Der Renninger Gemeinderat hat Ende September 2026 das Aus des Archäologischen Museums beschlossen.
- Archäologisches Museum in der Realschule ist Geschichte. Stuttgarter Nachrichten 10.10.2026. - https://www.stuttgarter-nachrichten.de/lokales/leonberg/gemeinderat-renningen-beschliesst-das-aus-archaeologisches-museum-in-der-realschule-ist-geschichte-79537891.html (pawall)
Es war ein weitgehend unbekanntes Juwel, Anfang der 1990er Jahre eingerichtet und 2003 überarbeiteten zeigte es eine Auswahl archäologischer Funde aus dem Renninger Becken und stellte insbesondere die Entwicklung des mittelalterlichen Dorfes dar. Mit Modellen der völkerwanderungszeitlichen Siedlung in der Raite und der hochmittelalterlichen Siedlung in den Neuwiesenäcker sowie einem großen Panorama des Renninger Beckens durch die Zeit war es ein durchaus attraktives und auch einzigartiges Museum. Heimatstuben gibt es viele, aber ein Museum, das die mittelalterliche Siedlungsentwicklung eines Dorfes darstellt, gibt es sonst nicht.
2003 hatte ich Gelegenheit die Ergebnisse meiner Dissertation zur Siedlunsgentwicklung in die Ausstellung einfließen zu lassen. Das Problem des Museums waren die knappen Öffnungszeiten und eine ehrenamtliche Betreuung, angegliedert war es an das ebenfalls hier untergebrachte Archiv der Stadt Renningen.
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| 2004 zum neugestalteten Museum erschienen |
Mit der anstehenden Sanierung der Realschule, in der es untergebracht war, wurde es vor etwa fünf Jahren geschlossen. Geplant und fertig konzipiert war eine innovative - und kostengünstige - Lösung eines Museums im Klassenzimmer. Damit wurde dem steigenden Raumbedarf der Schule Rechnung getragen, aber auch eine engere Einbindung des Museums und der Archäologie in den Schulbetrieb gelungen. Das Museum im Klassenzimmer hätte sicher weit über Renningen hinaus Vorbildwirkung entfalten können.
Nun hat der Gemeinderat entgegen eines früheren Beschlusses die Restfinanzierung verweigert. Das Gesamtprojekt sieht sich mit Kostensteigerungen konfrontiert, zu dem die Museumsplanungen nicht beigetragen haben.
Die Mehrzahl der Funde waren Leihgaben des Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg. Sie werden nun im Magazin verschwinden. Für die nicht wenigen Funde, die der Stadt Renningen gehören, muss sie nun nach einem geeigneten Depot suchen, denn dafür trägt sie weiterhin Verantwortung.
Der Betrieb und Finanzierung lokaler Museen ist vielfah eine Aufgabe, an der Kommunen scheitern. Auf Archaeologik waren
- Realsatire Weltkulturerbe in Baden-Württemberg. Archaeologik 16.3.2026. - https://archaeologik.blogspot.com/2026/03/realsatire-weltkulturerbe-in-baden.html
- Vom schändlichen Ende eines Heimatmuseums. Archaeologik 17.11.2022. - https://archaeologik.blogspot.com/2022/11/vom-schandlichen-ende-eines.html
- Leicht mal zu viel erhofft und versprochen - das ehemalige Paläon in Schöningen. Archaeologik 14.10.2022. - https://archaeologik.blogspot.com/2022/10/leicht-mal-zu-viel-erhofft-und.html
- Niedliche Ponys und stinkende Schweine auf der Heuneburg? Wissenschaftsvermarktung statt Wissenschaftsvermittlung?Archaeologik 5.4.2020. - https://archaeologik.blogspot.com/2020/04/niedliche-ponys-und-stinkende-schweine.html
Bei der aktuellen Neukonzeption des Renninger Museums durch IKU Institut für Kulturvermittlung GbR war ich beratend tätig. Ich fasse hier einige Punkte zusammen, die ich für den Gemeinderat 2024 und wieder 2026 formuliert habe.
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Renningen Lauerhalde (Foto R. Schreg, nach Kopie im ehem. Mus. Renningen) |
Ein lokales archäologisches Museum wie jenes in Renningen ist für die Bildung von Kindern und Erwachsenen ein bedeutender Ort, der eher gestärkt als abgeschafft gehört. Es geht hier um mehr als alte Scherben und um eine vermeintlich weit zurück liegende Zeit. Die Vermittlung der historischen Tiefe des eigenen Wohnorts an Kinder wie an Bürgerinnen und Bürger ist heute ein wichtiges Element gesellschaftlicher Bildung.
Da unsere Gegenwart von einem rasanten Tempo der Neuerungen und Veränderungen geprägt ist, benötigen wir ein Verständnis dafür, dass einerseits Veränderungen normal sind, dass sie andererseits aber auch eine Verantwortung für die Zukunft mit sich bringen, die sich nicht auf die nächste Wahlperiode oder die nächsten 5 Jahre, sondern auf einen in Generationen und Jahrhunderte richtet. Der zögerliche aktuelle Umgang mit vielen politischen Themen zeigt über alle Richtungen hinweg, dass es generell an diesem Bewusstsein für die Dimension der Zeit fehlt.
Ein lokales Museum ist die einmalige Chance, im schulischen Kontext Geschichte darzustellen und das entscheidende didaktische Potential der Archäologie zu nutzen, nämlich Kindern und Jugendlichen ein Verständnis von Zeit nahe zu bringen. Die Kenntnis der langen Geschichte der eigenen Umwelt sensibilisiert gegenüber problematischen Entwicklungen. Das ist Voraussetzung, um Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.
Recht auf Funde vor Ort
Archäologische Funde sind wichtige Zeugnisse der Vergangenheit. Sie werden heute zu Recht durch das Denkmalschutzgesetz geschützt, das in der Regel vorsieht, dass der Verursacher für deren Bergung aufkommt. Darin begründet sich auch ein Anrecht der Bürgerinnen und Bürger, diese mit öffentlichen, aber auch privaten Mitteln geborgene Funde auch vor Ort sehen zu können und erfahren zu können, welche Erkenntnisse sich für die Vergangenheit (und wie ich versucht habe zu zeigen, auch für die
Zukunft) sich daraus ergeben.
Das Archäologische Museum Renningen wäre eine ganz besondere Chance für Ihre Stad gewesent, nicht wegen sensationeller Funde, sondern we-gen seiner Repräsentativität für Jahrtausende der Vor- und Frühgeschichte. Das Zielpublikum sind nicht Touristen, sondern die Einwohner*innen von Renningen und Malmsheim!
Jeder Ort verfügt über eine Geschichte und auf die lange Sicht verlief diese im Raum zwischen Neckar und Schwarzwald durchaus ähnlich: erste bäuerliche Siedlungen im 6. Jahrtausend v.Chr., Siedlungen der Bronze- und ‚keltischen‘ Eisenzeit, römische Villen, ein Ortsname aus dem Frühmittelalter. Renningen ist da keine Ausnahme - und genau das macht ein Museum in Renningen auch ohne goldene Sensations-funde attraktiv.
Integration in einem Ort der Zugezogenen
Renningen liegt im Einzugsbereich von Stuttgart und hat durch Zuzug ein enormes Wachstum erlebt.
Eine moderne archäologische Ausstellung, wie sie in Renningen vor-gesehen war, hätte nicht nur Funde gezeigt, sondern diese in die Landschaft des Renninger Beckens eingebettet. Lokalgeschichte schafft zudem aber auch Identität - ohne auszugrenzen. Wer mag, darf hier durchaus auch an “Heimat” denken. Das Wissen darum, was vor Jahrhunderten hinter der nächsten Straßenecke los war, schafft eine intime Kenntnis der Umgebung, eine Vertrautheit, die in einer Gemeinde wichtig ist, die immer mehr aus Zugezogenen besteht.
Eine Einrichtung wie das archäologische Museum in Renningen könnte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass in einer wachsenden Stadt mit regionalen, wie überregionalen Zuzüglern eine Integration und Heimischwerden gelingen kann.
Grob angedeutet wurde die Bereitschaft, das Museum in einem anderen Gebäude in Renningen wieder zu eröffnen, Zeit und Ort unbekannt. Ein früherer Versuch dazu ist schon gescheitert...
Links
- Archäologisches Museum Renningen: noch unter https://www.landesstelle.de/museen-in-baden-wuerttemberg/museum/archaeologisches-museum-renningen/
- Ein frühlatènezeitlicher Schwertscheidenbeschlag aus einer Siedlungsgrube in Renningen. Archaeologik 23.12.2012. - https://archaeologik.blogspot.com/2012/04/ein-fruhlatenezeitlicher.html
Literatur
- R. Schreg, Das Renninger Becken. Werden und Wandel einer Siedlungskammer in über 7000 Jahren (Renningen 2004).
- R. Schreg, Dorfgenese in Südwestdeutschland. Das Renninger Becken im Mittelalter. Materialh. Arch. Bad.-Württ. 76 (Stuttgart 2006).



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