Sonntag, 16. Dezember 2018

Der Weihnachtsfund...





Text: Rainer Schreg/ Brigitte Schreg, Sprecher: Axel Weiss (Besten Dank!!)



Sonntag, 9. Dezember 2018

Wohlstand oder verlorene Vergangenheit

Begleitend zu einer Ausstellung "Спасените съкровища на България" (die geretteten Schätze Bulgariens) im Archäologischen Nationalmuseum in Sofia publiziert das Nationale Archäologische Institut /Archäologische Nationalmuseum ein Video zur Raubgräberproblematik (bulgarisch mit englischen Untertiteln).
Das Video, das ein erschreckendes, aber nicht überraschendes Bild der Situation zeichnet, ist in der deutschen Übersetzung "Wohlstand oder verlorene Vergangenheit" betitelt.

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Sonntag, 2. Dezember 2018

Römer sind hipper als Napoleon

... meint die Denkmalpflege in Mainz. So ähnlich jedenfalls:


"Ein Fund aus dem frühen 19. Jahrhundert werde anders behandelt als Funde aus der Römerzeit" meint Kathrin Nessel, Abteilungsleiterin für Denkmalpflege im Bauamt in Mainz. Ende Oktober ist bei Bauarbeiten ein Massengrab aus der Zeit der Napoleonischen Kriege entdeckt worden. Ein Baustopp kommt für sie nicht in Betracht. Den hat die Generaldirektion Kulturelles Erbe aber längst verhängt, um die nötigen Notgrabungen vorzunehmen. "Das ist eine ganz hochrangige stadtgeschichtliche Quelle", sagt Archäologe Jens Dolata von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Das immerhin ist bemerkenswert, denn die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit ist in Rheinland-Pflaz bis heute unbegreiflicherweise nicht institutionalisiert (Archaeologik 8.2.2014).
Aus den Medienberichten tritt uns eine deutliche Unsicherheit im Umgang mit Befunden aus dem 19. Jahrhundert entgegen. Sie sind nicht generell unwichtiger als die Römerzeit! Es hängt entscheidend von der konkreten Fragestellung ab,  die natürlich sehr viel spezieller ist, als in früheren Perioden. Allerdings ist inzwischen auch dort oft ein Forschungsstand erreicht, der die Frage aufwirft, was weitere Grabungen an neuen Erkenntnissen liefern sollen. Brauchen wir die 300. mittelalterliche Latrine, die 500. römische Villa?
Nun gibt es einige Orte, wie etwa das römische (aber eigentlich auch das mittelalterliche) Mainz, die so bedeutend sind, dass die Kenntnis der historischen Topographie eine umfassende archäologische Betreuung erfordert. Hier muss heute sehr genau abgewogen werden, welche Fragen wichtig sind. Das sind heute allerdings vielfach auch andere als noch vor 20 Jahren, einerseits weil Fragen geklärt sind, andererseits aber auch, weil neue Methoden wie auch neuere gesellschaftliche Entwicklungen ganz neue Fragen an die Geschichte stellen lassen. Dazu gehören eben auch vergleichende Analysen, die eine statistisch auswertbare Basis, also auch die 301. Latrine und die 501. Villa benötigen, um wissenschaftlich tragfähige Ergebnisse darüber zu erzielen, wie sich vormoderne Gesellschaften entwickelt haben.
So sind wir heute mit der modernen Anthropologie und genetischen Untersuchungen in der Lage sehr viel mehr zu Demographie, aber auch zum Gesundheitszustand der Menschen auszusagen. Diese Fragen erfordern oft eine langfristige Perspektive, die bis an die Gegenwart heranreicht.


An Fleckfieber ("Typhus de Mayence") erkrankte französische Soldaten in Mayence 1813. zeitgenössische Lithographie von Auguste Raffet
(PD via WikimediaCommons)

Das ist auch bei dem neuen Befund in Mainz der Fall, der eben tatsächlich einen besonderen Quellenwert hat, der auch über die Stadt hinaus reicht.

Die äußeren historischen Ereignisse sind wohl bekannt. Nach der Niederlage in der Völkerschlacht von Leipzig flohen Reste der Napoleonischen Grande Armée über den Rhein in die damals französische Festungsstadt Mayence/ Mainz. Die Stadt wurde darufhin von deutschen und russischen Truppen belagert. In der Stadt brach das Fleckfieber ("Typhus de Mayence") aus, dem etwa 17.000 Soldaten und 2.400 Einwohner zum Opfer fielen.
Um all das zu wissen, brauchen wir keine Archäologie.
Aber die Archäologie soll auch nicht Geschichte illustrieren, sondern neue Einblicke liefern. Das fällt in der Römerzeit leichter als in der Neuzeit, wo eben viele Schriftquellen oder zuletzt gar noch Zeitzeugen vorhanden sind, die man einfach befragen kann. Texte berichten aber nur selektiv oder gar falsch. Archäologische Fragestellungen in der Neuzeit ergeben sich zu Themen, bei denen es entweder keine Schriftquellen gibt oder aber gerade dort, wo eine dichte Überlieferung mit der materiellen Kultur konfrontiert werden kann und sich daraus neue Perspektiven und Einsichten ergeben, die über das Verständnis der Zeitgenossen hinausgehen oder auch deren subjektive Wahrnehmung entlarven können.

Die Gräber wurden vor der Festungsmauer angelegt. Wie viele Tote in dem nun aufgefundenen Grab liegen ist noch unklar, doch wurden die Toten hier regulär in Reihen bestattet, nicht verscharrt. Vermutlich sind sie mit der Epidemie in Verbindung zu bringen, wobei die Medienartikel bisher - soweit ich gesehen habe - nicht auf die Argumentation eingehen, die zu der Identifikation geführt hat.
Methodisch wäre übrigens interessant, inwiefern die Toten von den Strapazen des Russlandfeldzugs gezeichnet waren.  
Der Typhus von 1813 war wohl gar kein Typhus, sondern Fleckfieber - das hat man damals nicht differenziert. Die Skelettreste können diese Frage ggf. klären - genau das möchten Mediziner am Institut für Tropenmedizin der Universität Hamburg klären. Untersuchungen an alter DNA können heute klären, welche Krankheitserreger hier im Spiel waren - und können zeigen, wie diese im Lauf der Zeit mutiert sind. So etwas kann eine wichtige Information für die moderne Medizin sein.
Auch der Fundort des Grabes ist interessant. Er war vorher nicht bekannt - entweder weil niemand die vorhandenen schriftlichen Quellen beachtet bzw. richtig lokalisiert hat, oder weil sie verloren gegangen sind, oder weil sie in der Situation der Belagerung nie angelegt worden sind. So oder so ist erklärungsbedürftig, warum man die Grabstelle nicht erinnert hat - weil hier unbeliebte Franzosen bestattet wurden?

Fragestellungen, zu denen die Archäologie neue Quellen erschließen kann, gibt es auch in der Neuzeit, selbst im 20. Jahrhundert.  Funde der Neuzeit sind nicht generell unwichtiger als die Römerzeit - erforderlich ist hier ein Abwägungsprozess, der für die Denkmalpflege freilich mit der Herausforderung verbunden ist, auch solche Quellen zu erhalten, deren Quellenwert und Fragestellungspotential heute möglicherweise noch gar nicht ganz absehbar ist. Hier liegt auch eine wichtige Aufgabe für die universitäre Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, die offiziell aber nur an fünf Orten in Deutschland auch explizit als Fach präsent ist (Portal kleine Fächer). Übrigens: Für den Schützenverein als Bauherr scheint weniger die Denkmalpflege als vielmehr der Umgang mit der Totenruhe das Problem, was angesichts der sonst eher kurzen Liegezeiten auf modernen Friedhöfen etwas kurios erscheint.


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 zur Stadtgeschichte

Donnerstag, 8. November 2018

SABA '19 - Internationales Studentisches Archäologie-Symposium

Die AG SABA des Studentischen Arbeitskreises Archäologie Bamberg organisiert vom 25. – 27. April 2019 in der Weltkulturerbestadt Bamberg das vierte Internationale Studentische Archäologie-Symposium.

Dazu erging nun der Call for Papers. Er richtet sich an Studierende der Archäologischen Wissenschaften aus ganz Europa, insbesondere natürlich speziell an die am IADK der Uni Bamberg ansässigen Archäologien (Ur- und Frühgeschichte, Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Archäologie der Römischen Provinzen, Informationsverarbeitung in der Geoarchäologie), aber gerne auch darüber hinaus. "Es soll angehenden Wissenschaftler_innen ermöglichen, ihre Bachelor- oder Masterarbeit zu präsentieren und sich an einem konstruktiven Diskurs zu beteiligen."
Nähere Infos und der Call for Papers (auch auf englisch) finden sich unter

Links

Interner Link

SABA '19 - International Students Conference on Archaeology

The project team AG SABA of the Students archaeological working group Bamberg organises the next, the 4th International Students Conference on Archaeology on 25th to 27th April 2019 in the world heritage city Bamberg.


Now the Call for Papers is out. He aims for papers by students of archaeological disciplines from all over Europe. It is open for all disciplines of archaeology, but refers especially to the disciplines present at the Institute of Archaeological Sciences, Heritage Sciences and Art History at Bamberg university (i.e. prehistoric, Roman, medieval and post-medieval archaeology, and geoarchaeology). "Prospective archaeologists will have the opportunity to present their theses (BA/MA) to a wider audience and participate in a constructive discourse."

More information and the call for papers (in German and English) can be found at

Links

Internal Link

Dienstag, 6. November 2018

Kulturgut in Syrien und Irak (September - Oktober 2018)

In der Region Idlib versuchen diplomatische Initiativen die brüchige Waffenruhe zu halten, doch handelt es sich hier um die letzte Region, in der sich Rebellen unterschiedlicher Ausrichtungen halten. Im Norden stehen türkische Truppen. Das Bergland ist reich an archäologischen Fundstellen, etwa der Welterbestätte der sog. "Toten Städte", spätantiker/byzantinischer Siedlungen.
Zur aktuellen Situation:

 Schadensmeldungen


Meldungen zu einzelnen Kulturstätten in Syrien und Irak

Irak

Mosul:

Eine Tagung der UNESCO am 10.9.2018 in Paris im Rahmen des Projektes  Revive the spirit of Mosul - https://en.unesco.org/projects/the-spirit-of-mosul brachte lokale und internationale Experten und Architekten zusammen, die bei dem Wiederaufbau der Stadt beraten sollen. Die Tagung wurde live übertragen, zahlreiche tweets unter  . Die UNESCO stellt 50 Millionen $ bereits, um den kulturellen und religiösen Geist der Stadt Mosul wieder herzustellen. Das sei der beste Weg, ISIS permanent zu besiegen, äußerte sich UNESCO-Direktorin to rebuild cultural & religious spirit of Mosul. “The best way to ensure permanent defeat of ISIS,” says director Audrey Azoulay.
Mehrere Videos auf YouTube:

Wiederauflebendes kulturelles Leben in Mosul

Sicherstellung von archäologischen Funden in Mosul:
3D-Modell der Zerstörungen in Mosul
Wiederaufbau Samara

Syrien

Palmyra
Dokumentarfilm
Kritik:
Sicherstellung von Funden aus Palmyra, die von Daesh geplündert worden sein sollen:


Idlib
Fahnung durch Interpol nach Funden, die 2015 aus dem Museum in Idlib geklaut wurden:
Damaskus
Währenddessen wird in Damaskus das Nationalmuseum wieder eröffnet, das nur kleinere Schäden zu erleiden hatte. Es war im April 2017 unter Beschuß geraten (vergl. Archaeologik [3.5.2017]). Die syrische Regierung versucht Normalität und Frieden zu suggerieren und einige Meldungen über die Sicherstellung von Kulturgütern sollen wohl auch suggerieren, die Zeit der Barbarei sei vorbei

Raubgrabungen und Antikenhehlerei

Monuments' Men
 3D-Dokumentation und Wiederaufbau

Tagungen

Das Kulturelle Erbe in der Krise, Berlin
INTERPOL's 10th International Symposium on the Theft of and Illicit Traffic in Works of Art, Cultural Property and Antiquities in Hanoi, Vietnam, 17-19 October 2018

Conference "Third All Art and Cultural Heritage Law"  10.11.2018, Genf, UNESCO


Links

frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak





  • Fünf Jahre Syrienberichte. Archaeologik (4.5.2017)
    - Stand April 2017


  • Wie immer geht mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise.  

    Montag, 29. Oktober 2018

    Kulturgüterschutz: Aktuelles aus Ägypten

    Beitrag von Jutta Zerres


    Informationen über die Situation der ägyptischen Kulturgüter sind im Netz in der letzten Zeit deutlich seltener zu finden, während Syrien und der Irak weiterhin im Fokus der Berichterstattung stehen. Besonders Meldungen über Raubgrabungen, wie sie .im Zuge des "Arabischen Frühlings" 2011 erschienen sind, sind rarer geworden. Leider haben auch die Aktivitäten der Gruppe „Egypt‘s Heritage Task Force“, die eine zeitlang mit Vehemenz auf Raubgrabungen und illegalen Bauaktivitäten im Bereich von archäologischen Fundstellen in den sozialen Netzwerken hingewiesen hatten, sehr deutlich nachgelassen. Die Berichterstattung wird vielmehr von Meldungen zu Neufunden und zum Aufbau des „Grand Egyptian Museum“ (Teileröffnung 2019) dominiert. Es ist aber kaum anzunehmen, dass Raubgrabungen und illegaler Handel nachgelassen haben; vielmehr wird hier die Tendenz sichtbar, möglichst positive Nachrichten zu lancieren, um wieder mehr Touristen anzulocken. 
    Hier die Meldungen zum Kulturgüterschutz aus den vergangenen drei Monaten:

    Ein Artikel in ABC News nimmt den Fund von 200 kleinen Artefakten und 20000 Münzen in einem Diplomatengepäck in Neapel aus dem vergangenen Jahre zum Anlass, um über einige länger zurückliegende Fälle zu berichten. Besonders interessant ist ein Video von Google Earth-Satellitenbildern, das die Entwicklung von Raubgrabungsaktivitäten am Gräberfeld von Abusir-al-Malaq zwischen 2010 und 2017 zeigt. 

    Aktuellere Meldungen zu Raubgrabungen und Schmuggel:

    Der ägyptische Zoll und eine Kulturgutschutzeinheit (Egypt’s Antiquity Unit) haben die illegale Ausfuhr eines historischen Manuskripts aus dem 10. Jh. nach islamischer Zeitrechnung (17. Jh. unser Zeit) verhindert. 

    Die Polizei stellte 121 antike Objekte in einem Kairoer Privathaus sicher. 

    Elf Personen wurden von der ägyptischen Polizei festgenommen und 22 Artefakte sichergestellt. 

    Bei einer Hausdurchsuchung in Beni Suef fand die Polizei eine Sammlung von antiken Objekten vor. Die beiden Verdächtigen werden noch gesucht. 

    Drei Personen wegen illegaler Ausgrabungen an pharaonischen Gräbern in Sohag festgenommen.

      Restitutionen:

      Der Botschafter Ägyptens in London nahm ein illegal ausgeführtes Relief mit der Namenskartusche des Pharao Amenemhat I entgegen. 

      Ein hölzerner Sarkophagdeckel, der im März dieses Jahres als Schmuggelgut in einem Sofa versteckt nach Kuwait verbracht werden sollte, ist nun nach Ägypten zurückgekehrt.

      Ein Statuenfragmentes des Pharao Djedefre, das illegal in die Schweiz verbracht worden war und im Freihafen von Genf sichergestellt wurde, soll an Ägypten restituiert werden. Die Rückgabe wird derzeit vorbereitet: 

      Antikenhandel:

      Ein gut erhaltenes Totenbuch aus dem 6. Jh. v. Chr. wurde in Monaco für 1,3 Mio € versteigert. Die Herkunft dieses Stückes scheint für den Berichterstatter keine besondere Rolle zu spielen. Lapidar heißt es: „The Book of the Dead was put up for auction from the private collection of an amateur French collector of Egyptology, who had acquired it in the 1960s“. Es wurde von einem privaten Sammler erworben. 

      Zerstörungen:

      Nach dem großen Brand im Nationalmuseum von Rio de Janeiro ist das Schicksal von ca. 700 ägyptischen Artefakten ungewiss.

      Schutzmassnahmen:

      Die US-amerikanische Botschaft richtete in Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Antikenministerium einen Workshop zum Kulturgüterschutz und zur Verhinderung von illegalem Handel aus. Mitarbeiter des Zolls, der Touristenpolizei und anderer Institutionen berieten über eine verbesserte Zusammenarbeit der beiden Länder.



      Sobek-Tempel von Kom Ombo im Januar 2013
      (Foto: J. Zerres)

      Grundwasser hat jahrzehntelang dem Tempel von Kom Ombo zugesetzt. Ein Drainage-Graben, dessen Baukosten von 9 Mio. $ von den USA übernommen werden, soll nun Abhilfe schaffen. 
      Laufende Restaurierungen an der mittelalterlichen Lehmziegelsiedlung Shali in der Oase Siwa sollen 2020 abgeschlossen werden.




      Montag, 15. Oktober 2018

      Empfang für den Krieger

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      Die Lokjäger - historische Archäologie als Abenteuer

      Anfang Oktober ging vor allem in Südwestdeutschland - Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen - aber auch aufgegriffen von der Washington Post eine Geschichte durch die Medien, die den Bergungsversuch einer Dampflokomotive aus dem Rhein thematisierte. 
      Die in der Maschinenfabrik von Emil Keßler in Karlsruhe gebaute Lok "Rhein" sollte 1852 mit einem Lastensegler zur Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahngesellschaft gebracht werden. Sie sollte auf der Strecke Düsseldorf-Wuppertal eingesetzt werden. In einem schweren Unwetter stürzte die tonnenschwere Lok am 14. Februar 1852 aber bei Germersheim von Bord und versank im Rhein. Mehrere Bergungsversuche nach dem Unfall blieben erfolglos.

      Zum Bergungsvorhaben

      Langjährige Recherchen nach dem genauen Unglücksort und der Lage der Lok erstreckten sich über Jahre. Maßgeblich daran beteiligt waren der Cochemer Lokomotivführer Horst Müller, Volker Jenderny vom Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein und Professor Bernhard Forkmann, inzwischen pensionierter Geophysiker an der TU Freiberg. Als problematisch erwiesen sich die enormen Landschaftsveränderungen im Rheintal. Seit 1817 erfolgte die Rheinbegradigung, die seit dem Verlust der Lok auch den Raum Germersheim betroffen hat.
      Aufgrund der Akten des ehemaligen Straßen- und Flußbauamtes Speyer im dortigen Landesarchiv gelang es 2015 jedoch, eine potentielle Fundstelle auszumachen, die heute doch noch im aktuellen Lauf des Rheins liegt. Seitdem begleitete der SWR das Forschungsprojekt "Jäger der Versunkenen Lok". Geomagnetische Messungen erbrachten 2012 am potentiellen Unglücksort eine Anomalie, die rasch als Signal der Lok interpretiert wurde. Zur Prüfung wurde mehrere Kontrollmessungen durchgeführt.
      Rund 500 000 Euro waren für die Bergung, den Transport und die Restaurierung vorgesehen. Das notwendige Geld wurde von Sponsoren und über eine Crowdfunding-Aktion eingetrieben. Ein Unternehmen erklärte sich bereit, die Arbeiten durchzuführen.
      Über die Bergung berichtete auch das WallStreet Journal - und in Germersheim war man stolz auf die internationale Aufmerksamkeit.

      Das Scheitern der Bergung

      Nachdem eine größere Fläche als ursprünglich vorgesehen  abgebaggert war und dennoch keine Lokomotive gefunden wurde, wurde die Bergung  am 2.10.2018 abgesagt.
      Ungeklärt ist, was die geomagnetische Anomalie verursacht hat. In den Medien werden als Möglichkeiten alte Kabel oder ein Basaltbrocken angeführt. Bernhard Forkmann will dies nun prüfen.

      Gedanken zur Historischen Archäologie

      Weshalb mir diese Geschichte einen Blogpost Wert ist, hat jedoch nichts mit Methodenkritik zu tun (ich selbst kann die Geophysik diesbezüglich nicht einschätzen und habe aus den Medienberichten auch nicht die Angaben herausgesucht geschweige denn mal nachgefragt).
      Interessant finde ich an dem Projekt etwas anderes: Die Kombination von Archivarbeit, historischer Geographie, Geophysik und Ausgrabung macht das Projekt eigentlich zu einem Musterbeispiel einer historischen Archäologie - trotz des Scheiterns. Archäologische Untersuchungen zum 19. und 20. Jahrhundert sind meist eine Archäologie des Horrors, die sich mit Kriegen, Lagern und Mord befasst. Sie hat unbeachtet der Frage, welchen Erkenntnisgewinn Archäologie hier schafft (sie schafft welchen!) unzweifelhaft einen geschichtsdidaktischen Aspekt.
      Das Lok-Projekt hat zwar nicht wie ein primär wissenschaftliches Projekt klar seine Fragestellungen formuliert, aber in den Medienberichten wird durchaus deutlich, was man sich von der Bergung jenseits des Fundes und des Ausstellungsobjektes erhoffte.
      • die genaue Konstruktion der Lokomotive - es hat sich ansonsten keine so alte Lok oberirdisch erhalten, Konstruktionspläne sind oft nicht so genau, wie ältere Rekonstruktionsverusche etwa der Adler gezeigt haben
      • methodisch: genauere Erkenntnisse über die Erhaltungs- und Zersetzungsbedingungen der Materialien im Fluß - etwa in Bezug auf den Farbanstrich der Lok (Ronald Bockius, RGZM-Museum für antike Schiffahrt)
      • Rettung von wertvollem Kulturgut
      • eine Facette der Umwelt- und Kulturgeschichte des Rheins, im Rahmen einer Langfristperspektive
      Vieles an diesen Aspekten wurde wohl von den Journalisten als Story für ihre 90-minütige Dokumentation erdacht, machen aber tatsächlich auch wissenschaftlich Sinn. Allerdings, für den letzten Aspekt beispielsweise, reicht die Geschichte; sie ist nicht abhängig davon, dass die Lok selbst geborgen wird. Die Lokomotive ist diesbezüglich kein direkter Informationsträger - allerdings durchaus das, was sich nun andeutet: Wenn die schriftlichen Quellen aus dem Landesarchiv Speyer richtig interpretiert sind und der Unfallort richtig lokalisiert ist, wurde die Lok flußabwärts verlagert, was die Archivalien so auch ansprechen. Die tatsächliche Lage der Lok wäre dann im Abgleich mit dem Unfallort dann eben doch eine Quelle - im genauen Lagekontext. Prinzipiell ist es auch etwas blauäugig, zu erwarten, die Lok könnte als Ganzes geborgen werden. Mit Sicherheit ist sie inzwischen durch die Kräfte des Rheins und dem zweimaligen Absturz (beim Unfall und einem ersten Bergungsversuch) stark beschädigt.

      Die Akteure sind keine Fach-Archäologen. Diese Feststellung soll sie nicht disqualifizieren, führt aber zu dem Punkt, dass sie in den Medien, nicht zuletzt beim swr als Schatzjäger oder Lok-Jäger stilisiert werden. Kommentare, insbesondere auch nach dem Scheitern feiern sie dennoch als Helden. Gegönnt! Aber nicht dazu angetan, die seriösen wissenschaftlichen Komponenten des Unterfangens angemessen ins Bewusstsein zu bringen.
      Um "die Schatzsuche zu finanzieren, medial zu begleiten" wurde ein Crowd-Funding-Projekt gestartet, das eben auf die Teilhabe an der Schatzsuche setzt und ein Abenteuer verspricht.

      Archäologie wird hier in der medialen Darstellung leider wieder auf die Funde und das Finden reduziert, was in der Kommunikation der Neuzeitarchäologie, die ja noch so jung ist, dass es an klaren Formulierungen und Bewertungen ihres Erkenntniswertes noch weitgehend fehlt, leider ebenso üblich wie kontraproduktiv ist. Diese Verkürzung ist hier allerdings auch der Hebel, um die Öffentlichkeit emotional und mit Spenden einzubeziehen, was etwas die Frage auch nach den negativen Aspekten einer Bürgerbeteiligung aufwirft.



      Kurz: Ein auch nach dem Scheitern faszinierendes Projekt, das allerdings auch Denkstoff für die Profilierung der Neuzeitarchäologie liefert.


      Änderungsvermerk 14.11.2018: kleinere stilistische Korrekturen, Ergänzung eines unvollständigen Satzes im vorletzten Abschnitt

      Sonntag, 14. Oktober 2018

      Der Präsident eskortiert den Leibwächter

      Der Händler redet die Sache schön und behauptet, es hätte keinen Grund gegeben, anzunehmen, dass es illegal war, das Relief aus Persepolis zu entfernen.
      Kopf eines Kriegers
      nach einer Pressemeldung zum Museumsraub 2011
      (Foto: Pressemeldung The Globe and Mail  via Wikipedia)
      “We are pleased to report that the Persian Guard Relief is being returned to Iran. The relief originally came from Persepolis. We have concluded that Iran has a strong moral claim to it… When we acquired the relief, we had no reason to believe that it was unlawfully removed from Persepolis, and we still do not know how and when it left Persepolis, despite claims by some that it was stolen in the early 1930s.”

      Es lässt sich beweisen, dass das Relief im Zeitraum von Mitte der 1930er bis 1950er Jahre abhanden und nach Kanada gekommen ist. Wie stellt sich Händler Wace eigentlich vor, dass der Krieger legal nach Kanada gelangt sein könnte, wenn er keine Papiere vorliegen hatte? Immerhin ist die Ausfuhr von Antiken aus Persien eben seit Beginn der 1930er Jahre verboten. Also, ich habe die genaue - illegale - Provenienz problemlos im Internet finden können, denn es gibt Bilder von dem Relief, als es sich noch in situ befand. Einem fachkundigen Händler hätte das doch ein Leichtes sein müssen, das scheint mir auch zum Minimum der Sorgfaltspflicht zu gehören.

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      Samstag, 13. Oktober 2018

      "Mein Prof. hetzt"

      Neben "mein Lehrer hetzt" gibt es jetzt auch das Portal "Mein Prof. hetzt".
      Das ist undemokratische Einschüchterung und ein Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft. Gar nicht nötig zu sagen, welche Partei dahinter steht.

      Kritik an solchen Umtrieben ist keine Hetze, sondern ein Gebot von Anstand und Moral, Humanismus, Wissenschaftlichkeit und Demokratie.

      Gerade in Zeiten von Fake-News ist Wissenschaft zwangsläufig politisch und muss sich gegen unseriöse Behauptungen und  autoritäre Bestrebungen wehren - egal von welcher Seite. Wer viel Unsinn erzählt, muss viel Kritik erfahren.

      Links


      Links zum Thema:

      Freitag, 5. Oktober 2018

      Historiker nehmen Stellung

      "Geschichtswissenschaft hat die Aufgabe, durch die Analyse historischer Entwicklungen auch zur besseren Wahrnehmung von Gegenwartsproblemen beizutragen und die Komplexität ihrer Ursachen herauszuarbeiten. Angesichts einer zunehmend von demoskopischen Stimmungsbildern und einer immer schnelllebigeren Mediendynamik getriebenen Politik möchten wir betonen, dass nur ein Denken in längeren Zeiträumen die Zukunftsfähigkeit unseres politischen Systems auf Dauer gewährleisten kann."
      aus der Resolution des Deutschen Historikertags 2018

      Links

      Montag, 24. September 2018

      Victory im Fall HMS Victory

      Nach jahrelangem Gerangel um die Bergung der 1744 vor der englischen Küste gesunkenen HMS Victory, hat die britische Regierung nun endlich die Bergungsgenehmigung für eine private Gesellschaft zurück gezogen.
      HMS Victory sinking
      Gemälde von Peter Monamy,
      Loss of HMS Victory, 4 October 1744

      (Collections of the National Maritime Museum)
      [Public domain], via Wikimedia Commons
      Das Risiko für die Erhaltung in situ wird nun eher gering eingeschätzt, während das der damalige Kulturminister 2010 im Widerspruch zur UNESCO-Konvention für den Schutz des Unterwassererbes das Wrack einer gewerblichen Organisation freigegeben hatte, die 80% der Funde verkauft hätte.

      Interne Links


      Sonntag, 23. September 2018

      Brexit gefährdet Westminster Palace

      Zu den befürchteten Auswirkungen eines no-deal-Brexit auf Kultur und Archäologie:
      In vielen Forschungs- und Kulturprojekten stammen 60% der Beschäftigten aus dem EU-Ausland. Restaurierungen selbst des Westminster Palace stünden damit auf der Kippe.

      Donnerstag, 20. September 2018

      Archäonik - hä, was ist denn das?

      Zugegebenermaßen haben wir den Begriff selbst erfunden...
      Ein neu erschienener Artikel erklärt das aber genauer:
      Es geht um die konkrete Anwendung archäologischer Erkenntnisse für die Entwicklung von Zukunftsstrategien. Wer schon länger Archaeologik liest, erinnert sich vielleicht an eine Serie von Blogposts:
      Schon zuvor hatte ich mit Markus Dotterweich am Beispiel der Terra Preta do Indios überlegt, wie solch ein Lernen aus der Vergangenheit praktisch aussehen könnte und wie man dies in eine Forschungsstrategie umsetzen könnte. Wir konnten das damals nicht angemessen publizieren, aber Tagungsbeiträge und nicht zuletzt die Blogposts hier haben Kollegen auf den Plan gerufen und uns eingeladen - unter anderem zu einem Beitrag für die Zeitschrift Quaternary International. Dort ist der Artikel jetzt nach einem peer review erschienen.
      Leider ist die Zeitschrift nicht im OpenAccess und darüber hinaus auch noch beim Verlag Elsevier, der derzeit die Speerspitze der Verlagslobby gegen vernünftig zugängliche Wissenschaftspublikationen darstellt. Viele Bibliotheken, darunter auch die Universität Bamberg boykottieren den Verlag daher mit guten Gründen (HRK-Erklärung). 

      Der Artikel ist angelegt als ein "review paper", das das Potential  (geo)archäologischer Daten zu vergangenen Humanökosystemen im Hinblick auf deren Beitrag zur Entwicklung nachhaltiger Land- und Bodennutzungsstrategien untersucht. Die Betrachtung von Landnutzungssystemen der Vergangenheit erweitert unser Verständnis der langfristigen Prozesse und Jahrtausendereignisse, die letztlich darüber entscheiden, ob Systeme nachhaltig und langfristig sind, oder schnell kollabieren - eine Frage auch der Resilienz.  Beispielhaft konzentriert sich der Artikel auf die anthropogenen Schwarzerdeböden (Anthropogenic Dark Earths, ADE). Diese außerordentlich fruchtbaren Böden kennt man aus verschiedenen Weltregionen, vor allem aber aus dem Amazonas-Gebiet. Sie entstanden unbewusst durch Abfallakumulation als Kulturschichten oder wurden bewusst geschaffen. 
      Wir plädieren dafür, Landnutzungen der Vergangenheit in einem inter- bzw. transdisziplinären Forschungsdesign zu untersuchen und problemorientiert zu untersuchen, welche Möglichkeiten diese heute bieten. Der Ansatz der Archäonik basiert auf einer Ökosystem-Perspektive. Da die (geo)archäologischen Daten  zu vergangenen Landnutzungssystemen immer lückenhaft sind, spielen Analogien, Modellierungen und Experimente eine wichtige Rolle für die Beurteilung der Nachhaltigkeit. Für qualitätvolle Ergebnisse müssen wir möglichst nahe an die vergangene Realität kommen und diese verstehen, sie ist aber letztlich nicht Ziel der Forschungen. Diese liegen in Gegenwart und Zukunft.

      Dienstag, 18. September 2018

      Grenzüberschreitende Archäowerkstatt in Bärnau eröffnet

      Großes Potential für Wissenschaft und Lehre, aber auch für historisches Verständnis, Völkerverständigung über Grenzen und für die wirtschaftliche Entwicklung der oberpfälzischen Grenzregion zu Tschechien bietet das ArchaeoCentrum Bayern-Böhmen. Anknüpfend an den dortigen Geschichtspark, der mittelalterliche Siedlungen vom Früh- bis ins Spätmittelalter präsentiert, besteht es aus der Mittelalterbaustelle und der nun eröffneten Archaeowerkstatt.

      Deren Einweihung geriet daher am  11. September zum großen Event unter Beteiligung des tschechischen Kulturminisiters Antonín Stanek wie auch des bayerischen Kultusministers Bernd Sibler und weiterer regionaler Politprominenz. Dabei betonte der CSU-Minister die große Bedeutung offener Grenzen, die man nicht gefährden dürfe, was in einem bemerkenswerten Gegensatz zur Politik seiner Partei steht.
      Die Kleinstadt Bärnau mit heute rund 3200 Einwohnern (incl. der 34 Ortsteile!) lag lange Zeit im Schattten des eisenern Vorhangs und wurde durch den Niedergang der Knopfindustrie stark getroffen.  Der Aufbau des ArchaeoCentrum lenkte jedoch zahlreiche Fördermittel, von Land, Bund und EU in die Stadt und hat hier bereits einige private Investitionen angeregt.

      Eröffnung der Archäowerkstatt in Bärnau
      (Foto: R. Schreg, 11.9.2018)
      Für die Archäologie ist der Geschichtspark, Mittelalterbaustelle und die Archaeowerkstatt  eine interessante Infrastruktur, um experimentelle Archäologie im Bereich sehr unterschiedlicher Themen praktisch umzusetzen: Einerseits geht es natürlich um Hausbau und Bautechniken, aber auch um Herstellungstechniken und landwirtschaftliche Praxis. Bei der Eröffnung konnte ein Kooperationsvertrag mit den Universitäten Prag und Pilsen unterzeichnet werden, ein entsprechendes Dokument mit der Universität Bamberg wird folgen. Bereits jetzt gibt es im Studiengang der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg regelmäßig auch ein Lehrangebot in der experimentellen Archäologie, das in Bärnau gehalten wird. Die Archaeowerkstatt bietet nun Räumlichkeiten mit der nötigen Infrastruktur für Materialuntersuchungen; Übernachtungsmöglichkeiten für Studierende und Jugendgruppen sind in der Altstadt von Bärnau geplant, wo weitere Kulturprojekte in Angriff genommen wurden.

      Rekonstruktion der frühmittelalterlichen Holzkirche von Kleinlangheim
      im Geschichtspark Bayern-Böhmen
      (Foto: R. Schreg 2018)


      Das Mittelalter mit der sog. Goldenen Straße von Nürnberg nach Prag als Symbol der Bayerisch-Böhmischen Kontakte über die Grenzen hinweg steht hier für die grenzüberschreitende Geschichte, die im 20. Jahrhundert eher von Spannungen und Krieg gekennzeichnet war. So sind in der Region mit Bunkern des Zweiten Weltkriegs, der Gedenkstätte des KZ Flossenbürg und dem ehemaligen Grenzstreifen, in dem auf tschechischer Seite zahlreiche Dörfer abgesiedelt worden sind, auch zahlreiche Monumente der Geschichte des 20. Jahrhunderts präsent und vermitteln so anschaulich die Geschichte dessen, wie sich Grenzen im Lauf der Zeit verändert und verfestigt haben.

      Links zur Eröffnung der Archäowerkstatt


      weitere Links





      Freitag, 14. September 2018

      Staatlich bestellte Geschichte

      Berber Bevernage, Nico Wouters, (Hrsg.)

      The Palgrave Handbook of State-Sponsored History After 1945


      London: Palgrave Macmillan 2018


      ISBN 978-1-349-95306-6

      245,03€, ebook: 190.39 €


      Abgesehen vom völlig überzogenen Preis, handelt es sich um ein wertvolles Buch, lenkt es doch die Aufmerksamkeit darauf, wie Regierungen versuchen, die Deutungshoheit über die Geschichte zu gewinnen, indem sie Archive, Bibliotheken und Forschungsstrukturen manipulieren. Weit von Verschwörungstheorien entfernt, schildern die wissenschaftlichen Beiträge vornehmlich von Historikern und Rechtswissenschaftlern zahlreiche Beispiele seit 1945.
      Der Band geht systematisch verschiedene staatliche Strategien durch, wie er seine Deutungshoheit durchsetzen möchte, durch Gesetze, durch Steuerung von Archiven und Bibliotheken, durch Forschungsinstitutionen und Programmen der Forschungsförderung, durch Schulbücher und Lehrpläne, durch Museen und Musealisierung, durch Gedenkstätten und Denkmalpflege, durch Gerichtsverfahren und Tribunale, durch Wahrheits- und Historikerkommissionen. Es geht also nicht nur um Zensur oder die Arbeit staatlich angestellter Historiker, sondern auch um all die anderen Steuerungsinstrumente des modernen Staates, um be- oder verhindernde wie auch um fördernde und ermöglichende staatliche Maßnahmen. Da hier auch restriktive Maßnahmen behandelt werden, scheint der Begriff der "state-sponsored history" zu kurz gegriffen

      Diese Einflüsse kritisch zu reflektieren, zeichnet die Geschichts- und Kulturwissenschaften als Wissenschaften aus, insofern ist der vorliegende Band ein ganz grundlegender, wichtiger Beitrag. Oft findet solche Reflektion als Teil der Quellenkritik und der Forschungsgeschichte statt, aber es scheint wesentlich, sich hier ganz grundlegend Orientierung zu verschaffen, denn nicht immer sind die Steuerungsversuche auf den ersten Blick zu erkennen. Die Fallbeispiele des Bandes führen über alle Kontinente und vertreten demokratische wie autokratische Staaten und bieten so auch vielfältige Einblicke.

      Zerstörung ganzer Kulturlandschaften mit staatlicher Förderung in Deutschland:
      rheinischer Braunkohletagebau
      (Foto: R. Schreg, 2018)

      Von den vielen Beiträgen im Band sei hier nur auf den von Cornelia Eisler über die staatliche Unterstützung der Vertriebenen hingewiesen (“State-Supported History” at the Local Level: Ostdeutsche Heimatstuben and Expellee Museums in West Germany, S. 399-413), da er auch die Deutungen der mittelalterlichen Deutschen Ostsiedlung in der Nachkriegszeit anspricht.
      Archäologie spielt in dem Band aber so gut wie keine Rolle (lediglich  der Beitrag von G. Plets kommt in Bezug auf Russland auch hin und wieder darauf zu sprechen), was der identitätsstiftenden Rolle früherer Epochen nicht gerecht wird. Zwar liegen die konkreten Staatsinteressen an der Vergangenheit zumeist in jüngerer Zeit, da hieraus eigenes Handeln gerechtfertigt wird, aber zumeist wird die nationale Identität in ferner zurück liegender Vergangenheit begründet, die dabei meist zurecht gebogen werden muss. Aktuelle Beispiele sind Serbien (Archaeologik 6.2.2015 und 23.8.206) oder Ungarn (Achaeologik 24.5.2012), aber auch Panama, oder der Irak, wo die Vergangenheit in verschiedener Weise für Identitätsstiftung genutzt wird. Anzuführen sind aber auch all jene Fälle, in denen die Zerstörung von Kulturgut aus ideologischen oder wirtschaftlichen Gründen staatlich (oder von regionalen Machthabern) gefördert wird. Das beinhaltet auch all die Zerstörungen durch Bauprojekte und Wirtschaftsinvestitionen, die auch in Deutschland  mit staatlicher Unterstützung vorangetrieben werden und - wie etwa in der rheinischen Braunkohle - Kulturerbe zerstören und Wissenschaft ausbremsen. An dieser Stelle wird der Band seinem Anspruch, Handbuch zu sein, nicht ganz gerecht, denn dass die materiellen, archäologischen Geschichtsquellen bei solch einem Thema ausgeblendet werden, ist nicht mehr zeitgerecht.
       
      Dennoch sollte er auch von archäologischer Seite rezipiert werden, denn die angesprochenen Probleme sind dem Fach keineswegs fremd und bedürfen kritischer Begleitung. Hier könnte der Band Impulse geben.


      Inhalt

      • Berber Bevernage, Nico Wouters: State-Sponsored History After 1945: An Introduction (S. 1-36)

      1. Memory Laws and Legislated History

      • Antoon De Baets: Laws Governing the Historian’s Free Expression (S. 39-67)
      • Pietro Sullo: Writing History Through Criminal Law: State-Sponsored Memory in Rwanda (S. 69-85)
      • Stiina Löytömäki: French Memory Laws and the Ambivalence About the Meaning of Colonialism ( S. 87-100)
      • Pierre-Olivier de Broux, Dorothea Staes: History Watch by the European Court of Human Rights (S. 101-119)
      • Tomas Balkelis, Violeta Davoliūtė: Legislated History in Post-Communist Lithuania (S. 121-136)

      2. Archives and Libraries

      • Trudy Huskamp Peterson: Archives, Agency, and the State (S. 139-159)
      • Niké Wentholt: Open Archives to Close the Past: Bulgarian Archival Disclosure on the Road to European Union Accession (S. 161-175)
      • Michael Karabinos: Archives and Post-Colonial State-Sponsored History: A Dual State Approach Using the Case of the “Migrated Archives” (S. 177-190)
      • Dora Komnenović: The “Cleansing” of Croatian Libraries in the 1990s and Beyond or How (Not) to Discard the Yugoslav Past (S. 191-206)

      3. Research Institutes and Policies

      • Lutz Raphael: State Authority and Historical Research: Institutional Settings and Trends Since 1945 (S. 209-236)
      • Rommel A. Curaming: Official History Reconsidered: The Tadhana Project in the Philippines (S. 237-253)
      • Idesbald Goddeeris: History Riding on the Waves of Government Coalitions: The First Fifteen Years of the Institute of National Remembrance in Poland (2001–2016) (S. 255-269)

      4. Schools, Curricula and Textbooks

      • Peter Seixas: History in Schools (S. 273-288)
      • Luigi Cajani: History Teaching for the Unification of Europe: The Case of the Council of Europe (S. 289-305)
      • Denise Bentrovato: Teaching History Under Dictatorship: The Politics of Textbooks and the Legitimation of Authority in Mobutu’s Zaire (S. 307-321)
      • Lynn Lemisko, Kurt Clausen: The “National Dream” to Cultural Mosaic: State-Sponsored History in Canadian Education (S. 323-338)
      • Gotelind Müller: China’s History School Curricula and Textbook Reform in East Asian Context (S. 339-352)
      • Achim Rohde: Teaching History in Israel–Palestine (S. 353-370)

      5. Museums and Musealisation

      • Ilaria Porciani: History Museums (S. 373-397)
      • Cornelia Eisler: “State-Supported History” at the Local Level: Ostdeutsche Heimatstuben and Expellee Museums in West Germany (S. 399-413)
      • Patrizia Violi: State Agency and the Definition of Historical Events: The Case of the Museo de La Memoria Y Los Derechos Humanos in Santiago, Chile (S. 415-430)
      • Christian Wicke, Ben Wellings: History Wars in Germany and Australia: National Museums and the Relegitimisation of Nationhood (S. 431-445)

      6. Memorials, Monuments and Heritage

      • Shanti Sumartojo: Memorials and State-Sponsored History (S. 449-476)
      • Ewa Ochman: Spaces of Nationhood and Contested Soviet War Monuments in Poland: The Warsaw Monument to the Brotherhood in Arms (S. 477-493)
      • Gertjan Plets: Heritage Statecraft: Transcending Methodological Nationalism in the Russian Federation (S. 495-509)

      7. Courts, Tribunals and Judicial History

      • Richard J. Golsan: The State, the Courts, and the Lessons of History: An Overview, with Reference to Some Emblematic Cases (S. 513-534)
      • Lawrence Douglas: The Historian’s Trial: John Demjanjuk and the Prosecution of Atrocity (S. 535-549)
      • Vladimir Petrović: Germany Versus Germany: Resistance Against Hitler, Postwar Judiciary and the 1952 Remer Case (S. 551-565)
      • Ramses Delafontaine: Historical Testimony for the Government in US v. Philip Morris, et al. (S. 567-581)
      • Nasia Hadjigeorgiou: A One-Sided Coin: A Critical Analysis of the Legal Accounts of the Cypriot Conflicts (S. 583-595)

      8. Truth Commissions and Commissioned History

      • Eric Wiebelhaus-Brahm: Truth Commissions and the Construction of History (S. 599-620)
      • Stephan Scheuzger: Truth Commissions and the Politics of History: A Critical Appraisal (S. 621-636)
      • Nina Schneider, Gisele Iecker de Almeida: The Brazilian National Truth Commission (2012–2014) as a State-Commissioned History Project (S. 637-652)
      • Oz Frankel: The 9/11 Commission Report: History Under the Sign of Memory (S. 653-668)
      • Onur Bakiner: Truths of the Dictatorship: Chile’s Rettig and Valech Commissions as State-Sponsored History (S. 669-684)

      9. Historical Expert Commissions and Commissioned History

      • Eva-Clarita Pettai: Historical Expert Commissions and Their Politics (S. 687-712)
      • Erna Rijsdijk: Reconstituting the Dutch State in the NIOD Srebrenica Report (S. 713-725)
      • Martha Cecilia Herrera, José Gabriel Cristancho Altuzarra, Carol Juliette Pertuz: Memory Institutions and Policies in Colombia: The Historical Memory Group and the Historical Commission on the Conflict and Its Victims (S. 727-740)
      • Seiko Mimaki: Diversified and Globalized Memories: The Limits of State-Sponsored History Commissions in East Asia (S. 741-755)