Donnerstag, 4. Februar 2016

Proteste gegen Reform der Denkmalpflege in Italien

Seit 2014 arbeitet das italienische Ministerium für Kulturgüter und Tourismus (MIBACT) (wikipedia) unter seinem Minister Dario Franceschini an einer Reform der Denkmalpflege, die vor allem zwei Elemente umfasst:
  • eine Herauslösung der Museen aus den Strukturen der Denkmalpflege
  • eine Strukturreform der Denkmalämter (Superintendenzien)
In einer ersten Phase ergaben sich teilweise bereits Veränderungen in den regionalen Zuständigkeiten. Jetzt wird mit einem zweiten Dekret, das am 23. Januar unterschrieben wurde, eine zweite Phase der Reformen umgesetzt. Die archäologische Denkmalpflege und die Bau- und Kunstdenkmalpflege, die bisher von zwei verschiedenen Ämtern wahrgenommen wurden, sollen zusammengefasst werden. Auch die territoriale Neustrukturierung soll mit einer Regionalisierung fortgesetzt werden, die mehr, aber kleinere Ämter (39 statt bisher 17) vorsieht.

Zweifellos, kann man einiges davon nur begrüßen, es gibt aber Zweifel, ob die Umsetzung tatsächlich effektivere Strukturen schafft. Kollegen halten die Denkmalpflege in Italien - entgegen landläufiger Vorurteile über italienische Behörden - für sehr gut organisiert und mit einer prinzipiell recht starken Stellung.
Bedenken bestehen:
  1. ob die Archäologie in den neuen Strukturen gebührend berücksichtigt ist. In kleineren Ämtern steht möglicherweise nicht mehr die ganze Bandbreite an nötiger Expertise zur Verfügung.
  2. dass die betroffenen Denkmalpfleger nicht gehört wurden.
  3. dass schon die erste Phase der Reform die Tätigkeiten der Superintendenzien ein ganzes Jahr blockiert hätten
  4. dass Archive, Magazine und Infrastrukturen nach den neuen Zuständigkeiten aufgeteilt werden müssten
  5. dass die neuen Zuständigkeitsbereiche sich an modernen Verwaltungsgebieten und weniger, wie bisher, an den Schwerpunkten der archäologischen Denkmalpflege orientieren. Die Denkmalpflege im antiken Tarent würde so zu einer Arbeitsstelle in einem entfernteren Amt in Lecce degradiert.  
  6. dass sich ähnliche Reformen in der Denkmalpflege und im Landschaftsschutz in der Vergangenheit sich nicht bewährt hätten.
  7. dass keine klaren Regelungen für die Durchführung von Rettungsgrabungen getroffen seien und die neuen Strukturen so den Anforderungen der Konvention von La Valletta nicht gerecht würden.
Diese Bedenken äußern sich in heftigen Protesten aus den Reihen italienischer Archäologen. Derzeit suchen sie Unterstützer für eine Petition an den zuständigen Minister:
"Das italienische Ministerium für Kulturgüter verfolgt eine radikale Reform des archäologischen Denkmalschutzes. 110 Jahre nach ihrer Gründung sollen die Archäologischen Denkmalämter abgeschafft werden. Die Reform ist innerhalb kürzester Zeit, ohne jegliche Debatte innerhalb des Ministeriums, geplant worden. Zudem gibt es konkrete Hinweise dafür, dass die Bestimmungen zur präventiven Archäologie aus dem neuen Gesetzeskodex der öffentlichen Aufträge gelöscht werden sollen (im Widerspruch zum europäischen Übereinkommen von La Valletta). All dies würde unweigerlich zur Abschaffung der Schutzmaßnahmen für die archäologischen Kulturgüter Italiens führen.
Angesichts der Notwendigkeit, das System des archäologischen Denkmalschutzes zu verbessern, appellieren wir an den Minister den Gesetzesentwurf zurückzuziehen und eine Diskussion mit den Experten der Denkmalpflege in die Wege zu leiten, bei dem auch die internationale Fachwelt involviert werden soll."
Schon früher hat eine andere Petition Unterstützer gesucht, die auch damit argumentiert hat, dass die neuen Strukturen nicht verfassungsgemäß seien:

In Tarent gab es am 30.1. eine Demonstration auf den Stufen der Kirche San Domenico für die Erhaltung des örtlichen Denkmalamtes. Informationen und Bilder dazu wurden mit dem hashtag #iostocontaranto via facebook verbreitet.
Es ist schwer, das Reformprogramm von außen zu beurteilen. Einige Punkte der Reform scheinen im Kern grundsätzlich sinnvoll, entscheidend ist vielleicht eher die Art der Umsetzung, an der die eigentlich Betroffenen nicht beteiligt waren und somit auch deren Erfahrungswerte nicht berücksichtigt sind. Scheinen einige der Bedenken eher der Erhaltung der eigenen Gewohnheiten zu dienen, so gibt es doch viele offene Fragen und eindeutige Risiken. Kleinere Ämter sind für die Bürgernähe sicherlich günstiger, bei entsprechender Personalstärke sind sie auch ein wesentlicher Faktor für die Orts- und Landschaftskenntnis der Konservatoren. Die Aufteilung der Strukturen der Inrastruktur - Bibliotheken, Restaurierung, aber auch inhaltliche Kompetenzen, kann sich aber als ein Problem erweisen. In den Niederlanden wurden bei einer solchen Regionalisierung die lokalen Dienststellen der Denkmalpflege der Möglichkeit beraubt, auf zentrale Kompetenzen zurückzugreifen (vergl. Der Mikwenskandal von Venlo - Archäologie unter Erfolgszwang. Archaeologik [25.6.2014]).   

Maria Pia Guermandi, Archeologia e territorio: l'ultima spallata. Eddyburg (24.1.2016). - http://www.eddyburg.it/2016/01/archeologia-e-territorio-lultima.html
Alessandro Vanzetti, Prähistoriker an der Universität in Rom und derzeit Mitglied des Boards der European Association of Archaeologists hat sich in einem Brief an die EAA-Mitglieder gewandt und auf die aktuelle Petition hingewiesen. Seiner Meinung nach, geht es jetzt nicht so sehr um die Beurteilung, ob die Reformen gut oder schlecht sind, sondern darum, Klarheit über den Prozess zu schaffen und die Fachgemeinschaft einzubinden - zumal es Gerüchte zu einer beabsichtigten Phase 3 der Reform gäbe. ("This is not to say that, in the present situation of uncertainty, one can say whether the reform is definitely "good" or "bad", but that I, and many archaeologists, feel that there should be more involvement of the Community in such an important process, and that the complete trajectory of the reform process should be outlined, as there are rumors speaking of a possible phase 3 of the reform, completing it in the future (next year?)."


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Besten Dank an Leonie Koch und Alessandro Vanzetti

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