Montag, 8. Juli 2013

Wüstungen im Blaubeurer Lagerbuch von 1457

Nach der Reform des Klosters Blaubeuren 1452 ließ Abt Ulrich Kundig 1457 und mit Nachträgen in den folgenden Jahren die Güter und Ansprüche des Klosters neu verzeichnen. Das Lagerbuch liegt heute im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (H102/12, Bd. 1) und wurde 2005 gedruckt herausgegeben (Lagerbuch 1457).

Für die Siedlungsgeschichte des Spätmittelalters auf der Schwäbischen Alb, insbesondere in der Region um Blaubeuren stellt es eine wichtige Quelle dar. Es gibt Einblicke in die Besitzstrukturen der Blaubeurer Grundherrschaft, informiert über die Ausstattung einzelner Höfe und gibt zudem  zahlreiche Hinweise auf abgegangene Siedlungen.

Die verzeichneten Orte geben nicht den vollständigen Klosterbesitz wieder, sondern beschränken sich im Wesentlichen auf die Alb nördlich des Klosters. Andere Besitzungen, wie sie etwa in der Klosterchronik des Christian Tubingius aufgeführt werden, fehlen im Lagerbuch von 1457. Dieses war auch nicht das erste seiner Art und hatte auch verschiedene Nachfolger. Die älteren sind nicht erhalten, die jüngeren nicht ediert, so dass eine Momentaufnahme Mitte des 15. Jahrhunderts vorliegt, also nach der postulierten Hauptphase des Wüstungsgeschehens, die im wesentlichen mit dem 14. Jahrhundert in Verbindung gebracht wird.
Ort für Ort werden die Besitztümer aufgeführt, die Äcker in der Regel nach den Zelgen ("Esche") der regulierten Dreifelderwirtschaft getrennt. Flurnamen bieten grobe Lageangaben der betreffenden Flächen, oft auch die Angabe der Nachbarn.

Die Auflistung ergibt zahlreiche Hinweise auf abgegangene Siedlungsstellen. Alle Orte jedoch, nach denen das Lagerbuch gegliedert ist, sind auch heute noch existent. Die Hinweise auf Wüstungen finden sich in den Besitzbeschreibungen. Bisweilen liegen eindeutige Ortsnamen vor. Hinzu kommen einige Flurnamen, bei denen nicht deutlich wird, ob sie auf eine Siedlung zurückgehen. Mehrheitlich sind die sicheren Wüstungsbezeichnungen mit einer Landnutzung als Mähder verbunden und sie liegen außerhalb der Zelgeinteilung, so dass daraus ein sekundäres Kriterium für eine Wüstung zu gewinnen ist. Ein weiteres Indiz für Wüstungen können Unregelmäßigkeiten in der Zelgeinteilung der Dorfflur sein. Im Falle von Berghülen ist vom Oberwyler Esch die Rede. Hier scheinen auch Flächen der Wüstung Oberweiler in der Zelg aufgegangen zu sein.

Die Lokalisierung der Wüstungen kann oft nur ungenau erfolgen. Meist ermöglichen noch heute gebräuchliche und in den topographischen Karten verzeichnete Flurnamen eine grobe Lokalisierung.
Orte im Blaubeurer Lagerbuch: weiß - Wüstungen, rot - bestehende Ortschaften
(Kartengrundlage aufgrund SRTM-Daten)

Archäologische Wüstungsbelege

Archäologisch sind bislang die wenigsten der Wüstungen bekannt. Am besten ist die Situation im Umland von Treffensbuch, wo Helmut Mollenkopf als Ehrenamtlicher der Bodendenkmalpflege die Arbeiten während der Flurbereinigung beobachtet hat und langjährig Feldbegehungen durchgeführt hat. Hinzu kommen einzelne ältere Fundnotizen. Moderne Forschungen fehlen.
 

Die Wüstungen

Im folgenden seien die Wüstungen grob von Süden nach Norden vorgestellt.

Donnerstag, 4. Juli 2013

Peru - Grundstückspekulanten planieren Pyramide ein

Ein Teil eines der ältesten Monumente in Peru wurde offenbar von zwei privaten Baufirmen beseitigt. Es handelte sich um eine Pyramide der aus dem 3. Jahrtausend v.Chr. stammenden Anlage von El Paraiso bei San Martin de Porres im Distrikt Lima.
Erst am 24. Juni wurde auf der Fundstelle - auch mit Beteiligung von Schülern der deutschen Schule - eine traditionelle Sonnwendfeier zelebriert, um das Bewusstsein für die archäologische Zone zu stärken und diese besser zu schützen.


Größere Kartenansicht

Nachtrag (5.7.):
Nachtrag (17.7.):

Dienstag, 2. Juli 2013

Aufräumen und Feuer machen in Heliopolis

ein Gastbeitrag von Jutta Zerres

Die Bibel erwähnt den Ort unter dem Namen „On“, in pharaonischer Zeit hieß er „Iunu“, die Ptolemäer nannten ihn Heliopolis - Stadt der Sonne. Seine Reste werden heute von mehreren Stadtteilen im Nordosten der Millionenmetropole Kairo überlagert.

Die Stadt  blickt auf eine lange und glanzvolle Geschichte zurück: Die archäologischen Quellen reichen bis in die Perioden I und II der Negade-Kultur (4000-3000 v. Chr.) zurück. . Nach der altägyptischen Mythologie sind die Götter hier entstanden. Schon seit vordynastischer Zeit galt der Ort als Zentrum des Sonnenkultes. In der griechisch-römischen Epoche blühte die Stadt als ein intellektuelles Zentrum. Hier befand sich ein königliches Archivs und laut Herodot beherbergte Heliopolis die beste Universität für das Studium der Geschichte in Ägypten. Bekannt sind auch die Lehrstätten für Theologie und Astronomie; man sagt, Plato, Phytagoras, Homer und andere griechische Geistesgrößen seien hier ein- und ausgegangen.

Obelisk aus Heliopolis auf dem Petersplatz
(Foto: Jean-Paul Grandmont [CC BY-SA 3.0]
via Wikimedia Commons)
Dieses alles beeindruckte die ersten Kulturguträuber und –zerstörer von Heliopolis,  Kleopatra und Kaiser Augustus überhaupt nicht. Sphingen und Obelisken wurden unter ihren Herschaftsperioden anderswohin abtransportiert. Einige der Obelisken gelangten im Laufe der Zeiten nach Paris, New York und natürlich nach Rom. Einer davon ist allen Freunden des weißen Rauchs und des „urbi et orbi“ bestens bekannt, denn er ziert heute den Petersplatz.

Weniger prominent, aber eher noch zerstörerischer sind die Kulturgutplünderer und –zerstörer von Helipolis heutzutage. Monica Hanna, Ägyptologin und Aktivistin für Kulturgüterschutz beobachtet die Vorgänge seit der Revolution vom Januar 2011 mit großer Sorge und veröffentlichte kürzlich einen alarmierenden Artikel in  „Daily News Egypt“ mit einem ausführlichen Überblick über den Stand der Dinge: Bautätigkeiten und die Ausdehnung landwirtschaftlicher Flächen bedrohen die antiken Stätten, die teilweise an mehreren Stellen innerhalb der Stadtviertel sichtbar sind. Außerdem werden sie als Müllabladeplätze misbraucht und es drohe Gefahr, dass hier regelrechte Slumviertel entstünden. Mehrfach sei versucht worden, eine namhafte Stele aus dem Tempel des Sonnengotts Ra im Stadtteil Arab El-Hisn zu stehlen, das Tor des Heiligtums zu zerstören und Feuer in der Stätte zu legen.  Es gibt Gerüchte, dass organisierte Banden  archäologische Areale während der aktuellen Demonstrationen seit dem 30. Juni in Besitz nehmen wollten. Vor den neuerlichen Protesten wurden von der Opposition Armee und Demonstranten aufgefordert, archäologische Fundstellen zu beschützen.
Die einzige Chance Helipolis zu retten, so Hanna, bestünde in der Umwandlung der Stätten in eine touristische Sehenswürdigkeit. Sie fordert fachgerechte Grabungsmaßnahmen und die Erstellung eines Managementplans, der die Bedürfnisse der Anwohnerschaft mitberücksichtigt. Die ökonomischen Vorteile, die der Tourismus mit sich brächte, könnten zur Stärkung der  Verbindung örtlichen der Bevölkerung zu der Kulturstätte beitragen.
Hanna trommelte über Facebook für den 22. Juni 2013 freiwillige Helfer zusammen, um mit den Inspektoren des Antikenministeriums den Müll im Tempelbezirk von ArabEl-Hisn zu beseitigen:

Nur wenige Tage nach der Aufräumaktion meldeten „Daily Egypt News“ and „Ahram Online“, dass in den frühen Morgenstunden des 26. Juni das Gras am Ra-Tempel von Arab El-Hisn gebrannt habe. Das Tor und einige Inschriftensteine seien dabei beschädigt worden.


Ein Youtube-Video von der Gruppe „Kemet Team“  in arabischer Sprache (und mit pathetischer Musik unterlegt) zeigt den derzeitigen Zustand der Stätte und die Feuerschäden: http://www.youtube.com/watch?v=lfX0myq-4o8

Mehr Infos über Heliopolis:

Montag, 1. Juli 2013

Syrien auf der roten Liste (Juni 2013)

Auf der Jahressitzung der UNESCO in Pnohm Pen (Kambodscha) wurden am 20.6. alle sechs UNESCO-Welterbestätten in Syrien auf die Liste der gefährdeten Denkmäler ("rote Liste") gesetzt. Das sind im einzelnen:
  1. Damaskus, Altstadt
  2. Bosra, Altstadt
  3. Aleppo, Altstadt
  4. Palmyra, Oase, Handelsstadt 
  5. Krak des Chevaliers und Qal’at Salah El-Din
  6. die spätantiken Dörfer in Nordsyrien ("Tote Städte")
Deir Seman, 2009 - Teil des Welterbes der Toten Städte in Nordsyrien
(Foto: Bertramz [CC BY-SA 3.0] via wikimediaCommons)

Auf französische Anregung wurde ein Rettungsfond geschaffen. Problematisch ist jedoch die unübersichtliche Informationslage zu den einzelnen Zerstörungen.
Welterbestätten in Syrien (Graphik mit MapCreator 2.0 Free Edition)

Angesichts von inzwischen fast 100.000 Toten im syrischen Bürgerkrieg ist es wichtig die Zerstörungen auch vor dem Hintergrund dieser Tragödie zu sehen: Kulturgüter stehen auch für die regionale Identität der Bevölkerung und können - wenn sie nicht symbolisch aufgeladen werden - auch einen Beitrag zum Frieden und zur Stabilisierung sozialer Beziehungen leisten. Ihre Zerstörung erweist sich als ein Teil der Kriegsführung. Denkmalpflege ist hier auch Friedensarbeit und ein Beitrag zur Zukunftssicherung.  

Zerstörungen
Wieder sind facebook und youtube wichtige Quellen für aktuelle Zerstörungen. Inzwischen hat die Association for the protection of Syrian Archaeology, die als facebook-Gruppe begonnen hat eine eigene Website. Hier gibt es eine Übersicht nach den regionalen Provinzen, aktuelle berichte über Zerstörungen und Plünderungen.
Berichtet wird u.a. über Beschuß des Krak des Chevaliers (bei le patrimoine archéologique syrien en danger), weitere Zerstörungen in Aleppo (http://www.youtube.com/watch?v=eEBE3Issjuw&feature=youtu.be), Palmyra (https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=ljWmk18GWx0) und Qala'atel-Mudiq fb - Protect Syrian Archaeology [Bildergalerie]). Aus Hamoukar in Nordostsyrien wird von Zerstörungen durch Baumaßnahmen berichtet, die allerdings bereits 2012 erfolgten (Live Science [2.6.2013]). Schäden durch den Bürgerkrieg oder Plünderungen sind bisher nicht bekannt geworden.

Mitten aus dem Chaos in Aleppo wird aber auch über Sicherungsmaßnahmen berichtet (fb - Protect Syrian Archaeology (Bildergalerie)). Die hölzerne Nische von Eben Adeem in Aleppo wurde Ende März/ Anfang Juni mit mehreren Schutzschichten versehen und anschließend vermauert, um weitere Schäden durch Beschuss zu verhindern. 

Plünderungen

Interne Links