Samstag, 11. April 2020

Die Verluste des Museums Idlib (Syrien)

Siedlung von Ebla
(Foto: Gianfranco Gazzetti
[CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
Das Idlib Museum in der bis heute umkämpften Zone im Nordwesten Syriens hat(te) wichtige Bestände aus der Region. Unter anderem sind hier die Funde der italienischen Grabungen aus Ebla, einem bronzezeitlichen Zentralort des 3. Jahrtausend v.Chr.  aufbewahrt. Die Fundstelle von Ebla war selbst Ziel von Raubgrabungen (Archaeologik [1.7.2014]).
Die Region Idlib umfasst einen Großteil des Kulturerbes des Landes, insbesondere die "Toten Städte" - eigentlich reiche Dörfer - der frühbyzantinischen Zeit.


Ein Bericht von SIMAT (Syrians for Heritage) zeigt nun nach einer Bestandsaufnahme große Schäden und Plünderungsverluste im Museum Idlib während des Krieges.


Sicherungsmaßnahmen

Das Museum in Idlib  war 2012 vorsichtshalber evakuiert worden und die Funde wurden in den Keller eingelagert. "Nach den uns vorliegenden Informationen wurden die in den Ausstellungshallen ausgestellten Artefakte in Kisten aufbewahrt und zum Schutz an die Kellerlager verteilt. Die Gegenstände von großer Bedeutung wurden in demselben Raum platziert, in dem die Keilschrift aufbewahrt wurde, und die verbleibende Gruppe wurde auf andere Lagerhäuser verteilt. Die Türen wurden fest geschlossen, und dann wurde eine Betonblockwand gebaut, um die Position dieser Türen zu verbergen. Die Korridore, die zu den Lagerhäusern führten, waren mit einer mehr als einen Meter hohen Sandschicht gefüllt. Dann wurden alle äußeren Öffnungen geschlossen und vor Türen und Fenstern verborgen, um den Zugang zu Lagern zu verhindern, die mehr als 15.000 Artefakte aus verschiedenen Epochen enthielten." Das Lager konnte indes nicht geheim gehalten werden. 

Krieg in der Region Idlib

Im Nordwesten Syriens geht der Bürgerkrieg weiter und führt weiterhin zu Flucht und Vertreibung. Obwohl sich viele in Europa immer noch von den Flüchtlingen bedroht sehen, ist die Situation vor Ort kein Thema und nennenswerte europäische Friedensinitiativen für die Region scheint es nicht mehr zu geben. Regierungstruppen und ihre russischen Verbündeten, verschiedene Oppositions- und Rebellengruppen wie auch das türkische Militär sind hier unter komplexen konstellationen präsent. Kämpfe und Luftangriffe auf Schulen und Krankenhäusern führen weiter zu Flucht und Vertreibung. Flüchtlingscamps prägen für viele den Alltag, auch ohne COVID-19 haben sie kaum eine Zukunftsperspektive.

Zwar spielte Daesh/ IS in der Region Idlib nie die Rolle einer Territorialmacht, doch  wurde am 27.10.2019 der Daesh-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi wenige Kilometer von Idlib entfernt getötet (vgl. Archaeologik [1.11.2019]).


Mehrfach war Idlib, vor allem 2012 und 2015 heftig umkämpft und ist auch jetzt wieder im Kriegsgebiet. Bis 2015 blieb die Stadt Idlib in Regierungshand, während im Umland längst eine Hochburg der Rebellen war.  Von verschiedenen Gruppen kam es dort immer wieder zu Plünderungen und Zerstörungen (z.B. Jabhat al-Nusra terrorists begin excavation works at archeological site in Idleb to smuggle antiquities to Turkey. Muraselon (2.8.2018). - https://en.muraselon.com/2018/08/jabhat-al-nusra-terrorists-begin-excavation-works-at-archeological-site-in-idleb-to-smuggle-antiquities-to-turkey/). Auf Seiten der Rebellen hat daher das Idlib Antiquities Center bereits 2012 begonnen, die Fundstellen der Region zu überwachen. Immer wieder hat aber auch die Staatliche Antikenverwaltung Berichte publiziert (vergl. z.B. Archaeologik [1.12.2015]). 

In Rebellenhand

2015 wurde schließlich auch Idlib von Rebellen erobert. Bei den Kämpfen kam es zu ernsten baulichen Schäden am Museum.

Seit April 2015 hatten Mitglieder bewaffneter Gruppen Zugang zum Museums und dem bei einem Luftangriff beschädigten Depot.  
Das Idlib Antiquities Center bemühte sich, mit den Rebellen zu kommunizieren, um größere Schäden zu verhindern. Anfangs konnte es noch eine gewisse Kontrolle erreichen. "Mit Beginn des Jahres 2017 nahm die militärische Präsenz im und um das Museum allmählich ab, bis es vollständig verschwand. Schließlich wurde das Museum aufgegeben und es wurde zu einem Rastplatz für Arbeiter und Fahrer. Selbst dann wurde dem Team des Idlib Antiquities aus einem unbekannten Grund der Zutritt zum Museum verweigert, um seinen Zustand zu beurteilen. Später wurde beschlossen, das Museum einer bestimmten Gruppe zu übergeben, um es zu schützen, aber diese Gruppe konnte ihre Mission nicht erfolgreich abschließen. 
Im Februar 2018 wurde das Idlib Antiquities Center für das Museum in Idlib verantwortlich. Bereits 2017 begann eine nach Räumen und Fundkategorien organisierte Bestandsaufnahme, bei der ein Inventarabgleich, eine fotographische Aufnahme und eine Datenbankerfassung stattfand. Schränke wurden gereinigt, Funde entschimmelt und neu beschriftet und inventarisiert. Restaurierungsbedarf wurde bestimmt.



Plünderungen 2015-17

Aus dem nun vorgelegten Bericht ging auch hervor, dass "die meisten Schränken und Schubladen in den Lagern, in denen sich die Artefakte befanden, geöffnet wurden oder auf dem Boden lagen, und leider ging eine große Anzahl von Artefakten verloren. Im Allgemeinen stellte der Ausschuss fest, dass das Lager der Paneele sowie der Keramik- und Steinteile Vandalismus ausgesetzt war und dass das Lager der Paneele nicht vollständig geschlossen war. Es fehlte eine große Anzahl anderer Artefakte," Die Bilder des Berichtes lassen erkennen, wie ganze Fundkisten auf den Boden geleert wurden, wohl um sie als Behältnisse für das Raubgut zu nutzen.

Zum Umfang der Plünderungen wird konstatiert, dass das Museum nur"noch eine sehr kleine Sammlung im Vergleich zu dem, was es vor 2015 enthielt."
Von den Keilschrifttafeln des Museums, darunter Funde aus Ebla fehlen mehr als drei Viertel: 546 von 2201 Inventarnummern konnten aufgefunden werden, mehr als 1550 sind verloren.
Von den übrigen Funden fehlen ungefähr 4000 Gegenstande wie "Schmuck, Gold- und Silbermünzen, in Ebla gefundene Skulpturen, zylindrische oder flache Siegel sowie Keramik aus Ebla oder anderen archäologischen Stätten wie Tal Al-Karkh, Tel Al-Mastumah, Tel Denit und Tel Ephes."
Viele dieser Funde waren noch nicht im einzelnen inventarisiert, da sie aus Notbergungen, z.T. auvch aus Beschlagnahmungen und nicht aus regulären Grabungen stammten. Daher können INTERPOL kaum Bilder zur Verfügung gestellt werden. Besser sieht es bei den Funden aus den Forschungsgrabungen aus, da hier Interpol eine Datenbank zur Verfügung gestellt werden kann. 

Wo sich die vermissten Funde heute befinden, kann nur vermutet werden.  Aller Wahrscheinlichkeit nach lagern sie bis sie ungefährlich zu Geld gemacht werden können.

Der oben zitierte Bericht von SIMAT zum Idlib Musuem Project  beklagt indes, dass der Kontakt zu Interpol bislang nicht zustande kam. Hier erweist es sich wohl als problematisch, dass das Idlib Antiquities Center eben keine Organisation einer anerkannten Regierung ist.
Im März 2015 hatte das Büro von Interpol in Damaskus rund 10.000 Funde aus dem Museum in Idlib als gestohlen gemeldet und ein Fahndungsplakat herausgegeben:


Weitere Schäden


Der Bericht verweist neben Diebstahl und Vandalismus auf weitere Probleme, die in den vergangenen Jahren den Museumsbeständen zugesetzt haben:
  1. die erhöhte unkontrollierte Luftfeuchtigkeit. Als problematisch erwies sich die Klimatisierung des verschlossenen Lagers, so dass es zu "einem signifikanten Anstieg der Luftfeuchtigkeit in den Lagern" kam. "
  2. "die wiederholte Bombardierung des Museums durch die syrischen Regierungstruppen, die nicht nur zu teilweisen Einstürzen des Museumsgebäudes führte, sondern auch die Infrastruktur des Gebäudes beschädigte. Die Wasserleitungen im Museum wurden beschädigt und das Wasser begann in die Lagerhäuser zu lecken, da das Innere des Museums Regen ausgesetzt war."
Hier zeigen sich die typischen Muster der Kriegsschäden: Neben Raub und Vandalismus auch Vernachlässigung und Kollateralschäden.


Fortdauernder Krieg


Inzwischen sind Berichte über Zerstörungen eher selten. Vorwürfe gibt es gegen türkisches Militär, die sich jedoch in ihrer Glaubwürdigkeit nicht überprüfen lassen, Raubgrabungen sollen auch die Salafisten in der Region durchführen, die sich damit teilweise zu finanzieren scheinen. Ähnlich wie bei IS/ Daesh werden Lizenzen für Grabungen verkauft. Möglicherweise hat das eher den Charakter von Bestechung als  von offiziellen Steuern wie im Islamischen Staat.
In der Region Daraa, die wieder unter Kontrolle der Regierung stehen, setzen sich die Plünderungen indes kontinuierlich fort. So sehr alle Parteien die Kulturgutzerstörung der anderen für die eigene Legitimation nutzen, so sehr profitieren doch offenbar auch alle Parteien.

Links

Donnerstag, 9. April 2020

Die COVID-19 Pandemie - Teil 2: Kleine Geschichte der Erforschung von gesellschaftlichen Zyklen

Detlef Gronenborn - Rainer Schreg

Zyklen und Prozesse

Im Laufe unserer Forschungen am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) hat sich in den letzten zehn Jahren ein zyklenbasierter Ansatz als sehr hilfreich bei der Konzipierung von geschichtlichen Abläufen, oder vielleicht besser wiederkehrenden Prozessen, erwiesen (Gronenborn, Schreg 2011; Dotterweich 2011; Gronenborn u. a. 2014; Schreg 2011; Schreg 2020).

Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Jedoch stieß und stößt solch ein Geschichtsbild bei vielen Kolleginnen und Kollegen auf Skepsis, was möglicherweise auch auf Missverständnisse und Unklarheiten über Terminologie und Konzeption beruht.
Zunächst darf man sich unter Zyklen keine kreisförmigen Abläufe vorstellen, sondern eher Fluktuationen, die aber einer gewissen Regelhaftigkeit unterliegen. Vorab ist zu sagen, dass es bereits in der antiken griechischen Geschichtskonzeption Ideen zu regelhaften Abfolgen, ja geradezu Mechanismen gegeben hatte (Abb. 1). Sie ziehen sich durch die gesamte Geistesgeschichte des Abendlandes, konzeptionell stehen sie dem antiken und mittelalterlichen Degenerationismus nahe, wie auch dem Evolutionismus des 19. Jahrhunderts, denn allen liegt eine Vorstellung von Geschichte als Prozess zugrunde (Trigger 1989).


Abb. 1. Vereinfachte Grafik der historischen Dynamik römischer Regierungsformen nach Polybios
(aus Gronenborn 2016).

Eine schöne bildliche Darstellung der Zyklenkonzeption des 19. Jahrhunderts ist eine fünfteilige Gemäldereihe von Thomas Cole (Abb. 2), die zwischen 1833 bis 1836 für die New York Historical Society erstellt wurde (http://www.explorethomascole.org/tour/items/69/series/). 


Abb. 2. Thomas Cole, The Course of Empire: Destruction (1836)
([public domain]. via WikimediaCommons)


Der Evolutionismus des 19. Jahrhunderts hatte sich aus ähnlichen Konzeptionen in den Naturwissenschaften entwickelt, die nun ebenfalls begannen in Prozessen und Zyklen zu denken; verbunden war dies mit einem starken und kontinuierlichen Fortschrittsglauben (Trigger 1989). Auch die Wirtschaftswissenschaften sahen Zyklen auf langen und kurzen Zeitskalen.
Im 20. Jahrhundert haben sich sowohl zyklenbasierte wie auch lineare, prozessbasierte Geschichtsmodelle weiterentwickelt, kurze Zusammenfassungen finden sich in Turchin/Nefedov (2009) und Gronenborn u. a. (2017).

Vorwurf „Determinismus“

Während also ein Teil der Wissenschaftscommunity Prozesse und Zyklen als hilfreiche Denkmodelle oder -schablonen sieht, tut sich wiederum ein anderer Teil genau wegen dieser vermeintlich vorgegeben Strukturen sehr schwer damit, Regelhaftigkeiten in der Geschichte zu akzeptieren; der Vorwurf des Determinismus steht unweigerlich im Raum. 

Sicherlich mit zu begründen ist das auch mit der jüngeren deutschen Forschungsgeschichte, galt doch im bürgerlichen Geschichtsbild der Nachkriegszeit, und beruhend auf die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition des Historismus, jede Epoche als einzigartig in ihrer „Geschichtlichkeit“. Mit der Entwicklung des Historismus begannen sich die Geisteswissenschaften, insbesondere die Geschichtswissenschaft, immer stärker von den Naturwissenschaften abzusetzen, indem sie dem naturwissenschaftlichen Erklären der Welt das geisteswissenschaftliche Verstehen gegenübersetzt (Droysen 1868; Dilthey 1887). In der weitgehend empirisch beriebenen Archäologie spielte dieses Denken bis weit in das 20. Jahrhundert die entscheidende Rolle (Schreg 2014). Verknüpft mit der identitätsstiftenden Rolle der Vergangenheit wurde daraus ein Geschichtsbild, das Kontinuitäten, nicht aber Prozesse und Zyklen in den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellt (Schreg 2017). Daraus resutiert auch, dass der Begriff der historischen Prozesse erst jüngst ins Blickfeld geraten ist (Schützeichel/ Jordan 2015; Schreg 2018). Der Historismus betont die Handlungsfreiheit des Individuums, sieht aber eine Handlungsmächtigkeit vor allem bei Politikern und Militärs bzw. Vertretern von Institutionen. 

Dies ist übrigens ein Ansatz, der um die letzte Jahrtausendwende im Zuge des Postprozessualismus wieder von der britischen Archäologie unter dem Begriffsfeld „human agency“ betont wurde (Dobres/Robb 2000). 

Eine naturwissenschaftliche Vorgehensweise des Erklärens macht es jedoch notwendig, nach Mustern, nach Regelhaftigkeiten zu suchen, um auch die Variationsbreiten von Verhalten zu erkennen, mithin sind wiederkehrende Abfolgen in der Grundkonzeption von Prozessen mit enthalten. Das in der textbezogenen Geschichtswissenschaft in der Tradition des Historismums betonte Individuum spielt hier eine untergeordnete Rolle (Abb. 3).

Abb. 3. Flussdiagramm des Widerspruchs zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Traditionen.
(D. Gronenborn)

In Ländern des früheren Warschauer Paktes hatte sich die Theorienlandschaft in eine andere Richtung entwickelt, hier war man, beruhend auf dem Marxismus, und stand daher Regelhaftigkeiten weniger skeptisch gegenüber. Was problemlos zu akzeptieren war, waren Phasenabläufe in der Geschichte, wie sie Engels (1989) vorgedacht hatte. Diese Phasen wiederum erlaubten auch in Mechanismen zu denken, hinter denen die Übermächtigkeit des handelnden Individuums zurücktrat. Verbunden war diese Konzeption mit der Prozessualen Archäologie der 1960er Jahre (Binford 1977), deren Höhepunkt die systemische Ausdeutung von Clarke (1968) war.

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich aber wieder ganz langsam eine Komponente auch in die deutschsprachige Archäologie und zumindest in Teile der Geschichtsschreibung geschlichen, die einer von uns (d.g.) gerne als „Neoprozessualismus“ bezeichnen möchte (Archaeology Today – Archaeology Tomorrow: Part 2 - Suggesting a solution – “Neoprocessualism”. Archaeologik [1.2.2016]) und die durch ein Konzept aus dem Umweltwissenschaften ihren Weg in die Geisteswissenschaften fand.

„Adaptive Zyklen“ – die Rückkehr von Mechanismen und Regelhaftigkeiten in die Geschichtsschreibung

Abb. 4. Darstellung der Adaptiven Zyklen
nach Holling/Gunderson (2002)
(Graphik R. Schreg).
Im Jahr 2005 veröffentlichte Redman einen Aufsatz, der für die Archäologie ungeheure Konsequenzen gehabt hatte. Darin stellt er die Anwendungsmöglichkeiten des Konzeptes der Adaptiven Zyklen vor. Diese beruhen auf einer unendlich laufenden Schleife, bestehend aus immer wiederkehrenden, aufeinander bezogenen Abschnitten. Diese Schleife existiert in einem theoretischen Raum aufgespannt durch die Parameter Potential, Resilienz und Verknüpfung (connectedness) (Abb. 4). 


Diese Konzeption wurde dann von vielen Kolleginnen und Kollegen aufgegriffen, darunter auch von unserem Forschungsfeld am RGZM (Schreg 2011; Gronenborn u. a. 2014; Schreg 2019). Wir veränderten die Visualisierung und passten sie archäologischem Denken an, das ja in erster Linie einem zeitlichen Gradienten folgt (Abb. 5).

Sehr schnell wurde klar, was allerdings auch schon in der Konzeption der AC voreingestellt war, dass sich Zyklen auf verschiedenen zeitlichen Skalenebenen und auch in parallele und aber auch versetzten Prozessen abspielen (Abb. 5 b). Geschichte kann als Abfolge von ineinander verschachtelten zyklischen Prozessen verstanden werden.

Abb. 5. Neukonzeption der Adaptiven Zyklen nach Gronenborn u. a. (2014)
(Graphik: D. Gronenborn)




Diese Idee ist der Archäologie eigentlich nicht neu, denn ihr ureigenstes Handwerkszeug, die Ordnung von Objekten zur Erstellung einer Chronologie, baut genau auf diesem Phänomen auf, das bereits seit den antiken Abfolgen und ganz deutlich bei den Methodenentwicklungen im 19. Jahrhundert. Nicht zufällig wurden viele Perioden in dreistufige Entwicklungsschemata einer Früh-, Hoch- und Spätphase gepresst. 

Diese folgt dem typischen Innovationszyklus, der auch heute immer wieder in der Analyse von Wirtschaftsprozessen verwendet wird (Rogers 1962). Schmerzhaft deutlich wird uns das zur Zeit in der Beobachtung des Kurvenverlaufs der COVID-19-Infektionsrate, von der wir alle hoffen, dass sie nach einem Kipppunkt wieder abflachen möge (http://rocs.hu-berlin.de/corona/docs/forecast/results_by_country/). 

Mit Hilfe dieses prozess- und zyklenbasierten Denkmusters scheint es uns möglich, die alten Widersprüche zwischen geisteswissenschaftlichen individuenbasierten und naturwissenschaftlichen prozessbasierten Geschichtsbildern aufzulösen (Abb. 6). Letztlich geht es um zwei Aspekte desselben Untersuchungsgegenstandes, die sich allerdings in ihrer Bezugsskala und in ihrem Abstraktionsgrad unterscheiden. Ziel ist, daraus ein kombiniertes, vielschichtige Geschichtsbild unter Berücksichtigung des Verhältnisses der verschiedenen Bezugsebenen zu entwickeln. Untersuchungen auf der Basis langer Zeiträumen müssen durch Fallstudien einzelner Zyklen oder wenigstens Umbruchphasen ergänzt werden. Es zeigt sich, dass das eine eine Stärke der prähistorischen, das andere eine der historischen Archäologie ist. Getrennt durch fünf Jahrtausende haben sich so Studien zu den Zyklen des Neolithikums mit solchen zur Siedlungsdynamik des Mittelalters insbesondere des 14. Jahrhunderts ergänzt (Schreg 2011; 2020).

Abb. 6. Auflösung des Widerspruchs zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Traditionen.
(Graphik: D. Gronenborn)

Die einzelnen Zyklen bzw. Prozesse laufen historisch nicht gleich ab. Hier gibt es so viele Faktoren, dass letztlich doch jeder Zyklus individuell zu sehen ist. So sehr der Mensch als homo sapiens im Großen und Ganzen einen Faktor im Gesamtsystem darstellt, so ist doch gerade seine aktive Rolle als Akteur, wie auch sein konkretes Reagieren in Krisen für uns von Interesse. Zu den Untersuchungen langfristiger Prozesse  müssen also auch Überlegungen treten, wie das Individuum mit der Gesellschaft als Ganzem interagiert (Schreg u.a. 2012; 2013; Schreg 2017 ) und wer Akteure im gesellschaftlichen Wandel sind.

Das Grundmuster

Grundlage dieser Gesamtkonzeption sind Abfolgen von Zyklen bzw. wiederkehrenden Prozessen, die einem immer sich wiederholenden Muster folgen (Abb. 7). Dieses beruht auf den Adaptiven Zyklen, ist aber erweitert und verändert mit Verhaltensabfolgen in staatlichen Gesellschaften, die Turchin/Nefedov (2009) herausgearbeitet haben. So ist der Zyklus in einen integrativen und einen desintegrativen Teil zweigeteilt. Dieses Grundmuster ist in aufeinander bezogene Abschnitte eingeteilt, die zwar in den jeweiligen Studien unterschiedlich benannt sind, aber dennoch dieselben Inhalte haben; sie finden sich auch in der oben schon erwähnten archäologischen Chronologie (Abb. 7). Solche Zyklen sind, wie Scheffer (2009, 79) das trefflich gesagt hat „intuitive Metaphern“. Daher ist es notwendig, für eine analytische Vorgehensweise die einzelnen Komponenten voneinander zu trennen und für die jeweiligen Parameter Proxy-Daten zu finden, dies sowohl im archäologischen Material wie auch in den Textquellen (Abb. 8).

Abb. 7. Zweidimensionale Darstellung des sozio-politischen und ökonomisch-ökologischen Zyklus (SPEEC) basierend auf einem archäologischen typochronologischen Modell (ATC) und Adaptiven Zyklen (AC), der demografisch-strukturellen Theorie (DST) und der Dual Processual Theory (DPT) (Literaturverweise siehe Gronenborn 2016).





Abb. 8. Schematische Darstellung verschiedener in einem Zyklus wirksamer Faktoren.
(Graphik: D. Gronenborn)


In unseren bisherigen Studien haben wir uns besonders eine sozio-politische Komponente herausgegriffen, da diese noch weniger erforscht schien. In der Archäologie gebräuchlicher sind Zyklen etwa in der Siedlungsgeschichte mit der Vorstellung expansiver Phasen der Kolonisation und solche der Wüstung oder in der Geoarchäologie mit dem Modell des Bodensyndroms (Bork 2006).

Etliche Studien hatten sich auch bereits mit Populationsdynamiken befasst, ein Ansatz der methodisch weniger aufwendig ist (Zimmermann u. a. 2009; Zimmermann 2012), aber eben nur einen Teil der gesamten Dynamik abdeckt. Wir haben uns auf einen Parameter bezogen, den man als Fluktuationen im sozialen Zusammenhang (social cohesion) bezeichnen kann, und der sich aus der Diversität bzw. Normierung von sozialen Identifikationen generiert. Das ist in der Archäologie eine alte Vorgehensweise die verwandt ist mit der Dual Processual Theory der 1990er (Blanton u. a. 1996). Die Grundidee ist, dass sich alle Mitglieder eine Gruppe mit sozialen Einheiten identifizieren, sei es Familienverbände oder Bünde, oder Geheimgesellschaften. Angenommen wird dabei, dass es Einheiten sein sollten die eine aktive politische Rolle in den Gesellschaften übernehmen. Konkret zu greifen ist diese Diversität bzw. Normierung in der materiellen Kultur. Zu denken ist an Individualität in der Grabausstattung, bei Trachtmustern oder – in der archäologischen Überlieferung noch am kontinuierlichsten zu erfassen – im Stilrepertoire an Keramik (https://rfactors.hypotheses.org/files/2019/09/Gronenborn_2019_Vom_Artefakt_zum_historischen_Prozess.pdf). Verwandt ist dieser Ansatz auch mit dem Habitus-Konzept von Bourdieu (1976).

Plottet man solche Proxy-Daten in einer Zeitreihe, lässt sich ein Muster feststellen (Abb. 9): Zu Beginn des Zyklus ist die Diversität der Identifikationen gering, meist auch weil es eine geringe Zahl von Gruppenmitgliedern gibt. Im Laufe der Zeit nimmt die Diversität zu und nach einem Kipppunkt (tipping point) nimmt sie wieder ab. Entsprechend dieser Diversitätskurve ist die soziale Kohäsion zu Beginn der Kurven hoch, nimmt dann ab, und nimmt zum Ende wieder zu. Das heißt die desintegrative Phase ist zwar durch eine Zunahme sozialer Kohäsion gekennzeichnet, zeigt aber dennoch ein Verfallsstadium der Gesellschaften an. Charakteristikum dieser Phasen sind Gesellschaften in einem Stadium der Polarisierung, das auch in Extremfällen in ein Stadium der Rigidität, ja der sogenannten Rigiditätsfallen übergehen kann. 



Abb. 9. Zwei aufeinander folgende Zyklen stilistischer Diversität im Alt- und Mittelneolithikum SW-Deutschlands (verändert nach Gronenborn u. a. 2018).

Diese sozialen Kurven sind im bisher untersuchten Fall von der Populationskurve entkoppelt (Gronenborn u. a. 2017; Peters/Zimmermann 2017). In einer weiteren, noch nicht veröffentlichten Studie konnte gezeigt werden, dass auch die Sozialindizes zudem auf verschiedenen Skalenebenen unterschiedliche Kurvenverläufe aufweisen, sich letztlich also jede Phase des Zyklus aus einer Vielzahl von Einzelzyklen unterschiedlicher Genese zusammensetzt (Gronenborn u. a. 2020).

Dieses Grundmuster haben wir versuchsweise den „Soziopolitisch-ökonomisch-ökologischen Zyklus“ (SPEEC) genannt (Gronenborn 2016), weil letztlich alle Faktoren mit bedacht werden, so denn Daten dazu in hinreichender Auflösung zur Verfügung stehen.

Fortsetzungsepisoden



Literaturverzeichnis

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    D. L. Clarke, Analytical Archaeology (London 1968).
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    R. Schreg/J. Zerres/H. Pantermehl/ St. Wefers/ L. Grunwald,/ D. Gronenborn, Detlef., Habitus – ein soziologisches Konzept in der Archäologie. Arch. Inf. 36, 2013, 101-112, 2013. - doi:10.11588/ai.2013.0.15324
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Mittwoch, 8. April 2020

Krankheitserreger als „Global Player“ - Vom Austausch tödlicher Erreger mit der Entdeckung der Neuen Welt


Beitrag von Tim Röder


1. Ewige Geißeln der Menschheit


Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)
Krankheitserreger versetzen unsere Welt immer wieder in Unruhe. Insbesondere Viren und Bakterien werden durch den immer weiter voranschreitenden Prozess der Globalisierung über den gesamten Erdball verteilt. Der heutige intensive Flugverkehr trägt wesentlich dazu bei (Findlater/Bogoch 2018). So geht etwa aus dem aktuellen »World Airport Traffic Reports des Airports Council International (ACI)« hervor, dass die Anzahl der weltweiten Flugreisen sowie die Passagierzahlen stetig zunehmen. Der ostasiatische Großraum ist dabei Spitzenreiter, sodass beispielsweise dort im Jahr 2018 insgesamt 3,3 Milliarden Fluggäste verzeichnet wurden. Besonders die Mobilität des Menschen bewegt sich also heutzutage in Dimensionen, deren Ausmaß nahezu unüberschaubar geworden ist. Doch was viele nicht wissen: Mobilität und Infektionskrankheiten sind bereits seit dem Neolithikum eng miteinander verwoben, wenngleich zu dieser Zeit kein Flugzeug, sondern Pferde, Ochsen und Boote die schnellsten Fortbewegungsmittel waren.    

Die Sesshaftwerdung des Menschen, verbunden mit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht am Beginn der Jungsteinzeit, läutete das Zeitalter der Infektionskrankheiten ein (Campbell/MacKinnon/Stevens 2010, 189). Auf der Suche nach der Ursache für die Ausbreitung verschiedener Erreger spielt jedoch weniger das nun dichtere Zusammenleben von Menschen und Tieren innerhalb der bäuerlichen Lebenswelten eine entscheidende Rolle. Vielmehr waren die in den Siedlungen lagernden Lebensmittelvorräte sowie die vernachlässigten Entsorgungspraktiken Auslöser dafür, dass allerlei ungebetene Gäste angelockt wurden. Darunter besonders verschiedene Kleinsäuger und Nagetiere, die sich an teils ungeschützten Getreidevorräten und Milchprodukten zu schaffen machten. Im Gepäck hatten sie allerdings auch parasitäre Begleiter dabei, wie beispielsweise Flöhe und Läuse, aber auch Bakterien, Viren, die vor allem über den Weg der Nahrungskette zahlreiche Krankheitssymptome beim Menschen hervorriefen (Krause/Trappe 2019, 107f.).

Während Pest, Lepra, Paratyphus, Tuberkulose und Syphilis für viele Menschen heutzutage Seuchen aus längst vergangener Zeit darstellen, von denen dank des Wunderheilmittels »Antibiotikum« nicht mehr besonders große Gefahr auszugehen scheint, haben sich tödliche Virus-Pandemien und die damit einhergehende Angst ins Gedächtnis der Menschen eingebrannt.

Darunter befindet sich zum Beispiel das Pockenvirus, das noch im 20. Jahrhundert weltweit etwa 300 Millionen Tote forderte und durch seine hohe Infektionsrate und Mortalität zu den gefährlichsten Krankheiten des Menschen zählte.
Brandaktuell dürfte aber vor allem die Angst vor der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus mit der Bezeichnung »SARS-CoV-2« sein, welches sich, ausgehend von einer Provinz in China, seit Dezember 2019 verbreitet und in dessen Folge die »Weltgesundheitsorganisation (WHO)« am 30.01.2020 den internationalen Gesundheitsnotstand ausrief. Während Mediziner und Virologen lange Zeit davon ausgingen, dass Coronaviren bei Menschen ausschließlich normale Erkältungskrankheiten verursachen, änderte sich diese Annahme allerdings spätestens, als zwei besonders krankheitserregenden Virusvarianten, die bereits in der Vergangenheit Epidemien auslösten - das SARS-Coronavirus (Severe Acute Respiratory Syndrome) und das MERS-Coronavirus (Middle East Respiratory Syndrome), genauer untersucht wurden. Durch die inzwischen pandemische Ausbreitung des neuartigen Coronavirus »SARS-CoV-2« stehen weite Teile unserer globalisierten Welt beinahe still. Es zeichnen sich schon jetzt (Stand: 01.04.2020) massive gesundheitliche, wirtschaftliche, gesellschaftliche, sozioökonomische und politische Konsequenzen ab. Daneben laufen auch die Erforschung eines Impfstoffes und die Suche nach wirksamen Medikamenten auf Hochtouren. 


  • Weltweiter Infektions-Tracker von COVID-19 bereitgestellt durch: The Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at Johns Hopkins University (JHU) <https://coronavirus.jhu.edu/map.html> [Stand: 01.04.2020].
Eine Sache steht jedenfalls fest, nämlich dass unhygienischer Kontakt mit infizierten Tieren einer der Hauptgründe dafür ist, dass sich derartige Viren auf den Menschen übertragen. Eine solche Übertragung vom Tier auf den Menschen bezeichnet man dann als Zoonose (Krause/Trappe 2019, 177). Auch aus evolutionärer Sichtweise stellten sich Krankheitserreger erst auf uns ein, als die Menschen zahlreicher wurden und begannen, auf engem Raum zusammenzuleben. Genau in diesem Milieu liegen die Brutherde für neue Krankheitserreger und zudem ein erhöhtes Risiko der Virus-Mutation.

Neben den Viren dürfen wir aber die bakteriellen Infektionskrankheiten nicht vergessen. Auch wenn derartige Erreger seit dem Durchbruch der Antibiotika in der Mitte des 20. Jahrhunderts unter Kontrolle gehalten werden können, so sind diese nicht von der Bildfläche verschwunden. Sicher fühlen sollten wir uns deshalb auf gar keinen Fall, denn der massenhafte und leichtfertige Antibiotika-Einsatz in der Tierzucht und auch in der Humanmedizin trägt dazu bei, dass Bakterien vermehrt Resistenzen ausbilden können. Immer häufiger werden Meldungen von sogenannten »Krankenhauskeimen (MRSA) in den Medien laut und, dass die Anzahl der multiresistenten Bakterien zunimmt und ein drohender Antibiotika-Notstand kurz bevorsteht. 

Johannes Krause, ein deutscher Biochemiker mit Forschungsschwerpunkt zu historischen Infektionskrankheiten und Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, unterteilt hierbei in drei »epidemiologische Transitionen«, die Infektionskrankheiten durchlaufen (Krause/Trappe 2019, 225). Das Schema (Abb. 1.) veranschaulicht diesen Prozess und die unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Während wir uns heute in der zweiten »epidemiologischen Transition« befinden, in der vor allem in westlichen Ländern vorwiegend Wohlstandskrankheiten wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes auf dem Vormarsch sind, so zeichnet sich wohl schon langsam die »dritte epidemiologische Transition« ab, die der Welt bevorstehen könnte und uns hoffentlich nicht ins Neolithikum zurückwirft. Denn mit Blick auf die zahlreichen Entwicklungsländer wird deutlich, dass Lepra, Typhus, Tuberkulose und auch die Pest ohnehin wieder oder immer noch Bestandteil des alltäglichen Lebens sind und sich besonders die Syphilis-Erreger aufgrund zunehmender Antibiotika-Resistenzen langsam, aber sicher auch Richtung Europa ausbreiten (Krause/Trappe 2019, 225f.).

Abb. 1. Die drei »epidemiologischen Transitionen« nach Johannes Krause
(Grafik: T. Röder).


Die Mobilität des Menschen feuerte also seit jeher die Ausbreitung von Infektionskrankheiten an, weshalb unzählige Menschen Opfer eines unsichtbaren Feindes wurden. Vor allem der durch den Handel intensiver werdende Austausch zwischen den Populationen trug maßgeblich dazu bei. So etwa auch die Seidenstraße, ein altes Netz von Karawanenstraßen, dessen Hauptroute die Handelsmetropolen des Mittelmeerraumes mit Ostasien verband und eventuell auch bei der Ausbreitung der Pest eine entscheidende Rolle spielte (Bergdolt 2017, 33ff.). Viel gravierender wirkte sich allerdings ein Ereignis aus, dass maßgeblich zur Entstehung einer globalisierten Welt beigetragen hat – nämlich die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahre 1492. Verheerende Krankheiten drangen in der Folge in neue Weltgegenden vor (Abb. 2). 

Abb. 2. Opfer der Pockenepidemie von 1520 in Zentralmexiko, dargestellt im Florentiner Kodex des 16. Jahrhunderts, Buch XII, Folio 53.
 (aus: Fray Bernardino de Sahagún, Historia general de las cosas de nueva España [1569].
[gemeinfrei] via WikimediaCommons).

Während sich viele Historiker heutzutage darüber einig sind, dass die nordamerikanischen Ureinwohner nach der Ankunft der europäischen Kolonisten massenhaft durch Pocken und Masern dahingerafft wurden, war die Ursache und das Erscheinungsbild der sogenannten »Cocolitzli-Epidemie« (Nahuatl übers. „Große Pest“) im Zeitraum zwischen 1545-1550 auf dem Gebiet des heutigen Mexikos völlig unbekannt (Abb. 3). 

Sonntag, 5. April 2020

Niedliche Ponys und stinkende Schweine auf der Heuneburg? Wissenschaftsvermarktung statt Wissenschaftsvermittlung?

"Das Land Baden-Württemberg will das Freilichtmuseum als museale und touristische Erlebniswelt neu erschaffen" berichtet die Schwäbische zu den neuen Entwicklungen an der Heuneburg, die nun im April 2020 in die Trägerschaft der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg übergegangen ist. Das ganze soll in eine landesweite Keltenkonzeption des Landes Baden-Württemberg eingebunden sein.
Angekündigt werden für die Heuneburg eine Erlebniswelt und eine "Marketingmaschinerie". Und Vermittlungsziele werden genannt: "Wie niedlich waren keltische Ponys? Wie groß keltische Kühe? Und verströmten auch keltische Schweine strenge Duftnoten? Bisher konnten kleine und große Besucher der Heuneburg bei Herbertingen (Kreis Sigmaringen) darüber fast nur mutmaßen."

Mir drängt sich da eine Frage auf: Ist das das Erkenntnisniveau der Archäologie? Große Forschungsprojekte und am Ende lernt das Publikum, wie Schweine stinken? 

Zugang zum Freilichtmuseum Heuneburg
durch das teilrekonstruierte Tor
(Foto: R. Schreg, 2019)

Inhalte archäologischer Wissensvermittlung

Der Artikel (hoffentlich nicht das tatsächliche Konzept zur Heuneburg) macht auf das Problem aufmerksam, dass eine archäologische Didaktik nicht unbedacht einfach auf die Darstellung vergangener Lebenswelten, living history und experimentelle Archäologie setzen darf.

Der heutigen Gesellschaft  zu vermitteln, wie man früher gelebt hat, ist ein legitimes und wichtiges Anliegen der Archäologie.  Dazu braucht es die Formate der Living History, Rekonstruktionen und 'experimentelle Archäologie'. Das sind aber die Medien, nicht die zentralen Inhalte. Diese sind an jeder Fundstelle im einzelnen zu evaluieren.

Die Dimension der Zeit

Im Prinzip liegt die eigentliche Stärke der Archäologie in der Vermittlung der zeitlichen Dimension. Die Archäologie hat mit langen Zeiträumen zu tun, wie keine andere historische Disziplin. In unserer heutigen Gesellschaft ist gerade dieses Zeitverständnis ein riesiges Defizit. Zukunft wird bis zur nächsten Wahl oder Aktionärsversammlung gedacht, mittel- bis längerfristige Ziele des Klimaschutzes liegen daher so außerhalb der Vorstellungswelt, dass sie leicht vergessen und viel zu spät angegangen werden. Eine Vorstellung von Zeit, von andauernden Veränderungsprozessen, von der Abhängigkeit von der Vergangenheit und von der Verantwortung für die Zukunft ist für eine moderne Gesellschaft grundlegend, wenn sie nachhaltig und zukunftsorientiert sein will (was sie muss). Dazu braucht es das Bewusstsein, dass das Handeln einer Generation langfristige Folgen hat, dass kulturelle Errungenschaften nicht selbstverständlich sind, dass es auch unter "unseren" Vorfahren, sprich in der jeweiligen Region ganz unterschiedliche Gesellschaftsmodelle gegeben hat.
Das ist ein Narrativ, das sich aus den Quellen zwangsläufig ergibt - eher als die klassischen, ethisch und politisch stets problematischen identitätsstiftenden Narrative.

Die zeitliche Dimension ist aber nicht damit vermittelt, dass man an jedem Fundplatz frühere Lebensverhältnisse inszeniert.  Dem wenig vorgebildeten Besucher werden die Unterschiede vergangener Lebenswelten - und damit die zeitliche Dimension - nämlich nur auffallen, wenn sie nebeneinander gestellt werden. In der Erinnerung wird die zeitliche Dimension nach dem Besuch eines zeitspezifischen Archäologiefreilandmuseums wie der Heuneburg eher noch verschwimmen. Neolithikum und Mittelalter (und natürlich auch die Kelten) wirken da gleichermaßen primitiv, zumal wenn das niedliche Fohlen oder Kälbchen oder das stinkende Schwein im Vordergrund steht. Wer beachtet schon die Differenzierungen in der Fibeltracht der Darsteller*innen? Wenn hier Lebensalltag in dem Mittelpunkt gestellt wird, besteht das Risiko, dass wieder dasselbe dargestellt wird: Töpfern, Spinnen, Weben, Bronzegießen, Strohdach decken, Korbflechten sowie niedliche wie auch stinkende Tiere. Wenn dann noch (mein entsprechendes Erlebnis ist Gott sei Dank schon ein paar Jahre her), bei der Darstellung einer frühneolithischen Siedlung ganz unhinterfragt das Bronzegießen vorgeführt wird, wird das Ganze vollends kontraproduktiv. Dass da grundlegendes Wissen zu vermitteln ist, zeigt mir eine aufgeschnappte, ernst gemeinte Frage einer deutscher Besucherin der römischen Ruinen in Herculaneum: "Was war denn vorher: die Neandertaler oder die Römer?"

Zeitliche Längsschnitte nur im Verbund

Die Darstellung vergangener Lebensverhältnisse vermittelt nur dann ein Verständnis für Zeit, wenn es gelingt, die Veränderungen darzustellen. Das geschieht am besten nicht auf einem spezifischen archäologischen Fundplatz, der in der Regel prominent für eine einzelne Phase stehen wird. Hier liegt die Stärke der Freilandmuseen, die nicht an einem historischen Ort anknüpfen, sondern verschiedene Baugruppe nebeneinander stellen können.  Ein Beispiel, wie dies gelingen kann, bietet der Geschichtspark Bärnau-Tachov (Website), der die Siedlungsentwicklung vom frühen Mittelalter bis ins Spätmittelalter zeigt. Im Zusammenspiel mit dem nahen Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen (Website) ist sogar die Entwicklung bis in die jüngere Zeit konsistent nachzuverfolgen. Im mittelfränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim wurde direkt eine archäologische Baugruppe integriert (Website), so dass neben den originalen mittelalterlichen Bauernhäusern frühmittelalterliche Rekonstruktionen zu sehen sind. Eine eigene museale Ausstellung zeigt Modelle von vor- und frühgeschichtlichen Siedlungen und schafft es so, die Veränderungen in der Zeit verständlich zu machen. Gelingt dies nicht an einem Standort, so kann ein gemeinsames regionales Komzept - das freilich mehr sein muss, als der Tausch von Prospekten - hier eine Perspektive bieten. In der Region der Heuneburg wären da das Federseemuseum (Website), - wenn auch mit nicht unproblematischem Konzept - die Klosterstadt Campus Galli (Website), die 'Bachritterburg' Kanzach (Website) und das Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck (Website) und das Museumsdorf Kürnbach (Website) zu nennen. 

Gebäude der Baugruppe Spätmittelalter
im Geschichtspark Bärnau-Tachov
(Foto: R. Schreg, 2018)

In solch einem Vermittlungsverbund kommt neben den archäologischen Freilichtmuseen den klassischen "volkskundlichen" Freilandmuseen eine große Bedeutung zu, denn sie vermitteln schon lange vergangene Lebenswelten. Hier werden alte Handwerkstechniken dargestellt und nicht selten auch alte Haustierrassen gepflegt. Hier kann der moderne Städter oftmals auch Stallgeruch erleben. Die klassischen Freilandmuseen mit ihrem translozierten Baubestand sind dafür prädestiniert, denn hier lässt sich auf originale, gut und detailreich dokumentierte und eingerichtete und damit authentische Häuser zurückgreifen, was im archäologischen Kontext immer sehr viel problematischer ist. Jede Rekonstruktion stellt hier nur eine Möglichkeit unter Vielen dar und läuft Gefahr, fragliche Bilder zu produzieren.
An einem einzelnen Platz wie der Heuneburg vor- und frühgeschichtliche Lebenswelten in den Mittelpunkt eines Vermittlungskonzeptes darzustellen, ist daher  nicht unproblematisch.
 

Heuneburg unter Wert verkauft

Die Heuneburg ist ein Zentralplatz der frühen Eisenzeit, genauer der späten Hallstattzeit im 7. bis 5.  Jahrhundert v.Chr. mit reichen Bestattungen im Umfeld und zahlreichen Importfunden nicht nur aus dem Mittelmeerraum. Sie war und ist Gegenstand vieler langjähriger Forschungsprojekte, die unseren Blick auf die Vorgeschichte grundlegend verändert haben. Sah man früher vor allem den 'Fürstensitz' mit seiner mediterranen Lehmziegelmauer auf der eigentlichen Heuneburg, so wurde in den vergangenen Jahren deutlich, dass hier eine bislang unbekannte Siedlungsagglomeration bestanden hatte. Zunehmend erschließt sich auch die umliegende Kulturlandschaft.

Diese Forschungen werden mit den skizzierten Themen der Keltenwelt weit unter Wert verkauft. Was dort aufgeführt wird, leisten schon heute unzählige Freilandmuseen und archäologische Rekonstruktionen. Um zu zeigen, wie Schweine stinken, braucht es keine teuren Forschungsprojekte.
Die Heuneburg war kein Ponyhof und kein Bauernhof, sondern ein fast schon stadtartiges Siedlungszentrum. Das begreift das Publikum sicher nicht, wenn es mit Eindrücken von stinkenden Schweinen nach Hause geht (selbst wenn das vielleicht tatsächlich der dominierende Straßengestank in der Heuneburgsiedlung war).

Heuneburg, 1930er Jahre (?)
(Foto: A. Kley)

Die Potentiale der Heuneburg liegen woanders, nämlich gerade in der Vermittlung der Zeit. Welcher archäologische Fundplatz wäre dafür in Süddeutschland besser geeignet als die Heuneburg?
Hier lässt sich zeigen, wie sich ein einst sicher bedeutendes, nach damaligen Verhältnissen global vernetztes Zentrum entwickeln konnte - und auch wieder untergegangen ist. Die Vorstellung von Kontinuität und immer weiter gehendem Fortschritt lässt sich hier hinterfragen.

Die Heuneburg könnte hervorragend vermitteln, wie sich auch in vormoderner Zeit Gesellschaften verändert haben, in vergleichsweise kurzer Zeit. Ein wichtiges Potential der Heuneburg besteht auch in der Vermittlung der grundlegenden Problematik solcher Volksbegriffe wie "Kelten".  Keltische Ponys, Kühe und Schweine gab es nicht, schon weil die Kelten ein soziales Konstrukt ihrer mediterranen Zeitgenossen sind. Genau das lässt sich an der Heuneburg darstellen, denn sie steht im Kontext mit einer der frühen Nennung von "Kelten".  Bei Herodot wird in diesem Kontext auch die Siedlung Pyrene an den Donauquellen genannt, die  im aktuellen Marketing schon mit der Heuneburg identifiziert wird (siehe http://www.heuneburg-keltenstadt.de/). Unmöglich ist das nicht, vielleicht sogar plausibel, aber sie ist eben auch nicht ohne Widersprüche und letztlich - wie so vieles in den Geisteswissenschaften - aus methodischen Gründen nicht beweisbar. Das sollte man darstellen und nicht überspielen, denn Vertrauen in die Wissenschaft (und Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft) ist ein hohes Gut. Das Vertrauen muss sich die Wissenschaft verdienen, indem sie sich von Sensationalisierung und oberflächlicher Vermarktung distanziert.

Pyrene und die Kelten sind in der Darstellung der Heuneburg wichtige und zentrale Themen einer Wissensvermittlung, in einer offensiven Vermarktung aber eher problematisch.
Die 'Kelten' sind in unserer Wahrnehmung eines der großen antiken Völker, die Vorfahren der Franzosen, Iren und Schotten, die aber auch ihre Spuren in Deutschland, Norditalien Tschechien, Österreich und selbst Rumänien hinterlassen haben. Sie sind somit Teil der eigenen Tradition, was aber zurück wirkt auf die Wahrnehmung der Hallstattzeit und der Heuneburg. Sie werden der eigenen Tradition einverleibt und identitätsstiftend. Damit geht aber auch Distanz verloren und wir erkennen sehr viel eher vermeintliche Gemeinsamkeiten als die Unterschiede. Die klassische Interpretation der Späthallstattzeit als eine Periode regionaler Fürsten verwendete halb bewußt, halb unbewußt eine historische Terminologie des Mittelalters und der frühen Neuzeit, die vertraute Strukturen implizierte. Tatsächlich ist der historische Erkenntnisgewinn einer Zuweisung eisenzeitlicher archäologischer Fundstellen an die Kelten begrenzt, wenn nicht eher negativ. Längst haben DNA-Studien gezeigt, dass bei allen kulturellen Gemeinsamkeiten die Kelten keine Abstammungsgemeinschaft sind (Leslie u.a. 2015). Anstatt 'Kelten' zu bewerben, wäre es doch wissenschaftlich seriöser, die Grenzen und Probleme solcher Begriffe aufzuzeigen.



Weniger wäre mehr?

Ich fürchte, das didaktische Potential der Heuneburg hat unter den schon lange stehenden Rekonstruktionen eher gelitten als gewonnen. In meiner Studienzeit hatte ich selbst (als Bewohner der Baracke im Graben während der sommerlichen Grabungssaison) mehrmals Gelegenheit, Touristen auf der damals noch unberührten Heuneburg zu führen, als für den Laien nicht mehr zu sehen war außer einem Acker und dem Befestigungswall. Die eindrucksvollen Wallanlagen waren unter Gebüsch und Brennesseln kaum auszumachen. Touristen waren zunächst enttäuscht, aber mit der Erläuterung, dass hier ein Zentrum stand, das fast spurlos verschwunden ist, dass man genau hinschauen muss, um Vergangenheit zu erfassen, dass das schon über 2000 Jahre her ist, waren sie um so mehr fasziniert. Der Eindruck des Verschwundenen gibt eine Vorstellung von der Zeit. Das stelle ich mir mit Häusern, die der Laie nicht von mittelalterlichem Fachwerkbau unterscheiden kann und mit einer stets wie neu aussehenden, weil regelmäßig gekalkten Lehmziegelmauer (die übrigens schon länger steht als ihr Vorbild) weit schwieriger vor.

Eine Trennung von originaler archäologischer Stätte und Rekonstruktionen, wie dies etwa beim Weltkulturerbe Kloster Lorsch und dem nahe gelegenen, aber doch abgesetzten Freilichtlabor Lauresham umgesetzt worden ist (Website), scheint auch im Falle der Heuneburg sinnvoll.


Das Heuneburgplateau 1985 mit eindrücklichem Nichts
(Foto: R. Schreg)

Ein schlüssiges Vermittlungskonzept an der Heuneburg müsste dafür sorgen, dass auf dem Burgplateau selbst wieder der Eindruck einer untergegangenen Stadt entsteht. Die dortigen Gebäude wären in der sogenannten Außensiedlung besser aufgehoben. Das steinerne Tor und die heute wieder offen  liegenden Wall-Grabensysteme stellen so schon eine eindrucksvolle Anlage dar. Mit einer virtuellen Rekonstruktion im Gelände, gekoppelt mit den angedachten Audio-Guides wäre da sicher heute einiges Einzigartiges zu machen. Zentral ist aber eine museale Präsentation. Das alte Heuneburgmuseum in Herbertingen (Website) hat auf einem älteren Forschungsstand da schon einiges Gutes geleistet. 

Weniger Rekonstruktion, weniger Wiederbelebung und weniger Living History kann didaktisch mehr sein - abhängig davon was wir als Archäologen eigentlich vermitteln wollen.  Das ist eine Diskussion, die geführt werden muss, nicht nur im Rahmen von Museumsdidaktik und Denkmalpflege, sondern auch mit der Öffentlichkeit einerseits und der ganzen Wissenschaftscommunity andererseits. Das skizzierte Problem ist kein spezielles Problem der Heuneburg, sondern generell stellt sich die Frage, was die Vermittlungsziele und die Narrative der Archäologie heute denn sein sollen.

Wie auch immer: Es ist gut, dass für die Frage der Trägerschaft für die Heuneburg und das Freilichtmuseum mit der Staatlichen Gärten und Schlösser-Verwaltung nun eine tragfähige Lösung gefunden wurde. Dass öffentliche Mittel des Landes in solch ein Projekt investiert werden, ist wichtig und richtig.


Literatur

  • Hansen/Pare 2008
    L. Hansen/C. F.E. Pare, Der Glauberg in seinem mikro- und makroregionalen Kontext. In: D. Krauße/C. Steffen (Hrsg.), Frühe Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse. Zur Genese und Entwicklung frühkeltischer Fürstensitze und ihres territorialen Umlandes. Kolloquium des DFG-Schwerpunktprogramms 1171 in Blaubeuren, 9. Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 101 (Stuttgart 2008) 57–96.
  • Krausse u.a. 2015
    D. Krausse/I. Kretschmer/L. Hansen u. a. (Hrsg.), Die Heuneburg - keltischer Fürstensitz an der oberen Donau. Führer arch. Denkm. Bad.-Württ. 28 (Darmstadt 2015).
  • Leslie u. a. 2015
    S. Leslie/B. Winney/G. Hellenthal u. a., The fine-scale genetic structure of the British population. Nature 519, 7543, 2015, 309–314. - <doi:10.1038/nature14230>

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