Montag, 10. September 2018

Die Burg Henneberg in Südthüringen

Rezension von Fabian Schwandt

Ines Spazier
mit Beiträgen von Kevin Bartel, Hans-Volker Karl, Oliver Mecking, Volker Morgenroth, Johannes Mötsch, Ralf-Jürgen Prilloff, Benjamin Rudolph, Tim Schüler, Corina Seidl, Wolf-Rüdiger Teegen, Gisela Wolf, Günther Wölfing

Die Burg Henneberg in Südthüringen.
Stammburg der Henneberger Grafen



(Langenweissbach: Verlag Beier & Beran 2017)

ISBN 978-3-95741-057-3

2 Bände, insg. 568 S., 238 Farbabb., 116 Tafeln und 3 Beilagen
89,00 €

Wie der Herausgeber Sven Ostritz, Landesarchäologe von Thüringen und Präsident des Thüringischen Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie in seinem Vorwort ausführt, handelt es sich bei der Burgruine Henneberg um ein „vergessenes“ Denkmal. Die Lage an der ehemaligen innerdeutschen Grenze sorgte dafür, das die Anlage jahrzehntelang keinerlei wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhielt und verfiel. Nach der Wiedervereinigung wurden dann in rascher Folge denkmalpflegerische Maßnahmen und eine Grabungskampagne durchgeführt, deren Publikation aber nicht über Vorberichte hinaus kam. Um so schöner ist es, das Ines Spazier, Mitarbeiterin am Landesamt, die Burg nun mit der Unterstützung vieler Mitautoren aus ihrem Schlaf geweckt hat und mit diesem Werk eine umfassende Aufarbeitung der archäologischen Ausgrabungen und der Geschichte vorlegt.
Die Burg Henneberg ist der Stammsitz des gleichnamigen Grafengeschlechts, welches von seiner ersten Erwähnung im 11. Jahrhundert bis zum seinem Aussterben im 16. Jahrhundert zeitweise das bedeutendste Adelsgeschlecht im südthüringischen und fränkischen Raum war. An gleicher Stelle befand sich auch schon einmal eine eisenzeitliche Höhensiedlung. Von der mittelalterlichen Burganlage sind heute noch der Bergfried, ein Rundturm, der Großteil der Ringmauer und einige kleinere Mauerreste erhalten. 1992-1995 (unter Mitarbeit des Lehrstuhl für Prähistorische Archäologie der Martin-Luther-Universität Halle-Witten und des Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg) und 2001-2002 wurden jeweils Grabungen durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie durchgeführt.
Bergfried der Burg Henneberg, Ansicht von Westen.
(Foto: Dietrich Krieger [ CC-BY-SA-3.0]
via WikimediaCommons)
Im ersten Band wird nach einigen Vorworten die Geologie des Henneberger Raumes, die Topografie der Burg und die Forschungsgeschichte der bisherigen Untersuchungen auf der Henneberger Burg erläutert. Sodann wird chronologisch erst auf die Befunde, dann die Funde der hallstattzeitlichen Besiedlungsphase eingegangen. Durch die starke Überprägung in mittelalterlicher Zeit werden hier allerdings keine weitergehenden Betrachtungen angestellt, obgleich das Fundmaterial zum Beispiel eine gedrechselte Bernsteinperle enthält, zu der sich in dieser Form fast keine Vergleichsfunde herausstellen lassen (S. 71f.).

Rundturm mit Teilen der Außenmauer, von Osten gesehen.
(Foto: Detlef Mewes [PublicDomain]
via WikimediaCommons)
Nach einer kurzen Betrachtung der mittelalterlichen politischen Umgebung der Burg Henneberg und der umgebenden Burgen, Klöster, Pfalzen und frühmittelalterlichen Siedlungen, widmet sich die Autorin im Hauptteil den hoch- und spätmittelalterlichen Befunden und Funden. Hier zeigt sich auch die Sorgfalt, mit der die Grabungen durchgeführt wurden: so wurde im Innenraum des Rundturmes eine organische Schicht festgestellt, bei der es sich tatsächlich um erhaltenen Stalldung handelt (S. 107). Danach folgen Ausführungen zur Baugeschichte und ein historischer Abriss über die Besitzer und ihre Vögte und ein kurzer Abschnitt über die auf der Burg befindliche Katharinenkapelle und die dazu erhaltenen schriftlichen Quellen. In diesem Teil hätte man auf einige Quellenauszüge verzichten können, die von einem Autoren übernommen wurden, der aber selbst keine Quellenangaben für diese Auszüge angegeben hat. Da diese Auszüge nur kurz und ohne wesentliche Informationen sind und ihr Inhalt auch nicht geprüft werden kann, wäre ihr Weglassen an dieser Stelle nicht tragisch gewesen (S. 216f).

Als letztes folgt noch ein kurzer, vergleichender Abschnitt, der die archäologischen und historischen Quellen zusammenführt. So konnte ein schriftlich belegter Blitzeinschlag mit anschließendem Feuer im Jahre 1308 durch Brandrötung des Felsen zwischen Rundturm und Kapellenturm nachgewiesen werden, ebenso, das einer der beiden Türme infolge dessen eingestürzt sein muss (S. 221).

Im zweiten Teil des ersten Bandes werden die naturwissenschaftlichen Untersuchungen zusammengefasst, namentlich die Auswertungen der Tierknochen, der pflanzlichen Makroreste, die Analyse der verschiedenen Glasfunde und die geophysikalischen Prospektionen auf der Burg Henneberg.
Der zweite Band dient als Katalog. Es werden Befundbeschreibungen und -zeichnungen, Fundbeschreibungen und -zeichnungen sowie die die Tabellen zu den Tierknochenuntersuchungen aufgeführt, zusätzlich noch Pläne und verschiedene Zeichnungen und grafische Darstellungen der Burg beziehungsweise ihrer Ruine in der Vergangenheit. Bei den Zeichnungen der Keramik und bei besonderen Fundstücken wurden Fotografien daneben gestellt, was dem Betrachter zusätzliche Informationen gibt und einen besseren Vergleich gestattet.

Fazit

„Die Burg Henneberg in Südthüringen“ ist methodisch und in der Ausführung sehr gut gelungen und stellt wichtige Informationen und Aspekte dar, die bis jetzt so noch nicht veröffentlicht und einem breiten (Fach)publikum zur Verfügung gestanden haben. Da so viele Autoren an diesem Werk mitgearbeitet haben, ist es nur natürlich, dass der Sprachfluss manchmal etwas zerhackt wirkt und sich manche Fakten gerade in den Einleitungen wiederholen.
Insgesamt ist es eine vollständig wirkende und sehr hochwertig gedruckte Arbeit, die den aktuellen Stand und die Möglichkeiten der Archäologie wiedergibt. Darüber hinaus gehende Betrachtungen oder Auswertungen fehlen weitestgehend, worauf die Publikation, die sich als Grabungspublikation versteht, selbst aber auch keinerlei Anspruch erhebt. Die erhaltenen Quellen werden umfänglich dargestellt, ihren eigenen Zielsetzungen wird sie also absolut gerecht. Damit bietet der Band Wissenschaftlern, wie auch dem interessierten Publikum aus der Region wie auch der Burgen-Fans wichtige Ansatzpunkte für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Burgenbau der Region.

Literaturhinweise

  • P. Helmut-Eberhard, Burgen in Thüringen: Geschichte, Archäologie und Burgenforschung (Regensburg 2007).
  • R. Küchenmeister, Ausgrabungen auf der Burg „Henneburg“, Landkreis Schmalkalden-Meinigen, Ausgrabungen und Funde im Freistaat Thüringen 6, 2002, 35-43.
  • H. Schwarzberg, Die Ausgrabungen auf der Burg Henneberg. Vorbericht der Kampagnen 1992- 1995, 900 Jahre Henneberger Land 1096-1996. Jahrbuch der Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsverein 11, 1996, 163-168.

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Text
  • Vorwort des Herausgebers – S. 7
  • Vorwort der Autorin – S. 7
  • Archäologie – Bauforschung – Geschichte
  • Ines Spazier: Einleitung – S. 11
  • Volker Morgenroth: Zur Geologie im Henneberger Raum – S. 13
  • Ines Spazier: Lage und Beschreibung der Burgruine Henneberg – topografische und naturräumliche Angaben – S. 21
  • Ines Spazier: Forschungsgeschichte zu den Abbruch- und Sanierungsarbeiten sowie den archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen auf der Burgruine Henneberg – S. 25
  • Kevin Bartel: Die archäologischen Ausgrabungen auf der Burg Henneberg – die hallstattzeitliche Höhensiedlung – S. 41
  • Kevin Bartel: Das vorgeschichtliche Fundmaterial der Burg Henneberg – S. 49
  • Kevin Bartel: Die früheisenzeitliche Besiedlungsentwicklung im südlichen Thüringen – S. 77
  • Ines Spazier: Politische und siedlungsgeschichtliche Verhältnisse im Grabfeld im ausgehenden 8. -11. Jh. – historische Voraussetzungen zur Gründung der Burg Henneberg – S. 83
  • Ines Spazier: Die Archäologischen Ausgrabungen auf der Burg Henneberg – die mittelalterliche Burg der Henneberger Grafen – S. 93
  • Ines Spazier: Das mittelalterliche Fundmaterial der Burgruine Henneberg – S. 141
  • Benjamin Rudolph: Zur Baugeschichte der Burgruine Henneberg – S. 183
  • Johannes Mötsch: Die Burg Henneberg unter den Grafen von Henneberg – die Besitzer und ihre Burgmannen – S. 197
  • Günther Wölfing: Die Kapelle St. Katharina auf der Burg Henneberg in der schriftlichen Überlieferung – S. 211
  • Ines Spazier: Vergleichende Betrachtungen der archäologischen und bauhistorischen Ergebnisse mit den archivalischen Quellen – S. 219

Naturwissenschaftliche Untersuchungen
  • Hans- Volker Karl: Auswertung der Tierknochen vom Nordwestteil der Burganlage – S. 227
  • Ralf-Jürgen Prilloff: Auswertung der Tierknochen vom Südteil der Burganlage – S. 241
  • Wolf-Rüdiger Teegen & Ralf-Jürgen Prilloff: Spuren krankhafter Veränderungen an Tierknochen von der Burg Henneberg – S. 275
  • Gisela Wolf: Die pflanzlichen Makroreste der Burg Henneberg – S. 283
  • Oliver Mecking: Analyse der Glasfingerringe von der Burg Henneberg – S. 289
  • Corina Seidl: Einblick in das Glasinnere - naturwissenschaftliche Untersuchung von Flachglasscherben von der Burg Henneberg – S. 295
  • Tim Schüler. Geophysikalische Prospektionen auf der Burg Henneberg – S. 299
  • Ines Spazier: Zusammenfassung – S. 301
  • Literatur- und Quellenverzeichnis – S. 305
  • Abbildungsnachweis – S. 329
  • Autorenverzeichnis – S. 333

Teil 2: Kataloge, Tabellen, Tafeln, Beilagen
  • Ines Spazier; Kevin Bartel: Gesamtkatalog
    • Allgemeine Angaben – S. 7
  • Verzeichnis der hallstattzeitlichen und mittelalterlichen Baustrukturen – S. 9
    • Katalog der Ausgrabungen von 1992 bis 1995 – S. 10
    • Katalog der Ausgrabungen von 2001 bis 2002 – S. 47
  • Hans-Volker Karl: Anhang zu den Tierknochenuntersuchungen vom Nordwestteil der Burganlage
    • Katalog – S. 71
    • Tabellen – S. 119
    • Maß-Tabellen – S. 125
  • Hans-Volker Karl: Anhang zu den Tierknochenuntersuchungen vom Südteil der Burganlage
    • Katalog – S. 129
    • Tabellen – S. 155
    • Maß-Tabellen – S. 211
  • Tafeln – S. 235
    • Taf. 1-20 Pläne
    • Taf. 21-31 Profile
    • Taf. 32-101 Fundtafeln
    • Taf. 102-116 Historische Darstellungen
  • Beilagen






Fabian Schwandt ist Masterstudent der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg. Dort machte er auch seinen Bachelor in den Archäologischen Wissenschaften mit einer Arbeit über „Helme und Panzerung des frühen und hohen Mittelalters und ihr archäologischer Nachweis“.

Mittwoch, 5. September 2018

Kulturgut in Syrien und Irak (Juli - August 2018)

Der Krieg in Syrien ist noch nicht vorbei, die Angriffe auf Menschen und auch die Kulturgutzerstörung gehen weiter. In Bosra soll ein Luftangriff der Assad-Truppen das römische Theater getroffen haben. Immer wieder ist die Rede von Zerstörungen durch türkisches Militär und dessen Verbündeten. Wenig erfährt man aber selbst über die Situation in Nordsyrien, wo auch  auch US-Truppen stehen, unter deren Schutz laut arabischer Quellen archäologische Forschungen  laufen sollen.
Die Region Idlib wird wohl der nächste Schwerpunkt des Bürgerkriegs, hier bereitet sich die syrische Armee mit russischer Unterstützung für einen Schlag gegen die Rebellen vor. Die Gegend ist reich an archäologischen Fundstellen und voll mit Flüchtlingen aus den vorherigen Kampfzonen.

Schadensberichte

letzter ASOR monthly report Mai 2018: http://www.asor-syrianheritage.org/asor-chi-mr-may-2018/

Meldungen zu einzelnen Kulturstätten in Syrien und Irak

Bosra

Aleppo
Palmyra
beginnende Restaurierungsarbeiten vor Ort
Mosul (Irak)
al-Sheikh Mansour
Der russische Nachrichtenkanal Sputnik verbreitet die Information wonach die Terrormiliz der al-Nusra Raubgrabungen auf der Kulturstätte al-Sheikh Mansour bei Saraqeb in der Provinz Idleb durchführt. Nach den russisch unterstützten Angriffen der syrischen Armee auf die letzten Hochburgen der Rebellen waren die Überlebenden in die Region Idlib transportiert worden. Dort sei nun an der Grenze zur Türkei ein Markt für Waffen und Antiken entstanden. Der Bericht zitiert mehrere ungenannte örtliche Quellen. So glaubhaft es generell ist, dass nicht nur der IS sich der Einkommen aus Raubgrabungen und Antikenhandel bedient, so sind doch bei allen Berichten aus Syrien immer auch die Propagandaabsichten zu berücksichtigen. Der Ort an dem die Rebellen 2012 28 Soldaten der syrischen Armee hinrichteten war seitdem mehrfach Ziel von Giftgasangriffen.
Von der Fundstelle, einem bislang wissenschaftlich nicht untersuchtem Tell, sind Raubgrabungszerstörungen in Luftbildern schon 2012 nachgewiesen.  2012 war auch bereits ein islamischer Schrein zerstört worden. Zwischen Dezember 2017 und Februar 2018 wurden militärische Stellungen auf dem Hügel angelegt.

Tell Sheikh Mansour in Google Earth. In den Bildern vom 21.2.2017 sind bereits einige Schäden erkennbar.


    Manbidsch (Nordsyrien)
    Idlib

      Raubgrabungen und Antikenhehlerei



      3D-Rekonstruktionen

      Einordnungen

        Links

        frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak




      • Fünf Jahre Syrienberichte. Archaeologik (4.5.2017)
        - Stand April 2017




      • Wie immer mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise.  

        Montag, 3. September 2018

        Ausgebrannt - Fragen zur Zerstörung des Nationalmuseums in Rio

        Mit den eindringlichen Bildern des Großfeuers im Nationalmuseum von Rio de Janeiro, das wohl weitgehend mitsamt seinen 200 Jahren alten Sammlungbeständen zerstört ist, ging die Meldung um die Welt: Das brasilianische Nationalmuseum mit über 2 Mio Exponaten aus den bereichen Archäologie Anthropologie, Ethnologie und Zoologie ist vollständig abgebrannt.

        Die erschreckende Ästhetik des Feuers: Brand des Nationalmuseums in Rio de Janeiro
        (Foto: Felipe Milanez [CC BY SA 4.0] via WikimediaCommons)
        Die Medien berichten aber auch darüber, dass aufgrund erheblicher Mittelkürzungen seit langem Verbesserungen des Brandschutzes auf der Agenda standen, aber durch immer weitere Finanzstreichungen nicht umgesetzt werden konnten.
        Der Vize-Direktor des Museums, Luiz Duarte beschuldigt die Regierung, dass sie das Museum hat verkommen lassen und an Kultur so desinteressiert gewesen sei, dass noch nicht einmal zum 200. Jubiläum im Juni ein Staatsminister erschienen sei. Laut einer Pressemeldung des Museums wurde gerade mit der staatlichen Entwicklungsbank BNDES eine Vereinbarung getroffen, mit der auch Brandschutzmaßnahmen hätten finanziert werden sollen. 
        Die Feuerhydranten vor dem Museum waren defekt, so dass Löschwasser aus einem nahe gelegenen See mit Tankwagen herbei geschafft werden musste. Roberto Leher, Rektor der Universidade Federal do Rio de Janeiro (UFRJ), unter deren Verantwortung das Museum stand, kritisierte die Arbeit der Feuerwehr. "Wir haben klar erkannt, dass es an der Logistik und der Infrastruktur der Feuerwehr mangelt, um solch verheerenden Ereignissen wie diesem Feuer Rechnung zu tragen." 
        Der Tagesspiegel schreibt, dass Mittelkürzungen im Kultursektor in der Finanzkrise Brasiliens normal seien: "Beim Nationalmuseum betrafen die Kürzungen aber sogar das Budget für die Gebäudeinstandhaltung. Mehrfach musste das Museum schließen, weil die Löhne für das Reinigungs- und Aufsichtspersonal nicht gezahlt wurden. Mit der Zeit wurden auch Ausstellungsräume geschlossen. Wer das Museum betrat, konnte die Vernachlässigung sehen. Termiten hatten sich in der hölzernen Struktur eingenistet, der Putz bröckelte, Kabel verliefen offen an den Wänden. Es war erkennbar, dass die Regeln zum Brandschutz nicht eingehalten wurden."  Desweiteren sollen im Gebäude auch feuergefährliche Stoffe für die Konservierung der Exponate gelagert gewesen sein.
        Polizeiliche Ermittlungen sollen klären, ob Brandstiftung vorliegt. Das Feuer war am Abend des 2.9. nach Schließung des Museums ausgebrochen und war erst am folgenden Vormittag so weit unter Kontrolle, dass die Ruine betreten werden konnte. 

        Brasiliens Kulturminister Sérgio Sá Leitao räumte ein, dass das Museum über Jahre vernachlässigt wurde. Statt in den Erhalt des Museums, dessen jährlicher Etat zuletzt nicht einmal 130.000  betragen hat, zu investieren, wurden trotz der schweren Finanzkrise in Brasilien über 55 Mio $ in einen prestigeträchtigen Museumsneubau für ein umweltbildungspolitisch wohl durchaus sinnvollen "Museum von Morgen" (Museu do Amanhã) ausgegeben - ein Muster, das auch in Deutschland bekannt ist: Die Politik macht eher Geld für prestigeträchtige neue Projekte locker, anstelle den Bestand zu sichern siehe Archaeologik 30.4.2018).
        Ein Video des Universitätsfotographen Fernando Sousa auf facebook zeigt Solidaritätsbekundungen und Protest gegen die Kulturpolitik. 

        Neben klassisch-archäologischen Sammlungen mit Funden aus Ägypten und dem Mittelmeerraum, die im Kern noch im 19. Jahrhundert  zusammengetragen und mit dem portugiesischen Kaiserhaus den Weg in die Neue Welt gefunden haben, wurde seit 1867 eine umfangreiches Archiv zur Archäologie in Brasilien, aber auch der gesamten präkolumbischen Welt zusammen getragen. Insgesamt beherbergte das Museum 20 Mio Objekte. Der berühmte Bendego-Meteorit (engl. wikipedia) hat das Feuer überstanden.
        Laut der Movilversion der Museumshomepage waren Teile der Archäologischen Ausstellung wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.


        Links



        Nachtrag:

        Donnerstag, 23. August 2018

        Fake News des Antikenhandels

        Auf EU-Ebene steht eine Neuregelung des Kulturgüterschutzes an. Der Kunsthandel bringt sich in Stellung - mit den altbekannten Argumenten.

        Natürlich möchte der Kunsthandel nicht mit Terrorismusfinanzierung in Verbindung gebracht werden und so erklärt sich auch, dass er sie als "Mär" bezeichnet. Es gibt indes einige Beweise und Indizien dafür, dass IS/ Daesh tatsächlich Geld mit Raubgrabungen und Antikenhandel gemacht hat, etwa die Dokumente des Abu Sayyaf. Das ist übrigens auch die Aussage des niederländischen Berichts, der keineswegs bestreitet, dass IS in Raubgrabungen und Handel involviert ist, sondern nur die bisherigen Schätzungen in Frage stellt: "Despite flawed media reports, it is clear that IS destroys cultural heritage sites and is involved in the illegal trade of cultural property..." - http://iadaa.org/wp-content/uploads/2016/05/Cultural-Property-War-crimes-and-Islamic-State-2016.pdf)
        Die Summen sind freilich schwer einzuschätzen, denn die Mehrzahl der illegal ausgegrabenen Funde wird erst in den kommenden Jahren mit falschen Provenienzen in den Markt sickern. Einstweilen liegen sie bei Zwischenhändlern oder vielleicht auch schon in Freihandelslagern. Daesh hat nur punktuell selbst die Raubgrabungen durchgeführt, er hat sie vielmehr in seinem Territorium legalisiert und hoch besteuert. Damit hat er nicht von den hohen Marktpreisen profitiert, aber zeitnah und vor allem wohl für die große Masse der Raubgrabungsfunde kassiert. "Blutantiken" sind nicht die teuren exzeptionellen Stücke, sondern alle unter IS/Daesh ausgegrabenen Funde. Es liegt in der Natur der Sache, dass Daesh nie als Provenienzangabe zu finden sein wird.
        Und es geht längst nicht nur um IS/ Daesh.

        Plünderung in Isin im Irak, 2003
        (Foto: United States Department of Defense [PD] via WikimediaCommons)

        So wird immer wieder einmal auf die alten Sammlungen verwiesen - in den Provenienzangaben der Auktionskataloge ist eine" alte" Sammlung indes oft nur wenige Jahre alt.  Problematisch sind hier vor allem die juristischen Konstruktionen des gutgläubigen Erwerbs, der beispielsweise bei einer Auktion in Anspruch genommen werden kann. Vergessen wird dabei, dass etwa im Osmanischen Reich - mit einer berüchtigten Bürokratie - schon seit den 1860er Jahren die Ausfuhr von Antiken verboten war.

        Der Fall eines geometrischen Bronzepferdchens

        Im konkreten Falle eines geometrischen Pferdchens ist genau das das Problem. Griechenland hat es aus einer Auktion bei Sothebys zurückgefordert, aber es war juristisch durch frühere Verkäufe gewaschen. Der Rückforderung mit dem Argument zu begegnen, dass ja keine klare Provenienz angegeben werden könne, ist dreist, denn die Vernichtung der Fundkontexte und ihrer Kenntnis ist ja genau der Schaden, den es durch die Bekämpfung des Antikenhandels zu verhindern gilt. "Angaben dazu, wann oder wo das Objekt gestohlen worden sein soll, waren dem Schreiben nicht beigefügt." Wie sollten sie auch?
        Für illegale Funde aus Raubgrabungen kann logischerweise kein Nachweis über den Fundort geführt werden, der wird schließlich mit nichtssagenden Provenienzangaben gezielt verschleiert - sehr wohl aber für legale Exporte, die eigentlich eben schon lange genehmigungspflichtig waren.

        Wenn mit rhetorischen Fragen impliziert wird, dass Rechtsanspruch und Rückgabeansinnen ungerechtfertigt seien, so spielt das auch mit der falschen Vorstellung, es gehe nur um einzelne singuläre Objekte. Die große Masse der Funde im Handel ist problematisch und unter der derzeitigen Rechtslage ist es mit den verfügbaren Ressourcen gar nicht möglich, dass die Behörden jeweils ihre Ansprüche geltend machen können.
        "Warum also blieb Griechenland trotz zweier nachweislicher Veröffentlichungen über Jahrzehnte untätig, selbst wenn vergleichbare Objekte versteigert wurden? Weil davon laut Experten geschätzt 1100 existieren, die sich seit Jahrzehnten in institutionellen Sammlungen wie dem Louvre (Paris, seit 1912) oder dem Metropolitan (New York, seit 1921) und teilweise seit Jahrhunderten in Privatkollektionen befinden?"
        Eher: Weil gar nicht die Kapazitäten da sind, dem Massenphänomen gerecht zu werden! So konzentriert man sich in der Verfolgung auf die Fälle, wo eine gewisse Aussicht besteht, dass man die Fake-Provenienzen aufdecken kann.
        Ob eine Rückgabeforderung gerechtfertigt ist oder nicht, ist auch nicht abhängig davon, ob ein Fund vergleichbar massenhaft im Umlauf ist (wie bei Münzen). Derzeit kann das nur dort pragmatisch versucht werden, wo Unstimmigkeiten oder andere Indizien zu den Provenienzen bekannt sind.
        Insgesamt ist auch die Rückgabe nicht die Lösung des Problems. Die Funde sollten nicht undokumentiert aus dem Boden gerissen werden, Geländedenkmale nicht ohne wissenschaftlich angemessene Dokumentation zerstört werden.

        Interne Links

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        Dienstag, 14. August 2018

        Von der Grubenhütte zum Pfarrhaus

        H. Wiegand/ K. Wirth (Hrsg.)

        Von der Grubenhütte zum Pfarrhaus.
        Archäologie und Geschichte der Parzelle Oberdorfstraße 3 in Heddesheim

        Sonderveröffentlichung der Mannheimer Geschichtsblätter Band 10
        Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen Band 68

        Mannheim 2017

        ISBN 978-3-95505-069-4

        248 S.


        “Mit den Ausgrabungen in der Oberdorfstraße 3 in Heddesheim gelang es in den Jahren 2013/14 erstmalig, mit Hilfe archäologischer Methoden eine lückenlose Aufeinanderfolge von Bebauungsspuren vom Hochmittelalter (11./12. Jahrhundert) bis ins 20. Jahrhundert nachzuweisen“ (K. Wirth, S. 99). Damit ist die Bedeutung des Bandes grundsätzlich umrissen.

        In 12 Beiträgen wird die Geschichte des ehemals an zentraler Stelle im Dorf gelegenen Hauses beschrieben. Dabei spielen die Bewohner, insbesondere der 1848er Revolutionär Georg Friedrich Schlatter ebenso eine Rolle wie die Hausgeschichte und die an Gegenständen des ehemaligen Inventars greifbare Kulturgeschichte. Neu ist, dass archäologische Forschungen dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Da solche interdisziplinäre Studien innerhalb dörflicher Siedlungen dermaßen Mangelware sind, dass noch kaum Erfahrungen und - wie beispielsweise in der Stadtarchäologie - etablierte Fragelisten vorliegen, lohnt, es sich, einen genaueren Blick auf die Publikation und die ihr zugrunde liegenden archäologischen Daten zu werfen.

        Dorfforschung


        Die bisherige weitgehende Vernachlässigung der Dorfkerne in der Forschung ist der Tatsache geschuldet, dass man diese für uninteressant oder gar irrelevant hielt. Dem ländlichen Raum billigte man keine historische Bedeutung zu, da man dachte, das Leben der Bauern hätte gefangen im ewigen Wechsel von Aussaat und Ernte kaum Veränderungen gesehen und große, interessante Geschichte sei ohnehin von den Mächtigen und nicht von Bauern gemacht worden. Übersehen hat man damit nicht nur die Komplexität der mittelalterlichen Dorfgenese, sondern auch die sozial- und umweltgeschichtliche Bedeutung gerade der Bauern.

        Zwar ging man davon aus, dass zumindest im Altsiedelland die frühmittelalterliche Besiedlung unter den heutigen Dörfern zu suchen sei, doch rechnete man - in bemerkenswertem Gegensatz zu den Erfahrungen aus der Stadtarchäologie - nicht damit, dass sich Befunde erhalten hätten. Früh- und hochmittelalterliche ländliche Siedlungen seien eher in Wüstungen zu erforschen (was übrigens auch nicht in ausreichendem Maß geschehen ist). Seit längerem weiß man jedoch, dass die Dorfgenese weit komplexer war und ein entscheidender Beitrag zu ihrem Verständnis aus einer Dorfkernarchäologie kommen muss.

        Grabungsaufschlüsse in Ortskernen, die wie derjenige in Heddesheim die Übergangsphase vom Hoch- zum Spätmittelalter erfassen und zudem auch noch Funde des Frühmittelalters liefern, ist hier eine Schlüsselrolle zuzubilligen. Leider aber geht der Band darauf nicht ein, so dass viele grundlegende Informationen einfach fehlen. Selbst eine Verortung der Parzelle in der historischen Ortstopographie ist erst in der Mitte des Bandes im Beitrag von Klaus Wirth zu finden, in dem Abb. 3 auf S. 100 (leider sehr klein reproduziert) einen Übersichtsplan der Gemarkung zeigt. Nichts erfährt man über die siedlungsgeschichtlichen Zusammenhänge wie etwa die von der Gemarkung bereits bekannten merowingerzeitlichen Grab- und Siedlungsfunde. Immerhin sind im näheren Umfeld von Heddesheim zwei merowingerzeitliche Gräberfelder bekannt, die auch zugehörige Siedlungsstellen nahelegen. Wie passen da die Funde von der Parzelle ins Bild? Unklar bleibt daher auch die Situation in der Ortstopographie, ob die untersuchte Parzelle im Bereich alter Höfe oder einer Ortserweiterung, zwischen großen Bauernhöfen oder kleinen Taglöhnerhäusern lag und wie sie sich zur benachbarten Kirche verhielt. Hier ist es nicht unbedeutend, dass die benachbarte evangelische Kirche eben nicht die alte Pfarrkirche ist, die etwa 250 m weiter westlich liegt, sondern erst nach der Reformation entstanden ist.

        Die Dokumentation der Keramikfunde durch Uwe Gross zeigt, dass eine kontinuierliche Besiedlung erst im 11./12. Jahrhundert einsetzt und aus dem Beitrag von Klaus Wirth wird deutlich, dass in der Tat frühe Befunde fehlen. Die beiden vorliegenden Scherben der Merowingerzeit deuten wohl an, dass im Umfeld sehr wohl eine frühmittelalterliche Besiedelung existierte, diese jedoch eher locker und fluktuierend gewesen sein dürfte. Dieses Bild würde sehr gut in allgemeine Überlegungen zur mittelalterlichen Dorfgenese passen, wonach die Ortskerne um die Kirche erst spät entstanden sind.


        Die Baubefunde


        Baubefunde werden in mehreren der Beiträge des Bandes thematisiert. Sie behandeln die Bauforschung, die Ausstattung des Hauses sowie Schriftquellen zu seiner Nutzung und natürlich auch die archäologischen Grabungsbefunde.

        Die älteste Bebauung, die auf der Parzelle Oberdorfstraße 3 nachweisbar ist, besteht aus Pfostenbauten und einem Grubenhaus. Der Beitrag von Klaus Wirth (S.99ff.) beschreibt diese Befunde genauer, die in einer Grabungsfläche versetzt zu dem 2012 abgerissenen Pfarrhaus gelegen, gefunden wurden.

        Auch zu der folgenden spätmittelalterlichen Bauphase des 13. bis 15. Jahrhunderts gehört noch ein Grubenhaus. Es handelt sich um ein Firstpfostenhaus, wie sie im Hochmittelalter den älteren Sechspfostentyps ablösten. Generell wurden Grubenhäuser im Spätmittelalter durch andere Bauformen ersetzt, allen voran durch Keller oder Weberdunken. Das fragliche Heddesheimer Grubenhaus, das wohl zu den jüngsten dieses Typs zählt, scheint tatsächlich noch ein separater Bau gewesen zu sein. Reste von Steineinbauten oder einem Kellerhals wurden nicht identifiziert.

        Im Befund zeichneten sich etwas vom Grubenhaus abgesetzt Spuren eines ebenerdigen Gebäudes ab, von dem vor allem Reste eines Schwellbalkens bemerkenswert sind. Weitere Stakenlöcher, Gruben, Pfostengruben im Süden der Grabungsfläche erscheinen als “indifferente Ansammlung“, die hier einen Pfosten-(?) Bau vermuten lassen (S. 103). Möglicherweise wird hier ein Tausch der Nutzungsareale greifbar. Dort wo im Hochmittelalter ein Grubenhaus stand, wurde ein Pfostenhaus errichtet, wie auch andersrum.

        In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden etwa 28 cm Erde aufplaniert. Darin befand sich ein annähernd vollständiges Gefäß des 15 Jahrhunderts, über dessen Funktion (S. 105) als Opfer- oder Nachgeburtsgefäß spekuliert wird. Leider fehlt ein Verweis auf die Kapitel der Fundbearbeitung, so dass der Leser nicht weiß, um welches Gefäß es sich genau handelt und ob es in dem Band überhaupt irgendwo abgebildet ist.

        Die Bauten, die schließlich in der frühen Neuzeit über der Planierschicht errichtet werden, unterscheiden sich strukturell vom Vorausgehenden. Von den anzunehmenden Gebäuden haben sich keine Spuren der Wände erhalten, wohl aber ein Keller und ein Holzfußboden.

        Ins 17. Jahrhundert gehört eine erneute Planierschicht aus Bauschutt, in der einige Steine und Ziegel Rußschwärzungen aufweisen. Hier wird vorsichtig die Frage aufgeworfen, ob damit schriftlich belegte Zerstörungen in Heddesheim 1674 und 1689 identifiziert werden können. Auf der genannten Planierschicht entstand nun der inzwischen abgerissene, als Schule und dann al Pfarrhaus genutzte Bau. Das Gebäude selbst wurde bauhistorisch untersucht (Beitrag Stadler S. 35ff.) Seine Bauzeit lässt sich archivalisch und durch eine Bauinschrift in das Jahr 1710 datieren. Die Bauhölzer datieren überwiegend bereits 1708.

        Die bauhistorischen Untersuchungen konnten geringe Reste eines Vorgängerbaus erfassen. Das Kellergewölbe aus Backstein war auf älteres Feldsteinmauerwerk gesetzt worden und auch im Erdgeschoss war das Gebäude von 1710 teilweise auf ältere Fundamente gesetzt. Nach 1710 lassen sich sechs weitere Bauphasen differenzieren, die mit verschiedenen, auch in den Archivalien greifbaren Umnutzungen des Gebäudes zusammenhängen. Gebaut als Wohnhaus auf einem bäuerlichen Anwesen wurde es 1753 (die Tabelle S. 37 gibt falsch für Phase III nochmals 1708 an) von der reformierten Gemeinde gekauft und als Schulhaus genutzt. 1807 wurde es zum Pfarrhaus. Von der napoleonischen territorialen Neugliederung wurde auch die reformierte Kirchenverwaltung betroffen, was es möglich machte, dass Heddesheim zur eigenständigen Pfarrei erhoben wurde. Bei den anstehenden Umbauarbeiten entstand ein detaillierter Plan des Anwesens und im Übergabeprotokoll eine genaue Beschreibung des Zustands beim Einzug des ersten Pfarrers.

        In einem eigenen Beitrag diskutiert Herbert Anzinger (S. 69-99) die schriftlichen Quellen zum Anwesen. Sie zeigen uns die Bewohner, aber auch die Veränderungen am Gebäude. Neben einer Bauinschrift von 1710 gibt es Urkunden zu Grundstücksgeschäften, Eingaben der Pächter wegen Bauschäden, Notizen in Kirchenbüchern, Übernahmeprotokolle und verschiedene Unterlagen zu Umbaumaßnahmen. So erfahren wir 1834 vom Neubau einer Waschküche. Nach der Umnutzung des Stalles, in dem man bislang gewaschen hatte, argumentierte Pfarrer Schlatter, man sei "wegen des viel zu beschränkten Raumes in der Küche jedesmal genöthigt, unter freiem Himmel zu waschen, und da bei einer Familie von 10 bis 11 Personen die Nothwendigkeit hierzu sehr oft eintritt, so ist leicht zu begreifen, wie sehr wir dadurch genirt sind, namentlich wenn dieses Geschäft bei regnerischem Wetter vorgenommen werden muss". Von solchen Alltagsproblemen erfährt man auch 1874, als sich der damalige Pfarrer beklagt, dass der jetzige Abtritt gesundheitsgefährend sei und durch den Schlauch zur Dunggrube unangenehme Düfte ins Haus drängen.  Anzinger verfolgt so die Baugeschichte bis 1909, als ein neues Pfarrhaus bezogen werden konnte. Die Geschichte des Hauses im 20. Jahrhundert, die weitere Reparaturen und Umbauten sah, bleibt außen vor. Nachdem schließlich die letzten Reparaturen in den 1970er Jahren erfolgten, waren tragende Stützen und Deckenbalken verfault und das Gebäude durch einen gefährlichen Schimmelpilz befallen. 

        Die Parzelle Oberdorfstraße 3 in Heddesheim nach der Neubebauung
        (Foto: R. Schreg, 2018)

        Der Heddesheimer Grabungsbefund stellt eine erste wichtige Fallstudie zu Fragen des Übergangs von der Pfosten- zur Fachwerkbauweise dar, der hier möglicherweise später erfolgte, als allgemein vermutet wird. Letztlich bleiben die Befunde relativ unklar, was für Dorfkerngrabungen aber nicht untypisch scheint. Sehr viel öfter als im städtischen Bereich scheint es zu baulichen Umstrukturierungen zu kommen und die Gebäude sind weniger massiv. Latrinen, die im städtischen Bereich meist den rückwärtigen Teil der Parzelle markieren und so auch in kleinen Grabungsflächen noch eine grobe Orientierung bieten, fehlen in den Dörfern für gewöhnlich. Hier in Heddesheim ist - mit Ausnahme eines wohl erst ins 19. Jahrhundert zu datierenden Befundes - ebenfalls keine der Gruben eindeutig als Latrine zu bestimmen.


        Die Funde

        Uwe Gross kommentiert die Keramikfunde (S. 115ff.) wobei er sich an den gängigen Warenarten orientiert. Die Funde werden in klassischen Strichzeichnungen vorgelegt. In seinem Beitrag spricht Gross einleitend zwar davon, dass die Funde getrennt nach Fundkomplexen und auch annähernd vollständig vorgelegt würden, doch dann werden die Fundkomplexe keineswegs klar angesprochen. Tatsächlich fehlt in vorliegender Publikation eine Verknüpfung der Funde mit den Befunden weitgehend. In den als Abbildungslegenden gestalteten Katalogtexten wird zwar die Befundnummer angegeben, die aber mangels eines Befundkatalogs und angesichts sehr kleiner Nummern in den Befundplänen nur einen mühsamen Abgleich ermöglichen. Das ist aber nicht unwichtig, denn letztlich hängt an den stratifizierten Keramikfunden die Antwort darauf, wie lange die Pfostenbauten und Grubenhäuser noch genutzt worden sind und wie sich die baulichen Veränderungen in den Prozess der Dorfgenese einpassen. M.E. wird es für die Keramikforschung in Südwestdeutschland absehbar zum Problem, dass Keramikfunde meist nur in knappen Beiträgen oder Vorberichten in Auswahl, meist ohne Kontextualisierung und nur mit kurzen Bemerkungen zu den jeweiligen Warenarten vorgelegt werden, die selten systematisch auf den neuen Forschungsstand referenzieren. Da die südwestdeutsche Forschung in den vergangenen Jahrzehnten von der methodisch eigentlich zwingend erforderlichen Relativchronologie, wie sie noch Uwe Lobbedey oder Barbara Scholkmann in Sindelfingen verfolgt hatten, weitgehend abgegangen;ist, geben solche Kurzvorlagen meist direkt absolute Datierungen ohne genauere Begründungen, Daten- bzw. Katalogvorlage und Fundstatistiken. Der Forschungsstand wird dadurch immer schwerer nachvollziehbar und die Keramikfunde laufen Gefahr isoliert zu werden, da der Kontext aus dem Blickfeld gerät.

        Die beiden Aufsätze von Eva Blanc behandeln Steinzeugflaschen (S. 175ff.) und Funde von Steingut, die aus einer Abfallschicht der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen (S. 189ff.). Da diese Funde im Beitrag von Uwe Gross nicht erwähnt werden, stellt sich die Frage, wie die dort behauptete Vollständigkeit zu verstehen ist. Offenbar wurden die Funde des 20. Jahrhunderts nicht gleichwertig als archäologisches Fundmaterial akzeptiert.
        Eva Blanc vermeidet einige der angeführten Schwierigkeiten, da hier Farbfotos, genauere Beschreibungen und Fundnummern geboten werden. Die Funde werden in beiden Beiträgen jeweils vorgelegt und anschließend unter Heranziehung zeitgenössischer Reklame eingeordnet und als kulturgeschichtliche Quelle diskutiert.

        Weitere Fundkapitel behandeln die Tierknochen (Carola Oelschlägel, S. 156ff.) und Münzfunde (Matthias Ohm, S. 151ff.).

        Sozialgeschichte


        Neben die bisher angesprochenen Beiträge, die im Zusammenhang mit den archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen zu sehen sind, treten weitere Artikel, die sich auf Basis schriftlicher Quellen dem Haus und seinen Bewohnern annähern. Die bereits genannten Beiträge von Eva Blanc zur neuzeitlichen Keramik wie eine Darstellung der Befunde zur historischen Farbgestaltung (Wilfried Maag, S. 55-68) schlagen auch hier die Brücke zur materiellen Überlieferung.

        Schon der erste Beitrag des Bandes widmet sich Pfarrer Georg Schlatter (1799-1875), der von 1832 bis 1844 in Heddesheim wirkte und mit seiner Familie im Pfarrhaus wohnte. Nachdem Schlatter schon in Heddesheim die sozialen Zustände kritisiert hatte, wurde er 1844 nach Mühlbach strafversetzt. Im Revolutionsjahr 1848/49 wurde er als Abgeordneter Alterspräsident bei der Eröffnung der  „konstituierenden Landesversammlung“ in Karlsruhe. Nach der Niederschlagung der Revolution wurde Schlatter in Rastatt der Prozess gemacht, der ihn wegen Hochverrats zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilte. Der Beitrag von Gritt Arnscheidt und Peter Galli (S. 5-34) stellt seine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1850 vor, die seine Zeit im Rathausturmgefängnis und dann im Amtsgefängnis in Durlach schildern. So hat der Beitrag letztlich wenig mit dem Haus in Heddesheim zu tun, doch vermittelt er die spezielle Alltagsperspektive, wie sie mit der Analyse eines einzelnen Gebäudes verbunden ist.

        Fazit


        Mit dem Band wird eine Dorfkerngrabung aus Südwestdeutschland monographisch vorgelegt. Erst vor kurzem haben die Reiss-Engelhorn Museen in Mannheim schon einmal eine Dorfkerngrabung vorgelegt und damit erste Erfahrungen gesammelt. Eine Einordnung der im Band angesprochenen Funde und Befunde in das Themenfeld der Dorfkernarchäologie hätte dem Band gut und gerne eine Bedeutung verschafft, die über die Regionalgeschichte hinaus geht. Während es für die Stadtarchäologie längst zahlreiche Vorbilder für eine Publikation und damit einen Kanon von Fragestellungen und Themen gibt, sind die Themen für die Dorfforschung noch nicht so offensichtlich. Die strikt quellenorientierte Bearbeitung der Befunde und Quellen zu dem ehemaligen Gebäude Oberdorfstraße 3 ohne eine ausgreifendere Einordnung und Reflektion der Forschungsperspektiven und -fragen hat wissenschaftliches Potential verspielt.
        Wichtig für die Analyse einer Dorfparzelle ist genau so wie in der Stadt die bauliche Entwicklung, nur dass im Dorf der siedlungsgeschichtliche Rahmen meist noch sehr viel unklarer ist, als in der Stadt. 
        Interessant wird es auch sein, zu beobachten, wie die Befundlage im Dorf sich generell darstellt. Im Vergleich zur Stadt sind Gebäude aber oft weniger stark fundamentiert, Keller sind weniger häufig und Latrinen eher die Ausnahme. Auch ist die bauliche Dynamik auf dem Dorf zwar wohl eher größer - dennoch hat sich entgegen früherer Meinung durchaus in manchen Dörfern auch mittelalterliche Bausubstanz von ländlichen Gebäuden erhalten -, aber durch die spezifischen Formationsprozesse sind die archäologischen Überreste unscheinbarer. Es gibt nicht die Planierschichten, die man von mancher städtischer Parzelle kennt, vielleicht weil, wie bei den fehlenden Latrinen auch zu beobachten, Schutt und Abfall außerhalb der Siedlung entsorgt wurde.
        Die Befundsituation der Oberdorfstraße 3 in Heddesheim scheint also nicht untypisch für Grabungssituationen im Dorf.



        Inhaltsverzeichnis

        • Grit Armscheidt/ Peter Galli: “Ich werde Heddesheim nie vergessen…“‘ Unbekannte Tagebuch-Aufzeichnungen des Pfarrers Georg Friedrich Schlatter von 1850 - S. 5-34
        • Benedikt Stadler: Bauhistorische und archäologische Untersuchungen am ehemaligen Pfarrhaus in Heddesheim - S. 35-54
        • Wilfried Maag: Heddesheim, Oberdorfstraße 3 - Historische Farbgestaltungen im Innenbereich - S. 55-68
        • Herbert Anzinger: “Diese alte, viele Jahre hindurch völlig verwahrloste Pfarrwohnung…“ Auswertung archivalischer Quellen zur Geschichte des Heddesheimer Schul- und Pfarrhauses im 18. und 19. Jahrhundert - S. 69-98
        • Klaus Wirth: Zur Bebauungsgeschichte der Parzelle Oberdorfstraße 3 nach archäologischen Quellen - S. 99-114
        • Uwe Gross: Mittelalterliche und neuzeitliche Keramikfunde aus Heddesheim, Oberdorfstraße 3 - S. 115-150
        • Matthias Ohn: Schüsselpfennig, Kreuzer und Heller. Die Fundmünzen aus dem Gebäude Oberdorfstraße 3 in Heddesheim - S. 151-155
        • Carola Oelschlägel: Die Tierknochenfunde der Fundstelle Oberdorfstraße 3 in Heddesheim - S. 156-173
        • Eva Blanc: Flaschen aus Steinzeug - Die Funde aus Heddesheim, Oberdorfstraße 3 - S. 174-188
        • Eva Blanc: Keramische Funde der Steingutfabrik JACOBI, ADLER & CO., Neuleiningen, aus einer Abfallschicht in Heddesheim - S. 189-194
        • Jutta Neuhaus: Der Flaschenfund von Heddesheim - S. 195-241
        • Klaus Wirth und Autoren: Zusammenfassung - S. 243-247

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