Donnerstag, 20. September 2018

Archäonik - hä, was ist denn das?

Zugegebenermaßen haben wir den Begriff selbst erfunden...
Ein neu erschienener Artikel erklärt das aber genauer:
Es geht um die konkrete Anwendung archäologischer Erkenntnisse für die Entwicklung von Zukunftsstrategien. Wer schon länger Archaeologik liest, erinnert sich vielleicht an eine Serie von Blogposts:
Schon zuvor hatte ich mit Markus Dotterweich am Beispiel der Terra Preta do Indios überlegt, wie solch ein Lernen aus der Vergangenheit praktisch aussehen könnte und wie man dies in eine Forschungsstrategie umsetzen könnte. Wir konnten das damals nicht angemessen publizieren, aber Tagungsbeiträge und nicht zuletzt die Blogposts hier haben Kollegen auf den Plan gerufen und uns eingeladen - unter anderem zu einem Beitrag für die Zeitschrift Quaternary International. Dort ist der Artikel jetzt nach einem peer review erschienen.
Leider ist die Zeitschrift nicht im OpenAccess und darüber hinaus auch noch beim Verlag Elsevier, der derzeit die Speerspitze der Verlagslobby gegen vernünftig zugängliche Wissenschaftspublikationen darstellt. Viele Bibliotheken, darunter auch die Universität Bamberg boykottieren den Verlag daher mit guten Gründen (HRK-Erklärung). 

Der Artikel ist angelegt als ein "review paper", das das Potential  (geo)archäologischer Daten zu vergangenen Humanökosystemen im Hinblick auf deren Beitrag zur Entwicklung nachhaltiger Land- und Bodennutzungsstrategien untersucht. Die Betrachtung von Landnutzungssystemen der Vergangenheit erweitert unser Verständnis der langfristigen Prozesse und Jahrtausendereignisse, die letztlich darüber entscheiden, ob Systeme nachhaltig und langfristig sind, oder schnell kollabieren - eine Frage auch der Resilienz.  Beispielhaft konzentriert sich der Artikel auf die anthropogenen Schwarzerdeböden (Anthropogenic Dark Earths, ADE). Diese außerordentlich fruchtbaren Böden kennt man aus verschiedenen Weltregionen, vor allem aber aus dem Amazonas-Gebiet. Sie entstanden unbewusst durch Abfallakumulation als Kulturschichten oder wurden bewusst geschaffen. 
Wir plädieren dafür, Landnutzungen der Vergangenheit in einem inter- bzw. transdisziplinären Forschungsdesign zu untersuchen und problemorientiert zu untersuchen, welche Möglichkeiten diese heute bieten. Der Ansatz der Archäonik basiert auf einer Ökosystem-Perspektive. Da die (geo)archäologischen Daten  zu vergangenen Landnutzungssystemen immer lückenhaft sind, spielen Analogien, Modellierungen und Experimente eine wichtige Rolle für die Beurteilung der Nachaltigkeit. Für qualitätvolle Ergebnisse müssen wir möglichst nahe an die vergangene Realität kommen und diese verstehen, sie ist aber letztlich nicht Ziel der Forschungen. Diese liegen in Gegenwart und Zukunft.

Dienstag, 18. September 2018

Grenzüberschreitende Archäowerkstatt in Bärnau eröffnet

Großes Potential für Wissenschaft und Lehre, aber auch für historisches Verständnis, Völkerverständigung über Grenzen und für die wirtschaftliche Entwicklung der oberpfälzischen Grenzregion zu Tschechien bietet das ArchaeoCentrum Bayern-Böhmen. Anknüpfend an den dortigen Geschichtspark, der mittelalterliche Siedlungen vom Früh- bis ins Spätmittelalter präsentiert, besteht es aus der Mittelalterbaustelle und der nun eröffneten Archaeowerkstatt.

Deren Einweihung geriet daher am  11. September zum großen Event unter Beteiligung des tschechischen Kulturminisiters Antonín Stanek wie auch des bayerischen Kultusministers Bernd Sibler und weiterer regionaler Politprominenz. Dabei betonte der CSU-Minister die große Bedeutung offener Grenzen, die man nicht gefährden dürfe, was in einem bemerkenswerten Gegensatz zur Politik seiner Partei steht.
Die Kleinstadt Bärnau mit heute rund 3200 Einwohnern (incl. der 34 Ortsteile!) lag lange Zeit im Schattten des eisenern Vorhangs und wurde durch den Niedergang der Knopfindustrie stark getroffen.  Der Aufbau des ArchaeoCentrum lenkte jedoch zahlreiche Fördermittel, von Land, Bund und EU in die Stadt und hat hier bereits einige private Investitionen angeregt.

Eröffnung der Archäowerkstatt in Bärnau
(Foto: R. Schreg, 11.9.2018)
Für die Archäologie ist der Geschichtspark, Mittelalterbaustelle und die Archaeowerkstatt  eine interessante Infrastruktur, um experimentelle Archäologie im Bereich sehr unterschiedlicher Themen praktisch umzusetzen: Einerseits geht es natürlich um Hausbau und Bautechniken, aber auch um Herstellungstechniken und landwirtschaftliche Praxis. Bei der Eröffnung konnte ein Kooperationsvertrag mit den Universitäten Prag und Pilsen unterzeichnet werden, ein entsprechendes Dokument mit der Universität Bamberg wird folgen. Bereits jetzt gibt es im Studiengang der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg regelmäßig auch ein Lehrangebot in der experimentellen Archäologie, das in Bärnau gehalten wird. Die Archaeowerkstatt bietet nun Räumlichkeiten mit der nötigen Infrastruktur für Materialuntersuchungen; Übernachtungsmöglichkeiten für Studierende und Jugendgruppen sind in der Altstadt von Bärnau geplant, wo weitere Kulturprojekte in Angriff genommen wurden.

Rekonstruktion der frühmittelalterlichen Holzkirche von Kleinlangheim
im Geschichtspark Bayern-Böhmen
(Foto: R. Schreg 2018)


Das Mittelalter mit der sog. Goldenen Straße von Nürnberg nach Prag als Symbol der Bayerisch-Böhmischen Kontakte über die Grenzen hinweg steht hier für die grenzüberschreitende Geschichte, die im 20. Jahrhundert eher von Spannungen und Krieg gekennzeichnet war. So sind in der Region mit Bunkern des Zweiten Weltkriegs, der Gedenkstätte des KZ Flossenbürg und dem ehemaligen Grenzstreifen, in dem auf tschechischer Seite zahlreiche Dörfer abgesiedelt worden sind, auch zahlreiche Monumente der Geschichte des 20. Jahrhunderts präsent und vermitteln so anschaulich die Geschichte dessen, wie sich Grenzen im Lauf der Zeit verändert und verfestigt haben.

Links zur Eröffnung der Archäowerkstatt


weitere Links





Freitag, 14. September 2018

Staatlich bestellte Geschichte

Berber Bevernage, Nico Wouters, (Hrsg.)

The Palgrave Handbook of State-Sponsored History After 1945


London: Palgrave Macmillan 2018


ISBN 978-1-349-95306-6

245,03€, ebook: 190.39 €


Abgesehen vom völlig überzogenen Preis, handelt es sich um ein wertvolles Buch, lenkt es doch die Aufmerksamkeit darauf, wie Regierungen versuchen, die Deutungshoheit über die Geschichte zu gewinnen, indem sie Archive, Bibliotheken und Forschungsstrukturen manipulieren. Weit von Verschwörungstheorien entfernt, schildern die wissenschaftlichen Beiträge vornehmlich von Historikern und Rechtswissenschaftlern zahlreiche Beispiele seit 1945.
Der Band geht systematisch verschiedene staatliche Strategien durch, wie er seine Deutungshoheit durchsetzen möchte, durch Gesetze, durch Steuerung von Archiven und Bibliotheken, durch Forschungsinstitutionen und Programmen der Forschungsförderung, durch Schulbücher und Lehrpläne, durch Museen und Musealisierung, durch Gedenkstätten und Denkmalpflege, durch Gerichtsverfahren und Tribunale, durch Wahrheits- und Historikerkommissionen. Es geht also nicht nur um Zensur oder die Arbeit staatlich angestellter Historiker, sondern auch um all die anderen Steuerungsinstrumente des modernen Staates, um be- oder verhindernde wie auch um fördernde und ermöglichende staatliche Maßnahmen. Da hier auch restriktive Maßnahmen behandelt werden, scheint der Begriff der "state-sponsored history" zu kurz gegriffen

Diese Einflüsse kritisch zu reflektieren, zeichnet die Geschichts- und Kulturwissenschaften als Wissenschaften aus, insofern ist der vorliegende Band ein ganz grundlegender, wichtiger Beitrag. Oft findet solche Reflektion als Teil der Quellenkritik und der Forschungsgeschichte statt, aber es scheint wesentlich, sich hier ganz grundlegend Orientierung zu verschaffen, denn nicht immer sind die Steuerungsversuche auf den ersten Blick zu erkennen. Die Fallbeispiele des Bandes führen über alle Kontinente und vertreten demokratische wie autokratische Staaten und bieten so auch vielfältige Einblicke.

Zerstörung ganzer Kulturlandschaften mit staatlicher Förderung in Deutschland:
rheinischer Braunkohletagebau
(Foto: R. Schreg, 2018)

Von den vielen Beiträgen im Band sei hier nur auf den von Cornelia Eisler über die staatliche Unterstützung der Vertriebenen hingewiesen (“State-Supported History” at the Local Level: Ostdeutsche Heimatstuben and Expellee Museums in West Germany, S. 399-413), da er auch die Deutungen der mittelalterlichen Deutschen Ostsiedlung in der Nachkriegszeit anspricht.
Archäologie spielt in dem Band aber so gut wie keine Rolle (lediglich  der Beitrag von G. Plets kommt in Bezug auf Russland auch hin und wieder darauf zu sprechen), was der identitätsstiftenden Rolle früherer Epochen nicht gerecht wird. Zwar liegen die konkreten Staatsinteressen an der Vergangenheit zumeist in jüngerer Zeit, da hieraus eigenes Handeln gerechtfertigt wird, aber zumeist wird die nationale Identität in ferner zurück liegender Vergangenheit begründet, die dabei meist zurecht gebogen werden muss. Aktuelle Beispiele sind Serbien (Archaeologik 6.2.2015 und 23.8.206) oder Ungarn (Achaeologik 24.5.2012), aber auch Panama, oder der Irak, wo die Vergangenheit in verschiedener Weise für Identitätsstiftung genutzt wird. Anzuführen sind aber auch all jene Fälle, in denen die Zerstörung von Kulturgut aus ideologischen oder wirtschaftlichen Gründen staatlich (oder von regionalen Machthabern) gefördert wird. Das beinhaltet auch all die Zerstörungen durch Bauprojekte und Wirtschaftsinvestitionen, die auch in Deutschland  mit staatlicher Unterstützung vorangetrieben werden und - wie etwa in der rheinischen Braunkohle - Kulturerbe zerstören und Wissenschaft ausbremsen. An dieser Stelle wird der Band seinem Anspruch, Handbuch zu sein, nicht ganz gerecht, denn dass die materiellen, archäologischen Geschichtsquellen bei solch einem Thema ausgeblendet werden, ist nicht mehr zeitgerecht.
 
Dennoch sollte er auch von archäologischer Seite rezipiert werden, denn die angesprochenen Probleme sind dem Fach keineswegs fremd und bedürfen kritischer Begleitung. Hier könnte der Band Impulse geben.


Inhalt

  • Berber Bevernage, Nico Wouters: State-Sponsored History After 1945: An Introduction (S. 1-36)

1. Memory Laws and Legislated History

  • Antoon De Baets: Laws Governing the Historian’s Free Expression (S. 39-67)
  • Pietro Sullo: Writing History Through Criminal Law: State-Sponsored Memory in Rwanda (S. 69-85)
  • Stiina Löytömäki: French Memory Laws and the Ambivalence About the Meaning of Colonialism ( S. 87-100)
  • Pierre-Olivier de Broux, Dorothea Staes: History Watch by the European Court of Human Rights (S. 101-119)
  • Tomas Balkelis, Violeta Davoliūtė: Legislated History in Post-Communist Lithuania (S. 121-136)

2. Archives and Libraries

  • Trudy Huskamp Peterson: Archives, Agency, and the State (S. 139-159)
  • Niké Wentholt: Open Archives to Close the Past: Bulgarian Archival Disclosure on the Road to European Union Accession (S. 161-175)
  • Michael Karabinos: Archives and Post-Colonial State-Sponsored History: A Dual State Approach Using the Case of the “Migrated Archives” (S. 177-190)
  • Dora Komnenović: The “Cleansing” of Croatian Libraries in the 1990s and Beyond or How (Not) to Discard the Yugoslav Past (S. 191-206)

3. Research Institutes and Policies

  • Lutz Raphael: State Authority and Historical Research: Institutional Settings and Trends Since 1945 (S. 209-236)
  • Rommel A. Curaming: Official History Reconsidered: The Tadhana Project in the Philippines (S. 237-253)
  • Idesbald Goddeeris: History Riding on the Waves of Government Coalitions: The First Fifteen Years of the Institute of National Remembrance in Poland (2001–2016) (S. 255-269)

4. Schools, Curricula and Textbooks

  • Peter Seixas: History in Schools (S. 273-288)
  • Luigi Cajani: History Teaching for the Unification of Europe: The Case of the Council of Europe (S. 289-305)
  • Denise Bentrovato: Teaching History Under Dictatorship: The Politics of Textbooks and the Legitimation of Authority in Mobutu’s Zaire (S. 307-321)
  • Lynn Lemisko, Kurt Clausen: The “National Dream” to Cultural Mosaic: State-Sponsored History in Canadian Education (S. 323-338)
  • Gotelind Müller: China’s History School Curricula and Textbook Reform in East Asian Context (S. 339-352)
  • Achim Rohde: Teaching History in Israel–Palestine (S. 353-370)

5. Museums and Musealisation

  • Ilaria Porciani: History Museums (S. 373-397)
  • Cornelia Eisler: “State-Supported History” at the Local Level: Ostdeutsche Heimatstuben and Expellee Museums in West Germany (S. 399-413)
  • Patrizia Violi: State Agency and the Definition of Historical Events: The Case of the Museo de La Memoria Y Los Derechos Humanos in Santiago, Chile (S. 415-430)
  • Christian Wicke, Ben Wellings: History Wars in Germany and Australia: National Museums and the Relegitimisation of Nationhood (S. 431-445)

6. Memorials, Monuments and Heritage

  • Shanti Sumartojo: Memorials and State-Sponsored History (S. 449-476)
  • Ewa Ochman: Spaces of Nationhood and Contested Soviet War Monuments in Poland: The Warsaw Monument to the Brotherhood in Arms (S. 477-493)
  • Gertjan Plets: Heritage Statecraft: Transcending Methodological Nationalism in the Russian Federation (S. 495-509)

7. Courts, Tribunals and Judicial History

  • Richard J. Golsan: The State, the Courts, and the Lessons of History: An Overview, with Reference to Some Emblematic Cases (S. 513-534)
  • Lawrence Douglas: The Historian’s Trial: John Demjanjuk and the Prosecution of Atrocity (S. 535-549)
  • Vladimir Petrović: Germany Versus Germany: Resistance Against Hitler, Postwar Judiciary and the 1952 Remer Case (S. 551-565)
  • Ramses Delafontaine: Historical Testimony for the Government in US v. Philip Morris, et al. (S. 567-581)
  • Nasia Hadjigeorgiou: A One-Sided Coin: A Critical Analysis of the Legal Accounts of the Cypriot Conflicts (S. 583-595)

8. Truth Commissions and Commissioned History

  • Eric Wiebelhaus-Brahm: Truth Commissions and the Construction of History (S. 599-620)
  • Stephan Scheuzger: Truth Commissions and the Politics of History: A Critical Appraisal (S. 621-636)
  • Nina Schneider, Gisele Iecker de Almeida: The Brazilian National Truth Commission (2012–2014) as a State-Commissioned History Project (S. 637-652)
  • Oz Frankel: The 9/11 Commission Report: History Under the Sign of Memory (S. 653-668)
  • Onur Bakiner: Truths of the Dictatorship: Chile’s Rettig and Valech Commissions as State-Sponsored History (S. 669-684)

9. Historical Expert Commissions and Commissioned History

  • Eva-Clarita Pettai: Historical Expert Commissions and Their Politics (S. 687-712)
  • Erna Rijsdijk: Reconstituting the Dutch State in the NIOD Srebrenica Report (S. 713-725)
  • Martha Cecilia Herrera, José Gabriel Cristancho Altuzarra, Carol Juliette Pertuz: Memory Institutions and Policies in Colombia: The Historical Memory Group and the Historical Commission on the Conflict and Its Victims (S. 727-740)
  • Seiko Mimaki: Diversified and Globalized Memories: The Limits of State-Sponsored History Commissions in East Asia (S. 741-755)


Montag, 10. September 2018

Die Burg Henneberg in Südthüringen

Rezension von Fabian Schwandt

Ines Spazier
mit Beiträgen von Kevin Bartel, Hans-Volker Karl, Oliver Mecking, Volker Morgenroth, Johannes Mötsch, Ralf-Jürgen Prilloff, Benjamin Rudolph, Tim Schüler, Corina Seidl, Wolf-Rüdiger Teegen, Gisela Wolf, Günther Wölfing

Die Burg Henneberg in Südthüringen.
Stammburg der Henneberger Grafen



(Langenweissbach: Verlag Beier & Beran 2017)

ISBN 978-3-95741-057-3

2 Bände, insg. 568 S., 238 Farbabb., 116 Tafeln und 3 Beilagen
89,00 €

Wie der Herausgeber Sven Ostritz, Landesarchäologe von Thüringen und Präsident des Thüringischen Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie in seinem Vorwort ausführt, handelt es sich bei der Burgruine Henneberg um ein „vergessenes“ Denkmal. Die Lage an der ehemaligen innerdeutschen Grenze sorgte dafür, das die Anlage jahrzehntelang keinerlei wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhielt und verfiel. Nach der Wiedervereinigung wurden dann in rascher Folge denkmalpflegerische Maßnahmen und eine Grabungskampagne durchgeführt, deren Publikation aber nicht über Vorberichte hinaus kam. Um so schöner ist es, das Ines Spazier, Mitarbeiterin am Landesamt, die Burg nun mit der Unterstützung vieler Mitautoren aus ihrem Schlaf geweckt hat und mit diesem Werk eine umfassende Aufarbeitung der archäologischen Ausgrabungen und der Geschichte vorlegt.
Die Burg Henneberg ist der Stammsitz des gleichnamigen Grafengeschlechts, welches von seiner ersten Erwähnung im 11. Jahrhundert bis zum seinem Aussterben im 16. Jahrhundert zeitweise das bedeutendste Adelsgeschlecht im südthüringischen und fränkischen Raum war. An gleicher Stelle befand sich auch schon einmal eine eisenzeitliche Höhensiedlung. Von der mittelalterlichen Burganlage sind heute noch der Bergfried, ein Rundturm, der Großteil der Ringmauer und einige kleinere Mauerreste erhalten. 1992-1995 (unter Mitarbeit des Lehrstuhl für Prähistorische Archäologie der Martin-Luther-Universität Halle-Witten und des Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg) und 2001-2002 wurden jeweils Grabungen durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie durchgeführt.
Bergfried der Burg Henneberg, Ansicht von Westen.
(Foto: Dietrich Krieger [ CC-BY-SA-3.0]
via WikimediaCommons)
Im ersten Band wird nach einigen Vorworten die Geologie des Henneberger Raumes, die Topografie der Burg und die Forschungsgeschichte der bisherigen Untersuchungen auf der Henneberger Burg erläutert. Sodann wird chronologisch erst auf die Befunde, dann die Funde der hallstattzeitlichen Besiedlungsphase eingegangen. Durch die starke Überprägung in mittelalterlicher Zeit werden hier allerdings keine weitergehenden Betrachtungen angestellt, obgleich das Fundmaterial zum Beispiel eine gedrechselte Bernsteinperle enthält, zu der sich in dieser Form fast keine Vergleichsfunde herausstellen lassen (S. 71f.).

Rundturm mit Teilen der Außenmauer, von Osten gesehen.
(Foto: Detlef Mewes [PublicDomain]
via WikimediaCommons)
Nach einer kurzen Betrachtung der mittelalterlichen politischen Umgebung der Burg Henneberg und der umgebenden Burgen, Klöster, Pfalzen und frühmittelalterlichen Siedlungen, widmet sich die Autorin im Hauptteil den hoch- und spätmittelalterlichen Befunden und Funden. Hier zeigt sich auch die Sorgfalt, mit der die Grabungen durchgeführt wurden: so wurde im Innenraum des Rundturmes eine organische Schicht festgestellt, bei der es sich tatsächlich um erhaltenen Stalldung handelt (S. 107). Danach folgen Ausführungen zur Baugeschichte und ein historischer Abriss über die Besitzer und ihre Vögte und ein kurzer Abschnitt über die auf der Burg befindliche Katharinenkapelle und die dazu erhaltenen schriftlichen Quellen. In diesem Teil hätte man auf einige Quellenauszüge verzichten können, die von einem Autoren übernommen wurden, der aber selbst keine Quellenangaben für diese Auszüge angegeben hat. Da diese Auszüge nur kurz und ohne wesentliche Informationen sind und ihr Inhalt auch nicht geprüft werden kann, wäre ihr Weglassen an dieser Stelle nicht tragisch gewesen (S. 216f).

Als letztes folgt noch ein kurzer, vergleichender Abschnitt, der die archäologischen und historischen Quellen zusammenführt. So konnte ein schriftlich belegter Blitzeinschlag mit anschließendem Feuer im Jahre 1308 durch Brandrötung des Felsen zwischen Rundturm und Kapellenturm nachgewiesen werden, ebenso, das einer der beiden Türme infolge dessen eingestürzt sein muss (S. 221).

Im zweiten Teil des ersten Bandes werden die naturwissenschaftlichen Untersuchungen zusammengefasst, namentlich die Auswertungen der Tierknochen, der pflanzlichen Makroreste, die Analyse der verschiedenen Glasfunde und die geophysikalischen Prospektionen auf der Burg Henneberg.
Der zweite Band dient als Katalog. Es werden Befundbeschreibungen und -zeichnungen, Fundbeschreibungen und -zeichnungen sowie die die Tabellen zu den Tierknochenuntersuchungen aufgeführt, zusätzlich noch Pläne und verschiedene Zeichnungen und grafische Darstellungen der Burg beziehungsweise ihrer Ruine in der Vergangenheit. Bei den Zeichnungen der Keramik und bei besonderen Fundstücken wurden Fotografien daneben gestellt, was dem Betrachter zusätzliche Informationen gibt und einen besseren Vergleich gestattet.

Fazit

„Die Burg Henneberg in Südthüringen“ ist methodisch und in der Ausführung sehr gut gelungen und stellt wichtige Informationen und Aspekte dar, die bis jetzt so noch nicht veröffentlicht und einem breiten (Fach)publikum zur Verfügung gestanden haben. Da so viele Autoren an diesem Werk mitgearbeitet haben, ist es nur natürlich, dass der Sprachfluss manchmal etwas zerhackt wirkt und sich manche Fakten gerade in den Einleitungen wiederholen.
Insgesamt ist es eine vollständig wirkende und sehr hochwertig gedruckte Arbeit, die den aktuellen Stand und die Möglichkeiten der Archäologie wiedergibt. Darüber hinaus gehende Betrachtungen oder Auswertungen fehlen weitestgehend, worauf die Publikation, die sich als Grabungspublikation versteht, selbst aber auch keinerlei Anspruch erhebt. Die erhaltenen Quellen werden umfänglich dargestellt, ihren eigenen Zielsetzungen wird sie also absolut gerecht. Damit bietet der Band Wissenschaftlern, wie auch dem interessierten Publikum aus der Region wie auch der Burgen-Fans wichtige Ansatzpunkte für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Burgenbau der Region.

Literaturhinweise

  • P. Helmut-Eberhard, Burgen in Thüringen: Geschichte, Archäologie und Burgenforschung (Regensburg 2007).
  • R. Küchenmeister, Ausgrabungen auf der Burg „Henneburg“, Landkreis Schmalkalden-Meinigen, Ausgrabungen und Funde im Freistaat Thüringen 6, 2002, 35-43.
  • H. Schwarzberg, Die Ausgrabungen auf der Burg Henneberg. Vorbericht der Kampagnen 1992- 1995, 900 Jahre Henneberger Land 1096-1996. Jahrbuch der Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsverein 11, 1996, 163-168.

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Text
  • Vorwort des Herausgebers – S. 7
  • Vorwort der Autorin – S. 7
  • Archäologie – Bauforschung – Geschichte
  • Ines Spazier: Einleitung – S. 11
  • Volker Morgenroth: Zur Geologie im Henneberger Raum – S. 13
  • Ines Spazier: Lage und Beschreibung der Burgruine Henneberg – topografische und naturräumliche Angaben – S. 21
  • Ines Spazier: Forschungsgeschichte zu den Abbruch- und Sanierungsarbeiten sowie den archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen auf der Burgruine Henneberg – S. 25
  • Kevin Bartel: Die archäologischen Ausgrabungen auf der Burg Henneberg – die hallstattzeitliche Höhensiedlung – S. 41
  • Kevin Bartel: Das vorgeschichtliche Fundmaterial der Burg Henneberg – S. 49
  • Kevin Bartel: Die früheisenzeitliche Besiedlungsentwicklung im südlichen Thüringen – S. 77
  • Ines Spazier: Politische und siedlungsgeschichtliche Verhältnisse im Grabfeld im ausgehenden 8. -11. Jh. – historische Voraussetzungen zur Gründung der Burg Henneberg – S. 83
  • Ines Spazier: Die Archäologischen Ausgrabungen auf der Burg Henneberg – die mittelalterliche Burg der Henneberger Grafen – S. 93
  • Ines Spazier: Das mittelalterliche Fundmaterial der Burgruine Henneberg – S. 141
  • Benjamin Rudolph: Zur Baugeschichte der Burgruine Henneberg – S. 183
  • Johannes Mötsch: Die Burg Henneberg unter den Grafen von Henneberg – die Besitzer und ihre Burgmannen – S. 197
  • Günther Wölfing: Die Kapelle St. Katharina auf der Burg Henneberg in der schriftlichen Überlieferung – S. 211
  • Ines Spazier: Vergleichende Betrachtungen der archäologischen und bauhistorischen Ergebnisse mit den archivalischen Quellen – S. 219

Naturwissenschaftliche Untersuchungen
  • Hans- Volker Karl: Auswertung der Tierknochen vom Nordwestteil der Burganlage – S. 227
  • Ralf-Jürgen Prilloff: Auswertung der Tierknochen vom Südteil der Burganlage – S. 241
  • Wolf-Rüdiger Teegen & Ralf-Jürgen Prilloff: Spuren krankhafter Veränderungen an Tierknochen von der Burg Henneberg – S. 275
  • Gisela Wolf: Die pflanzlichen Makroreste der Burg Henneberg – S. 283
  • Oliver Mecking: Analyse der Glasfingerringe von der Burg Henneberg – S. 289
  • Corina Seidl: Einblick in das Glasinnere - naturwissenschaftliche Untersuchung von Flachglasscherben von der Burg Henneberg – S. 295
  • Tim Schüler. Geophysikalische Prospektionen auf der Burg Henneberg – S. 299
  • Ines Spazier: Zusammenfassung – S. 301
  • Literatur- und Quellenverzeichnis – S. 305
  • Abbildungsnachweis – S. 329
  • Autorenverzeichnis – S. 333

Teil 2: Kataloge, Tabellen, Tafeln, Beilagen
  • Ines Spazier; Kevin Bartel: Gesamtkatalog
    • Allgemeine Angaben – S. 7
  • Verzeichnis der hallstattzeitlichen und mittelalterlichen Baustrukturen – S. 9
    • Katalog der Ausgrabungen von 1992 bis 1995 – S. 10
    • Katalog der Ausgrabungen von 2001 bis 2002 – S. 47
  • Hans-Volker Karl: Anhang zu den Tierknochenuntersuchungen vom Nordwestteil der Burganlage
    • Katalog – S. 71
    • Tabellen – S. 119
    • Maß-Tabellen – S. 125
  • Hans-Volker Karl: Anhang zu den Tierknochenuntersuchungen vom Südteil der Burganlage
    • Katalog – S. 129
    • Tabellen – S. 155
    • Maß-Tabellen – S. 211
  • Tafeln – S. 235
    • Taf. 1-20 Pläne
    • Taf. 21-31 Profile
    • Taf. 32-101 Fundtafeln
    • Taf. 102-116 Historische Darstellungen
  • Beilagen






Fabian Schwandt ist Masterstudent der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg. Dort machte er auch seinen Bachelor in den Archäologischen Wissenschaften mit einer Arbeit über „Helme und Panzerung des frühen und hohen Mittelalters und ihr archäologischer Nachweis“.

Mittwoch, 5. September 2018

Kulturgut in Syrien und Irak (Juli - August 2018)

Der Krieg in Syrien ist noch nicht vorbei, die Angriffe auf Menschen und auch die Kulturgutzerstörung gehen weiter. In Bosra soll ein Luftangriff der Assad-Truppen das römische Theater getroffen haben. Immer wieder ist die Rede von Zerstörungen durch türkisches Militär und dessen Verbündeten. Wenig erfährt man aber selbst über die Situation in Nordsyrien, wo auch  auch US-Truppen stehen, unter deren Schutz laut arabischer Quellen archäologische Forschungen  laufen sollen.
Die Region Idlib wird wohl der nächste Schwerpunkt des Bürgerkriegs, hier bereitet sich die syrische Armee mit russischer Unterstützung für einen Schlag gegen die Rebellen vor. Die Gegend ist reich an archäologischen Fundstellen und voll mit Flüchtlingen aus den vorherigen Kampfzonen.

Schadensberichte

letzter ASOR monthly report Mai 2018: http://www.asor-syrianheritage.org/asor-chi-mr-may-2018/

Meldungen zu einzelnen Kulturstätten in Syrien und Irak

Bosra

Aleppo
Palmyra
beginnende Restaurierungsarbeiten vor Ort
Mosul (Irak)
al-Sheikh Mansour
Der russische Nachrichtenkanal Sputnik verbreitet die Information wonach die Terrormiliz der al-Nusra Raubgrabungen auf der Kulturstätte al-Sheikh Mansour bei Saraqeb in der Provinz Idleb durchführt. Nach den russisch unterstützten Angriffen der syrischen Armee auf die letzten Hochburgen der Rebellen waren die Überlebenden in die Region Idlib transportiert worden. Dort sei nun an der Grenze zur Türkei ein Markt für Waffen und Antiken entstanden. Der Bericht zitiert mehrere ungenannte örtliche Quellen. So glaubhaft es generell ist, dass nicht nur der IS sich der Einkommen aus Raubgrabungen und Antikenhandel bedient, so sind doch bei allen Berichten aus Syrien immer auch die Propagandaabsichten zu berücksichtigen. Der Ort an dem die Rebellen 2012 28 Soldaten der syrischen Armee hinrichteten war seitdem mehrfach Ziel von Giftgasangriffen.
Von der Fundstelle, einem bislang wissenschaftlich nicht untersuchtem Tell, sind Raubgrabungszerstörungen in Luftbildern schon 2012 nachgewiesen.  2012 war auch bereits ein islamischer Schrein zerstört worden. Zwischen Dezember 2017 und Februar 2018 wurden militärische Stellungen auf dem Hügel angelegt.

Tell Sheikh Mansour in Google Earth. In den Bildern vom 21.2.2017 sind bereits einige Schäden erkennbar.


    Manbidsch (Nordsyrien)
    Idlib

      Raubgrabungen und Antikenhehlerei



      3D-Rekonstruktionen

      Einordnungen

        Links

        frühere Posts zum Bürgerkrieg in Syrien auf Archaeologik (insbesondere Medienbeobachtung seit Mai 2012), inzwischen auch jeweils zur Situation im Irak




      • Fünf Jahre Syrienberichte. Archaeologik (4.5.2017)
        - Stand April 2017




      • Wie immer mein Dank an diverse Kollegen für ihre Hinweise.