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Montag, 9. Februar 2026

Archäologie und Geschichte - ein Rätsel

Begleitend zur Vorlesung "Archäologie & Geschichte - Die historische Interpretation archäologischer Funde und Befunde" im grade vergangenen Wintersemester 2025/26 entstand das folgende Rätsel: 

 Für die Studierenden war es ein Teil der Klausur, für die Leser hier ist es hoffentlich zum Vergnügen.

Freitag, 31. Mai 2024

Nicht nur für Frauen: Berufsorientierungsworkshop

Um verschiedene Wege in die Berufswelt der Mittelalterarchäologie aufzuzeigen, veranstaltet die AMANZ Bamberg mit Unterstützung des DArV e.v., FemArc und des ZEMAS am 12.07.2024 von 10.00 bis 18.00 Uhr einen Berufsorientierungsworkshop.

Er steht auch Studierenden anderer Universitäten offen - und zwar nicht nur Studentinnen, obwohl verschiedene Karrierewege von Archäologinnen vorgestellt werden, deren Karrieren bis heute häufig mit noch mehr Hürden versehen sind als die ihrer männlichen Kollegen.

Obgleich die Veranstaltung vorab schon viel positives Feedback und Interesse gefunden hat, sind noch einige Plätze frei. 

Mehr Informationen - auch zum Programm und den Anmeldemodalitäten - unter

 

Donnerstag, 11. August 2022

Das Rätsel der Sozialarchäologie

Übrigens: Zu denr in einem vorigen Post (bzw. auf AMANZ-notiz-Blog) genannten Vorlesung gab es am Ende eine Klausur. Das Kreuzworträtsel daraus möchte ich hier teilen:

 


Viel Spaß beim Rätseln. Eine Lösung wird später (vielleicht) bereit gestellt, wenn mindestens 50 Leute gerätselt oder recherchiert haben.

Montag, 1. August 2022

Sozialarchäologie - Lehren aus der Lehre

Originalpost auf AMANZ-notiz-blog   (31.7.2022)

In diesem Sommersemester habe ich an der Universität Bamberg eine Vorlesung "Grundzüge einer Sozialarchäologie" gehalten - und parllel ein Seminar angeboten, das  "Von der Sozialstruktur zur Sozialen Praxis - neue Forschungsansätze in der AMaNz" betitelt war.

Anhand von konkreten Themen haben wir ausgelotet, welche Aspekte des Sozialen Archäologie, insbesondere die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit erfassen kann und welche Aussagen sie treffen kann.

Das eher abstrakte und theoretische Fazit der beiden Lehrveranstaltungen sei hier kurz im Blog  geteilt, da die Lehren aus diesen Lehrveranstaltungen mir für eine weitere Diskussion geeignet scheinen.

In der Vorlesung habe ich abschließend 5 Thesen formuliert.

These 1

Sozialarchäologie ist ein junges, noch wenig durchdrungenes Themenfeld

  • Zahlreiche Einzelstudien, aber kaum Synthesen
  • Vielfach noch Verharren in hergebrachten Kategorien z.B.
    • ethnische Gruppen
    • Geschlechterrollen – Rollen
    • Hierarchien: top-down-Denken
    • Kontinuitäten

These 2

Sozialarchäologie ist mehr als die Erforschung von Sozialstrukturen. Es geht um das Zusammenleben von Menschen – und das Funktionieren von Gesellschaften

  • Z.B. auch in Krisensituationen
  • Mensch-Umwelt-Interaktion
  • Wirtschaftsaspekte

These 3

Sozialarchäologie hat einen hohen Theoriebedarf. Notwendig sind z.B. Vorstellungen darüber, wie Objekte soziales Leben widerspiegeln – oder überhaupt wie Gesellschaft funktioniert.
Problematisch sind aktuell oft unbewusst angewandte, veraltete Theorien über Gesellschaft, die aus dem 19. Jh. stammen.
Sozialarchäologie bedarf andauernder kritischer Selbstreflexion (wie im Prinzip jede Wissenschaft).
 

These 4

Sozialarchäologie hat im Kontext von Archäologie & Geschichte ein besonderes Potential,
  • da sie oft jenen eine Stimme gibt, die in den Schriftquellen nur randlich aufscheinen
  • da sie einen Beitrag zur „dichten Beschreibung“ liefert
  • da sie gute Grundlagen liefert, archäologische Theoriekonzepte zu entwickeln und zu prüfen
  • da sie Interdisziplinarität fördert
Diese Möglichkeiten sind in der historischen Archäologie also insbesondere im Bereich der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit wegen und nicht trotz der textlchen Parallelüberlieferung besonders bedeutend

 

These 5

Sozialarchäologie ist stärker mit aktuellen Fragen und ethischen Problemen berührt als andere Zweige archäologischer Forschung. Viele Themen sind auch in aktuellen gesellschaftlichen Debatten wichtige Themen.

zum Beispiel:

  • Gender
  • Umgang mit Krieg
  • Umgang mit Minderheiten oder Indigenen
  • Kolonialismus
  • Umgang mit rezenten Bestattungen
  • Archäogenetik

Sozialarchäologie steht in besonderem Maße im Spannungsfeld von Archäologie & Politik/Gesellschaft  und zeigt, dass auch eine Wissenschaft, die sich primär mit der Vergangenheit befasst gesellschaftliche Verantwortung hat.

 
 

Definition der Sozialarchäologie

Im Seminar haben wir aus einer Diskussion dieser Thesen eine Definition der Sozialarchäologie formuliert:

Sozialarchäologie ist die Erforschung vergangenen sozialen Lebens von Individuen, gesellschaftlichen Gruppen und deren Interaktion. Sie ist eine historische Kulturwissenschaft, die die materielle Kultur in den Mittelpunkt stellt, primär archäologische Quellen nutzt, interdisziplinär und mit Blick auf unsere Gegenwart arbeitet. Kennzeichnend ist eine theoretisch reflektierte, kritische Herangehensweise, die Paradigmen identifiziert und kritisch hinterfragt.

Mittwoch, 8. April 2020

Krankheitserreger als „Global Player“ - Vom Austausch tödlicher Erreger mit der Entdeckung der Neuen Welt


Beitrag von Tim Röder


1. Ewige Geißeln der Menschheit


Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Krankheitserreger versetzen unsere Welt immer wieder in Unruhe. Insbesondere Viren und Bakterien werden durch den immer weiter voranschreitenden Prozess der Globalisierung über den gesamten Erdball verteilt. Der heutige intensive Flugverkehr trägt wesentlich dazu bei (Findlater/Bogoch 2018). So geht etwa aus dem aktuellen »World Airport Traffic Reports des Airports Council International (ACI)« hervor, dass die Anzahl der weltweiten Flugreisen sowie die Passagierzahlen stetig zunehmen. Der ostasiatische Großraum ist dabei Spitzenreiter, sodass beispielsweise dort im Jahr 2018 insgesamt 3,3 Milliarden Fluggäste verzeichnet wurden. Besonders die Mobilität des Menschen bewegt sich also heutzutage in Dimensionen, deren Ausmaß nahezu unüberschaubar geworden ist. Doch was viele nicht wissen: Mobilität und Infektionskrankheiten sind bereits seit dem Neolithikum eng miteinander verwoben, wenngleich zu dieser Zeit kein Flugzeug, sondern Pferde, Ochsen und Boote die schnellsten Fortbewegungsmittel waren.    

Die Sesshaftwerdung des Menschen, verbunden mit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht am Beginn der Jungsteinzeit, läutete das Zeitalter der Infektionskrankheiten ein (Campbell/MacKinnon/Stevens 2010, 189). Auf der Suche nach der Ursache für die Ausbreitung verschiedener Erreger spielt jedoch weniger das nun dichtere Zusammenleben von Menschen und Tieren innerhalb der bäuerlichen Lebenswelten eine entscheidende Rolle. Vielmehr waren die in den Siedlungen lagernden Lebensmittelvorräte sowie die vernachlässigten Entsorgungspraktiken Auslöser dafür, dass allerlei ungebetene Gäste angelockt wurden. Darunter besonders verschiedene Kleinsäuger und Nagetiere, die sich an teils ungeschützten Getreidevorräten und Milchprodukten zu schaffen machten. Im Gepäck hatten sie allerdings auch parasitäre Begleiter dabei, wie beispielsweise Flöhe und Läuse, aber auch Bakterien, Viren, die vor allem über den Weg der Nahrungskette zahlreiche Krankheitssymptome beim Menschen hervorriefen (Krause/Trappe 2019, 107f.).

Während Pest, Lepra, Paratyphus, Tuberkulose und Syphilis für viele Menschen heutzutage Seuchen aus längst vergangener Zeit darstellen, von denen dank des Wunderheilmittels »Antibiotikum« nicht mehr besonders große Gefahr auszugehen scheint, haben sich tödliche Virus-Pandemien und die damit einhergehende Angst ins Gedächtnis der Menschen eingebrannt.

Darunter befindet sich zum Beispiel das Pockenvirus, das noch im 20. Jahrhundert weltweit etwa 300 Millionen Tote forderte und durch seine hohe Infektionsrate und Mortalität zu den gefährlichsten Krankheiten des Menschen zählte.
Brandaktuell dürfte aber vor allem die Angst vor der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus mit der Bezeichnung »SARS-CoV-2« sein, welches sich, ausgehend von einer Provinz in China, seit Dezember 2019 verbreitet und in dessen Folge die »Weltgesundheitsorganisation (WHO)« am 30.01.2020 den internationalen Gesundheitsnotstand ausrief. Während Mediziner und Virologen lange Zeit davon ausgingen, dass Coronaviren bei Menschen ausschließlich normale Erkältungskrankheiten verursachen, änderte sich diese Annahme allerdings spätestens, als zwei besonders krankheitserregenden Virusvarianten, die bereits in der Vergangenheit Epidemien auslösten - das SARS-Coronavirus (Severe Acute Respiratory Syndrome) und das MERS-Coronavirus (Middle East Respiratory Syndrome), genauer untersucht wurden. Durch die inzwischen pandemische Ausbreitung des neuartigen Coronavirus »SARS-CoV-2« stehen weite Teile unserer globalisierten Welt beinahe still. Es zeichnen sich schon jetzt (Stand: 01.04.2020) massive gesundheitliche, wirtschaftliche, gesellschaftliche, sozioökonomische und politische Konsequenzen ab. Daneben laufen auch die Erforschung eines Impfstoffes und die Suche nach wirksamen Medikamenten auf Hochtouren. 


  • Weltweiter Infektions-Tracker von COVID-19 bereitgestellt durch: The Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at Johns Hopkins University (JHU) <https://coronavirus.jhu.edu/map.html> [Stand: 01.04.2020].
Eine Sache steht jedenfalls fest, nämlich dass unhygienischer Kontakt mit infizierten Tieren einer der Hauptgründe dafür ist, dass sich derartige Viren auf den Menschen übertragen. Eine solche Übertragung vom Tier auf den Menschen bezeichnet man dann als Zoonose (Krause/Trappe 2019, 177). Auch aus evolutionärer Sichtweise stellten sich Krankheitserreger erst auf uns ein, als die Menschen zahlreicher wurden und begannen, auf engem Raum zusammenzuleben. Genau in diesem Milieu liegen die Brutherde für neue Krankheitserreger und zudem ein erhöhtes Risiko der Virus-Mutation.

Neben den Viren dürfen wir aber die bakteriellen Infektionskrankheiten nicht vergessen. Auch wenn derartige Erreger seit dem Durchbruch der Antibiotika in der Mitte des 20. Jahrhunderts unter Kontrolle gehalten werden können, so sind diese nicht von der Bildfläche verschwunden. Sicher fühlen sollten wir uns deshalb auf gar keinen Fall, denn der massenhafte und leichtfertige Antibiotika-Einsatz in der Tierzucht und auch in der Humanmedizin trägt dazu bei, dass Bakterien vermehrt Resistenzen ausbilden können. Immer häufiger werden Meldungen von sogenannten »Krankenhauskeimen (MRSA) in den Medien laut und, dass die Anzahl der multiresistenten Bakterien zunimmt und ein drohender Antibiotika-Notstand kurz bevorsteht. 

Johannes Krause, ein deutscher Biochemiker mit Forschungsschwerpunkt zu historischen Infektionskrankheiten und Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, unterteilt hierbei in drei »epidemiologische Transitionen«, die Infektionskrankheiten durchlaufen (Krause/Trappe 2019, 225). Das Schema (Abb. 1.) veranschaulicht diesen Prozess und die unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Während wir uns heute in der zweiten »epidemiologischen Transition« befinden, in der vor allem in westlichen Ländern vorwiegend Wohlstandskrankheiten wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes auf dem Vormarsch sind, so zeichnet sich wohl schon langsam die »dritte epidemiologische Transition« ab, die der Welt bevorstehen könnte und uns hoffentlich nicht ins Neolithikum zurückwirft. Denn mit Blick auf die zahlreichen Entwicklungsländer wird deutlich, dass Lepra, Typhus, Tuberkulose und auch die Pest ohnehin wieder oder immer noch Bestandteil des alltäglichen Lebens sind und sich besonders die Syphilis-Erreger aufgrund zunehmender Antibiotika-Resistenzen langsam, aber sicher auch Richtung Europa ausbreiten (Krause/Trappe 2019, 225f.).

Abb. 1. Die drei »epidemiologischen Transitionen« nach Johannes Krause
(Grafik: T. Röder).


Die Mobilität des Menschen feuerte also seit jeher die Ausbreitung von Infektionskrankheiten an, weshalb unzählige Menschen Opfer eines unsichtbaren Feindes wurden. Vor allem der durch den Handel intensiver werdende Austausch zwischen den Populationen trug maßgeblich dazu bei. So etwa auch die Seidenstraße, ein altes Netz von Karawanenstraßen, dessen Hauptroute die Handelsmetropolen des Mittelmeerraumes mit Ostasien verband und eventuell auch bei der Ausbreitung der Pest eine entscheidende Rolle spielte (Bergdolt 2017, 33ff.). Viel gravierender wirkte sich allerdings ein Ereignis aus, dass maßgeblich zur Entstehung einer globalisierten Welt beigetragen hat – nämlich die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahre 1492. Verheerende Krankheiten drangen in der Folge in neue Weltgegenden vor (Abb. 2). 

Abb. 2. Opfer der Pockenepidemie von 1520 in Zentralmexiko, dargestellt im Florentiner Kodex des 16. Jahrhunderts, Buch XII, Folio 53.
 (aus: Fray Bernardino de Sahagún, Historia general de las cosas de nueva España [1569].
[gemeinfrei] via WikimediaCommons).

Während sich viele Historiker heutzutage darüber einig sind, dass die nordamerikanischen Ureinwohner nach der Ankunft der europäischen Kolonisten massenhaft durch Pocken und Masern dahingerafft wurden, war die Ursache und das Erscheinungsbild der sogenannten »Cocolitzli-Epidemie« (Nahuatl übers. „Große Pest“) im Zeitraum zwischen 1545-1550 auf dem Gebiet des heutigen Mexikos völlig unbekannt (Abb. 3). 

Montag, 14. Mai 2018

Alpine Wüstungsforschung im Berner Oberland

Rezension von Anne-Sophie Ebert 

Brigitte Andres

Alpine Wüstungen im Berner Oberland.
Ein archäologischer Blick auf die historische Alpwirtschaft in der Region Oberhasli

Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie 42
Basel : Schweizerischer Burgenverein
2016

364 Seiten, 187 Abbildungen
Ladenpreis: 68,00 €
ISBN 978-3908182269



Die Archäologie in den Alpen und nicht zuletzt auch die alpine Wüstungsforschung fanden in den letzten ca. 20 Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung. Ein Anstoß dafür mag die Auffindung der als "Ötzi" bekannten Eisleiche am Tisenjoch im Ötztal im Jahr 1991 gewesen sein. Ein weiterer Grund für eine vermehrte Forschungstätigkeit liegt im Klimawandel begründet, aufgrund dessen im Hochgebirge für den Skitourismus immer höher gelegene Pisten erschlossen und somit Bodeneingriffe vorgenommen werden.


Auch im Berner Oberland, in der Region Oberhasli, wurde 2003 eine Zusammenlegung mehrerer Skigebiete zu einem "Schneeparadies Hasliberg-Frutt-Titlis" geplant, sodass der Archäologische Dienst des Kantons Bern unter der Leitung von Daniel Gutscher mehrere Prospektionskampagnen (2003, 2004 und 2006) vornahm, um gefährdete Befunde in diesem Gebiet zumindest zu kartieren.
Ähnliche Projekte werden in der Schweiz in letzter Zeit häufiger durchgeführt (s. z.B. die Prospektionskampagnen im Muotatal SZ, die von Franz Auf der Maur, Walter Imhof und Jakob Obrecht ausgewertet und publiziert worden sind). Für den österreichischen Alpenraum liegen insgesamt weniger Untersuchungen vor, aber auch hier werden, gerade durch die Tätigkeiten des Vereins für Alpine Forschung (ANISA) immer mehr Kampagnen und interdisziplinäre Auswertungen realisiert (s. z.B. Weishäupl 2014 oder die Reihe "Forschungsberichte der ANISA").
Die knapp 400 im Oberhasli neu entdeckten Hinweise auf alpine Wüstungen und Alpwirtschaft wertet Brigitte Andres nun in diesem Band (ihrer Dissertation) aus. Dabei geht sie vor allem der Fragestellung nach, wie und ob man die Befunde in den Kontext der bisherigen Wüstungsforschung in der Schweiz einbetten und mit Befunden anderer Regionen vergleichen kann. Ein weiteres wichtiges Ziel der Arbeit ist es zudem Hinweise auf alpwirtschaftliche Tätigkeiten wie Milchverarbeitung, Viehhaltung und Wildheunutzung im archäologischen Befund zu finden.

Im ersten Teil des Buches stellt die Autorin gleich zu Beginn die Problematik des Forschungsstandes klar. In den letzten Jahren, nach mehreren Grabungskampagnen in den 1970er Jahren (s. Werner et al. 1998), ist immer mehr von tatsächlichen Grabungen im Hochgebirge abgesehen worden. Vor allem ist es schwierig, sowohl die Grabungsmannschaft, als auch das benötigte Material an die meist entlegenen Grabungsstellen, die oft auch über keinen Anschluss an moderne Wegenetze verfügen, zu bringen. Darum wurde ein stärkerer Fokus auf Prospektionsprojekte gelegt. Dies zieht zwei Probleme nach sich: Erstens sind durch fehlende Untersuchungen der Innenstruktur von Alpgebäuden Funktionen derselben nur schwer zu bestimmen und zweitens fehlt es der Forschung an zeitlicher Tiefe, da genauere Datierungen bei Prospektionen nicht möglich sind (S. 29f.). In den drei Tälern des Untersuchungsgebietes kommen Alpwüstungen wahrscheinlich häufiger ab dem 14. Jh. vor, meist können die festgestellten Strukturen allerdings höchstens bis in das 16. Jh. (z.B. anhand von Bauinschriften) zurückdatiert werden (S. 30).
Im Folgenden gibt die Autorin mit dem Kapitel "Naturraum und Geschichte der Region Oberhasli" (S. 33) einen Überblick über Klima und Naturgefahren im Untersuchungsgebiet, welcher gut zum Verständnis der naturräumlichen Bedingungen beiträgt. Die detaillierte Beschreibung von Pässen vermittelt die Kenntnis der Verkehrswege und der Handelskapazität der Täler im Oberhasli. Zudem geht sie kurz auf Landwirtschaft, Handel, Eisenbergbau, Fremdenverkehr und Wasserkraftnutzung in der Region ein, sodass dem Leser ein eindrückliches Gesamtbild der Umwelt und der Kulturlandschaft im Oberhasli gegeben wird.

Nach diesem einleitenden Teil folgt im zweiten Teil das eigentliche Kernstück der Arbeit (S. 63-200). Vor der Beschreibung und Einordnung der eigentlichen archäologischen Befunde, erfolgt die Betrachtung der Alpwirtschaft im Oberhasli anhand von nichtarchäologischen Quellen. Hier bezieht sich die Autorin vor allem auf Rechtsquellen, Alpstatistiken, topographische Beschreibungen der oekonomischen Gesellschaft Bern und auf alte Reiseberichte und legt somit den Fokus auf einen wichtigen interdisziplinären Ansatz. Erkenntlich wird, dass wahrscheinlich zwischen dem 15. und 16. Jh. ein Wandel in der Alpwirtschaft stattfand, da Viehweiden wohl zunehmend dem Großvieh vorbehalten wurde, ab Ende des 14. Jh. eine Tendenz zur gemeinschaftlichen Verwaltung von Alpen, Allmenden und Wäldern zu erkennen ist und ab 1600 ein zunehmender Export von Käse in die Städte Norditaliens belegt ist (S. 68-76). Allerdings fanden sich wohl nur sehr wenige Beschreibungen von eigentlichen Alpgebäuden, weshalb ein Vergleich mit den archäologischen Befunden schwierig bleibt. Eventuell hätte hier noch eine verstärkte Betrachtung von noch bestehenden Alpgebäuden geholfen auch am archäologischen Material einzelne Funktionsbereiche vergleichend zu erkennen.
Im Kapitel "Wüstungsforschung im Oberhasli" (S. 89) wertet Andres schließlich die eigentlichen Befunde der Prospektionskampagnen aus. Zunächst teilt sie die Befunde in Kategorien ein. Dies vermittelt einen Eindruck, wie vielfältig die Befunde tatsächlich sind (das Spektrum reicht von Gebäudegrundrissen und Konstruktionen unter Fels über Pferche und Weidemauern bis hin zu Wegabschnitten und Hinweisen auf Erzabbaustätten). Die einzelnen Befundkategorien sind meist noch wie im Fall der Konstruktionen unter Fels in weitere Untergruppen nach Erscheinungsmerkmalen unterteilt. Durch in den Text eingebaute Tafeln, auf denen Andres signifikante Beispiele für jeweils eine Befundkategorie abbildet, werden dem Leser die unterschiedlichen Ausprägungen der Befunde innerhalb der Befundgruppen besonders deutlich (z.B. Abb. 91, S. 125). Hilfreich sind auch die dabei stets aufgeführten Katalognummern, um die einzelnen Beispiele im Befundkontext im sehr übersichtlichen und anschaulich gestalteten Katalog wiederfinden zu können. 

Im Anschluss beschreibt Andres die einzelnen Wüstungsplätze in ihrer Gesamtheit und im Kontext des Fundgebietes. An dieser Stelle wird der Leser systematisch an das Siedlungsgefüge der Alpwüstungen und mägliche Problematiken herangeführt. So wird deutlich, dass sowohl bei größeren, als auch bei kleineren Siedlungsplätzen die Anordnung der einzelnen Strukturen stark von den topographischen Gegebenheiten im Gebirge abhängig sind und somit jeweils individuelle Ausprägungen erscheinen, die kaum einheitlich dargestellt oder kategorisiert werden kännen (S. 168). Dies bedeutet im Umkehrschluss wiederum eine erschwerte Zuordnung von Funktionsbereichen zu einzelnen Siedlungselementen.

An dieser Stelle soll durch die kurze Vorstellung zweier Beispiele die Problematik beleuchtet werden:

Beispiel 1: Wüstungen Hinder Tschuggi (Hasliberg BE):

Die Strukturen bei Hinder Tschuggi sind weit im Areal verstreut errichtet worden. Die meisten erhaltenen Grundrisse sind einräumig, es liegen aber auch zweiräumige Strukturen und sogar drei mehrräumige Strukturen vor. Närdlich der heute bestehenden Alpgebäude schließen sich "Tschugginollen" genannte Felsformationen an, in denen des Weiteren Konstruktionen unter Fels festgestellt werden konnten.
Ob diese weit verstreuten Gebäude gleichzeitig oder nacheinander in Betrieb waren oder ob es Spezialisierungen auf unterschiedliche Käseherstellungen gab, kann aufgrund der fehlenden Datierungen und Untersuchungen der Innenräume leider nicht mit Sicherheit gesagt werden (S. 146-148).






Beispiel 2: Wüstung Wendenläger 1 (Innertkirchen BE):

Bei Gadmen befindet sich die Wüstung Wendenläger 1. Am Rand einer Geröllhalde sind hier ein etwas größerer einräumiger Grundriss an einem Felsblock zu erkennen und südlich dicht daran anschließend mehrere kleine, teilweise sogar annähernd runde Strukturen, die eventuell auf weitere kleinere Gebäude oder Lagerräume hinweisen kännen.
Die heutigen Alpgebäude wurden südlich dieser Wüstung in etwas flacherem Gebiet errichtet, befinden sich daher aber auch in einer exponierteren Lage, aufgrund dessen zum Hang hin Lawinenkeile künstlich aufgeschichtet werden mussten (S. 160-164 und S. 204).










Sinnvollerweise zieht die Autorin, auch aufgrund fehlender Grabungen im Oberhasli, andere Quellen aus dem gesamten Schweizer Alpenraum zur Interpretation von Funktionen der beschriebenen Strukturen im folgenden Kapitel "Kulturhistorische Einordnung" (S. 171) heran. Besonders bezieht sie sich auf den 1998 erschienenen Band "Heidenhüttli" von Werner Meyer, der ein umfassendes Bild der alpinen Wüstungsforschung in der Schweiz bis in die 1990er Jahre vorstellt und in dem auch noch tatsächliche Grabungen in alpinem Gelände ausgewertet werden. Aber auch die Ergebnisse aus dem vorangestellten Abschnitt zu den nichtarchäologischen Quellen fließen in diesem Kapitel in die Bewertung der Befunde mit ein.

An dieser Stelle geht es Andres vor allem darum, ob Wirtschaftsweisen auch im Oberhasli am archäologischen Befund erkennbar sind oder nicht. So kommt sie zu dem Ergebnis, dass generell Viehhaltung, anhand von Pferchen, Ställen und Weidemauern zunächst leichter zu erkennen ist, als die Milchverarbeitung. Hier tritt erneut die Problematik der fehlenden Grabungen in den Vordergrund.
Da keine gesicherten Aussagen über die Innenstrukturen von Gebäuden gemacht werden kännen, sind Sennereien, die anhand von Feuerstellen erkennbar wären, nur in sehr wenigen Fällen zu identifizieren. Auch bei Konstruktionen unter Fels kann die Funktion nicht immer eindeutig bestimmt werden. Daher schlie§t Andres in ihrer Interpretation vielfach über die Grä§e der Strukturen auf mägliche Funktionen der Gebäude.
Allerdings versucht Andres zumindest die Fragen zur Art der Milchwirtschaft trotzdem zu beantworten. Hier geht es um die Diskussion ob die eigentliche Käseherstellung am Befund zu erkennen ist. Für die Vollfettkäserei ist kein direkter Kühlraum notwendig, da die Milch nicht zum Abrahmen gelagert wird. Abrahmen bedeutet, dass die Milch vor der Verarbeitung zum Käse gelagert wird, sodass der Rahm sich absetzen und entnommen werden kann, um zum Beispiel Butter daraus herzustellen.
Das Phänomen, dass im Oberhasli auch bis weit in die Neuzeit hinein, anders als in anderen Regionen der Schweiz, noch einräumige Alpgebäude genutzt wurden, deutet Andres mit Hilfe der historischen Quellen als einen Hinweis dafür, dass Vollfettkäserei, für die keine Kühlräume in der eigentlichen Sennerei notwendig waren, noch viel länger als in anderen Regionen der Schweiz praktiziert wurde. Auch den in den Schriftquellen oft zu fassenden Buttermangel in den Städten führt Andres auf eine schwerpunktmä§ige Vollfettkäserei im Oberhasli zurück.
Dies ist zunächst nicht von der Hand zu weisen, widerspricht sich jedoch teilweise mit den Rückschlüssen, die sie selbst im Folgenden aufstellt. Denn es sind doch Ð wenn auch wenige Ð zwei- oder mehrräumige Gebäudegrundrisse vorhanden (s. das Beispiel Hinder Tschuggi). In ihrer Synthese interpretiert Andres diese als "frühe Formen einer Sennerei mit Milchkeller" (S. 203). Zudem führt sie selbst auch die Mäglichkeit an, dass Konstruktionen unter Felsen ebenfalls als Kühlraum genutzt wurden (z.B. S. 174), was wiederum auch auf das Abrahmen und die Herstellung von Butter hindeuten kännte. Dass solche künstlich erschaffenen oder natürlichen "Höhlen" für die Milchlagerung tatsächlich genutzt wurden, konnte auch bei Forschungen im Muotatal SZ erwiesen werden (s. Auf der Maur et al. 2005).
Insgesamt ist der Rückbezug des Kapitels "Kulturhistorische Einordnung" auf das Kapitel "Alpwirtschaft im Spiegel nichtarchäologischer Quellen" jedoch sehr gelungen. Durch die Einordnung der eigentlichen Befundbeschreibungen zwischen diesen beiden Kapiteln wird das Material interdisziplinär eingerahmt, es steht nicht einfach im Raum. Auch der Vergleich der Befunde nicht nur mit regionalen historischen Quellen, sondern mit archäologischen und historischen Quellen aus anderen Regionen der Schweiz hilft bei der genauen Einordnung der Befunde aus dem Oberhasli in die alpine Wüstungsforschung insgesamt.

In ihrer Schlussbewertung geht Andres noch einmal auf die Forschungsproblematik ein und plädiert für eine vermehrte Institutionalisierung der alpinen Archäologie in der Schweiz um Grabungsprojekte wieder verstärkt zu fördern. Dies ist wohl im Endeffekt die einzige Möglichkeit gesicherte Aussagen über das sonst schwer zu datierende Befundmaterial zu tätigen, wie Andres selbst in ihren Analysen stichhaltig beweist.
Besonders hervorzuheben ist schlussendlich die vorbildlich ausgeführte interdisziplinäre Betrachtung der Befunde und die Darstellung der alpinen Wüstungsforschung "als Schnittstelle von Archäologie, Geschichte, Volkskunde, Bauernhausforschung und Denkmalpflege" (S. 205). Zu ergänzen wäre eventuell noch, dass auch naturwissenschaftliche Methoden aus der Bioarchäologie, GIS zur Rekonstruktion von Weideflächen (s. Štular 2010) oder Daten aus Geoarchiven genutzt werden könnten und müssten, um ein annähernd vollständiges Bild der Nutzung der Alpen durch den Menschen - nicht nur in Mittelalter und Neuzeit - zu erlangen.

Der Band stellt somit eine wichtige Publikation für die weitere Forschung dar. Zwar handelt es sich um die Auswertung von regionalen Entwicklungen der Alpwirtschaft, aber durch die interdisziplinäre Herangehensweise und die Berücksichtigung aller Befundarten auch im Vergleich über das Berner Oberland hinaus schafft die Autorin es, die Befunde überregional einzuordnen. Wichtig sind auch ihre Analysen zur Sichtbarkeit der Wirtschaftsweisen im archäologischen Befund. Teilweise ist dies schon bei anderen Forschungen durchgeführt worden (s. z.B. Meyer et al. 1998), verdient insgesamt aber einen noch stärkeren Fokus in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, vor allem auch über die Schweiz hinau. Die Ansätze, die hier von Andres erbracht werden, können somit als Diskussionsgrundlage dienen.

Literaturhinweise


  • Auf der Maur et al. 2005:
    F. Auf der Maur / W. Imhof / J. Obrecht, Alpine Wüstungsforschung, Archäozoologie und Speläologie auf den Alpen Saum bis Silberen, Muotatal SZ, Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz 97, 2005, S. 11-74.
  • Meyer et al. 1998:
    W. Meyer et al., "Heidenhüttli". 25 Jahre archäologische Wüstungsforschung im schweizerischen Alpenraum, Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 23/24, 1998.
  • Štular 2010:
    B. Štular, Medieval High-Mountain Pastures in the Kamnik Alps (Slovenia): Mittelalterliche Almen in den Steiner Alpen (Slowenien), In: F.Mandl / H. Stadler (Hrsg.), Archäologie in den Alpen. Alltag und Kult, Forschungsberichte der ANISA 3, Nearchos 19, 2010, S. 259-272.
  • Weishäupl 2014:
    B. Weishäupl, Anthropogene Strukturen in den närdlichen Stubaier Alpen. Bericht über die Prospektionen von 2008 bis 2011, ANISA FB I. 10, 2014
  • Website des Vereins für Alpine Forschung (ANISA): http://www.anisa.at/index-2.htm




Anne-Sophie Ebert studiert Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg und arbeitet zurzeit an ihrer Masterarbeit über die frühmittelalterlichen Siedlungsbefunde in Neuwied-Gladbach. Ihren Bachelorabschluss in Archäologischen Wissenschaften, mit einem Schwerpunkt in Ur- und Frühgeschichtlicher Archäologie, absolvierte sie in Bochum.

Mittwoch, 2. Mai 2018

Bamberg International Summer School - Monitoring Heritage

Der Bamberger Dom steht im Mittelpunkt der
International Summer School zum Thema Monitoring Heritage
(Foto: R. Schreg, 2017)

Vom 30. Juli - 4. August 2018 läuft in Bamberg die International Summer School zum Thema Monitoring Heritage um nicht nur Studierende der Universität Bamberg, sondern auch Studierende anderer Hochschulen, national wie international praktische Erfahrungen sowie eine Einführung in die theoretischen Grundlagen der nicht-invasiven Strukturanalyse und der Erfassung historischer Gebäude zu bieten. Der Kurs beinhaltet eine theoretische Einführung zu verschiedenen Methoden der Strukturanalyse (Georadar, Seismik, Laserscanning) und deren Anwendung in und um den Bamberger Dom. Der Kurs wird in englischer Sprache abgehalten und kann im Studium mit 3 ECTS angerechnet werden. Von den 20 Plätzen sind 10 für externe, und 10 für lokale Studierende vorgesehen.
Der theoretische Teil des Kurses findet in den Räumen des Kompetenzzentrums Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien (KDWT) statt, die mit Seminarraum und gut ausgestattetem CIP-Pool sowohl Präsentationen als auch Datennachbearbeitung durch die Teilnehmer/innen ermöglichen.


Anmeldefrist: 

15. Mai, 2018


Registrierung

Organisation:

Herr Prof. Dr. Till Sonnemann (Informationsverarbeitung in der Geoarchäologie, Uni Bamberg)
Frau Prof. Dr. Mona Hess (Digitale Denkmaltechnologien, Uni Bamberg)
Herr Dr. Jesús Pacheco Martínez (Universidad Autónoma de Aguascalientes, Mexiko)

Mittwoch, 1. Februar 2017

Träumende Wächter - Lärmende Pilger

begleitende Materialien zur Vorlesung "Träumende Burgwächter – lärmende Pilger. Tonhörner als Quelle der Alltagsgeschichte: Objekte – Bilder – Texte ", Bamberg 1.2.2017


Abstract

Funde von keramischen Hörnern sind in Süddeutschland oft recht unscheinbare, aber doch nicht seltene Funde. Basierend v.a. auf Arbeiten Anfang der 1990er Jahre hat die Forschungen mehrere grundlegende Ergebnise erzielt:
  1. Datierung:
    überwiegend 12.-15. Jh.
  2. Typologie:
    verschiedene Hornformen, größte Gruppe sind die gebogenen Hörner
    facettierte und helle Hörner als dominierende Form und Farbe
  3. Fundstatistik:
    Dominanz von Funden von Burgen
  4. Klassifikation:
    Aach(en)horn
    • Zusammenhang mit der Aachenfahrt
    • nach Sebastian Virdung 1511
    • aber auch Hinweise auf verschiedene Produktionszenten und Verbreitungsschwerpunkte
  5. verchiedene Funktionen:
    z.B. Funktion als Wetterhörnerr (volkskundl. Quellen, Bildquellen)
  6. Vorbild:
    elfenbeinerne Olifanten 

Dieser Forschungsstand wirft weitergehende Fragen auf:
  • Lassen sich die Bedeutungszuschreibungen präzisieren?
  • Was bedeutet konkret das Vorbild der Olifanten?
  • Welche Aussagen lassen die Tonhörner über ihre Funktionalität hinaus über die Alltagswelt ihrer Nutzer zu?
Anhand eines Abgleichs mit literarischen Texten und Bildquellen lässt sich die wichtige Rolle des Rolandsliedes erkennen. Die Bedeutungszuschreibungen an den Olifanten Rolands betreffen dessen Wunderkräfte, die Herrschaftsbelehnung und generell ein höfisches/ ritterliches Leben. Es zeigt sich eine Interanktion von Objekt, Bild und sinnstiftendem Text, der uns erahnen lässt, warum die Tonhörner bevorzugt facettiert und hell gebrannt wurden - in Anlehnung an den Olifanten. Die Funde belegen die breite Kenntnis der Texte und ggf. auch der elfenbeinernen Olifanten, von denen viele in Kirchen zu sehen waren und von denen mehrere Roland zugeschrieben wurden. Zunächst unscheinbare archäologische Funde erzählen im interdisziplinären Kontext auch von Glaube, Mentalität und Herrschaft.


Archäologische Funde

Ausgewählte Beispiele

Köln
Köln, ca. 30 cm lang
(Foto: Bullenwächter [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons, freigestellt)

Geislingen, Burg Helfenstein
Geislingen, Helfenstein: Hornfragment aus den Grabungen der 1930er Jahre
(Heimatmuseum Geislingen, Foto: Kreisarchäologie Göppingen, m. freundl. Genehmigung)



Hohenwart
Markt Hohenwart
(Foto: Markt Hohenwart, m. freundl. Genehmigung B. & B. Rödig)



Mansfeld
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Halle: https://sketchfab.com/models/3a671319f1c94b4f8f60494a747c0565




Karten

  • Fundpunkte als shp zum Download
    Liste nach Literaturlage zusammengestellt von R. Schreg, Stand 27.1.2017. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Fehlende Angaben beruhen zumeist auf fehlenden Angaben in den Publikationen.
    Von Zeit zu Zeit werden Korrekturen und Ergänzungen eingepflegt werden - Hinweise sind willkommen. - Die Liste steht unter CC BY SA 4.0

Gesamtverbreitung der Tonhörner
(Karte: R. Schreg, Kartengrundlage auf Basis SRTM-Daten)

Chronologie der Tonhörner
(Karte: R. Schreg, Kartengrundlage auf Basis SRTM-Daten)

Farbe der Tonhörner
(Karte: R. Schreg, Kartengrundlage auf Basis SRTM-Daten)

Form (Querschnitt) der Tonhörner
(Karte: R. Schreg, Kartengrundlage auf Basis SRTM-Daten)


Fundkontext der Tonhörner
(Karte: R. Schreg, Kartengrundlage auf Basis SRTM-Daten)


Töpfereien mit Produktionsnachweisen von Tonhörnern und ihre bekannten Exporte
(Karte: R. Schreg, Kartengrundlage auf Basis SRTM-Daten)


Literarische Texte


La Chanson de Roland
(11./12. Jh.)
1761 Mit Mühe und Qual, unter großem Schmerz,
Bläst Graf Roland seinen Olifant.
1765 Der Schall des Horns, das er hält, trägt sehr weit:
Karl, der über die Pässe zieht, hört ihn.
2287 Er hält den Olifant, den er nie aus der Hand geben wollte,
Und schlägt ihm auf den Helm, der mit Gold und Edelsteinen verziert war ….
„Nun ist dadurch mein Olifant an der Öffnung gespalten,
Kristall und Gold sind abgefallen.
3683 Mit großer Heeresmacht ziehen sie durch Narbonne.
Er kam nach Bordeaux, in die mächtige Stadt.
Auf den Altar des edlen heiligen Severin
Legt er Olifant, der mit Gold und Goldmünzen aufgefüllt ist.
Die Pilger, die sich dorthin begeben, können ihn sehen.
(Übersetzung W. Steinsiek)



Pfaffe Konrad: Rolandslied

um 1170


v. 305ff.
Der Held Roland nahm
sein Horn zur Hand.
Er blies es mit voller Kraft,
dass dem Gott Apollo
und seinem Gefährten Mahomet
der Mut schwand.
Die Stimme versagte ihnen,
Furcht breitete sich aus.
Die Steinhäuser zitterten,
die Heiden verzagten.
Die Erde bebte.
Die Fische wurden unruhig.
Die Vögel erhoben ihre Stimmen.
Die Berge hallten alle wider.
Viele lagen vor Schreck wie tot.
Ein großes Wehklagen erhob sich.
(Übertragung D. Kartschoke)

Der Stricker, Karl der Große

1. H. 13. Jh.

364ff.

du solt diz swert und diz horn
dîme neven Ruolande geben.
der sol daz êwige leben
verdienen an der hervart.
daz swert heizet Durndart:
ich sage dir wærlîche,
ez sante dir got der rîche,
der hât ez selbe alsô genant.
daz horn heizet Olivant:

die namen gaber in beiden,
ich sage dir swelh heiden
375 mit dem swerte wirt wunt,
dem wirt niemer mê gesunt.
als Ruolant blæset daz horn,
sô wirt den heiden sô zorn,
daz si verliesent ir sin.

 

Bildquellen


Aachener Heiligtumsfahrt in der frühen Neuzeit

Zeigung der Aachener Heiligtümer auf der Heiligtumsfahrt 1622, unbekannter Künstler.
Am Dom im Hintergrund wird das weiße Kleid Mariens gezeigt,
rechts unterhalb der Bildmitte sind mehrere Pilger
mit gebogenen und gewundenen Hörnern zu erkennen.
via Wikimedia Commons (PD)

Zur Bedeutung des Olifanten

Minaturen aus einer St. Galler Handschrift des Stricker um 1300.


St. Gallen, Kantonsbibliothek, Vadianische Sammlung, VadSlg Ms. 302, f. II_3v – Rudolf von Ems, Weltchronik. Der Stricker, Karl der Grosse.
Karl der Grosse erhält Schwert und Horn von einem Engel überreicht und verleiht beide dann an Roland.
http://www.e-codices.unifr.ch/de/sendPage/vad-0302_214_003v/II_3v
CC BY NC 4.0

St. Gallen, Kantonsbibliothek, Vadianische Sammlung, VadSlg Ms. 302, f. II_50v – Rudolf von Ems, Weltchronik. Der Stricker, Karl der Grosse.
Roland mit dem Olifanten in der Schlacht von Roncesvalles
http://www.e-codices.unifr.ch/de/sendPage/vad-0302_214_050v/II_50v
CC BY NC 4.0

St. Gallen, Kantonsbibliothek, Vadianische Sammlung, VadSlg Ms. 302, f. II_52v – Rudolf von Ems, Weltchronik. Der Stricker, Karl der Grosse.
Der Tod des Roland
http://www.e-codices.unifr.ch/de/sendPage/vad-0302_214_052v/II_52v
CC BY NC 4.0




grundlegende Literatur

  • L. Dieu, Olifants, cors et trompes dans les fouilles médiévales et la sculpture romane, Pages d'archéologie médiévale en Rhône-Alpes 5/6, 2003, 133–142.
  • P. Fojtík, Keramický cášský roh ze zaniklé středověké vsi na k. ú. Kralice na Hané, okr. Prostějov, střední Morava. (Ceramic Aachenhorn from a deserted medieval village in the cadastre of Kralice na Hane, Prostejov district, central Moravia), Arch. rozhl. 67, 2015, 287–298.
  • A. Haasis-Berner, Hörner aus Keramik - Wallfahrtsdevotionalien oder Signalhörner? Zeitschr. Arch. Mittelalter 22, 1994, 15–38.- Liste, Darstellung der volkskundlichen Belege
  • C. Homo-Lechner, Cors et trompettes en céramique: objets domestiques, instruments de pelerin, ex-votos, ERAUL 61, 1994, 207–217.
  • C. Homo-Lechner, Sons et instruments de musique au Moyen Age. Archéologie musicale dans l'Europe du VIIe au XIVe siècle, Collection des Hespérides (Paris 1996).
  • L. Jansen, Aachenpilger in Oberfranken. Zu einem bemerkenswerten Keramikfund des späten Mittelalters aus Bamberg, Arch. Korrbl. 25, 1995, 421–434.
  • L. Jansen, Pilgerhörner aus Bergheim: Zeugnis der Aachener Heiltumsfahrt, Geschichte in Bergheim 22, 2013, 40–70.
  • E. Kühnel, Die Sarazenischen Olifanthörner, Jahrb. Berliner Mus. 1, 1959, 33–50.
  • H. E. J. Le Patourel, Ceramic Horns, in: D. R. M. Gaimster – M. Redknap (Hrsg.), Everyday and Exotic Pottery from Europe. Studies in honour of John G. Hurst (Oxford 1992) 157–166.
  • G. Mangelsdorf, Das Aachhorn von Greifswald - ein Beitrag zur mittelalterlichen Devotionalienkunde, Jahrb. Bodendenkmalpfl. Mecklenburg-Vorpommern 39, 1991, 219–225.
  • J. I. Padilla Lapuente – M. K. Álvaro Rueda, El sonido de la guerra: las trompas de la fortaleza medieval de Ausa (Zaldibia, Gipuzkoa), Acta historica et archaeologica mediaevalia 30, 2010, 453–485.
  • H. Schiffers, Aachener Heiligtumsfahrt. Reliquien-Geschichte-Brauchtum (1937)
  • A. Shalem, The oliphant. Islamic objects in historical context, Islamic history and civilization. Studies and texts v. 54 (Leiden, Boston 2004)
  • A. Shalem – M. Glaser – A. Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen (Berlin 2014)
  • D. Zoller, Der Fund von drei 'Aachenhörnern' bei Dringenburg, Gemeinde Wiefelstede, Ldkr. Ammerland, Arch. Mitt. Nordwestdeutschland 4, 1981, 73–74.


  • Weitere Literaturnachweise

    • G. Baccabére, Trompe d'appel, in: D. Baudis (Hrsg.), Archéologie et vie quotidienne aux XIIIe et XIVe siècles en Midi-Pyrénées. Musée des Augustins, 7 mars - 31 mai 1990 (Toulouse 1990) 251
      Bayer. Vorgeschbl. Beih. 16, 2004
    • G. Benker, Klanggeräte aus Ton, Bildführer d. Bayer. Nationalmus. 17 (München 1989)
    • Berichte zur Archäologie an Mittelrhein und Mosel 3 (Trierer Zeitschr., Beih. 14), 1993.
    • C. Bizer, Oberflächenfunde von Burgen der Schwäbischen Alb ein Beitrag zur Keramik- und Burgenforschung, Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter Bad.-Württ. 26 (Stuttgart 2006)
    • V. Boidard, Loisy. Une motte castrale de l'An mil : fouilles de Georges Berthoud et Georges Hurou, Bourgogne archéologique 19 ([Mâcon] 2002)
    • G. Démians d'Archimbaud, Rougiers : village médiéval de Provence; approches archéologiques d'une société rurale méditerranéenne (Lille 1980)
    • P. Dervieu, La poterie au moyen âge, Bulletin monumental 1909, 40–79
    • C Fabry, Die Ausgrabungen in der ehemaligen Pfarrkirche St. Martin in Jöhlingen, Gem. Walzbachtal, Kr. Karlsruhe (Magisterarbeit Bonn 1990).
    • Fundber. Bad. Württ. 22, 1998
    • U. Gross, Mittelalterliche Keramik zwischen Neckarmündung und Schwäbischer Alb. Bemerkungen zur räumlichen Entwicklung und zeitlichen Gliederung, Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter Bad.-Württ. 12 (Stuttgart 1991)
    • U. Gross, Die Keramikfunde aus der Burg Wersau. Kraichgau. Beitrõge zur Landschafts- und Heimatforschung 15, 1997, 142 Taf. 3,32-33.
    • R. Guadagnin, Fosses, Vallee de l'Ysieux. Mille ans de production céramique en Îe-de-France: Volume 2: Catalogue typochronologique des productions, Publications du Centre de Recherches Archéologiques et Historiques (Turnhout 2007)
    • J. O. Guilhot – A. Richard (Hrsg.), Ex pots. Céramiques médiévales et modernes en Franche- Comté (Montbéliard 1995)
    • H. Hagn, Altbayerische Töpfer. Keramikfunde vom 15. bis 19. Jahrhundert. Ausstellung der Prähistorischen Staatssammlung München in ihren Zweigmuseen ; Erstpräsentation im Burgmuseum Grünwald, 28. März bis 30. November 1990, Ausstellungskat. Prähist. Staatssamml. 18 (München 1990)
    • J. G. Hurst – D. S. Neal – H. van Beuningen (Hrsg.), Pottery produced and traded in north-west Europe 1350-1650. Rotterdam Papers 6 (Rotterdam 1986)
    • R. J. Ivens, Medieval Pottery from the 1978 excavations at Temple Farm, Brill, Records of Buckinghamshire 24, 1982, 144–172
    • C. Jigan, Les instruments à vent en terre cuite du XVIII siècle trouvés au Mont Saint-Michel (Manche), Revue archéologique de l'Ouest 7, 1990, 131–136
    • J. J. Jully, Deux trompettes en terre cuite du Mont Ventoux, Ogam 15, 1961, 427–430
    • A. Kottmann – R. Schreg, Archäologie und Geschichte der Burg Spitzenberg (Gemeinde Kuchen, Kreis Göppingen). Resumée einer Altgrabung von 1913, Hohenstaufen/Helfenstein. Historisches Jahrbuch für den Kreis Göppingen 8, 1998, 9–54
    • C. Krauskopf – U. Knefelkamp (Hrsg.), … davon nur noch wenige rutera zu sehen seyn sollen. Archäologische Ausgrabungen in der Burgruine Schnellerts. Zugl.: Bamberg, Univ., Magisterarbeit, 1994, Kultur- und Lebensformen in Mittelalter und Neuzeit 1 (Bamberg 1995)
    • Lassure/Villeval 1990
    • D. Mouton (Hrsg.), La Moutte d'Allemagne-en-Provence. Un castrum précoce du moyen âge provençal, Bibliothèque d'archéologie méditerranéenne et africaine 19 (Arles 2015)
    • Neujahrsgruß 2007
    • J. I. Padilla Lapuente – M. K. Álvaro Rueda, El sonido de la guerra: las trompas de la fortaleza medieval de Ausa (Zaldibia, Gipuzkoa), Acta historica et archaeologica mediaevalia 30, 2010, 453–485
    • G. Paolucci (Hrsg.), Musica e archeologia. Reperti, immagini e suoni dal mondo antico (Roma 2012)
    • Papinot et al. Merpins. Gallia informations 1989/2, 249-250.
    • A. Querrien (Hrsg.), Un village médiéval en Bas-Berry: Moulins-sur-Céphons (Moulins-sur-Céphons 1988)
    • D. Rippmann, Die Untersuchungen auf dem Tannenfels bei Baiersbronn-Obertal. Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter Baden- W³rttemberg 7 (1981) 399 Abb.21,38
    • M. Sanke, Die mittelalterliche Keramikproduktion in Brühl-Pingsdorf. Technologie - Typologie - Chronologie, Rhein. Ausgr. 50 (Mainz 2002)
    • A. Schmitt, Burg Tannenberg bei Seeheim-Jugenheim, Lkr. Darmstadt-Dieburg. Eine spätmittelalterliche Ganerbenburg im Licht der archäologischen Funde, Univforsch. Prähist. Arch. 151 (Bonn 2008)
    • W. Schäfke – M. C. Trier – B. Mosler (Hrsg.), Mittelalter in Köln. Eine Auswahl aus den Beständen des Kölnischen Stadtmuseums (Köln 2010)
    • B. Scholkmann, Sindelfingen, obere Vorstadt. Eine Siedlung des hohen und späten Mittelalters, Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter Bad.-Württ. 3 (Stuttgart 1978)
    • H.-G. Stephan, Keramische Funde aus Luthers Elternhaus, in: H. Meller (Hrsg.), Luther in Mansfeld. Forschungen am Elternhaus des Reformators, Archäologie in Sachsen-Anhalt. Sonderband 6 (Halle/Saale 2007) 139–158
    • K. Tarcsay, Frühneuzeitliche Glasproduktion in der Herrschaft Reichenau am Freiwald, Niederösterreich, Fundber. Österreich Materialh. A 19 (Wien 2009)
    • C. Wieczorek, Ausgrabungen im ehemaligen Schloß Dallau, Gemeinde Elztal, Neckar-Odenwald-Kreis, Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 1990, 292–295
    • M. Wintergerst, Ein Signalhorn aus Staffelstein, Landkreis Lichtenfels, Oberfranken, Arch. Jahr Bayern 2000, 135–136

    Danksagung

    Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Esslingen: U. Gross  Bayer. Landesamt für Denkmalpflege, München: R. Obst Université de Tours: Ph. Husi Stadtmuseum Ingolstadt: G. Riedel RGZM, Mainz / Mayen: A. Frey, M. Steinborn, L. Grunwald, St. Wenzel Kreisarchäologie Göppingen: R. Rademacher, M. Weidenbacher Universidad del Pais Vasco: J.A. Quirós Castillo, J. M. Tejado Sebastián Eberhard-Karls-Universität Tübingen: S. Hirbodian Universität Wien: S. Eichert K. Kühtreiber (Wien) B. & B. Rödig (Hohenwart) den Mitgliedern der facebook-Gruppen ‚Mittelalter selbstgemacht“ und ‚Mittelalter‘ 
     
    Korrekturvermerk
    18.6.2021: Download-Link korrigiert, Version Abb. Fundart ausgetauscht (wg. falscher Farbdarstellung)

    Donnerstag, 12. Januar 2017

    Die Hausbücher der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen

    Die Hausbücher der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung in Nürnberg stellen ein wichtiges Beispiel für die Bedeutung der Bildquellen dar, wenn es um die Interpretation archäologischer Funde geht.
    1388 hatte der Nürnberger Händler Konrad Mendel ein Altenheim gestiftet, das zwölf Plätze umfasste. Die Stiftung bestand bis ins 19. Jahrhundert. Seit etwa 1425 wurde jeder „Mendelbruder“ im Mendelschen Hausbuch porträtiert. Zumeist - vor allem bei den älteren Darstellungen - sind die Brüder in ihrem Beruf dargestellt. In mittelalterarchäologischen Publikationen finden sich regelmäßig Abbildungen aus den Hausbüchern, allerdings in sehr eingeschränkter Auswahl.
    Insgesamt 765 großformatige Handwerkerdarstellungen zeigen zahlreiche Alltagsdarstellungen aus zahlreichen Berufen, wie Sattler, Waagmeister, Paternosterer... Sie zeigen Produktionsprozesse, aber auch zahlreiche Objekte, die für die Bestimmung archäologischer Funde von großer Bedeutung sind.

    Paternosterherstellung
    Menelsche Zwölfbrüderstiftung
    (PD, via WikimediaCommons)
    In einem Digitalisierungsprojekt wurden vor einigen Jahren die Bilder online gestellt:
    Die Nutzungsrechte der Bilder sind umstritten. Die Stadtbibliothek Nürnberg hat die online-Bilder mit einem Wasserzeichen versehen und macht damit Nutzungsansprüche geltend, die aber beispielsweise WikimediaCommons als "Copyfraud"  zurück weisen, die die Bilder unter https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Hausbuch_der_Mendelschen_Zw%C3%B6lfbr%C3%BCderstiftung_Band_1 mit einer CC-Lizenz eingestellt haben.

    Dienstag, 6. Dezember 2016

    Entwicklungen der Archäologie des Mittelalters

    Fast 30 Jahre nach der Publikation der wegweisenden Einführung in die Archäologie des Mittelalters von Günter P. Fehring (1987) haben wir nun ein neues Buch geschrieben, das die Archäologie des Mittelalters als wissenschaftliche Disziplin umreißt. Dass sich in 30 Jahren nicht nur ein enormer Quellenzuwachs ergeben hat, sondern dass sich auch die Sichtweisen verändert haben, dürfte nicht verwundern. Während meines Studiums war das Buch von Fehring noch neu und gab in der Tat eine gute Übersicht über das Fach. 
    Aber bei einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit der Theorie der Archäologie des Mittelalters wurden bald die  Grenzen der Konzeption der Archäologie des Mittelalters deutlich, wie sie in der Einführung Fehring erkennbar wurden. Vor 15 Jahren hatte ich die Gelegenheit, die Neuauflage von Fehrings Einführung zu rezensieren, die mit nur wenigen Aktualisierungen auskam - vornehmlich ergänzenden Nennungen neuer Grabungen und Nachträgen im Literaturverzeichnis. Meine Kritik zielte auf die methodisch-theoretische Konzeption, wie sie sich unter anderem in der Definition des Faches niederschlug (vergl. Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Archaeologik 29.11.2016). Konkret richtete sich meine Kritik auf die folgenden Punkte:



  • der enge Bezug auf die Geschichtswissenschaften, ohne dass das Geschichtsverständnis präzisiert wurde (das aber aus dem Kontext zu erschließen eher traditionell zu verstehen ist)


  • die daraus resultierende explizite Ablehnung archäologischer Theorie  insbesondere der 'new archaeology'


  • die explizite Festlegung auf archäologische Methoden, konkreter die der Ur- und Frühgeschichte


  • daraus resultierend das Ausklammern der Bauforschung (die in der klassischen Archäologie durchaus  in das archäologische Methodenspektrum integriert sind) und


  • der geringe Stellenwert der Sachkulturforschung


  • fehlende Überlegungen zur Verknüpfung archäologischer und schriftlicher Quellen.





  • neue Entwicklungen

    Tatsächlich dürften dies die Bereiche sein, in denen die Diskussion in der Archäologie des Mittelalters (und der Neuzeit) in den vergangenen 30 Jahren die stärksten  Fortschritte gemacht hat - vor allem dadurch, dass die Themen überhaupt als solche erkannt wurden.
    1. Die Rolle der Geschichtswissenschaften wird zunehmend durch einen Bezug auf die historischen Kulturwissenschaften relativiert, oder wenigstens ergänzt. Hier ist beispielsweise auf Beiträge von I. Ericsson, C. Theune, U. Müller und auch von mir selbst zu verweisen.
    2. Die insgesamt in der deutschen Archäologie zunehmende Theoriediskussion betrifft auch die Archäologie des Mittelalters, sowohl was Theorie im Sinne einer Entwicklung von Fragestellungen und Hypothesen betrifft, als auch in Bezug auf Theorie im Sinne einer kritischen Selbstreflektion der Fachstrukturen und der handelnden Personen. Die entscheidenden Beiträge stammten hier zunächst aus dem angelsächsischen Raum, werden aber zunehmend auch in der deutschsprachigen mittelalterarchäologischen Community rezipiert.
    3. Ich sehe auch eine durchaus interdisziplinäre Öffnung, die mehr an Fragestellungen und Kompetenzen orientiert ist, als an disziplinären Claims. Das ist freilich noch eher zögerlich, aber zunehmend greifen Überblicksarbeiten weiter aus und greifen auf Ergebnisse und Theorien von Nachbardisziplinen zurück. Dieser Trend lässt sich an den Definitionen des Faches ablesen (vergl. Definitionen der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Archaeologik 29.11.2016).
    4. Eine pragmatische Auseinandersetzung mit den Zuständigkeiten von Archäologie und Bauforschung hat dazu geführt, dass zunehmend integrative Projekte durchgeführt wurden, die beispielsweise einzelne städtische Fachwerkhäuser bauhistorisch und archäologisch untersucht haben.
    5. Die Sachkulturforschung wurde zwischenzeitlich sowohl von Archäologen als auch von Historikern als Aufgaben- und Forschungsfeld umrissen. Zu nennen ist hier die grundlegende Arbeit von Sabine Felgenhauer, die noch stark den Bezug zur klassischen Kulturgeschichte suchte. Inzwischen ist ein zunehmender Einfluss der historischen Kulturwissenschaften zu vermerken, der sich darin äußert, dass Objekte im Kontext sozialer Praxis gesehen werden. Zu verweisen ist auf die Thematisierung des Habitus (vergl. Archaeologik 14.12.2012; publiziert: Schreg u.a. 2013), die explizit beispielsweise in der Arbeit von Ulrich Müllers zu Handwaschgefäßen vorgenommen wurde.
    6. Grundsätzliche Überlegungen zur Verknüpfung archäologischer und schriftlicher Quellen hat der Schwede Anders Andrén schon etwa zum Zeitpunkt der Erstpublikation von Fehrings Einführung vorgelegt. Die wurde inzwischen - etwas zögerlich - auch im deutschsprachigen Raum aufgegriffen.
    Darüber hinaus konnte seit den 1990er Jahren eine Internationalisierung des Faches festgestellt werden (vergl. Archaeologik demnächst), wie sie etwa im Medieval Europe Research Congress (MERC - jetzt Medieval Europe Research Commitee im Rahmen der EAA) oder der Ruralia Association zum Ausdruck kommt.

    Umsetzung

    Mit dem Schreiben einer neuen Einführung bot sich die Chance (und Notwendigkeit), die eigenen Kritikpunkte umzusetzen und neueren Entwicklungen  Rechnung zu tragen. In einigen Punkten setzt sie sich ganz bewusst von der älteren Arbeit Fehrings ab. Da wir in dem neuen Buch diesen Kontrast nicht herausgearbeitet haben, er aber interessant erscheint, wenn es darum geht, die Entwicklung des Faches in den letzten Jahren zu skizzieren, seien hier jene Punkte angeführt, die jedenfalls für mich beim Schreiben der Beiträge wichtig waren.

    Wir haben die Definition des Fachs anders formuliert.
    Die Archäologie der Neuzeit sollte einbezogen werden. Wir haben dies nur moderat getan, da die Entwicklung dieses Forschungsgebietes gerade sehr rasch voranschreitet. Nach einer Phase, in der die Neuzeitarchäologie in Deutschland überwiegend  an Kriegen und "Tatorten" interessiert war,  wendet sie sich nun breiteren Themen zu, kommt dadurch aber auch in die Situation, genauer ihr Erkenntnisinteresse darstellen und erklären zu müssen, worin die Sinnhaftigkeit einer archäologischen Auseinandersetzung mit der Neuzeit besteht. Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit verstehen wir primär als eine historische Archäologie.

    Wir formulieren keine Abgrenzung gegenüber den Geschichtswissenschaften oder der Kunstgeschichte vor. Hier gibt es Überschneidungen, von denen ein interdisziplinärer Diskurs nur profitieren kann.
    Fehring hatte in seinem Buch keinerlei theoretische Reflektion über die weitergehenden Ziele der archäologischen Forschung. Hier ergeben sich aber zahlreiche Themen, die für das Verständnis und die Weiterentwicklung des Faches von grundlegender Bedeutung sind. So ist das Geschichtsverständnis oder der Kulturbegriff des Faches ebenso zu hinterfragen, wie seine Narrative in der Vermittlung der Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit. Deshalb enthält der Band im Methodenkapitel einen relativ ausführlichen Teil zu Quelleninterpretation und Theorie. 

    Keramik trat in der Einführung Fehrings nur im Kontext der Chronologie auf. Tatsächlich sind Keramikscherben darüber hinaus eine wichtige Quelle zur Alltags- und Wirtschaftsgeschichte, bisweilen auch zur Umweltgeschichte. Der Themenbereich der Sachkultur sollte stärker betont werden. Das haben wir erreicht, indem die wichtigsten Fundgruppen eigene kästchenförmige Exkurse erhalten haben.

    4. Obwohl sich das Buch auf den deutschen Sprachraum konzentriert, greift es punktuell immer wieder darüber hinaus, etwa, wenn die byzantinische Archäologie oder die islamische Archäologie kurz präsentiert werden.


    Literaturhinweise

    Andrén 1998
    A. Andrén, Between artifacts and texts. Historical archaeology in global perspective, Contributions to global Historical Archaeology (New York 1998)

    Ericsson 2000
    I. Ericsson, Archäologie des Mittelalters - eine Kulturwissenschaft?, Das Mittelalter 5, 2000, 141–148

    Fehring 1987
    G. P. Fehring, Einführung in die Archäologie des Mittelalters (Darmstadt 1987)

    Felgenhauer-Schmiedt 1995
    S. Felgenhauer-Schmiedt, Die Sachkultur des Mittelalters im Lichte der archäologischen Funde, Europ. Hochschulschr. R. 38 42 2(Frankfurt am Main 1995)

    Müller 2006
    U. Müller, Zwischen Gebrauch und Bedeutung. Studien zur Funktion von Sachkultur am Beispiel mittelalterlichen Handwaschgeschirrs (5./6. bis 15./16. Jahrhundert), Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Beiheft 20 (Bonn 2006)

    Müller 2013
    U. Müller, Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit im Gefüge der historischen Archäologien, in: K. Ridder – S. Patzold (Hrsg.), Die Aktualität der Vormoderne. Epochenentwürfe zwischen Alterität und Kontinuität, Europa im Mittelalter 23 (Berlin 2013) 61–90

    Schreg 2001
    R. Schreg, [Rez.zu]: Die Archäologie des Mittelalters. Eine Einführung, Arch. Inf. 24, 2001, 331–334

    Schreg 2007
    R. Schreg, Archäologie der frühen Neuzeit. Der Beitrag der Archäologie angesichts zunehmender Schriftquellen, Mitt. Dt. Ges. Arch. Mittelalter u. Neuzeit 18, 2007, 9–20

    Schreg 2010
    R. Schreg, Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit: eine historische Kulturwissenschaft par excellence?, in: M. Dreyer – J. Kusber – J. Rogge – A. Hütig (Hrsg.), Historische Kulturwissenschaften. Positionen, Praktiken und Perspektiven, Mainzer Historische Kulturwissenschaften 1 (Bielefeld 2010) 335–366

    Schreg u. a. 2013
    R. Schreg – J. Zerres – H. Pantermehl – S. Wefers – L. Grunwald – D. Gronenborn, Habitus – ein soziologisches Konzept in der Archäologie, Arch. Inf. 36, 2013, 101-112 - DOI: 10.11588/ai.2013.0.15324
     
    Theune 2009
    C. Theune, Ganzheitliche Forschungen zum Mittelalter und zur Neuzeit, in: S. Brather – D. Geuenich – C. Huth – H. Beck (Hrsg.), Historia archaeologica. Festschrift für Heiko Steuer zum 70. Geburtstag, RGA Ergbd. 70 (Berlin 2009) 755–764

    Theune 2012
    C. Theune, Zeitgeschichtliche Archäologie. Forschungen und Methoden, Fundber. Österreich 51, 2012, 121–126

    Theune 2014
    C. Theune, Archäologie an Tatorten des 20. Jahrhunderts, Archäologie in Deutschland. Sonderheft (Darmstadt 2014)