Sonntag, 26. März 2017

Fake-Archäologie und ihr schiefes Menschenbild

Der populäre Artikel analysiert ausgehend vom Programm einer Lehrveranstaltung von Gayle Fritz und David Freidel am Department of Anthropology der Washington University in St. Louis das Menschenbild und Geschichtsverständnis hinter den Vorstellungen von Ancient Aliens und anderer populärer Mythen über Archäologie.
Cahokia: Die großen Mounds am Mississippi wurden lieber einer
unbekannten Rasse als den indigenen Stämmen zugeschrieben.
(Foto: R. Schreg)
Ein wiederkehrendes Muster ist es, dass den Menschen der Vergangenheit und indigenen Völkern keine eigenen Kulturleistungen zugetraut werden und so entweder Ancient Aliens oder Abenteurer aus der Alten Welt Kultur gebracht haben, egal ob nach Amerika oder nach China. Dahinter steckt für gewöhnlich schlicht die Idee, dass Nicht-Europäern keine Kulturleistungen zuzutrauen sind. Das ist letztlich aber nichts anderes als Rassismus.
Ein weitere Punkt ist die Unfähigkeit, sich langfristigen gesellschaftlichen Wandel vorzustellen. So werden lieber Extremereignisse - die Sintflut oder der Untergang von Atlantis - oder eben äußere Einflüsse dafür verantwortlich gemacht. Das ist nebenbei bemerkt auch ein Phänomen der professionellen Wissenschaft, wo auch Kulturkontakte und die Identifikation von historischen Ereignissen eine große Faszination ausüben, weil sie vordergründig als bestimmend für die Geschichte erscheinen.

Diese modernen Mythen stehen konträr den Potentialen und Aufgaben einer modernen Archäologie gegenüber: Den Menschen und die zeitliche Dimension seiner Kulturleistungen zu verstehen. 
"Our work has the potential to contribute to modern day problems, like climate change and agriculture, and our work shows that human societies and human beings are intelligent and creative, with or without outside influence from the most famous centers of civilization." (G. Fritz)
“The past really is a guide to the future. This is true in everything that we do in field research and science; everything we know is a result of observing what has happened already. We can only predict what’s going to happen. So knowing the past is the basic survival kit for surviving into the future. Knowing about the past means you’re going to be better able to anticipate what’s going to happen next. ... Projecting fantasy onto the past is just an excuse for projecting it onto the future, and projecting dystopia onto the future, catastrophic future, is no help any either." (D. Freidel)

Kommentare:

Alexander Riedmüller hat gesagt…

Simbabwe, die Nasca Linien, Chahokia, Stonehenge, die Osterinsel...die Liste der "verfälschten" Orte ließe sich beliebig fortsetzen - Fatal ist jedoch, die Tendenz des Artikels, diese Form mystizistisch- narzistisch-rassistischer "Externalisierung"und "Fremd-" , "Fehl-" und "Eigenzuschreibung" allein auf Phänomene des eurozentristischen Rassismus zu beschränken...Betrachtet man das Phänomen in einer globaleren, nicht durch einen stark durch die Ideologie des "empowerments" geprägte amerikanische Brille, wird indes sehr schnell deutlich, dass diese Art der "Fake-Archeology" bei leibe keine europäische Spezialität ist. So wimmelt es z.B. in antiken Chinesischen und arabischen Quellen und Reiseberichten nur so von "Fremd-Zuschreibungen" Archäologischer Stätten an Götter, Dämonen und anderen "überirdischen" Mächten und auch "ausgewanderte (eigene) Heroen" werden fleißigst für deren Entstehung bemüht, weil auch diese Völker es partout nicht glauben konnten und wollten, dass andere, von ihnen als thumbe Barabaren eingestufte Ethnien überhaupt zu so etwas wie "Kultur" fähig waren. Hier fehlt es dem ansonsten sehr lesenswerten Artikel leider an Ausgewogenheit und globaler Kontextualiserung des Phänomens. Ein weiterer, sich direkt hieraus ableitender "Schwachpunkt" besteht darin, dass er ein weiteres, und womöglich noch zentrales "Schlachtfeld" der "Fake-Archeology" vollkommen außer acht lässt - jenen der diachronen "Verfälschung, Umschreibung, und Fremdzuschreibung", welcher sich nicht selten in einer Form des diachronen "Rasissmus" bzw. "Zentrismus" / "Narzissmus" / "Hybris" Raum bricht. So ist es für zahlreiche Verfasser und Leser populärwissenschaftlicher Publikationen, aber durchaus auch für nicht ganz wenige nahmhafte Archäologen mitunter vollkommen un-denkbar, dass bestimmte, aus welchen Gründen auch immer als "primitiv" eingestufte Kultruren, Gruppen und Menschentypen zu etwas wie "Kultur" überhaupt fähig waren oder über bestimmte "entwickeltere" Techniken und Soziale Strukturen verfügt haben könnten. Prototypen dieser bis heute "marginalisierten" und "primitivierten" Gruppen wären die Neolithiker, Mesolithiker, der "Steinzeitmensch" oder - ganz klassisch - der Neandertaler. Und wenn ich jetzt schon am "kritteln" bin (wie gesagt, im Prinzip ist der Artikel lesenswert, nur hat er eben einige gravierende Schwächen) ist die nicht unbedingt glücklich gewälte Bezeichnung des Phänomens als "Fake Archeology", da diese Benennung eher irreführende Assoziationen an "gefälschte" Archeologische Funde und Stätten weckt. Genauer und treffener wäre hier die Bezeichnung "Racist(ical) Archeology", "Archeological Racism" und/oder "Archeological Mysticism" - zumal diese "Differenzierung" mir umso nötiger erscheint, da beide Felder ineinander übergehen und ihrerseits einer genaueren Diferenzierungen der dahinter stehenden Beweggründe und Motivationen bedürfen - Die Seepyramide eines Fürsten von Pückler-Muskau ist eben etwas anders als ein "wissenschaftlicher" Artikel über die angeblich phönizischen, atlantischen, außerirdischen oder jüdischen Ursprünge der Ruinen von Chahokia oder Simbabwes...Und ja, das ist jetzt nur meine Meinung und ich würd mich über ergänzende Kommentare und eine Diskussion dieses für die Reflektion des eigenen Denkens und Handelns, wie auch für die (politische) Instrumentalisierung und öffentlichen/populären Rezeption von Archäologie an sich äußerst wichtigen, interessanten & kontroversen Themas sehr freuen und werde diesen Post deshalb auch gleich im eigentlichen Blog postieren.

Rainer Schreg hat gesagt…

Ich denke nicht, dass dieser eher populäre Artikel den Anspruch erhebt, das Phänomen der Fake Archaeology in seiner vollen Breite abzubilden. Da es aus einer Lehrveranstaltung erwachsen ist, ist eine Orientierung auf den westlichen Kulturraum auch gut begründbar, vermittelt sie den Studierenden doch erstamsl das Wissen, mit dem umzugehen, mit dem sie eher mal direkt konfrontiert werden.
Die angeführten Beispiele gehören doch alle zu einer Art diachronem Rassismus. Ich weiß nicht, ob es viel Sinn macht, da zu differenzieren. Anderen Kulturen oder den Menschen der Vormoderne wird keine Fähigkeit zur kulturellen Leistung zugebilligt, ob die vermeintlich in der Tradition der eigenen Kultur stehen oder nicht, scheint mir eher zweitrangig, da meist ohnehin eher fiktiv.

Markus Nicklas hat gesagt…

dieser Bericht erinnert mich an die Arbeit von Paulette Steeves und den von ihr verwendeten Begriff "Dekolonisation" - schade demnach, wenn solcher Ballast einem natürlichen Empfinden von Identität im Wege steht. Gruselig finde ich es, wenn ich weiter denke, mich frage, wie es dann um das Verständnis derer bestellt ist, die andere Kulturen kolonisieren, um sich der eigenen Überlegenheit zu vergewissern. Welche Dynamik liegt dem zugrunde? Welche Informationen bietet dazu die Sozialpsychologie?