächst in einem Wald, später auf einem Spielplatz am Ufer des Untreusees.

Soweit die Ortsangaben aus dem Video Recherchen im Denkmalatlas Bayern erlauben, bewegten sich die beiden zwar nicht auf oder in der Nähe von ausgewiesenen Bodendenkmälern. Ihre Suche war daher nicht erlaubnispflichtig. Die Ausbeute an Fundmaterial aus der nicht besonders ernst betriebenen „Schatzsuche“ überrascht daher nicht: Metallschrott, Kronkorken, ein rostiger Nagel. Die Vorgehensweise hat zwar erkennbar (?) satirische Züge und ist gewollt dilettantisch, aber trotzdem macht mich die Sache sauer!

Spielplatz am Untreusee, einer der Schauplätze von Marcants  "Schatzsuche"
(
Foto: PantheraLeo1359531, CC BY-4.0 via WikimediaCommons


Der reichweitenstarke Influencer, der für viele besonders junge Menschen ein Vorbild ist, macht sich als Wochenendbelustigung auf die Suche mit einem Metalldetektor, um „Schätze auszugraben“. Der Jurastudent hat es versäumt, sich wenigstens grob mit dem Standpunkt der professionellen Archäologie zur Suche mit Metalldetektoren durch Laien zu befassen oder sogar einen Blick in das Bayerische Denkmalschutzgesetz zu werfen. Zumindest sagt er nichts dazu…

Auch der telefonisch kontaktierte Fachmann, Dr. Joachim Rother, ist in puncto Denkmalschutz ein Totalausfall (ab Min. 3:19). Der Historiker befasst sich im Schwerpunkt mit Kreuzzügen und Ritterorden und teilt sein Wissen ebenfalls auf Youtube (@mdval). Dieser habe recherchiert und könne erzählen, was man ausgraben könne.
Hätte er sich mal lieber mit dem Thema Denkmalschutz befasst und die beiden Suchtouristen informiert. Dabei muss er den Gesetzestext nicht auswendig aufsagen können, aber von einem Historiker kann man das bare Minimum erwarten: Das Wissen, dass archäologische Stätten keine Spielplätze für Schatzsucher sind und unsachgemäße Buddelei zum Verlust von wissenschaftlichen Erkenntnissen führt. Verstöße gegen das Denkmalschutzgesetz können als Ordnungswidrigkeiten geahndet werden und auch strafrechtliche Belange berühren.

Auf seiner Homepage mdval.de wirbt Rother folgendermaßen: „Wissenschaft? Aber bitte richtig. Keine TikTok-Verschwörungen, kein Esoterik-Müll. MDVAL steht für historische Genauigkeit, Quellenkritik und eine Prise ironische Bodenhaftung. Ich arbeite mit aktuellen Forschungsergebnissen, kooperiere mit Unis, schreibe Fachartikel – und zerlege Desinformation mit Quellenstellen, nicht mit Gefühlen.“ Nun ja…

Die beiden Schatzsucher machen sich immer wieder über die rechte Szene und deren Germanen-Affinität lustig – versäumen es aber, das Problem auch deutlich anzusprechen. Die nicht zu verallgemeinernde, aber immer wieder festzustellende Affinität rechter Esoterik mit eigener Sondel-„Forschung“.


Links

 Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: https://www.blfd.bayern.de/Über Marcant:Einige der Interviews:

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