Montag, 27. Dezember 2021

So lang es keiner sieht (oder sehen will?) - Raubgräber und online-Antikenhehlerei auf dem Balkan

 Neu erschienen:

  • Samuel A. Hardy: It Is Not against the Law, if No-One Can See You: Online Social Organisation of Artefact-Hunting in Former Yugoslavia. Journal of Computer Applications in Archaeology 4(1), 2021, 169–187.  - DOI: http://doi.org/10.5334/jcaa.76 

Diese Studie von Samuel Hardy vom Norwegian Institute in Rom, der sich selbst als Cultural property criminologist bezeichnet, greift Open-Source-Intelligenz zurück, um Raubgrabungen und den illegalen Handel mit archäologischen Objekten (und Fälschungen) auf dem Balkan in Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien und Slowenien, also im Wesentlichen im ehemaligen Jugoslawien zu analysieren. Sie stützt sich auf Texte und Bilder, die von Hunderten von Artefaktjägern in Dutzenden von Online-Communitys und anderen Online-Plattformen veröffentlicht wurden. Dazu gehören Online-Foren und soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram; soziale Medien wie Pinterest und YouTube; generische Handelsplattformen wie eBay, Etsy und olx.ba; und spezialisierte Handelsplattformen wie VCoins. 

Auf Facebook identifizierte Hardy beispielsweise 26 einschlägige Gruppen bzw. Seiten (Stand Ende 2020). Eine davon, die Hardy mit seinem Code YUOC004 bezeichnet, hat zwei Frauen unter den Admistratoren, einen Account, der sich offen als Neo-Nazi darstellte und des öfteren wegen der Darstellung von NS-Symbolen  von facebook verwarnt und schließlich gesperrt wurde. Die Gruppe selbst hatte aber offenbar keine Probleme, obwohl seit Juni 2020 "the exchange, sale or purchase of all historical artefacts" auf facebook unzulässig ist.

Dioe Analyse solcher Gruppen zeigt, wie Artefaktjäger gezielt auf Fundstellen, Befunde und Objekte abzielen, die Funde versprechen, die Sammel- und Marktqualitäten aufweisen. Weiterhin ist nachzuvollziehen, wie Raubgräber ihre Ausrüstung organisieren, Patron-Klienten-Beziehungen, Peer-to-Peer-Partnerschaften und andere kooperative Gruppen bilden, wie sie sich an transnationalen Aktivitäten beteiligen und Crowdsourcing-Techniken für Schmuggel und Strafvereitelung nutzen und wie sie auf die Polizei reagieren.  Solche Informationen offenbaren die Auswirkung unter anderem des Billig-Sektors für Kulturgüter aus armen Ländern oder auch Aspekte der Geschlechterdimension bei der Kulturgut- und Cyber-Kriminalität. Weiterhin  zeigt die Studie die Wechselwirkung zwischen politischer Seilschaften und kriminellen Aktivitäten.

Da sie in den Sozialen Medien oft Angaben zu ihrer Identität machen oder eine elektronische Spur hinterlassen, ist vielfach ihre Identifizierung möglich. Somit zeigt die Studie auch, wie "Netnographie" (ethnographische Analysen in Net-Communities) und die Analyse sozialer Netzwerke die Polizeiarbeit unterstützen können.

 

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