Montag, 11. September 2023

Das Welterbe in der Ukraine

Verkündigungskathedrale Odessa nach dem russischen Angriff im Juli 2023
(State Emergency Service of Ukraine, CC BY SA 4.0 via WikimediaCommons)
 
Die UNESCO-Kommission zeigt sich besorgt über die Situation der Welterbestätten in der Ukraine. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen sorgt sich um Welterbestätten in der Ukraine. Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission bezeichnete sechs der acht Welterbestätten als ernsthaft bedroht. Russland greife die Menschen, das kulturelle Erbe und damit die Identität der Ukraine unerbittlich an.
Böhmer verwiese insbesondere auf die Sophienkathedrale in Kiew sowie die Zerstörungen in Odessa. Desweiteren ist aber auch auf die russischen Plünderungen im Museum von Kherson zu verweisen.

 

Odessa: Zerstörung von UNESCO-Weltkulturerbe. DW (24.7.2023). - https://www.dw.com/de/odessa-zerst%C3%B6rung-von-unesco-weltkulturerbe/a-66319111 

 

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Samstag, 9. September 2023

Haushaltsgüter im ländlichen Raum: Publikation Ruralia XIV erschienen!


Catarina Tente / Claudia Theune (Hrsg.)


Household goods in the European Medieval and Early Modern Countryside

Ruralia XIV


(Leiden 2013)

Paperback ISBN: 9789464270600
und online: DOI: 10.59641/cd27f3b4


Pünktlich zur Ruralia XV-Konferenz in Fredrikstad in Norwegen ist die Publikation der vorausgehenden Tagung Ruralia XIV in Viseu, Portugal erschienen.

Die Tagung fand vom 13. 9. bis 19. 9. 2021 in Viseu statt. Aufgrund der Covid19-Pandemie wurde sie hybrid abgehalten. Die in Person anwesenden Teilnehmer*innen nutzen die Tagung für einige Feldexkursionen, die die ländliche Siedlungslandschaft in Nordportugal thematisierte. Besucht wurden unter anderem saisonale Siedlungsplätze in den Bergregionen östlich von Viseu.

Das Tagungsthema befasste sich mit Haushaltsgütern, um so eonen vertieftes Verständnis des Alltags im ländlichen Raum zu gewinnen. Ziel der  Tagung war es, die Bedeutung der Haushaltsarchäologie für die Erforschung des ländlichen Raumesim Mittelalter und in der Neuzeit unter einem interkulturellen Ansatz herauszuarbeiten.

 

Cabin in central Portugal
(Oliveira, .V.;Galhano, F; Pereira, B.; Constru
ções primitivas em Portugal.
Centro de Estudos de Etnologia, Lisbon, 1969).


Die Analyse von Hausstrukturen und -inventaren, aber auch von Alltagsgütern wie z.B. Keramik verrät vieles über den Alltag vergangener Gesellschaften. In der Regel gibt es für das Mittelalter und die frühe Neuzeit dazu eine Vielzahl von Quellen aus Texten und Bildern. Viele Aspekte sind aber nur über die materiellen, archäologischen Überreste zu erfassen. Das gilt in besonderem Maße für den ländlichen Raum, der einst, die Mehrzahl der Bevölkerung umfasste.

Der Tagungsband enthält über 20 Beiträge mit konkreten Fallstudien aus fast allen Teilen Europass, die eine wichtige Grundlage füt die Ansätze der sonst häufig sehr theoretischen household archaeology liefern. Beiträge, die die Objekte aus einzelnen Haushalten untersuchen, stehen neben solchen, die bestimmte Fundkategorien diskutieren. Mein eigener Beitrag beispielsweise beleuchtet die bislang leider kaum genutzten Potentiale der Forschung zur mittelalterlichen Keramik in Süddeutschland.


Inhaltsverzeichnis

Foreword and Introduction

Household goods in the European medieval and early modern countryside – an introduction
Catarina Tente, Claudia Theune

Archaeology and Household

Is that all there is? Reflections on the presence and survival of household goods in archaeological contexts
Bert Groenewoudt, Rowin van Lanen

Household goods illuminated by motivation and need theories in Hanfelden Castle in the early modern countryside of Styria, Austria
Iris Winkelbauer, Claudia Theune

Household and home life in the Russian Countryside during the sixteenth to first half of the eighteenth century, according to archaeological finds in Alexandrovskaya Sloboda
Irina Zaytseva

Tenth-century peasant houses and household goods. The potential and limitations of the archaeological record from Beira Alta (Portugal).
Tente, Gabriel de Souza, João LuísVeloso, Catarina Meira

Temporary households

Exploring the “extended” household? Historical landscapes, material culture and building materials at the Monte Fasce settlements, Liguria, Italy (17th-21st c.)
Giulia Bizzarri, Anna Stagno

Household in a settlement dealing with large animal husbandry from the 10-11th century in west Hungary
Ádám Pátkai

Living conditions and household

Making a house a home: odd deposits in ordinary households in later medieval Ireland 1200-1600 AD
Karen Dempsey

Checking-in at the multispecies hotel: Natureculture and the early medieval house
Rachel Brody

Households from early medieval rural settlements in Alto Alentejo (Central Portugal): material culture and social structures
Sara Prata, Fabián Cuesta-Gómez

Spatial structure and household

Refitting the past. The spatial distribution of finds as a key for understanding activities and the use of space in medieval farm buildings in the Northern Netherlands
Jan van Doesburg

Kecskemét-Törökfái-dűlő: structure and topographical elements of an Árpádian-age settlement in the Danube-Tisza Interfluve Region, Hungary
Nikoletta Lukács

Social and economic status and household

Household goods of late medieval peasants in Denmark
Mette Svart Kristiansen

Household goods from excavations at homestead in Kopaniec (Seifershau), Poland
Paweł Duma, Jerzy Piekalski

Contextual value of iron household goods in the late medieval countryside: testimony of the Czech Lands
Tomáš Klir, Martin Janovský, Lucie Hylmarová

Peasant household – noble household: objects and structures. Some remarks on household archaeology of late medieval Hungary
László Ferenczi, Edit Sárosi, Csilla Zatykó

Social inequality and household goods in central Iberia during the early middle ages
Carlos Tejerizo

Lord in the Village: Can houseware and personal equipment indicate the presence of a social class?
Andrej Janeš

Local societies and early medieval domestic economies in the light of the Basque Country archaeological record (8th-10th centuries)
Juan Antonio Quirós Castillo

Particular activities – particular household objects

Pottery in medieval rural households – perspectives of archaeological research in Southern Germany
Rainer Schreg

Household goods for winter travel and leisure in Norway – objects, games and processes of enculturation
Marie Ødegaard, Kjetil Loftsgarden

Household goods of Ottoman soldiers in the rural fortified settlements of the 16th–17th century in Hungary
Ágnes Kolláth, Bianka Kovávs, Gyönyi Kovács, Zsófia Nádai

A sign of wealth or everyday objects? The use of stoneware vessels in medieval and early modern Southern Finland
Tuuli Heinonen

Artefacts of osseous and keratinous materials from the Netherlands – the project
Jørn Zeiler, Marloes J. Rijkelijkhuizen, Marloes, Joyce van Dijk



 

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Donnerstag, 7. September 2023

Lola und Ötzi sind dunkelhäutig - keine Meinung und nicht beliebig diskutabel

Zwei aktuelle Fälle archäogenetischer Forschung belegen, was eigentlich schon seit ein paar Jahren bekannt ist: Die europäische Bevölkerung im Neolithikum und teils noch in der Bronzezeit war dunkelhäutig.

Schon 2019 war über "Lola" berichtet worden. Es handelt sich um eine Frau der Zeit um 3700 v.Chr., deren DNA aus einem Birkenteerkaugummi extrahiert worden ist.

In zweiten Fall geht es um eine neue Genanalyse bei "Ötzz". Die Methoden waren in den letzten Jahren so viel weiter entwickelt worden, dass eine neue Analyse notwendig wurde. Daher ergeben sich nun weitergehende Aussagne zu seiner Abstammung und seinem Aussehen.

Beide Meldungen wurden über Wissenschaftsjournalismus und dann über Social Media verbreitet. und in den Kommentarspalten und in den Social Media kommentierrt.

Die Macht der Illustration

Die Auseinandersetzung um Lola basiert vor allem auf einer Illustration, die sie als junges Mädchen mit dunkler Haut, schwarzen Haaren und blauen Augen zeigt. 

Das Bild löste einen Shitstorm aus. Der Vorwurf auf X-Twitter lautet zur Rekonstruktion von Lola, das sei Wokeness, bei Ötzi ist auf facebook von Blackwashing die Rede. 


Die Rekonstruktion von Lola wurde vom Künstler Tom Björklund gestaltet, der nun auch die neuen Ergebnisse zu Ötzi graphisch umgesetzt hat.



Neben viel gutem Feedback erntet er auch hier einen shitstorm ob des "verfluchten Bildes". Ein zentraler Diskussionspunkt wird hier nun,um die Nuancen der Hautfarbe geführt, die vielen zu dunkel ausfällt. Mit sachlichen Argumenten kann man diese Diskussion führen, aber den Kommentatoren geht es hier letztlich um eine "rassische" Zuordnung und je nach eigenen Wunschvorstellungen um ein heller/dunkler.
Die Ötzi-Rekonstruktion hat bisher seinen Weg in die deutschen Medien noch nicht gefunden, so dass Reaktionen des deutschen Publikums darauf noch ausstehen. 

Lola und Ötzi sind nicht die ersten Fälle, bei denen die genetische Rekonstruktion Empörung auslöst, weil sie manchen nicht ins Geschichts- und Menschenbild passt.
"Dokumentationen" wie auf Netflix (Archaeologik 14.6.2023), die tatsächlich das Aussagepotential und die - gelinde formuliert  -historische Wahrscheinlichkeit hinter die Provokation stellen, untergraben die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft.
 

Reaktionen und Kommentare

In den Kommentaren und in den Social Media erwecken die Meldungen teils heftigen Widerspruch - aber nicht als begründete Meinung auf Basis wissenschaftlicher Argumente, sondern aus unreflektierten Geschichtsbildern, teils rassistischen Vorurteilen und einer sonderbaren Wissenschaftsskepsis.

Eine grobe Durchsicht einiger Kommentare lässt fünf Stoßrichtungen erkennen, die nicht selten kombiniert auftreten:

1. Rassistisch

Viele Kommentare sind einfach rassistisch und brauchen dazu gar keinen Bezug zum Inhalt. Vielfach steckt die folgende "Logik" (tatsächlich Unsinn) dahinter: Dunkelhäutig = minderwertig. Die Bestimmung von Ötzi oder Lola als dunkelhäutig bedeutet demnach eine Abwertung oder Enteignung der eigenen nationalen Geschichte. Oft fällt das Wort "deutsch" (obwohl die Fundstelle in Italien liegt).

Viele setzen "anatolische Wurzeln" mit Türken gleich und so findet sich diese Attitüde auch ganz konträt mit türkisch-nationalistischem Hintergrund.

und dann gibt es noch so was:

Sinn machen eigentlich gar keine der Aussagen. Bei manchen - her nicht zitierten - Aussagen ist man sich nicht sicher, ob sie die Urheber*innen für witzig oder satirisch halten. Dann mag man das als mißraten etwas milder betrachten, aber in der Regel fehlt es einfach an Anstand und/oder Hirn. 

Nicht selten ist auch primitives Regierungs- oder Grünenbashing. An aktueller Regierungsarbeit mag man ja durchaus einiges zu kritisieren habnen aber mit Ötzi hat das erst mal nichts zu tun und ist daher nur unsachliche Stimmungsmache.

2. Wissenschaft ist nicht vertrauenswürdig. 

Der Vorwurf, die Wissenschaft würde sich der Politik unterordnen, findet sich häufig.

In der Regel besteht kein Verständnis oder auch nur Interesse, wie Aussagen zustande kommen. In ein paar Jahren würde was anderes behauptet. Das scheintt v.a. die Kommentare zu Ötzi zu betreffen, zu dem es eben schon länger wirkmächtige Rekonstruktionen gibt und der auch bereits identitätsstiftend gewirkt hat.

In diese Kerbe haut auch das Satiremagazin Titanic:

 

3.  Irrelevant

Einige Kommentator*innen (hier ist es wichtig zu gendern, es sind tatsächlich nicht nur Männer), halten die ganze Meldung für irrelevant.

Die Irrelevanz wird bisweilen wohl nur dehalb konstatiert, weil einige der Schreiber*innen merken, dass die Nachricht sehr wohl Implikationen enthält, die ihr primitives Weltbild (siehe Punkte 1 und 2) in Frage stellen. So z.B. hier.

Tatsächlich sollte die Frage der Hautfarbe erst makl irrelevant sein, Aber das ist sie grade enen, die sie für irrelevant erklären , gerade nicht. Und deshalb ist es denn doch relevant, die Hautfarbe zu themattisieren.


4. Die Medien sind nicht vertrauenswürdig

5. Pietät und Totenruhe

 


Lehren für die Archäologie?

Als Disziplin sind wir für die Dummheit (das trifft es wohl nicht ganz, aber ein besserer Ausdruck fällt mir grade nicht ein) der Leute nicht mehr verantwortlich als der Rest der Gesellschaft. 
 
Aber es zeigt sich, wie gerade rekonstruierte Gesichter unserer vermeintlichen "Vorfahren" die Emotionen bewegen und somit auch ein Ansatzpunkt für Bildungsarbeit sein können. Das läuft aber gründlich schief, da aktuell eher ein Vertrauensschwund in die Wissenschaft und die Medien damit einhergeht. Offenbar muss hier Grundlegendes besser vermittelt werden. Konkret machen die meisten Leute keinen Unterschied zwischen der genetisch angelegten Hautfarbe und deren Witterungseinflüsse und verstehen nicht, dass die Genuntersuchung etwas anderes darstellt, als eine optische Begutachtung der Hautfarbe (z.B. der hier) - dass diese für die Wissenschaft überhaupt nachrangig ist. 
Was hier erklärt werden muss, sind die Zielsetzungen und Methoden. Ersteres ist der Wissenschaft meist so geläufig, dass es schon wieder unreflektiert wird, die Methoden werden meist explizit angesprochen, oft aber nur untr Verweis auf Routinen. in Fachartikeln werden sie nur rudimentär angesprochen und am ehesten mit verweisenden Literaturzitaten charakterisiert. Für die Belange der Forschung ist das ausreichend, aber unter dem Aspekt der Wissenschaftskommunikation kommt das zu kurz. Es stellt sich die Frage, wer dafür verantwortlich ist. Ist es der Wissenschaftler selbst, der ja mit der gängigen Praxis mit seinem Forschungsanliegen durchaus zurecht kommt? Oder ist das eine Aufgabe der Wissenschaftsvermittlung, die zum Teil ja auch von Journalist*innen getragen werden, die nicht unbedingt eine Fachausbildung besitzen?

Ötzi und Lola zeigen jedenfalls, dass es nicht nur an einer Vermittlung der genetischen Methoden mangelt, sondern grundsätzlicher eben auch an einem historischen Verständnis.
 
 
 


Dienstag, 5. September 2023

DLF zur forensischen Archäologie

(Repost von AMANZnotizblog)

DLF aus Anlaß der Konferenz der EAA in Belfast:

Der Beitrag fokussiert auf die archäologischen Kompetenzen in der Prospektion und Grabungstechnik, doch sind in der Praxis des Umgangs mit neuzeitlichen Befunden auch die Erfahrungen der Neuzeitarchäologie im Umgang mit schriftlichen und kartographischen Quellen, sowie besonderen Erhaltungssituationen und modernen Materialien von Bedeutung

Für "normale" Archäolog*innen sind gut erhaltene organische Fundmaterialien die große Ausnahme, bei rezenten Situationen sind aber beispielsweise häufig Stoffreste oder auch Papiere erhalten, Leichen sind oft noch nicht vollständig skelettiert. Moderner Beton bringt besondere Herausforderungen für Prospektion und Ausgrabung mit sich (Stahlbeton und Spritzbeton). Besonders sind auch die Funde aus Kunsstoffen, bei denen die Bergung und Konservierung oft schwierig ist und die sich durch große materielle und typologische Vielfalt auszeichnen.

Die Archäologie der Moderne, die seit wenigen Jahren boomt - aufgrund der Arbeit in Kriegsgebieten, vor allem aber durch die, wegen des Wegsterbens der Zeiteug*innen,  steigende Bedeutung archäologischer Zeugnisse zur NS-Zeit und der kommerziellen Archäologie. 

Wie diese zusätzlichen und wachsenden Anforderungen und Aufgaben in Forschung und Lehre gemeistert werden können, ist noch unklar. Ohne neue interdisziplinäre Netzwerke, Forschungsressourcen und Studiengänge wird das jedoch nicht möglich sein. In Bamberg haben wir in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit die Thematik zwar schon lange auf dem Schirm, aber eine gezielte Ausbildung für diesen Bereich fehlt in Deutschland bislang. Interessierte Studierende müssen sich die nötigen Zusatzqualifikationen individuell erwerben, was durch die modernen, angeblich so flexiblen Studienordnungen, jedoch eher erschwert als begünstigt wird. Aber wir unterstützen solches Interesse gerne!


Donnerstag, 31. August 2023

Fehlbestände im British Museum: Ein gigantischer Museumsraub - oder viele kleine museale Alltagsprobleme?

Dem British Museum (BM) sind rund 1500-2000 Kleinobjekte abhanden gekommen - offenbar über die letzten zehn Jahre hinweg. 2021 wurde das BM von einem dänischen Antikenhändler darauf hingewiesen, dass bereits seit 2014 Objekte des BM auf ebay zu finden seien. Vieles hat er gekauft und laut Medienberichten mit Gewinn weiter verkauft.  Einige Objekte konnte er jedoch in Katalogen des BM identifizieren. Erste interne Ermittlungen des BM blieben allerdings ergebnislos, da einige der als gestohlen deklarierten Objekte tatsächlich im Depot gefunden werden konnten. Dem Vorfall wurde deshalb keine besondere Bedeutung zugemessen, der Händler nicht ernst genommen.

Immerhin wurden 70 Objekte auf ebay gesichtet, für die eine Herkunft aus dem BM wahrscheinlich zu machen war.

Daraufhin informierte dieser den Beirat des BM, so dass schließlich die Polizei ermittelte und einen wesentlich größeren Verlust konstatierte. Der Verdacht fiel auf einen langjährigen, renommierten Mitarbeiter, der als Kurator für griechische und römische Kultur zuletzt unter anderem für die Elgin Marbles zuständig war. Er wurde entlassen, doch betont die Familie seine Unschuld.

Inzwischen ist der Direktor des BM zurückgetreten.

 

Eingangshalle des British Museum London
(CC0 via Pixabay.de)

 

Welche Objekte genau abhanden gekommen sind, wurde bislang nicht im Detail bekannt gegeben. Sie befanden sich nicht in der Ausstellung, sondern im Magazin. Vollständigkeit und Tauglichkeit der Inventarisierung werden nun angezweifelt. Bei den Gegenständen soll es sich allgemein um Goldmünzen und -schmuck, Silberketten, Keramikstücke sowie Juwelen aus Halbedelsteinen und Glas handeln - vom 15. Jh. v.Chr . bis zum 19. Jh. n.Chr. 

Das ist ein auffallend breites Spektrum und ausgesprochen vage. Zu vermerken ist zudem, dass die Zahlen - sie sollen bei um die 2000 Stück liegen - keine Einschätzung über das tatsächliche Ausmaß geben. 935 Stück Edelsteine sind etwas anderes als 950 Keramikscherben, bei denen eine Einzelinventarisation oft jenseits des Leistbaren liegt und deren Wert vor allem in den Kontextinformationen liegt.

Meines Erachtens spricht das wohl eher breite Spektrum und der lange Zeitraum gegen die Idee eines Einzeltäters. Dem Verdächtigten wird als Motiv daher auch einfach  "Kleptomanie" unterstellt. 

Wenn jetzt im BM relativ schnell einzelne Objekte wieder aufgefunden wurden, spricht dies für eine nachlässige Organisation und eine laxe Handhabung mit dringendem Handlungsbedarf. Das hat aber als Skandal ganz andere, weit geringere Qualitäten als der Verlust hochwertiger Einzelstücke aus regulären Ausstellungen oder Magazinen. Dass nach wenigen Tagen einige Funde mit Hilfe befreundeter Kollegen wieder aufgetaucht sind, spricht dafür, dass vieles nicht gestohlen, sondern einfach im nicht so unüblichen Chaos wissenschaftlicher Bearbeitungen untergegangen ist. 

Einiges wurde sicher geklaut, anderes offenbar jedoch nicht. Hier würde ich mir eine Differenzierung wünschen, denn unter dem Eindruck eines vermeintlich riesigen Raubs durch einen Mitarbeiter besteht das Risiko, dass die Chance einer Problemanalyse und -lösung ungenutzt bleibt und ggf. sogar die Arbeit mit den Museumsobjekten weiter erschwert wird.

 

Umgang mit Studiensammlungen

In einigen der Berichte klingt an, dass es sich eben um Funde aus Studiensammlungen gehandelt hat und nicht, um inventarisierte, magazinierte Preziosen. Zu den Funktionen einer Studiensammlung gehört es, dass sie ohne große Hürden zugänglich ist, ggf. auch Stücke kurzfristig ausgeliehen werden können - zum Schutz höherrangiger oder wertvollerer Objekte. Wie das BM dies in der Vergangenheit gehandhabt hat, ist mir nicht bekannt.

Zweck von Studiensammlungen ist es idealerweise, zur Bestimmung neuer Funde vergleichend originale Referenzstücke heranziehen zu können. Da auch die neuen archäologischen Funde musealen-konservatorischen Reglements unterliegen, zudem möglicherweise erst im Prozess der Inventarisation oder Konservierung sind, sind es eher die Stücke der musealen Sammlung, die transportfähig und ausleihbar sein sollten. Idealerweise sind solche Stücke nicht die wertvollsten und kontextuell einmaligen Stücke. Durch die Vielzahl der Benutzer sind Studiensammlungen aufwändiger in Ordnung zu halten.

Daraus ergeben sich für solche Studiensammlungen de facto - wenn auch meist nicht formell - niedrigere Standards des Leihverkehrs im Interesse einer funktionierenden, effektiven Forschung. Dass in einer Vergleichs- oder Studiensammlung größere Risiken des Verlusts oder der Beschädigung bestehen, ist geradezu ein Kennzeichen solcher Sammlungen. 

 

Die Bedeutung der Inventarisation

Allerdings macht die Situation im BM auch deutlich, dass die Inventarisation der Museumsbestände unzureichend ist. Jenseits des schönen digitalen Katalogs fehlt es offenbar an der Grunderfassung auch der Altbestände. Darauf war schon vor 20 Jahren hingewiesen worden. 

Inventare waren in der Vergangenheit vor allem ein Besitznachweis und damit ein ungeliebter Verwaltungsakt, der der Öffentlichkeit auch verborgen blieb. Zu viel Aufwand im Inventar, war Zeit, die bei den "vornehmeren" Aufgaben der Museumsarbeit fehlte. Viele Museen verfügen über Altinventare, die gemäß der damaligen technischen und finanziellen Möglichkeiten ohne Fotos auskommen mussten. Oft sind nur Konvolute erfasst, ohne die Objekte einzeln aufzuführen. Das scheint auch im BM mit einigen geschenkten Objektsammlungen so gehandhabt worden zu sein. Damit fehlt nun die Möglichkeiten, den Besitz abhanden gekommener Objekte nachzuweisen und gezielt danach zu fahnden.   Selbst ein Haus wie das BM dürfte die erforderlichen personellen Kapazitäten nicht aus dem Ärmel schütten. Ein öffentliches Online-Inventar würde diese Arbeit aufwerten und hätte - richtig gemacht - einen Wert für Publikum und Forschung (vgl. Archaeologik 26.3.2023). Damit werden freilich auch jene Objekte sichtbar, die man in der Vergangenheit ob unklarer Provenienzen nur zögerlich gezeigt hat (vgl. Archaeologik 13.3.2023). Die größere Transparenz wäre Diebstahlschutz einerseits, andererseits aber auch ein wichtiger Schritt in die Gesellschaft.  

 

weitere Aufklärung

Es sind im BM erst mal eingehende Aufklärungen notwendig. Die Geschichte eines einzigen gigantischen Museumsraubs von einem internen Einzeltäter ist die medial attraktivere Geschichte als Defizite in der alltäglichen Museumsarbeit. Letzteres ist mit dem Stigma einer Unprofessionalität verbunden und würde dem Ruf der Institution wohl eher Schaden als ein Raub. 

Es wäre schön, wenn der Raub Anlaß wäre, Aufgaben von Museen gerade auch in ihrer Rolle als Archiv und Ort der Forschung neu zu reflektieren und darzustellen - und auch offen darzustellen mit welchen personellen und finanziellen Mitteln dies aktuell auskommen muss. 

 


 Links

Rückgabeforderungen

 Der Vorfall zieht zahlreiche Rückgabeforderungen von Raubkunst nach sich: