Archaeologik ist ein Wissenschaftsblog zu Themen der Archäologie und des Kulturgutschutzes. Er zielt auf eine kritische Archäologie, die sich mit methodisch-theoretischen, wissenschaftspolitischen und gesellschaftlichen Aspekten der Archäologie auseinandersetzt und die alltägliche Forschungspraxis reflektiert.
Archaeologik is a science blog contributing to various aspects of critical archaeology and cultural heritage including methodology, theory and daily archaeological practice.
Samstag, 17. Oktober 2020
Donnerstag, 15. Oktober 2020
Wie vielschichtig ist Geschichte? Zwei Studien zu Bauern- und Sammler-Jägergesellschaften
Detlef Gronenborn & Nicolas Antunes
Die Frage, wie vielschichtig Geschichte, oder genauer gesagt geschichtliche Prozesse sind, treibt die Forschung schon seit vielen Jahrzehnten um. Hauptfragestellung ist immer, welche Faktoren dieser vielschichtigen Prozesse denn zu bestimmten Zeiten ausschlaggebend für den Ausgang von Ereignissen waren. Spielte die Wirtschaft eine größere Rolle? Das Klima? Die Topographie? Oder waren es rein gesellschaftliche Faktoren, gar die Entscheidungskraft und der Durchsetzungswillen Einzelner? Solche unidimensionalen Analyseansätze durchziehen die Geschichtswissenschaften seit langer Zeit, zunehmend kommen aber auch multidimensionale Ansätze auf, vermittels der das variable Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren betrachtet wird.
In der letzten und in dieser Woche sind zwei Publikation erschienen, in denen genau diese Fragestellung an einfachen Bauern- und Sammler-Jäger-Gesellschaften untersucht wurde:
Fallstudie Neuguinea: Sprachen und Umwelt
Am 7. Oktober erschien in der Zeitschrift PLOS ONE ein Beitrag (Antunes u. a. 2020) zur Verbreitung von Sprachen in ökologischen Nischen auf Neu Guinea, es ist also eine Studie an rezenten Gesellschaften (Abb. 1).
- Nicolas Antunes - Wulf Schiefenhövel - Francesco d’Errico - William E.
Banks - Marian Vanhaeren: Quantitative Methods Demonstrate That
Environment Alone Is an Insufficient Predictor of Present-Day Language
Distributions in New Guinea. PLOSone 15(10), 2020:
e0239359.
- https://doi.org/10.1371/journal.pone.0239359
Der Artikel zeigt, dass die meisten Sprachgruppen ihre öko-linguistische Nische mit anderen Gruppen teilen. Dies widerspricht der bisherigen Annahme, dass es eine klare Beziehung zwischen Umwelt und der geographischen Verteilung von Sprachen/Kulturen gibt. Andere Faktoren, die aus psychologischen und sozialen Aspekten menschlichen Verhaltens resultieren, spielen damit für die Diversifikation von Sprachen sehr wahrscheinlich eine wichtigere Rolle.
| Abb. 1. Hochland von Neu Guinea (Photo: Wulf Schiefenhövel/Marian Vanhaeren/Nicolas Antunes, November 2016). |
Im Gegensatz zu diesen Befunden bei Sprachgruppen zeigen Sprachfamilien, die mehrere Sprachgruppen enthalten, nur eine geringe Überlappung von Nischen. Das wiederum legt den Schluss nahe, dass die Umwelt bedeutsam für die großflächige Expansion und Verteilung von Sprachen war.
Mit dieser Studie kann gezeigt werden, dass die gegenseitigen Bezüge (feed-backs) zwischen Umwelt und sozialen Faktoren auf unterschiedlichen Ebenen unterschiedlich gewichtet sind. Spielen auf lokaler und regionaler Ebene eher soziale Faktoren eine Rolle, so ist dies auf überregionaler Ebene nicht mehr der Fall, hier überwiegt als Faktor die Umwelt.
Fallstudie Südwestdeutschland: Sozialer Zusammenhalt auf unterschiedlichen Ebenen
Eine andere Studie, zu frühen Bauerngesellschaften in Mitteleuropa, erschien in einem Sammelband bereits eine Woche früher.
- D. Gronenborn - H.-C. Strien - K.W. Wirtz - P. Turchin - Chr. Zielhofer - R. Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and Modern SW Germany. In: F. Riede - P.D. Sheets (Hrsg.), Going Forward by Looking Back: Archaeological Perspectives on Socio-Ecological Crisis, Response, and Collapse. Catastrophes in Context volume 3. (New York, Oxford: Berghahn 2020) 333-366.
Wir konnten hier zeigen, dass sozialer Zusammenhalt (social cohesion) auf unterschiedlichen Ebenen unterschiedlichen Dynamiken folgt (Abb. 2): Anhand der Diversität von Keramikverzierung unterscheiden wir zwei Ebenen der Identifikation, von denen die unten abgebildete eher die Identifikationsebene im Bereich des Individuums zur regionalen Gruppe wiedergibt, während die obere eher eine abstrakte Identifikation mit einer übergeordneten Ebene (Metaidentifikation) darstellt.
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| Abb. 2. Vereinfachte Darstellung der
Dynamiken von sozialem Zusammenhalt (social cohesion) im südwestdeutschen Alt-
und Mittelneolithikum (nach Gronenborn u. a. 2020). |
Aus der Diversität dieser Identifikationen zwischen Individuum und Gruppe und letztlich Metaebene generieren sich die Maße für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Im Grundmuster des Modells ist er zunächst hoch, verringert sich mit zunehmender Diversität bis zu einem Kippunkt (tipping point) und fällt dann wieder (Abb. 3). Es zeigt sich, dass die Kurvenverläufe des Datensatzes aus Südwestdeutschland unterschiedliche Dynamiken abbilden, je nach Ebene. Das ist ein schönes Ergebnis, bestätigt es doch unseren vorab modellierten Skalenbezug von zyklischen sozialen Dynamiken (Abb. 4). Es zeigt übrigens auch, dass innerhalb von einfachen Bauerngesellschaften der gesellschaftliche Zusammenhang schwankte.
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| Abb. 3. Grundmuster von Zyklen gesellschaftlichen
Zusammenhalts (Archaeologik 9.4.2020) |
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Abb. 4. Theoretisches Modell ineinander
verschachtelter Zyklen
(verändert nach Gronenborn et al. 2014. Siehe auch Archaeologik 9.4.2020) |
Mit diesen beiden Studien können wir mit quantitativen Ansätzen zeigen, dass sich gesellschaftliche Prozesse auf unterschiedlichen Ebenen abspielen und das, was wir im Rückblick als „Geschichte“ wahrnehmen, aus komplexen Geflechten gegenseitiger dynamischer Bezüge über verschiedene Ebenen besteht. Und dies bereits bei Sammler-Jäger und einfachen Bauerngesellschaften (simple farming).
Link
Prof. Dr. Detlef Gronenborn ist den Archaeologik-Followern wohl bekannt. Er arbeitet am RGZM und lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsinteressen gelten den langfristigen Entwicklungen im europäischen Neolithikum sowie der historischen Archäologie in Afrika.
Mittwoch, 14. Oktober 2020
Archäologie auf der digitalen Buchmesse
Dienstag, 13. Oktober 2020
Statuen im öffentlichen Raum – was verraten Sie über menschliche Gesellschaften?
Holger Baitinger
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| Gutenberg-Denkmal in Mainz (Foto: H. Baitinger) |
Großformatige Darstellungen von Menschen haben in vielen Gesellschaften seit Jahrtausenden eine wichtige Rolle gespielt und sie sind empfindliche Anzeiger gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Was vor 100 oder 200 Jahren erinnerungswürdig erschien, muss es heute nicht mehr sein, weil sich das gesellschaftliche Umfeld und die Perspektiven gewandelt haben – und ständig weiter wandeln. Das kann als schleichender Prozess über einen längeren Zeitraum hinweg erfolgen oder in Zeiten von Umbrüchen sehr abrupt, etwa nach dem Fall der Berliner Mauer, in dessen Folge Lenin-Statuen in Ostdeutschland abgebaut wurden, oder 2003 nach dem Sturz Saddam Husseins mit dem publikumswirksam inszenierten Fall seiner Statue in Bagdad. Wir erleben solche Prozesse gerade mit der Zerstörung von Statuen in den USA, die von Teilen der Bevölkerung als Symbole eines andauernden Rassismus wahrgenommen werden.
Die USA und weltweite Antirassismus-Demonstrationen
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| Proteste vor der verhüllten Statue von Robert E. Lee sculpture 2017 in Charlottesville, Virginia (Foto: AgnosticPreachersKid [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons) |
- https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/ikonoklasmus-an-statuen-von-colston-kolumbus-und-koenig-leopold-ii-von-belgien-16816545.html
- https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kolumbus-ohne-kopf-ein-schlag-fuer-wen-16823454.html
- https://www.spiegel.de/politik/ausland/usa-repraesentantenhaus-votiert-fuer-entfernung-von-statuen-aus-dem-kapitol-a-2bffa989-8073-4122-9af8-f1708ced1cc9
Statuen in der Antike
Insbesondere in den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt wuchs die Zahl der Ehrenstatuen im öffentlichen Raum, von denen jedoch nur ein winziger Bruchteil auf uns gekommen ist. Die Ursachen dafür sind vielfältig: bronzene Statuen stellen einen hohen Materialwert dar, auf den man in Notzeiten zurückgriff. Von den Tausenden bronzener Statuen, die einst im Heiligtum von Olympia standen – der Geburtsstätte der Olympischen Spiele –, haben nur kleine Fragmente überdauert, weil man die wertvolle Bronze in der Spätantike als Ressource nutzte und die Statuen einschmolz.
Die Zerstörung von Statuen – und ihre „Rettung“
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| Statue von Hirschlanden Kopie vor dem Heuneburgmuseum (Foto: R. Schreg 1985) |
Auch von den zahlreichen Kaiserstatuen, die überall im Römischen Reich errichtet wurden, hat kaum etwas überdauert. Das bronzene Reiterstandbild des Kaisers Mark Aurel auf dem Kapitol in Rom entging nur deswegen der Zerstörung, weil man es im frühen Mittelalter für ein Abbild des ersten christlichen Kaisers Konstantin gehalten hat! Irrtümer und mangelhafte Geschichtskenntnisse bleiben auch bei den aktuellen Protesten nicht aus; so wurde die Statue Mahatma Gandhis in London mit dem Wort „Racist“ beschmiert.
Enthauptete Statuen
Traditionsbildung – oder nicht?
Die Wiedererrichtung abgeräumter Statuen
Statuen als gefährdetes Kulturerbe
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| Der kleinere der Buddhas von Bamiyan vor und nach der Sprengung (Fotos: UNESCO/A Lezine/ Carl Montgomery [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons) |






