Montag, 15. Oktober 2018

Empfang für den Krieger

Interne Links

Die Lokjäger - historische Archäologie als Abenteuer

Anfang Oktober ging vor allem in Südwestdeutschland - Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen - aber auch aufgegriffen von der Washington Post eine Geschichte durch die Medien, die den Bergungsversuch einer Dampflokomotive aus dem Rhein thematisierte. 
Die in der Maschinenfabrik von Emil Keßler in Karlsruhe gebaute Lok "Rhein" sollte 1852 mit einem Lastensegler zur Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahngesellschaft gebracht werden. Sie sollte auf der Strecke Düsseldorf-Wuppertal eingesetzt werden. In einem schweren Unwetter stürzte die tonnenschwere Lok am 14. Februar 1852 aber bei Germersheim von Bord und versank im Rhein. Mehrere Bergungsversuche nach dem Unfall blieben erfolglos.

Zum Bergungsvorhaben

Langjährige Recherchen nach dem genauen Unglücksort und der Lage der Lok erstreckten sich über Jahre. Maßgeblich daran beteiligt waren der Cochemer Lokomotivführer Horst Müller, Volker Jenderny vom Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein und Professor Bernhard Forkmann, inzwischen pensionierter Geophysiker an der TU Freiberg. Als problematisch erwiesen sich die enormen Landschaftsveränderungen im Rheintal. Seit 1817 erfolgte die Rheinbegradigung, die seit dem Verlust der Lok auch den Raum Germersheim betroffen hat.
Aufgrund der Akten des ehemaligen Straßen- und Flußbauamtes Speyer im dortigen Landesarchiv gelang es 2015 jedoch, eine potentielle Fundstelle auszumachen, die heute doch noch im Lauf des heutigen Rheins liegt. Seitdem begleitete der SWR das Forschungsprojekt "Jäger der Versunkenen Lok". Geomagnetische Messungen erbrachten 2012 am potentiellen Unglücksort eine Anomalie, die rasch als Signal der Lok interpretiert wurde. Zur Prüfung wurde mehrere Kontrollmessungen durchgeführt.
Rund 500 000 Euro waren für die Bergung, den Transport und die Restaurierung vorgesehen. Das notwendige Geld wurde von Sponsoren und über eine Crowdfunding-Aktion eingetrieben. Ein Unternehmen erklärte sich bereit, die Arbeiten durchzuführen.
Über die Bergung berichtete auch das WallStreet Journal - und in Germersheim war man stolz auf die internationale Aufmerksamkeit.

Das Scheitern der Bergung

Nachdem eine größere Fläche als ursprünglich vorgesehen  abgebaggert war und dennoch keine Lokomotive gefunden wurde, wurde die Bergung  am 2.10.2018 abgesagt.
Ungeklärt ist, was die geomagnetische Anomalie verursacht hat. In den Medien werden als Möglichkeiten alte Kabel oder ein Basaltbrocken angeführt. Bernhard Forkmann will dies nun prüfen.

Gedanken zur Historischen Archäologie

Weshalb mir diese Geschichte ein Blogpost Wert ist, hat jedoch nichts mit Methodenkritik zu tun (ich selbst kann die Geophysik diesbezüglich nicht einschätzen und habe aus den Medienberichten diesbezüglich auch nicht die Angaben herausgesucht geschweige denn mal nachgefragt).
Interessant finde ich an dem Projekt etwas anderes: Die Kombination von Archivarbeit, historischer Geographie, Geophysik und Ausgrabung macht das Projekt eigentlich zu einem Musterbeispiel einer historischen Archäologie - trotz des Scheiterns. Archäologische Untersuchungen zum 19. und 20. Jahrhundert sind meist eine Archäologie des Horrors, die sich mit Kriegen, Lagern und Mord befasst. Sie hat hier unbeachtet der Frage, welchen Erkenntnisgewinn Archäologie hier schafft (sie schafft welchen!) unzweifelhaft einen geschichtsdidaktischen Aspekt.
Das Lok-Projekt hat zwar nicht wie ein primär wissenschaftliches Projekt klar seine Fragestellungen formuliert, aber in den Medienberichten wird durchaus deutlich, was man sich von der Bergung jenseits des Fundes und des Ausstellungsobjektes erhoffte.
  • die genaue Konstruktion der Lokomotive - es hat sich ansonsten keine so alte Lok oberirdisch erhalten, Konstruktionspläne sind oft nicht so genau, wie ältere Rekonstruktionsverusche etwa der Adler gezeigt haben
  • methodisch: genauere Erkenntnisse über die Erhaltungs- und Zersetzungsbedingungen der Materialien im Fluß - etwa in Bezug auf den Farbanstrich der Lok (Ronald Bockius, RGZM-Museum für antike Schiffahrt)
  • Rettung von wertvollem Kulturgut
  • eine Facette der Umwelt- und Kulturgeschichte des Rheins, im Rahmen einer Langfristperspektive
Vieles an diesen Aspekten wurde wohl von den Journalisten als Story für ihre 90-minütige Dokumentation erdacht, machen aber tatsächlich auch wissenschaftlich Sinn. Allerdings, für den letzten Aspekt beispielsweise, reicht die Geschichte, sie ist nicht abhängig davon, dass die Lok selbst geborgen wird. Die Lokomotive ist diesbezüglich kein direkter Informationsträger - allerdings durchaus das, was sich nun andeutet: Wenn die schriftlichen Quellen aus dem Landesarchiv Speyer richtig interpretiert sind und der Unfallort richtig lokalisiert ist, wurde die Lok flußabwärts verlagert, was die Archivalien so auch ansprechen. Die tatsächliche Lage der Lok wäre dann im Abgleich mit dem Unfallort dann eben doch eine Quelle - im genauen Lagekontext. Prinzipiell ist es auch etwas blauäugig, zu erwarten, die Lok könnte als Ganzes geborgen werden. Mit Sicherheit ist sie inzwischen durch die Kräfte des Rheins und dem zweimaligen Absturz (beim Unfall und einem ersten Bergungsversuch) stark beschädigt.

Die Akteure sind keine Fach-Archäologen. Diese Feststellung soll sie nicht disqualifizieren, führt aber zu dem Punkt, dass sie in den Medien, nicht zuletzt beim swr als Schatzjäger oder Lok-Jäger stilisiert werden. Kommentare, insbesondere auch nach dem Scheitern feiern sie dennoch als Helden. Gegönnt! Aber nicht dazu angetan, die seriösen wissenschaftlichen Komponenten des Unterfangens angemessen ins Bewusstsein zu bringen.
Um "die Schatzsuche zu finanzieren, medial zu begleiten"wurde ein Crow-Funding-Projekt gestartet, das eben auf die Teilhabe an der Schatzsuche setzt und ein Abenteuer verspricht.

Archäologie wird hier in der medialen Darstellung leider wieder auf die Funde und das Finden reduziert, was in der Kommunikation der Neuzeitarchäologie, die ja noch so jung ist, dass es an klaren Formulierungen und Bewertungen ihres Erkenntniswertes noch weitgehend fehlt. Diese Verkürzung ist hier allerdings auch der Hebel, um die Öffentlichkeit emotional und mit Spenden einzubeziehen, was etwas die Frage auch nach den negativen Aspekten einer Bürgerbeteiligung aufwirft.



Kurz: Ein auch nach dem Scheitern faszinierendes Projekt, das allerdings auch Denkstoff für die Profilierung der Neuzeitarchäologie liefert.

Sonntag, 14. Oktober 2018

Der Präsident eskortiert den Leibwächter

Der Händler redet die Sache schön und behauptet, es hätte keinen Grund gegeben, anzunehmen, dass es illegal war, das Relief aus Persepolis zu entfernen.
Kopf eines Kriegers
nach einer Pressemeldung zum Museumsraub 2011
(Foto: Pressemeldung The Globe and Mail  via Wikipedia)
“We are pleased to report that the Persian Guard Relief is being returned to Iran. The relief originally came from Persepolis. We have concluded that Iran has a strong moral claim to it… When we acquired the relief, we had no reason to believe that it was unlawfully removed from Persepolis, and we still do not know how and when it left Persepolis, despite claims by some that it was stolen in the early 1930s.”

Es lässt sich beweisen, dass das Relief im Zeitraum von Mitte der 1930er bis 1950er Jahre abhanden und nach Kanada gekommen ist. Wie stellt sich Händler Wace eigentlich vor, dass der Krieger legal nach Kanada gelangt sein könnte, wenn er keine Papiere vorliegen hatte? Immerhin ist die Ausfuhr von Antiken aus Persien eben seit Beginn der 1930er Jahre verboten. Also, ich habe die genaue - illegale - Provenienz problemlos im Internet finden können, denn es gibt Bilder von dem Relief, als es sich noch in situ befand. Einem fachkundigen Händler hätte das doch ein Leichtes sein müssen, das scheint mir auch zum Minimum der Sorgfaltspflicht zu gehören.

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Samstag, 13. Oktober 2018

"Mein Prof. hetzt"

Neben "mein Lehrer hetzt" gibt es jetzt auch das Portal "Mein Prof. hetzt".
Das ist undemokratische Einschüchterung und ein Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft. Gar nicht nötig zu sagen, welche Partei dahinter steht.

Kritik an solchen Umtrieben ist keine Hetze, sondern ein Gebot von Anstand und Moral, Humanismus, Wissenschaftlichkeit und Demokratie.

Gerade in Zeiten von Fake-News ist Wissenschaft zwangsläufig politisch und muss sich gegen unseriöse Behauptungen und  autoritäre Bestrebungen wehren - egal von welcher Seite. Wer viel Unsinn erzählt, muss viel Kritik erfahren.

Links


Links zum Thema:

Freitag, 5. Oktober 2018

Historiker nehmen Stellung

"Geschichtswissenschaft hat die Aufgabe, durch die Analyse historischer Entwicklungen auch zur besseren Wahrnehmung von Gegenwartsproblemen beizutragen und die Komplexität ihrer Ursachen herauszuarbeiten. Angesichts einer zunehmend von demoskopischen Stimmungsbildern und einer immer schnelllebigeren Mediendynamik getriebenen Politik möchten wir betonen, dass nur ein Denken in längeren Zeiträumen die Zukunftsfähigkeit unseres politischen Systems auf Dauer gewährleisten kann."
aus der Resolution des Deutschen Historikertags 2018

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Montag, 24. September 2018

Victory im Fall HMS Victory

Nach jahrelangem Gerangel um die Bergung der 1744 vor der englischen Küste gesunkenen HMS Victory, hat die britische Regierung nun endlich die Bergungsgenehmigung für eine private Gesellschaft zurück gezogen.
HMS Victory sinking
Gemälde von Peter Monamy,
Loss of HMS Victory, 4 October 1744

(Collections of the National Maritime Museum)
[Public domain], via Wikimedia Commons
Das Risiko für die Erhaltung in situ wird nun eher gering eingeschätzt, während das der damalige Kulturminister 2010 im Widerspruch zur UNESCO-Konvention für den Schutz des Unterwassererbes das Wrack einer gewerblichen Organisation freigegeben hatte, die 80% der Funde verkauft hätte.

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Sonntag, 23. September 2018

Brexit gefährdet Westminster Palace

Zu den befürchteten Auswirkungen eines no-deal-Brexit auf Kultur und Archäologie:
In vielen Forschungs- und Kulturprojekten stammen 60% der Beschäftigten aus dem EU-Ausland. Restaurierungen selbst des Westminster Palace stünden damit auf der Kippe.

Donnerstag, 20. September 2018

Archäonik - hä, was ist denn das?

Zugegebenermaßen haben wir den Begriff selbst erfunden...
Ein neu erschienener Artikel erklärt das aber genauer:
Es geht um die konkrete Anwendung archäologischer Erkenntnisse für die Entwicklung von Zukunftsstrategien. Wer schon länger Archaeologik liest, erinnert sich vielleicht an eine Serie von Blogposts:
Schon zuvor hatte ich mit Markus Dotterweich am Beispiel der Terra Preta do Indios überlegt, wie solch ein Lernen aus der Vergangenheit praktisch aussehen könnte und wie man dies in eine Forschungsstrategie umsetzen könnte. Wir konnten das damals nicht angemessen publizieren, aber Tagungsbeiträge und nicht zuletzt die Blogposts hier haben Kollegen auf den Plan gerufen und uns eingeladen - unter anderem zu einem Beitrag für die Zeitschrift Quaternary International. Dort ist der Artikel jetzt nach einem peer review erschienen.
Leider ist die Zeitschrift nicht im OpenAccess und darüber hinaus auch noch beim Verlag Elsevier, der derzeit die Speerspitze der Verlagslobby gegen vernünftig zugängliche Wissenschaftspublikationen darstellt. Viele Bibliotheken, darunter auch die Universität Bamberg boykottieren den Verlag daher mit guten Gründen (HRK-Erklärung). 

Der Artikel ist angelegt als ein "review paper", das das Potential  (geo)archäologischer Daten zu vergangenen Humanökosystemen im Hinblick auf deren Beitrag zur Entwicklung nachhaltiger Land- und Bodennutzungsstrategien untersucht. Die Betrachtung von Landnutzungssystemen der Vergangenheit erweitert unser Verständnis der langfristigen Prozesse und Jahrtausendereignisse, die letztlich darüber entscheiden, ob Systeme nachhaltig und langfristig sind, oder schnell kollabieren - eine Frage auch der Resilienz.  Beispielhaft konzentriert sich der Artikel auf die anthropogenen Schwarzerdeböden (Anthropogenic Dark Earths, ADE). Diese außerordentlich fruchtbaren Böden kennt man aus verschiedenen Weltregionen, vor allem aber aus dem Amazonas-Gebiet. Sie entstanden unbewusst durch Abfallakumulation als Kulturschichten oder wurden bewusst geschaffen. 
Wir plädieren dafür, Landnutzungen der Vergangenheit in einem inter- bzw. transdisziplinären Forschungsdesign zu untersuchen und problemorientiert zu untersuchen, welche Möglichkeiten diese heute bieten. Der Ansatz der Archäonik basiert auf einer Ökosystem-Perspektive. Da die (geo)archäologischen Daten  zu vergangenen Landnutzungssystemen immer lückenhaft sind, spielen Analogien, Modellierungen und Experimente eine wichtige Rolle für die Beurteilung der Nachhaltigkeit. Für qualitätvolle Ergebnisse müssen wir möglichst nahe an die vergangene Realität kommen und diese verstehen, sie ist aber letztlich nicht Ziel der Forschungen. Diese liegen in Gegenwart und Zukunft.

Dienstag, 18. September 2018

Grenzüberschreitende Archäowerkstatt in Bärnau eröffnet

Großes Potential für Wissenschaft und Lehre, aber auch für historisches Verständnis, Völkerverständigung über Grenzen und für die wirtschaftliche Entwicklung der oberpfälzischen Grenzregion zu Tschechien bietet das ArchaeoCentrum Bayern-Böhmen. Anknüpfend an den dortigen Geschichtspark, der mittelalterliche Siedlungen vom Früh- bis ins Spätmittelalter präsentiert, besteht es aus der Mittelalterbaustelle und der nun eröffneten Archaeowerkstatt.

Deren Einweihung geriet daher am  11. September zum großen Event unter Beteiligung des tschechischen Kulturminisiters Antonín Stanek wie auch des bayerischen Kultusministers Bernd Sibler und weiterer regionaler Politprominenz. Dabei betonte der CSU-Minister die große Bedeutung offener Grenzen, die man nicht gefährden dürfe, was in einem bemerkenswerten Gegensatz zur Politik seiner Partei steht.
Die Kleinstadt Bärnau mit heute rund 3200 Einwohnern (incl. der 34 Ortsteile!) lag lange Zeit im Schattten des eisenern Vorhangs und wurde durch den Niedergang der Knopfindustrie stark getroffen.  Der Aufbau des ArchaeoCentrum lenkte jedoch zahlreiche Fördermittel, von Land, Bund und EU in die Stadt und hat hier bereits einige private Investitionen angeregt.

Eröffnung der Archäowerkstatt in Bärnau
(Foto: R. Schreg, 11.9.2018)
Für die Archäologie ist der Geschichtspark, Mittelalterbaustelle und die Archaeowerkstatt  eine interessante Infrastruktur, um experimentelle Archäologie im Bereich sehr unterschiedlicher Themen praktisch umzusetzen: Einerseits geht es natürlich um Hausbau und Bautechniken, aber auch um Herstellungstechniken und landwirtschaftliche Praxis. Bei der Eröffnung konnte ein Kooperationsvertrag mit den Universitäten Prag und Pilsen unterzeichnet werden, ein entsprechendes Dokument mit der Universität Bamberg wird folgen. Bereits jetzt gibt es im Studiengang der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg regelmäßig auch ein Lehrangebot in der experimentellen Archäologie, das in Bärnau gehalten wird. Die Archaeowerkstatt bietet nun Räumlichkeiten mit der nötigen Infrastruktur für Materialuntersuchungen; Übernachtungsmöglichkeiten für Studierende und Jugendgruppen sind in der Altstadt von Bärnau geplant, wo weitere Kulturprojekte in Angriff genommen wurden.

Rekonstruktion der frühmittelalterlichen Holzkirche von Kleinlangheim
im Geschichtspark Bayern-Böhmen
(Foto: R. Schreg 2018)


Das Mittelalter mit der sog. Goldenen Straße von Nürnberg nach Prag als Symbol der Bayerisch-Böhmischen Kontakte über die Grenzen hinweg steht hier für die grenzüberschreitende Geschichte, die im 20. Jahrhundert eher von Spannungen und Krieg gekennzeichnet war. So sind in der Region mit Bunkern des Zweiten Weltkriegs, der Gedenkstätte des KZ Flossenbürg und dem ehemaligen Grenzstreifen, in dem auf tschechischer Seite zahlreiche Dörfer abgesiedelt worden sind, auch zahlreiche Monumente der Geschichte des 20. Jahrhunderts präsent und vermitteln so anschaulich die Geschichte dessen, wie sich Grenzen im Lauf der Zeit verändert und verfestigt haben.

Links zur Eröffnung der Archäowerkstatt


weitere Links





Freitag, 14. September 2018

Staatlich bestellte Geschichte

Berber Bevernage, Nico Wouters, (Hrsg.)

The Palgrave Handbook of State-Sponsored History After 1945


London: Palgrave Macmillan 2018


ISBN 978-1-349-95306-6

245,03€, ebook: 190.39 €


Abgesehen vom völlig überzogenen Preis, handelt es sich um ein wertvolles Buch, lenkt es doch die Aufmerksamkeit darauf, wie Regierungen versuchen, die Deutungshoheit über die Geschichte zu gewinnen, indem sie Archive, Bibliotheken und Forschungsstrukturen manipulieren. Weit von Verschwörungstheorien entfernt, schildern die wissenschaftlichen Beiträge vornehmlich von Historikern und Rechtswissenschaftlern zahlreiche Beispiele seit 1945.
Der Band geht systematisch verschiedene staatliche Strategien durch, wie er seine Deutungshoheit durchsetzen möchte, durch Gesetze, durch Steuerung von Archiven und Bibliotheken, durch Forschungsinstitutionen und Programmen der Forschungsförderung, durch Schulbücher und Lehrpläne, durch Museen und Musealisierung, durch Gedenkstätten und Denkmalpflege, durch Gerichtsverfahren und Tribunale, durch Wahrheits- und Historikerkommissionen. Es geht also nicht nur um Zensur oder die Arbeit staatlich angestellter Historiker, sondern auch um all die anderen Steuerungsinstrumente des modernen Staates, um be- oder verhindernde wie auch um fördernde und ermöglichende staatliche Maßnahmen. Da hier auch restriktive Maßnahmen behandelt werden, scheint der Begriff der "state-sponsored history" zu kurz gegriffen

Diese Einflüsse kritisch zu reflektieren, zeichnet die Geschichts- und Kulturwissenschaften als Wissenschaften aus, insofern ist der vorliegende Band ein ganz grundlegender, wichtiger Beitrag. Oft findet solche Reflektion als Teil der Quellenkritik und der Forschungsgeschichte statt, aber es scheint wesentlich, sich hier ganz grundlegend Orientierung zu verschaffen, denn nicht immer sind die Steuerungsversuche auf den ersten Blick zu erkennen. Die Fallbeispiele des Bandes führen über alle Kontinente und vertreten demokratische wie autokratische Staaten und bieten so auch vielfältige Einblicke.

Zerstörung ganzer Kulturlandschaften mit staatlicher Förderung in Deutschland:
rheinischer Braunkohletagebau
(Foto: R. Schreg, 2018)

Von den vielen Beiträgen im Band sei hier nur auf den von Cornelia Eisler über die staatliche Unterstützung der Vertriebenen hingewiesen (“State-Supported History” at the Local Level: Ostdeutsche Heimatstuben and Expellee Museums in West Germany, S. 399-413), da er auch die Deutungen der mittelalterlichen Deutschen Ostsiedlung in der Nachkriegszeit anspricht.
Archäologie spielt in dem Band aber so gut wie keine Rolle (lediglich  der Beitrag von G. Plets kommt in Bezug auf Russland auch hin und wieder darauf zu sprechen), was der identitätsstiftenden Rolle früherer Epochen nicht gerecht wird. Zwar liegen die konkreten Staatsinteressen an der Vergangenheit zumeist in jüngerer Zeit, da hieraus eigenes Handeln gerechtfertigt wird, aber zumeist wird die nationale Identität in ferner zurück liegender Vergangenheit begründet, die dabei meist zurecht gebogen werden muss. Aktuelle Beispiele sind Serbien (Archaeologik 6.2.2015 und 23.8.206) oder Ungarn (Achaeologik 24.5.2012), aber auch Panama, oder der Irak, wo die Vergangenheit in verschiedener Weise für Identitätsstiftung genutzt wird. Anzuführen sind aber auch all jene Fälle, in denen die Zerstörung von Kulturgut aus ideologischen oder wirtschaftlichen Gründen staatlich (oder von regionalen Machthabern) gefördert wird. Das beinhaltet auch all die Zerstörungen durch Bauprojekte und Wirtschaftsinvestitionen, die auch in Deutschland  mit staatlicher Unterstützung vorangetrieben werden und - wie etwa in der rheinischen Braunkohle - Kulturerbe zerstören und Wissenschaft ausbremsen. An dieser Stelle wird der Band seinem Anspruch, Handbuch zu sein, nicht ganz gerecht, denn dass die materiellen, archäologischen Geschichtsquellen bei solch einem Thema ausgeblendet werden, ist nicht mehr zeitgerecht.
 
Dennoch sollte er auch von archäologischer Seite rezipiert werden, denn die angesprochenen Probleme sind dem Fach keineswegs fremd und bedürfen kritischer Begleitung. Hier könnte der Band Impulse geben.


Inhalt

  • Berber Bevernage, Nico Wouters: State-Sponsored History After 1945: An Introduction (S. 1-36)

1. Memory Laws and Legislated History

  • Antoon De Baets: Laws Governing the Historian’s Free Expression (S. 39-67)
  • Pietro Sullo: Writing History Through Criminal Law: State-Sponsored Memory in Rwanda (S. 69-85)
  • Stiina Löytömäki: French Memory Laws and the Ambivalence About the Meaning of Colonialism ( S. 87-100)
  • Pierre-Olivier de Broux, Dorothea Staes: History Watch by the European Court of Human Rights (S. 101-119)
  • Tomas Balkelis, Violeta Davoliūtė: Legislated History in Post-Communist Lithuania (S. 121-136)

2. Archives and Libraries

  • Trudy Huskamp Peterson: Archives, Agency, and the State (S. 139-159)
  • Niké Wentholt: Open Archives to Close the Past: Bulgarian Archival Disclosure on the Road to European Union Accession (S. 161-175)
  • Michael Karabinos: Archives and Post-Colonial State-Sponsored History: A Dual State Approach Using the Case of the “Migrated Archives” (S. 177-190)
  • Dora Komnenović: The “Cleansing” of Croatian Libraries in the 1990s and Beyond or How (Not) to Discard the Yugoslav Past (S. 191-206)

3. Research Institutes and Policies

  • Lutz Raphael: State Authority and Historical Research: Institutional Settings and Trends Since 1945 (S. 209-236)
  • Rommel A. Curaming: Official History Reconsidered: The Tadhana Project in the Philippines (S. 237-253)
  • Idesbald Goddeeris: History Riding on the Waves of Government Coalitions: The First Fifteen Years of the Institute of National Remembrance in Poland (2001–2016) (S. 255-269)

4. Schools, Curricula and Textbooks

  • Peter Seixas: History in Schools (S. 273-288)
  • Luigi Cajani: History Teaching for the Unification of Europe: The Case of the Council of Europe (S. 289-305)
  • Denise Bentrovato: Teaching History Under Dictatorship: The Politics of Textbooks and the Legitimation of Authority in Mobutu’s Zaire (S. 307-321)
  • Lynn Lemisko, Kurt Clausen: The “National Dream” to Cultural Mosaic: State-Sponsored History in Canadian Education (S. 323-338)
  • Gotelind Müller: China’s History School Curricula and Textbook Reform in East Asian Context (S. 339-352)
  • Achim Rohde: Teaching History in Israel–Palestine (S. 353-370)

5. Museums and Musealisation

  • Ilaria Porciani: History Museums (S. 373-397)
  • Cornelia Eisler: “State-Supported History” at the Local Level: Ostdeutsche Heimatstuben and Expellee Museums in West Germany (S. 399-413)
  • Patrizia Violi: State Agency and the Definition of Historical Events: The Case of the Museo de La Memoria Y Los Derechos Humanos in Santiago, Chile (S. 415-430)
  • Christian Wicke, Ben Wellings: History Wars in Germany and Australia: National Museums and the Relegitimisation of Nationhood (S. 431-445)

6. Memorials, Monuments and Heritage

  • Shanti Sumartojo: Memorials and State-Sponsored History (S. 449-476)
  • Ewa Ochman: Spaces of Nationhood and Contested Soviet War Monuments in Poland: The Warsaw Monument to the Brotherhood in Arms (S. 477-493)
  • Gertjan Plets: Heritage Statecraft: Transcending Methodological Nationalism in the Russian Federation (S. 495-509)

7. Courts, Tribunals and Judicial History

  • Richard J. Golsan: The State, the Courts, and the Lessons of History: An Overview, with Reference to Some Emblematic Cases (S. 513-534)
  • Lawrence Douglas: The Historian’s Trial: John Demjanjuk and the Prosecution of Atrocity (S. 535-549)
  • Vladimir Petrović: Germany Versus Germany: Resistance Against Hitler, Postwar Judiciary and the 1952 Remer Case (S. 551-565)
  • Ramses Delafontaine: Historical Testimony for the Government in US v. Philip Morris, et al. (S. 567-581)
  • Nasia Hadjigeorgiou: A One-Sided Coin: A Critical Analysis of the Legal Accounts of the Cypriot Conflicts (S. 583-595)

8. Truth Commissions and Commissioned History

  • Eric Wiebelhaus-Brahm: Truth Commissions and the Construction of History (S. 599-620)
  • Stephan Scheuzger: Truth Commissions and the Politics of History: A Critical Appraisal (S. 621-636)
  • Nina Schneider, Gisele Iecker de Almeida: The Brazilian National Truth Commission (2012–2014) as a State-Commissioned History Project (S. 637-652)
  • Oz Frankel: The 9/11 Commission Report: History Under the Sign of Memory (S. 653-668)
  • Onur Bakiner: Truths of the Dictatorship: Chile’s Rettig and Valech Commissions as State-Sponsored History (S. 669-684)

9. Historical Expert Commissions and Commissioned History

  • Eva-Clarita Pettai: Historical Expert Commissions and Their Politics (S. 687-712)
  • Erna Rijsdijk: Reconstituting the Dutch State in the NIOD Srebrenica Report (S. 713-725)
  • Martha Cecilia Herrera, José Gabriel Cristancho Altuzarra, Carol Juliette Pertuz: Memory Institutions and Policies in Colombia: The Historical Memory Group and the Historical Commission on the Conflict and Its Victims (S. 727-740)
  • Seiko Mimaki: Diversified and Globalized Memories: The Limits of State-Sponsored History Commissions in East Asia (S. 741-755)


Montag, 10. September 2018

Die Burg Henneberg in Südthüringen

Rezension von Fabian Schwandt

Ines Spazier
mit Beiträgen von Kevin Bartel, Hans-Volker Karl, Oliver Mecking, Volker Morgenroth, Johannes Mötsch, Ralf-Jürgen Prilloff, Benjamin Rudolph, Tim Schüler, Corina Seidl, Wolf-Rüdiger Teegen, Gisela Wolf, Günther Wölfing

Die Burg Henneberg in Südthüringen.
Stammburg der Henneberger Grafen



(Langenweissbach: Verlag Beier & Beran 2017)

ISBN 978-3-95741-057-3

2 Bände, insg. 568 S., 238 Farbabb., 116 Tafeln und 3 Beilagen
89,00 €

Wie der Herausgeber Sven Ostritz, Landesarchäologe von Thüringen und Präsident des Thüringischen Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie in seinem Vorwort ausführt, handelt es sich bei der Burgruine Henneberg um ein „vergessenes“ Denkmal. Die Lage an der ehemaligen innerdeutschen Grenze sorgte dafür, das die Anlage jahrzehntelang keinerlei wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhielt und verfiel. Nach der Wiedervereinigung wurden dann in rascher Folge denkmalpflegerische Maßnahmen und eine Grabungskampagne durchgeführt, deren Publikation aber nicht über Vorberichte hinaus kam. Um so schöner ist es, das Ines Spazier, Mitarbeiterin am Landesamt, die Burg nun mit der Unterstützung vieler Mitautoren aus ihrem Schlaf geweckt hat und mit diesem Werk eine umfassende Aufarbeitung der archäologischen Ausgrabungen und der Geschichte vorlegt.
Die Burg Henneberg ist der Stammsitz des gleichnamigen Grafengeschlechts, welches von seiner ersten Erwähnung im 11. Jahrhundert bis zum seinem Aussterben im 16. Jahrhundert zeitweise das bedeutendste Adelsgeschlecht im südthüringischen und fränkischen Raum war. An gleicher Stelle befand sich auch schon einmal eine eisenzeitliche Höhensiedlung. Von der mittelalterlichen Burganlage sind heute noch der Bergfried, ein Rundturm, der Großteil der Ringmauer und einige kleinere Mauerreste erhalten. 1992-1995 (unter Mitarbeit des Lehrstuhl für Prähistorische Archäologie der Martin-Luther-Universität Halle-Witten und des Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg) und 2001-2002 wurden jeweils Grabungen durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie durchgeführt.
Bergfried der Burg Henneberg, Ansicht von Westen.
(Foto: Dietrich Krieger [ CC-BY-SA-3.0]
via WikimediaCommons)
Im ersten Band wird nach einigen Vorworten die Geologie des Henneberger Raumes, die Topografie der Burg und die Forschungsgeschichte der bisherigen Untersuchungen auf der Henneberger Burg erläutert. Sodann wird chronologisch erst auf die Befunde, dann die Funde der hallstattzeitlichen Besiedlungsphase eingegangen. Durch die starke Überprägung in mittelalterlicher Zeit werden hier allerdings keine weitergehenden Betrachtungen angestellt, obgleich das Fundmaterial zum Beispiel eine gedrechselte Bernsteinperle enthält, zu der sich in dieser Form fast keine Vergleichsfunde herausstellen lassen (S. 71f.).

Rundturm mit Teilen der Außenmauer, von Osten gesehen.
(Foto: Detlef Mewes [PublicDomain]
via WikimediaCommons)
Nach einer kurzen Betrachtung der mittelalterlichen politischen Umgebung der Burg Henneberg und der umgebenden Burgen, Klöster, Pfalzen und frühmittelalterlichen Siedlungen, widmet sich die Autorin im Hauptteil den hoch- und spätmittelalterlichen Befunden und Funden. Hier zeigt sich auch die Sorgfalt, mit der die Grabungen durchgeführt wurden: so wurde im Innenraum des Rundturmes eine organische Schicht festgestellt, bei der es sich tatsächlich um erhaltenen Stalldung handelt (S. 107). Danach folgen Ausführungen zur Baugeschichte und ein historischer Abriss über die Besitzer und ihre Vögte und ein kurzer Abschnitt über die auf der Burg befindliche Katharinenkapelle und die dazu erhaltenen schriftlichen Quellen. In diesem Teil hätte man auf einige Quellenauszüge verzichten können, die von einem Autoren übernommen wurden, der aber selbst keine Quellenangaben für diese Auszüge angegeben hat. Da diese Auszüge nur kurz und ohne wesentliche Informationen sind und ihr Inhalt auch nicht geprüft werden kann, wäre ihr Weglassen an dieser Stelle nicht tragisch gewesen (S. 216f).

Als letztes folgt noch ein kurzer, vergleichender Abschnitt, der die archäologischen und historischen Quellen zusammenführt. So konnte ein schriftlich belegter Blitzeinschlag mit anschließendem Feuer im Jahre 1308 durch Brandrötung des Felsen zwischen Rundturm und Kapellenturm nachgewiesen werden, ebenso, das einer der beiden Türme infolge dessen eingestürzt sein muss (S. 221).

Im zweiten Teil des ersten Bandes werden die naturwissenschaftlichen Untersuchungen zusammengefasst, namentlich die Auswertungen der Tierknochen, der pflanzlichen Makroreste, die Analyse der verschiedenen Glasfunde und die geophysikalischen Prospektionen auf der Burg Henneberg.
Der zweite Band dient als Katalog. Es werden Befundbeschreibungen und -zeichnungen, Fundbeschreibungen und -zeichnungen sowie die die Tabellen zu den Tierknochenuntersuchungen aufgeführt, zusätzlich noch Pläne und verschiedene Zeichnungen und grafische Darstellungen der Burg beziehungsweise ihrer Ruine in der Vergangenheit. Bei den Zeichnungen der Keramik und bei besonderen Fundstücken wurden Fotografien daneben gestellt, was dem Betrachter zusätzliche Informationen gibt und einen besseren Vergleich gestattet.

Fazit

„Die Burg Henneberg in Südthüringen“ ist methodisch und in der Ausführung sehr gut gelungen und stellt wichtige Informationen und Aspekte dar, die bis jetzt so noch nicht veröffentlicht und einem breiten (Fach)publikum zur Verfügung gestanden haben. Da so viele Autoren an diesem Werk mitgearbeitet haben, ist es nur natürlich, dass der Sprachfluss manchmal etwas zerhackt wirkt und sich manche Fakten gerade in den Einleitungen wiederholen.
Insgesamt ist es eine vollständig wirkende und sehr hochwertig gedruckte Arbeit, die den aktuellen Stand und die Möglichkeiten der Archäologie wiedergibt. Darüber hinaus gehende Betrachtungen oder Auswertungen fehlen weitestgehend, worauf die Publikation, die sich als Grabungspublikation versteht, selbst aber auch keinerlei Anspruch erhebt. Die erhaltenen Quellen werden umfänglich dargestellt, ihren eigenen Zielsetzungen wird sie also absolut gerecht. Damit bietet der Band Wissenschaftlern, wie auch dem interessierten Publikum aus der Region wie auch der Burgen-Fans wichtige Ansatzpunkte für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Burgenbau der Region.

Literaturhinweise

  • P. Helmut-Eberhard, Burgen in Thüringen: Geschichte, Archäologie und Burgenforschung (Regensburg 2007).
  • R. Küchenmeister, Ausgrabungen auf der Burg „Henneburg“, Landkreis Schmalkalden-Meinigen, Ausgrabungen und Funde im Freistaat Thüringen 6, 2002, 35-43.
  • H. Schwarzberg, Die Ausgrabungen auf der Burg Henneberg. Vorbericht der Kampagnen 1992- 1995, 900 Jahre Henneberger Land 1096-1996. Jahrbuch der Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsverein 11, 1996, 163-168.

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Text
  • Vorwort des Herausgebers – S. 7
  • Vorwort der Autorin – S. 7
  • Archäologie – Bauforschung – Geschichte
  • Ines Spazier: Einleitung – S. 11
  • Volker Morgenroth: Zur Geologie im Henneberger Raum – S. 13
  • Ines Spazier: Lage und Beschreibung der Burgruine Henneberg – topografische und naturräumliche Angaben – S. 21
  • Ines Spazier: Forschungsgeschichte zu den Abbruch- und Sanierungsarbeiten sowie den archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen auf der Burgruine Henneberg – S. 25
  • Kevin Bartel: Die archäologischen Ausgrabungen auf der Burg Henneberg – die hallstattzeitliche Höhensiedlung – S. 41
  • Kevin Bartel: Das vorgeschichtliche Fundmaterial der Burg Henneberg – S. 49
  • Kevin Bartel: Die früheisenzeitliche Besiedlungsentwicklung im südlichen Thüringen – S. 77
  • Ines Spazier: Politische und siedlungsgeschichtliche Verhältnisse im Grabfeld im ausgehenden 8. -11. Jh. – historische Voraussetzungen zur Gründung der Burg Henneberg – S. 83
  • Ines Spazier: Die Archäologischen Ausgrabungen auf der Burg Henneberg – die mittelalterliche Burg der Henneberger Grafen – S. 93
  • Ines Spazier: Das mittelalterliche Fundmaterial der Burgruine Henneberg – S. 141
  • Benjamin Rudolph: Zur Baugeschichte der Burgruine Henneberg – S. 183
  • Johannes Mötsch: Die Burg Henneberg unter den Grafen von Henneberg – die Besitzer und ihre Burgmannen – S. 197
  • Günther Wölfing: Die Kapelle St. Katharina auf der Burg Henneberg in der schriftlichen Überlieferung – S. 211
  • Ines Spazier: Vergleichende Betrachtungen der archäologischen und bauhistorischen Ergebnisse mit den archivalischen Quellen – S. 219

Naturwissenschaftliche Untersuchungen
  • Hans- Volker Karl: Auswertung der Tierknochen vom Nordwestteil der Burganlage – S. 227
  • Ralf-Jürgen Prilloff: Auswertung der Tierknochen vom Südteil der Burganlage – S. 241
  • Wolf-Rüdiger Teegen & Ralf-Jürgen Prilloff: Spuren krankhafter Veränderungen an Tierknochen von der Burg Henneberg – S. 275
  • Gisela Wolf: Die pflanzlichen Makroreste der Burg Henneberg – S. 283
  • Oliver Mecking: Analyse der Glasfingerringe von der Burg Henneberg – S. 289
  • Corina Seidl: Einblick in das Glasinnere - naturwissenschaftliche Untersuchung von Flachglasscherben von der Burg Henneberg – S. 295
  • Tim Schüler. Geophysikalische Prospektionen auf der Burg Henneberg – S. 299
  • Ines Spazier: Zusammenfassung – S. 301
  • Literatur- und Quellenverzeichnis – S. 305
  • Abbildungsnachweis – S. 329
  • Autorenverzeichnis – S. 333

Teil 2: Kataloge, Tabellen, Tafeln, Beilagen
  • Ines Spazier; Kevin Bartel: Gesamtkatalog
    • Allgemeine Angaben – S. 7
  • Verzeichnis der hallstattzeitlichen und mittelalterlichen Baustrukturen – S. 9
    • Katalog der Ausgrabungen von 1992 bis 1995 – S. 10
    • Katalog der Ausgrabungen von 2001 bis 2002 – S. 47
  • Hans-Volker Karl: Anhang zu den Tierknochenuntersuchungen vom Nordwestteil der Burganlage
    • Katalog – S. 71
    • Tabellen – S. 119
    • Maß-Tabellen – S. 125
  • Hans-Volker Karl: Anhang zu den Tierknochenuntersuchungen vom Südteil der Burganlage
    • Katalog – S. 129
    • Tabellen – S. 155
    • Maß-Tabellen – S. 211
  • Tafeln – S. 235
    • Taf. 1-20 Pläne
    • Taf. 21-31 Profile
    • Taf. 32-101 Fundtafeln
    • Taf. 102-116 Historische Darstellungen
  • Beilagen






Fabian Schwandt ist Masterstudent der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg. Dort machte er auch seinen Bachelor in den Archäologischen Wissenschaften mit einer Arbeit über „Helme und Panzerung des frühen und hohen Mittelalters und ihr archäologischer Nachweis“.

Mittwoch, 5. September 2018

Kulturgut in Syrien und Irak (Juli - August 2018)

Der Krieg in Syrien ist noch nicht vorbei, die Angriffe auf Menschen und auch die Kulturgutzerstörung gehen weiter. In Bosra soll ein Luftangriff der Assad-Truppen das römische Theater getroffen haben. Immer wieder ist die Rede von Zerstörungen durch türkisches Militär und dessen Verbündeten. Wenig erfährt man aber selbst über die Situation in Nordsyrien, wo auch  auch US-Truppen stehen, unter deren Schutz laut arabischer Quellen archäologische Forschungen  laufen sollen.
Die Region Idlib wird wohl der nächste Schwerpunkt des Bürgerkriegs, hier bereitet sich die syrische Armee mit russischer Unterstützung für einen Schlag gegen die Rebellen vor. Die Gegend ist reich an archäologischen Fundstellen und voll mit Flüchtlingen aus den vorherigen Kampfzonen.

Schadensberichte

letzter ASOR monthly report Mai 2018: http://www.asor-syrianheritage.org/asor-chi-mr-may-2018/

Meldungen zu einzelnen Kulturstätten in Syrien und Irak

Bosra

Aleppo
Palmyra
beginnende Restaurierungsarbeiten vor Ort
Mosul (Irak)
al-Sheikh Mansour
Der russische Nachrichtenkanal Sputnik verbreitet die Information wonach die Terrormiliz der al-Nusra Raubgrabungen auf der Kulturstätte al-Sheikh Mansour bei Saraqeb in der Provinz Idleb durchführt. Nach den russisch unterstützten Angriffen der syrischen Armee auf die letzten Hochburgen der Rebellen waren die Überlebenden in die Region Idlib transportiert worden. Dort sei nun an der Grenze zur Türkei ein Markt für Waffen und Antiken entstanden. Der Bericht zitiert mehrere ungenannte örtliche Quellen. So glaubhaft es generell ist, dass nicht nur der IS sich der Einkommen aus Raubgrabungen und Antikenhandel bedient, so sind doch bei allen Berichten aus Syrien immer auch die Propagandaabsichten zu berücksichtigen. Der Ort an dem die Rebellen 2012 28 Soldaten der syrischen Armee hinrichteten war seitdem mehrfach Ziel von Giftgasangriffen.
Von der Fundstelle, einem bislang wissenschaftlich nicht untersuchtem Tell, sind Raubgrabungszerstörungen in Luftbildern schon 2012 nachgewiesen.  2012 war auch bereits ein islamischer Schrein zerstört worden. Zwischen Dezember 2017 und Februar 2018 wurden militärische Stellungen auf dem Hügel angelegt.

Tell Sheikh Mansour in Google Earth. In den Bildern vom 21.2.2017 sind bereits einige Schäden erkennbar.


    Manbidsch (Nordsyrien)
    Idlib

      Raubgrabungen und Antikenhehlerei



      3D-Rekonstruktionen

      Einordnungen

        Links

        frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak




      • Fünf Jahre Syrienberichte. Archaeologik (4.5.2017)
        - Stand April 2017




      • Wie immer mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise.  

        Montag, 3. September 2018

        Ausgebrannt - Fragen zur Zerstörung des Nationalmuseums in Rio

        Mit den eindringlichen Bildern des Großfeuers im Nationalmuseum von Rio de Janeiro, das wohl weitgehend mitsamt seinen 200 Jahren alten Sammlungbeständen zerstört ist, ging die Meldung um die Welt: Das brasilianische Nationalmuseum mit über 2 Mio Exponaten aus den bereichen Archäologie Anthropologie, Ethnologie und Zoologie ist vollständig abgebrannt.

        Die erschreckende Ästhetik des Feuers: Brand des Nationalmuseums in Rio de Janeiro
        (Foto: Felipe Milanez [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
        Die Medien berichten aber auch darüber, dass aufgrund erheblicher Mittelkürzungen seit langem Verbesserungen des Brandschutzes auf der Agenda standen, aber durch immer weitere Finanzstreichungen nicht umgesetzt werden konnten.
        Der Vize-Direktor des Museums, Luiz Duarte beschuldigt die Regierung, dass sie das Museum hat verkommen lassen und an Kultur so desinteressiert gewesen sei, dass noch nicht einmal zum 200. Jubiläum im Juni ein Staatsminister erschienen sei. Laut einer Pressemeldung des Museums wurde gerade mit der staatlichen Entwicklungsbank BNDES eine Vereinbarung getroffen, mit der auch Brandschutzmaßnahmen hätten finanziert werden sollen. 
        Die Feuerhydranten vor dem Museum waren defekt, so dass Löschwasser aus einem nahe gelegenen See mit Tankwagen herbei geschafft werden musste. Roberto Leher, Rektor der Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ), unter deren Verantwortung das Museum stand, kritisierte die Arbeit der Feuerwehr. "Wir haben klar erkannt, dass es an der Logistik und der Infrastruktur der Feuerwehr mangelt, um solch verheerenden Ereignissen wie diesem Feuer Rechnung zu tragen." 
        Der Tagesspiegel schreibt, dass Mittelkürzungen im Kultursektor in der Finanzkrise Brasiliens normal seien: "Beim Nationalmuseum betrafen die Kürzungen aber sogar das Budget für die Gebäudeinstandhaltung. Mehrfach musste das Museum schließen, weil die Löhne für das Reinigungs- und Aufsichtspersonal nicht gezahlt wurden. Mit der Zeit wurden auch Ausstellungsräume geschlossen. Wer das Museum betrat, konnte die Vernachlässigung sehen. Termiten hatten sich in der hölzernen Struktur eingenistet, der Putz bröckelte, Kabel verliefen offen an den Wänden. Es war erkennbar, dass die Regeln zum Brandschutz nicht eingehalten wurden."  Desweiteren sollen im Gebäude auch feuergefährliche Stoffe für die Konservierung der Exponate gelagert gewesen sein.
        Polizeiliche Ermittlungen sollen klären, ob Brandstiftung vorliegt. Das Feuer war am Abend des 2.9. nach Schließung des Museums ausgebrochen und war erst am folgenden Vormittag so weit unter Kontrolle, dass die Ruine betreten werden konnte. 

        Brasiliens Kulturminister Sérgio Sá Leitao räumte ein, dass das Museum über Jahre vernachlässigt wurde. Statt in den Erhalt des Museums, dessen jährlicher Etat zuletzt nicht einmal 130.000  betragen hat, zu investieren, wurden trotz der schweren Finanzkrise in Brasilien über 55 Mio $ in einen prestigeträchtigen Museumsneubau für ein umweltbildungspolitisch wohl durchaus sinnvollen "Museum von Morgen" (Museu do Amanhã) ausgegeben - ein Muster, das auch in Deutschland bekannt ist: Die Politik macht eher Geld für prestigeträchtige neue Projekte locker, anstelle den Bestand zu sichern siehe Archaeologik 30.4.2018).
        Ein Video des Universitätsfotographen Fernando Sousa auf facebook zeigt Solidaritätsbekundungen und Protest gegen die Kulturpolitik. 

        Neben klassisch-archäologischen Sammlungen mit Funden aus Ägypten und dem Mittelmeerraum, die im Kern noch im 19. Jahrhundert  zusammengetragen und mit dem portugiesischen Kaiserhaus den Weg in die Neue Welt gefunden haben, wurde seit 1867 eine umfangreiches Archiv zur Archäologie in Brasilien, aber auch der gesamten präkolumbischen Welt zusammen getragen. Insgesamt beherbergte das Museum 20 Mio Objekte. Der berühmte Bendego-Meteorit (engl. wikipedia) hat das Feuer überstanden.
        Laut der Movilversion der Museumshomepage waren Teile der Archäologischen Ausstellung wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.


        Links



        Nachtrag:

        Donnerstag, 23. August 2018

        Fake News des Antikenhandels

        Auf EU-Ebene steht eine Neuregelung des Kulturgüterschutzes an. Der Kunsthandel bringt sich in Stellung - mit den altbekannten Argumenten.

        Natürlich möchte der Kunsthandel nicht mit Terrorismusfinanzierung in Verbindung gebracht werden und so erklärt sich auch, dass er sie als "Mär" bezeichnet. Es gibt indes einige Beweise und Indizien dafür, dass IS/ Daesh tatsächlich Geld mit Raubgrabungen und Antikenhandel gemacht hat, etwa die Dokumente des Abu Sayyaf. Das ist übrigens auch die Aussage des niederländischen Berichts, der keineswegs bestreitet, dass IS in Raubgrabungen und Handel involviert ist, sondern nur die bisherigen Schätzungen in Frage stellt: "Despite flawed media reports, it is clear that IS destroys cultural heritage sites and is involved in the illegal trade of cultural property..." - http://iadaa.org/wp-content/uploads/2016/05/Cultural-Property-War-crimes-and-Islamic-State-2016.pdf)
        Die Summen sind freilich schwer einzuschätzen, denn die Mehrzahl der illegal ausgegrabenen Funde wird erst in den kommenden Jahren mit falschen Provenienzen in den Markt sickern. Einstweilen liegen sie bei Zwischenhändlern oder vielleicht auch schon in Freihandelslagern. Daesh hat nur punktuell selbst die Raubgrabungen durchgeführt, er hat sie vielmehr in seinem Territorium legalisiert und hoch besteuert. Damit hat er nicht von den hohen Marktpreisen profitiert, aber zeitnah und vor allem wohl für die große Masse der Raubgrabungsfunde kassiert. "Blutantiken" sind nicht die teuren exzeptionellen Stücke, sondern alle unter IS/Daesh ausgegrabenen Funde. Es liegt in der Natur der Sache, dass Daesh nie als Provenienzangabe zu finden sein wird.
        Und es geht längst nicht nur um IS/ Daesh.

        Plünderung in Isin im Irak, 2003
        (Foto: United States Department of Defense [PD] via WikimediaCommons)

        So wird wieder einmal auf die alten Sammlungen verwiesen - in den Provenienzangaben der Auktionskataloge ist eine" alte" Sammlung indes oft nur wenige Jahre alt.  Problematisch sind hier vor allem die juristischen Konstruktionen des gutgläubigen Erwerbs, der beispielsweise bei einer Auktion in Anspruch genommen werden kann. Vergessen wird dabei, dass etwa im Osmanischen Reich - mit einer berüchtigten Bürokratie - schon seit den 1860er Jahren die Ausfuhr von Antiken verboten war.

        Im konkreten Falle des geometrischen Pferdchens ist genau das das Problem. Griechenland hat es aus einer Auktion bei Sothebys zurückgefordert, aber es war juristisch durch frühere Verkäufe gewaschen. Der Rückforderung mit dem Argument zu begegnen, dass ja keine klare Provenienz angegeben werden könne, ist dreist, denn die Vernichtung der Fundkontexte und ihrer Kenntnis ist ja genau der Schaden, den es durch die Bekämpfung des Antikenhandels zu verhindern gilt. "Angaben dazu, wann oder wo das Objekt gestohlen worden sein soll, waren dem Schreiben nicht beigefügt." Wie sollten sie auch?
        Für illegale Funde aus Raubgarbungen kann logischerweise kein Nachweis über den Fundort geführt werden, der wird schließlich mit nichtssagenden Provenienzangaben gezielt verschleiert - sehr wohl aber für legale Exporte, die eigentlich eben schon lange genehmigungspflichtig waren.

        Wenn mit rhetorischen Fragen impliziert wird, dass Rechtsanspruch und Rückgabeansinnen ungerechtfertigt seien, so spielt das auch mit der falschen Vorstellung, es gehe nur um einzelne singuläre Objekte. Die große Masse der Funde im Handel ist problematisch und unter der derzeitigen Rechtslage ist es mit den verfügbaren Ressourcen gar nicht möglich, dass die Behörden jeweils ihre Ansprüche geltend machen können.
        "Warum also blieb Griechenland trotz zweier nachweislicher Veröffentlichungen über Jahrzehnte untätig, selbst wenn vergleichbare Objekte versteigert wurden? Weil davon laut Experten geschätzt 1100 existieren, die sich seit Jahrzehnten in institutionellen Sammlungen wie dem Louvre (Paris, seit 1912) oder dem Metropolitan (New York, seit 1921) und teilweise seit Jahrhunderten in Privatkollektionen befinden?"
        Eher: Weil gar nicht die Kapazitäten da sind, dem Massenphänomen gerecht zu werden! So konzentriert man sich in der Verfolgung auf die Fälle, wo eine gewisse Aussicht besteht, dass man die Fake-Provenienzen aufdecken kann.
        Ob eine Rückgabeforderung gerechtfertigt ist oder nicht, ist auch nicht abhängig davon, ob ein Fund vergleichbar massenhaft im Umlauf ist (wie bei Münzen). Derzeit kann das nur dort pragmatisch versucht werden, wo Unstimmigkeiten oder andere Indizien zu den Provenienzen bekannt sind.
        Insgesamt ist auch die Rückgabe nicht die Lösung des Probems. Die Funde sollten nicht undokumentiert aus dem Boden gerissen werden, Geländedenkmale nicht ohne wissenschaftlich angemessene Dokumentation zerstört werden.

        Interne Links