Dienstag, 27. Januar 2015

Formationsprozesse in der Historischen Archäologie (Archäologische Quellenkritik VI)

Mit zeitlicher Verzögerung folgt der letzte Teil der Blogpost-Serie 'Archäologische Quellenkritik'. Die Blogposts der kleinen Serie gehen auf ein Manuskript zurück, das 1998 für ein Oberseminar am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters in Tübingen entstanden ist, das ich gemeinsam mit Frau Prof. Scholkmann angeboten hatte.  Eine immer wieder angedachte Publikation ist aufgrund anderer Projekte nie zustande gekommen. Ich stelle sie hier als Blogposts ein, wobei nur minimale Bearbeitungen und Aktualisierungen erfolgen. Lediglich vorliegender Teil 6 wurde etwas stärker überarbeitet, da ich seitdem einige der Überlegungen an Einzelbeispielen weiter verfolgt habe. 

Für die Erforschung historischer Perioden - wie etwa in der Archäologie des Mittelalters - stehen uns nicht nur archäologische Quellen zur Verfügung, sondern auch Kunstobjekte, Baudenkmäler, bildliche Darstellungen und Texte. Für die Rekonstruktion des Mittelalters sind sie grundsätzlich als gleichwertig zu betrachten, keine Quelle hat prinzipiellen Vorrang vor einer anderen. Sie sind lediglich unterschiedlich geeignet, um auf verschiedene Fragestellungen eine Antwort zu geben.
Im Gegensatz zur Ur- und Frühgeschichte ist man in der Archäologie des Mittelalters daher nicht auf indirekte Analogieschlüsse angewiesen, sondern kann ein Thema aus dem Blickwinkel sehr verschiedener Quellen beleuchten und damit auch direkte Anhaltspunkte zur Interpretation eines archäologischen Befundes erhalten. Kann einerseits die Kenntnis der Formationsprozesse wesentlich dazu beitragen, die Aussagen von Archäologie und Geschichte zu verknüpfen, so ist zu erwarten, dass andererseits die Kombination archäologischer und 'historischer' Quellen auch zur Kenntnis der Formationsprozesse beitragen und so Grundlagen für eine Weiterentwicklung archäologischer Methoden liefern kann.
Das Zusammenführen archäologischer und andersartiger Quellen bedarf jedoch größter Vor­sicht: Zwischen archäologischen Aussagen und solchen, die auf der Basis anderer Quellen gewonnen wurden, kommt es nicht selten zu Widersprüchen. Und auch bei einer augen­scheinlichen Übereinstimmung einer archäologischen und einer historischen Aussage, wird man prüfen müssen, inwieweit eine solche Synthese wirklich historisch tragfähig oder nicht quellenbedingt zufällig ist. In dieser Situation muß die Quellenkritik mit einer genauen Analyse die jeweiligen Aussagemöglichkeiten hinterfragen und untersuchen, wo die Differen­zen im Einzelfall liegen und wie sie zu begründen sein könnten. Voraussetzung jeder Synthese ist eine intensive Quellenkritik. Auf Seiten der Archäologie heißt das eine sorgfältige Aus­leuchtung der Formationsprozesse, die unsere Datenbasis geschaffen haben.
 

Der Beitrag der Archäologie des Mittelalters zum Verständnis von Formationsprozessen


Aus anderen Quellen stehen uns im Bereich der Archäologie des Mittelalters Informationen zur Verfügung, mit denen ein Erwartungshorizont formuliert werden kann, der sich dann mit dem konkreten Befund vergleichen lässt. Formationsprozesse können leichter er­kannt und in ihren Auswirkungen eingeschätzt werden. Die Archäologie des Mittelalters kann Formationsprozesse mit anderen Überlieferungen erkennen, quantifizieren und erklären.
 

Beispiel Schach

Abb. 6.1 Darstellung eines Schachspiels aus dem Libro de los Juegos,
1283 im Auftrag von Alfonso X von Kastilien, Galizien und Léon verfasst
(Bibliothek von San Lorenzo de El Escorial,
Public Domain via WikimediaCommons)
In einigen Fällen läßt sich der Formationsprozeß noch genauer erfassen. Wir kennen z.B. die Regeln und die Zusammensetzung des Figurensatzes des Schachspiels, das während des hohen Mittelalters auch in Europa Verbreitung fand (Abb. 6.1). Unter der Pompeji-Prämisse wäre zu erwarten, dass das archäologische Material zumindest statistisch dasselbe Mengenverhältnis zeigt. Das Mengenverhältnis der aus Europa vorliegenden mittelalterlichen, vorwiegend beinernen Schachfiguren weicht allerdings deutlich von diesen Erwartungen ab. Während Bauern erheblich unterrepräsentiert sind, werden Könige und Damen zu häufig gefunden. Die archäologische Datenbasis ist erheblich verzerrt. Nehmen wir einmal an, dass die hohen Figuren aus dem besser erhaltungsfähigen Bein hergestellt worden seien und das vorliegende Mengenverhältnis darin begründet sei. Dann bekommen wir jedoch Schwierigkeiten den Befund des im Feuchtbodenmilieu liegenden Herrenhofes am Lac du Paladru zu verstehen. Hier wurden vor allem Figuren aus Holz gefunden. Tatsächlich sind hier doppelt so viele Bauern vorhanden, als zu erwarten wären. König und Dame bestanden aber ebenfalls aus Holz, bei beiden vorliegenden Beinfiguren handelt es sich aber um Bauer und Turm (Abb. 6.2) (Kluge-Pinsker 1991; Colardelle/ Verdel 1993). So ist anzunehmen, dass zu diesem Bild weniger natürliche Erhaltungsprozesse der sekundären Formation eine Rolle spielen, sondern eher kulturelle Faktoren der primären Formation von Bedeutung sind.

Anhand des Beispieles der Schachfiguren kann man die statistische Abweichung des archäologischen Befundes von der historischen Realität gewissermaßen messen. Es ergibt sich eine Übereinstimmung von nur etwa 80 %. Die genauen Umstände der Formation bedürfen freilich noch einer genaueren Untersuchung. Dabei wird auch kritisch zu fragen sein, ob die uns heute bekannten Regeln und Figurensätze tatsächlich allgemeine Gültigkeit hatten.

Abb. 6.2. Fundstatistik mittelalterlicher Schachfiguren
(nach Kluge-Pinsker 1991, ergänzt durch Daten aus Colardelle/Verdel 1993).

Beispiel Glashütte Schmidsfelden

Abb. 6.3 Schmidsfelden, Grabung 1998:
Feuerzug des Nebenofens
(Foto R. Schreg/LDA Tübingen)
Als Beispiel für die Möglichkeiten einer Archäologie der Neuzeit im Hinblick auf ein Verständnis von Formationsprozessen möge hier die Untersuchung einer Glashütte des 19. Jahrhunderts im Allgäu stehen. Das Interesse bei einer Notgrabung 1998 galt dabei nicht nur der Geschichte der Glashütte selbst und der Industrialisierung bzw. Technologie, sondern vor allem auch dem methodischen Aspekt (Schreg 1999; 2013; vergl. Archaeologik, 8.4.2013).
Schmidsfelden ist ein heute noch bestehendes Glasmacherdorf südöstlich von Leutkirch. Der Betrieb der Glashütte, deren bedeutendstes Produkt Fensterglas war, wurde 1898 eingestellt, doch sind große Teile des Firmenarchivs erhalten. Sie wurden vor allem hinsichtlich der Arbeitsorganisation ausge­wertet . Die Grabungen 1998 legten einen Ofen frei, der aufgrund des Bauplanes der Hütte aus dem Jahr 1825 als Streckofen der Flachglasproduktion identifiziert werden kann (Abb. 6.3). Da das Verfahren der Flachglasproduktion aus der technischen Literatur des 19. Jahrhunderts gut bekannt ist und bei der Antikglasproduktion heute noch angewandt wird, ist es möglich, das Fundspektrum mit konkreten Produktionsschritten zu verbinden. Wichtig scheint dabei, dass das Fundmaterial bereits aus einem archäologischen Kontext stammt. Anders als bei der ethnologischen Beobachtungen in einer arbeitenden Glashütte, lernen wir hier unmittelbar archäologische Befunde kennen.
Abb. 6.4 Schmidsfelden, Grabung 1998
Flachglasreste aus der Verfüllung eines Feuerzugs
(Foto R. Schreg)
Das Fundmaterial - von der Grundproduktion nur wenige massive Glasbrocken vom Hefteisen, wenige Pfeifennäbel, fast kein Hohlglas und keinerlei Glastropfen, von der eigentlichen Flachglasproduktion zahlreiche Scherben verformten und zerbrochenen Flachglases sowie Teile der Streckbank (Tab. 6.1) - läßt sich sehr gut mit den Arbeitsschritten korrellieren (Abb. 6.4), obwohl es aus sekundären Ablagerungen, nämlich aus den Feuerzügen des Ofens stammt. Einzige Ausreißer sind einige Sonderstücke, wie ein Model für die Hohlglasproduktion und bislang nicht identifizierte Eisengegenstände. So läßt sich feststellen, dass nur etwa 78 % der Funde (gemessen anhand des Gewichtes der Glasfunde) wirklich mit der Funktion des Streckofens in Verbindung zu bringen, der Rest muss verlagert worden sein.


Abb. 6.5. Produktionsablauf der Flachglasproduktion (nach Lang 2001) und Abfälle.


Tab. 6.1. Spektrum der Glasfunde (n: nicht systematisch ausgezählt, Feuerzug 3 wurde nur teilweise untersucht).

Da der Produktionsablauf im Wesentlichen der Flachglasproduktion im Spätmittelalter entspricht (vergl. Kottmann 2001; Frommer/Kottmann 2004), gewinnen wir hier einen Erwartungshorizont, wie das Fundspektrum auch an einem älteren Streckofen aussehen müßte. Damit könnte es möglich sein, Argumente für eine Funktionsbestimmung auch von Öfen zu gewinnen, bei denen wir über ihre Funktion zunächst nichts wissen. Die Fundspektren spätmittelalterlicher Glashütten müssten in entsprechender Weise wie Tab. 6.1 statistisch ausgezählt werden, um einen detaillierten Vergleich zu ermöglichen. Das ist eine Warnung davor, durch eine Selektion von Massenabfällen auf der Grabung eine definitive Befundformation zu schaffen, die solche methodisch bedeutenden Ansätze unterbindet.

Das Beispiel der Glashütte Schmidsfelden eröffnet aber eine zweite Möglichkeit eines Vergleichs zwischen Schriftquellen und archäologischem Befund. Unter den schriftlichen Quellen haben sich Kohle-Rechnungen erhalten, denen bisher kaum Beachtung geschenkt wurde. Bei Grabungen 1998 zeigte sich eine Mehrphasigkeit des Streckofens. Zu seiner jüngeren Phase gehörten drei Feuerzüge, von denen einer wohl der Kohlebefeuerung dienen sollte. Kohle blieb aber für die Glashütte aufgrund der hohen Transportkosten unerschwinglich. Eine Torflage in einem der Feuerzüge deutet auf Versuche, andere, günstigere Brennstoffe zu nutzen. Die Kohlerechnungen sind also eventuell Zeugnisse eines Versuches, eine Energiewende (von regenerativ zu fossil) zu schaffen und müssten dementsprechend neu ausgewertet werden.

Beispiel Tiengener Gruft

In der Kirche von Tiengen befindet sich die Grablege der Grafen von Sulz. Aus der Kombination von schriftlichen Quellen und Archäologie geben sich hier Formationsprozesse zu erkennen, die man auf einem prähistorischen Gräberfeld so nicht erkennen könnte.
Bei zwei Bestattungen ist hier eine auffallende Bauchlage registriert worden, die die Archäologie in der Regel als Sonderbestattung einstufen würde. Durch die Identifikation der Bestatteten und der Verbindung mit deren Lebensgeschichte wird aber deutlich, dass die besondere Lage wohl eher auf eine Überführung der Leiche zurückzuführen ist, die einen langen Transport bedeutete. Die besondere Lage ist also wohl nicht intentional (Fingerlin 1992, 146 ff.; 157 ff.).
Abb. 6.6 Gruft der Grafen von Sulz in Tiengen
(verändert nach Fingerlin1992)


Die Synthese schriftlicher und materieller Quellen

Hier ist nicht der Ort, genauer die verschiedenen Möglichkeiten einer Synthese schriftlicher und materieller Quellen zu behandeln. Deshalb sei hier einfach auf die fünf Möglichkeiten hingewiesen, die der schwedische Archäologe Anders Andrén (1998) unterschieden hatte, auch wenn diese sicher nicht das gesamte Bezugsgeflecht der Quellen abdecken. Andrén unterschied:

Erläuterungen anhand von Beispielen der Archäologie der Neuzeit aus Deutschland finden sich bei Schreg 2007. Voraussetzung dieser Synthesen ist jeweils eine eingehende Quellenkritik, die einerseits am archäologischen Befund, andererseits aber in einer Konfrontation der Quellenaussagen zu erfolgen hat. Die große Gefahr in der Synthese archäologischer und historischer Quellen ist, dass man sie zu unkritisch aufeinander bezieht und den archäologischen Befund nach den Vorgaben der Schriftquellen interpretiert.

Bei den ausgewählten Beispielen der Kontrolle von Formationsprozessen durch schriftliche Quellen sind unterschiedliche Wege einer Synthese von archäologischen und schriftlichen Quellen involviert. Beim Beispiel der Schachfiguren konnte aufgrund einer Klassifikation und einer Norm ein Erwartungshorizont mit dem archäologischen Befund abgeglichen werden.
Beim Beispiel der Glashütte wurde ebenfalls ein Erwartungshorizont formuliert, dieses Mal auch auf Grundlage einer Klassifikation (Streckofen), die dann aber direkt auf ein archäologisches Befundbild bezogen werden konnte.
Im Falle der Gruft von Tiengen ermöglichte eine Identifikation die Integration von weiteren Kontextinformationen über den konkreten Bestattungsvorgang. Hier ergab sich kein Erwartungshorizont, sondern eine konkrete Erklärung eines außergewöhnlichen Befundes.
 

Historische Archäologie und archäologische Methodenentwicklung

Eine genaue Kenntnis der Formationsprozesse erweist sich als eine wichtige Grundlage jeder Synthese archäologischer und schriftlicher Quellen. Den hier skizzierten archäologischen Quellenkritik ist eine klassische historische Quellenkritik für die Schriftquellen zur Seite zu stellen, da sie sich im konkreten Fall gegenseitig ergänzen und verschiedene Eventualitäten erkennen lassen.
Wir gewinnen daraus aber nicht nur für den konkreten Einzelfall eine größere Sicherheit der Interpretation, sondern auch wichtige generelle Erfahrungswerte, die wesentlich sein können für die Entwicklung archäo­logischer Auswertungsmethoden. Ein Beispiel wäre hier etwa - auch wenn es zunächst auf kunstgeschichtlichen Daten beruht - der Versuch, anhand datierter bildlicher Darstellungen frühneuzeitlicher Gläser geeichte Daten für die Entwicklung der Seriationsmethode zu gewinnen (Goldmann 1972, 29ff.). Wichtig ist eine Kenntnis der Formationsprozesse in ihren verschiedenen Stufen insbesondere auch für eine archäologische Auseinandersetzung mit materieller Kultur (vergl. Serie 'Materielle Kultur und Archäologie').


Literaturverweise

Andrén 1998
A. Andrén, Between Artifacts and Texts. Historical Archaeology in Global Perspective (New York, London 1998).


Bernbeck 1997
R. Bernbeck, Theorien in der Archäologie. UTB 1964 (Tübingen/Basel 1997).

Colardelle/ Verdel 1993
M. Colardelle/ E. Verdel (Hrsg.), Les habitats du lac de Paladru (Isère) dans leur environnement. Doc. arch. franç. 40 (Paris 1993).

Fingerlin 1992
I. Fingerlin, Die Grafen von Sulz und ihr Begräbnis am Hochrhein. Forsch. u. Ber. Arch. Mittelalter 15 (Stuttgart 1992).

Frommer / Kottmann 2004
S. Frommer/A. Kottmann, Die Glashütte Glaswasen im Schönbuch. Tübinger Forsch. hist. Arch. 1 (Büchenbach 2004).

Goldmann 1972
K. Goldmann. Zwei Methoden chronologischer Gruppierung. Acta praehist. et arch. 3, 1972, 1-34.

Jankuhn 1973
H. Jankuhn, Umrisse einer Archäologie des Mittelalters. Zeitschr. Arch. Mittelalter 1, 1973, 9–19.

Kluge-Pinsker 1991
A. Kluge-Pinsker, Schach und Trictrac. Zeugnisse mittelalterlicher Spielfreude in salischer Zeit. Mon. RGZM 30 (Sigmaringen 1991).

Kottmann 2001
A. Kottmann, Reconstructing processes and facilities of production: a late medieval glasshouse in the Schönbuch Forest. Antiquity 76, 35–36.


Lang 2001
W. Lang, Spätmittelalterliche Glasproduktion im Nassachtal, Uhingen, Kreis Göppingen. Materialh. Arch. Bad.-Württ. 59 (Stuttgart 2001).

Schreg 1999
R. Schreg, Industriearchäologie in einer Glashütte des 19. Jahrhunderts: Schmidsfelden (Stadt Leutkirch, Kreis Ravensburg). Denkmalpfl. Bad.-Württ. 28/2, 1999, 107-111.

Schreg 2007
R. Schreg: Archäologie der frühen Neuzeit. Der Beitrag der Archäologie angesichts zunehmender Schriftquellen. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 18, 2007, 9-20.
 

Schreg 2013
R. Schreg, Industrial Archaeology and Cultural Ecology – A Case Study at a 19th Century Glasshouse. In: N. Mehler (Hrsg.), Historical Archaeology in Central Europe. SHA special publication 10 (Rockville 2013) 317-324


 

Freitag, 23. Januar 2015

Alle Freiheit für die Wirtschaft: TTIP und das Kulturgut

Historisches Monument in Rosia Montana
(Foto: R. Schreg, 2004)
setzt sich mit den Folgen eines Investitionsschutzes für Großunternehmen im Rahmen von TTIP auseinander. Am Beispiel des Goldbergbaus im rumänischen Siebenbürgen wird dargestellt, wie ein Unternehmen versuchen kann, durch finanziellen Druck auf den Staat die berechtigten Interessen der ortsansässiger Bürger zu übergehen.

Für die Archäologie interessant: In dem genannten Roșia Montană kämpfen Kollegen seit langem für den Erhalt der einzigartigen römischen Bergbauspuren.

Investorenschutz wendet sich möglicherweise auch gegen die Denkmalpflege!


Links


Montag, 19. Januar 2015

Kahlschlag bei der Kantonsarchäologie Schaffhausen

Im Kanton Schaffhausen hat der Regierungsrat Sparmassnahmen verabschiedet, mit denen das Jahresbudget der Kantonsarchäologie Schaffhausen bis ins Jahr 2018 um mehr als die Hälfte gekürzt wird. Vorgesehen ist ein Abbau von über 70% der Feststellen; befristete Jahresverträge sollen nicht mehr erneuert werden. Derzeit sind im bislang 8 köpfigen Team überhaupt nur zwei Archäologen, zwei technische Stellen scheinen jetzt schon vakant zu sein (in der Summe grade wenig mehr als 3 Vollzeitstellen [in Worten: drei!]). Daneben gibt es einen Grabungstechniker, einen Restaurator und eine Plangraphikerin sowie eine Sekretärin/Bibliothekarin. Nach dem geplanten Abbau werden die Amtsaufgaben nicht mehr zu erfüllen sein, ein Bürgerservice mit einer zeitnahen Bearbeitung von Baugesuchen und Fundmaldungen wird unter solchen Bedingungen unmöglich.
Bis Mitte April kann unterzeichnet werden.


Der Kanton Schaffhausen hat ein reiches archäologisches Erbe. Hier wurden zahlreiche wichtige Grabungen durchgeführt, die das wissenschaftliche Potential, aber auch die Dringlichkeit einer funktionierenden Denkmalpflege zeigen.


Die Siedlungsentwicklung der Wüstung Berslingen ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis der mittelalterlichen Siedlungsgeschichte (vergl. Archaeologik). 1968-70 wurde die Siedlung unter widrigen Bedingungen von der Kantonsarchäologie im Vorfeld des Straßenbaus ausgegraben
(Graphik R. Schreg, nach Bänteli u.a. 2000).


Übrigens: Es spart nicht allein der Kanton Schaffhausen in der Archäologie. Im benachbarten Kanton Aargau wurden der Kantonsarchäologie die Mittel für wissenschaftliche Auswertungen komplett gestrichen (300.000 sfr):

Links

Samstag, 17. Januar 2015

Geplündert - verkauft - zerstört und zerbombt: Kulturerbe in Syrien

Mamoun Fansa (Hrsg.)
Syrien. Sechs Weltkulturerbe-Stätten in den Wirren des Bürgerkriegs
Geschichte, Gegenwart, Perspektiven

(Mainz: Nünnerich Asmus Verlag 2014)

ISBN 978-3943904741

Hardcover, 128 Seiten, 166 Abbildungen

29,90€

Der Bürgerkrieg in Syrien, der längst nicht mehr nur ein Aufstand einer Opposition gegen das Regime ist, sondern zahllose Parteien involviert, ist mörderisch. Die UN hat längst aufgehört, die Toten zu zählen. Die Kulturgüter treten da natürlicherweise in der Wahrnehmung zurück. Wer nimmt den Verlust von Steinem und Scherben ernst, wenn so viel Blut fließt? Wie kann man sich damit angesichts der Gewalt abgeben?
Der Herausgeber Mamoun Fansa gibt eine knappe Antwort: "Es handelt sich um Verluste, Verlust des Lebens und der kulturellen Identität eines Volkes und man sollte es nicht zulassen, dass ein Volk zukünftig ohne eigene kulturelle Identität lebt." Tatsächlich wird es für eine Stabilisierung des Nahen Ostens wichtig sein, dass sich die Menschen auf ihre eigene Identität besinnen können - dazu braucht es die ganze Breite der Überlieferung. Jede Region dieser Erde, ganz besonders aber Syrien hat im Lauf der Geschichte zahlreiche Veränderungen erlebt - neue Wirtschaftsweisen, neue Siedlungsformen, ein Kommen und Gehen von Menschen, eine immer neue Formation von Identitäten. Das Bewusstsein dieser Veränderungen, mehr als die Berufung auf meist mystifizierte Traditionen, kann Grundlage sein für neue Arrangements unterschiedlicher Gruppen, die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen. Ein Auslöschen der Vergangenheit spricht den Anderen ihre Existenzberechtigung ab.

Der Einsatz für die Kulturgüter ist der Einsatz für eine friedliche Zukunft. So ist es auch das Anliegen des Buches, "die Weltöffentlichkeit, insbesondere in Deutschland über die Vernichtungvon Kulturerbestätten durch den Krieg in Syrien [zu] informieren".


Es ist das zweite Buch des in Aleppo gebürtigen langjährigen Leiters des Landesmuseums Natur und Mensch in Oldenburg, Mamoun Fansa zu den Folgen des Bürgerkrieges in Syrien. 2013 ist sein Buch über Aleppo begleitend zu einer Ausstellung in Berlin erschienen (vergl. Archaeologik).

Das Buch beschreibt im ersten Teil die Welterbestätten und ihre historische Bedeutung. Mehrere Autoren, die mehrere Jahre vor Ort gearbeitet haben, behandeln Damaskus, Plamyra, Bosra, Aleppo,  die Burgen Krac des Chevaliers und Qal’at Salah ad-Din sowie die toten Städte im nordsyrischen Kalksteinmassiv. Die jahrtausendlange urbane Siedlungstradition ist Hintergrund der Welterbestätten Damaskus, Aleppo und Bosra. Mit dem Welterbestatus ist vor allem auch ein Schutzstatus verbunden - der gerade in der boomenden Entwicklung der modernen Großstadt Damaskus der Denkmalpflege mehr Aufmerksamkeit sichern sollte. Auch ohne Krieg und Terror ist der geschichtsbewußte Umgang mit diesen Städten eine Herausforderung. 
Der zweite Teil geht auf die aktuelle Situation ein. Franziska Bloch stellt die Initiativen dar, die weltweit gestartet wurden, um das Kulturerbe Syriens zu schützen. Kurz erwähnt wird die Rolle der Social Media bei der Information und Berichterstattung über aktuelle Zerstörungen und Plünderungen. Ausführlicher werden die Projekte geschildert, die ein digitales Register archäologischer und historischer Monumente und Stätten aufbauen. Sie sollen das Monitoring der Stätten ermöglichen, aber auch kriminalarchäologische Ermittlungen geplünderter und geschmuggelter Fundobjekte erleichtern.
Mamoun Fansa selbst stellt die Situation an den UNESCO-Welterbestätten (S. 78ff.) aber auch an anderen Fundstellen wie Dura Europos, Mari, Apameia, Ebla, Tell Sheikh Hamad  (S. 102ff.) dar. Hier finden sich zahlreiche Bilddokumente der aktuellen Zerstörungen. Das Kapitel diskutiert auch die Situation der Museen. Berichte über Plünderungen stehen hier der Versicherung der Altertumsbehörden gegenüber, die Museumsbestände seien gesichert worden.

Der Status als Weltkulturerbe bietet in der Kriegssituation keinerlei Schutz. Die UNESCO ist nicht in der Lage (und nicht berechtigt), vor Ort wirkungsvolle Maßnahmen zu treffen. Sie hat die syrischen Welterbestätten auf die rote Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt. Ausländische Archäologen, die in Syrien gearbeitet haben, bleibt ebenfalls nur ein kleiner Spielraum. Im Prinzip können sie den syrischen Kollegen nur wenig konkrete Hilfestellung bieten. Was vom Ausland geleistet werden kann ist vor allem eine Schaffung von Problembewusstsein und eine Regulierung des Antikenmarktes, der ganz offensichtlich Anreiz für die systematischen Plünderungen ist, die der Band beispielsweise in Tell Sheik Hamad, Mari, Apameia und Dura Europos dokumentiert.

Das Buch ist ein wichtiges Buch, trägt es doch hoffentlich dazu bei, dass ein Bewusstsein für die Bedeutung der bedrohten Fundstellen entsteht und der Öffentlichkeit deutlich wird, was dort vorgeht - und wie unmoralisch es ist, sich mit Antiken seiner eigenen Kulturbeflissenheit zu brüsten.


Inhaltsverzeichnis

Mamoun Fansa
Vorwort - 7


Michael Braune
Die Altstadt von Damaskus - 10


Andreas Schmidt-Colinet
Palmyra. Stadt an der Seidenstraße. Reichtum durch weltweiten Handel zwischen China und Rom - 20


Klaus Stefan Freyberger
Bosra. Eine traditionsreiche Handelsstadt im Haura ̄n - 28


Julia Gonnella
Aleppo. Die älteste Stadt der Welt - 38


Michael Braune
UNESCO-Welterbe. Krac des Chevaliers und Qal’at Salah ad-Din. Zwei Burganlagen aus der Kreuzfahrerzeit - 48


Rüdiger Gogräfe
Die „Toten Städte“ im nordsyrischen Kalksteinmassiv - 58


Franziska Bloch
Was tun? Internationale Initiativen gegen den Verlust archäologischer Wissensspeicher - 70


Mamoun Fansa
Die UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten und der Krieg in Syrien - 78


Mamoun FansaRaubgrabungen an archäologischen Fundstellen, Plünderungen der Museen und der Krieg in Syrien - 102

Fazit - 122

Die Autoren - 124

Literaturverzeichnis - 126

Abbildungsnachweis - 128


Interner Link