Montag, 11. Mai 2020

Der Erfinder des Burgstalls? - Johannes Aventinus

Aventin
(via WikimediaCommons)
Er ist der "hochgelerte weitberümbte Beyerische Geschichtschreiber" und der erste "antliche bayerische Landeshistoriograph": Johannes Aventinus (1477-1534), eigentlich Johann Georg Turmair, der seinen Namen nach seinem Geburtsort Abensberg latinisiert hat.  Und er ist der Erfinder des Burgstalls - jedenfalls preist ihn die archäologische Literatur als denjenigen, der mit der Verwendung dieses Begriffs "erstmals in der archäologischen Geländetopographie einen Gattungsbegriff einführte" (Rieder 2003, 21).


In der archäologischen und historischen Fachliteratur ist der Begriff "Burgstall" bis heute etwas ambivalent, weil er weniger eine historische relevante Typenbezeichnung einer Burg darstellt, sondern einfach die Stelle einer kaum noch in ihrer Struktur erhaltenen Burg bezeichnet. Bisweilen wird der Begriff aber auch auf Niederungsburgen etwa vom Typ Motte angewandt, die auch nicht in das klassische Bild einer Burg passen. Die Verwendung des Begriffes zeigt oft eher an, dass die vorliegenden Informationen recht vage sind.
Nun findet sich der Begriff aber auch in spätmittelalterlichen Quellen. 1415 beispielsweise heisst es in einem Lagerbuch der Reichsstadt Ulm:
"Gaynburg das burgstale ist unser und darzù gehöret / das holtze umb das burgstale und wol 5 jucharten akers" (Helfensteiner Urbar 148)
Verwendet wird der Begriff (mit einigen regionalen Unterschieden: Burgstadel, Burstel) in vielen Lagerbüchern zur Bezeichnung einer ehemaligen, unbewohnten, halb zerfallenen oder auch schon ganz verschwundenen Burganlage.

Aventin greift den Begriff aus der damaligen Alltagssprache auf.

Aventin  verfasste 1517-13 die Annales ducum Boiariae, die er einige Jahre später gekürzt und volkssprachlich als "bairische Chronik" bearbeitete.
Er führt gewissermaßen eine erste archäologische Landesaufnahme durch und so wendet er ihn bevorzugt auf römische Ruinenstätten an. Herzog Wilhelm IV von Bayern unterstützte Aventinus bei gezielten Rundreisen durch die bayerischen Länder. Bereits Conrad Celtis (geboren 1459 in Schweinfurt), dem sich der jüngere Aventin in Ingolstadt und Wien als Schüler  angeschlossen hatte, plante eine Erfassung römischer Altertümer. Aventin   beschrieb ab 1507 vor allem römische Inschriften. 1523 entstand eine Karte Bayerns, in der auch historische Orte aufgenommen wurden, die "Aventinus aus den alten Steinen und Briefen und dergleichen Antiquitäten bei seinem Umherreiten erforscht" hat (Aventinus 1889, 3). Wie andere der frühen 'Archäologen' bezieht sich Aventinus auf antike Geographen wie Ptolemaios:
"Der alten und zerbrochen stet und flecken, burgstal, welche von Ptolomeo und anderen geschicht- und der ganzen welt beschreibern erzelt werden, hab ich aus fleissiger erkündigung der kraiß und austailung des himels erforscht und erfunden, on welche kunst kain rechtsinniger sich solcher arbait underwindt." (Aventin, bayer. Chronik 1882,  7)

Aventins Bayernkarte
(via WikimediaCommons)



Immer wieder nennt Aventin in seinem Werk auch Burgställe. Anscheinend plante er auch eine eigene Schrift "Alle alte Burgstall der Römer, item der Römer besatzung sive praesidia" (Bauernreiß 1932, 73).
Eining, römisches Kastell
(Foto: R. Schreg 1986)
Beispielsweise bezeichnete Aventin das römische Kastell Eining als Burgstall (Aventin, bayer. Chronik II, 1883, 693), ebenso Pföring (ebd. 692). Insgesamt setzt er den Begriff Burgstall mit römischen Kastellen gleich. Er schreibt:
"Solch bezeugen noch heutigen tag die alten zerprochen burkstä stain schrift und münz, so noch täglich gesehen und gefunden werden, überal an der Thonau" (Aventin, bayer. Chronik 2, 598)
An anderer Stelle heißt es dann allerdings:
"Nun volgen hernach die alten burgstal, da etwan die Römer besezung und bevestigung gehabt, schlösser und stet erpaut habenm davon auch die namhaftigen länder-, leut- und geschichtsbeschreiber meldung tuen und ich aus bevelch meiner gnedigen herren, der fürsten in Baier, erforscht hab, die man noch siecht und ir alte näm, doch etwas von leng der zeit wegen verkert, behalten, alda auch noch täglich römisch gulden silberen kupferen münz, auch ander hausrat alt stain mit römischer schrift ausgeckert, gefunden wurden." (Aventin, bayer. Chronik II 1883, 686)
Aventin führt "zwei alte zerprochne burgstal" oberhalb Neuburg an der Donau an (ebd.  688).


Bei Aventin sind archäologische Zeugnisse ganz selbstverständlich Teil des Quellencorpus, auf das er zurückgreift.
"Demnach hab ich ... allerlei handschriften, alte freihait, übergab, briefe, chronica, rüef, reimen, sprüch, lieder, abenteuer, gesang, petpüecher, messpüecher, salpüecher, kalender, totenzedel, register der heiligen leben durchlesen und abgeschriben; heiligtum, monstranzen, seulen, pildnus, creutz, alt stain, alt münz, greber, gemél, gewelb, estrich, kirchen, überschrift besuecht und besicht." (Aventin, Bayer. Chronik 1882, 6f.).
Wie andere der Humanisten nennt Aventin neben Gelände- und Mauerspuren vor allem Inschriften. In Bezug auf Nassenfels vermerkt er aber auch einmal Keramikfunde ("erdig geprent häflein, pecher und dergleichen" [Aventin, bayer. Chronik II, 1883, 689).

In Bezug auf die Burgställe formuliert er geradezu ein Forschungsprogramm:
"Es dörft mêr vleis, solchs gründlich zu erforschen, müest ainer mit besunderm aufmerken die gegend durchziehen, vleissiglich die alten burgstal erforschen und besichten, auch die alten inwoner fragen" (ebd. 715)

Dennoch: Die Verwendung des Begriff schließt direkt an die Alltagssprache an, eine ganz eindeutige Eingrenzung auf römische Monumente nimmt Aventin nicht vor. Aventin ist noch zu früh, als dass er bereits einen Gattungsbegriff hätte schöpfen können, denn noch bestand keine klare Fachterminologie. Vielmehr zeigt die Nutzung der Begriffe in Spätmittelalter und früher Neuzeit, dass er für Aventin möglicherweise gerade deshalb geeignet war, weil er gar nicht so genau kategorisiert.
Es scheint im übrigen auch so, dass wir heute gerne aus unserer modernen Sprachgewohnheit, in der Dialekte recht unüblich geworden sind und eine weit verbreitete Schriftsprache, Begriffe in mittelalterlichen Quellen viel zu genau definiert sehen wollen. Felix Fabri (Archaeologik 29.4.2020) beginnt sein Werk mit einer Diskussion verschiedener Begriffe wie Burg, oppidum, villa, Stadt und anderen, da ihm diese zu unklar unterschieden scheinen - und auch Aventin stellt seiner bayerischen Chronik erst einmal einige Begriffsdefinitionen voran. Der (oder das?)  "Burgstall" wird dabei nicht aufgeführt (Aventin, Bayer. Chronik  1, 1882, 16ff.).

Aventin war in der Vergangenheitt hoch umstritten, denn manche seiner Angaben erwiesen sich später als falsch. Er irrte bei der Lesung mancher Inschriften, v.a. weil er die Abkürzungen nicht auflösen konnte, er zog mit Berosus eine gefälschte Quelle heran und er irrte auch bei mancher Geländebeobachtung. Dennoch zeigt Aventin Ansätze einer Quellenkritik (vergl. Schmid 1977) und er erkennt auch den prinzipiellen Quellenwert der archäologischen Hinterlassenschaften, wenn er sie auch noch nicht zu interpretieren vermag. Manches an seinem Werk erinnert noch an mittelalterliche Mythologie der Vorzeit, was aber auch der Grundintention seines Werkes geschuldet ist. Wie viele der frühen humanistischen Geschichtsschreiber wird er von seinem Landesherrn gesponsort und kreiert so eine passende Vergangenheit. Nikolaus Marschalk (gest. 1525) etwa konstruierte der mecklenburgischen Herzogsdynastie frühe heroische Ahnen, indem er die Megalithgräber Mecklenburgs als deren Heroengräber deutete.



Literaturhinweise

  • Bauernreiß 1932
    R. Bauernreiß, Ein Quellenverzeichnis der Schriften Aventins. Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 50/1, 1932, 54-77 
  • Bosl 1977
    K. Bosl, Johann Turmair, gen. Aventinus aus Abensberg in seiner Zeit. Zeitschr. Bayer. Landesgesch. 40, 1977, 325-340.
  • Braun 1984
    R. Braun, Die Anfänge der Erforschung des rätischen Limes. Kl. Schr. Kenntnis röm. Besetzungsgesch. Südwestdeutschl. 33 (Stuttgart 1984).
  • Gummel 1938
    H. Gummel, Forschungsgeschichte in Deutschland (Berlin 1938).
  • Rieder 2003
    K. H. Rieder, Archäologische Forschung in der Region Ingolstadt. In: C.-M. Hüssen/G. Riedel/K.-H. Rieder u. a. (Hrsg.), Ingolstadt und der oberbayerische Donauraum. Führer arch. Denkm. Deutschland 42 (Stuttgart 2003) 20-23. 
  • Sasse-Kunst 2017
    B. Sasse-Kunst, Die Archäologien von der Antike bis 1630. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde - Ergänzungsbände 69/1 (Berlin, Boston 2017).
  • Schmid 1977
    A. Schmid, Die historische Methode des Johannes Aventinus. Bl. Dt. Landesgesch. 1977, 338–395.

Quellen

Links




Änderungsvermerk (12.5.2020)
Zitat von S. 598 nach Originaltext gestaltet

Sonntag, 10. Mai 2020

Polizeierfolg

Die Pressemeldung von Europol bietet leider nur wenig Hintergrundinformation. Man müsste Journalisten wohl mehr Informationen an die Hand geben, um zu vermitteln, wo das Problem mit Raubgrabungen und Antikenhehlerei liegt.
Sichergestellte antike Funde aus Italien
(Foto: Europol via Europol Newsroom
[eine klare Lizenzierung durch Europol wäre hilfreich...])


Interner Link

Samstag, 9. Mai 2020

Humanist - Diplomat - Spion - Archäologe: Marcin Broniewski

Im Spätmittelalter war die Krim Teil des mongolischen Khanats der Goldenen Horde, in deren Zerfall sich Ende des 15. Jahrhunderts ein eigenständiges Khanat der Krim entwickelte.  Es wurde "im frühneuzeitlichen Kontext ein entscheidender Gleichgewichtsfaktor in der Region und im östlichen Europa (K. Jobst)", trotz oder gerade wegen seiner wechselnden Bündnissen. Die Dynastie der Giray verstand sich als legitimer Erbe der Goldenen Horde und beanspruchte daher auch Gebiete an der Wolga - und stand somit von Anfang an in einem Konflikt mit den russischen Zaren. Immer wieder unternahmen die Krimtataren Einfälle nach Rußland und in die Länder Osteuropas, die damals überwiegend zu Polen-Litauen gehörten.


Der polnische König Stephan Báthony, "durch Gottes Gnaden König von Polen und Großfürst von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien, Kiew, Wolhynien, Podlachien, Livland, ebenso Fürst von Siebenbürgen“ gab im April 1578  Instruktionen an eine Gesandtschaft, den Khan Mohammed II Giray Semîn überzeugen sollte, die Überfälle auf Polen-Litauen  einzustellen und sich gegen Moskau zu wenden, mit denen Polen selbst im Krieg lag.
Beauftragt mit der Mission wurde Marcin Broniewski, der damals schon eine Karriere im Staatsdienst durchlaufen hatte.

Broniewski war 1578 und 1579 auf der Krim und verfasste dabei seine "Tartariae descriptio". Es handelt sich um einen frühen Reisebericht, der eine fremde Region, seine Landschaft, seine Menschen und Sitte relativ neutral wieder gibt. Er beschreibt die Krim letztlich als friedliches land, was im Gegensatz zu seiner durchweg negativen Charakterisierung der Krimtataren als „wild“, „barbarisch“, „“reißend“ und „hungrig“ steht, denen er zudem bescheinigt, dass sie nur an den eigenen Vorteil denken und von „Plünderungen in einem beständigen und ungerechten Krieg“ leben würden. Als Broniovius, wie er sich lateinisch nannte, die Krim bereiste, stand diese seit rund 100 Jahren unter tatarischer Herrschaft. An vielen Orten traf er jedoch noch immer auf eine christliche Bevölkerung und sah Zeugnisse aus älterer, meist byzantinischer Zeit.
Broniovius’ Text ist daher als eine der frühesten Landesbeschreibungen eine wichtige Quelle für die Siedlungsgeschichte der Krim. Erschienen ist Broniovius' Bericht posthum 1595 in Köln.







Mangup und Eski Kermen


Ich greife hier die Bronovius' Beschreibungen von Mangup und Eski Kermen heraus, weil ich beide Fundorte aus eigener Anschauung kenne und sie zwei zentrale Orte im Bergland der südwestlichen Krim -  "zentrale" Orte indes eher im Hinblick auf ihre historische Bedeutung, als auf ihre geographische Lage. Beide liegen sie heute abseits der Hauptverkehrsachsen im Hinterland von Sevastopol. Auch als Broniovius sie besuchte, waren sie nur noch ein Schatten ihrer einstigen Vergangenheit. 

Der Mangup ist das Zentrum des Berglandes der südwestlichen Krim, mit seiner mehrstufigen Befestigung und einer Gesamtfläche von rund 86 Hektar ist er die größte der Höh(l)enstädte, die sich in den Bergen der Krim in großer Zahl finden. Der große Tafelberg beherrscht die Landschaft nach Süden und Osten. 
Die Befestigung auf dem nur wenige Kilometer entfernten Eski Kermen liegt hingegen eher versteckt und ist mit rund 12 Hektar wesentlich kleiner. 
In der Forschung wurde die Bedeutung der Anlagen lange diskutiert. In dieser Gegend sind in der Spätantike Land und Stadt Dory zu suchen, ebenso das Bistum 'Gotthia' und im Spätmittelalter das Fürstentum Theodoro. Mangup und Eski Kermen weisen beide eine frühbyzantinische Besiedlungsphase auf, jeweils auch durch "alano-gotische" Gräberfelder zu ihren Füßen vertreten. Gerade die Frage einer 'gotischen' Besiedlung in der Völkerwanderung mit einer angenommenen Kontinuität bis ins Spätmittelalter hat  das Interesse der deutschen Forschung auf sich gezogen - vor allem während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg. Damals diente die gotische Vergangenheit als Legitimation der deutschen Besatzung.

Die Lage des Mangup beschreibt Broniovius im Einzelnen nicht näher, aber er nennt einige der auch heute noch erhaltenen Ruinen:
Die Stadt Mancopia dehnt sich mehr in Richtung Berge und Wälder aus und ist dem Meer bereits nicht mehr benachbart. Sie hat zwei Burgen, die auf höchster, felsiger und weiter Höhe gegründet sind, sowie kostbare griechische Kirchen und Gebäude und viele Bäche, die klar und wunderbar vom Felsen herab rinnen. Die Griechenchristen erzählen, dass die Stadt im 18. Jahr nach der Eroberung durch die Türken von einem plötzlichen und schrecklichen Brand so ziemlich vollkommen zerstört worden sei.
Daher gibt es dort außer der oberen Burg, in der es ein Tor gibt, das mit vielen griechischen Zeichen verfertigt und mit viel Marmor geschmückt ist, sowie einem hohen Steinhaus, durchaus nichts von Bedeutung. Die Botschafter Moskowiens wurden manchmal von der barbarischen Raserei der Khane in dieses Haus hineingenötigt und dort besonders hart in Haft gehalten.
Heutzutage sind noch eine griechische Kirche, St. Konstantin, und eine zweite, ganz unbedeutende, St. Georg, erhalten. Es gibt einen einzigen griechischen Priester, auch ein paar Türken und Juden wohnen dort  Die übrigen Gebäude haben sich in Ruinen, Ödnis und insgesamt fast in Vergessenheit verwandelt. Weder gibt es dort jetzt noch Menschen, noch erzählen irgendwelche Annalen von den Fürsten und ihren Völkern, die diese Städte und äußerst großen Burgen bewohnten und besaßen. Ich habe nämlich in den einzelnen Orten mit großem Eifer und unter eigenen Unkosten nach diesen Annalen gesucht.






Broniovius hat den Mangup zu einem Zeitpunkt gesehen, als seit seinem Untergang – markiert durch die Eroberung 1475 – gerade etwa 100 Jahre vergangen waren, der Ort noch teilweise bewohnt war und einige Bauten noch besser erhalten gewesen sein dürften als heute. Broniovius hörte vor Ort auch noch Erzählungen über die ehemalige Stadt, aus denen in ihren vagen Angaben aber vor allem auch deutlich wird, dass das 15. Jahrhundert mit dem Vordringen der Krimtataren einerseits und der osmanischen Eroberung andererseits einen deutlichen Einschnitt für die Region bedeutet haben muss. Broniovius nennt mehrere Gebäude auf dem Mangup:
  • Zwei Burgen:
    die obere Burg mit einem Tor, das „mit v
    ielen griechischen Zeichen gefertigt und mit viel Marmor geschmückt ist“ sowie einem hohen Steinhaus
  • Die Kirche St. Georg
  • Die Kirche St. Konstantin
Seit dem späten 19. Jahrhundert haben auf dem Mangup archäologische Ausgrabungen stattgefunden. Sie untersuchten unter anderem die große Basilika, eine mit der Konstantinskirche identifizierte Saalkirche, verschiedene Abschnitte der Befestigung, den Palast sowie die Bebauung hinter der Befestigungsmauer der Zitadelle, darunter eine Oktogon-Kirche. Damit sind heute weit mehr Ruinen bekannt und sichtbar., als sie Broniovius gesehen haben dürfte. Damit sind genaue Identifikationen schwierig. Beispielsweise ist unklar, was genau Broniovius mit der 'unteren Burg' meinte. Die obere Burg ist zweifellos die Zitadelle, die nach den Grabungsergebnissen von A. Gercen ins Spätmittelalter zurückreicht. Tor und hohes Steinhaus dürften mit den erhaltenen Bauten zu identifizieren sein. Mit der zweiten Burg könnte sich Broniovius auf die Mauern der Befestigung oberhalb des Tabana Dere nahe der Basilika beziehen. 
Die Kirche St. Georg wird mit einem Kirchenbau nahe der Zitadelle identifiziert, da hier bei Grabungen 1912 die Fragmente eines als Hl. Georg gedeuteten Reiterreliefs gefunden wurden.
Die Identifikation der Kirche des Heiligen Konstantin ist schwieriger. Gercen bringt sie mit einem Saalkirchenbau in Verbindung, der im zentralen Bereich liegt, nahe dem höchsten Punkt des Plateaus. In der Kirche und ihrer Umgebung wurden mehrfach Grabungen durchgeführt, die zeigen, dass sie inmitten eines Siedlungsareals lag und von einem Friedhof umgeben war, auf dem sich einige spätmittelalterliche/ frühneuzeitliche Grabsteine erhalten haben. A. Gercen vermutet, die sterblichen Überreste eines älteren Mannes, die in der Saalkirche gefunden wurden, könnten mit jenem Priester zu identifizieren sein, mit dem Broniovius gesprochen hat. Die Datierung des Grabes, basierend auf den Grabbeigaben und einem benachbart aufgefundenen Schatz von 111 Silbermünzen, legt es tatsächlich nahe, dass der Tote ein Zeitgenosse von Broniovius war. In der Oktogon-Kirche in der Zitadelle wurde allerdings eine Bauinschrift gefunden, die die Frage aufwirft, inwiefern diese, durch ihren Grundriss herausgehobene Kirche die Konstantinskirche sein könnte, die Broniovius gesehen hat. In der Inschrift ist von einer dem Konstantin und der Helena geweihten Kirche, die im Jahre 1427 vom Fürsten Alexios zusammen mit dem „kastron“ erbaut worden sei. Demnach wäre nicht die Saalkriche, sondern die Oktogonkirche mit der Konstantinskirche zu idnetifizieren sein. Leider erwähnt Broniovius’ Beschreibung lediglich Wandmalereien, gibt aber über die Bauform keine Auskunft.




Khanspalast Bakchissaraj

(Foto: R. Schreg/RGZM)
Blick vom Manguip auf die Landschaft
im Norden
(Foto: R. Schreg)
"Zitadelle des Mangup"
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
"Zitadelle" des Mangup
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Mangup von Norden
(Foto: R. Schreg/ RGZM)


Eski Kermen
Zugang an der Südspitze
(Foto: R. Schreg/ RGZM)
Eski Kermen, Höhlenräume an der Südspitze
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Eski Kermen, Höhlenräume an der Südspitze
(Foto: R. Schreg/ RGZM)

Den Eski Kermen kennt auch Broniovius unter diesem Namen, der nichts anderes bedeutet als „alte Burg“. Zu seiner Lage verweist er auf die Nachbarschaft zu Mangup und Cercessigermenum, dessen Name ein kleines Dorf Čerkess Kermen bewahrt hat, ehe es in den Kriegswirren des 20. Jahrhunderts geräumt wurde. Seine Charakterisierung des Eski Kermen als Felsenburg erscheint zutreffend, wenngleich die fortifikatorische Bedeutung der Anlage durchaus diskutiert werden kann. Die zahlreichen Höhlen, die Broniovius als noch unversehrt bezeichnet, sind auch heute noch relativ gut erhalten.

"In der Nachbarschaft von Mancopia und Cercessigermenum (das von den Türken als »Neue Burg« bezeichnet und nach Cercessius benannt wurde) lag einst eine sehr alte Burg und Stadt, die aufgrund ihres allzu großen Alters weder bei den Türken noch Tataren und nicht einmal bei den Griechen einen Beinamen hat. Sie ist zu den Zeiten der griechischen Herzöge zusammengestürzt, von denen man erzählt, dass sie hier sehr viele gegen Gott und die Menschen gefrevelt hätten.
Und auf dem Fels, wo sich diese Burg und Stadt befindet, gibt es aus dem Fels ausgehölte Häuser von ganz wunderbarer Arbeit, die meisten sind noch unversehrt, obwohl der Ort nun bewaldet ist.
Ein Heiligtum – das mit Säulen aus Marmor und Serpentin geschmückt aber nun zu Boden nieder gestreckt und verwüstet ist – bezeugt, dass hier einst ein herrlicher und ruhmvoller Ort war."
Broniovius knappe Angabe reicht leider nicht aus, um das Ausmaß der seitherigen Zerstörungen zu bestimmen. Verwitterungsspuren und Felsabbrüche sind freilich nicht zu übersehen. Vergleiche des heutigen Zustandes mit historischen Aufnahmen des frühen 20. Jahrhunderts lassen beispielsweise erkennen, dass seitdem das letzte aufgehende Mauerwerk verschwunden ist. Auf dem Eski Kermen wurden die Basilika, Teile eines Wohnquartieres sowie Abschnitte der Befestigung ergraben. Wo Broniovius seinerzeit noch „ein Haus von wunderbarer Ausführung“ gesehen hat, bleibt unklar.
Einzelne Funde der Völkerwanderungszeit auf den beiden Plateaus, vor allem aber die reich mit Beigaben ausgestatteten Gräberfelder zu ihren Füßen zeigen, dass ihre Anfänge in das 4./5. Jahrhundert zurückreichen.




Broniovius als Ethnograph und Archäologe


Broniovius beschreibt die sozialen, politischen und militärischen Strukturen des Krim-Khanats, die er offenbar aus eigener Beobachtung als Botschafter wiedergibt. Zuvor geht er auf die Geographie der Krim ein. Er orientiert sich dabei an den städtischen Zentren, die er entlang einer imaginären (?) Reiseroute abhandelt.
Broniovius Beschreibung würdigt allerdings die felsige Landschaft, die späteren Reisenden ins Auge gestochen ist, mit keinem Wort. Sein Text enthält zwar mehrere Landschaftsbeschreibungen, doch bleibt das Bild sehr blass. Für ihn stehen die Nutzungsmöglichkeiten der Landschaft im Vordergrund, die er durch die vorzüglichen Obstgärten, Weingärten und Gemüsegärten (§13) oder als „zum Wohnen angenehm, außerordentlich geeignet und sehr lieblich“ charakterisiert. Weiden und Triften machen „die Lieblichkeit des Ortes wohlriechend und besonders kräftig“, „sodass man ungezählte Herden von Zugvieh und andern Tieren weiden kann“ (§1).

Immer wieder geht Broniovius jedoch auf Zeugnisse vergangener Zeiten ein. Er beobachtet beispielsweise im Umfeld der Khanspalastes von Bachčisaraj "viele Berge und Wälder, in denen viele zerfallene Gebäude und große Burgen und Städte in die Augen fallen, die aber nur von wenigen oder gar keinen Menschen bewohnt werde und öd daliegen" (79). Raum und Zeit sind eng miteinander verwoben, die Landschaft hat hier immer auch eine zeitliche Dimension.

So beschreibt Broniovius auch zahlreiche Stätten, die heute Ziel archäologischer Expeditionen sind.
Broniovius ist Humanist, kein Archäologe in modernem Sinn. 
Er lässt scih in hohem Maße von antiken Geographen, allen voran Strabo, leiten.Neben Strabo bezieht er sich auf Ptolemaios und Plinius und greift antike Topoi auf. Er zeigt damit – wie schon in seinen einleitenden, an Cicero angelehnten Sätzen – seine Gelehrsamkeit, die sich nicht an der Qualität der eigenen Beobachtungen, sondern an der Kenntnis klassischer Texte und Überlieferungen misst.

Broniovius versucht, Lokalitäten, die Strabo in seiner „Geographika“ genannt hatte, zu identifizieren. Immer wieder ist er mit dem Problem konfrontiert, dass die bei Strabo genannten Orte in seiner Zeit nicht mehr existierten und im Gelände auch nicht mehr zu finden waren. Die Überreste im Gelände besitzen im Hinblick auf die historische Topographie für Broniovius keine eigenständige Aussagekraft, sondern erscheinen eher als Anekdoten und treten hinter die Autorität der Antike zurück.

Eng mit diesen Lokalisierungen historischer Orte sind bei Broniovius die Versuche verbunden, Völkerstämme der Gegenwart mit den historisch bezeugten Stämmen zu identifizieren sind jedoch älter. Broniovius ist dafür nur ein Beispiel. Er setzt etwa die bei Strabo genannten Roxanen bzw. Roxolanen mit den Russen gleich, wobei er einer einfachen Etymologie folgt, die heute als falsch erkannt ist. Er charakterisiert den Stamm, indem er Strabo referiert und dann feststellt, dass die zu seiner Zeit dort lebenden Tataren “auf so ziemlich dieselbe Art“ hier lebten.
Bronovius und die anderen Humanisten sind zwar noch keine Archäologen, aber die später so bedeutende Frage der ethnischen Deutung findet sich schon in diesen Anfängen.

Broniovius ist als Quelle prinzipiell mit Vorsicht zu sehen (welche aber nicht?). Er kam als Reisender aus Polen, dessen Beziehungen zu den Krimtataren häufig angespannt oder feindselig waren. Wie neutral war er? Wie gelangte er als „Spion“ an seine Informationen? Die Beschreibung von Sitten und Gebräuche stellt eine Sicht von außen dar, bei der aber nicht alles auf eigene Beobachtungen zurückgehen kann. Er versucht sichtlich, ein realistisches Bild zu zeichnen, und vielfach gibt er auch seine Gewährsleute an. Zudem versuchte er, historische Dokumente einzusehen.



Literaturhinweise


  • S. Albrecht / M. Herdick (Hrsg.), Im Auftrag des Königs: Ein Gesandtenbericht aus dem Land der Krimtataren. Die Tartariae Descriptio des Martinus Broniovius (1579). Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 89 (Mainz 2011) 
  • K.S. Jobst, Das frühneuzeitliche Krim-Khanat. In: S. Albrecht / M. Herdick (Hrsg.), Im Auftrag des Königs: Ein Gesandtenbericht aus dem Land der Krimtataren. Die Tartariae Descriptio des Martinus Broniovius (1579). Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 89 (Mainz 2011)11-22
  • R. Schreg: Forschungen zum Umland der frühmittelalterlichen Höhlenstädte Mangup und Eski Kermen – eine umwelthistorische Perspektive. In: S. Albrecht / F. Daim/ M. Herdick (Hrsg.), Die Höhensiedlungen im Bergland der Krim. Umwelt, Kulturaustausch und Transformation am Nordrand des byzantinischen Reiches. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 113 (Mainz 2013) 403-445.
    online bei academia.edu
  • R. Schreg: Der Reisebericht des Broniovius – Text und Archäologie. In: S. Albrecht / M. Herdick (Hrsg.), Im Auftrag des Königs: Ein Gesandtenbericht aus dem Land der Krimtataren. Die Tartariae Descriptio des Martinus Broniovius (1579). Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 89 (Mainz 2011) 23–44.
    online bei academia.edu



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      Montag, 4. Mai 2020

      Forschungsgeschichte als Teil der archäologischen Quellenkritik

      Im Jahre 2013 erschien auf diesem Blog eine Serie zur Archäologischen Quellenkritik. Dabei wurde unter anderem ein Schema präsentiert, das den Weg von der vergangenen Realität hin zu unserer archäologischen Datenbasis zeigt.
      Dabei (und bei Schreg 2016) wurden drei Stufen bzw. Phasen der Formation unterschieden (Abb. 1) .


      Abb. 1: Bedingungen der archäologischen Datenbasis (Formationsprozess).

      Mit den beiden ersten Stufen der primären und der sekundären Befundformation wurde auf das Konzept der formation processes von Michael Brian Schiffer zurück gegriffen. Sie erklären, wie unsere archäologische Datenbasis entstanden ist - genauer gesagt erklären sie vor allem, wie das archäologische Potential entstanden ist, also der Denkmälerbestand, der uns heute rein theoretisch als Überlieferung zur Verfügung steht, wenn wir ihn komplett untersuchen könnten. Aber reell können wir ja nur als archäologische Datenbasis nutzen, was wir auch kennen, das heisst, was wir prospektiert, ausgegraben und der Forschung zugänglich gemacht haben. An die primäre und sekundäre Formation schließt sich also eine dritte Stufe der Formation an, für die wir als Wissenschaftler*innen verantwortlich sind - übrigens egal ob mit akademischem oder Amateur-Hintergrund.

      Mit dem Forschungsstand, den Beobachtungsmöglichkeiten, der Beobachtungsqualität sind Aspekte der konkreten archäologischen Praxis in dieser Stufe der Formationsprozesse benannt, ergänzt durch den Aspekt "Weltbild", der zwar eher die Theorien der Interpretation benennt, aber auch schon eine Rolle etwa bei der Auswahl der Grabungsobjekte spielt. Mit einem klassischen Geschichtsbild, das die wesentlichen Akteure in der Politik sieht und so vor allem auf Institutionen und Herrschaft achtet, spielen Burgen und Pfalzen eine große Rolle. Wer hingegen mehr an Alltagsgeschichte interessiert ist,  wird Ausgrabungen in ländlichen Siedlungen oder städtischen Parzellen höher schätzen.


      Letztlich ist diese knappe "definitive Formation" in obiger Darstellung aber zu sehr verkürzt, da sie dem Forschungsprozess nicht genügend Rechnung trägt. Denn dieser endet nicht mit der Datenbasis, sondern beginnt damit in gewisser Weise erst.  Lücken in der Datenbasis regen einerseits zu neuen Grabungen an, andererseits sollen sich Archäolog*innen ja auch nicht mit einer Anhäufung von Funden bzw. Daten zufrieden geben, sondern diese ja auch interprtetieren.

      Deshalb hat Sören Frommer (2007) in seiner Weiterentwicklung des obigen Schemas eine tertiäre und quartäre Formation unterschieden. Sein Schema  (Abb. 2) ist graphisch umgekehrt, von unten nach oben aufgebaut und startet mit dem archäologischen Kontext, was etwa dem archäologischen Potential (Abb. 1) entspricht. Frommer operiert hier mit dem Konzept der Hermeneutik, das in den Literatur- und Geschichtswissenschaften or allem im 19. Jahrhundert formuliert, im 20. Jahrhundert aber in der Philosophie weiter entwickelt worden ist. Im Kern geht es darum, dass Erkenntnis in den Geisteswissenschaften ein Prozess ist, bei dem der/die Forscher*in mit immer besserem Vorverständnis sich langsam seinem Forschungsobjekt annähert.
      Der zweite zentrale Begriff in Frommers Konzept ist der der Heuristik. Er bezeichnet Verfahren, aus begrenztem Wissen bzw. unvollständigen Daten dennoch plausible, wahrscheinliche Aussagen zu gewinnen. Immer wieder muss dabei auf unbewiesene Annahmen zurück gegriffen werden, die im Nachhinein möglicherweise korrigiert werden müssen und so dazu zwingen, die darauf aufbauenden Schlußfolgerungen erneut nachzuvollziehen. Wenn man versucht, den derzeit oft zu hörenden Begriff des Algorithmus gegen Heuristik abzugrenzen, so liegt darin der wesentliche Unterschied: Ein Algorithmus ist berechenbarer als eine Heuristik, die sich eben in einem hermeneutischen Argumentationsraum bewegt.



      Abb. 2 Der hermeneutische Arbeitsraum
      (nach Frommer 2007)




      Hier soll es indes nicht um die Theorie des Erkenntnisprozesses gehen, der Sören Frommer ein zentrales Anliegen ist, sondern eben um die Frage, wie unsere Datenbasis und unsere Interpetationen zustande kommen. Dazu ist es hilfreich, ganz einfach auf die drei Schritte des archäologischen Forschungsprozesses zurück zu kommen:
      • Datenerschließung
      • Datenanalyse
      • Dateninterpretation
      Das  ist - soviel müssen wir aus obiger Theorie mitnehmen - kein einmaliger Prozess, sondern einer, der immer wieder wiederholt werden muss,  wobei die Archäologie eben eine Chance hat, mit der Datenerschließung ihre Quellenbasis zu erweitern. Damit können herausragende, besonders aussagekräftige Befunde  aufgefunden werden oder ggf. Aussagen statistisch  begründet werden.

      Ich habe also versucht, die Aspekte der tertiären und der quartären Formation sowie die Stufen des archäologischen Erkenntnisprozesses in eine neue Fassung des  obigen Schemas zu integrieren.

      Abb. 3 Formationsprozesse und Forschungsprozess
      In dieser Graphik wird m.E. deutlicher als zuvor, wie eben auch die moderne Forschung in vielfältiger Weise unsere Rekonstruktion der Vergangenheit beeinflusst. 

      In der tertiären Formation sind das nicht zuletzt Aspekte der klassischen Feldmethoden. Ganz offensichtlich ist der Forschungsstand von der Forschungsgeschichte abhängig. Wir kennen die Fortschritte, die die Forschung seit den Anfängen der Archäologie gemacht hat, etwa bei der Dokumentation und Auswertung von Stratigraphien. Auch aktuell sehen wir enorme methodische Fortschritte etwa aus dem Bereich der Bodenkunde oder der geophysikalischen Prospektion. Diese Methoden beeinflussen die Beobachtungsmöglichkeiten, wie auch der Beobachtungsqualität. Bisweilen stehen Methoden zur Verfügung, die in der Praxis aber nicht in ausreichendem Maß zum Einsatz kommen. Nicht immer gibt es dafür finanzielle Gründe. Beispielsweise liegen noch immer kaum archäobotanische Daten oder Knochenfunde von kleineren Tieren aus mittelalterlichen ländlichen Siedlungen vor, die wichtig wären, um die Siedlungsgeschichte tatsächlich zu verstehen. Teil der tertiären Formation während der Datenerschließung und -analyse sind also auch bereits die Fragestellungen.

      In der quartären Formation sind die Faktoren vereint, die unsere Interpretation der dokumentierten archäologischen Datenbasis beeinflussen. Dazu gehört beispielsweise die Wissenschaftsorganisation mit dem nach wie vor zu beobachtenden Trend die Auswertung von Grabungen kostengünstig im Rahmen von Studienabschhlußarbeiten vornehmen zu lassen, was letztlich bedeutet, dass überwiegend der noch relativ unerfahrene junge Nachwuchs die entscheidenden Interpretationen vornimmt.  Auch der Trend zu einer Abkehr von Langfristprojekten zu Förderdauern von bestenfalls Dreijahresabschnitten hat Einfluß auf das Forschungsdesign.Wissenschaftsorganisation ist in Vielem abhängig von den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, weil beispielsweise die Politik mit speziellen Förderungen Einfluß auf die Forschung nimmt - so wie dies gerade in Ungarn versucht wird (Archaeologik 3.9.2019), wo auch die Wissenschaftsfreiheit auch von Archäologen bedroht ist (Archaeologik 12.7.2019; Archaeologik 30.5.2018) Aber auch die Stärke der Denkmalschutzgesetze in den deutschen Bundesländern hängt von der Wirtschaftsorientierung der jeweiligen Regierungsparteien ab - und theoretisch natürlich auch von der Akzeptanz der Wähler*innen bzw. der Verursacher*innen. Praktisch hat Archäologie und Denkmalschutz freilich meist nicht das große Interesse, dass sie die Wahlentscheidung der großen Masse tatsächlich beeinflusst. Die Politik sieht hier deshalb gerne einmal Sparpotential, bei dem kein großer Widerstand zu erwarten ist - bisweilen kommt er aber trotzdem und kann dann auch erfolgreich sein (vergl. Archaeologik unter dem Label Nordrhein-Westfalen - Finanzkürzungen). Hier geht es auch um Kommunikationsfähigkeit und Glaubwürdigkeit der Archäologie (vergl. Blog Journal of Community Arch. 4.7.2013).

      Neben diesen gesellschaftlichen Faktoren spielen auf den ersten Blick eher theoretische Aspekte eine wichtige Rolle, einerseits allgemeine Werte der Gesellschaft, die oft als Paradigmen bzw. (un)bewusste Hintergrundkonzepte in die Forschung einfließen, andererseits konkrete theoretische Konzepte und Perspektiven. Auch diese verändern sich im Lauf der Zeit und sind in verschiedenen Kreisen durchaus unterschiedlich. Deshalb ist es nicht unwichtig, die sozialen Netzwerke der jeweiligen Forscher*innen genauer unter die Lupe zu nehmen und zu verstehen, welchen Ideen sie anhingen. Angesichts des Theoriedefizits in der deutschen Archäologie wurden in der Vergangenheit grundsätzliche Ansichten nicht offengelegt, sondern sind nur zwischen den Zeilen zu lesen oder ansatzweise aus den Biographien zu erschließen.

      Archäologische Forschungsgeschichte ist nicht nur die Auflistung aller früheren Grabungen (was wichtig ist, um über eine zuverlässige Datenbasis zu verfügen), sondern primär eine Ideen- und Sozialgeschichte.

      Literatur

      • Frommer 2007
        S. Frommer, Historische Archäologie. Ein Versuch der methodologischen Grundlegung der Archäologie als Geschichtswissenschaft. Tübinger Forsch. hist. Arch. 2 (Büchenbach 2007).
      • Schreg 2016
        R. Schreg, Quellenkritik. In: B. Scholkmann/H. Kenzler/R. Schreg (Hrsg.),Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Grundwissen (Darmstadt 2016) 101–113.
      • Serie zur Archäologischen Quellenkritik

      Samstag, 2. Mai 2020

      Die Corona-Krise und der Kulturgüterschutz

      ein Beitrag von Jutta Zerres

      Das „Antiquities Trafficking and Heritage Anthropology Research (ATHAR) Project“ ist ein Zusammenschluss von Anthropologen und Experten für Kulturerbe, die sich mit dem grenzüberschreitenden Handel von illegal ausgegrabenen und geraubten Antiken in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas sowie mit der Terrorismusfinanzierung und der organisierten Kriminalität befassen. Die Gruppe beobachtet u. a. auch die Aktivitäten der „Branche“ auf Facebook. 
       
      Corona-Beiträge auf Archaeologik
      Viren
      (biology pop [CC BY SA 4.0]
      via WikimediaCommons)
      „The Art Newspaper“ berichtete am 29.04.2020, dass „ATHAR“ in den letzten Wochen einen Anstieg von Angeboten antiker Objekte auf dieser Plattform verzeichnet. Die Ursachen dafür seien nicht nur saisonbedingt – das Frühjahr ist auch für Raubgräber eine günstige Jahreszeit ‒ , sondern auch auf die derzeitige Corona-Pandemie und die damit verbunden Maßnahmen und Konsequenzen zurückzuführen. Die aktuelle Lage begünstige Raubgrabungstätigkeiten und den illegalen Handel mit Antiken an verschiedenen Stellen der „Wertschöpfungskette“, die beim Raubgräber beginnt und beim Endkonsumenten endet. 

      Die wirtschaftliche Krise in vielen Ländern, die durch den Lockdown hervorgerufen wurde, treibt die Betroffenen dazu, sich andere Einkommensquellen zu suchen. Eine davon können eben Raubgrabungen und Verkauf der Objekte sein. Der Arabische Frühling, Krieg und Terrorismusattacken in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas, die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Unsicherheiten erzeugten, hatten in der Vergangenheit den gleichen Effekt hervorgerufen. Der Artikel in „The Art Newspaper“ zitiert auch Deborah Lehr, die Gründerin der „Antiquities Coalition“, einer weiteren Organisation, die sich mit der Thematik befasst. Lehr geht auch davon aus, dass längere Sperrungen und Ausgangssperren in Verbindung mit den daraus resultierenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu einer Zunahme illegaler Aktivitäten, insbesondere organisierter Plünderungen, führen werden. Sie weißt darauf hin, dass es während des Arabischen Frühlings zunächst einmal eine Pause bei gelegentlichen Plünderungen von Museen und Fundmagazinen gab. Dann aber sei die Zahl der organisierten Beraubungen wieder signifikant angestiegen. Die Kollegen in Ägypten hätten jedoch – so Lehr weiter ‒ wertvolle Lehren aus dem Arabischen Frühling gezogen und die Sicherheit an archäologischen Stätten und Museen während des Lockdown erhöht.

      Lehr verweist auch auf eine andere Erkenntnis, die aus dem wirtschaftlichen Niederschlag von 2008 gezogen werden kann. Diese Krise habe nämlich gezeigt, dass ein gesteigertes Interesse der Endkonsumenten ‒ sowohl legitime als auch illegale Objekte ‒ häufig mit einer Wirtschaftskrise einher geht.

      Ein weniger beachteter Effekt ist, dass auf den selben Schwarzmarktkanälen, die mit illegal ausgegrabenen Antiken handeln, zuweilen auch persönliche Schutzausrüstung, einschließlich Gesichtsmasken, antibakteriellem Gel und sogar Covid-19-Testkits angeboten werden. Akteure in illegalen Geschäften profitieren häufig von einem Anstieg einer Nachfrage, um Material auf dem Schwarzmarkt überteuert zu verkaufen.

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