Dienstag, 19. Dezember 2023

19

 

Adventskalender 2023
 

  

Durch dieses Türchen geht es zum Adventspost:

 


 
Westerstetten UL, Braunberg, gröbere nachgedrehte Ware (Slg. Kley)
(Foto/Zeichnung: R. Schreg, CC BY SA)

In der Archäologie des Mittelalters wird gewöhnlich zwischen handgemachter, nachgedrehter und scheribengedrehter Keramik unterschieden. Dabei ist die Bezeichnung "nachgedreht" letztlich ein Sammelbegriff für verschiedene Möglichkeiten der Formung. Bei echter Drehscheibenkeramik erfolgt die Formung mit Hilfe der Rotationsenergie, bei nachgedrehter Ware wird lediglich eine drehbare Unterlage verwendet. In der Praxis wurden unterschiedliche Arten von drehbaren Unterlagen eingesetzt bis hin zu einer relativ langsamen handgetriebenen Töpferscheibe. In der Forschung hat man daher zwischen langsam und schnellaufend nachgedreht unterschieden. Bisweilen wurde nur der Randbereich nachgedreht, so dass einige Bearbeiter eine Differenzierung in randlich und vollständig nachgedreht vorgenommen haben. 

Diese Unterschiede an archäologischen Keramikfunden nachzuvollziehen, die meist zerscherbt und deren Oberfläche bei der Bodenlagerung oft angegriffen wurde, ist nicht immer zweifelsfrei möglich. Zudem sind gerade bei den nachgedrehten Waren - trotz einer auf den ersten Blick großen formalen Ähnlichkeit - im Detail dann doch große regionale Unterschiede zu beobachten. Eine klare Differenzierung und Klassifikation innerhalb der nachgedrehten Waren ist daher sehr schwierig, ebenso wie eine klare Abgrenzung besonders qualitätsvoller “nachgedrehter Waren” gegenüber Drehscheibenware nicht immer einfach ist - zumal dann, wenn eine Glättung der Oberfläche die Herstellungsspuren beseitigt hat. 

In Südwestdeutschland waren nachgedrehte Waren vor allem im Hochmittelalter von Bedeutung. Sie scheinen vielfach mit den älteren Drehscheubenwaren, wie die im Adventspost 7  enthaltene ältere gelbe Drehscheibenware konkurriert zu haben.

Das heutige Kalenderexemplar gehört zur gröberen nachgedrehten Ware, wie sie im Raum Ulm üblich war. Gefunden wurde das Stück bei systematischen Feldbegehungen durch Albert Klein bei Waldhausen im Alb-Donau-Kreis.  Datierbar ist es also nur typologisch im Vergleich mit Funden aus Ulm. Die Scherbe datiert aufgrund der Randbildung ins 11./12. Jahrhundert. Da an der Fundstelle weitere mittelalterliche Funde fehlen, ist ungewiß, ob hier eine aufgelassene Siedlung bestand oder ob das Stück sekundär abgelagert wurde - dass in dieser Zeit Funde mit der Mistdüngung ausgebracht wurden, ist nicht auszuschließen, zu einem ausgeprägten Scherbenschleier ist es damals aber noch nicht gekommen (Archaeologik 11.6.2013).  

 Literatur

  • Rogier 2015: M. Rogier, Mittelalterliche nachgedrehte Keramik. Überlegungen zur Definition, Bestimmung und Interpretation am Beispiel Baden-Württemberg. Lehr- und Arbeitsmaterialien zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit (Tübingen 2015).
  • Rogier 2015 a: M. Rogier, Nachgedrehte Keramik - Deutung von Herstellungsspuren mithilfe experimenteller Archäologie. In: L. Grunwald (Hrsg.), Den Töpfern auf der Spur – Orte der Keramikherstellung im Licht der neuesten Forschung. 46. Internationales Symposium Keramikforschung des Arbeitskreises für Keramikforschung und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. RGZM-Tagungen 21 (Mainz 2015) 247–256.
  • Schmidt/Scholkmann 1981: E. Schmidt/B. Scholkmann, Nikolauskapelle auf dem Grünen Hof in Ulm. Ergebnisse einer archäologischen Untersuchung. In: ,Forschungen und Berichte der Archäologie des Mittelalters in Baden-Württemberg 7 (Tübingen 1981) 303–370.

Der Adventskalender 2023 bietet Bilder archäologischer Keramikfunde überwiegend aus dem Schatz der frei unter CC-Lizenzen verfügbaren und verwendbaren Bilder.

 





Keine Kommentare: