Donnerstag, 15. Oktober 2020

Wie vielschichtig ist Geschichte? Zwei Studien zu Bauern- und Sammler-Jägergesellschaften

Detlef Gronenborn & Nicolas Antunes

Die Frage, wie vielschichtig Geschichte, oder genauer gesagt geschichtliche Prozesse sind, treibt die Forschung schon seit vielen Jahrzehnten um. Hauptfragestellung ist immer, welche Faktoren dieser vielschichtigen Prozesse denn zu bestimmten Zeiten ausschlaggebend für den Ausgang von Ereignissen waren. Spielte die Wirtschaft eine größere Rolle? Das Klima? Die Topographie? Oder waren es rein gesellschaftliche Faktoren, gar die Entscheidungskraft und der Durchsetzungswillen Einzelner? Solche unidimensionalen Analyseansätze durchziehen die Geschichtswissenschaften seit langer Zeit, zunehmend kommen aber auch multidimensionale Ansätze auf, vermittels der das variable Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren betrachtet wird.

In der letzten und in dieser Woche sind zwei Publikation erschienen, in denen genau diese Fragestellung an einfachen Bauern- und Sammler-Jäger-Gesellschaften untersucht wurde:

 

Fallstudie Neuguinea: Sprachen und Umwelt

Am 7. Oktober erschien in der Zeitschrift PLOS ONE ein Beitrag (Antunes u. a. 2020) zur Verbreitung von Sprachen in ökologischen Nischen auf Neu Guinea, es ist also eine Studie an rezenten Gesellschaften (Abb. 1). 

  • Nicolas Antunes -  Wulf Schiefenhövel - Francesco d’Errico - William E. Banks - Marian Vanhaeren: Quantitative Methods Demonstrate That Environment Alone Is an Insufficient Predictor of Present-Day Language Distributions in New Guinea. PLOSone 15(10), 2020: e0239359. - https://doi.org/10.1371/journal.pone.0239359

Der Artikel zeigt, dass die meisten Sprachgruppen ihre öko-linguistische Nische mit anderen Gruppen teilen. Dies widerspricht der bisherigen Annahme, dass es eine klare Beziehung zwischen Umwelt und der geographischen Verteilung von Sprachen/Kulturen gibt. Andere Faktoren, die aus psychologischen und sozialen Aspekten menschlichen Verhaltens resultieren, spielen damit für die Diversifikation von Sprachen sehr wahrscheinlich eine wichtigere Rolle. 




 
Abb. 1. Hochland von Neu Guinea
(Photo: Wulf Schiefenhövel/Marian Vanhaeren/Nicolas Antunes, November 2016).

Im Gegensatz zu diesen Befunden bei Sprachgruppen zeigen Sprachfamilien, die mehrere Sprachgruppen enthalten, nur eine geringe Überlappung von Nischen. Das wiederum legt den Schluss nahe, dass die Umwelt bedeutsam für die großflächige Expansion und Verteilung von Sprachen war.

Mit dieser Studie kann gezeigt werden, dass die gegenseitigen Bezüge (feed-backs) zwischen Umwelt und sozialen Faktoren auf unterschiedlichen Ebenen unterschiedlich gewichtet sind. Spielen auf lokaler und regionaler Ebene eher soziale Faktoren eine Rolle, so ist dies auf überregionaler Ebene nicht mehr der Fall, hier überwiegt als Faktor die Umwelt.

 

Fallstudie Südwestdeutschland: Sozialer Zusammenhalt auf unterschiedlichen Ebenen

Eine andere Studie, zu frühen Bauerngesellschaften in Mitteleuropa, erschien in einem Sammelband bereits eine Woche früher. 

  • D. Gronenborn - H.-C. Strien - K.W. Wirtz - P. Turchin - Chr. Zielhofer - R. Inherent Collapse? Social Dynamics and External Forcing in Early Neolithic and Modern SW Germany. In: F. Riede - P.D. Sheets (Hrsg.), Going Forward by Looking Back: Archaeological Perspectives on Socio-Ecological Crisis, Response, and Collapse. Catastrophes in Context volume 3. (New York, Oxford: Berghahn 2020) 333-366.

Wir konnten hier zeigen, dass sozialer Zusammenhalt (social cohesion) auf unterschiedlichen Ebenen unterschiedlichen Dynamiken folgt (Abb. 2): Anhand der Diversität von Keramikverzierung unterscheiden wir zwei Ebenen der Identifikation, von denen die unten abgebildete eher die Identifikationsebene im Bereich des Individuums zur regionalen Gruppe wiedergibt, während die obere eher eine abstrakte Identifikation mit einer übergeordneten Ebene (Metaidentifikation) darstellt. 

 

 

Abb. 2. Vereinfachte Darstellung der Dynamiken von sozialem Zusammenhalt (social cohesion) im südwestdeutschen Alt- und Mittelneolithikum
(nach Gronenborn u. a. 2020).


 

Aus der Diversität dieser Identifikationen zwischen Individuum und Gruppe und letztlich Metaebene generieren sich die Maße für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Im Grundmuster des Modells ist er zunächst hoch, verringert sich mit zunehmender Diversität bis zu einem Kippunkt (tipping point) und fällt dann wieder (Abb. 3). Es zeigt sich, dass die Kurvenverläufe des Datensatzes aus Südwestdeutschland unterschiedliche Dynamiken abbilden, je nach Ebene. Das ist ein schönes Ergebnis, bestätigt es doch unseren vorab modellierten Skalenbezug von zyklischen sozialen Dynamiken (Abb. 4). Es zeigt übrigens auch, dass innerhalb von einfachen Bauerngesellschaften der gesellschaftliche Zusammenhang schwankte.

Abb. 3. Grundmuster von Zyklen gesellschaftlichen Zusammenhalts
(Archaeologik 9.4.2020)

 

Abb. 4. Theoretisches Modell ineinander verschachtelter Zyklen
(verändert nach Gronenborn et al. 2014. Siehe auch Archaeologik 9.4.2020)

Mit diesen beiden Studien können wir mit quantitativen Ansätzen zeigen, dass sich gesellschaftliche Prozesse auf unterschiedlichen Ebenen abspielen und das, was wir im Rückblick als „Geschichte“ wahrnehmen, aus komplexen Geflechten gegenseitiger dynamischer Bezüge über verschiedene Ebenen besteht. Und dies bereits bei Sammler-Jäger und einfachen Bauerngesellschaften (simple farming).


Link





Prof. Dr. Detlef Gronenborn ist den Archaeologik-Followern wohl bekannt. Er arbeitet am RGZM und lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsinteressen gelten den langfristigen Entwicklungen im europäischen Neolithikum sowie der historischen Archäologie in Afrika.
 
Dr. Nicolas Antunes ist Ökosystemmodellierer und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter über das Project INTERACT (MPI SHH / RGZM) am Römisch-Germanischen Zentralmuseum angestellt.

Dienstag, 13. Oktober 2020

Statuen im öffentlichen Raum – was verraten Sie über menschliche Gesellschaften?

 Holger Baitinger


Viele von ihnen prägen den öffentlichen Raum: großformatige steinerne oder bronzene Statuen bedeutender Persönlichkeiten, deren Handeln von der Gemeinschaft als erinnerungswürdig und vorbildhaft betrachtet wird. Sie stehen exemplarisch für den Wertekanon einer Gesellschaft und stärken zugleich deren Zusammengehörigkeitsgefühl. Dargestellt sind Künstler, Politiker, Erfinder, Sportler, Kunstmäzene, Personen aus der Geschichte, Figuren aus Romanen oder Filmen und andere mehr, denen die große Ehre einer Statue zuteilwird, meistens erst nach ihrem Tod. Die Statuen können lebens- oder sogar überlebensgroß sein, wodurch die Dargestellten überhöht und in übermenschliche Sphären entrückt werden. Besonders monumental ist das 2018 errichtete Denkmal für den indischen Politiker Vallabhbhai Patel, das mit 182 m höher ist als der Kölner Dom! Viele Bildwerke stehen auch für die Identifikation mit einer Stadt oder einer Region, z. B. in Mainz das Denkmal für Johannes Gutenberg. 
Gutenberg-Denkmal in Mainz
(Foto: H. Baitinger)



Großformatige Darstellungen von Menschen haben in vielen Gesellschaften seit Jahrtausenden eine wichtige Rolle gespielt und sie sind empfindliche Anzeiger gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Was vor 100 oder 200 Jahren erinnerungswürdig erschien, muss es heute nicht mehr sein, weil sich das gesellschaftliche Umfeld und die Perspektiven gewandelt haben – und ständig weiter wandeln. Das kann als schleichender Prozess über einen längeren Zeitraum hinweg erfolgen oder in Zeiten von Umbrüchen sehr abrupt, etwa nach dem Fall der Berliner Mauer, in dessen Folge Lenin-Statuen in Ostdeutschland abgebaut wurden, oder 2003 nach dem Sturz Saddam Husseins mit dem publikumswirksam inszenierten Fall seiner Statue in Bagdad. Wir erleben solche Prozesse gerade mit der Zerstörung von Statuen in den USA, die von Teilen der Bevölkerung als Symbole eines andauernden Rassismus wahrgenommen werden.


Die USA und weltweite Antirassismus-Demonstrationen

In den letzten Monaten sind in den USA, aber auch in Großbritannien, Belgien und anderswo Statuen beschmiert, von den Behörden aus Sorge vor Vandalismus abgebaut oder von Demonstranten niedergerissen und teilweise versenkt worden. Solche Aktionen sind politische Statements, die zugleich zugkräftige Bilder für soziale Netzwerke und Fernsehen liefern. Man vernichtet mit dem Bildwerk nicht nur symbolisch die dargestellte Person, sondern auch das, wofür sie stand und steht. Die Werte und das Handeln, welche die betreffenden Personen symbolisieren, werden also von einem mehr oder minder großen Teil der Gesellschaft nicht mehr geteilt, weshalb die Statuen als anachronistisch, obsolet oder sogar als Provokation empfunden werden. Welche gesellschaftliche Sprengkraft darin liegt, haben nicht erst die Ereignisse in Charlottesville im Jahre 2017 gezeigt, als Demonstrationen gegen den Abbau der Statue des Südstaaten-Generals Robert E. Lee (1807–1870) in Gewalt umschlugen und ein Menschenleben sowie mehrere Verletzte forderten.

Proteste vor der verhüllten Statue von Robert E. Lee sculpture 2017 in Charlottesville, Virginia
(Foto: AgnosticPreachersKid [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)



In den letzten Monaten hat diese Diskussion – befeuert durch den Tod des Afro-Amerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz – erneut Fahrt aufgenommen und auf andere Länder übergegriffen. So wurde im englischen Bristol das Denkmal des Sklavenhändlers, Politikers und Unternehmers Edward Colston (1636–1721) geschleift und publikumswirksam im Hafenbecken versenkt. Gestürzt oder beschmiert wurden im Zuge von Antirassismus-Demonstrationen beispielsweise auch Statuen von Politikern und Generälen der Südstaaten aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865), von Christopher Columbus (um 1451–1506) oder vom belgischen König Leopold II. (1835–1909), der für ein brutales Kolonialregime in Belgisch-Kongo verantwortlich zeichnete.


Statuen in der Antike

Lebens- und überlebensgroße Abbilder von Personen werden in Europa seit über 2500 Jahren als Erinnerungsmale errichtet, im Vorderen Orient und in Ägypten sogar noch länger. Im antiken Griechenland standen steinerne, später auch bronzene Statuen in großer Zahl in Heiligtümern, an Gräbern oder im öffentlichen Raum. Auf dem Marktplatz von Athen errichtete man am Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. die „Tyrannenmördergruppe“, die an die Ermordung des Hipparch – des Bruders des athenischen Tyrannen Hippias – erinnerte; die beiden Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton galten als Wegbereiter der athenischen Demokratie, ihr Handeln wurde als vorbildhaft für die Gesellschaft empfunden.

Insbesondere in den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt wuchs die Zahl der Ehrenstatuen im öffentlichen Raum, von denen jedoch nur ein winziger Bruchteil auf uns gekommen ist. Die Ursachen dafür sind vielfältig: bronzene Statuen stellen einen hohen Materialwert dar, auf den man in Notzeiten zurückgriff. Von den Tausenden bronzener Statuen, die einst im Heiligtum von Olympia standen – der Geburtsstätte der Olympischen Spiele –, haben nur kleine Fragmente überdauert, weil man die wertvolle Bronze in der Spätantike als Ressource nutzte und die Statuen einschmolz. 


Die Zerstörung von Statuen – und ihre „Rettung“

Vollplastische steinerne Statuen kennt man aber nicht nur aus Griechenland, sondern auch aus vielen anderen Regionen Europas. Als ältester Vertreter in Mitteleuropa gilt der steinerne „Mann von Hirschlanden“, der – mit Attributen eines Potentaten aus der Zeit um 500 v. Chr. ausgestattet – an einem Grabhügel unweit von Stuttgart aufgestellt war. Er hat die Jahrtausende nur wenig beschädigt überdauert, ebenso wie eine knapp 100 Jahre jüngere Statue vom hessischen Glauberg, die ebenfalls an einem großen Grabhügel stand. Diese Statue hat man schon nach recht kurzer Zeit sorgfältig niedergelegt, ja regelrecht „beerdigt“, ohne sie nennenswert zu beschädigen. Neben der fast vollständigen Statue hat man am Glauberg auch Bruchstücke dreier weiterer, weitgehend identischer Statuen gefunden, die man schon in der Antike zerschlagen hat – anscheinend eine damnatio memoriae (Verdammung des Andenkens) dreier Statuen! Die vierte Statue ist dieser Zerstörung entgangen, vielleicht weil man sie mit einer positiv belegten historischen oder mythischen Person verband. 
 
Statue von Hirschlanden
Kopie vor dem Heuneburgmuseum
(Foto: R. Schreg 1985)



Auch von den zahlreichen Kaiserstatuen, die überall im Römischen Reich errichtet wurden, hat kaum etwas überdauert. Das bronzene Reiterstandbild des Kaisers Mark Aurel auf dem Kapitol in Rom entging nur deswegen der Zerstörung, weil man es im frühen Mittelalter für ein Abbild des ersten christlichen Kaisers Konstantin gehalten hat! Irrtümer und mangelhafte Geschichtskenntnisse bleiben auch bei den aktuellen Protesten nicht aus; so wurde die Statue Mahatma Gandhis in London mit dem Wort „Racist“ beschmiert.


Enthauptete Statuen

In einem kleinen Heiligtum aus der Zeit um 500 v. Chr. in Burgund sind zwei steinerne Statuen eines Mannes und einer Frau entdeckt worden, die man ebenfalls bereits nach kurzer Zeit zerstört und in den Graben geworfen hat, der den heiligen Bezirk umgab. Beiden Statuen wurden die Köpfe abgeschlagen, von denen bei der Ausgrabung nicht das kleinste Bruchstück zutage kam. Das kann kein Zufall, ist es doch besonders der Kopf, der einen Menschen kenntlich, ihn identifizierbar macht. Zuletzt wurde in Boston die Statue von Christopher Kolumbus auf exakt dieselbe Weise zerstört, indem man sie enthauptete – und auch dieser Kopf bleibt einstweilen verschollen... 


Traditionsbildung – oder nicht?

Viele der Statuen in frühen, nicht-staatlich organisierten Gesellschaften sind kurzlebige Phänomene. Anders als in Griechenland oder in Rom kam es zu keiner Traditionsbildung. Im Zuge gesellschaftlicher Umwälzungsprozesse wurden Statuen gestürzt, teilweise in sekundärer Nutzung anders verwendet – und danach jahrhundertelang keine neuen Statuen mehr errichtet. Im südfranzösischen Lattes hat man beispielsweise die steinerne Statue eines Bogenschützen grob zugehauen und in der Mauer eines Hauses verbaut. Sie hatte damit ihre ursprüngliche Funktion eingebüßt und wurde unsichtbar – ihre Bedeutung wurde bewusst auf das Ausgangsmaterial Stein reduziert. 


Die Wiedererrichtung abgeräumter Statuen

Die bereits erwähnte „Tyrannenmördergruppe“ auf dem Marktplatz von Athen wurde 480 v. Chr. nach der Eroberung der Stadt durch die Perser abgebaut und nach Susa, einer Stadt im heutigen Iran, verbracht. Dies war – ebenso wie die Zerstörung bedeutender Heiligtümer – ein gezielter Angriff auf die Identität und das Selbstverständnis der Athener. Monumente, die für eine Gemeinschaft besonders symbolträchtig sind, stellen für Aggressoren wertvolle „weiche“ Ziele dar. Deshalb wurde die geraubte Tyrannenmördergruppe nach dem Abzug der Perser rasch durch eine neu geschaffene Statuengruppe ersetzt. Im positiven Sinne war sie in der Folgezeit ein Denkmal gegen Gewaltherrschaft und für Bürgersinn – so wie man viele Statuen auch heute noch begreifen kann. 


Statuen als gefährdetes Kulturerbe

Stein und Bronze sind harte und widerstandsfähige Materialien. Sie erlauben die Errichtung dauerhafter Monumente quasi „für die Ewigkeit“, und tatsächlich haben manche Statuen Jahrhunderte, gar Jahrtausende überdauert. Aber heute noch sind antike Statuen weit mehr als „nur“ steinernes Welterbe, sondern Symbole, die mitunter bewusst zerstört werden, weil sie für Werte stehen, die man selbst nicht teilt. Beispiele dafür sind etwa die Buddha-Statuen von Bamiyan, die von den Taliban 2001 gesprengt wurden, oder die Marmorstatue des Abygyd aus Hatra im Irak, die sehr wahrscheinlich 2015 durch den IS zerstört wurde – aber glücklicherweise durch eine Kopie im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz für die Nachwelt bewahrt ist! 
 
Der kleinere der Buddhas von Bamiyan vor und nach der Sprengung
(Fotos: UNESCO/A Lezine/ Carl Montgomery
[CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

Von der Bedeutung der Statuen

Der Lebenszyklus einer Statue von ihrer Errichtung über den Umgang mit ihr bis hin zu ihrem Abbau oder ihrer Zerstörung stellt einen feinen Seismographen für Werte und Ideale einer Gesellschaft und deren mehr oder weniger raschen Wandel dar. Die Statuen belegen ostentativ im öffentlichen Raum, wen und was eine Gesellschaft als vorbildhaft und erinnerungswürdig betrachtet – und was nicht. Dessen sollte man sich in der aktuellen politischen Diskussion um den Umgang mit scheinbar problematischen Denkmälern bewusst sein. Die Statuen bilden Teil des historischen Erbes und letztlich gewachsener Identität, unabhängig davon, wie man sie heute bewertet und welche Intention man mit ihrer Errichtung verfolgte. Politisch nicht mehr opportun erscheinende Statuen zu entfernen und in dunkle Museumsmagazine zu verbannen, löst die Probleme nur scheinbar. Eine Gesellschaft ist immer Ergebnis historischer Ereignisse und Entwicklungen, die man nicht ungeschehen machen kann. Deren Zeugnisse wie die Statuen dürfen deshalb nicht nur an heutigen moralischen Maßstäben gemessen werden, sondern müssen auch aus der gesellschaftlichen Situation zum Zeitpunkt ihrer Errichtung heraus verstanden werden. Dann können auch „problematische“ Statuen wichtige Mahnmale und Erinnerungspunkte für unsere Gesellschaft bilden. 
 
 




PD Dr. habil. Holger Baitinger ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Römisch-Germanischen Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie in Mainz und beschäftigt sich insbesondere mit eisenzeitlichen Themen zwischen Mitteleuropa, Griechenland und Sizilien. Er lehrt als Privatdozent an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.