Sonntag, 4. Dezember 2011

Massenplünderung bei einer Detektor-Rally

Zu Hunderten stürzten die Teilnehmer einer Detektor-Rally in Nord-Essex am 30.11.2011 über einen Schatzfund ('Twinstead Hoard') her, der nun undokumentiert in alle Himmelsrichtungen verstreut ist. Der Schatz bestand anscheinend vor allem aus Goldmünzen von Queen Victoria und King Edward VII (19./ fr. 20. Jh.). Zwei von geschätzt 300 Münzen wurden gemeldet, 30 weitere nach einem Aufruf der Polizei angezeigt. Auffallenderweise wurden letzte Woche zahlreiche solcher Münzen bei ebay eingestellt (PCAHI: A Lot of Sovereigns on EBay today ). Die Polizei ermittelt wegen Unterschlagung - und die 'hochgelobten' britischen Sondengänger haben einen handfesten Skandal und werden als "historisch Interessierte" mehr als unglaubhaft.
Vergl. den Kommentar bei The Heritage Journal (NEWS: Mass theft of sovereigns at a detecting rally (and what it means) und die Reaktionen aus Sondengängerkreisen, die nun Paul Barford vorwerfen, für eine Falschinformation der Medien verantwortlich zu sein (PACHI: UK Detectorists: The way to Block Discussion). Das UK and European Metal Detecting Forum scheint die Diskussion um die Vorgänge auf seinen Seiten, die vor allem eine Verschwörungstheorie verfolgte, leider gelöscht zu haben (vergl. aber den von PACHI verlinkten WebCache).




    Samstag, 3. Dezember 2011

    Das Buch im Grab: Text und archäologischer Kontext

    Kloster Bebenhausen
    (Foto R. Schreg)
    Im neuesten Band der "Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit" stellt Christina Vossler-Wolf ein interessantes Beispiel für den Fall einer Einbindung eines Textes in einen archäologischen Befund dar: Im südlichen Querschiff der Klosterkirche von Bebenhausen wurde im Jahr 2008 ein Grab freigelegt, das nach dem Fundmaterial aus der Grab- und Grabgrubenverfüllung, grün und gelb glasierte Hafnerware, in die Zeit ab dem 16. Jahrhundert datiert wird. Die Beigabe eines Rosenkranzes verweist somit auf eine der Phasen, in denen katholische Mönche nach Bebenhausen zurückkehrten.

    Bücher sind als archäologische Funde ungewöhnlich und so stellte die Konservierung des Fundes eine Herausforderung dar. Der Fund wurde im Institut für Archiv- und Bibliotheksgut und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Studiengang Restaurierung von Grafik-, Archiv- und Bibliotheksgut bearbeitet. Der Einband verweist auf das frühe 17. Jahrhundert, doch konnte der Text nicht mehr lesbar gemacht werden. "Es stellte sich heraus, dass es sich doch eher um ein 'archäologisches' Fundobjekt als um ein 'archivalisches' handelt."

    Insofern ist der Greifswalder Fund vom Januar 2011 natürlich "schöner": Hier wurde ein noch lesbares Buch des 15. Jahrhunderts (eine Handschrift, die „Revelationes“ (Offenbarungen) der Brigitta von Schweden enthielt)  unter dem Fußboden des Domes entdeckt - offenbar war es mit anderen Gegenständen dort deponiert worden.
    In Bebenhausen handelt es sich um eine Grabbeigabe, die in einem persönlichen Bezug zu dem vor einem Altar bestatteten Mann stehen dürfte; in Greifswald um einen "Depotfund", dessen Niederlegungsgründe zunächst unklar sind (zumal er nicht bei einer planmäßigen Grabung, sondern bei unbeobachteten Baumaßnahmen zutage kam).

    Literaturhinweis

    Interner Link

    Donnerstag, 1. Dezember 2011

    8. Rahmenprogramm der EU ohne Kultur

    Der Verband der Restauratoren (VDR) e.V. aus Bonn hat eine Petition zur Unterzeichnung online gestellt. Sie protestiert gegen die drohende Streichung der Forschung zum Kulturerbe aus dem nächsten EU-Rahmenprogramm: 

    http://openpetition.de/petition/online/horizon-2020-streichung-der-kulturerbeforschung 

    Auf den Seiten der Kooperationsstelle EU der Wissenschaftsorganisationen (KoWi) finden sich die Dokumente der Europäischen Komission. Deutlich spiegelt das Programm die Geringschätzung der Geisteswissenschaften wieder. Zwar könnte man "societal challenges" sicher auch historisch betrachten, aber das dürfte wohl kaum die Intention der Kommission sein. Antrags-Chancen dürften wohl nicht sehr hoch einzuschätzen sein.