Freitag, 19. August 2011

Finanzkrise: Niederländische Museen planen, Teile ihrer Bestände zu verkaufen

Das meldet Reuters.
Betroffen sind die amerikanische und afrikanische Sammlung des Wereldmuseum (Weltmuseum) in Rotterdam. Entsprechende Überlegungen gibt es aber auch beim Museum Boerhaave in Leiden, das Wissenschafts- und Medizingeschichte präsentiert.

Das Buchmuseum Meermanno in Den Haag verfolgt eine andere Strategie, indem es über eine Reality TV Show Sponsoren für einzelne Bücher sucht.

Ziel ist es, Geld einzunehmen, um geplante Haushaltskürzungen in Krisenzeiten zu überstehen.

Noch scheinen archäologische Museen von solchen Ideen verschont, oder?

(via Colin Renfrew, facebook)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wenn das Schule macht, na dann Gute Nacht! Dann können wir unsere Kulturschätze in China, Russland oder sonstwo, wo es überbetuchte Leute gibt, vielleicht finden oder eben nie mehr. Unglaublich!

LESEFUNDE BLAUBEUREN hat gesagt…

Wenn private Sammlungen und Museen sich so das Überleben sichern... lässt sich nichts dagegen tun.Das darf man moralisieren, da darf man sich entrüsten...oder "retten", wenn man das notwendige Kleingeld hat. Ein Staat darf diesen Verrat nie und niemals und unter keinen Umständen begehen, den Verrat an der Verantwortung um das Erbe der gesamten Menschheit. Da würde mehr verraten, als zwei Weltkriege unwiederbringlich zerstören konnten. Viele Bestände sind ja in den Museen unterschiedlich entstanden. Selbst mit dem Aufbau eines Museums zeitweise beschäftigt weiß ich, dass viele Schenkungen beispielsweise damit verbunden waren, sie der Nachwelt in sichere Hände zu geben. So etwas geht nicht, niemals und auf gar keinen Fall. Verrat und Unmoral in Zeiten der Rezession. In den archäologischen Museen ist es ja (noch) nicht so weit. Mit so einem Vorgehen ist aber nicht nur das archäologische Erbe in Gefahr, sondern unsere Kultur in jeder Beziehung.

Stefan Kirchberger hat gesagt…

Das sind die ersten Auswirkungen der kulturfeindlichen Politik der derzeitigen Regierung; vgl. dazu http://www.tagesspiegel.de/kultur/kunst-ist-doch-nur-ein-linkes-hobby/3709104.html.
Das Beispiel der Niederlande zeigt, wie schnell das Pendel umschlagen kann. Die Idee, Sammlungsstücke aus den archäologischen Kollektionen zu verkaufen, ist nicht neu. Aus meiner eigenen Ausgräberzeit erinnere ich mich daran, daß ich immer auf die Frage, was mit den Funden passiert, geantwortet habe: Sie werden ausgewertet, ja, vielleicht machen wir eine Ausstellung, gerne können Sie mal was davon ausleihen (das liest man auch heute als Standardausgräberantwort in Zeitungsartikeln).
Was passiert aber mit den Funden - zumeist lagern sie vor sich hin, im Extremfall solange, bis sie vermodern (wie wir eindrucksvoll in Schwerin grade gesehen haben...). Das ist m.E. die große Herausforderung für die Zukunft, hier weniger fürs Magazin zu produzieren bzw. zu graben, denn sonst können auch hierzulande mal entsprechende Forderungen aus der Politik kommen.

Rainer Schreg hat gesagt…

Weniger fürs Magazin graben - und weniger Auswertungen, die ihr oberstes Ziel darin sehen, noch nen Punkt auf die Verbreitungskarte zu setzen...
Die Faszination, die einzelne Funde in der Öffentlichkeit ausüben, trägt im Zweifelsfall nicht allzu weit. Hier muss man m.E. vielmehr zeigen, dass wir es mit Quellen zu tun haben, die es erlauben, unsere eigene Gegenwart reflektieren. Dazu muss sich die Archäologie neuen Fragestellungen und Themen, aber auch neuen Darstellungsweisen und Narrativen öffnen. Das bedeutet nicht, dass man populären Themen nachrennen und Wissenschaftlichkeit hinten an stellen soll, sondern, dass man mehr wissenschaftliche Aussagen wagen und ein breiteres Themenspektrum behandeln sollte.
- Relevanz und Verständnis des historischen Quellenwertes archäologischer Funde sind Voraussetzung für ein Verantwortungsbewusstsein der Politiker (und ihrer Wähler). - und das muss man auch breit vermitteln und dafür argumentieren.
Im Unterschied zum späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ist die ältere Geschichte nicht mehr so wichtig für die Identität der (west)europäischen Gesellschaften (was angesichts der nationalistischen Misinterpretationen ganz gut so ist), aber dadurch ist man eben auch mehr gefordert, den Gegenwartsbezug der Vergangenheit aufzuzeigen.