Freitag, 19. Mai 2017

Eine Zukunft in Aleppo?!

Mamoun Fansa /  Carola Simon / Lena Wimmer (Hrsg.)
Strategies to rebuild Aleppo
Mainz: Nünnerich-Asmus-Verlag 2017

120 Seiten, 74 Abbildungen, Broschur
englisch

ISBN: 978-3-945751-96-1

€ 17,90 (D) / sFr 17,90 / € 18,40 (A)

Im Frühjahr 2017 ist die Belagerung Aleppos durch die Regime-Truppen zu Ende gegangen, die Kämpfe in der Stadt haben erst Mal aufgehört. Aber die einst prächtige Stadt ist zerstört, viele der Bewohner sind geflohen.

Aleppo im Dezember 2016
(Foto: Russ. Verteidigungsministerium/
Министерство обороны Российской Федерации
[CC BY 4.0] via WikimediaCommons)
Aleppo im Dezember 2016
(Foto: Russ. Verteidigungsministerium/
Министерство обороны Российской Федерации
[CC BY 4.0] via WikimediaCommons)
Zahlreiche aktuelle Bilder aus der Stadt zeigen das Ausmaß der Zerstörung, die kaum Wohnraum oder städtische Infrastrukturen zurück gelassen hat. Ein Wiederaufbau ist hier dringend von Nöten, doch da der Konflikt noch nicht beendet ist, ist das ein schwieriges Unterfangen. In Aleppo hat derzeit das syrische Regime den Sieg davon getragen, das zu unterstützen der Westen nicht bereit ist. 

Schon im April 2016 hat in Berlin am Deutschen Architekturzentrum (DAZ) eine Tagung stattgefunden, die sich mit den Möglichkeiten eines Wiederaufbaus befasst hat.

Vor dem Krieg war Aleppo ein Musterbeispiel einer Stadtsanierung unter Beteiligung der Einwohnerr. In den 1980er Jahren war die Altstadt von Aleppo von einer massiven Abwanderung betroffen. Die Anerkennung der Altstadt von Aleppo als UNESCO-Weltkulturerbe konnte diesen Prozess nur bedingt aufhalten. Seit den 1990er Jahren bis 2010 wurden etwa 90% der Altstadt saniert. Dabei wurden gezielt die Einwohner eingebunden. Darüber berichtet der einleitende Beitrag von Franziska Laue, "Aleppo Archive in Exile" (S. 22ff.). Als Aleppo Archive wird das Urban Historical Archive and Documentation Center ( UHADC) bezeichnet, das als Abteilung der Stadtverwaltung von Alt-Aleppo die Sanierungsarbeiten, Forschungen und Stadtentwicklung koordiniert hat. Der Beitrag stellt auch dar, wie seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges die Arbeiten eingestellt wurden, zugleich aber von Deutschland aus versucht wurde, das Netzwerk zu erhalten und auszubauen. Den umfangreichen digitalen Datenbestand des Aleppo Archive hat 2016 das Deutsche Archäologische Institut in seine Obhut genommen.

Die jetzige Initiative baut auf den Arbeiten des UHADC auf, dessen Daten wichtige Grundlagen für die künftigen Planungen sein werden. Die langfristigen Ziele sind (S. 14):
  • Eine Wiederherstellung der Altstadt nach dem Krieg. Dabei soll die Stadt als Ganzes betrachtet werden, also auch die Neustadt in die Überlegungen und Maßnahmen einbezogen werden.
  • Ene Rekonstruktion der Altstadt. Alte und neue Strategien, aber auch die historischen Quellen sollen die Grundlage dafür sein.
  • Ein Wiederuafbau der Neuustadt, der auf die Altstadt bezogen werden soll.
  • Eine Einbeziehung der Archäologie in den Planungsprozess und Durchführung von Ausgrabungen, um Kenntnisse über die älteren Stadtepochen zu erhalten. 
  • Die Beteiligung der Einwohner der Altstadt, für die zunächst provisorische Wohnungen auf Freiflächen außerhalb der alten Stadtbefestigung errichtet werden sollen.
  • Wiederbelebung des traditionellen Handwerks, das sowohl für den Wiederaufbau als auch für die Identität der Menschen von Bedeutung ist
  • Werbung für eine Berücksichtigung des Kulturerbes und der Identität der Altstadt
In mehreren Interviews ("Discussing Aleppo")  kommen verschiedene Architekten und Archäologen zu Wort, die ihre persönliche Sicht erläutern.

Das Bändchen - eher eine Hochglanzbroschüre - ist ein wichtiges Signal der Hoffnung für die Menschen in Aleppo. Es wirbt dafür, den Wiederaufbau wohl durchdacht und unter Betiligung der Bevölkerung vozunehmen. Bislang ist es nur eine Hoffnung, dass dies bald geschehen kann. Zwar laufen erste Wiederaufbaumaßnahmen bereits an, doch erfolgen diese unter dem Assad-Regime,, mit dem vom Westen keine Kooperation gewollt ist (die Altertumsbehörde macht da eine bemerkenswerte Ausnahme). So bleibt die Ungewissheit, ob es die politischen Voraussetzungen geben wird, um die Ideen und Ergebnisse vor Ort tatsächlich rechtzeitig einzubringen.




Inhaltsverzeichnis
  • Introduction
  • Welcome
  • Manifesto & Purpose
  • Who should participate in the reconstruction of Aleppo?
  • How should we start to reconstruct / rebuild / redevelop Aleppo?
  • Aleppo Archive in Exile (Franzsika Laue)
  • Summary of the panel discussions
  • Open discussion (Interviews)
  • Discussing Aleppo
  • Biographies
  • Past / present / future of Aleppo - an exhibition
  • Abbreviations
  • Participants of the conference
  • Acknowledgments
  • Imprint
 

Links


Montag, 15. Mai 2017

Anfänge der Holocaust Archaeology 1990/91

Die Wächter des Erbes - Initiativen zum Schutz des Kulturerbes in Libyen


Eine Doku auf ARTE schildertt die freiwilligen Wachen in der Ruinenstadt Leptis Magna:, die aus der ortsansässigen Bevölkerung gestellt werden:

Ein 5 min Beitrag über die Situation in Libyen mit speziellem Augenmerk auf dem Kulturgut - via  der US Botschaft in Libya auf facebook: 

Die ICOM Rote Liste für Libyen soll insbesondere des Zollbehörden helfen, potentielle Raubgrabungsgüter aus Libyen zu identifizieren.:

Sabratha in der Hand von Daesh

Freitag, 12. Mai 2017

GESUCHT: Mittelalterliche Textamulette

ein Beitrag von Konrad Knauber
 - for an English version see here

Seit Herbst 2015 gibt es am Heidelberger Sonderforschungsbereich 933 „Materiale Textkulturen“ ein Projekt, das sich mit „Magischer Schriftlichkeit und ihrer Deponierung in mittelalterlichen Gräbern“ beschäftigt. Das Ziel ist die Sammlung und Kontextualisierung physisch erhaltener Textträger aus archäologischem Befund, die in den Bereich der Magie und Volksreligion des christlichen Mittelalters gehören. Bereits nach kurzer Zeit ist hierbei eine Gruppe von Objekten in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, die bislang wenig erforscht ist und doch in großen Teilen Europas verbreitet gewesen sein dürfte. Es handelt sich um christlich geprägte Textamulette, die mit Bibelzitaten, Gebeten, Segenssprüchen oder Beschwörungen beschriftet und z. T. deutlich individualisiert wurden. Bestandteile dieser Formeln finden sich in einer großen Zahl vor allem medizinischer Handschriften, die in klösterlichen Skriptorien zirkulierten und als Vorlagen für die Anfertigung schutzbringender Artefakte gegen Krankheiten, dämonische Einflüsse und Unheil aller Art dienten.


Abb. 1  Noch zusammengefaltetes Amulett von der Burg Drevic (CZ), die unbeschriftete Außenseite fehlt (links im Fundzustand). Erkennbar sind die Passagen callidi diaboli (Z. 2: „…des listigen Teufels…“), Adiuro albis (Z. 4: „Ich beschwöre dich, ‚Elf‘…“) und et spiritum sanc[tum] (Z. 5: „und [beim] heiligen Geist…“). Romanische Minuskelschrift des 11./12. Jh.; zusammengefaltete Größe ca. 3,5 x 4,2 cm. (Fotos: Z. Šámal / D. Blažek)


Auch wenn andere Schreibmaterialien (vor allem Pergament, s. Abb. 3) vorkamen und in bestimmten Regionen deutlich verbreiteter gewesen sein dürften, sind beschriftete Bleibleche aufgrund ihrer Dauerhaftigkeit und des Einsatzes von Metallsonden doch die Fundgruppe, bei der der größte Zuwachs zu erwarten ist. 2013 erschien eine erste Monographie von Arnold Muhl und Mirko Gutjahr, die acht Bleiamulette aus dem Untersuchungsgebiet Sachsen-Anhalt  beinhaltet und weitere 80 verwandte Objekte in ganz Europa –von der Spätantike bis zum Ausgang des Mittelalters- auflistet. Darunter sind sowohl am Körper getragene Amulette als auch andere Stücke, die nach Form, Größe und Textinhalt dazu gedacht waren, Häuser, Gräber oder andere Orte zu beschützen. Dabei zeigen sich neben regionalen Besonderheiten auch deutliche Lücken in der Verbreitung (v.a. Westeuropa und der alpine Raum, wo es aber durchaus entsprechende Texte in Manuskripten gibt), deren Zustandekommen momentan ebensogut mit der Verwendung vergänglicher Materialien wie mit der desolaten Forschungssituation erklärt werden kann, da das Thema exakt zwischen Archäologie, Epigraphik und Manuskriptforschung liegt und die Objekte im Fundzustand meist klein zusammengefaltet sind und unscheinbar bzw. unbeschriftet  wirken. Auf gezielte Nachforschung hin tauchen kontinuierlich entweder neu gefundene oder erst im Nachhinein erkannte bzw. bislang unbearbeitete Textamulette auf, sodass beispielsweise ein erster Fund in Tschechien (s. Abb. 1) demnächst publiziert wird und in Sachsen-Anhalt die Zahl binnen vier Jahren auf ca. 20 bekannte Stücke angewachsen ist (s. Abb. 2).

Abb. 2

Detail eines entfalteten Bleitäfelchens aus der Wüstung Seelschen bei Ummendorf (Lkr. Börde) unter polarisiertem Licht: Erkennbar sind die Worte ar/chang(e)los (Z. 1), m(arty)res (Z. 2), fa/mule d(e)i hazzg[a] (Z. 3.: „der Dienerin Gottes Hazzga“). Die Buchstabenhöhe beträgt ca. 1,5 mm; am Ende der Inschrift steht die Jahreszahl „1070“.
(Foto K. Knauber)


Im Hinblick auf die laufende Promotion würde ich mich freuen, möglichst viele noch un- oder wenig bekannte Amulette erfassen zu können. Einzelne Sammlungen und auch ehrenamtliche Sondengänger wurden von mir und hilfsbereiten Kollegen bereits sensibilisiert; flächendeckend und europaweit ist das aber in der Projektlaufzeit nicht zu leisten. Daher wäre ich für die Verbreitung dieses Aufrufs sehr dankbar und nehme Rückfragen und Rückmeldungen gerne unter der folgenden Mailadresse entgegen:
  • konrad.knauber [at] zaw.uni-heidelberg.de

Weitere Informationen finden Sie auch in der Projektbeschreibung (englisch/deutsch) und in einem einführenden Artikel (deutsch), der im Herbst 2016 im SPEKTRUM Sonderheft „Die Magie der Schrift“ erschienen ist und den ich Nicht-Academia-Mitgliedern auch gerne als .pdf zuschicke.

Abb. 3
Pergamentamulett der „Dobrozlava“ (14. Jh.) gegen das Viertagesfieber (Malaria?), gefunden bei Renovierungsarbeiten in der Georgsbasilika in Prag um 1900.

(nach V. J. Nováček, Amulet ƶe XIV. století, naleƶený v chrámu sv. Jiří na Hradě Praƶ̌ském, Český lid 10,/5, 1901, 353-354)



Links


Literatur

  • Katerina Blažková / Zdenek Šámal / Daniela Urbanová / Konrad Knauber / Dalibor Havel, Stredoveký olovený amulet z hradište Drevíc (k. ú. Kozojedy, o. Rakovník) / A medieval lead amulet from the Drevíc hillfort in Central Bohemia. Archeologické rozhledy 69, 121-142 (im Druck).
  • Klaus Düwel, Mittelalterliche Amulette aus Holz und Blei mit lateinischen und runischen Inschriften, in: Volker Vogel (Hg.), Ausgrabungen in Schleswig 15, Neumünster 2001.
  • Arnold Muhl / Mirko Gutjahr, Magische Beschwörungen in Blei. Inschriftentäfelchen des Mittelalters aus Sachsen-Anhalt (Halle [Saale] 2013).
  • Monika Schulz, Beschwörungen im Mittelalter. Einführung und Überblick (Heidelberg 2003).
  • Don Skemer, Binding Words. Textual Amulets in the Middle Ages (University Park 2006).





Konrad Knauber ist Mitarbeiter im SFB 933 "Materiale Textkulturen" am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Heidelberg und promoviert dort im Teilprojekt A03 "Materialität und Präsenz magischer Zeichen zwischen Antike und Mittelalter" zum Thema "Magische Schriftlichkeit und ihre Deponierung in mittelalterlichen Gräbern".