Dienstag, 21. April 2020

Krisenfest?

Corona trifft die Archäologie vielfältig,  auch wenn mir nun schon von mehreren erklärt wurde, Archäologie sei krisenfest. Das mag für den Grabungssektor gelten, denn Baustellen gehen weiter und so auch viele Notgrabungen. Unsere Forschungen von Seiten der Universität mussten hingegen eingestellt werden.
Andere trifft es härter: Freischaffende, die jetzt keine Aufträge einwerben können, keine Veranstaltungen anbieten und nicht in die Depots und Museen können.
 
Frühmittelalterliche Kirche von Kleinlangheim
im Geschichtspark Bärnau
(Foto: R. Schreg)
Und natürlich trifft es die Museen selbst, soweit sie nicht auf eine solide Trägerschaft zurück greifen können und sich überwiegend über ihre Besucher finanzieren müssen. Beispielsweise gilt das für den Geschichtspark Bärnau-Tachov, im Landkreis Tirschenreuth gelegen, der früh ein Hotspot von Covid-19 war, ist der Park derzeit geschlossen. Eigentlich wäre dieses Frühjahr das 10jährige Jubiläum zu feiern.
Da es hier ein weiträumiges Außengelände gibt und Abstandsregeln sicher unproblematisch umzusetzen sind, ist zu hoffen, dass bald wieder eine Öffnung möglich ist. 

Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)


Montag, 20. April 2020

Eine neue Datierungsrevolution in der Archäologie?

    Keramik ist für Archäolog*innen wertvolles Fundgut, obwohl sie oft keinen künstlerischen Wert hat. Sie hat aber einen hohen Informationsgehalt, denn sie ist eine der häufigsten Fundkategorien aus archäologischen Stätten. Vielfach ist sie, einmal zerbrochen, kaum klein zu kriegen: Scherben finden sich an fast jeder Siedlungsstelle. Nur manchmal, wenn die Menschen der Vergangenheit eher Holz- oder Lavezgefäße benutzt haben, der Boden zu sauer ist oder der Bauer sein Feld mit der Fräse bearbeitet, ist wirklich nichts mehr zu finden. Zudem haben sich Keramikformen im Lauf der Zeit verändert und sind so ein wichtiges Datierungsinstrument, aber auch eine Quelle für Wirtschaftsstrukturen, Alltagshandlungen und Kommunikation.

    Linearbandkeramik,
    Bernsfelden Gde. Igersheim, Lkr. Schwäbisch Hall
    (Foto R. Schreg, Slg. Kley)
    Trotzdem stößt man mit der typologischen Keramikdatierung und der einschlägigen Warenartbestimmung oft an Grenzen. Funde sind zu uncharakteristisch oder eben doch schon zu klein zerscherbt.
    Deshalb haben Archäologen immer wieder Hoffnungen auf naturwissenschaftliche Datierungsverfahren gesetzt - auf die Thermolumineszenzdatierung oder jüngst auf das Rehydroxylationsverfahren (Barrett 2017). Immer wieder erwiesen sich die Methoden dann doch für die üblichen Fragen als zu ungenau.

    Bessere Chancen dürfte nun eine 14C-Datierung haben. Eigentlich geht das gar nicht, denn die Methode - für die dereinst der Nobelpreis für Chemie an Willard Libby ging - benötigt organisches Material als Ausgangsmaterial. Datierbar sind also bestenfalls organische Rückstände vom Gebrauch der Gefäße und bisher waren diese Rückstände oft zu gering für eine Datierung.

    Ein aktueller Artikel, erschienen in der Zeitschrift "Nature" berichtet nun über eine Methode, die in den Scherben absorbierte Speisereste  - Lipide - zur 14C-Datierung mittels einer Beschleuniger-Massenspektrometrieanalyse heranzieht.

    • E. Casanova/T. D. J. Knowles/A. Bayliss u. a., Accurate compound-specific 14C dating of archaeological pottery vessels. Nature 31, 2020, 276. - < doi: 10.1038/s41586-020-2178-z > 
    Die Studie hat Proben aus bereits datierten neolithischen Kontexten aus verschiedenen Regionen von Nordafrika bis Skandinavien untersucht. Sie kommt zu dem Schluß, dass die Datierung von Lipidresten zuverlässig und mit 14C-Datierungen an anderen Materialien vergleichbar sind. 
    Die Autor*innen verweisen auf die Möglichkeit einer absoluten Datierung bestimmter Keramiktypen und die Häufigkeit archäologischer Funde. Desweiteren wird auf folgende Möglichkeiten genauer 14C-Datierungen an Keramikgefäßen hingewiesen:
    1. Aussagen zur Nutzungsdauer von Keramik
    2. die Nutzung bestimmter Lebensmittel
    3. die Datierung archäologischer Stätten, die kein normalerweise datierbares Fundmaterial liefern
    4. eine direkte Überprüfung von Keramiktypochronologien
    Die Autor*innen feiern sich selbst: "The importance of this advance to the archaeological community cannot be overstated." Sie haben damit gar nicht so unrecht.

    Allerdings ist aber zu beachten, dass bei der Methode die üblichen Probleme einer 14C-Datierung zu berücksichtigen sind. So ist etwa der Reservoireffekt zu beachten, wenn es sich um Rückstände mariner Lebensmittel handelt. Insofern müsste 14C hier routinemäßig mit einer umfassenderen C/N-Isotopenanalyse kombiniert werden.

    Es wird interessant werden, zu sehen, wie aufwändig und teuer solche Datierungen an Keramik in der Routine sein werden - und wie sie sich tatsächlich bewähren und akzeptiert werden. Gespannt darf man auch sein, ob auch bei mittelalterlicher Keramik, deren Scherben im Vergleich zu den neolithischen Funden wesentlich dichter  sind, genügen Fettsäuren extrahiert werden können, um auch hier eine Datierung zu erzielen.

    Die 14C-Methode hatte in Deutschland zunächst großen Widerstand gefunden, da sie im Widerspruch zum damals gültigem "Wissen" über Kulturbeziehungen stand (Milojčić 1957; 1967). Ein Kultur- und Geschichtsbild, das stark linear und normativ ausgerichtet war, hatte die Komplexität und Vielfältigkeit der kulturellen Entwicklung übersehen, dabei aber in ihrer Kritik an der noch neuen 14C-Methode auch einige tatsächliche methodische Schwächen aufgedeckt. Bis heute scheint die deutsche Forschung gegenüber 14C-Datierungen sehr viel voreingenommener. Man muss aufpassen: Bei zu viel Euphorie einer neuen Methode gegenüber können die unweigerlich auftretenden vertieften Einblicke in die komplexeren Zusammenhänge das Vertrauen in die Methode erschüttern und eine solide Weiterentwicklung und Verbesserung ausbremsen (vgl. Strien 2018).
    Verhärtete Fronten sind wenig hilfreich, wenn es darum geht, methodische Probleme auszuräumen und zu erkennen. Gerade bei  14C-Datierungen treten nach wie vor Datierungsschwierigkeiten auf, bei Schlacken oder bei Skelettresten- Sind Altholzeffekte bei Hölzern schon lange bekannt, so bedürfen bei Datierungen die Umbauraten in den Knochen und Ernährungsmuster einer weit genaueren Untersuchung, um wirklich zuverlässige Daten zu liefern. Die Messung einer Probe allein ist noch keine Datierung.

    • Barrett 2017
      G. T. Barrett, Rehydroxylation (RHX) dating: Issues due to short term elevated temperature events. Journal Arch. Science Rep. 14, 2017, 609–619. - <doi:10.1016/j.jasrep.2017.06.041>
    • Milojčić 1957
      V. Milojčić, Zur Anwendbarkeit der C14-Datierung in der Vorgeschichtsforschung. Germania 35, 1957, 102-110. 
    • Milojčić 1967
      V. Milojčić, Die absolute Chronologie der Jungsteinzeit in Südosteuropa und das Ergebnis der Radiocarbon- (C14)Methode. Jahrb. RGZM 14, 1967, 9–37.
    • Strien 2018
      H.-C. Strien, Westexpansion und Regionalisierung der ältesten Bandkeramik. Kommunikation und Wandel Band 1 (Kerpen-Loogh 2018).

    Links

    Interner Link

      Freitag, 17. April 2020

      Kulturgut im Vorderen Orient - 1. Quartal 2020

      Ausgehend vom Bürgerkrieg in Syrien hat Archaeologik ab Mai 2012 erst unregelmäßig, dann monatlich und zuletzt zweimonatlich Medienberichte aus dem Krisengebiet Syrien und dann Nordirak zusammen gestellt. Diese Arbeit ist verschiedentlich aufgegriffen und gewürdigt worden. Die bisherigen Blogposts sind sicherlich hilfreich, wenn es einmal darum geht, den Ablauf der Syrienkrise forschungsgeschichtlich zu bewerten, auch wenn dann nicht mehr alle Links funktionieren werden.

      Diese Berichte zu Syrien und Irak wird es auf Archaeologik so nun nicht mehr geben. Stattdessen werden einzelne Beiträge zu Syrien und Irak gepostet und eine wesentlich kürzere, nur noch etwa vierteljährliche  Medienschau.

      Nach wie vor ist es ein wesentliches Ziel, zu zeigen, wie Kulturgut in Krieg und Krisen bedroht ist, wie es politischer Spielball sein kann, wie Archäolog*innen damit umgehen - und wo wir achtsam sein müssen: Beispielsweise auf das Auftauchen von Plünderungsgut aus Idlib im Antikenhandel (vgl. Archaeologik [11.4.2020]).
       
      Zuletzt war die Nachrichtenfrequenz aus Syrien und Irak stark rückläufig, was wohl eher der Verlagerung der Aufmerksamkeit als einer Besserung der Lage geschuldet ist. Habe ich mich anfangs bemüht, einen einigermaßen vollständigen Überblick zu bieten, ist das im Lauf der Zeit schwieriger geworden, da viele meiner Informationsquellen im Netz verstummten, so z.B. APSA2011, deren Website nun offline ist. Auch die ASOR Monitoring Reports sind nun archiviert. Bestenfalls haben sie das Interesse verloren, in anderen Fällen besteht eher der Eindruck, dass Tod und Vertreibung zugeschlagen haben. Ich kann und will darüber im Einzelfall nicht spekulieren.

      Nach wie vor gibt es die Damage Newsletters der Gruppe Heritage for Peace:
      Weiterhin gibt es auch Informationen über der syrischen Altertumsbehörde, die freilich viel seltener geworden sind. Schadensberichte gab es schon immer v.a. aus den Gebieten in Rebellenhand. Im erstel Quartal gab es indes keine neue Pressemeldung

      Kollateralschäden und Plünderungen/Raubgrabungen sind aber nach wie vor an der Tagesordnung, wenn auch die systematische Zerstörung von Kulturgut als politische Waffe durch Daesh/ IS vorläufig gestoppt ist. Dafür droht nun die USA bzw. POTUS Donald Trump mit der Zerstörung von Kulturgütern im Iran (Archaeologik [5.1.2020]) - auch wenn er das verbal wieder zurück gezogen hat, so zeigt dies doch Kulturvergessenheit und Werteverfall gerade bei der politischen Macht, die einmal für Demokratie und Menschenrechte stand (bzw. wenigstens zu stehen vorgab). Kurdische Rebellen und syrische Aufständige machen Vorwürfe systematischer Kulturgutzerstörung an die Türkei. Syrische Behörden verweisen auf Zerstörungen der Opposition, die ihrerseits das syrische Militär beschuldigt. Ausländische Nationen überbieten sich mit Initiativen des Wiederaufbaus, die freilich oft eher symbolisch erscheinen, denn an eine Arbeit vor Ort ist nach wie vor nicht zu denken. Kulturgut ist nicht nur in diesem Konflikt seit langem Propagandainstrument. 


      Seit Jahren führt auch der Krieg im Jemen zu Kulturgutzerstörungen, was auch hier auf Archaeologik immer nur sporadisch (Label Jemen) aufgegriffen wurde.

      So kann künftig nicht mehr allein Syrien im Blickfeld stehen, sondern es muss die ganze Region betrachtet werden. Das bedeutet aber auch, dass die in den letzten Post ohnehin kaum noch erreichte detaillierte Betrachtung aufgegeben werden muss. Künftig wird es Hinweise auf Zerstörungen und Restaurierungen an einzelnen Orten nur noch ausnahmsweise geben.
      Letztlich geht es mir darum, mit den Blogs auf Archaeologik die Relevanz und Aktualität des Themas aufzuzeigen und einen Anreiz bieten, dass andere Akteure Informationen aufgreifen und weiter berichten und recherchieren. Das ist zu Beginn der Syrienberichte gut gelungen, als verschiedene Medien Archaeologik rezipiert und als Quelle/Inspiration benutzt haben.

      Ich will nochmals darauf hinweisen, dass ich kein Experte für die betreffende Region bin und auch die Forschungscommunity nicht im Einzelnen kenne. Dass ich mit Archaeologik nun dennoch seit mehreren Jahren in den Vorderen Orient blicke, hat damit zu tun, dass sich Archäologie m.E. viel zu wenig mit aktuellen Entwicklungen und der eigenen Rolle dabei befasst. Im Lauf der Krise in Syrien ist dies recht deutlich geworden - etwa bei dem nach wie vor lahmen Umgang mit Raubgrabungsgut -, wenn auch viele interessante engagierte Projekte entstanden sind, mit denen vielfältige Hilfe geleistet wurde - nicht nur für den Schutz der Kulturgüter, sondern auch für die Menschen.

      Nach wie vor gilt eines: Der Fokus auf die Kulturgüter darf und soll nicht ablenken von den Schicksalen der Menschen. Langfristig scheint aber eine Wiederherstellung lebenswürdiger Rahmenbedingungen auch davon abhängig, dass sich die Menschen auf eine vielfältige und wechselhafte Geschichte ihrer jeweiligen Region besinnen können. 

      Mit der COVID-19-Pandemie wird das Überleben in der Krisenregion noch viel schwieriger. Aus dem Iran ist bekannt, dass die Pandemie hier kräftig wütet, aus Syrien sind bis dato (7.4.2020) nur 19 Covid-19-Fälle und zwei Tote bestätigt, doch liegt die wahre zahl ganz sicher weit höher. Es fehlt an Krankenhäusern, die Fälle registrieren und testen könnten. Die hygienischen Zustände in den Flüchtlingslagern vor allem im Nordwesten des Landes, wo immer noch gekämpft wird, geben keinen Anlass zur Hoffnung, es könnte glimpflich ausgehen. Dass es allerdings auch in den Flüchtlingslagern in Griechenland nicht besser aussieht, ist für Europa eine Schande. Ebenso problematisch ist die Lage im Jemen, obgeich das noch eines der wenigen Länder ist, aus denen keine bestätigten COVID-19-Fälle vorliegen.

      Syrien

      Aus Syrien gab es keine aktuellen Berichte über Raubgrabungen und Zerstörungen außer einer Reihe von Luftangriffen auf Moscheen.
      Über die Verluste im Museum Idlib wurde schon in einem separaten Blogpost berichtet:
      bronzezeitliche Siedlung von Ebla/ Tel Mrdikh
      (Foto: Gianfranco Gazzetti
      [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
      In Ebla selbst, dem heutigen Tel Mrdikh will das DGAM eine Bestandsaufnahme duchführen. Der Direktor des DGAM, Mahmoud Hammoud verwies darauf, dass nach den der DGAM vorliegenden Informationen "terroristische Gruppen" die archäologische Stätte als Trainingscamp genutzt hätten. Die Nachrichtenagentur SANA schickte im Februar einen Reporter nach Ebla, der schilderte, die Stätte sei "zu einem Ort für die Ausbildung und Schießerei von Terroristen umgebaut" worden, "was zur Zerstörung vieler Denkmäler der archäologischen Stätte führte. All diese Schäden sind ein Versuch, die menschliche Zivilisation zu zerstören, die durch den Ort aus dem dritten Jahrtausend vor Christus repräsentiert wird.  Die sogenannten 'Al-Fateh-Armee'-Terroristen hatten das Ebla-Gelände in Höhlen, Hauptquartiere und Trainingslager verwandelt, zu denen Betontürme, Klippen, Ketten und Treppen gehörten." Es gäbe auch Gefängnis- und Folterräume, zudem seien türkisches, saudi-arabisches Gerät und Gasmasken sowie Munition gefunden worden. Das ist vor dem Hintergrund der Untersuchungen zu den Giftgaseinsätzen in den vergangenen Jahren zu sehen (vergl. Tagesschau 9.4.2020)).

      Irak

      Iran

      Irans Kulturgüter waren im erste Quartal 2020 nicht so sehr von klassischen Terroristen, sondern durch die USA bedroht. Donald Trump drohte nach der Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani in Bagdad durch US-Truppen zu Jahresbeginn mit der Zerstörung von Kulturerbe, musste dann aber doch unter Druck einen halbherzigen Rückzieher machen.
      Danach gab es noch zahlreiche weitere Reaktionen, die alle etwas Ratlosigkeit zum Ausdruck brachten. Bei hr_iNFO lief am 10.1.2020 morgens ein kurzes Interview mit mir (nicht online, kein Link). Hier ging es nur um eine kurze Einordnung und die Frage, was man gegen Kulturgutzerstörungen in Krisengebieten machen könne. Schwierige Frage, schwierige Antwort. Ich hab auf die verschiedenen Initiativen verwiesen, den einschlägigen Konventionen mehr Geltung zu verschaffen, indem die Kriegsverbrechen tatsächlich verfolgt werden. Anderes wie die Schaffung von 'Safe haven' ist da natürlich nur bedingt brauchbar. Letztlich gilt: Am besten solche Leute wie D. Trump gar nicht erst nicht wählen...

      Einige weitere Berichte:



      Iran, Isfahan, Irans Hauptstadt im 17. Jahrhundert
      (Foto: Arad Mojtahedi [CC BY SA 2.0] via WikimediaCommons)



      Wie immer geht mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise. Die Übersetzungen arabischer Texte gehen meist auf Google Translator zurück und sind daher bisweilen Fehler-anfällig.

      Donnerstag, 16. April 2020

      Die COVID-19-Pandemie - Teil 3: Die möglichen Konsequenzen der Krise für Deutschland

      Detlef Gronenborn


      Corona-Beiträge auf Archaeologik
      Viren
      (biology pop [CC BY SA 4.0]
      via WikimediaCommons)

      Die Debatte um „Lockerung“


      Angesichts der Bedeutung des 15. April 2020 für die zukünftigen Geschicke der Bundesrepublik schien es uns sinnvoll, von der ursprünglich geplanten Abfolge der Blog-Reihe abzuweichen, und die aktuellen Geschehnisse aus der Sicht der archäologischen Langfristperspektive zu betrachten.

      Das große Wort der nachösterlichen Woche ist „Lockerung“, verbunden mit der Forderung der Wirtschaft, Teile des gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Lebens der Vor-Pandemiezeit wieder „hochzufahren“, zeigt an, dass es doch vielfach noch nicht verinnerlicht wurde, dass es in dem Sinne für viele Monate, ja vielleicht gar Jahre keine Zeit „nach Corona“ wird geben können. Allzu sehr scheint man noch dem Wachstumsdrängen der Vergangenheit anzuhängen.

      So wartete die Politik wie auch die Öffentlichkeit gespannt auf das richtungsweisende Papier der Leopoldina um in der allgemeinen Ratlosigkeit Hilfestellung zu finden, wie denn mit der so ganz unvorbereiteten Situation umzugehen sei. Allerdings sind die Reaktionen auf die Empfehlungen recht unterschiedlich, was natürlich auch an der regional unterschiedlich ausgeprägten Intensität der Notlage liegt. Ganz wenig diskutiert wird etwa der Begriff „Nachhaltigkeit“, der doch so zentral positioniert ist. Vergessen wird ja zur Zeit meist, dass Covid-19 nur ein Faktor in einer mittlerweile sehr gefährdeten Welt ist und der Klimawandel eine ebenso große Bedrohung darstellt. Zudem steht die Pandemie global noch am Anfang, das zeigt der Kurvenverlauf auf dem dashbord der Johns Hopkins University. Wie es sich also in den nächsten Monaten und Jahren entwickeln wird, ist noch gar nicht wirklich abzuschätzen.


      Zumindest kamen nun am Nachmittag des 15. April die politischen Entscheidungen für die nähere Zukunft, ihre Auswirkungen der Entscheidungen müssen nun in den kommenden Wochen abgewartet werden (Tagesschau 15.4.2020).



      Eine phasengebundene Betrachtung


      Betrachtet man die extrem fragile Situation nun aus der Langfristperspektive lassen sich durchaus weitere beunruhigende Feststellungen machen. Schließlich ist die Pandemie eingebunden in einen globalen Prozess, der ganz bestimmte geschichtlich gewachsene Charakteristika aufweist. Diese Einbindung in geschichtliche Abläufe, national wie international, wird in der gegenwärtigen Diskussion noch zu wenig berücksichtigt, vielleicht auch, weil das Bewusstsein dafür in den Entscheidungsinstanzen aber auch in der Bevölkerung noch zu wenig entwickelt ist - und letztlich auch die Forschung dazu nicht so weit gediehen ist, wie sie es sein könnte.


      Wir greifen hier einer noch im Druck befindlichen Studie vor (Gronenborn u. a. in press), in der wir zeigen, dass sich die langfristigen Zyklen sozialen Zusammenhalts (social cohesion) den wir bereits in steinzeitlichen Gesellschaften aber auch in staatlichen Gesellschaften der Antike und des Mittelalters feststellen konnten, sich auch in der Neuzeit in den letzten 200 Jahren erkennen lassen (Turchin u. a. 2018). Offensichtlich unterliegen den wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen sowohl in Deutschland wie auch in den USA Zyklen gesellschaftlicher Kohäsion (vgl. Teil 2). Nach unseren ersten Untersuchungen steuerten wir in der Bundesrepublik in den letzten Jahren auf einen Kipppunkt (tipping point) zu, der die gegenwärtige Tendenz zu einer immer differenzierteren Gesellschaft in die gegenläufige Richtung umdrehen sollte. Diese Phase haben wir als die desintegrative bezeichnet (vgl. Teil 2).

      Jene gegenläufige Tendenz wird begleitet, von dem schon in einfachen Bauerngesellschaften zu beobachtenden Phänomen: in der desintegrativen Phase des Zyklus durchlaufen Gesellschaften eine zunehmende Polarisierung, die mit einer Zunahme interner Konflikte zwischen einzelnen Interessensgruppen begleitet wird. In einigen Bereichen könnte das auch zu sehr rigiden Formen gesellschaftlichen Lebens führen und zu einer Intensivierung von interner Gewalt (Abb. 1). In der jüngeren Geschichte Deutschlands sind das die Konflikte zwischen der politischen Linken und Rechten in den 1920er Jahren. Diese Tendenz muss nicht, kann aber in ein Endstadium eines Zyklus führen, der sogenannten Rigiditätsfalle (Schultz/Searleman 2002; Olson 1982). Ein Beispiel ist der Nationalsozialismus der 1930er Jahre verbunden mit ethnischen Säuberungen, massiven Repressionen und Gewalt. Häufig werden diese Phasen auch durch extreme Formen politischer Herrschaft (Beispiel „Führerprinzip“) begleitet. Möglicherweise war gar ein Resultat einer Rigiditätsfalle vor 7000 Jahren die Entstehung komplexerer politischer Systeme in Europa überhaupt (Gronenborn 2016).


      Abb. 1. Grundmuster des sozio-politisch-ökonomisch-ökologischen Zyklus (Teil 2) mit gesellschaftlichen Lösungsstrategien in der desintegrativen Phase
      (Grafik: D. Gronenborn).


      Die Gefahren der Desintegration


      Von einer solchen Situation scheinen Deutschland und die meisten europäischen Länder noch weit entfernt, so ganz sicher ist das für einige jedoch nicht. Dort, wo sich bereits vor der derzeitigen Krise Rigiditätstendenzen abzeichneten, etwa in Ungarn aber auch Italien, ist der Schritt in eine Rigiditätsfalle eher möglich.

      Was aber für Deutschland bereits dokumentiert wurde, ist die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft und die Entstehung von Parallelgesellschaften. Hier liegt die große Gefahr für die mittelfristige Zukunft. Verbunden ist diese Gefahr mit den möglichen wirtschaftlichen und - letztlich auch daraus resultierend - den sozialen Folgen der Pandemie, die zur Zeit eben noch kaum wirklich abzuschätzen sind, weil ja auch der Verlauf der Pandemie nicht vorherzusehen ist [Tagesschau 8.4.2020].

      Angst vor sozialem Abstieg, und Angst vor Unterversorgung, gar Notlagen fördert die bereits bestehende Tendenz zur Polarisierung, auch wenn rechtspopulistische Parteien zunächst die Krise nicht für sich nutzen konnten. Vor dem Hintergrund der Langfristtendenz ist nicht damit zu rechnen, dass sich wenig integrierte Bevölkerungsgruppen jetzt eher der staatstragenden Mitte zuwenden [Tagesschau 7.4.2020]. Auch dürfte die europaweit zunehmende Tendenz zum Antisemitismus als Folge der gesellschaftlichen Veränderungen eher zu- als abnehmen.


      Während der Staat durch die aufwendige Bekämpfung des Virus in einigen Bereichen geschwächt wird, werden Parallelgesellschaften gestärkt. Hierzu ist auch das organisierte Verbrechen zu rechnen, was zumindest in Italien deutlich rascher reagiert hat als der Rechtspopulismus [Tagesschau 8.4.2020]. Eine Zunahme von Machtbereichen krimineller Clans ist auch hierzulande zu befürchten, es wäre leider eine zu erwartende Komponente des desintegrativen Teils eines Zyklus.


      Interessant ist die Beobachtung, dass sich derzeit die Mitte der Gesellschaft eher um die an sich gut funktionierende Regierung schart [Tagesschau 2.4.2020]. Mehr noch als eine Anerkennung der politischen Arbeit mag das ein typisches Gruppenverhalten sein, demzufolge eben in Notsituationen und aus der daraus resultierenden Ratlosigkeit politische Führung gesucht wird. Interessant ist hierbei weiterhin, dass politische Parteien – durchaus berechtigt – die drängenden Probleme vor der derzeitigen Krise besser zu lösen versprachen. Innovative treten in den Hintergrund und man beruft sich wieder eher auf althergebrachte Konzepte („Keine Experimente“). Dieses Verhalten kann freilich auch ins Gegenteil umschlagen (vgl. Archaeologik [9.11.2016]); hier haben wir derzeit in Deutschland eine historisch gewachsene vorteilhafte Situation.

      Wahlspot 1957
      (via onlinekas auf youtube)

      Dennoch sind aber die Gefahren einer desintegrativen Phase, der Polarisierung, der Rigidität und, als letzter Konsequenz, der Rigiditätsfalle erheblich und müssen in den kommenden Monaten und sicher auch Jahren sehr genau beobachtet und behandelt werden, im wissenschaftlichen, im politischen und im allgemein gesellschaftlichen Diskurs.

      Hinzu kommen die bislang schon bestehenden Probleme des globalen Klimawandels und des Artensterbens. Bereits 2018 hatten wir auf die Parallelen zu einem Zyklus vor 7000 Jahren hingewiesen, nur dass damals die klimatischen Probleme nicht von Menschen gemacht wurden (Archaeologik [1.8.2018]).

      Zumindest in diesem Punkt ist die „Zivilisationsgeschichte“ weiter gekommen.


      Ausblick

      Ganz wie in den Empfehlungen der Leopoldina deutlich angemerkt, verstehen wir nicht nur die Dynamiken der Pandemie nur ansatzweise, auch die sie begleitenden gesellschaftlichen Prozesse sind nur ansatzweise bekannt. In jedem Fall müssen weiterhin Daten erhoben werden, um die Modelle zu unterfüttern und die Aussagekraft zu schärfen. Das gilt in besonderem Maße für die archäologische Langfristperspektive, denn nur wenige Studiengruppen haben diesen Weg bereits beschritten und für viele Phasen liegen eher anekdotische Daten als Vergleichsgrundlage vor.


      Hier wird die Archäologie in Zukunft gefragt sein.



      Fortsetzungsepisoden


      Literaturverzeichnis

      • Gronenborn u. a. in press
        D. Gronenborn/H.-C. Strien/K. W. Wirtz u. a., Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and modern SW Germany. In: P. Sheets/F. Riede (Hrsg.), Going Forward By Looking Back (New York, Oxford in press) $$-$$.
      • Gronenborn 2016
        D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung u. a. (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle1. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (2016) 61–76.
      • Olson 1982
        M. Olson, The rise and decline of nations. Economic growth, stagflation, and social rigidities (New Haven 1982).
      • Schultz/Searleman 2002
        P. W. Schultz/A. Searleman, Rigidity of thought and behavior. 100 years of research. Genetic, Social, and General Psychology Monographs 128, 2, 2002, 165–207.
      • Turchin u. a. 2018
        P. Turchin/N. Witoszek/S. Thurner u. a., A History of Possible Futures: Multipath Forecasting of Social Breakdown, Recovery, and Resilience. CDN 9, 2, 2018.