Montag, 29. Juni 2020

Frühe archäologische Forschungen im Filstal

Werke zur archäologischen Forschungsgeschichte nehmen oft eine Metaperspektive ein, indem sie die Gesamtheit des Faches, wenn auch meist auf der nationalen Ebene betrachten.
Es scheint mir indes spannend, die  so zu beobachtenden allgemeinen Entwicklungen in einer Lokalperspektive zu verifizieren. Detaillierte regionale  Studien zur Forschungsgeschichte gibt es kaum, wenn auch viele Abhandlungen über die Archäologie einzelner Regionen ganz selbstverständlich auch ein forschungsgeschichtliches Kapitel enthalten.

Ich greife als Beispiel dafür den Landkreis Göppingen und seine  Forschungsgeschchte bis zum ende des Zweiten Weltkriegs heraus. Das hat pragmatische Gründe: Als Studienanfänger hatte ich die Gelegenheit für die Kreisarchäologie Göppingen den Archäologischen Kreiskatalog zu erarbeiten und daher habe ich auch im Corona-Homeoffice die nötigen Quellen und ältere Entwürfe zur Hand, um eine Darstellung von hinreichender Präzision zu liefern. Das Besondere am Landkreis Göppingen ist, dass es eben kaum  Besonderes zu vermerken gibt. Gerade deshalb lässt sich gut erkennen, wie die 'große' Forschungsgeschichte lokal wirkt.




Das Filstal

Das Filstal ist keine herausragende archäologische Fundlandschaft. Die Fils ist ein Nebenfluss des Neckars, der in der Schwäbischen Alb entspringt und dann das Albvorland durchfließt. Die Randhöhen der Fils liefern gute Siedlungsstandorte mit kleinen Lößflächen, die - jedenfalls ganz im Westen - seit dem Frühneolithikum besiedelt sind. Überregional bekannte 'Sensationsfunde' gibt es allerdings nicht. Die prominenteste Fundstelle ist wohl der Hohenstaufen, die namengebende 'Stammburg' der Staufer. Der Kreis Göppingen ist heute dennoch einer der wenigen Landkreise in Baden-Württemberg, der eine eigene Kreisarchäologie unterhält. Eine wichtige Rolle für ihre Einrichtung  Mitte der 1980er Jahre spielte die Archäologie des Mittelalters, das hier am Albrand zahlreiche Monumente - Burgen, Kirchen und Städte - hinterlassen hat. Speziell zu nennen sind aber insbesondere die Ausgrabungen in der spätmittelalterlichen Glashütte im Nassachtal durch den ersten Stelleninhaber Walter Lang (Lang 2001).

Forschungen im 19. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Ur- und Frühgeschichte zur eigenständigen Wissenschaft (vergl. Daniel 1982; Kossack 1999). Eine wichtige Rolle kam einer Reihe spektakulärer Funde zu, die ihren Teil dazu beitrugen, dem neuen Fach die notwendige Öffentlichkeit zu schaffen. Nachdem bereits im sehr trockenen Winter 1853/54 sinkende Wasserspiegel in den Voralpenseen der Schweiz zur Entdeckung zahlreicher vorgeschichtlicher Seeuferrandsiedlungen, der sog. Pfahlbauten geführt hatte, kam es hier, vor allem im Zusammenhang mit der großen Juragewässerkorrektion seit 1868 zu einer wissenschaftlichen Grabungstätigkeit, die auch schon die Nachbardisziplinen der Archäobotanik und Archäozoologie heranzog. Wichtig und aufsehenerregend waren insbesondere auch die medial geschickt inszenierten Grabungen Heinrich Schliemanns in Mykene und Troia (vgl. Archaeologik 30.4.2019). Aber erst in den 1890er Jahren etablierte sich die Ur- und Frühgeschichte zum Universitätsfach, 1892 wurde in Wien die erste Habilitation für 'prähistorische Archäologie' angenommen und ein Lehrstuhl eingerichtet (Moriz Hoernes). Das steigende Nationalbewußtsein hatte zur Gründung zahlreicher Altertumsvereine geführt, ohne dass dies jedoch in Göppingen oder Geislingen damals schon seinen Niederschlag gefunden hätte.

Eduard Paulus der Ältere
(Ölgemälde: Landesmus.
Württemberg
[Urheberrechte erloschen];
Wikimedia Commons)
In Württemberg wurde 1858 das 'Conservatorium für die vaterländische Kunst- und Altertumsdenkmale' gegründet. Von Anfang an war neben der Kunst- und Baudenkmalpflege hier auch die Bodendenkmalpflege integriert. 1862 gründete der erste Landeskonservator K.D. Haßler die Königliche Sammlung Vaterländischer Altertümer.  Schon zuvor wurden im Anschluß an die topographische Landesvermessung Versuche unternommen, das damals vorhandene Material systematisch zu erfassen. Zu den wichtigsten Mitarbeitern der Landesvermessung gehörte Karl Eduard Paulus der Ältere (1803-1878) (Archaeologik 20.5.2013), der bald auch zahlreiche Oberamtsbeschreibungen verfasste. Darin wurde auch eine archäologische 'Landesaufnahme' begonnen, die den jeweiligen Förstern und Oberamtsgeometern übertragen wurde.

So sind auch für den Kreis Göppingen die beiden Oberamtsbeschreibungen von Geislingen und Göppingen die ersten  Abhandlungen der Altertümer. Allerdings gab es nicht viel zu berichten.
Als 1842 für die Beschreibung des Oberamts Geislingen auch die Altertümer des Bezirks zusammengestellt wurden (Stälin 1842), war neben den 1828 in Geislingen gemachten Funden aus Geislingen (siehe Archaeologik 12.9.2013) lediglich ein römischer Altar aus Hohenstadt bekannt. Erst im Zuge des Bahnbaues 1846 kamen einige römische Fundmünzen in Geislingen zum Vorschein; in Amstetten wurde man auf römische Gebäudereste, knapp außerhalb der heutigen Kreisgrenze aufmerksam (Hertlein/Goessler 1930, 268). Auch im Oberamt Göppingen waren bis dahin nur wenige Funde bekannt geworden. Die Oberamtsbeschreibung von 1844 nennt vor allem alte Straßentrassen, die seitdem kaum neues Forschungsinteresse gefunden haben und deren Verlauf im Gelände heute kaum zu verifizieren ist. Unklar bleibt auch, welche Beobachtungen zu dem Schluß geführt hatten, der römische Limes sei über Maitis auf den Hohenstaufen gezogen. Bei den Burgen bestanden  noch erhebliche Unsicherheit in der Datierung, nicht nur für den Hohenstaufen wird über eine römische Vergangenheit spekuliert. Explizit heißt es, "der Bezirk hat auch keine Spuren von vorchristlichen deutschen Alterthümern vorzuweisen:" (Moser 1844, 44).

Nach den Oberamtsbeschreibungen gaben für den Kreis Göppingen die 1877 erschienenen "Altertümer in Württemberg" von Eduard Paulus (d.Ä.) und der 1886 durch L. Mayer publizierte Katalog der merowingerzeitlichen Funde in der K. Staatssammlung in Stuttgart wesentliche Bestandsaufnahmen.



Ausschnitt aus der Archäologischen Karte von Württemberg von E. Paulus
(Public Domain)


Ein erstes regelmäßiges Fundaufkommen

Vor dem Hintergrund dieses Interesses ist auch das seit den späten 1850er Jahren im Kreis Göppingen festzustellende erste regelmäßige Fundaufkommen zu sehen. Es ist dies der lokale Niederschlag einer intensiven Grabungstätigkeit dieser Zeit, die aus heutiger Sicht allerdings oft den Beigeschmack der Schatzgräberei hat. In Württemberg sind damals einige wichtige Entdeckungen gemacht und erste systematische Grabungen begonnen worden. Vor allem wurden zahlreiche Grabhügel geöffnet - in der Vergangenheit und leider auch noch in der Gegenwart ein beliebtes Ziel von Schatzgräbern. Funde späthallstatt- bzw. frühlatènezeitlicher 'Fürstengräber' - der Begriff entstand damals unter dem Eindruck der kurz zuvor von Schliemann in Mykene aufgedeckten Gräber - bei Hundersingen, Ludwigsburg und im Kleinaspergle erregten großes Aufsehen. Im Kreis Göppingen wurde damals das große Grabhügelfeld im 'Oberholz' nördlich von Göppingen angegangen. Die Spuren der damaligen Grabungstätigkeit sind noch heute zu erkennen. Man trichterte die Hügel in der Mitte, um auf die zentrale Hauptbestattung zu stoßen. Mehrere Personen wurden hier in den Jahren 1865, 1866 und 1869 aktiv: Der vor allem anthropologisch interessierte Medizinalrat von Hölder (†1906), der Göppinger Polizeidiener Christoph Heinrich Aberle (1819-1877), der im Auftrag des Geologen Oscar Fraas vom damaligen Naturaliencabinett die Grabungen in den Travertinen von Cannstatt (Tierreste und Jagdplatz der letzten Warmzeit z.Zt. des Neandertalers) begann, und dessen Bruder Michael Heinrich Aberle (1815-1898), Baumwart zu Söflingen, der einen schwunghaften Handel mit Antiquitäten betrieb und der zahlreiche Grabhügel auf der Schwäbischen Alb geöffnet und auch in den alamannischen Gräberfeldern von Aufhausen und Hohenstadt gegraben hat.


Grabhügelfeld Oberholz bei Göppingen - von den Grabungen des 19. Jahrhunderts liegt keine Dokumentation vor. Die meisten Hügel sind alt gegraben, wie die Trichter im Hügelzentrum erkennen lassen.
(Foto: R. Schreg, 1988)


Christoph Aberle und Hölder begannen 1864 auch erste Grabungen im alamannischen Gräberfeld "In den blauen Steinbrüch" bei Göppingen, wo einige interessante Befunde angetroffen, aber leider nur ungenügend dokumentiert wurden. Damals waren hier stellenweise noch hölzerne Särge erhalten, die man dann aber einfach verbrannte. Viele Funde sind spurlos verschollen, einiges landete in den Museen in Stuttgart, Sigmaringen und Berlin. Auch der Dreschmaschinenbesitzer Johannes Dorn vom Weiler Haid, verantwortllich für viele Trichterungen von Grabhügeln auf der Schwäbischen Alb tritt im Kreis Göppingen auf. 1869 nahm er mehrere alamannische Gräber bei Aufhausen aus - es war dies eine seiner östlichsten Unternehmungen.


Das Landeskonservatorium sah solches Treiben nur ungern. Zeitweise versuchte man, das Fundmaterial für die Altertümersammlung in Stuttgart anzukaufen und die Grabungstätigkeiten durch offizielle Aufträge unter wissenschaftliche Kontrolle zu bringen, doch wurde die Auflage einer genauen Beobachtung und Dokumentation der angetroffenen Fundsituation nur ungenügend befolgt. Es liegen daher heute nur knappe Berichte vor, teilweise auch von fremden Beobachtern, die keine Beurteilung der angetroffenen Befunde mehr erlauben. So wurde etwa der Aufhausener Pfarrer Renz 1869 vom Landeskonservatorium gebeten, die Grabungen, nicht zuletzt von Hölder im dortigen alamannischen Gräberfeld zu beobachten und jeweils nach Stuttgart zu berichten.  Im April 1905 schließlich gab das Königl. Württ. Ministerium des Innern einen Brief an die Oberämter im Bereich der Alb heraus, worin "auf das schädigende Vorgehen des Dorn (...) ausdrücklich aufmerksam gemacht" wurde und die Behörden zur sofortigen Anzeige "über jeden zu ihrer Kenntnis gelangenden Fall der Veranstaltung von Grabungen" an den Konservator aufgefordert wurde.

Grabfunde Geislingen  (Abb. aus Veeck 1931)


1875 wurde Eduard Paulus d. J. (1837-1907), der Sohn von Paulus d.Ä.  Konservator der vaterländischen Kunst- und Altertumsdenkmale. 1881 setzte er sich mit den befestigten Höhensiedlungen entlang des Filstals auseinander. Nach heutiger Auffassung sind sie freilich zum Großteil erst mittelalterlich. Neben den v.a. bei Bauarbeiten aufgefundenen merowingerzeitlichen Gräbern wurden, wie in vielen anderen Regionen die "Burgwälle" ein frühes Feld gezielter Geländeforschung. Ausgeklammert von einem archäologischen Interesse blieben die klassischen mittelalterlichen Burganlagen.

Terra Sigillate Schüssel
Hofstett a. St., Ziegelwald
Grabung 1903
(Heimatmus. Geislingen,
Foto R. Schreg)
Da das Filstal innerhalb des römischen Limesgebietes liegt, waren die römischen Altertümer ein weiteres  wichtiges Forschungsthema. Das Interesse an der römischen Geschichte und am Limes führte in den 1880er Jahren auch zu wissenschaftlichen Grabungen in den römischen Kastellen Köngen und Urspring.  1892 wurde die Reichslimeskommission zur Erforschung des römischen Grenzsystems gegründet. Prof. Eugen Nägele,  Mitbegründer des Schwäbischen Albvereins, ehedem Leiter des Pädagogiums in Geislingen und zuständiger Kommissar der Reichslimeskommission zur "Untersuchung der für die Limesforschung wichtigsten Römerstraßen auf württembergischem Gebiet" erkannte den römischen Alblimes mit Kastellen in Donnstetten, Urspring und Heidenheim und, wie wir heute wissen, auch einem Kleinkastell oberhalb von Deggingen.  An dieser Alblimesstraße liegen auch die römischen Gebäudereste im Ziegelwald bei Hofstett. 1903 wurden sie zusammen mit weiteren römischen Ruinen bei Stubersheim durch Forstmeister Schultz aus Geislingen, damals Correspondent des K. Landeskonservatoriums ausgegraben und anschließend konserviert. Da ihnen später jedoch keine laufende Pflege mehr zukam, zerfielen sie weiter, ein einsturzgefährdeter Keller im 'Sandrain' bei Stubersheim mußte nach dem Krieg verfüllt werden.

Bis 1910 blieb das Fundaufkommen im Kreis gering. Aus Anlaß der Entdeckung frühlatènezeitlicher Gräber im Jahre 1912 schrieb Peter Goessler (1872-1956), gebürtiger Geislinger, studierter klassischer Archäologe und seit 1906 Leiter des Landeskonservatoriums über die archäologische Situation Geislingens:
"Es ist mir schon lange aufgefallen, dass sich in den letzten Jahren, wo in Altenstadt soviel gebaut worden ist, keine solche Reihengräber, in denen die Männer meist mit eisernen Waffen, die Frauen mit Bronze- und Perlenschmuck, immer von West nach Ost gerichtet, beigesetzt sind, mehr gefunden haben. (...) So mag der Altenstädter Skelettfund der Ausgangspunkt sein für ein regeres Leben auf dem Gebiet der Altertumsforschung im oberen Filstal."

Dieser Wunsch ging nur bedingt in Erfüllung; lediglich Ch. Kolb, der Besitzer des Grundstückes, auf dem das latènezeitliche Grab geborgen wurde, meldete im folgenden Jahr erneute Grabfunde, diesmal alamannischer Zeitstellung. Im unteren Filstal sind in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg demgegenüber verstärkte archäologische Beobachtungen und auch kleinere Grabungen durchgeführt worden. Oberlehrer Wolfgang Scheuthle konnte 1912 mehrere Gräber im alamannischen Gräberfeld 'Säuwasen' bei Uhingen untersuchen.

Die 1920er und frühen 30er Jahren

In den 1920er Jahren sind zunehmende Fundmeldungen zu beobachten. 1918 war Georg Burkhardt (1876-1967) als Schuldirektor nach Geislingen gekommen. Seine Geislinger Zeit begann er mit der Gründung des Kunst- und Altertumsvereins und des Heimatmuseums. Bereits zuvor hatte er sich insbesondere während seines Schuldienstes in Ehingen durch die Entdeckung der römischen Kastelle Emerkingen und Rißtissen große Verdienste um die Archäologie erworben. Während seines Schuldienstes konnte er aber kaum Aktivitäten entfalten, nach seiner vorzeitigen Pensionierung 1928 bemühte er sich insbesondere um Ausgrabung und Konservierung der Burg Helfenstein. Mit Kurt Bittel (1907-1991) konnte er 1926 jedoch einen Archäologiestudenten aus Heidenheim für Grabungen auf dem Geiselstein gewinnen. Es war dies die erste offizielle Grabung von Kurt Bittel, der wohl als einer der bedeutendsten deutschen Archäologen gelten darf. Er leitete später die Grabungen in der hethitischen Königsstadt Hattuscha in der Türkei und wurde Präsident des Deutschen Archäologischen Institutes.

nach Bittel 1929

Im unteren Filstal sind Grabbergungen im alamannischen Gräberfeld von Bartenbach zu verzeichnen, die wiederum durch W. Scheuthle betreut wurden. In Göppingen selbst versuchte das Landesamt durch kleinere Sondagen die aus dem letzten Jahrhundert nur ungenügend bekannten alamannischen Gräberfelder durch kleinere Sondagen zu lokalisieren - mit nur mäßigem Erfolg (Rademacher 2003).


Vor dem Krieg wurden in den Heimatmuseen in Göppingen und Geislingen Ausstellungen mit vorgeschichtlichen Funden aus dem Kreis Göppingen aufgebaut. Träger waren örtliche Vereine, der Geschichts- und Altertumsverein in Göppingen und der Kunst- und Altertumsverein in Geislingen. Die Geislinger Ausstellung zeigte vor allem auch Galvano-Replikate der WMF Geislingen (vergl. Goessler 1910). Die Vor- und Frühgeschichte wurde hier - wie auch bis heute im Naturkundemuseum in Göppingen - als ein Teil der Naturgeschichte begriffen.
Im Unterschied zu manchen anderen Regionen, wo die Altertumsvereine ins 19. Jahrhundert zurück reichten, ist eine entsprechende Institutionalisierung der regionalen Forschung hier also erst spät erfolgt.

Nationalsozialistische Archäologie in der Provinz

Im Nationalsozialismus hat sich die Archäologie in vielfältiger Weise schuldig gemacht: Durch eine Legitimierung von Krieg und Holocaust, von Rassenlehre und Herrschafts- wie Landansprüche. Archäologische Quellen wurden hier mißbraucht, in ihrer Aussage manipuliert und zum Teil sogar gefälscht. Kriegsgefangene wurden zu Grabungsarbeiten eingesetzt. Ein Effekt der propagandistisch ausgeschlachteten Archäologie war ein enormer Ausbau an den Universitäten, aber auch die Aufmerksamkeit weiterer Bevölkerungskreise und ein generell ansteigendes Fundaufkommen.
So kam es auch im Kreis Göppingen zu einem ersten Höhepunkt im Fundanfall. Im Raum Göppingen sind Eduard Scheer und Karl Kirschmer während der 1930er Jahre einige kleinere Fundbergungen zu verdanken, doch liegen kaum genauere Dokumentationen vor. Während der 1930er Jahre engagierte sich aber auch G. Burkhardt wieder verstärkt für die lokale Archäologie. In Geislingen kamen neben einigen alamannischen Gräbern auch die ersten hallstattzeitlichen Funde in den 'Rappenäckern' zum Vorschein. Außerdem kam 1934 mit Albert Kley ein weiterer archäologisch interessierter und vorgebildeter Mann nach Geislingen. Er hatte während seines Studiums in Tübingen 3 bis 4 Semester lang auch Lehrveranstaltungen des Urgeschichtlichen Forschungsinstitutes besucht und 1925 als wissenschaftlicher Assistent an der bedeutenden Grabung der 'Wasserburg' Buchau im Federseemoor teilgenommen. Bis zum Krieg bemühte er sich gemeinsam mit Burkhardt um die archäologischen Funde aus Geislingen, betrieb jedoch auch Feldforschungen im Umland. Er entdeckte seit 1937 in der Umgebung des Eybtales ebenfalls zahlreiche mesolithische Fundstellen und 1938 auch die wichtige jungneolithische und urnenfelderzeitliche Höhensiedlung auf dem Waldenbühl. Hinzuweisen ist schließlich auch auf Willhelm Müller aus Zuffenhausen, der insbesondere im Landkreis Ludwigsburg tätig war und das Filstal nur gelegentlich bei Ausflügen berührte. Auf ihn gehen einige kleinere Fundstellen zurück.

Wenngleich die damals im Kreisgebiet tätigen Heimatforscher von nationalsozialistischer 'Ideologie' unbelastet erscheinen, sind die Tendenzen der Zeit auch im Kreis Göppingen zu fassen. Mit einer "Ausstellung frühgeschichtlicher Funde aus dem Filstalgebiet" 1935 in Göppingen und verstärkter Presseberichte ist auch hier die verstärkte Popularisierung der Vorgeschichtsforschung zu fassen. Die Göppinger Ausstellung ging auf eine Anregung des NS-Lehrerbundes zurück, der seine Mitglieder zu Schulungskursen verpflichtet hatte. Bei der Ausstellungseröffnung am 26. Juni 1935 waren dann auch alle Vertreter der Parteileitung erschienen. Der Kreisamtsleiter des NSLB Hildenbrand betonte in seiner Begrüßung die Rolle der Frühgeschichte für völkische Idee und Rassegedanke. Die von K. Kirschmer erarbeitete Ausstellung, wie auch Kirschmers Eröffnungsvortrag blieb nach den vorhandenen Unterlagen jedoch unpolitisch (Göppinger Zeitung vom 26.6.1935). Im Mai desselben Jahres erschien in einer Beilage der Göppinger Zeitung mit dem Titel 'Siegende Jugend' aber ein wenig wissenschaftlicher Artikel zu den hallstattzeitlichen Grabhügeln im Oberholz, worin der 'Nachweis' geführt wurde, daß es sich hierbei um die Reste steinzeitlicher Erdhäuser handele (Kapff 1935).
Im Raum geislingen wurde in den 1930er Jahre ein Merkblatt veröffentlicht, das zeigt, wie die NSDAP das Interesse an der Vorgeschichte auch im lokalen Rahmen zu fördern und vielleicht auch zu kontrollieren versuchte, indem hier der Kreisleiter als eine Anlaufstelle für Fundmeldungen angegeben wird.


Öffentlichkeitsarbeit der 1930er Jahre im Kreis Geislingen: ein Merkblatt für den Umgang mit Funden

Bemerkenswerterweise wurde 1943 aus Gingen der Fund eines angeblichen Runensteines mit Hakenkreuzdarstellungen gemeldet. Er soll nahe der Fundstelle der 1910 bzw. 1927 gefundenen römischen Weihesteine und einer Mercurstatue gefunden worden sein. Die Fälschung war aber offensichtlich recht plump und wurde nicht weiter beachtet (Ortsakten LfD, Esslingen).

Das verstärkte archäologische Interesse im Kreis Göppingen während der 1930er Jahre wohl weniger die Folge nationalsozialistischer Propaganda, als vielmehr die Folge eines besonderen Ereignisses: Seit Mitte der 1920er Jahre führte Gustav Riek, Professor in Tübingen, Grabungen an paläolithischen Höhlenstationen durch. 1930 grub er in der Papierfelshöhle bei Wiesensteig, 1933/34 in der Burkhardtshöhle bei Westerheim und 1938 schließlich mit SS-Mannschaften in der Haldenstein-Höhle bei Urspring (Alb-Donau-Kreis) - die damals angebrachte Tafel mit dem Hinweis auf die SS-Grabung hängt hier noch heute. Dabei gab die Grabung in der Burkhardtshöhle dem damaligen wissenschaftlichen Assistenten des Tübinger Institutes Hermann Stoll im April 1933 Gelegenheit zu der bereits genannten Forschungswanderung entlang des Albtraufes. Sie führte zunächst dem oberen Filstal, dann dem Eybtal entlang und schließlich über das Rehgebirge zum Hohenstaufen und erbrachte mindestens 17 neue Fundstellen, darunter die großen mesolithischen Fundstreuungen am Birkhof oberhalb von Donzdorf. Dies Einzelereignis zeigt deutlich, wie der geübte Blick und systematische Begehungen das Fundbild zu verändern vermögen. Wohl auch durch diesen Erfolg wurden Eduard Scheer und Karl Kirschmer veranlaßt, auf den Randhöhen des Filstales gezielt nach mesolithischen Fundstellen zu suchen. Erstmals gelangten damit Silexfunde ins Blickfeld der örtlich tätigen Forscher. Ihnen folgten Paul Käser in Wäschenbeuren und in jüngerer Zeit Rainer Heer. Mesolithische Fundstellen sind daher äußerst zahlreich und spiegeln zusammen mit den Funden von Albert Kley sogar landesweit einen mesolithischen 'Siedlungsschwerpunkt' vor.

Urspring, Erinnerungstafel an eine Grabung der SS
(Foto: R. Schreg)


1938 erschien in der von Gustaf Kossinna begründeten und nun von Hans Reinerth herausgegebenen Publikationsreihe "Mannus-Bücherei" der Band "Vorgeschichte der Schwäbischen Alb". In einem DFG-Projekt unternahm Adolf Rieth von 1933 bis 1936 eine systematische Bestandsaufnahme, indem er die Akten der Denkmalpflege, aber auch örtliche Museen und private Sammlungen sichtete. Das Ergebnis ist eine Arbeit, die heute zwar in vielem überholt ist, die aber in mehreren Karten die Siedlungsgeschichte detailliert darstellte und mit den naturräumlichen Gegebenheiten in Bezug setzte. Das Filstal markiert hier den nördlichen Rand des Arbeitsgebietes, aber es ist zu erkennen, wie in der Arbeit zwar einige zeittypische Vorstellungen präsent sind, aber keineswegs ideologisiert werden.

Fazit

Der Blick in eine Kleinregion zeigt, wie die große Forschungsgeschichte und der 'Zeitgeist' auf lokaler Ebene wirkt. Beispielsweise sieht man hier, dass auch in der NS-Zeit seriöse Forschung betrieben worden ist. Hier bedarf es heute (mehr noch wie auch zu anderen Epochen) einer kritischen Prüfung, welche Daten und Ergebnisse tatsächlich auf objektiver Beobachtung und wissenschaftlicher Interpretation beruhen.
Mancher Forschungsboom geht auf eher lokale Ereignisse zurück, große übergeordnete Theorien kommen vor Ort unter Umständen gar nicht an.
Für das Verständnis der regionalen Siedlungsentwicklung ist ein solcher detaillierter Blick in die Forschungsgeschichte ein wichtiger Beitrag zur Quellenkritik. Nur so sind Forschungsdefizite wie umgekehrt mögliche Überbewertungen zu erkennen.


Literaturhinweise und Quellen


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Ortsakten der Denkmalpflege im Regierungsbezirk Stuttgart, Esslingen / Kreisarchäologie Göppingen.

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