Mittwoch, 31. Oktober 2012

Heidenheim-Schnaitheim: Fragen frühmittelalterlicher Besitzstrukturen

Heidenheim-Schnaitheim, Seewiesen
frühmittelalterliche Siedlung
schwarz: Grubenhäuser, orange: Pfostenbauten
(Umzeichnung R. Schreg nach Leinthaler 2003)
Der Befund der frühmittelalterlichen Siedlung Seewiesen bei Heidenheim-Schnaitheim zeigt eine interessante innere Gliederung, die in Südwestdeutschland weitgehend einzigartig scheint: Grubenhäuser und Pfostenhäuser sind hier weitgehend räumlich getrennt. Dabei muss man die Befunde südlich der Hauptgrabungsfläche freilich außer Acht lassen, da hier nur punktuelle Notgrabungen stattgefunden haben, die kaum in der Lage sind, die Standorte von Pfostenhäusern aufzuzeigen.

Im Bereich der Grubenhäuser wurden zwar zahlreiche Pfostenbefunde dokumentiert, doch lassen sie sich nicht zu Hausgrundrissen zusammen schließen. Vielmehr scheint es sich um einzelne Zaunfluchten zu handeln. 


Bei aller Vorsicht der Quellenkritik stellt sich hier die Frage, wie diese Gliederung der Siedlung zu erklären ist.
Liegt hier ein separates Handwerksviertel vor? Besonders auffallende Handwerksbefunde gibt es in der Siedlung nicht. Eisenverhüttung ist zwar bekannt, aber offenbar besser in der Siedlung Fürsamen auf der anderen Seite der Brenz dokumentiert.
Repräsentiert das Grubenhausviertel einen geschlossenen Besitzkomplex? Für gewöhnlich liegen Pfostenbauten und Grubenhäuser in frühmittelalterlichen Siedlungen in einer Gemengelage, scheinen direkt aufeinander bezogen zu sein und eine Nutzungseinheit zu bilden.  Insofern wäre es denkbar, dass in Schnaitheim einzelne Wirtschaftseinheiten aus einem Hof im Nordosten und einem Grubenhaus im Südwesten bestanden, also räumlich getrennt waren. Das Grubenhausviertel würde dann also zu mehreren Besitzkomplexen gehören.

Warum liegen in den Seewiesen die Grubenhäuser (von wenigen Ausnahmen abgesehen) nicht zwischen den großen Pfostenbauten? Offenbar bestanden hier hofübergreifende Nutzungsregelungen oder -zwänge, die die individuellen Entscheidungen der Hofinhaber einschränkten.

War das Land also gar nicht in individueller Verfügungsgewalt? Der Begriff des Privatbesitzes trifft für das frühe Mittelalter aufgrund der herrschaftlichen Rechte nicht zu.
Im Areal der Grubenhäuser sind Gräbchen und Zaunsysteme zu erkennen, die nach ihrer Orientierung zur Siedlung gehören dürften. Das Areal der Grubenhäuser war also wohl mit Zäunen in abgegrenzte Nutzungsflächen gegliedert. Haben wir es hier mit einer Kleinparzellierung zu tun, ähnlich moderner Kleingärten? Besitzabgrenzungen oder Nutzungsgrenzen? Man geht davon aus, dass die Grubenhäuser primär als Handwerkerhütten dienten. Auch in den Seewiesen treten die obligatorischen Webgewichte auf. Wenn hier aber auch Kleinvieh (Schwein, Geflügel) gehalten wurde, dürfen Zäune nicht als Indiz für Besitzgrenzen verstanden werden.

Prinzipiell denkbar wäre es, dass der Grundwasserspiegel die Anlage von Grubenhäusern in einigen Bereichen der Siedlung verhinderte und sich deshalb die Standorte der Grubenhäuser auf einer geeigneten Fläche konzentrierten. Allerdings befindet sich die Brenz westlich der Siedlung im Anschluß an die Grubenhausbebauung, so dass eher im Bereich der Grubenhäuser mit größerem Grundwassereinfluss zu rechnen ist. Die These ist also unwahrscheinlich.

Die Fragen der Besitzsstrukturen können in Schnaitheim aus den archäologischen Daten heraus nicht geklärt werden. Archäologische Beobachtungen zeigen anhand von Siedlungsfunden mehrfach eine Dynamik der Siedlung bzw. der Landnutzung, die generell die Frage aufwerfen, wie Grundbesitz im frühen Mittelalter strukturiert war.

Inwiefern projezieren wir hier moderne Eigentumsbegriffe ins Frühmittelalter und inwiefern verstellt uns die herrschaftliche Perspektive der Schriftquellen den Blick auf lokale Rechtsverhältnisse?


Literaturhinweise
  • B. Leinthaler, Eine ländliche Siedlung des frühen Mittelalters bei Schnaitheim, Lkr. Heidenheim. Materialh. Arch. Bad.-Württ. 70 (Stuttgart 2003).
  • R. Schreg, Kontinuität und Fluktuation in früh- und hochmittel­alterlichen Siedlungen Süddeutschlands. In: C. Fey/ S. Krieb (Hrsg.), Adel und Bauern in der Gesellschaft des Mittelalters. Internationales Kolloquium zum 65. Geburtstag von Werner Rösener. Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 6 (Korb: Didymos-Verlag 2012) 137-164. 
interner Link



 

Kommentare:

Frank Siegmund hat gesagt…

Spannend! Schon einmal über die Kategorie "gender" nachgedacht? Der Frauenraub-Paragraph im Pactus Legis Salicae sagt ausdrücklich "wenn Einer eine Frau aus der Hütte raubt" (nicht Haus o.ä.). Funde kartieren: gibt es eine Frauensphäre in der Siedlung?

Rainer Schreg hat gesagt…

Da ist leider nicht viel zu machen:
1.) Liefern diese elenden süddeutschen frühmittelalterlichen Siedlungen ja von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht gerade ein reichhaltiges Fundspektrum. Insofern sehe ich nicht viel, was sich gendern liese. Aus Schnaitheim gibt es im wenig aufregenden Kleinfundspektrum grade mal 1 (in Worten: einen) Spinnwirtel.
2.) Ist insgesamt die Fundverteilung in der Siedlung wenig ausgewogen, denn natürlich stammen fast alle Funde aus den Grubenhäusern, aber nur weniges kommt aus den Pfostenlöchern des Siedlungsareals mit den 'richtigen' Häusern.
3.) gibt es ein ganz vorsichtiges Gegenargument gegen eine mögliche Frauensphäre, die durch die Grubenhäuser markiert sein könnte: Unter den wenigen Kleinfunden liegt ein Sporn vor, der gerade aus einem der Grubenhäuser im Süden stammt.
4.) Und schließlich liefert die Publikation leider keine brauchbaren Lageangaben zu Befunden, die sich keinem Haus zuweisen lassen. Im Übersichtsplan mit Koordinaten fehlen die Befundnummern, im Katalog werden hingegen keine Koordinaten, sondern nur Grabungsflächen angegeben, die aber nirgendwo in der Publikation auskartiert sind). So bleibt es beim Verdacht, dass die beiden Kämme der Grabung aus dem Bereich der Häuser stammen (bei einem nicht verortbaren Befund mit Kammfragment handelt es sich um eine Herdstelle). Aber gut - mit zwei Kämmen ist ohnehin nicht allzu viel repräsentative Verteilungsanalyse zu machen.

Man bedauert, dass aus dem Siedlungsareal keine großflächigen Phosphatanalysen vorliegen. Vielleicht hätte man damit ja Hinweise auf Aktivitätszonen innerhalb der Siedlung gewinnen können.