Mittwoch, 13. November 2013

gebaut / gejagt / vergessen – Wolfsgruben als archäologisches Denkmal

ein Gastbeitrag von Iris Nießen

Rotkäppchen und der böse Wolf, Isegrim oder die Bestie von Gévaudan – auf vielfältige Weise werden wir mit dem Bild des bösen Wolfes konfrontiert. Diese über Jahrhunderte geschürte Angst macht auch vor dem modernen Menschen nicht halt. Deutlich wird dies in den aktuellen Diskussionen über die Rückkehr des Wolfes, die neben finanziellen Gesichtspunkten oft durch tiefsitzende Ängste bestimmt werden. Mit Schlagzeilen wie Wer hat Angst vorm bösen Wolf? ist der Konflikt um die Rückkehr der Wölfe in heimische Wälder längst in den Massenmedien angekommen. 
Wolfsgruben stellen nur einen Ausschnitt der vielfältigen Geschichte zwischen Mensch und Wolf dar. Und dennoch trägt die Erforschung dieser besonderen Denkmäler zur aktuellen gesellschaftlichen Diskussion bei, indem die unterschiedlichen Formen der Jagd und damit auch die Gründe für die Ausrottung des Wolfes untersucht werden.

Wolfsgruben – Vergessene Zeugnisse der Umweltgeschichte
Wolfsgruben waren ab dem frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert üblich. Bereits Karl der Große befahl, dass Wölfe mittels Wolfsgruben gejagt werden sollten. Interessanterweise ist das Wissen um diese Jagdmethode heute nahezu vollständig in Vergessenheit geraten, obwohl erst 1882 der letzte Wolf im Fichtelgebirge erschossen wurde. Die Jagdmethode selbst war jedoch sehr verbreitet. Bisher sind allein aus Süddeutschland über 40 Standorte mit häufig mehreren Fanggruben bekannt. Flurnamen wie Wolfsgrube, Wolfsgrubenacker, Wolfsgarten, Wolfsluder, Wolfsgraben, Grubenholz sowie Wolfsloch sind sehr häufig und lassen erahnen, wie verbreitet diese Form der Wolfsjagd ursprünglich war. (Nießen 2012, 48, 88-93).

Konstruktionsweisen
Abb.1: Rekonstruktion der Wolfsgrube im Steinwald als quadratische Grube (Seitenlänge 2,4 x 2,4 m, Tiefe 3,5 m), welche aus dem anstehenden Granit geschlagen wurde und im oberen Bereich möglicherweise ein Trockenmauerwerk aufwies. In der Mitte wurde ein Posten in den Fels eingetieft, auf welchem die Abdeckung der Falle aus Ästen, Reisig und Laub ruhte. Der Köder war entweder ebenfalls auf dem Pfosten befestigt oder befand sich innerhalb einer Umzäunung der Falle.
(m. freundl. Genehmigung, I. Niessen, Gesellschaft Steinwaldia e.V., Zeichnung H. Losert, nach Niessen 2012, 27)
Bei Wolfsgruben handelt es sich um 3,5 bis 4 m tiefe Fanggruben. Sie waren je nach örtlichen Voraussetzungen entweder mit Holzbrettern verschalt oder aus dem anstehenden Gestein gehauen. Oft weisen sie auch ein Trockenmauerwerk aus Bruchsteinen auf. Da Wolfsgruben in der Regel einen Durchmesser von 2,5 m haben, sehen sie gemauert oft Brunnen zum Verwechseln ähnlich (Nießen 2012, 50-62). Meist sind sie im Gelände jedoch nur noch als flache Mulden erkennbar und werden als Bombentrichter, Bergbaurelikte oder als Grubenmeiler zur Holzkohleherstellung interpretiert. Wolfsgruben lassen sich jedoch meist sehr gut über den entsprechenden Flurnamen identifizieren.
Die obere Fallenkonstruktion konnte entweder eine einfache Abdeckung aus Reisig, dünnen Ästen und Stroh, wie es für die archäologisch untersuchte Wolfsgrube im Naturpark Steinwald (Nießen 2012, 27) (Abb. 1) wahrscheinlich ist, oder aber ein Drehdeckel (Abb. 2) oder eine Klappfalle sein (Nießen 2012, 55-57). Als Köder zum Anlocken des Wolfes wurden sowohl lebende wie tote Tiere und Schlachtabfälle verwendet.


Abb. 2: Darstellung einer Wolfsfalle,
aus J. Clamorgan, La chasse du loup, 1640
(PD, nach Bernard 1983, 81).

Wolfsgarten im Bischofsgrüner Forst (Lkr. Bayreuth, Bayern)
Wolfsgarten – Dies ist der klangvolle Flurname einer Abteilung im Bischofsgrüner Forst (Landkreis Bayreuth). Mitten im Wald untersuchten im Juli und August 2013 Archäologen der Universität Bamberg diesen in vielerlei Hinsicht besonderen Waldabschnitt.

Hinter dem Flurnamen Wolfsgarten versteckt sich eine erst jüngst wieder neu entdeckte Quellengattung. Es handelt sich um eine große Anlage zur Jagd von Wölfen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Durch die archäologische Ausgrabung konnten zwei von insgesamt mindestens drei Fanggruben untersucht sowie erstmals eine groß angelegte Umzäunung dokumentiert werden. Die Schriftquellen legen eine Beziehung zu den Bayreuther Markgrafen nahe, weshalb es sich bei dieser großen Jagdanlage wohl um eine Form herrschaftlicher Repräsentation handelt.

Ergebnisse der Grabungskampagne 2012
Abb. 3: Wolfsgarten bei Bischofsgrün -
Deutlich zu sehen ist der Leichenschatten eines
Pferdekopfes in der unteren Verfüllung der Wolfsgrube.
Das Pferd wurde als Köder zum Anlocken der Wölfe verwendet.
(Foto: Iris Nießen).
Neben dem Flurnamen als Anhaltspunkt waren in der Waldabteilung lediglich drei Mulden im Gelände sichtbar. Nahezu vollständig von Blaubeeren bewachsen waren sie kaum noch als Wolfsgruben zu identifizieren.
Zu Beginn der archäologischen Untersuchung stellte sich heraus, dass die Wolfsgrube an der alten Verbindungsstraße zwischen Bischofsgrün und Wülfersreuth bis auf 3,5 m Tiefe mit modernem Hausmüll verfüllt war. Erst in dieser beträchtlichen Tiefe konnte der archäologische Befund erfasst werden. In der zweiten Fanggrube befand sich glücklicherweise weniger Müll. Dort wurden auch die wichtigsten archäologischen Funde geborgen. Ein innen gelb glasiertes Tongefäß mit Bandhenkel und Ausguss ist in großen Teilen erhalten. Die Datierung ist allerdings schwierig, da der archäologische Forschungsstand zur neuzeitlichen Gebrauchskeramik vielfach ungenügend ist. So kann das Gefäß nur grob ins 17./18. Jahrhundert datiert werden. Möglicherweise diente es zum Transport von Schlachtabfällen, um den Wolf mit diesen anzulocken. Darüber hinaus fanden sich noch weitere Hinweise auf Köder. Neben einem Ziegenhorn konnte der Leichenschatten eines Pferdekopfes mit noch erhaltenen Zähnen dokumentiert werden (Abb. 3). Knochen vergehen in dem sauren Milieu des Waldbodens leider sehr schnell.

Erster archäologischer Nachweis der Umzäunung
Die Fanggruben im Wolfsgarten waren nachweislich rund, holzverschalt und knapp über 4 m tief. Zur oberen Konstruktion der Falle konnten aufgrund der Zerstörungen keine Erkenntnisse gewonnen werden. Erstmals wurde jedoch die Umzäunung archäologisch dokumentiert.
Abb. 4: Wolfsgarten bei Bischofsgrün -
Der 80 cm tiefe Graben zeichnet sich als braune Verfärbung ab.
Er gehört zur weitläufigen Zaunanlage des Wolfsgartens.
(Foto: Iris Nießen).

Auf die Wolfsgrube am Wegrand laufen zwei Gräben im gleichen Winkel zu, die noch heute im Gelände zu erkennen sind. Die archäologische Untersuchung ergab, dass die Gräben ursprünglich 80 cm tief gegraben wurden (Abb. 4). Im unteren Bereich der Verfüllung fanden sich Eisennägel, die zur Befestigung der Zaunkonstruktion gedient haben dürften. Wie genau der Zaun ursprünglich ausgesehen hat, ist noch unklar. In Frage kommt ein einfacherer Bretterzaun mit Verstrebungen, die mit Nägeln befestigt waren. Auffällig ist jedoch weiterhin die immense Tiefe der Gräben, welche für einen einfachen Zaun nicht nötig ist. Möglicherweise spielt hier jedoch das große Verlangen nach Repräsentation bei der herrschaftlichen Jagd des 16. und 17. Jahrhunderts eine Rolle. Der Wolfsgarten diente demnach nicht nur der Lockjagd, sondern auch für groß angelegte Hetzjagden, bei denen die Wölfe in die Waldabteilung getrieben wurden. Durch die Umzäunungen mussten die Wölfe dann zwangsläufig in eine der Fallgruben stürzen.

Ausblick
Die archäologischen Untersuchungen sind eingebunden in ein Projekt des Fichtelgebirgsvereins (FGV) Bischofsgrün e.V., das vor allem der touristischen Erschließung und der Strukturförderung dient. Geplant ist die Rekonstruktion einer der Wolfsgruben am Wanderweg mit erklärenden Informationstafeln. Gefördert wird das Projekt durch das EU- Programm Leader, die Oberfrankenstiftung, die Naturschutzstiftung des FGV, die Gemeinde Bischofsgrün, die bayerischen Staatsforsten und viele Weitere.
Für 2014 ist die Ausgrabung der dritten Wolfsgrube beabsichtigt. Im Gegensatz zu den bereits untersuchten Fanggruben ist diese nicht durch modernen Müll und starke Erosion gestört, weshalb Erkenntnisse zur oberen Konstruktion der Falle zu erwarten sind.

Die Grundlagenforschung zu diesem Bereich der Wolfsjagd ist noch lange nicht abgeschlossen. Die vorgestellte Ausgrabung ist die erste wissenschaftliche Untersuchung eines Wolfsgartens. In den vergangenen Jahren wurden erst zwei Wolfsgruben überhaupt archäologisch dokumentiert und ausgewertet. Die Vielfalt der Konstruktionsweisen und die große Verbreitung von Wolfsgruben kann nach heutiger Quellenlage nur erahnt werden.


Literaturhinweise

D. Bernard, Wolf und Mensch (Saarbrücken 1983).
B. Ergert, Die Jagd in Bayern. Von der Vorzeit bis zur Gegenwart (Donauwörth 1984).
H. Fähnrich, Wolfsgruben – vergessene Jagddenkmäler (Landkreise Tirschenreuth und Cham), in: Beiträge zur Flur- und Kleindenkmalforschung in der Oberpfalz 15, 1992, 71-73.
H. Fähnrich, Wolfsgruben, heute Jagddenkmäler, in: Wir am Steinwald 16, 2008, 157-159.
J. Laursen, Faldgruber, in: Arkaeologi og renaessance 1. Hikuin 18 (Haderslev 1991) 257.
K. Lindner, Das Jagdbuch des Petrus de Crescentiis, in deutschen Übersetzungen des 14. und 15. Jahrhunderts (Berlin 1957).
K. Lindner, Deutsche Jagdtraktate des 15. und 16. Jahrhunderts, Teil 1 und 2 (Berlin 1959).
K. Lindner, Geschichte und Systematik der Wolfs- und Fuchsangeln. Occasional Papers III (Uppsala 1975)..
K. H. Mayer, Alte oberfränkische Jagdgeschichte (Bamberg 2009).
I. Nießen, Die Wolfsgrube im Naturpark Steinwald. Archäologie, Jagdgeschichte, Waldnutzung. Wir am Steinwald, Sonderausgabe Archäologische Reihe 1/2012 (Nürnberg 2012).
D. Müller, „die Wolff mit der wollfs Gruben zu fahen, jst überauß gemein und sehr leichlich zu machen“. Wolfsgruben – Denkmäler historischer Jagdausübung, in: Denkmalpflege in Bad Württemberg 24, 1995, 73-84.
D. Müller, Der Schacht – eine frühneuzeitliche Wolfsgrube, in: G. Wieland, Die keltischen Viereckschanzen von Fellbach-Schmieden und Ehningen. Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden Württemberg, 80 (Stuttgart 1999) 180-195.
G. Scherf, Wolfsspuren in Bayern. Kulturgeschichte eines sagenhaften Tieres (Amberg 2001).
E. Zimen, Der Wolf. Verhalten, Ökologie und Mythos (Regensburg 1990).


Links



Iris Nießen studiert Archäologie des Mittelalters an der Universität Bamberg. Ihr Interesse gilt der Landschaftsarchäologie und insbesondere Jagddenkmälern. Zur Zeit arbeitet sie an ihrer Master-Arbeit über Opferfunde aus dem Dom in Chur.

Montag, 11. November 2013

Ein Berg von Menschenhand - Parawissenschaften am Hohenstaufen

Archäologie und Geologie haben sich des öfteren mit parawissenschaftlichen Ideen auseinanderzusetzen. Nicht nur in Bosnien, sondern auch hier in Deutschland.
Ein neues skurriles Beispiel: Ein Architekt behauptet, der Hohenstaufen (und die anderen Kaiserberge) seien jungsteinzeitliche Bauwerke aus Menschenhand - Teil eines "eigentlich ganz gut untersuchten frühgeschichtlichen Sonnenobservatoriums". Die Argumente sind krude, widersprüchlich, unlogisch, fern jeden Forschungsstandes und fern jeder Regeln wissenschaftlicher Erkenntnis.
Die drei 'Kaiserberge" Hohenstaufen, Rechberg und Stuifen - in der Vorstellungswelt einiger 'Privatforscher' Pyramiden
(Foto R. Schreg)

Wie soll die Wissenschaft mit so etwas umgehen?

Donnerstag, 7. November 2013

Europa erfindet die Zigeuner

Klaus-Michael Bogdal
Europa erfindet die Zigeuner
Eine Geschichte von Faszination und Verachtung
(3. Aufl. Berlin: Suhrkamp 2011)

ISBN 978-3518422632
Der Band ist auch in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen.

Schon 2011 erschienen, wurde das Buch 2013 mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet. Es ist ein aktuelles Buch, wie andauernde Ausschreitungen gegen Sinti und Roma in Ungarn, aber auch Interviewäußerungen deutscher Bürger nach den ausländerfeindlichen Übergriffen 1992 in Rostock-Lichtenhagen zeigen. Geschrieben von einem Literaturwissenschaftler ist es aber auch ein aktuelles Buch für die Archäologie. 

Bogdal verfolgt die literarischen Motive, die in der europäischen Literaturgeschichte mit den Zigeunern verbunden wurden durch die Jahrhunderte. Die Fremdbezeichnungen der Sinti und Roma als Gitanos, Egyptier, Gypsies, Tataren oder Zigeuner und eben auch die literarisch ausgeschmückten Legenden einer Herkunft aus Ägypten zeigen, wie wirkmächtig und wie falsch diese sein können. Einige der Vorurteile halten sich über die Jahrhunderte (wie das Motiv der Kindesentführer, das gerade wieder aufblüht), andere Einschätzungen verändern sich im Lauf der Zeit - mit dem Aufkommen moderner Staatlichkeit etwa, einer ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzung oder der Romantik, vor allem aber auch mit dem Aufkommen nationaler und rassischer Kategorien im 19. und 20. Jahrhundert, die einer Enteuropäisierung der Zigeuner Vorschub leisten.
Die "Erfindung" der 'Zigeuner' erweist sich als ein vielgestaltiger, komplexer und langwieriger Prozess. Vor dem Hintergrund der Formierung von Nationen und schließlich auch eines modernen Europa entwickelt sich eine "Spirale der Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung". Bogdal identifiziert vier Momente in der Auseinandersetzung mit den 'Zigeunern':
  1. Die bloße Existenz der Romvölker wird als allgegenwärtige Bedrohung empfunden, die einen Abstand erfordert
  2. Eine Integration der 'Zigeuner' wird als unmöglich erachtet.
  3. Die Zigeuner dienen als Maßstab der eigenen zivilisatorischen Entwicklung. Je größer das Bewußtsein des eigenen zivilisatorischen Fortschritts, desto geringer ist der Stellenwert der 'Zigeuner' - trotz einer romantischen Verklärung. "Nicht Ähnlichkeiten oder der kleinste gemeinsame Nenner interessieren, sondern die größtmöglichen Unterschiede" (S. 482). Die 'Zigeuner' bilden das Gegenbild zum Selbstverständnis der europäischen Nationen als Kulturvölker.
  4. Es sind mehr die Bilder, die man sich von den Zigeunern macht, als die reellen Menschen, die die soziale Verortung der Romvölker innerhalb der europäischen Gesellschaft prägen. Dies gilt von den ersten Darstellungen der Zigeuner in den mittelalterlichen Stadtchroniken bis hin zu den rassistischen Schriften des 20. Jahrhunderts, die die alten Klischees nur selektiv 'biologische' Daten beimischt. Die Verwandlung der im Mittelalter in Europa eingewanderten Romvölker in 'die Zigeuner' ist eine kulturell bedingte, symbolische Repräsentation, die eine Entzivilisierung der Gesellschaft nach sich zog und nicht nur zur Ausgrenzung, sondern auch zum Töten eines Teils ihrer selbst führte.



Ankunft der "swartzen getouften haiden"
vor Bern, Spiezer Chronik des
Diebold Schilling d. Ä. (um 1445-1486)
([Public domain], via Wikimedia Commons)
In seinem Eingangskapitel verweist Bogdal auf die Rolle der Chroniken als dominierende Quelle, die kaum etwas über den Alltag der Roma-Gruppen berichten. Sie treten nur in wenigen Ausnahmesituationen ins Blickfeld der schriftlichen Überlieferung.  In der Außenwahrnehmung wurde die eigene Sprache der Sinti und Roma über Jahrhunderte hinweg gar nicht registriert, da sie sich erstaunlicherweise von Anfang an, in den jeweiligen Landessprachen verständigen konnten.

Archäologische Zeugnisse - die Bogdal überhaupt nicht bewusst sind - bieten hier prinzipiell die einzige Möglichkeit, direkte Informationen zu gewinnen. 
Die Archäologie der Neuzeit entdeckt gerade das Thema der sozialen Unterschichten. Am deutlichsten fassbar sind diese Randgruppen in der Regel nur an ihren Bestattungsplätzen, da von fahrendem Volk eben keine klassischen Siedlungsfunde übrig bleiben (Müller 2013).  Die 'Zigeuner' bilden einen wichtigen Kontrast zu anderen Gruppen, denen eine Integration oder Assimilierung gelungen ist  (vgl. Archaeologik: Integration ).

Allerdings ergibt sich hier das Problem der Zuweisung der Funde: Wie lassen sich Relikte der 'Zigeuner' eben dieser Gruppe zuweisen? Mit diesem Problem werden sie zu einem Testfall der in der Archäologie üblichen ethnischen Interpretation.

Die Romagruppen sind ein Beispiel für die Dynamiken von Ausgrenzung und Identitätsbildung. Ihre 600jährige Geschichte in Europa macht die Entwicklungen der europäischen Länder zu Territorial- und Nationalstaaten als eine Art Gegenpol mit, der deutlich erkennen lässt, wie unsere modernen Kategorien von ethnischen Gruppen zeitgebunden sind - und somit für eine historische Analyse in einer Langzeitperspektive unbrauchbar sind. Deutlich wird dabei auch, wie problematisch die Kategorie der Ethnizität für vormoderne Perioden ist, gerade dann, wenn keine Selbstzeugnisse vorliegen.

Eine Sozialarchäologie darf nicht dabei stehen bleiben, soziale Gruppen zu identifizieren, sie muss viel mehr fragen, wie Menschen miteinander umgegangen sind. "Der Umgang mit den Fremden und der Prozess ihrer Marginalisierung und Ausgrenzung kann an der Geschichte der kulturellen Repräsentation der Romvölker als Zigeuner bei aller Besonderheit exemplarisch gezeigt werden" (S. 480).


Literaturhinweis
  • U. Müller, Zwischen Himmel und Hölle – Randgruppen in der Vormoderne. In: S. Kleingärtner/U. Müller/J. Scheschkewitz (Hrsg.), Kulturwandel im Spannungsfeld von Tradition und Innovation (Neumünster 2013) 321–334.
    Interner Link

    Links

    Montag, 4. November 2013

    Plünderungen und Zerstörungen archäologischer Stätten in Ägypten im Oktober 2013

    ein Gastbeitrag von Jutta Zerres


    Eine Chronik der Plünderung und Zerstörung für den Oktober 2013
    Soweit nicht anders angegeben gehen die Informationen auf die Facebook-Gruppe „Egypt's Heritage Task Force“ zurück.

    3. Oktober
    Bericht über Plünderungen und Zerstörungen in Gebelein.

    Größere Kartenansicht - Der Lufbildausschnitt aus GoogleMaps zeigt ein Gräberfeld bei Gebelein nahe El-Shaikh Mousa, etwa 30 km südlich von Luxor. Die erkennbaren Raubgrabungsspuren sind mehrheitlich bereits auf Luftbildern aus dem Jahr 2002 zu erkennen.

    6. Oktober: Ein Gebäude des 19. Jh. in der Kairoer Abou Hureiba Street ist vom Verfall bedroht.
    Ein Mann mit geraubten Fundstücken im Auto wurde von der Polizei gestellt.


    8. Oktober:
    Ein verlassenes historisches Gebäude in der El-Ahram Straße (Kairo), in dem sich Objekte aus ottomanischer und mamelukischer Zeit befanden, wurde geplündert:
    12. Oktober:
    Ein Plünderer wurde in Mit Rahnia (Memphis) auf frischer Tat mit einer Stele eines Königs der 25. Dynastie ertappt.

    13. Oktober:
    Der ägyptische Blogger Shibin Al-Qantir berichtet von Plünderungen in Tell al-Yahudiya:

    14. Oktober:
    Es wird berichtet, dass ein Fundobjekt aus einer illegalen Grabung in Mit Rahnia sichergestellt wurde.


    Stele eines nubischen Söldners aus Gebelein
    (Foto: Koopmanrob [
    CC BY SA 2.0]
    via WikimediaCommons)
    22. Oktober:
    Egypt's Heritage Task Force veröffentlicht auf Facebook Fotos von Raubgrabungslöchern und illegalen Bauaktivitäten an der historischen Stätten von Gebelein und Gheriza


    25. Oktober:
    Ägyptische Sicherheitskräfte stoppen einen LKW mit 600 Fundobjekten, der auf dem Weg nach Jordanien war.


    27. Oktober
    Egypt's Heritage Task Force veröffentlicht auf Facebook 13 Fotos von Raubgrabungslöchern und dem illegalen Bau eines Friedhofes am Fundort El-Lisht.


    Es wird berichtet, dass eine Moschee aus Mamlukischer Zeit und des 15. Jahrhunderts am Vortag geplündert worden sei.




    Der Kampf gegen Plünderer und Antikenhehler
    Es gab in den letzten Wochen allerdings auch zahlreiche Berichte von der Wiederbeschaffung gestohlener Objekte und von Versuchen, den Handel und die Plünderungen einzudämmen:

    Der ägyptische Antikenminister und der ägyptische Botschafter in den USA wenden sich an die amerikanische Öffentlichkeit und werben um internationale Unterstützung im Kampf gegen Plünderung und Antikenhehlerei. Der Botschafter bittet speziell die Vereinigung SAFE um Unterstützung und Rat:

    Frühere Beiträge zum Zustand des Kulturerbes im revolutionären und post-revolutionären Ägypten:

      Freitag, 1. November 2013

      Zeit der ersten Bilanz: Kein Markt - keine Raubgrabungen (Syrien, Oktober 2013)

      In Syrien hat die Schwächung der oppositionellen Kräfte offenbar zu einem Nachlassen der Kampfhandlungen geführt - jedenfalls werden die Berichte über Zerstörungen archäologischer und historischer Stätten durch Kämpfe seltener. Neue Meldungen betreffen frühere Schäden, die erst jetzt bemerkt werden. Zahlreiche Bilder der Zerstörung hat nun auch die syrische Altertumsbehörde auf ihrer leider nur arabisch verfügbaren facebook-Seite eingestellt (fb DGAM Syria).

      Zum Beispiel

      Inzwischen nehmen die Versuche einer Bilanz deutlich zu. Eine Bilanz wird auch eine für den 6. Dezember an der Princeton University angesetzte Tagung "Syria’s Heritage in Crisis" versuchen (http://www.princeton.edu/hellenic/images/SyriaConference12-13.pdf).

      Ein neu erschienenes, von Mamoun Fansa (früher Museumsdirektor in Oldenburg) herausgegebenes Buch stellt ältere Fotos aus Aleppo aktuellen Bilder der Zerstörung gegenüber. Er zeigt auch "wie die Zerstörung der historischen Hinterlassenschaften eines Volkes zum Verlust der eigenen Identität wird und sich längerfristig negativ auf die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklung auswirken wird" (Einladung zur Buchpräsentation auf der Frankfurter Buchmesse).
      Speziell über Aleppo berichten im Internet auch der Kriegsberichterstatter David Axe und Fotograf Juma Al Qassim. Letzterer steuert einige Fotos bei, die er im Oktober in Aleppo aufnehmen konnte - eine verwirrende Ästhetik der Zerstörung und Einsamkeit in den Ruinen von Aleppo.

      Mit der Bilanzierung tritt auch das Problem der Raubgrabungen und der Antikenhehlerei verstärkt ins Blickfeld. Die arabische Zeitung The Gulf Today thematisiert die Schäden, die der weitgehend illegale Antikenmarkt und die Sammlerwut anrichten:
      "As the international community wrestles with what action it must take to end the death and destruction in Syria, everyone of us can help simply by not acting – that is, by not buying Syrian antiquities, beautiful as they are. For the sake of Syria’s heritage, and the world’s, remember: No market means no looting."
      "So lange die internationale Gemeinschaft darum ringt, wie Tod und Zerstörung in Syrien gestoppt werden können, kann jeder Einzelne ganz einfach dazu beitragen, indem er keine Antiken aus Syrien ankauft, so schön sie auch sein mögen. Zum Wohle der Kulturgüter Syriens - und der ganzen Welt - sollte man sich bewusst machen: Kein Markt - keine Raubgrabungen."

      Monatliche Zusammenstellungen wichtiger Meldungen aus Syrien auf Archaeologik: