Freitag, 8. Februar 2019

Mönche als Pioniere in der Wildnis

Die Zisterzienser gelten als besonders engagiert bei Rodung und Urbarmachung im Rahmen des mittelalterlichen Landesausbau. Auch ihren frühmittelalterlichen Vorgängern beispielsweise im Schwarzwald wird nachgesagt, dass Klöster gezielt zur Sicherung und Erschließung ganzer Landschaften angelegt wurden. Neben diesem weltlichen Aspekt tritt aber auch der der kontemplativen Einsamkeit, indem bewusst die Einsamkeit in der Wildnis gesucht wurde.

Kloster Bebenhausen
(Foto: R. Schreg)
Landschaftsarchäologische Studien an Klöstern aus Südwestdeutschland (u.a. Bebenhausen, Eußerthal, Faurndau)  helfen, Ideal und Wirklichkeit zu durchschauen. Vielfach zeigt sich, dass wir eine frühere Landnutzung annehmen müssen, die aber kaum in den Schriftquellen aufscheint und wohl systematisch ausgeblendet wurde. Dies erinnert an den kolonialistischen Umgang mit der einheimischen Bevölkerung, deren Lebens- und Wirtschaftsweise oft auch heute noch nicht ernst genommen wird.

Dazu nun erschienen und open access online:


Montag, 4. Februar 2019

Petition zum Erhalt des Römerlagers Wilkenburg

Seit 1990 ist durch Luftbilder bei Wilkenburg im Leine-Tal südlich Hannover ein römisches Marschlager bekannt, das im Bereich einer geplanten Auskiesung liegt. Aus einer örtlichen Römer AG Leine (RAGL) ging nun eine Petition auf den Seiten des Niedersächsischen Landtags an den Start. Sie steht 6 Wochen bis zum 15.3.2019 zur Zeichnung offen und ist auf 5000 Mitzeichner angelegt, die erforderlich sind, damit sich der Petitionsausschuss des Landtages in einer mündlichen Anhörung mit dem Thema befasst.
Zum Hintergrund der Petition:
Grabungsschnitt mit ausgeschältem Spitzgraben
(Foto Axel Hindemith [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

Das öffentliche Intersse und Engagement ist der Unterstützung wert, auch wenn die Berufung auf "unsere geschichtlichen Vorfahren, die germanischen Cherusker" etwas konstruiert und wissenschaftlich befremdlich wirkt.

Erste Medienresonanz

Links

Samstag, 2. Februar 2019

Alte Gene und ihre Probleme

Genetische Studien sind hipp - und in Vielem tatsächlich ein entscheidender Durchbruch für unser Bild der Vergangenheit. Leider gibt es einige Probleme, angefangen mit der Ethik der Beprobung, über die sensationsheischende Vermarktung durch populäre Vorabveröffentlichung bis hin zur unreflektierten Stärkung alter Rasseideen, die den menschenverachtenden und ausgrenzenden Ideen der Neuen Rechten vermeintlich wissenschaftliche Argumente liefern.
Hier einige Beiträge der letzten Wochen und Monate:
  • M. E. Prendergast/E. Sawchuk, Boots on the ground in Africa's ancient DNA ‘revolution’. Archaeological perspectives on ethics and best practices. Antiquity 92/363, 2018, 803–815. -  DOI: 10.15184/aqy.2018.70.
  • F. A. Kaestle/K. A. Horsburgh, Ancient DNA in anthropology. Methods, applications, and ethics. American Journal of Physical Anthropology 119/S35, 2002, 92–130. -  DOI: 10.1002/ajpa.10179. 
  • S. Eisenmann/E. Bánffy/P. van Dommelen/K. P. Hofmann/J. Maran/I. Lazaridis/A. Mittnik/M. McCormick/J. Krause/D. Reich/P. W. Stockhammer, Reconciling material cultures in archaeology with genetic data. The nomenclature of clusters emerging from archaeogenomic analysis. Scientific Reports 8/1, 2018, 13003. -  DOI: 10.1038/s41598-018-31123-z.

Skelettreste in den Katakomben von paris
(CC0 via https://pxhere.com/de/photo/575209)

Interne Links zum Thema

Dienstag, 29. Januar 2019

„Circulating artefacts“ - British Museum gründet Task Force gegen illegalen Handel mit Aegyptiaca

Ein Beitrag von Jutta Zerres

Das renommierte British Museum in London hat sich mit der Einrichtung eines internationalen Expertenteams zur Bekämpfung des illegalen Handels mit Antiken aus Ägypten und dem Sudan einer neue Aufgabe gestellt. Das Projekt beginnt offiziell im Februar und trägt den Namen „Circulatiing artefacts“. Es sollen sowohl frisch ausgegrabene Stücke aufgespürt als auch Provenienzgeschichten von Funden, die nach 1970 (also nach dem Inkraftreten des UNESCO-Übereinkommen über Maßnahmen zum Verbot und zur Verhütung der unzulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut 1970“) in Umlauf gekommen sind, auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Basis der Recherche bildet eine Datenbank, die legale und illegale Fund sowie solche mit unbekanntem Status enthält und Querverweise ermöglicht. Sie soll öffentlich einsehbar sein und jedermann kann sich mit Hinwesen und Bildern an Aufbau beteiligen. Im Fokus der Beobachtung stehen neben Auktionshäusern und Sammlern auch Internetplattformen wie Ebay. Das Team steht in engem Kontakt zu Experten in Kairo und Khartoum und arbeitet mit Scotland Yard und den Zollbehörden zusammen. Britische Fachleute begrüßen unter Verweis auf ihre Erfahrungen mit der Nachlässigkeit des Kunsthandels bei der Überprüfung von Provenienzen die Einrichtung der Expertengruppe.
Eingangshalle des British Museum London
(CC0 via Pixabay.de)
Nur ein einziger Fall aus Deutschland, der 2015 bekannt wurde, mag hier exemplarisch angeführt sein, der die Wichtigkeit dieser Massnahme unterstreicht:


Änderungsvermerk (31.1.2019): Fehler im Titel und Text korrigiert (circulating statt falsch circulation)

Sonntag, 27. Januar 2019

"Unsere Erinnerungskultur bröckelt" - #HolocaustRemembrance

Zum Holocaust-Gedenktag am 27.1.2019 hat Bundesaußenminister Heiko Maas für die Welt am Sonntag einen Gastbeitrag verfasst. Er warnt vor einem Brökeln der Erinnerungskultur unter dem Druck der Rechtsextremen und beklagt das "Unwissen gerade der jungen Deutschen". 

Bald werden keine Zeitzeugen mehr von der Pogromnacht berichten können, bald wird es keine Holocaust-Überlebenden mehr geben. "Wir müssen die Geschichten der Menschen bewahren, die aus eigenem Erleben von dem Unfassbaren berichten können." Maas weisst aber auch auf die wachsende zeitliche Distanz hin, die dazu führt, dass für den, der heute geboren ist, für den (...) etwa die Pogromnacht zeitlich genauso weit entfernt" sei, wie bei seiner Geburt ein Reichskanzler Bismarck.

Die Konsequenz daraus ist, dass  die Gedenkkultur daran angepasst werden muss. Natürliche lassen sich mit dem Medium der Schrift, der Ton- und Filmdokumente Unterrichtsmaterialien schaffen, aber eine Betroffenheit lässt sich damit nicht erreichen. "Was wir jetzt brauchen, sind neue Ansätze, um historische Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen. Unsere Geschichte muss von einem Erinnerungs- noch stärker zu einem Erkenntnisprojekt werden."

Einfahrt ins KZ Auschwitz
(Bundesarchiv, Bild 175-04413
[CC-BY-SA] via WikimediaCommons)

"Die Archäologie der Zeitgeschichte hebt verdrängte oder schlicht vergessene Vorgänge verschärft ins Bewußstein. Der Spaten holt Geschichte in die Gegenwart zurück." schrieb schon 1988 der Münchner Zeithistoriker Ulrich Linse mit Blick auf die NS-Zeit. "Geschichte meint eben nicht nur Tod und Ende, sondern auch die Pflege der Erinnerung, das Fortleben im Gedächtnis. Aufdecken und Rekonstruieren, Bewahren und Schützen sind hier Mittel, die das stete Verlebendigen und Vergegenwärtigen der Vergangenheit bewirken möchten." Das war damals schon ein Plädoyer für eine Archäologie der Zeitgeschichte, die inzwischen an Bedeutung gewonnen hat. Archäologie der Zeitgeschichte wurde hier in Zusammenhänge der Erinnerungsarbeit und der Geschichtsdidaktik gerückt, ein Thema, das in vielen neueren Publikationen zu Tatorten oder der Archäologie des Terrors ausgesprochen blass bleibt.

Die Auseinandersetzung mit derVergangenheit - egal ob 6000 Jahre zurück oder 75 - hat immer eine gesellschaftspolitische Dimension, denn sie vermittelt immer auch Menschenbilder. Insofern ist Archäologie ein wichtiger Teil der Umweltbildung, wie auch der politischen Bildung. In der Archäologie der Zeitgeschichte ist dies eine immer wichtigere gesellschaftliche Aufgabe.

Wenn Heiko Maas eine Anpassung der Gedenkkultur anmahnt, so gehört dazu, dass die jungen Generationen mit unmittelbaren Zeugnissen der NS-Zeit konfrontiert werden müssen, wenn sie keine Überlebenden mehr persönlich treffen können. Da reicht es aber nicht, wenn die Archäologie in gewohnter Weise ihre Notgrabungen durchführt und Fundkataloge publiziert. Hier müssen andere Formate gefunden werden, bei denen Wissenschaftler Schüler und Bürger an Fundorte der NS-Zeit heranführen - die Archäologie kann und muss sich in diese Anpassung der Gedenkkultur einbringen.

Literatur