Sonntag, 11. März 2018

Kulturgutzerstörung als Waffe

Helga Turku

The Destruction of Cultural Property as a Weapon of War
ISIS in Syria and Iraq

(Cham: Pallgrave Macmillan/Springer 2017)

ISBN 9783319572819

207 S, 10 Farbabb.
 123,04€, als ebook 89,99€



Die Zerstörung von kulturellem Eigentum als Kriegswaffe ist leider ein hochaktuelles Thema, das in den vergangenen Jahren durch die inszenierten provokativen Aktionen des Daesh (IS/ ISIS) stark in den Medien und auch auf zahlreichen speziellen Tagungen präsent war. Aufgrund der Aktualität sind jedoch viele Fragen ungeklärt und Einschätzungen stützen sich überwiegend auf journalistische Recherchen.
So ist die Erwartung an eine wissenschaftliche Publikation zum Thema, hier systematisch belastbare Fakten zusammenzutragen.

gezielte Kriegszerstörungen

Helga Turku reflektiert in Kapitel 1 zunächst die Rolle der Kulturgutzerstörung als Kriegswaffe. Sie skizziert dazu die Bedeutung von Kulturgut für die Stabilität von Gesellschaften und frägt nach seiner Relation zu Menschenrechten und zur Sicherheitslage.
Das zweite Kapitel gibt einen historischen Abriss der Kulturgutzerstörung, wobei neben Daesh vor allem die Taliban in Afghanistan behandelt werden, aber auch die Roten Khmer und der jugoslawische Bürgerkrieg. Turku greift hier aus bis in die Antike, die sie weit ausführlicher behandelt als den Zweiten Weltkrieg. Sie geht hier auch auf die Beschlagnahmung entarteter Kunst vor 1938 ein und die Profite, die das NS-Regime daraus zu erreichen versuchte. Nur im indirekten Zitat verweist Turku auf das preußische Militärhandbuch "Kriegsbrauch im Landkriege" von 1902 wonach in einem modernen Krieg auch Kulturgutzerstörung Teil des Kampfes sei: "Ein mit Energie geführter Krieg kann sich nicht bloß gegen Kombattanten des feindlichen Staates und seine Befestigungsanlagen richten, sondern er muß in gleicher Weise die gesamten geistigen und materiellen Hilfsquellen desselben zu zerstören suchen." (Kriegsbrauch im Landkriege [Berlin 1902] 1-2). Die gezielte Zerstörung von Kulturgut ist also keineswegs ein barbarischer Akt, der Europa fremd ist. 

Der kleinere der Buddhas von Bamiyan vor und nach der Sprengung
(Fotos: UNESCO/A Lezine/ Carl Montgomery
[CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

Die Frage der Blutantiken

Bei der Darstellung von "Cultural Property in the Hands of Religious Extremists" (S. 37-52) thematisiert Turku  die Taliban in Afghanistan und die Zerstörung der Buddahs von Bahmian sowie das Schicksal des Nationalmuseums in Kabul. 2001 sprengten die Taliban nach vorheriger Ankündigung die monumentalen Buddha-Figuren von Bamiyan. Mit einer Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten begründeten die Taliban ihre Tat damit, dass diese Bildnisse Götter der Ungläubigen gewesen seien, die auch heute noch geachtet würden und so möglicherweise wieder zu Göttern erhoben werden könnten. Gerade die internationale Hochschätzung trägt hier erheblich zur Gefährdung bei. Danach attackierten die Taliban das Nationalmuseum in Kabul. Dort wurden 2500 Objekte zerstört, rund 70.000 Objekte sind während des Bürgerkriegs verloren gegangen. 11.000 wurden im Land sichergestellt, 875 mittels Interpol im Ausland. In diesen Handel waren verschiedene Warlords involviert, aber auch die Taliban haben daran verdient. Nach Aussagen eines abtrünnigen Talibanführers kassierten sie von afghanischen Händlern, die ihre Geschäfte in die Vereinigten Arabischen Emirate verlegt hatten, Abgaben für die sichere Passage der Objekte. Dass bereits damals der Handel mit Antiken der Finanzierung des Terrorismus diente, deutet sich darin an, dass in den Jahren 2000/2001 Mohammed Atta, einer der 9/11 Attentäter für den Verkauf afghanischer Antiken einen Kunstexperten der Universität Göttingen kontaktierte.

Hier findet sich denn auch ein Abschnitt (S. 48-49), der die bisherigen Schätzungen zu den Einnahmen von ISIS aus dem Antikenhandel referiert.
  • Mai 2015, Irakischer Botschafter bei der UN: 100 Millionen $
  • September 2015, US-Department of State: "several million dollars ..  since mid-2014"
  • März 2016, Russischer Botschafter bei der UN: 150-200 Millionen $ pro Jahr  
Nur das US-Department of State gibt für seine Schätzung jedoch eine konkrete Quelle, nämlich Unterlagen von IS-Aktivisten an.
Die Diskussion um diese Schätzungen, die insbesondere aus - von Turku hier nicht zitierten -  Kreisen des Kunsthandels als übertrieben dargestellt werden, beinhaltet Bedenken gegen die Publikation solch hoher Zahlen, da dies weitere Raubgräber ermutigen könnte. Zu ergänzen wäre hier, dass in der Tat hohe Schätzungen der Erlöse aus Antikenhandel für den Terrorismus von einigen Kollegen mit der Hoffnung verbunden wurden, dass das Thema der Raubgrabungen endlich die nötige Aufmerksamkeit erhalte und auf die politische Agenda gesetzt würde. Das wird nun freilich von der Händlerlobby etwa als Argument gegen das neue deutsche Kulturgutschutzgesetz angeführt. Turku verweist indes darauf, dass für die Terrorakte in Amerika und Europa keineswegs große Finanzsummen nötig seien. Sie verweist auf die Terroranschläge in Brüssel am 22. März 2016, bei denen laut belgischer Medien einer der Selbstmordattentäter in den illegalen Kunsthandel involviert gewesen sein soll. Entsprechende Berichte gibt es auch für einen der Attentäter vom 13. November 2015 in Paris.
Turku postuliert, dass die Einnahmen von IS aus Antikenraub wohl bedeutend geringer sind, als jene aus Öl, dass sie aber für die Terrororganisation wichtig seien, da sie anders als Öllieferungen kaum durch gezielte Militärschläge zu unterbinden seien. Antiken können unauffällig gehandelt werden und können sehr leicht bei Zivilisten versteckt werden. Mit dem Niedergang seiner Territorialmacht dürfte die Bedeutung des Antikenhandels für den Terrorismus daher auch eher an Bedeutung gewinnen. Aus den Unterlagen des IS-Finanzadministrators Abu Sayyaf, den das US-Militär 2015 in Syrien gestellt hat, ist bekannt, dass ISIS ein "Ministerium für wertvolle Dinge, die aus dem Boden kommen" unterhalten hat, zu dessen Aufgaben "Forschungen an bekannten Fundstellen, die Erschließung von neuen Fundstellen und das Marketing von Antiken" zählten. IS besteuerte private Raubgräber mit 20%igen Steuern auf den Verkauf der Antiken. Zwischen 6.12.2014 und 26.3.2015 wurden damit allein im Zuständigkeitsbereich von Abu Sayyaf 265.000 $ an Steuern auf Raubgrabungsgut eingenommen. IS scheint die Plünderer mit dem Vertrieb von Metalldetektoren und der Bereitstellung von Bulldozern unterstützt zu haben (S. 50). Mit Checkpoints wurden 'unautorisierte Plünderungen' unterbunden. Ein unautorisierter Antikenschmuggler, bei dem Daesh-Mitglieder palmyrenische Grabreliefs gefunden hatten, wurde im Sommer 2015 öffentlich ausgepeitscht, die Grabreliefs wurden öffentlichkeitswirksam zerstört. Zur Kontrolle des Antikenhandels soll IS auch Angehörige von Antikenhändlern als Geiseln genommen haben.
Neben dieser Lizenzierung und Kontrolle des Antikenhandels haben IS-Angehörige auch selbst Raubgrabungen durchgeführt. Auch den Weiterverkauf scheint IS nach Angaben des russischen Botschafters bei der UN immer stärker kontrolliert zu haben, in dem via Social Media versucht wurde, direkt Käufer im Ausland zu finden.

Das Problem der Identitätsstiftung

Kapitel 3 - "Long-Term Security Repercussions of Attacking Cultural Property" -  setzt sich mit der Frage auseinander, wie sich die neue Qualität der Kulturgutzerstörung, die Helga Turku als Fazit des Vorigen erkennen möchte, langfristig auf die Gemeinschaften auswirkt.
Im Falle von ISIS dienten die durchdacht inszenierten Kulturgutzerstörungen drei Zielen (S. 69):
  1. dem sichtbaren Ausdruck der eigenen Ideologie mit den eigenen Anhängern wie auch der Weltöffentlichkeit als Zielpublikum
  2. der Darstellung der eigenen historischen Bedeutung
  3. dem Triumph über die Werte anderer.
Eine zentrale Rolle spielt jedoch die religiöse Komponente,  die das Kaliphat als religiös homogen versteht und alle abweichenden Glaubensvorstellungen als ketzerisch brandmarkt. Dementsprechend sind auch nur 3% der von IS zerstörten Kulturgüter als antik zu klassifizieren, bei der großen Mehrzahl handelt es sich um Denkmale des Glaubens wie Moscheen oder Schreine, deren Baubestand nicht unbedingt alt sein muss (S. 72).
ISIS richtet sich mit seinem Kaliphat gegen die modernen Staaten, die sich entsprechend einem letztlich im Westen entwickelten Konzept als Nationalstaaten zu konstituieren suchen und dazu ihrerseits of auf das kulturelle Erbe zurück greifen. Greift man diesen Gedanken auf, so ist ein Ziel der ISIS-Zerstörungen von Kulturgut gerade in der auch bei Archäologen beliebten Argumentation zu suchen, Kulturerbe sei identitätsstiftend, ohne dass dabei hinterfragt wird, um wessen Identität es denn geht. Unbewusst, automatisch gar beziehen wir diese Identität auf die staatliche Ebene und damit auf das Konzept des Nationalstaates. Dieses Konzept ist im Nahen Osten jedoch im Wesentlichen erst eine Folge der politischen Zersplitterung seit dem 19. Jahrhundert. Gerade in Syrien hat das Assad-Regime (wie Hussein im Irak) die Vergangenheit für die eigene Herrschaft in Anspruch genommen und damit einen schwierigen Spagat zwischen Pan-Arabismus und Nationalismus versucht.
Dabei geht es nach Turku eher um Horror als um Terror. Es geht um die Zerstörung der Psyche der Menschen, für die Traditionen und historische Identitäten ein wichtiger Baustein sind. Die Bildsprache und Horrorvorstellungen funktionierten indes nur, weil die modernen Medien eine unendliche Reproduzierbarkeit und Verbreitung solcher Ereignisse und Bilder ermöglichen (S. 70).
Hieran schließt sich eine wichtige Debatte über die Symbolhaftigkeit der Vergangenheit, ihre Dokumente und Monumente für moderne Staaten an. Diese Konstruktionen basieren auf linearen Geschichtsbildern, die moderne Nationen in der Vergangenheit projizieren und Kontinuitäten voraussetzen, dem historischen Normalfall des Wandels aber nur wenig Beachtung schenken. Gerade die Erhaltung archäologischer Fundstellen und Monumente als wissenschaftliche Quellen sieht Turku als hilfreich an, um eine Geschichtsschreibung zu fördern, die Ideologie und Politik so weit möglich vermeidet und den universellen Werten der Menschheit verpflichtet bleibt (S.  80). Dazu freilich müssen sich Archäologen im allgemeinen und archäologische Museen im besonderen ihrer Verantwortung bewusst sein und dürfen nicht ihrerseits  eine in ihrem Kontext ahistorische nationale Identität zu ihrem primären Narrativ machen.


Palmyra vor dem Bürgerkrieg
(Foto M. Scholz)

Internationales Recht im Wandel

Kapitel 5 breitet das internationale Recht beim Schutz von Kulturgütern in bewaffneten Konflikten aus (S. 99ff.). Angesprochen werden die Konvention von den Haag aus dem Jahr 1954, die UNESCO-Konvention von 1970 und 1972 und die UNIDROIT Konvention von 1995 sowie die konkrete Rechtssprechung zu Kriegsverbrechen betreffend Kulturgut aber auch Völkermord. Unter dem Begriff Völkermord war zunächst nur die physische bzw. biologische Ausrottung von Völkern gemeint, doch wird immer mehr auch der kulturelle Völkermord diskutiert. Zu Recht zögert man jedoch die Zerstörung von religiösen Bauten und die Schließung von Bibliotheken mit den Massenmord in Gaskammern in einer gemeinsamen Konvention zusammenzufassen. Auch vor dem Internationalen Gerichtshof war der Begriff bei den Verhandlungen im Kontext der Kriegsverbrechen im jugoslawischen Bürgerkrieg abgelehnt worden. Allerdings wertete er die gleichzeitige Zerstörung von Kulturgut als Beweis, dass tatsächlich der Tatbestand des Völkermords vorliege. 
Die neue Runde des Terrorismus nach 9-11 und die zunehmende Bedrohung von Kulturgut hat zu verschiedenen politischen Reaktionen geführt, die in Kapitel 6 "International and State Response to Terrorists' Attacks and Plunder of Cultural Heritage in War Zones' (S. 135ff.). In mehreren UN-Resolutionen (2249 [pdf], 2253 [pdf], 2322 [pdf], 2347 [pdf]) wurden der Sicherheitsaspekt, die Notwendigkeit internationaler Kooperation auch auf Basis bilateraler Verträge betont. Eine der konkreten Folgen ist die Schaffung der "Blue Helmets for Culture" sowie das Konzept der "Safe Havens".
In diesem Kontext wird auch er Kriegsverbrecherprozess gegen Ahamd al Faqi Al Mahdi dargestellt (S. 139ff.), der 2016 vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen der Kulturgutzerstörungen in Timbuktu geführt wurde. Dabei wurde argumentiert, dass es dabei um die Auslöschung der Wurzeln eines ganzen Volkes gegangen sei, dessen soziale Praxis und sozialen Strukturen in nicht wieder gut zu machender Weise beschädigt wurden.
Die Probleme der Verfolgung liegen in der parallelen Existenz eines illegalen und eines vermeintlich legalen Marktes, was zahlreiche Möglichkeiten des Antikenwaschens bietet. Neben Gesetzeslücken verschleiern häufig wissenschaftliche Bearbeitungen und Ausstellungen die illegale Herkunft, wie auch gefälschte Dokumente. Als weitere Maßnahmen bespricht Turku die roten Listen von ICOM (S. 145f.), die Überwachung von ebay-Angeboten (S. 146), das Konzept der Save Havens (S. 147ff.) und verschiedene US-Gesetze wie den US Anti-Terrorist Act (S. 149ff.), die sie insgesamt als geeignete Maßnahmen bewertet, den illegalen Antikenhandel und -Zerstörung in Irak, Syrien und anderswo einzudämmen (S. 154).


Antikenhandel

An verschiedenen Stellen des Buches wird die Rolle des illegalen Antikenhandels angeschnitten, aber erst in Kapitel 6 wird ihm ein eigenes, kurzes Kapitel ausdrücklich gewidmet (S. 173-174).
Als eines der Probleme bei der Bekämpfung des illegalen Antikenmarkts haben die unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen in der Handelskette zu gelten. Mag die Ausfuhr aus einem Staat illegal sein, so kann dennoch anderswo der Import legal sein - oder nur an leicht zu umgehende Fristenregelungen gebunden sein, wie derzeit in Deutschland. So gibt es selbst bei ebay für das Angebot von Antiken national sehr unterschiedliche Regularien. Hinzu kommen die Schwierigkeiten des Provenienznachweises, wo uneinheitliche Verfahren, gefälschte Provenienzpapiere und bewusste Verschleierung es schwierig machen, auch nur den Herkunftsstaat geschweige denn den Fundort oder den betreffende archäologischen Befundkontext zu rekonstruieren.

Wie bei den Schätzungen der Einnahmen des IS aus dem Antikenhandel ist es natürlich auch bei Schätzungen des globalen Ausmaßes außerordentlich schwer, irgendwelche Zahlen zu benennen, zumal die Grenzen zwischen illegalem und formal legalisiertem Handel schwimmend sind. Turku führt hier einige der Schätzungen an (S. 173), die Kunst und Antiken gleichermaßen umfassen:
  • FBI: "billions of dollars annually"
  • Global Financial Inegrity, 2011: "3.4 - 6.3 billion $ annually" (das wären nach UNODC 0,8% des illegalen zwischenstaatlichen Vermögenstransfers)
Letztlich zitiert Turku damit zwei bekannte Schätzungen zum Umfang des Antikenhandels. Da es hier um illegale Geschäfte geht, kann es natürlich keine belastbaren statistsichen Daten geben. Das Problem ist, dass zu den bisherigen Schätzungen kaum eine Berechnungsgrundlage bzw. die zugrunde gelegten Annahmen vorgelegt worden sind. Dass es tatsächlich um Millionen geht, ist indes leicht ersichtlich, wenn man einfach aus einem Auktionskatalog die Schätzwerte all der Objekte summiert, die keine seriöse Provenienzangabe aufweisen. Das Argument, das auch jetzt wieder im Nachklapp zum deutschen Kulturgutschutzgesetz vorgebracht wird, dass bislang keine Antiken aus Syrien und Irak aufgetaucht seien (z.B. T.E. Schmidt, Kulturgutschutzgesetz ohne Grundlage. Weltkunst 23.2.2018), zieht nicht. Wir wissen inzwischen aus vielen Fällen, dass illegale Funde zum Zwecke der Reinwaschens oft jahrelang in Depots gelagert sind. Turku kann hier auf den Fall der Roten Khmer in Kambodscha verweisen (S. 143), die 1978 entmachtet wurden. Bis heute tauchen aber immer wieder neue Objekte auf dem Kunstmarkt auf, die nachweislich Anfang der 1970er Jahre geraubt worden sind.

Wichtig ist Turkus Feststellung (S. 181f.), dass 2016 seit Jahrzehnten das Jahr mit den größten Importen von Antiken aus der Türkei und aus Ägypten in die USA war. Waren im Wert von 100 Millionen $ wurden offiziell registriert. "Ironischerweise bringt der illegale Antikenmarkt sehr unpassende Verbündete zusammen, nämlich Sammler, organisiertes Verbrechen und Jihadisten" (S. 144).

Handlungsoptionen

Kapitel 6 thematisiert aber eigentlich weniger den Antikenhandel als "Future Action to Protect Cultural Property During Conflict" (S. 169ff.). Hier geht es um Restaurierungs- und Wiederaufbauprogramme nach den Zerstörungen von Daesh, die Repatriierung sichergestellten Raubgutes und den Antikenhandel überhaupt.

Turku weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass das noch immer existente Assad-Regime das größte Hindernis für eine Lösung in Syrien darstellt. Sie führt Schätzungen an, wonach der Schaden an Kulturgut, den die Regierungstruppen unbeabsichtigt oder gezielt engerichtet haben, weit höher sei, als die Schäden, die Daesh zuzschreiben sind. Turku verweist auf die Ruinen von Bosra, die Altstadt von Damaskus, das Sankt Simeon-Kloster, Krak-des-Chevaliers, Aleppo, allesamt Zerstörungen in Regionen, in denen Daesh keine unmittelbare Herrschaft ausgeübt hat. Auch in Palmyra haben die Zerstörungen nicht erst mit Daesh begonnen (Abb. unten).



Zerstörungen in Palmyra durch Daesh (rot) und frühere Zerstörungen durch militärische Aktivitäten der syrischen Armee
Destruction in Palmyra by Daesh (red) and earlier destruction by military activities probably of the Syrian army (yellow), damage during military campaign against Daesh (light yellow)


Insgesamt wirkt das Kapitel etwas heterogen, da hier noch einige zentrale Aspekte angesprochen werden, die keineswegs unmittelbar Handlungsoptionen für die Zukunft betreffen. So finden sich hier auch nochmals einige Gedanken zum Antikenhandel, der schon in den vorausgehenden Kapiteln immer wieder einmal angesprochen worden war.

Die aufgezeigten Handlungsoptionen bleiben allgemein und kurieren an den Symptomen bzw. versuchen eine Schadensbegrenzung. Sie sind allenfalls kurzfristige Optionen, gehen aber nicht die Frage an, wie das internationale Kulturerbe insgesamt bessern zu schützen wäre.
Die Autorin weist hier beispielsweise darauf hin (S. 174ff.), dass sich vielerorts, in Aleppo, in Kairo, in Timbuktu und Kairo Anwohner, Studenten und Museumskuratoren für ihre Kulturgüter engagiert, dies teilweise auch mit ihrem Leben bezahlt haben. Turku greift aber nicht den naheliegenden Gedanken auf - was in den vergangenen Jahren auch vielfach schon Programm war - die Lokalbevölkerung zu sensibilisieren und zu unterstützen.
Auch die Ausführungen zum "Repatriation Dilemma" (S. 176ff), der Frage ob Kulturgüter als gemeinsames Erbe international ausgestellt werden sollen oder ob die Bewohner vor Ort ein besonderes Anrecht auf das Kulturerbe hätten, münden nicht in zukunftsweisende Handlungsoptionen. Turku greift hier die Begriffe des kulturellen Nationalismus und des "national heritage" auf. Tatsächlich aber sind doch moderne Nationen nie mit den Gemeinschaften der Vergangenheit und moderne Bewohner mit den früheren Einwohnern gleichzusetzen. Historischer Wandel, wenn nicht gar größere Migrationen machen nationale Aneignungen von Kulturgut in aller Regel sehr fragwürdig. Meines Erachtens wäre hier eigentlich ganz anders zu argumentieren. Entscheidend sind nicht die modernen Nationen und ihre Bürger, sondern die jeweiligen Kulturlandschaften und ihre aktuell dort lebenden Menschen. Auch daraus kann sich eine lokale Identität entwickeln, eine Heimat, unabhängig von angeblichen nationalen Traditionen. Es ist die lokale Bevölkerung, die Anspruch auf  Kulturgüter geltend machen kann, die modernen Staaten, deren Bürger sie sind, sollten lediglich ihre Vertreter nach außen sein. Auch daraus können Konfliktsituationen entstehen, denn nicht immer können sich lokale Gruppen heute mit den Kulturgütern in einer Landschaft identifizieren, so dass es, wenn nicht zu Zerstörungen, so doch zu Vernachlässigung kommen kann. Turku kommt hier wieder auf die Safe havens und Wanderausstellungen zu sprechen, um Kulturgüter vorübergehend außer Landes in Sicherheit zu bringen.
Die Darstellungen zur Diskussion um Rekonstruktionen (S. 179ff.) stellt Turku am Beispiel Palmyra dar, wobei auch hier die Zukunftsperspektive fehlt, ebenso wie der Hinweis darauf, dass 3D-Rekonstruktionen nie die originale historische Quelle mit dem archäologischen (Bau-)Befund ersetzen können, sondern bestenfalls deren einstige Oberfläche und heutigen Symbolwert veranschaulichen können.

Einige Maßnahmen führt Turku allerdings an, die sie für wichtig hält: Safe havens, monuments men, Handelsverbote für Kulturgüter aus Kriegsgebieten, Bewusstseinsbildung nicht nur bei Händlern, sondern auch in der breiten Gesellschaft um Antikenhandel sozial zu ächten. So verweist sie auch auf die Möglichkeit eines Amnestierung von Plünderern bei Rückgabe geplünderter Antiken, wie dies im Falle der Plünderung des Bagdad Museum 2003 durchgeführt wurde. Beispielsweise wurde die Vase von Warka, von der es eine Kopie im Vorderasiatischen Museum in Berlin gibt, nach der Plünderung des Museums im April 2003 nach wenigen Monaten wieder zurückgegeben (s. Oriental Institute - lost treasures of Iraq).

Turkus Forderungen nach koordinierter Strafverfolgung und Kriegsverbrecherprozessen, die sie in den Conclusions (S. 184ff.) noch einmal bestärkt, sind sicher wichtige Schritte, um mit den Folgen des - wohl noch lange nicht beendeten - syrischen Bürgerkriegs und anderer bewaffneter Konflikte und den damit einhergehenden Zerstörungen und Plünderungen fertig zu werden. Allerdings handelt es sich hier nur um Bewältigungs-, nicht aber perspektivische Lösungsstrategien. Meines Erachtens fehlt eine kritische Auseinandersetzung damit, inwiefern UNESCO-World Heritage nicht vielerorts eher ein Risiko für die historischen Quellen, deren oberflächliche Authentizität und deren tiefergehenden hsitorischen Quellenwert darstellt. In Konfliktsituationen lässt es Kulturerbe zum politischen Spielball werden und wertet Raubgrabungsgüter für Sammler eher auf; in Friedenszeiten sind Schäden durch Überrestaurierung und touristisches Marketing kritische Risiken. Auch im Hinblick auf den Antikenhandel bewegt sich Turku im Rahmen der üblichen Maßnahmen.
Wenn auch bei Turku an Stelle eines Schutzes vor Ort das Konzept der Safe Havens tritt, so setzt sie doch mehr oder weniger jene Maßnahmen fort, denen 2015 auf der Tagung der EAA in Glasgow ein Scheitern bescheinigt worden war (s. "Es ist wichtiger, die Händler aus dem Markt zu nehmen" - EAA-Session zum Scheitern des internationalen Kulturgutschutzes. Archaeologik 19.9.2015). Die damals von Neil Brodie formulierten Handlungsempfehlungen scheinen mir hier deutlich zielgerichteter:
  • den Markt am Ende der Kette bekämpfen!
  • proaktiv und nachhaltig sein
  • global - nicht auf einzelne Staaten - orientiert sein und
  • die kriminellen Händler verfolgen. 
Brodies Überlegungen stehen keineswegs im Widerspruch zu den eher unbestimten Formulierungen Turkus, die aber das Problem der Plünderungen und des illegalen Antikenhandels aus ihrer auf Kriegssituationen gerichteten Perpsektive eher als Kollateralerscheinung behandelt.


Fazit

Turku gibt in dem Buch einen hervorragenden Überblick über die Entwicklungen der letzten Jahre. Die eingangs formulierte Erwartung, belastbare Fakten liefern zu können, kann sie allerdings nicht erfüllen; immerhin gibt sie in umfangreichen Fußnoten zu den einzelnen Kapiteln Referenzen zu den immer wieder unspezifisch genannten Zahlen und macht deren (mangelnde) Qualität damit auch deutlich. Die Autorin interessiert sich als in den USA promovierte Juristin eher für die juristischen Aspekte als tatsächlich für die Schäden an den Fundstellen und Monumenten. Eine Bilanz der Kriegsjahre und eine genauere Abschätzung der finanziellen Aspekte der Terrorfinanzierung wie auch des Gesamtumfangs des illegalen Antikenhandels wird noch einige Jahre auf sich warten lassen und ist darauf angewiesen, dass Ermittlungsbehörden an irgend einer genauere Stelle Einblicke in die kriminellen Geschäfte gewinnen und publizieren.

Inhaltsverzeichnis

1. Cultural Property as a Weapon of War
  Introduction
  The Importance of Cultural Property
    Cultural Property and Human Rights
    Cultural Property and Security
      Short-Term Security
      Long-Term Security  Study Objectives

2. Cultural Property Destruction in History and in the Present
  Introduction
  War and Terrorism
  Cultural Property During War
    Isis in Iraq and Syria
      Destruction of Mosques
      Destruction of Churches
      Destruction of Ancient Sites
      Estimates of ISIS-Profits from Traficking of Antiquities
      Details on the Organized ans Systematic Nature of ISIS' Profit from Antiquities
  Conclusion

3. Long-Term Security Repercussion of Attacking Cultural Property
  Introduction
  Erosion of Identities and States
  Cultural Property and Propaganda Warfare
  Attacks on Cultural Property as an Intent to Annihilate Religious Diversity
  Attacks on Cultural Property with the Intent to Destroy National Identity
  The Role of Museums in Building Bridges
  Conclusion

4. International Law on Protection of Cultural Property During Armed Conflict
Introduction
  International Agreements on Cultural Property
    Hague 1954 Convention
    UNESCO 1970 Convention
    UNESCO 1972 Convention
    UNIDROIT 1995 Convention
  Case Law on Protection of Cultural Property in Armed Conflict
    War Crimes
    Genocide and Crimes against Humanity
  Conclusion

5. International and State Response to Terrorists' Attacks and Plunder of Cultural Property in War Zones
  Introduction
  New Resolutions...
  The Al Mahdi Case at the ICC
  Other Measures to Protect Cultural Property in War Zones
    Red Lists
    Safe Havens
  Framing the Issue as a Terrorist Offense in the Domestic Realm: the Case of the United States
  Conclusion

6. Future Action to Protect Cultural Property During Conflict
  Introduction
  Other Outstanding Issues 
  Options for Future Action
  Conclusion

Index


Änderungsvermerk (12.3.2018): 
Inhaltsverzeichnis ergänzt, kleinere Korrekturen

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