Sonntag, 25. Oktober 2020

Evolution ist überall - außer im Westerwald

 Jutta Zerres




Wissenschaftsfeindlichkeit von verschiedenen Akteuren und mit unterschiedlichen Motivationen wurde in diesem Blog schon öfter thematisiert. Auch der derzeitige Konflikt um den Bau eines Lehrpfades über Evolution, der sich gerade in der kleinen Gemeinde Hellenhahn-Schellenberg (Westerwaldkreis) abspielt, gehört in diese Kategorie.


(José-Manuel Benitos [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)





Was ist dort passiert? Die Oberbürgermeisterin Birgit Schmidt wollte als Beitrag zu Bildung, Kultur und Tourismus in ihrer Gemeinde einen Evolutionsweg installieren. Genau gesagt handelt es sich bei diesem Lehrpfad um 20 Schilder, die den Prozess der Entstehung der Erde bis zum Homo sapiens schrittweise erläutern. Dabei werden die Schilder auf einer Strecke von 1000 m so platziert, dass die Entfernungen zueinander die zeitlichen Abstände zwischen den Ereignissen repräsentieren, um den schwer vorstellbaren Zeitraum auf einem Kilometer Wegstrecke zu verdeutlichen. Ein Meter des Weges entspricht rund 4 Millionen Jahren der evolutionären Entwicklung und ein Millimeter steht dementsprechend für ca. 4000 Jahre. Das wäre der Zeitrahmen, der seit dem Bau der ägyptischen Pyramiden bis heute vergangen ist. Der Weg wäre kostenlos für jedermann zugänglich. Diese Evollutionswege gibt es bereits an mehreren Orten: Leimen-Gauangelloch (Rhein-Neckar-Kreis), Kyritz an der Knatter (Lkr. Ostprignitz-Ruppin), Templin (Lkr. Uckermark), Düsseldorf und Plön (Kr. Plön).

Erdacht und realisiert wurden das Konzept und die Beschilderung des Evolutionsweges von Mitgliedern der Regionalgruppe Rhein-Neckar der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS). Die Stiftung versteht sich als Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung. Sie tritt u. a. für ein evidenzbasiertes Weltbild und für die Trennung von Staat und Kirche ein. Sie ist religionskritisch, aber nicht religionsfeindlich, wie einige ihrer Kritiker gerne behaupten. Bekannt wurde die Stiftung vor allem mit einer Reihe von öffentlichkeitswirksamen Aktionen.

Im Gemeinderat stieß Schmidts Initiative auf positive Resonanz – nicht aber bei einigen Bürgern mit katholischem Glaubensbekenntnis. Hier regte sich Widerstand in einem für die Bürgermeisterin und den Gemeinderat ungeahnten Ausmaß. Es wurden Unterschriften gegen den Bau gesammelt. In einer Abstimmung entschied die Mehrheit im Rat an dem Projekt festzuhalten. Nun sind die Einwohner aufgerufen am 25. Oktober an einem Bürgerentscheid über den Bau des Evolutionsweges teilzunehmen.

Die Kritikpunkte der Gegner lassen sich wie folgt zusammenfassen:
  • Zu hohe Kosten.
  • Die Gemeinde unterliege dem Neutralitätsgebot, das durch den Bezug zu den Urhebern des Evolutionsweges, der GBS als Organisation mit klarer weltanschaulicher Verortung, verletzt würde.
  • Der Unmut richtet sich weiterhin gegen die Tatsache, dass in dieser Darstellung des Evolutionsgeschehens basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen die biblische Schöpfungslehre keine Berücksichtigung fände. Dieses sei religionsfeindlich und würde die religiösen Gefühle der Gläubigen verletzten.

Die Befürworter haben auf einer Website die Kritikpunkte zusammengestellt und dazu ihre Gegenargumente ausführlich erläutert. Am bemerkenswertesten ist jedoch der religiös motivierte Widerspruch gegen das Projekt. Evolutionskritiker hatte man bisher nur bei fundamentalistischen Christen in den USA vermutet, nicht aber in Mitteleuropa. Bei den Gläubigen von Hellenhahn-Schellenberg scheint zudem Unwissenheit über die Aussagefähigkeit der Evolutionstheorie zu herrschen. Strenggenommen erklärt diese lediglich die Entstehung des Lebens auf diesem Planeten, sagt aber nichts über die Entstehung der Erde oder des Universums. Die Katholische und auch die Evangelische Kirche vertreten daher den Standpunkt der Vereinbarkeit von Evolutionslehre und christlichem Schöpfungsglauben. Zitat der Webseite der Befürworter des Evolutionsweges: „Die Bibel gilt unter Theologen, (…), nicht als Wort Gottes. Der Inhalt der Bibel ist somit nicht wörtlich, sondern stets metaphorisch und als Produkt ihrer vorwissenschaftlichen Entstehungszeit zu deuten. Gott hat die Erde und das Leben nicht wörtlich in sechs Tagen erschaffen. Vielmehr symbolisieren diese die Entwicklung von der Entstehung der Erde über Pflanzen und Tiere bis hin zum Menschen. Die Evolution wäre somit nach christlicher Lehrmeinung Gottes Werkzeug zur Ausformung seiner Ideen.“ Obwohl diese Deutung der Kirchen aus evolutionsbiologischer Sicht auch Probleme aufwirft, kann sie den Gläubigen als Brücke dienen.

Bemerkenswert ist übrigens auch die Radikalität, die einige Gläubige bei der Verteidigung ihres Standpunktes an den Tag legen. Dabei wird vor Diffamierung und sozialer Ächtung der Bürgermeisterin und der Ratsmitglieder nicht zurückgeschreckt. Dieses ist beispielsweise in einem Forum mit dem Titel Arche-Internetz nachzulesen.

Man darf gespannt sein, wie die Bürger sich heute entscheiden.



Das Satireformat „extra3“ des NDR hat die Geschichte in der Sendung am 21.10.2020 aufgegriffen:

 

Nachträge vom 26. Oktober 2020

1. Das Ergebnis des Bürgerentscheides ist inzwischen bekannt: Mit 339 zu 250 Stimmen haben sich die Einwohner*innen von Hellenhahn-Schellenberg gegen die Installation des Evolutionsweges entschieden.

2. In meinem Beitrag habe ich den Link zu der Seite arche-internetz.net angegeben, um auf die Diffamierungen gegenüber der Bürgermeisterin und anderen Befürworter*innen des Evo-Weges hinzuweisen. Ich wusste zum Zeitpunkt der Abfassung des Artikels nicht, dass es sich bei Arche-Internetz.net um eine (offenkundig gut gemachte) Satireseite handelt und sie daher als Beleg für die Aussage nicht herangezogen werden kann. Ich bitte das zu entschuldigen. Nichtsdestotrotz ändert es nichts an der Tatsache, dass der Konflikt nicht nur auf der sachlichen Ebene ausgetragen wurde, sondern auch das zwischenmenschlichen Klima im Dorf stark belastet hat. Diese geht auch aus den Aussagen der Stadtratsmitglieder im Bericht der SWR-Landesschau vom 1.10.2020 deutlich hervor.

1 Kommentar:

Helmut Windl hat gesagt…

Ich schätze Michael Schmidt-Salomon wegen seines Engagements, Ethik vom religiösen Umfeld zu lösen. Mit Huxleys evolutionärem Humanisms entwickelt er aber leider wieder eine Religion. Die Idee ist im Grunde sozialdarwinistisch und geht an die Grenzen des Transhumanismus. Gentechnischen Eingriffen zur Förderung unserer Ethik kann ich nicht zustimmen. In der GBS tauchte das Problem konkret mit dem Exvorstandsmitglied Ulrich Kurschera (https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Kutschera) auf. Ich halte ihn für einen exzellenten Epigenetiker aber leider auch Sozialdarwinisten.
Mein Faible für Epigenetik trug mir zwar den Ruf eines Lamarkisten ein, erklärt mir aber erst die sinnvolle rasche Adaption an veränderte Umwelt. Mit zufälliger genetischer Mutation und Selektion wäre das schlicht unmöglich. Evolution sinnvoll mit ein paar Schautafeln in der Pampa zu vermitteln geht also genauso wie Schmidt-Salomons Kinderbuch zum Thema ziemlich an der Realität vorbei.
Unabhängig davon geht mir die kreationistische Reaktion der Katholiken auf den Geist. Die waren mit Teilhard de Chardin auch schon weiter.