Freitag, 15. Juni 2018

Ungarische Regierung nimmt der Akademie der Wissenschaften ihre finanzielle Unabhängigkeit

Der derzeit im ungarischen Parlament verhandelte Staatshaushalt für 2019 sieht vor, dass nicht mehr die Akademie der Wissenschaften, sondern direkt das Ministerium für Technologie und Innovation über die interne Mittelverteilung und Ausgaben entscheidet. Bislang konnte die Akademie die ihr zugewiesenen Mittel unabhängig von der Politik für seine Institute und Forschungsprojekte einplanen. Nun entscheidet das Ministerium über einen Großteil der Mittel.

Damit wird die Freiheit der Wissenschaft an einem entscheidenden Punkt weiter untergraben.

Für die Geschichtswissenschaften, die nicht der nationalistischen Legendenbilding folgen wollen, verheißt das nichts Gutes, auch wenn der zuständige Minister beteuert, über die Mittelvergabe werde ein Gremium von Wissenschaftlern entscheiden.

Interner Link

Mittwoch, 13. Juni 2018

CfP - Ruralia XIII Conference Stirling 2019: deutsche Fassung des Calls

Hier nun die Übersetzung des Ruralia-Calls (vgl. Archaeologik 1.6.2018):

Saisonale Siedlungen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen ländlichen Raum

Stirling (Schottland, Großbritannien)
9. – 15. September 2019

RURALIA ist ein internationaler Verband von Archäologen, die zu ländlichen mittelalterlichen Besiedlungen und Wirtschaftsweisen arbeiten. RURALIA bietet ein Forum für die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus fast allen europäischen Ländern. Der Verband fördert den Gedankenaustausch über aktuelle Fragestellungen im Rahmen der Archäologie im ländlichen Raum sowie Vergleichsstudien. Ein besonderes Anliegen ist es zudem, die Ergebnisse archäologischer einschlägiger Forschungen anderen Disziplinen zugänglich zu machen. Die Konferenzsprache ist Englisch. Die internationale Konferenz RURALIA XIII wird in Stirling (Schottland, Großbritannien), stattfinden. Das Konferenzthema lautet:
Saisonal Settlement in the Medieval and Early Modern Countryside / Saisonale Siedlungen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen ländlichen Raum
Während der Tagung von Montag bis Freitag werden neben den Vorträgen eine halbtätige und eine ganztätige Exkursion durchgeführt, eine optionale zweitägige Exkursion in die schottischen Highlands findet im Anschluss statt. Die Konferenz wird gemeinsam von Piers Dixon, Kirsty Owen, Mark Gardiner, Niall Brady und Claudia Theune organisiert und wird finanziell unterstützt vom Historic Environment Scotland, der Historic Rural Settlement Group und Sachleistungen der Universitäten Stirling, Aberdeen und den Highlands and Islands sowie der Universität Wien.

Montag, 11. Juni 2018

Historische Prozesse

Rainer Schützeichel - Stefan Jordan (Hrsg.)

Prozesse. 
Formen, Dynamiken, Erklärungen.

(Wiesbaden: Springer  2015).

461 S., 7 Abb.

ISBN 978-3-531-17660-4 (Softcover): 59,99€
ISBN 978-3-531-93458-7 (ebook): 49,99€

Prozesse, so sollte man denken, sind für Historiker und mindestens ebenso für Archäologen eine alltägliche Kategorie, so grundlegend, dass sie längst bis ins letzte durchdrungen ist.  Weit gefehlt: Der Begriff ist ungenügend definiert und kaum reflektiert, obwohl er zahlreiche Assoziationen weckt und sehr viele grundsätzliche Fragen aufwirft. 


Das von Rainer Schützeichel und Stefan Jordan herausgegebene Buch nimmt sich vor, eine Bestandsaufnahme der interdisziplinären Prozessforschung im Hinblick auf deren Resultate vor allem aber auch Probleme zu machen. Sogleich im einleitenden Kapitel distanzieren sich die beiden Herausgeber aber auch gleich von dem Begriff, indem sie seine Tauglichkeit für soziologische und historische Forschungen in Frage stellen.  Ihrer Meinung nach verweist der Begriff des Prozesses auf ein grundsätzliches, methodisches und theoretisches Problem der Geschichts- und Sozialwissenschaften, nämlich auf das der zeitlichen Bedingtheit ihrer Gegenstände, die sich eben im Lauf der Zeit gegenseitig konstituieren.

Tatsächlich ist "Begriff" als fachwissenschaftliche Kategorie nur ungenügend durchdacht. Noch immer schwingen Implikationen aus dem Alltagsgebrauch oder aus Nachbardisziplinen mit, oft ins 18. und 19. Jahrhundert zurück reichend. Der Begriff des "Prozesses" scheint für Historiker deshalb wenig attraktiv, weil ihm oft etwas Deterministisches oder gar Teleologisches anhängt. Einerseits impliziert er Lenkbarkeit und Intention, andererseits sagt der Begriff nichts über Akteure und Faktoren und auch nichts darüber, ob es zwischen den Geschehnissen und Handlungen mehr gibt als eine zeitliche Abfolge, eine Kausalität oder Intentionalität oder andere komplexere Wechselwirkungen. Aufgrund dieser Unbestimmtheit liefert der Begriff per se keinen besonderen Beitrag zum Verständnis historischer Veränderung, doch verweist er auf eben diesen Fragen- und Problemkreis der inneren Zusammenhänge von Ereignissen und Strukturen, von Kausalität und Effekt. Demgegenüber bleiben andere konzeptionelle Begriffe wie "Entwicklung", "Geschehen", "Evolution", "Geschichte", "Kontinuität", "Gang der Dinge", "Bewegung", "historische Notwendigkeit", "Strom", "Dynamik" oder gar "Fortschritt" noch unbestimmter oder problematischer, so dass sie eben "auch nicht zu überzeugen vermögen" (S. 2).
Der Band vereint Positionen von Sozilogen und Historikern, die den Begriff unterschiedlich gebrauchen. Für die Soziologie ist in der Auseinandersetzung mit Prozessen dessen Opposition zum Begriff der Strukturen zu nennen, die für die Soziologie wichtig ist - einer der Punkte in denen sich die geschichtswissenschaftliche Perspektive von der der Soziologie unterscheidet. In den Geschichtswissenschaften wurde in der Theoriediskussion der 1970er Jahre Prozesse einer Ereignisgeschichte gegenübergestellt, wobei entgegen dem traditionellen Geschichtsbild eine Eigendynamik der Prozesse postuliert wurde. Anders die Soziologie, wo Prozesse im Unterschied zur Evolution stärker mit Handlungen und Ereignissen verbunden wurden.

Prozess und Geschichte

Prozesse lassen sich nach der zeitlichen Dimension von Ursachen und Wirkungen differenzieren oder aber anhand der Verlaufsmuster (zyklisch, pfadabhängig, diskontinuierlich...). Carsten Kaven (S. 233 ff.: Langfristige soziale Prozesse: Eigenschaften und Modellierung) differenziert aus soziologischer Sicht zwischen Reproduktions- und Wandlungsprozessen.

Der Gewinn des  Prozessbegriffes liegt denn auch weniger in den Antworten, die er liefert, als in den Fagen, die er aufwirft. Es geht darum, zu untersuchen, ob hinter einer Reihe von historischen Ereignissen und Entwicklungen mehr steht als ein zufällige chronologische Abfolge. Zu fragen ist nach den zeitübergreifenden Zusammenhängen, nach Intentionalitäten, Kausalitäten und Effekten.

Die Beiträge beleuchten so die Dynamiken von Prozessem aber auch verschiedene Erklärungsmodelle. Dass hier soziale Prozesse und weniger ökologische Prozesse im Mittelpunkt stehen, die sich vielleicht gerade in der Archäologie als inspirierend erweisen können, ist dem fachlichen Hintergrund der Herausgeber geschuldet. Wichtig is die Perspektive komplexer dynamischer Systeme, wie sie Klaus Mainzer etwa an den Finanzmärkten erklärt. Er betont aber auch, dass es bisher keine abschließende nichtlineare Systemtheorie gäbe (S. 270), sondern diese eine interdisziplinäre Zukunftsaufgabe sei. So sind auch manche der Beiträge eher als kleine Bausteine zu einer Weiterentwicklung zu sehen, die zum Teil versuchen, heute separat betrachtete Ansätze, wie etwa Modellierungen (C. Kaven, S. 233ff.) oder Netzwerkanalysen (M Düring / L. von Keyserlingk, S. 337ff.) mit Ansätzen einer Prozesstheorie zu verbinden.

Für die Archäologie ist das Buch weit entfernt von den eigenen konkreten Themen, aber wichtig, denn gerade das Verständnis von langen Zeiträumen verlangt eine Auseinandersetzung mit Prozessen. Einzelne Schlagworte sind inzwischen auch schon Modebegriffe geworden, bei denen eine genauere methodisch-theoretische Reflektion zwingend geboten ist. Dabei mag der Band "Prozesse" wichtige Impulse liefern


Inhaltsverzeichnis


Rainer Schützeichel und Stefan Jordan: Prozesse – eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme - S. 1

Teil I Prozessformen

Ludger Jansen: Zur Ontologie sozialer Prozesse - 17

Gert Albert: Max Webers Grundbegriffe – eine Revision unter Beachtung der Kategorie der sozialen Prozesse - 45

Stefan Jordan: Was sind Historische Prozesse?  - 71

Rainer Schützeichel: Pfade, Mechanismen, Ereignisse. Zur gegenwärtigen Forschungslage in der Soziologie sozialer Prozesse - 87

Thomas Schwietring: Gesellschaft geschieht. Zeit und Geschichtlichkeit als begründende Kategorien des Sozialen - 149

Gunter Weidenhaus: Prozesse, die Zeit erschaffen? Empirische Betrachtungen zum Wechselverhältnis von sozialen Prozessen und geschichtlichen Strukturen - 169

Teil II Prozessdynamiken

Thomas Welskopp: Bewegungsdrang. Prozess und Dynamik in der Geschichte - 189

Bernhard Miebach: Theoretische und empirische Analyse sozialer Prozesse - 215

Carsten Kaven: Langfristige soziale Prozesse: Eigenschaften und Modellierung - 233

Klaus Mainzer: Prozesse in komplexen dynamischen Systemen - 247

Achim Landwehr: Prozessbegriff und Kulturgeschichte - 273

Hendrik Vollmer: Schweigsame soziale Prozesse, historische Ereignisse, flüchtige Teilnehmer und sozialer Wandel - 303

Teil III Prozesserklärungen

Hella Dietz: Prozesse erzählen – oder was die Soziologie von der Erzähltheorie lernen kann - 321

Marten Düring - Linda von Keyserlingk: Netzwerkanalyse in den Geschichtswissenschaften. Historische Netzwerkanalyse als Methode für die Erforschung von historischen Prozessen - 337

Nina Baur: Theoretische und methodologische Implikationen der Dauer sozialer Prozesse - 351

Rainer Greshoff: Weites oder enges Prozessverständnis? Konzeptuelle Erörterungen auf der Basis einer kritischen Rekonstruktion des Luhmannschen Prozessbegriffes und unter Bezug auf soziale Mechanismen - 371

Peter Kappelhoff - Sozialkulturelle Prozesse aus Sicht eines methodologischen Evolutionismus - 409

Willfried Spohn: Europäisierung, Nation und Religion – Zur Transformation kollektiver Identitäten in einem sich erweiternden Europa - 435

Dienstag, 5. Juni 2018

USA: Politik beugt wissenschaftliche Freiheit der Archäologie

Der DGUF-Newsletter vom 31.5.2018 (PDF) berichtet ausführlich darüber, wie die Trump-Administration wissenschaftliche Kritik an seinen Maßnahmen unterdrückt. Ich zitiere den Newsletter:

“US-Behörde verhindert Teilnahme von Archäologen an Fachtagung der SAA

Das Bureau of Land Management (BLM), eine dem US-amerikanischen Innenministerium unterstellte Behörde zur Verwaltung und wirtschaftlichen Verwertung von öffentlichem Land, hat die Teilnahme von mindestens 14 BLM-Archäologen und weiterer BLM-Fachleute an der 83. Jahrestagung der Society for American Archaeology (SAA) im April verhindert; nur drei ausgewählte Kollegen wurden entsandt. Als Grund gab das BLM laut Washington Post die hohen Reisekosten an. Die BLM-Archäologen wollten ein Symposium mit dem Titel "Tough Issues in Land Management Archaeology" veranstalten; Chairs hätten die Kollegen Byron Loosle (beim BLM oberster Beauftragter für Kulturgut) und Laura Hronec (ebenfalls BLM) sein sollen. 
Im SAA-Programmheft sind 24 Teilnehmer für das Symposium aufgelistet, wovon laut Washington Post 17 Mitarbeiter des BLM sind. Die Veranstaltung musste abgesagt werden. Das Symposium sollte verschiedene umstrittene Themen behandeln, einschließlich der Durchsetzung des Antikengesetzes von 1906. Dabei hatte Barack Obama zahlreiche neue nationale Denkmäler benannt, die jetzt von Innenminister Ryan Zinke geprüft werden. Das von Theodore Roosevelt unterzeichnete Gesetz ermöglicht es, öffentliches Land einschließlich archäologischer Stätten für ökologischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Schutz zu sperren. Die damaligen Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton taten genau das, als sie in Utah die Nationaldenkmäler Bears Ears und Grand Staircase-Escalante errichteten; einer der Gründe war der Schutz kulturhistorischer Stätten für Ureinwohner. Ende 2017 beschloss Donald Trump, Bears Ears um 81% bzw. mehr als 1,1 Millionen Acres (knapp 4.500 Quadratkilometer) und Grand Staircase-Escalante um knapp 50% bzw. mehr als 800.000 Acres (mehr als 3.200 Quadratkilometer) zu verkleinern. Das begründete er am 4.12.2017 den Gesetzgebern und Bürgern Utahs u. a. mit diesen Worten: "Your timeless bond with the outdoors should not be replaced with the whims of regulators thousands and thousands of miles away. They don't know your land, and truly, they don't care for your land like you do. But from now on, that won't matter. I’ve come to Utah to take a very historic action to reverse federal overreach and restore the rights of this land to your citizens."
Einige Verbände werten den aktuellen Vorgang laut Washington Post als weiteren Beleg für das Bemühen des US-amerikanischen Innenministeriums, die Kommunikation von Forschern mit der Öffentlichkeit und Fachkollegen zu unterbinden. Die Zeitung benennt eine Quelle, die "aus Angst vor Vergeltung" anonym bleiben wolle und gesagt habe, dass die Mitarbeiter schon zu Obamas Zeiten ihre Konferenzbesuche über das Büro des BLM-Direktors zur Genehmigung vorgelegt hätten. Auch zuvor sei das Reisebudget eine Überlegung gewesen, aber unter Trump "wurden einzelne Ereignisse selbst und Themen, die abgedeckt werden sollten, genauer untersucht". SAA-Präsidentin Susan Chandler äußerte in einem öffentlichen Statement ihr Bedauern. U. a. sagte sie: "Preserving the US archaeological record is a charge entrusted to all Americans, often via our government agencies. BLM archaeologists handle large-scale, complex issues involving multiple stakeholders, and we were sorry to lose the chance to learn from their experience."


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Freitag, 1. Juni 2018

CfP - Ruralia XIII Conference Stirling 2019: “Seasonal Settlement in the Medieval and Early Modern Countryside”

Insbesondere auch aus dem deutschen Raum sind Beiträge zu  saisonalen Siedlungen aus Mittelalter und Neuzeit für die nächste Ruralia-Konferenz gesucht.

By its very nature, ephemeral seasonal settlement is less well researched than permanent settlement. There has been a rash of recent work on transhumance a subject that has its own history and archaeology and has been variously researched in many parts of Europe. However, transhumance was only one facet of seasonal settlement. It was also necessitated by other forms of economic activity, such as fishing, following the movement of the herring shoals, or charcoal burning, as stocks of woodland are coppiced and burned, and even perhaps iron smelting with the exploitation of bog iron in Scotland, for example.

All of these leave particular forms of settlement and archaeology associated with the particular economic practice, and may vary in form according to the environment in which the activity is carried out: whether upland or lowland, coastal or inland, woodland or open pasture, mountain or plain (steppe). The types of buildings and structures that are constructed associated with summer settlement and the evidence for it being seasonal are key determinants of its relevance to this conference. The increased exploitation of resources in the medieval period with a growing population are drivers for this kind of activity which may have varied and developed according to the wider economy, of course, and should be reflected in the archaeology.

For Ruralia XIII Conference held in Stirling (Scotland, UK) 9th – 15th September 2019 we are seeking papers that address some of the questions outlined below that date to the longue durée of the medieval period. Sessions may be focused on particular areas of activity such as fishing or transhumance, or on particular chronological phases within the medieval period depending upon the level of interest shown. Papers which incorporate an interdisciplinary approach to landscape and land-use research are particularly welcome, for example, those combining geoarchaeology, palaeoenvironmental studies and historical documentary analysis.

Papers should address some of the following questions:
  • How do we recognise seasonal settlement? How do we know it is seasonal?
  • What form do these activities take and how was the associated settlement organised?
  • What is the environmental evidence for seasonal settlement? This may be proxy data such as pollen rain, physical evidence in the landscape of past land-use or environmental data from excavations of seasonal settlements of whatever kind.
  • What is the dating for these activities and how does it relate to other forms of evidence, including documentary sources?
  • How were these activities affected by economic drivers such as population growth and decline and consequent changes which may be reflected in the archaeology or in land-use change?
For more information at Ruralia and the modalities for participating at the conference please see:



Mittwoch, 30. Mai 2018

Ungarn listet unliebsame Wissenschaftler

Nur kurz nach der Wiederwahl von Viktor Orbáns Fideszpartei für das ungarische Parlament veröffentlicht die regierungstreue Zeitung Figyelő; eine Liste mit unliebsamen Journalisten, NGO-Vertretern und Wissenschaftlern. Viele der 200 Gelisteten haben Verbindungen zur Central European University (CEU), die von Orban in irrationalem Verschwörungswahn schon länger schikaniert wird.
  • Die Liste: A spekuláns emberei. Figyelő (4/2018)

Mit auf der Liste steht Patrick Geary, ein in Archäologenkreisen wohlbekannter Historiker. Er ist Professor für Geschichte des abendländischen Mittelalters am Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey und war von 2008 bis 2009 Präsident der Medieval Academy of America. Derzeit leitet Geary ein Forschungsprojekt zu Migrationen während des frühen Mittelalters. Im Mittelpunkt stehen die Langobarden, die bis ins 6. Jahrhundert auch Bevölkerungsruppen im heutigen Ungarn zugerechnet werden, ehe sie 568 nach Norditalien abgewandert seien. Geary’s Projekt analysiert die DNA aus Gräberfeldern aus Ungarn und Italien.

Ebenfalls auf der Liste steht der renommierte ungarische Mittelalterhistoriker Gábor Klaniczay, der erst vor Kurzem als Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt wurde. Klaniczay ist Professor an der CEU in Budapest und arbeitet vor allem zu Religionsgeschichte, aber auch zur Rezeption von Antike und Mittelalter in der Gegenwart.

Es ist unklar, was diese Liste zu bedeuten hat. Sicher geht es um Einschüchterung, vielleicht aber auch um noch Schlimmeres? Soll Wissenschaft auf solche Forschungsergebnisse getrimmt werden, die das krude Geschichtsbild der Nationalisten stützen?

Entscheidend dafür, dass Wissenschaftler auf der Liste stehen sind derzeit wohl generell deren Verbindungen zur CEU, weniger inhaltliche Positionen. Dass Letzteres zumindest indirekt aber durchaus auch eine Rolle spielen mag, zeigt die angekündigte Gründung des László Gyula Őstörténeti Intézet (László Gyula Institut für [ungarische] Frühgeschichte). Das neue Institut wird finanziell von einem Politiker der Fideszpartei, Sándor Lezsák, Vizepräsident des Parlaments und Vertrauter von Viktor Orbán. Das Institut wurde vor den Wahlen gegründet, wohl um Stimmen im rechtsextremen Lager zu sammeln, ist aber noch nicht öffentlich sichtbar.
Das Kurultaj - ein angeblich traditionelles, tatsächlich erst 2007
begründetes - Festival der Steppenvölker propagiert die
wissenschaftlich nicht gedeckte These
einer Abstammung der Ungarn von Hunnen und Skythen.
(Foto: Derzsi Elekes Andor [CC BY SA 4.0]
via Wikimedia Commons)
Propagiert wird hier ein parawissenschaftliches Geschichtsbild des Ursprungs der Ungarn (vgl. Simon-Nanko 2017). Die sprachwissenschaftlich erwiesene Verbindung des Ungarischen zum Finnischen wird abgelehnt, weil sie zu wenig Größe ausstrahlt. Da wird zwar richtig darauf verwiesen, dass die Kategorien Sprache und Volk nicht deckungsgleich sein müssen, zugleich wird aber an einer grundsätzlich falschen Vorstellung von Volk und Nation als natürlicher, weitgehend unveränderlicher Größe festgehalten. Vorwissenschaftliche Mutmaßungen mittelalterlicher Autoren, die eine Verbindung der Ungarn zu Hunnen und Skythen postulierten, werden trotz fehlender wissenschaftlicher Argumente zum Paradigma erhoben und um die absurde These ergänzt, dass die Sumerer als erste Hochkultur Mesopotamiens ungarisch gewesen sei. Unter anderen hat  Gábor Klaniczay auf die mangelnden Grundlagen dieses nationalistischen Geschichtsbildes hingewiesen.

Ein Artikel, ebenfalls kurz nach der Wahl in einer rechten Zeitung erschienen, greift eine alte Verschwörungstheorie auf (vergl. Simon-Nanko 2017) und sieht in der sprachwissenschaftlichen Klassifikation des Ungarischen in einer finno-ugrischen Sprachgruppe eine Verschwörung der Habsburgermonarchie, der insbesondere die Ungarische Akademie der Wissenschaften bis heute verpflichtet sei. Künftig müsse Wissenschaft die ungarische Seele und die historischen Traditionen stärker berücksichtigen.
Die CEU bezeichnet die Liste in einer ersten Reaktion als inakzeptabel.

Im Ausland hat dieser ungeheuerliche Vorgang, bei dem Menschen ob ihrer wissenschaftlichen Interessen und Forschungen persönlich bedroht werden, offenbar kaum Beachtung gefunden. Hier wäre ein klares Statement der EU gefragt!

Literatur

Simon-Nanko 2017
L. Simon-Nanko, Politische Mythologie in Ungarn? Zu Kontinuitäten paralleler Geschichtsschreibung im Kontext von Archäologie und Sprachwissenschaft. In: I. Götz/K. Roth/M. Spiritova (Hrsg.), Neuer Nationalismus im östlichen Europa (Bielefeld 2017) 139-148.

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Es scheint besser, für Auskünfte und Übersetzungshilfen, die ich aus Ungarn erhalten habe, nicht namentlich zu danken.

Dienstag, 29. Mai 2018

Der gestohlene Krieger

Neues zum Fall des gestohlenen Kriegers aus Persepolis:

Relief ehemals im Montreal Museum of Fine Arts
(picture: press release The Globe and Mail  via Wikipedia)
Siehe
Es ist übrigens unwahr, dass "the Oriental Institute’s website which includes hundreds of photographs of the Persepolis excavation [] does not include images of the relief in question." Auf diese Seite war der Händler offenbar von seinen Gutachter direkt für die Recherche verwiesen worden. Er hätte also in der Tat wissen können, dass das Relief gestohlen ist.

Interner Link

Donnerstag, 17. Mai 2018

WANTED: Mitarbeiterinnen / Mitarbeiter am Lehrstuhl

Wer möchte in den kommenden Jahren mit daran arbeiten, die Archäologie des Mttelalters und der Neuzeit inhaltlich zu profilieren, modern zu lehren und ihre Bedeutung der Öffentlichkeit zu vermitteln?

Ich suche ganz konkret für die Assistenz am Lehrstuhl für Archäologie des Mitttelalters und der Neuzeit an der Otto-Friedrich Universität in Bamberg zum kommenden Wintersemester zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen / Mitarbeiter in je 50% Beschäftigungsverhältnis. Es handelt sich um Qualifikationsstellen zur Promotion mit Aufgaben in Lehre und akademischer Verwaltung. Sie sind befristet auf 3 Jahre, jedoch mit Option auf Verlängerung.
Bewerbungsfrist ist der 11.6.2018

Der genaue Ausschreibungstext mit den Bewerbungsmodalitäten:

Weitere Infos:


Bamberg, Am Kranen 14,
Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit
(Foto R. Schreg)


Montag, 14. Mai 2018

Alpine Wüstungsforschung im Berner Oberland

Brigitte Andres

Alpine Wüstungen im Berner Oberland.
Ein archäologischer Blick auf die historische Alpwirtschaft in der Region Oberhasli

Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie 42
Basel : Schweizerischer Burgenverein
2016

364 Seiten, 187 Abbildungen
Ladenpreis: 68,00 €
ISBN 978-3908182269


Anne-Sophie Ebert

Die Archäologie in den Alpen und nicht zuletzt auch die alpine Wüstungsforschung fanden in den letzten ca. 20 Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung. Ein Anstoß dafür mag die Auffindung der als "Ötzi" bekannten Eisleiche am Tisenjoch im Ötztal im Jahr 1991 gewesen sein. Ein weiterer Grund für eine vermehrte Forschungstätigkeit liegt im Klimawandel begründet, aufgrund dessen im Hochgebirge für den Skitourismus immer höher gelegene Pisten erschlossen und somit Bodeneingriffe vorgenommen werden.


Auch im Berner Oberland, in der Region Oberhasli, wurde 2003 eine Zusammenlegung mehrerer Skigebiete zu einem "Schneeparadies Hasliberg-Frutt-Titlis" geplant, sodass der Archäologische Dienst des Kantons Bern unter der Leitung von Daniel Gutscher mehrere Prospektionskampagnen (2003, 2004 und 2006) vornahm, um gefährdete Befunde in diesem Gebiet zumindest zu kartieren.
Ähnliche Projekte werden in der Schweiz in letzter Zeit häufiger durchgeführt (s. z.B. die Prospektionskampagnen im Muotatal SZ, die von Franz Auf der Maur, Walter Imhof und Jakob Obrecht ausgewertet und publiziert worden sind). Für den österreichischen Alpenraum liegen insgesamt weniger Untersuchungen vor, aber auch hier werden, gerade durch die Tätigkeiten des Vereins für Alpine Forschung (ANISA) immer mehr Kampagnen und interdisziplinäre Auswertungen realisiert (s. z.B. Weishäupl 2014 oder die Reihe "Forschungsberichte der ANISA").
Die knapp 400 im Oberhasli neu entdeckten Hinweise auf alpine Wüstungen und Alpwirtschaft wertet Brigitte Andres nun in diesem Band (ihrer Dissertation) aus. Dabei geht sie vor allem der Fragestellung nach, wie und ob man die Befunde in den Kontext der bisherigen Wüstungsforschung in der Schweiz einbetten und mit Befunden anderer Regionen vergleichen kann. Ein weiteres wichtiges Ziel der Arbeit ist es zudem Hinweise auf alpwirtschaftliche Tätigkeiten wie Milchverarbeitung, Viehhaltung und Wildheunutzung im archäologischen Befund zu finden.

Im ersten Teil des Buches stellt die Autorin gleich zu Beginn die Problematik des Forschungsstandes klar. In den letzten Jahren, nach mehreren Grabungskampagnen in den 1970er Jahren (s. Werner et al. 1998), ist immer mehr von tatsächlichen Grabungen im Hochgebirge abgesehen worden. Vor allem ist es schwierig, sowohl die Grabungsmannschaft, als auch das benötigte Material an die meist entlegenen Grabungsstellen, die oft auch über keinen Anschluss an moderne Wegenetze verfügen, zu bringen. Darum wurde ein stärkerer Fokus auf Prospektionsprojekte gelegt. Dies zieht zwei Probleme nach sich: Erstens sind durch fehlende Untersuchungen der Innenstruktur von Alpgebäuden Funktionen derselben nur schwer zu bestimmen und zweitens fehlt es der Forschung an zeitlicher Tiefe, da genauere Datierungen bei Prospektionen nicht möglich sind (S. 29f.). In den drei Tälern des Untersuchungsgebietes kommen Alpwüstungen wahrscheinlich häufiger ab dem 14. Jh. vor, meist können die festgestellten Strukturen allerdings höchstens bis in das 16. Jh. (z.B. anhand von Bauinschriften) zurückdatiert werden (S. 30).
Im Folgenden gibt die Autorin mit dem Kapitel "Naturraum und Geschichte der Region Oberhasli" (S. 33) einen Überblick über Klima und Naturgefahren im Untersuchungsgebiet, welcher gut zum Verständnis der naturräumlichen Bedingungen beiträgt. Die detaillierte Beschreibung von Pässen vermittelt die Kenntnis der Verkehrswege und der Handelskapazität der Täler im Oberhasli. Zudem geht sie kurz auf Landwirtschaft, Handel, Eisenbergbau, Fremdenverkehr und Wasserkraftnutzung in der Region ein, sodass dem Leser ein eindrückliches Gesamtbild der Umwelt und der Kulturlandschaft im Oberhasli gegeben wird.

Nach diesem einleitenden Teil folgt im zweiten Teil das eigentliche Kernstück der Arbeit (S. 63-200). Vor der Beschreibung und Einordnung der eigentlichen archäologischen Befunde, erfolgt die Betrachtung der Alpwirtschaft im Oberhasli anhand von nichtarchäologischen Quellen. Hier bezieht sich die Autorin vor allem auf Rechtsquellen, Alpstatistiken, topographische Beschreibungen der oekonomischen Gesellschaft Bern und auf alte Reiseberichte und legt somit den Fokus auf einen wichtigen interdisziplinären Ansatz. Erkenntlich wird, dass wahrscheinlich zwischen dem 15. und 16. Jh. ein Wandel in der Alpwirtschaft stattfand, da Viehweiden wohl zunehmend dem Großvieh vorbehalten wurde, ab Ende des 14. Jh. eine Tendenz zur gemeinschaftlichen Verwaltung von Alpen, Allmenden und Wäldern zu erkennen ist und ab 1600 ein zunehmender Export von Käse in die Städte Norditaliens belegt ist (S. 68-76). Allerdings fanden sich wohl nur sehr wenige Beschreibungen von eigentlichen Alpgebäuden, weshalb ein Vergleich mit den archäologischen Befunden schwierig bleibt. Eventuell hätte hier noch eine verstärkte Betrachtung von noch bestehenden Alpgebäuden geholfen auch am archäologischen Material einzelne Funktionsbereiche vergleichend zu erkennen.
Im Kapitel "Wüstungsforschung im Oberhasli" (S. 89) wertet Andres schließlich die eigentlichen Befunde der Prospektionskampagnen aus. Zunächst teilt sie die Befunde in Kategorien ein. Dies vermittelt einen Eindruck, wie vielfältig die Befunde tatsächlich sind (das Spektrum reicht von Gebäudegrundrissen und Konstruktionen unter Fels über Pferche und Weidemauern bis hin zu Wegabschnitten und Hinweisen auf Erzabbaustätten). Die einzelnen Befundkategorien sind meist noch wie im Fall der Konstruktionen unter Fels in weitere Untergruppen nach Erscheinungsmerkmalen unterteilt. Durch in den Text eingebaute Tafeln, auf denen Andres signifikante Beispiele für jeweils eine Befundkategorie abbildet, werden dem Leser die unterschiedlichen Ausprägungen der Befunde innerhalb der Befundgruppen besonders deutlich (z.B. Abb. 91, S. 125). Hilfreich sind auch die dabei stets aufgeführten Katalognummern, um die einzelnen Beispiele im Befundkontext im sehr übersichtlichen und anschaulich gestalteten Katalog wiederfinden zu können. 

Im Anschluss beschreibt Andres die einzelnen Wüstungsplätze in ihrer Gesamtheit und im Kontext des Fundgebietes. An dieser Stelle wird der Leser systematisch an das Siedlungsgefüge der Alpwüstungen und mägliche Problematiken herangeführt. So wird deutlich, dass sowohl bei größeren, als auch bei kleineren Siedlungsplätzen die Anordnung der einzelnen Strukturen stark von den topographischen Gegebenheiten im Gebirge abhängig sind und somit jeweils individuelle Ausprägungen erscheinen, die kaum einheitlich dargestellt oder kategorisiert werden kännen (S. 168). Dies bedeutet im Umkehrschluss wiederum eine erschwerte Zuordnung von Funktionsbereichen zu einzelnen Siedlungselementen.

An dieser Stelle soll durch die kurze Vorstellung zweier Beispiele die Problematik beleuchtet werden:

Beispiel 1: Wüstungen Hinder Tschuggi (Hasliberg BE):

Die Strukturen bei Hinder Tschuggi sind weit im Areal verstreut errichtet worden. Die meisten erhaltenen Grundrisse sind einräumig, es liegen aber auch zweiräumige Strukturen und sogar drei mehrräumige Strukturen vor. Närdlich der heute bestehenden Alpgebäude schließen sich "Tschugginollen" genannte Felsformationen an, in denen des Weiteren Konstruktionen unter Fels festgestellt werden konnten.
Ob diese weit verstreuten Gebäude gleichzeitig oder nacheinander in Betrieb waren oder ob es Spezialisierungen auf unterschiedliche Käseherstellungen gab, kann aufgrund der fehlenden Datierungen und Untersuchungen der Innenräume leider nicht mit Sicherheit gesagt werden (S. 146-148).






Beispiel 2: Wüstung Wendenläger 1 (Innertkirchen BE):

Bei Gadmen befindet sich die Wüstung Wendenläger 1. Am Rand einer Geröllhalde sind hier ein etwas größerer einräumiger Grundriss an einem Felsblock zu erkennen und südlich dicht daran anschließend mehrere kleine, teilweise sogar annähernd runde Strukturen, die eventuell auf weitere kleinere Gebäude oder Lagerräume hinweisen kännen.
Die heutigen Alpgebäude wurden südlich dieser Wüstung in etwas flacherem Gebiet errichtet, befinden sich daher aber auch in einer exponierteren Lage, aufgrund dessen zum Hang hin Lawinenkeile künstlich aufgeschichtet werden mussten (S. 160-164 und S. 204).










Sinnvollerweise zieht die Autorin, auch aufgrund fehlender Grabungen im Oberhasli, andere Quellen aus dem gesamten Schweizer Alpenraum zur Interpretation von Funktionen der beschriebenen Strukturen im folgenden Kapitel "Kulturhistorische Einordnung" (S. 171) heran. Besonders bezieht sie sich auf den 1998 erschienenen Band "Heidenhüttli" von Werner Meyer, der ein umfassendes Bild der alpinen Wüstungsforschung in der Schweiz bis in die 1990er Jahre vorstellt und in dem auch noch tatsächliche Grabungen in alpinem Gelände ausgewertet werden. Aber auch die Ergebnisse aus dem vorangestellten Abschnitt zu den nichtarchäologischen Quellen fließen in diesem Kapitel in die Bewertung der Befunde mit ein.

An dieser Stelle geht es Andres vor allem darum, ob Wirtschaftsweisen auch im Oberhasli am archäologischen Befund erkennbar sind oder nicht. So kommt sie zu dem Ergebnis, dass generell Viehhaltung, anhand von Pferchen, Ställen und Weidemauern zunächst leichter zu erkennen ist, als die Milchverarbeitung. Hier tritt erneut die Problematik der fehlenden Grabungen in den Vordergrund.
Da keine gesicherten Aussagen über die Innenstrukturen von Gebäuden gemacht werden kännen, sind Sennereien, die anhand von Feuerstellen erkennbar wären, nur in sehr wenigen Fällen zu identifizieren. Auch bei Konstruktionen unter Fels kann die Funktion nicht immer eindeutig bestimmt werden. Daher schlie§t Andres in ihrer Interpretation vielfach über die Grä§e der Strukturen auf mägliche Funktionen der Gebäude.
Allerdings versucht Andres zumindest die Fragen zur Art der Milchwirtschaft trotzdem zu beantworten. Hier geht es um die Diskussion ob die eigentliche Käseherstellung am Befund zu erkennen ist. Für die Vollfettkäserei ist kein direkter Kühlraum notwendig, da die Milch nicht zum Abrahmen gelagert wird. Abrahmen bedeutet, dass die Milch vor der Verarbeitung zum Käse gelagert wird, sodass der Rahm sich absetzen und entnommen werden kann, um zum Beispiel Butter daraus herzustellen.
Das Phänomen, dass im Oberhasli auch bis weit in die Neuzeit hinein, anders als in anderen Regionen der Schweiz, noch einräumige Alpgebäude genutzt wurden, deutet Andres mit Hilfe der historischen Quellen als einen Hinweis dafür, dass Vollfettkäserei, für die keine Kühlräume in der eigentlichen Sennerei notwendig waren, noch viel länger als in anderen Regionen der Schweiz praktiziert wurde. Auch den in den Schriftquellen oft zu fassenden Buttermangel in den Städten führt Andres auf eine schwerpunktmä§ige Vollfettkäserei im Oberhasli zurück.
Dies ist zunächst nicht von der Hand zu weisen, widerspricht sich jedoch teilweise mit den Rückschlüssen, die sie selbst im Folgenden aufstellt. Denn es sind doch Ð wenn auch wenige Ð zwei- oder mehrräumige Gebäudegrundrisse vorhanden (s. das Beispiel Hinder Tschuggi). In ihrer Synthese interpretiert Andres diese als "frühe Formen einer Sennerei mit Milchkeller" (S. 203). Zudem führt sie selbst auch die Mäglichkeit an, dass Konstruktionen unter Felsen ebenfalls als Kühlraum genutzt wurden (z.B. S. 174), was wiederum auch auf das Abrahmen und die Herstellung von Butter hindeuten kännte. Dass solche künstlich erschaffenen oder natürlichen "Höhlen" für die Milchlagerung tatsächlich genutzt wurden, konnte auch bei Forschungen im Muotatal SZ erwiesen werden (s. Auf der Maur et al. 2005).
Insgesamt ist der Rückbezug des Kapitels "Kulturhistorische Einordnung" auf das Kapitel "Alpwirtschaft im Spiegel nichtarchäologischer Quellen" jedoch sehr gelungen. Durch die Einordnung der eigentlichen Befundbeschreibungen zwischen diesen beiden Kapiteln wird das Material interdisziplinär eingerahmt, es steht nicht einfach im Raum. Auch der Vergleich der Befunde nicht nur mit regionalen historischen Quellen, sondern mit archäologischen und historischen Quellen aus anderen Regionen der Schweiz hilft bei der genauen Einordnung der Befunde aus dem Oberhasli in die alpine Wüstungsforschung insgesamt.

In ihrer Schlussbewertung geht Andres noch einmal auf die Forschungsproblematik ein und plädiert für eine vermehrte Institutionalisierung der alpinen Archäologie in der Schweiz um Grabungsprojekte wieder verstärkt zu fördern. Dies ist wohl im Endeffekt die einzige Möglichkeit gesicherte Aussagen über das sonst schwer zu datierende Befundmaterial zu tätigen, wie Andres selbst in ihren Analysen stichhaltig beweist.
Besonders hervorzuheben ist schlussendlich die vorbildlich ausgeführte interdisziplinäre Betrachtung der Befunde und die Darstellung der alpinen Wüstungsforschung "als Schnittstelle von Archäologie, Geschichte, Volkskunde, Bauernhausforschung und Denkmalpflege" (S. 205). Zu ergänzen wäre eventuell noch, dass auch naturwissenschaftliche Methoden aus der Bioarchäologie, GIS zur Rekonstruktion von Weideflächen (s. Štular 2010) oder Daten aus Geoarchiven genutzt werden könnten und müssten, um ein annähernd vollständiges Bild der Nutzung der Alpen durch den Menschen - nicht nur in Mittelalter und Neuzeit - zu erlangen.

Der Band stellt somit eine wichtige Publikation für die weitere Forschung dar. Zwar handelt es sich um die Auswertung von regionalen Entwicklungen der Alpwirtschaft, aber durch die interdisziplinäre Herangehensweise und die Berücksichtigung aller Befundarten auch im Vergleich über das Berner Oberland hinaus schafft die Autorin es, die Befunde überregional einzuordnen. Wichtig sind auch ihre Analysen zur Sichtbarkeit der Wirtschaftsweisen im archäologischen Befund. Teilweise ist dies schon bei anderen Forschungen durchgeführt worden (s. z.B. Meyer et al. 1998), verdient insgesamt aber einen noch stärkeren Fokus in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, vor allem auch über die Schweiz hinau. Die Ansätze, die hier von Andres erbracht werden, können somit als Diskussionsgrundlage dienen.

Literaturhinweise


  • Auf der Maur et al. 2005:
    F. Auf der Maur / W. Imhof / J. Obrecht, Alpine Wüstungsforschung, Archäozoologie und Speläologie auf den Alpen Saum bis Silberen, Muotatal SZ, Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz 97, 2005, S. 11-74.
  • Meyer et al. 1998:
    W. Meyer et al., "Heidenhüttli". 25 Jahre archäologische Wüstungsforschung im schweizerischen Alpenraum, Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 23/24, 1998.
  • Štular 2010:
    B. Štular, Medieval High-Mountain Pastures in the Kamnik Alps (Slovenia): Mittelalterliche Almen in den Steiner Alpen (Slowenien), In: F.Mandl / H. Stadler (Hrsg.), Archäologie in den Alpen. Alltag und Kult, Forschungsberichte der ANISA 3, Nearchos 19, 2010, S. 259-272.
  • Weishäupl 2014:
    B. Weishäupl, Anthropogene Strukturen in den närdlichen Stubaier Alpen. Bericht über die Prospektionen von 2008 bis 2011, ANISA FB I. 10, 2014
  • Website des Vereins für Alpine Forschung (ANISA): http://www.anisa.at/index-2.htm




Anne-Sophie Ebert studiert Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg und arbeitet zurzeit an ihrer Masterarbeit über die frühmittelalterlichen Siedlungsbefunde in Neuwied-Gladbach. Ihren Bachelorabschluss in Archäologischen Wissenschaften, mit einem Schwerpunkt in Ur- und Frühgeschichtlicher Archäologie, absolvierte sie in Bochum.