Samstag, 20. Juni 2026

Die Archäologie in Berlin vor der Abwicklung

Am 17.06.2026 hat der Fakultätsrat der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin entschieden, dass das Institut für Archäologie im Rahmen von Kürzungsmaßnahmen mittelfristig, d.h. Mitte der 30er Jahre, geschlossen werden soll. 

Das Institut für Archäologie an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) umfasst das Winckelmann-Institut (Klassische Archäologie) und die Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas. Die klassische Archäologie ist seit 1810, der Eröffnung der Berliner Universität Teil ihres Fachspektrums. Eng verbunden mit der Berliner Antikensammlung und den großen deutschen Ausgrabungen im Mittelmeerraum war das Institut und seine Professoren eine prägende Kraft in der Forschungsgeschichte der deutschen klassischen Archäologie.

Der Vorschlag zur Schließung soll im Herbst 2026 in der Sitzung des Akademischen Senats zur finalen Abstimmung vorgelegt werden. Im Anschluss werde ein Prozess zur „Neuaufstellung der Archäologie“ eingeleitet. Ein Konzept dafür liege zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht vor; es bleibe „ein Versprechen auf die Zukunft, für das es bis auf weiteres keine strukturellen Garantien gibt“. 

Die HU erklärt in ihrer Pressemitteilung:

„Daher hat das Präsidium der Humboldt-Universität entschieden, dass ab Herbst 2026 das Konzept für ein neues „Institut für Altertumswissenschaften“ (Arbeitstitel) entwickelt werden soll. Dieses soll ab Mitte der 2030er Jahre geschaffen werden und nach derzeitigem Planungsstand des Präsidiums bis zu zwei Professuren mit einer Denomination aus der Archäologie enthalten. Dazu kommen, je nach inhaltlicher Ausarbeitung des künftigen Konzepts, weitere Professuren zum Beispiel aus der Klassischen Philologie. Die Konkretisierung der Planung für das neue Institut hängt von der Zustimmung der Gremien der Humboldt-Universität zu Berlin ab.“
Die Website des Instituts für Archäologie, das nebeb der klassischen Archäologie auch due Archäologie und Kulturgeschichte, also mehr oder weniger die Ägyptoligie umfasst, listet aktuell 6 Professuren, von denen bestenfalks 2 erhalten bleiben sollen. Heutzutage zur Absicherung plötzlicher Ausfälle ein Fach mit mindestens zwei Professoren vertreten sein sollte, wird deutlich, dass hier die fachliche Breite vollständig aufgegeben wird. Damit gehen unzählige Themen und Forschungkompetenzen verloren und für studierende wird der Ausbildungsstand auch unattraktiv. In der nächsten Sparrunde entstehen dadurch neue Argumente und Potenziale zum weiteren Einstampfen.
Das ist ein wohl bekannter Mechanismus - und oft wohl auch Strategie. Überlegungen, auch alte Institute zu modernisieren und umzustrukturieren und Denominationen von Professoren vielleicht auch anzupassen sind, zunächst einmal nicht von der Hand zu weisen, aber gerade bei einer inhaltlichen Ausdifferenzierung der Wissenschaften ist es absolut kontraproduktiv, dass hier derart enorme Streichungen erfolgen sollen. Die offizielle Reihenfolge, erst Schließung, dann Nachdenken über die Zukunft zeugt von einer erschreckenden Arroganz und Unsachlichkeit.

Die HU hat im übrigen in den letzten Jahren schon einige Archäologien neu aufgestellt. Von der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie oder einer Stiftungsprofessur für ostmitteleuropäische Archäologie ist nichts übrig geblieben. Das Sterben der Archäologie an der HU ist nichts Neues, sondern ein schon lange laufender schleichender Prozess.

Leider ist es der Politik schwer zu vermitteln, dass in einer Stadt/ einem Bundesland oder auch einer Region Fächer doppelt vertreten sind. Universitäten werden gerade in den Geisteswissenschaften nur noch als Schule gesehen, in denen man ein Fach berufsqualifizierend mit festgelegten Modulen lernt. Der Aspekt der Forschung geht dabei völlig unter. 

Die HU selbst veröffentlichte eine Pressemitteilung mit dem Titel „Einsparvorgaben erzwingen Neuaufstellung der Archäologie“. 

Reaktionen des Fachs: Protest und Trauer

Das Winckelmann-Institut / Klassische Archäologie / HU Berlin, Lehrbereich für Klassische Archäologie, bezeichnete den 17.06.2026 als „dunklen Tag in der Geschichte des Instituts für Archäologie“ und als „Beendigung einer über 200-jährigen Tradition“. In Social-Media-Posts dokumentiert das Institut symbolische Protestaktionen: u.a. eine Grabstein-Inszenierung mit dem Datum 17.06.2026 und einen Sarg mit der Aufschrift „ARCHÄOLOGIE R.I.P.“. 


Parzinger betont, Archäologie sei „gerade in Zeiten wirtschaftlicher Not und sozialer Unsicherheit besonders wichtig“. Auch Daniel Zuchtriegl,, solidarisierte sich und sprach von „academic cannibalism“.

Parzingers These lässt sich jedoch weiter spinnen.  Der Erfolg geschichtsvergessener Populisten hat letztendlich auch damit zusammen, dass ein Geschichtsbewusstsein und klassische Bildung zunehmend verloren geht.  Dazu gehört auch, dass nur die historischen Wissenschaften inklusive der Archäologie zeigen können wie soziale Wandlungsprozess gemeistert werden können – und da stecken wir ja mittendrin Und viele sind damit überfordert.


Petition und Forderungen der Studierenden

Der Fachschaftsrat des Winckelmann Instituts hat unter dem Titel „Archäologie bleibt!“ eine Petition auf weact.campact.de gestartet. Die Forderungen lauten: 

1. Aussetzung des eingeleiteten Schließungsprozesses

2. Transparente Offenlegung der Entscheidungsgrundlagen

3. Ernsthafte Prüfung von Alternativen zur vollständigen Aufgabe, insbesondere durch strukturelle Reformen oder Kooperationen

4. Klares politisches Bekenntnis des Berliner Senats zum Erhalt geisteswissenschaftlicher Kernfächer 

Der Fachschaftsrat verweist darauf, dass die Schließung Folge von Sparvorgaben des Berliner Senats sei: 8 Millionen Euro sollen an der Universität eingespart werden. Studierende sollen noch für rund zehn Jahre weiterstudieren können, die Folgen der Schließung seien aber bereits jetzt spürbar. 

Der Fakultätsratsbeschluss ist noch nicht final. Die Abstimmung im Akademischen Senat steht im Herbst 2026 an. Bis dahin mobilisieren Studierende und Fachvertreter weiter. Der FSR ruft auf: „Noch ist nichts verloren!“ 

Die Kampagne der Studierenden ist außerordentlich engagiert, bedient verschiedene Social Media Kanäle und war bisher auch im Medienecho durchaus erfolgreich. Der Link zur Petition könnte aber durchaus besser und unmittelbarer platziert werden. Da das Problem weniger an der Universität liegt - die ja irgendwie auf die Sparzwänge reagieren muss - erscheint mir die Petition zu kurz gegriffen. Parallel muss das Berliner Abgeordnetenhaus sensibilisiert werden. 

Die Versuche zur Rettung des Studiengangs Konservierung / Restaurierung / Grabungstechnik an der HTW Berlin haben mit dem Druck auf die Uni zu nichts weiterem geführt, als das eine Galgenfrist ein geräumt worden wäre. Der Studiengang ist keineswegs gerettet und eine sinnvolle Diskussion einer Zukunftsentwicklung findet nicht statt. Siehe dazu den DGUF-Newsletter Nr. 139 vom 31.05.2026

Der aktuelle Koalitionsvertrag der schwarz-roten Landesregierung in Berlin für die Jahre 2023–2026 trägt den nichtssagenden Titel „Das Beste für Berlin“ . Die wichtigsten Leitlinien und Maßnahmen im Bereich der Hochschul- und Universitätspolitik sind primär im Kapitel „Innovation, Wissenschaft, Hochschule und Forschung“ festgehalten: Die Koalition bekennt sich zur verlässlichen Finanzierung der Hochschulen und will langfristige Planungssicherheit und Inflationsausgleich bieten.

Die Abgeordneten der Berliner Regierungsparteien sollten wohl daran erinnert werden, dass sie Berlin den Status Berlins als führendem internationalen Wissenschaftsstandort sichern möchten. Für eine gute internationale Sichtbarkeit sind die an der HU vertretenden Archäologien unverzichtbar.

Eine kleine Nebenbemerkung (oder ungefragter Ratschlag): für die Sichtbarkeit der Kampagne wäre es hilfreich Information und vor allem auch Bilder unter einer CC Lizenz bereitzustellen. Der Eintrag zum Winkelmann Institut auf Wikipedia ist erbärmlich. unvollständig. Die Politik in Berlin möchte Wissenschaftskommunikation, Open Access und Digitalisierung fördern. Eine gut angelegte Protestkampagne Könnte hier ganz nebenbei zeigen, dass die Archäologie hier Potenziale hat und vorne mit dabei ist. Es steht nämlich zu befürchten, dass die Neurologie auf die Streichliste gekommen ist, weil sie doch als verstaubt und wenig zukunftsfähig angesehen wird. 

Erstaunlich und kontraproduktiv ist auch, dass die Streichung Pläne ja genauso die Ägyptologie betreffen werden. Erfolgreich wird man nur sein, wenn die Fächer hier zusammen stehen.


Die Petition zum Unterschreiben:

Bitte unterschreiben

„Schließung des Instituts für Archäologie an der HU-Berlin“ weact.campact. - 

https://weact.campact.de/petitions/schliessung-des-instituts-fur-archaologie-an-der-hu-berlin





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