Sonntag, 11. Oktober 2020

Bürgerwunsch Erhaltung: aktuell in Sankt Vith (Belgien)

In St. Vith in den belgischen Ardennen wurden im Juni 2020 archäologische Reste der Stadtbefestigung freigelegt, woraufhin nun ab 19.10. umfangreichere Grabungen vorgesehen sind. Das Areal liegt im Bereich eines Bauvorhabens, dem die Reste weichen sollen.

Im aktuellen Grabungsbefund wurden eine Mauer auf etwa 10 m sowie die Reste eines Rundturms erfasst,. Da der Mauerzug unter den Fundamenten der späteren Stadtmauer verläuft und das Turmfundament von den Ausmaßen nicht dem einzigen noch erhaltenen Stadtturm entspricht, stellt  der  Grabungsleiter nach vorliegenden Presseberichten die plausible These auf, dass hier Reste einer älteren Burg mit Donjon angetroffen wurden. Aus schriftlichen Quellen wissen wir, dass es in der Mitte des 14. Jahrhunderts zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Stadtherrn und König Karl IV. um die Befestigung der Stadt kam. Wie dies einzuschätzen ist, hängt nicht zuletzt davon ab, wie eine frühere Stadtbefestigung ausgesehen hat - was einzig aus archäologischen Befunden erschlossen werden kann. Angesichts der bisher begrenzten Grabungsfläche sind sichere Aussagen bisher aber nicht möglich. Hier wird vieles auf die weiteren Grabungen ankommen. 

Zweifellos haben die Befunde also eine erhebliche Bedeutung als historische Quelle für die Entwicklung der Stadt und müssen daher auch adäquat untersucht und dokumentiert werden. Dies gilt umso mehr, als Sankt Vith an Weihnachten 1944 von aliierten Bombern vollständig zerstör wurdet, nachdem deutsche Truppen es in der Ardennenoffensive erneut besetzt hatten. Abgesehen von dem genannten Stadtmauertturm, dem Büchelturm, der heute als Wahrzeichen der Stadt gilt, gibt es in der Stadt keine mittelalterlichen Reste.

Büchelturm
(Foto: Romaine [CC0] via WikimediaCommons)

 

Mittelalterliche Baureste sind oft bedeutend für die lokale Identität und so gibt es auch in St. Vith auch eine Bürgerinitiative, die auf die bedeutung der Befunde für die Geschichte der Stadt und der Region hinweist. Wichtig ist in ihrer Argumentation, wie eine Radiosendung bei BRF vom 9.10. zeigt, nicht nur das Narrativ "älter als bisher bekannt", sondern auch die Hoffnung, etwas über die Ernährung im Mittelalter zu erfahren. Auf der Basis mündlicher Überlieferung und Vorkriegsplänen war eine Gruppe historisch Interessierter relativ frühzeitig initiativ und versucht nun eine formale Unterschutzstellung zu erreichen, um Grabungen durchzuführen und Zeit für weitere Planungen zu gewinnen.

Wichtiger Stichtag ist bereits Dienstag 13.10., da die Petenten einen Gesprächstermin mit der Gemeindeverwaltung haben.

 
Wichtige Forderungen der an die Regionalregierung und die Stadt gerichteten Petition sind:
  • die ältesten sichtbaren Spuren der Stadt und Herrschaft St. Vith und somit der urbanen Geschichte in der Eifel zu erhalten,
  • das Geschichts- und Identitätsbewusstsein insbesondere bei den Kindern und der Jugend zu fördern,
  • die Anlage eines „archäologischen Parks“ auf dem Gelände „An der Burg“ als Ort der Begegnung sowohl für ältere Menschen als auch für Kinder und Jugendliche und auch als touristische Attraktion zu ermöglichen,
  • die Zerstörung dieses historisch wertvollen Areals durch Baubagger (nach erfolgten Ausgrabungen) zu verhindern!
Die Petition hat vor allem "moralischen Wert", um öffentliches Interesse an den Überresten zum Ausdruck zu bringen.
 
Die Petition zeigt exemplarisch einige Bürgerwünsche bezüglich des Umgangs mit archäologischen Denkmälern. Obgleich die bisherigen Befunde sehr unscheinbar sind und größtenteils noch gar nicht freigelegt sind, haben sie eine große Bedeutung für die Identität der Stadt (oder jedenfalls wird sie ihnen zugeschrieben). Die Erwartung der Petenten ist, dass "dieser "archäologische Park", gelegen zwischen den neuen Wohneinheiten (...) und dem Stadtzentrum (...) erheblich zur Wohnqualität in der Stadt beitragen" und  "als Ort der Begegnung sowohl für ältere Menschen als auch für Kinder und Jugendliche" werden kann.  Ob die Befunde tatsächlich eine touristische Attraktion sein können, scheint eher fraglich, denn noch wissen wir nichts über deren Erhaltungszustand. Sicher ist, dass es keine weiteren aufgehenden Befunde gibt, man also Aufmauern oder einen Schutzbau konstruieren müsste. Hier gibt es viele Beispiele, bei denen dies nicht gelungen ist, zumal hier auch weitere Folgekosten zu bedenken sind, die vielleicht gar nicht so groß, aber mittelfristig dann oft nicht eingeplant sind. Dabei geht es eventuell nur um eine Müllbeseitigung und etwas erschwertes Rasenmähen, aber eben auch um eine konservatorische Betreuung der der Witterung ausgesetzten Befunde (bzw. auch aufgemauerter Partien). Grundsätzlich denkbar wäre natürlich auch eine Integration der Mauerbefunde in das Erd- oder Kellergeschoß eines Neubaus. Auch hier gibt es Beispiele - gute wie oft leider auch schlechte.
 
Hier zeigt sich ein wesentliches Problem im Umgang mit archäologischen Befunden, das Alltag ist für die Koleginn*en in der Denkmalpflege: Eine genaue Einschätzung der Bedeutung ist meist erst nach den Grabungen möglich, die aber ja meist erst durch konkrete Bauvorhaben ausgelöst werden. Auch das öffentliche Interesse entwickelt sich meist erst im laufenden Verfahren. Die Entwicklung von tragfähigen alternativen Nutzungskonzepten benötigt allerdings Zeit, die in einem solchen Vorgang nicht vorgesehen ist. Nur bei wenigen Denkmälern, bei denen man schon vorher durch schriftliche Quellen oder gezielte Forschung Informationen hat, sind vorab konkrete Nutzungskonzepte zu entwickeln, die dann aber neue Finanzierungsfragen aufwerfen. Ein Investor wird nur so lange bereit sein, die Kosten zu tragen, so lange es sein Vorhaben insgesamt wirtschaftlich nicht gefährdet.

Petitionen, wie die vorliegende scheinen mir wichtig, obwohl sie oft in verschiedener Hinsicht frustrierend sein können. Die Petitionen werden häufig von Laien initiiert und geben sich problematischen Hoffnungen und Illusionen über die Bedeutung und Attraktivität der Befunde wie auch über die Kosten hin. Realistische und tragfähige Konzepte können meist nicht bennannt werden. Für die Verwaltung und Investoren bedeuten sie eine Störung der Abläufe, erschweren Planung und zuverlässige Kooperation, machen alle Abläufe sehr viel zeitintensiver. Dennoch sind solche Petitionen für die institutionalisierten routinemäßigen Verfahrenswege, die gerade der Denkmalpflege oft keine großen Spielräume erlauben, ein wichtiges Korrektiv. Prinzipiell halte ich solche bürgerschaftlichen Initiativen daher für unterstützenswert.


 St. Vith in der Ferraris-Karte der österreichischen Niederlande. Ende des 18. Jahrhunderts war die Stadtmauer auf der östlichen Flanke der Stadt, wo die Grabungen stattfinden, bereits geschleift
(via MAPIRE)

 

Links

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Wie man eine Tagung organisiert (Teil 3)

Antonio Sasso - Hagen Gräbner*


Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2


Die heiße Phase

Drei Monate vor der Tagung oder direkt nach der Veröffentlichung eures Programms beginnt die besonders arbeitsintensive Phase. In dieser Zeit werden die Treffen häufiger und müssen zum Teil auch kurzfristig stattfinden. Notfalls sind auch Treffen im kleineren Kreis hilfreich, um schnell auf Probleme oder Fristen reagieren zu können. In dieser Zeit wird von jedem Teammitglied besonderes Engagement erwartet.

Für die Tagung selbst und die Tage kurz davor und danach braucht ihr zusätzliche Unterstützung. Auch einfache Aufgaben, wie Stühle stellen, Essen vorbereiten oder Transportfahrten muss jemand übernehmen. Dafür sprecht ihr am besten eure Mitstudierenden an und hängt eine Liste am schwarzen Brett aus. (Wenn für besonders arbeitsintensive Tage im Budget noch zwei/drei Bleche Familienpizza für die Helfenden vorgesehen sind, steigt die Bereitwilligkeit.) 



Timeline Tahungsorganisation



Arbeitsplan

Erstellt für den Aufbau, die Tagung selbst und den Abbau einen möglichst detaillierten (Stunden-) Arbeitsplan, in den sich die Helfenden und das Team eintragen können. Eine Liste aller Mitarbeitenden und deren Telefonnummern sollte ebenfalls angelegt und an alle verschickt werden, sodass ihr auch kurzfristig mehr Hände ranholen könnt (An der Tagung selbst zur Sicherheit ausdrucken und im Tagungsbüro hinterlegen!).


Catering

Falls ihr neben Wasser, Kaffee, Tee und Keksen (die gut selbst zu organisieren sind) noch weitere Getränke oder Essen bereitstellen wollt, oder gar ein Abschlussfest am Ende der Tagung organisieren wollt, ist es sinnvoll sich spätestens jetzt über das Catering Gedanken zu machen.

Wichtige Fragen hierbei: Was soll es zu essen geben, wo wollt ihr bestellen und wie kommt das Essen zur Tagung? Habt ihr eine vegane Option? Wo soll das Essen aufgestellt werden? Habt ihr die Erlaubnis für die Feier, Essen und Getränke am Tagungsort? Vor allem für die Getränke ist wichtig, ob ihr eine geeignete Zufahrt für den Lieferanten habt, ob ihr gegebenenfalls einen Kühlwagen am Tagungsort abstellen und an den Strom anschließen könnt, oder (falls nicht) ob ihr geeignete Kühlmöglichkeiten für die Getränke und das Essen habt.

Wir haben bei der SABA 2019 darauf geachtet, dass das Essen von lokalen Unternehmen kommt. Das Essen haben wir von einer Metzgerei, einer Bäckerei und einem Restaurant in nicht mehr als 500m Entfernung vom Tagungsort besorgt. Die Getränke haben wir bei einer kleinen regionalen Brauerei bestellt. Diese hat uns die Getränke samt Kühlwagen auf Kommission geliefert. Die Arbeit mit kleinen, regionalen Betrieben bringt den Vorteil, dass man zur Not schnell reagieren kann und evtl. noch nachbestellen kann und ermöglicht oft eine sehr direkte und freundliche Kommunikation.

Ein weiteres wichtiges Anliegen war es uns, so wenig Müll wie möglich zu produzieren. Das bringt das Problem mit sich, dass man sich auch um Besteck und Geschirr kümmern muss. Ein weiterer Kostenfaktor, den wir geringhalten konnten, weil wir Kaffeegeschirr, Teller, Gläser und Besteck von unserer Mensa leihen konnten und die Brauerei uns kostenlos Bierkrüge mitgeliefert hat (Regional-Vorteil!). Falls ihr etwas sparen wollt: Verschiedene Einrichtungen eurer Uni müssen immer wieder für kleinere Veranstaltungen Geschirr zur Verfügung haben. Fragt einfach mal bei der nächsten Weihnachtsfeier vom Institut o.ä. nach, wo das Geschirr herkommt. Wenn es nicht aus der Mensa kommt, könnt ihr vielleicht günstig dieselbe Quelle anzapfen, vielleicht gehört es sogar direkt der angesprochenen Einrichtung. Beachtet aber, dass ihr eine entsprechende Menge benötigt und das Geschirr aus mehreren Quellen zu beschaffen einen größeren Aufwand bedeutet.


Eure Aufgaben während der Tagung

Das Tagungsbüro ist der Ort, an dem sich die Teilnehmenden anmelden können und während der Tagung alle Fäden zusammenlaufen: Kontaktvermittlung, Fragen zum Ablauf, zur Umgebung (Stadtpläne, Imbisse, Busse, etc.) oder Klärung von Rückfragen des Teams. Bei der SABA 2019 waren für das Tagungsbüro immer mindestens zwei Personen eingeteilt, damit immer mindestens eine vor Ort angetroffen werden konnte. Am Tagungsbüro hatten wir auch eine „beaufsichtigte“ Ladestation (natürlich ohne Haftung) für Elektrogeräte.

Andere Aufgaben während der Tagung wären die Betreuung der Veranstaltungstechnik (Beamer, Laptop, etc.), Moderierende, die durch das Programm führen und eine Person, die sich um die Versorgung der Tagungsteilnehmenden (mit Wasser, Kaffee und Keksen) kümmert. Prinzipiell ist es sinnvoll für alle Fälle einen Springer zu haben, der im Notfall auch mal schnell Kuriergänge o. ä. übernehmen kann.

Kompliziertere Aufgaben sollten von erfahrenen Helfenden übernommen werden: Wer kennt sich mit dem Beamer aus, wer kann ohne Zwischenfall ein Fass anstechen? (Dazu der Hinweis: Haltet immer einen Wischmop bereit - siehe unter „Tipps“, „Notfallset“).

Die Moderierenden sollten selbstbewusst und sprechsicher auftreten können und den Ablauf fest im Blick haben. (Bei mehrsprachigen Tagungen gilt das natürlich auch für das Beherrschen der anderen Sprachen!) Die Moderierenden müssen sowohl Vortragende, die ihre Zeit überschreiten, darauf hinweisen (vorher Signale absprechen) und notfalls abbrechen, als auch die Diskussion zeitlich lenken können. Falls KEINE Diskussion aufkommen will, sollten die Moderierenden und das Tagungsteam bereits im Vorfeld Fragen vorbereitet haben (Schließlich haben ja alle die Einsendungen gelesen). Auch muss eine Tagung nicht nur aus Vortrag und Fragerunde bestehen - alternative Vortrags- und Diskussionsvarianten, wie Podiumsdiskussionen (https://www.wissenschaft-kontrovers.de/diskussionsformate/), World Café oder (wie wir bei der DGUF-Tagung 2019 https://www.dguf.de/50-jahre-dguf.html sehr erfolgreich miterleben konnten) „Podium+“ sind Beispiele hierfür. Scheut euch nicht, Neues auszuprobieren.


Der Abbau

Auch am letzten Abend und am Morgen danach habt ihr die Verantwortung. Und auch wenn gefühlt schon alles vorbei ist, kommt jetzt noch einmal eine größere Menge Arbeit auf euch zu. Trefft euch für den Abbau frühzeitig. Damit steigert ihr zwar den Kaffeekonsum aber auch die Motivation. (Auch ein gemeinsames Frühstück mit bald verderblichen Resten vom Catering kann zur weiteren Motivationssteigerung beitragen.)

Denkt beim Abbau auch an evtl. zukünftige (studentische) Projekte. Hinterlasst alles ordentlich und sauber, gerne auch ordentlicher als ihr es vorgefunden habt. Der Eindruck, den ihr hinterlasst, kann euch (und anderen studentischen Gruppen) Türen öffnen oder schließen. Unklarheiten und mögliche Streitpunkte (z.B. über entliehenes Material) sollten möglichst sofort geklärt werden und nicht im Sande verlaufen, um euch später Ärger zu ersparen. Bei der SABA 2019 ist zum Beispiel eine geliehene Kaffeemaschine kaputt gegangen, die wir sobald als möglich den Verleihenden ersetzt haben.

Mindestens genauso wichtig ist es, allen Beteiligten und Unterstützenden entsprechend zu danken. Vergesst dabei auch diejenigen nicht, die „nur“ ihren vermeintlichen Job gemacht haben. Niemand muss euch helfen, deshalb ist jede Hilfe etwas Besonderes - egal ob großzügige finanzielle Spende oder die extra Kabeltrommel.


Evaluation

Nach der erfolgreichen Tagung und dem Abbau solltet ihr binnen maximal vier Wochen ein Nachtreffen mit eurem Team organisieren. Hier könnt ihr die Tagung nochmal Revue passieren lassen und besprechen, was gut und was schlecht gelaufen ist und was ihr bei einer möglichen nächsten Tagung verbessern könnt (SMARTe Ziele erreicht?). Falls ihr schon Rückmeldungen zur Tagung bekommen habt, ist dies die Möglichkeit diese ans Team weiterzugeben und in eure Evaluation mit einzubringen. Konzentriert euch dabei nicht nur auf Kritik, sondern teilt ruhig auch Lob und Anerkennung. Auch dieses Treffen solltet ihr protokollieren, damit die Evaluation euch für die nächste Tagung auch etwas nutzt.

An diesem Treffen solltet ihr auch die letzten Rechnungen schreiben und begleichen und wenn möglich einen abschließenden Kassensturz vornehmen. Bei der SABA 2019 waren die letzten Rechnungsposten zum Beispiel die Fahrtkostenabrechnungen der Vortragenden.

Am Ende solltet ihr (zusätzlich zu eurem Finanzbericht – Siehe Teil 1 „Finanzierung“) einen kurzen Abschlussbericht über eure Tagung verfassen. Diesen Bericht könnt ihr an alle Beteiligten und Unterstützenden schicken. Vielleicht wollt ihr einen Bericht über eure Tagung auch veröffentlichen? Möglichkeiten dafür haben wir bereits in Teil 2 (letzter Absatz „Tagungsband?“) vorgestellt.



Generelle Tipps

Zum Abschluss noch ein paar generelle Tipps, die nicht nur für eine Tagung hilfreich sein können.


  • Eure wichtigsten Verbündeten sind die Berufsgruppen mit Schlüsselgewalt, die direkt vor Ort greifbar sind (z.B. im Hausmeister-Büro oder Sekretariat). Ein kleines Dankeschön (Bier, Schoki, Blumen) kann nie schaden.
  • Seid großzügig mit Essen und Getränken, Knausrigkeit mag niemand.
  • Lieber zu viele helfende Hände als zu wenig einplanen.
  • Bei Verhandlungen auf Ehrenamt Hinweisen: Man darf sich nie zu schade sein, nach einem günstigeren Preis zu fragen.
  • Notfallset bereithalten! (Reinigungsutensilien, zweiter Laptop, Kabel, Adapter, Erste-Hilfe-Set, Kaffee, Wasser, etc.) Wichtige Allzweckwaffen: Zewa-Rolle und Klebeband (Gaffer und Krepp!).
  • Der Ausdruck „Freibiergesichter“ muss wohl nicht weiter erklärt werden. Manche Gäste sind mehr an der Geselligkeit als an der Tagung interessiert und das ist auch nicht schlimm. Vor allem weil auch diese Gäste zur Not mit Anpacken können.
  • Lasst euch IMMER alles schriftlich geben (z. B. Zusagen von Räumen, Technik, Spenden, Material, etc).
  • Wenn ihr dringend auf eine Entscheidung oder ein Ergebnis angewiesen seid, scheut euch nicht auch mehrmals nachzufragen. Ein „höfliches Nerven“ ist leider manchmal notwendig.
  • Im Kampf mit der Bürokratie gilt: Geht nicht gibt’s nur selten (Mehrmals nachfragen und nach Lösungen/Kompromissen suchen).
  • Früh „hochrangige“ Verbündete suchen: Autoritätspersonen, die das Anliegen unterstützen (ein Professoren-Titel öffnet so manche Türen) oder euch im Bürokratie-Jungle helfen können.
  • Überlegt immer dreimal, ob ihr auch wirklich niemanden vergessen habt (v.a. Einladungen und Dankeschön).
  • Nochmal der Appell: Versucht beim Catering regional zu denken. Regionale Betriebe können auch für zukünftige Projekte wertvolle Partner sein und sie sind in der Nähe = praktischer, flexibler und manchmal auch günstiger (außerdem unterstützt ihr so die lokale Wirtschaft und man sagt Studierenden ja einen gewissen Idealismus nach). 

 






Hagen Gräbner studiert Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und arbeitet bei der Bayerischen Schlösserverwaltung Bamberg.

Antonio Sasso hat Archäologische Wissenschaften an der Philipps-Universität Marburg und Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg studiert.


*Auch wenn dieser Beitrag nur zwei Autoren hat, war die Organisation der SABA 2019 eine Team-Leistung von Jana Greulich, André Hellmund, Katharina Kusber, Dario Miericke, Alexander Pelz, Kilian Pongratz, Thies Siems, Farina Thies, Patrick von Bank, den Verfassern und weiteren Helfern und Unterstützern.

 

Sonntag, 4. Oktober 2020

Covid19 - die Keule des Neandertalers?

Noch immer wissen wir wenig darüber, was bei Covid19 zu schweren Krankheitsverläufen führt. Früh wurde eine Risikogruppe identifiziert, nämlich Menschen in höherem Alter und mit Vorerkrankungen. Das erklärt aber nicht alles, denn letztendlich scheint nicht klar, warum derzeit die Quote derer, die eine Intensivbehandlung im Krankenhaus benötigen so viel geringer ist, als im Frühjahr. Die größere Erfahrung bei der Behandlung, die Schutzmaßnahmen, aber auch die saisonal bedingten andersartigen Übertragungswege, scheinen hier wichtige Faktoren zu sein.

Corona-Beiträge auf Archaeologik
Viren
(biology pop [CC BY SA 4.0]
via WikimediaCommons)

Nun kommt ausgerechnet aus der Archäologie – genauer gesagt aus der Paläoanthropologie – eine Studie, die zeigt, dass es Faktoren gibt, die wir nicht beeinflussen können und dass es eben sehr schwierig ist, die komplexen Zusammenhänge jetzt schon zu überblicken. 

Schon länger wurde vermutet, dass auch genetische Faktoren eine Rolle spielten und eine erste im Juni 2020 publizierte Studie (Zeberg/ Pääbo 2020) identifizierte zwei Bereiche in den Genen, die mit schweren Krankheitsverläufen verbunden scheinen. Einer der beiden Bereiche konnte in einer Folgestudie bestätigt werden. Es handelt sich um einen Abschnitt auf Chromosom 3, von dem eine Variante deutlich mit schweren Krankheitsverläufen von Covid19 assoziiert ist. Eben diese Ausprägung ist im Erbgut des homo sapiens als ein Einfluß des Neandertalers und der Denisova-Menschen anzusehen. Seit einigen Jahren weiß man, dass es zu Vermischungen zwischen dem ‚modernen‘ homo sapiens und Neandertalern kam. Wie diese Kontaktperiode im Einzelnen zu verstehen ist, ist noch Gegenstand aktueller Forschungen, zu denen etwa erst jüngst nach einer Aktualisierung der Kalibrationskurven für die Radiocarbondatierung neue chronologische Ergebnisse publiziert wurden (Bard u.a. 2020).

Das menschliche Genom (die Gesamtheit seines Erbguts) umfasst 23 Chromosome, die sich von ihrer Länge und Gendichte unterscheiden. Ein Chromosom enthält verschiedene Proteine, vor allem aber Desoxyribonukleinsäure (DNA), die der eigentliche Träger der Erbinformationen, also die materielle Basis der Gene ist. Ein Gen ist ein Abschnitt eines Chromosoms.

Chromosom 3 besteht aus 199 Millionen Basenpaaren als kleinste Informationseinheit der DNA. Auf dem Chromosom 3 befinden sich zwischen 1100 und 1500 Gene, das sind etwa 6,5 % der gesamten DNA einer menschlichen Zelle.  Die riskante Variante findet sich nun auch in den Genen der Neandertaler.

„Es hat sich herausgestellt, dass moderne Menschen diese Genvariante von den Neandertalern geerbt haben, als sie sich vor etwa 60.000 Jahren miteinander vermischten“, sagt Zeberg. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die diese Genvariante geerbt haben, bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 künstlich beatmet werden müssen, ist etwa dreimal höher.“ (https://www.mpg.de/15446134/neandertaler-gene-covid19)

 

Der DNA-Abschnitt des Neandertal-Gens auf Chromosom 3 im  Genome DataViewer https://www.ncbi.nlm.nih.gov


Vielleicht – und spätestens hier muss ich nochmals betonen, dass ich kein Archäogenetiker bin – erklärt sich aus diesem Zusammenhang ja auch, der bislang überraschend glimpfliche Verlauf der Covid19-Pandemie in Afrika, wo der Neandertaler eben kaum genetische Spuren hinterlassen hat. Allerdings ist auch hier die Forschung im Fluss (Chen u.a. 2020), da eine neue Population nun auch bei Personen aus Afrika das Neandertal identifizieren konnte – allerdings wohl als Folge jüngerer Migration nach Afrika.

Warum das „Neandertaler-Gen“ ein erhöhtes Covid-19-Risiko hervorruft, ist bisher unklar. Die Studie zeigt bislang nur eine statistische Korrelation. Dem Neandertaler-Gen werden nach neueren Studien noch andere Folgen für die betreffenden Genträger zugeschrieben. Er scheint auf bestem Weg zum Mythos zu werden, wie die darauf beruhenden Schlagzeilen nahe legen:

Hier reihen sich nun Berichte über das erhöhte Covid19-Risiko ein:

Die Deutsche Welle hat den Artikel in ihrer Berichterstattung ebenfalls aufgegriffen und stellt die naheliegende Frage: „Haben die Erkenntnisse Einfluss auf die Therapie?“

Der Artikel weist die Studie zurecht als Grundlagenforschung aus und zitiert den Mitarbeiter Stephan Schiffels vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena: „Es ist eine abstrakte Erkenntnis, die zunächst einmal keinen direkten Nutzen hat, die aber über COVID-19 erstaunlich aktuellen Bezug bekommt."  Die Opfer, derzeit aber wohl eher die Einschränkungen führen bei Vielen zu einer gewissen Verunsicherung. Der Blick in die Vergangenheit kann hier Orientierungswissen und weitergehend Erklärung und Sicherheit liefern. OK - meine Blog-Überschrift ist da nicht so hilfreich...

 

Literaturhinweise

  • Bard u. a. 2020
    E. Bard/T. J. Heaton/S. Talamo u. a., Extended dilation of the radiocarbon time scale between 40,000 and 48,000 y BP and the overlap between Neanderthals and Homo sapiens. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 117, 35, 2020, 21005–21007. – <doi: 10.1073/pnas.2012307117>
  • Chen u. a. 2020
    L. Chen/A. B. Wolf/W. Fu u. a., Identifying and Interpreting Apparent Neanderthal Ancestry in African Individuals. Cell 180, 4, 2020, 677-687.e16. - <doi: 10.1016/j.cell.2020.01.012>
  • Zeberg/ Pääbo 2020
    H. Zeberg/ S. Pääbo, The major genetic risk factor for severe COVID-19 is inherited from Neanderthals. Nature (2020). - https://doi.org/10.1038/s41586-020-2818-3 https://www.nature.com/articles/s41586-020-2818-3

Interner Link

 zu den Gegenwartsbezügen ("Grundlagenforschung", "Orientierungswissen" siehe:

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Neolithikum macht Gegenwart. Warum auch archäologische Museen unsere moderne Gesellschaft erklären sollten – ein Essay

Simon Matzerath, Joachim Pechtl, Christian Peitz, Daniel Schyle, Jürgen Weiner


Wie können wir aus der Geschichte für die Zukunft lernen? Verschiedene methodische Positionen in den archäologischen Fachrichtungen haben versucht, die Mechanismen hinter gesellschaftlichen Entwicklungen zu durchschauen, um wiederkehrende Zyklen und Schemata in der Menschheitsgeschichte zu identifizieren (etwa Gronenborn/Schreg 2020; für das Neolithikum beispielsweise Peters/Zimmermann 2017). Entsprechende Forschungen sind mit der Gefahr verbunden, die individuellen, komplexen Rahmenbedingungen, in denen geschichtliche Prozesse stattfinden, zu reduzieren. Geschichte kann niemals eine Wiederholung ihrer selbst sein, ebenso ist eine Übertragung schematisierter Entwicklungen auf heutige Prozesse kaum möglich (vgl. etwa den vieldiskutierten Versuch bei Engels 2014). Die Herausforderung einer dialektischen Auseinandersetzung „Archäologie und Gegenwart“ besteht darin, nachvollziehbare und belastbare inhaltliche Verbindungen jenseits aller Abstraktionen aufzuzeigen.

Die Neolithische Revolution liefert mehr als andere Epochen der Menschheitsgeschichte ein Potential für relevante Querbezüge in die Gegenwart. Der mit dem Neolithikum vollzogene, in der Geschichte einmalige Wandel der Gesellschaft und ihrer Lebens-, Siedlungs- und Wirtschaftsweise ist nicht nur ein gewaltiger Umbruch im Sinne eines turning point, sondern vor allem ein Prozess, der bis heute andauert und nach wie vor unsere Zivilisation bestimmt. Als Hauptmotor des Paläoanthropozäns (Foley u. a. 2013; kritische Anmerkungen zum Begriff bei Hoffmann 2017) hat er die Spirale des Wachstums von Bevölkerung und Wirtschaft in Gang gesetzt, die durch die Industrielle Revolution noch einmal exponentiell so beschleunigt worden ist, dass gegenwärtig vor allem die negativen Folgen für das Ökosystem der Erde und den Fortbestand der Menschheit in den Vordergrund rücken. Die Auswirkungen der Neolithischen Revolution setzen seit rund 10.000 Jahren den fixen Rahmen für die weiteren Transformationen unserer sesshaften Gesellschaften. Eine derart langanhaltende Fortbestimmung der weiteren geschichtlichen Entwicklung entspricht einer in ihrer räumlichen und zeitlichen Dimension einmaligen „longue durée“ in Anlehnung an Fernand Braudel (Braudel 1958).


Neolithikum macht Gegenwart – Inhaltlicher Bezug

Das Thema Neolithikum eignet sich besonders, weil kaum ein anderer Umbruch der Menschheitsgeschichte das menschliche Leben einerseits so einschneidend verändert und andererseits aber auch die Wurzel so vieler neuer Probleme angelegt hat, sodass sich die gesamte Menschheit dadurch heute in ihrer eigenen Existenz bedroht. Die Neolithische Revolution machte aus dem Jäger und Sammler einen seine Umwelt immer umfassender gestaltenden Akteur. Heute hat er die Natur in weiten Teilen bereits soweit außer Kraft gesetzt, dass er ihr vielerorts sogar wieder ‚auf die Sprünge‘ helfen muss. Mit diesem Rollenwechsel einher geht ein fundamentaler Wandel des menschlichen Bewusstseins: Auch in seinem Selbstbild empfängt der Mensch nicht mehr die Früchte der Natur, sondern er erarbeitet sich seinen Lebensunterhalt selbst. ‚Man Makes Himself’ – so hat das Gordon Childe im Titel seines epochalen Werks schon 1936 unübertrefflich auf den Punkt gebracht (Childe 1936). Heute spiegelt sich diese Erkenntnis in der Diskussion darüber, ob der Mensch gegenwärtig überhaupt noch einer natürlichen Evolution unterworfen ist.

Erst die neolithischen Innovationen Sesshaftigkeit und Nahrungsmittelproduktion haben die in der Biologie beispiellose Ausbreitung der Spezies Mensch in alle, auch in die lebensfeindlichsten Habitate des Erdballs ermöglicht. Die Produktion über den eigenen Bedarf hinaus hat wiederum zu Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Differenzierung geführt; Bevölkerungswachstum, Migrationen und Wissenstransfer haben Innovationen und technischen Fortschritt in einer Weise beschleunigt, dass keiner von uns heute in der Lage wäre, auf sich allein gestellt ein komplexes zeitgenössisches Allerweltsprodukt wie zum Beispiel ein Smartphone in all seinen Einzelheiten völlig zu verstehen oder womöglich sogar selber herzustellen.
 
Viele der Annehmlichkeiten und ebenso auch der problematischen Aspekte unseres heutigen Lebens sind letztlich auf die Innovationen des Neolithikums zurückzuführen und es ergeben sich zahllose Gelegenheiten, aus unserer Perspektive auf die Ursprünge des Neolithikums zurück zu blicken und dabei die bis heute wirksamen Folgen der Neolithischen Revolution begreiflich zu machen.
 
Allerdings treten in der Gegenwart negative Folgen der Neolithischen Revolution immer deutlicher in den Vordergrund. Unter individuellen gesundheitlichen Gesichtspunkten waren zum Beispiel Sesshaftigkeit und die Produktion von stärkehaltigen Nahrungsmitteln im Überfluss keine gute Idee, ein Ergebnis war Karies. Degenerationserscheinungen an Knochen durch einseitige körperliche Belastung damals sowie Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck heute sind letztlich die Folgen einer zu kohlehydratreichen Ernährung und eines die Menschen immer weniger körperlich fordernden Lebens. Auch Pandemien entstehen im engen Zusammenleben von Mensch und Tier, das im Neolithikum begann.
 
Dort hat außerdem die übermäßige Anhäufung von Gütern in den Händen Einzelner ihren Ursprung, die so entstehende soziale Ungleichheit verursacht und ermöglicht gleichermaßen brutale Gewaltausbrüche bis zu den globalen Kriegen der jüngsten Vergangenheit. Ganz aktuell sind die Folgen der übermäßigen Ausplünderung von Rohstoffvorkommen und der Umwelt im Allgemeinen. Artensterben und das Schwinden natürlicher Ökosysteme, Verschmutzung der Umwelt und die drohende Klimakatastrophe infolge der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung sind alles Herausforderungen, die im Neolithikum entstanden sind, aber in der Gegenwart bewältigt werden müssen.


LVR-LandesMuseum Bonn, 2015

Eine Ausformulierung der immanenten Rolle des Neolithikums im Wesen unserer modernen Gesellschaft steht noch am Anfang, ebenso die Aufarbeitung im Museum.
Das Titelmotiv der Erstausgabe der Kölner Römer Illustrierten (1/1974) mit der Darstellung des auf dem Rollfeld eines Flughafens liegenden Kopfes einer antiken Plastik lieferte für die sechste Landesausstellung Nordrhein-Westfalen die Inspiration für den Ansatz, eine Beziehung von Archäologie und Gegenwart anzudeuten (Matzerath 2015, Matzerath 2016). Hintergrund der Abbildung war vor über 45 Jahren die Eröffnung des Neubaus des Römisch-Germanischen Museums Köln und dessen von Hugo Borger betriebene Neukonzeption als „Schaufenster in die Römerzeit“. Die Objekte sollten in die Alltagswelt der Menschen geholt werden.

In der Planung der am 4. September 2015 im LVR-LandesMuseum Bonn eröffneten Landesausstellung „Revolution Jungsteinzeit“ zeigte sich, wie schwer eine sinnvolle Verknüpfung von Archäologie und Gegenwart sowohl auf der inhaltlichen Ebene als auch in der Realisierung für eine Ausstellungsinszenierung ist. Die Umsetzung reduzierte sich auf vereinzelt eingewobene, meist oberflächliche Bemerkungen in den Ausstellungstexten sowie die Einbeziehung von modernen Objekten: Einer Pflugschar, einem Rad und einer Motorsäge. Sie standen als Symbole für heute noch relevante Innovationen des Neolithikums bzw. im Fall der Motorsäge, Nachfolgerin des Steinbeils, auch für das Roden von Wald im Zuge der Umwandlung der Natur- zur Kulturlandschaft. Eine Pädagogik-Station erlaubte den Vergleich von statistisch ermittelten Tagesabläufen (Jäger/Sammler, Neolithikum und Gegenwart), eine Grafik zeigte den im Neolithikum durch die menschlichen Umwelteingriffe erstmals (minimal) gestiegenen Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre. Am Ende stand ein kurzes Mindmapping als Resümee zum Neolithikum und mit schlagwortartigen Verweisen auf in Beziehung stehende Phänomene der Gegenwart (Matzerath u. a. 2015).


Museum für Steinzeit und Gegenwart, 2019

Eine konsequentere Berücksichtigung erfuhr der gegenwartsbezogene Ansatz erstmals in der Planung des Museums für Steinzeit und Gegenwart im niederbayerischen Landau an der Isar (Matzerath u. a. 2020; Pechtl u. a. im Druck; Peitz u. a. im Druck). Das Museum verbindet auf 640 m² die aktuellen Standpunkte der europäischen Neolithikumforschung mit der Vermittlung eines modernen Steinzeitbildes und greift systematisch, aber auf Grundlage der langen zeitlichen Perspektive, Themen unserer heutigen Gesellschaft auf. In sechs Räumen werden über 500 archäologische Funde in einen internationalen Zusammenhang gestellt und inhaltlich mit der modernen Gesellschaft und ihrem Alltag in Beziehung gesetzt. Dabei aufkommende Kontroversen sind gewollt, denn nur in der argumentativen Auseinandersetzung entstehen Ideen, die den eigenen Horizont erweitern.

An 20 Stationen der Ausstellung sind Objekte des 20. und 21. Jahrhunderts eingebunden und helfen, den thematischen Zugang zum Neolithikum zu vereinfachen. Es wird an ausgewählten Beispielen deutlich, wie sehr die Gegenwart in der Tradition der Jahrtausende steht und Zustandsberichte und Zukunftsvisionen wie etwa der Vereinten Nationen (Griggs u. a. 2013; Díaz u. a. 2019), des Club of Rome (Weizsäcker/Wijkman 2017) oder von Yuval Noah Harari (Harari 2018) aus der Geschichte heraus verstanden werden können.

Zukünftige Positionierung im Museum: Wir stehen am Anfang.

Das öffentliche Interesse an einer aktiven Zukunftsgestaltung ist nicht zuletzt seit der #fridaysforfuture-Bewegung stark gewachsen. Auch die mediale und populärwissenschaftliche Berichterstattung bereitet das komplexe Themenfeld mit Einbeziehung der geschichtlich gewachsenen Entwicklung didaktisch für ein großes Publikum auf (ein Beispiel aus vielen: Bauer u. a. 2020). 
 
 
Ein neuer Museumstyp zieht die Aufmerksamkeit auf sich: Das 2019 gegründete Futurium in Berlin widmet sich den Fragen zur Zukunft unserer Gesellschaft. Archäologische Museen können und sollten sich an der Diskussion um die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen menschlichen Lebens beteiligen.
(Foto: Boonekamp [CC BY-SA 4.0] via WikimediaCommons).

 
Besucherinnen und Besucher fordern deshalb selbstverständlich auch von solchen Museen, die keine zeitgeschichtlichen Themen aufrufen, eine gegenwartsbezogene Relevanz jenseits einer rein archäologischen bzw. historischen Betrachtungsebene. Hier gilt es, diese Aufgabenstellung zu diskutieren und konkrete inhaltliche Bezüge wissenschaftlich-interdisziplinär zu überprüfen und, wo es aussagekräftig ist, diese kritisch herauszuarbeiten. 
 
Im Ergebnis bietet sich die Möglichkeit einer völlig neuen Definition von etwa archäologischen Museen als Orte der Geschichts- UND Gegenwartsvermittlung, verbunden mit einer stärkeren Positionierung der Museen in aktuellen Diskussionen zur Zukunft unserer modernen Gesellschaft. Das Neolithikum ist mit den hier skizzierten inhaltlichen Aspekten und den Andeutungen einer musealen Umsetzung ein dankbares Beispiel. Weitere epochale Umbrüche der Menschheitsgeschichte eignen sich ebenfalls, um essentielle Einsichten für das Heute zu gewinnen und einen Erfahrungsschatz für Zukunftsplanungen beizusteuern. Ganz allgemein bleibt aber die gegenwartsbezogene Vermittlung von entsprechenden Erkenntnissen aus der Geschichte vom einzelnen Sachverhalt abhängig und darf niemals konstruiert oder banal sein.


Literatur

  • Bauer u. a. 2020
    P. Bauer/R. Bocksch/B. Friedrich, 102 grüne Karten zur Rettung der Welt. (Berlin 2020).
  • Braudel 1958
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  • Childe 1936
    V. G. Childe, Man makes himself. (London 1936).
  • Diaz u. a. 2019
    S. Díaz/J. Settele/E. S. Brondízio/H. T. Ngo/M. Guèze/J. Agard/A. Arneth/P. Balvaner/K. A. Brauman/S. H. M. Butchart/K. M. A. Chan/L. A. Garibaldi/K. Ichii/J. Liu/S. M. Subramanian/G. F. Midgley/P. Miloslavich/Z. Molnár/D. Obura/A. Pfaff/S. Polasky/A. Purvis/J. Razzaque/B. Reyers/R. Chowdhury/Y. J. Shin/I. J. Visseren-Hamakers/K. J. Willis/C. N. Zayas, The global assessment report on biodiversity and ecosystem services. Summary for policymakers. (Bonn 2019). - https://zenodo.org/record/3553579#.Xu5a-NNlLIU [20.6.2020].
  • Engels 2014
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  • Foley u. a. 2013
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  • Griggs u. a. 2013
    D. Griggs/M. Stafford-Smith/O. Gaffney/J.Rockström/M. C. Öhman/P. Shyamsundar/W. Steffen/G. Glaser/N. Kanie/I. Noble, Policy: Sustainable development goals for people and planet. Nature 495, 2013, 305-307.
  • Gronenborg/Schreg 2020
    D. Gronenborn/R. Schreg Die COVID-19 Pandemie. Teil 2: Kleine Geschichte der Erforschung von gesellschaftlichen Zyklen. Archaeologik (9.4.2020) - https://archaeologik.blogspot.com/2020/04/die-covid-19-pandemie-teil-2-kleine.html.
  • Harari 2018
    Y. N. Harari, 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. (München 2018).
  • Hoffmann 2017
    G. Hoffmann, Warum das Anthropozän nicht als neue geochronologische Epoche taugt. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften 168,/1, 2017, 3-7. - doi:10.1127/zdgg/2017/0048
  • Matzerath 2015
    S. Matzerath, Dokumentation der Archäologischen Landesausstellung NRW "Revolution jungSteinzeit". Projektskizze, Ausstellungskonzeption und Publikation. Berichte aus dem LVR-LandesMuseum Bonn 2 (Bonn 2015) 2-11.
  • Matzerath 2016
    S. Matzerath, Guide to the Archaeological State Exhibition of North Rhine-Westphalia – The Impact of Neolithisation (5300-2000 BC). (Detmold 2016).
  • Matzerath u. a. 2015
    S. Matzerath/T. Otten/M.Schmauder, Neolithikum und Gegenwart – Anknüpfungspunkte in der Archäologischen Landesausstellung NRW "Revolution jungSteinzeit". Blickpunkt Archäologie 4, 2015, 298-306.
  • Matzerath u. a. 2020
    S. Matzerath/C. Peitz/J. Pechtl/D. Schyle/J.Weiner, Back for the future. Das erste Museum für Steinzeit und Gegenwart. Museum heute 57, 2020, 9-13.
  • Pechtl u. a. im Druck
    J. Pechtl/S. Matzerath/C. Peitz/D. Schyle/J. Weiner, Neuling in der Museumslandschaft: Kastenhof Landau – Das Museum für Steinzeit und Gegenwart, Landau a.d. Isar, Landkreis Dingolfing-Landau, Niederbayern. Das archäologische Jahr in Bayern (im Druck) 106–109.
  • Peitz u. a. im Druck
    C. Peitz/S. Matzerath/J. Pechtl/D. Schyle/J. Weiner, Vermitteln zwischen Archäologie und Gegenwart. Ein neuartiges Museumskonzept in Niederbayern. Standbein Spielbein. Museumspädagogik aktuell (im Druck).
  • Peters/Zimmermann 2017
    R. Peters/A. Zimmermann, Resilience and Cyclicity: Towards a macrohistory of the Central European Neolithic. Quaternary International 446, 2017, 43–53. doi:https://doi.org/10.1016/j.quaint.2017.03.073
  • Von Weizsäcker/Wijkman 2017
    E. U. von Weizsäcker/A. Wijkman, Wir sind dran. Club of Rome: Der große Bericht. (Gütersloh 2017).


English abstract

Neolithic makes Present. Why Archaeological Museums should explain our Modern Society – an Essay

Archaeological museums, being showcases of history, contribute to collective consciousness and the processes of knowledge in our modern society. Archaeological research and its presentation to a broad public can also be an essential enrichment to the discussion of the present and questions about the future of mankind. This requires precise references and insights from history, which must never be constructed banally and, if anything, can only be gained to a limited extent from a diachronic comparison of development processes in the sense of recurring cycles. The authors see a meaningful contemporary approach almost exclusively in turning points in human history that have decisively determined the framework conditions of further historic developments since then until today. The Neolithic Revolution is described as a corresponding, elementary change in history with far-reaching effects on the challenges and opportunities of the present. Concerning exhibitions, this potential of a comparative examination of „the past and the present“ has hardly been noticed so far. Here the authors see a challenge for museum concepts.


Key words: Archaeology and Present, Modern Society, Museums, Exhibition concept, Neolithic Revolution.

 



Die Mitglieder der Autorengruppe waren bzw. sind in unterschiedlichen Anteilen in der Lehre und Vermittlung, in der Forschung, Feldarbeit und Denkmalpflege tätig. Gemeinsam haben sie das Museum für Steinzeit und Gegenwart in Landau an der Isar konzipiert und die Realisierung begleitet. 

Simon Matzerath M.A. ist Direktor des Historischen Museums Saar in Saarbrücken, war Mit-Kurator der Landesausstellung NRW „Revolution Jungsteinzeit“ 2015/2016 im LVR-LandesMuseum Bonn und am Lippischen Landesmuseum Detmold. 

Dr. Joachim Pechtl forscht mit Schwerpunkt zum Neolithikum in Bayern und im Ostalpenraum und ist Leiter des Fachbereichs Steinzeiten am Institut für Archäologien an der Universität Innsbruck. Er war 10 Jahre im kelten römer museum Manching tätig. 

Der Geologe und Paläontologe Dr. Christian Peitz (Rheinbach) ist seit 14 Jahren (teils freiberuflicher) Kurator und Museumspädagoge mit einem Wirkungsfeld an sieben Museen im Rheinland. 

Mit Schwerpunkten im Neolithikum und Paläolithikum war Dr. Daniel Schyle (Neanderthal Museum Mettmann) an zahlreichen Forschungsprojekten in Mitteleuropa und im Orient beteiligt. Aktuell arbeitet er in einem Projekt zu den Steinzeiten im Rheinland. 

Dr. Jürgen Weiner (Pulheim-Sinthern war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2012 im LVR-Amt für Bodendenkmalpflege beschäftigt. Unter anderem gehören Bergbau und Wasserversorgung im Neolithikum zu seinen Forschungsschwerpunkten.

Als korrespondierender Autor dieses Beitrags fungiert Simon Matzerath M.A., Historisches Museum Saar, Schlossplatz 15, 66119 Saarbrücken, s.matzerath@hismus.de

Mittwoch, 30. September 2020

Archäologie als Kunst (8) - schachspielende Rittersleut

Monika Decoster

Das Kunstdenkmal aus Sandstein zeigt Schachspieler auf einem Turm einer mittelalterlichen Burg und erinnert an den archäologischen Fund von Schachfiguren (Bauer, Springer, Läufer) aus geschnitztem Hirschgeweih in arabisch-abstrakter Darstellung. Das Denkmal wurde 1990 anlässlich des Neubaus einer Brücke in Zell a. Ebersberg errichtet. Die Spielsteine werden ins 12. Jh. datiert (GNM Nünberg) und sind im Bereich einer abgegangenen mittelalterlichen Burg, im Volksmund „Heidenschloß“ genannt, oberhalb des Böhlgrundes gefunden worden.

Schachspielende Rittersleut auf mittelalterlichem Wachturm - Älteste Schachfiguren Europas?
Zell a. Ebersberg, Gemeinde Knetzgau, Lkr. Haßberge, Unterfranken, Bayern
(Foto: Monika Decoster)


 

Fundverbleib: GNM Nürnberg, Inventarnummern HG10820, HG10821, HG10822.

 

Interner Link



Monika Decoster studiert als Gaststudentin Archäologische Wissenschaften an der Universität Bamberg