Freitag, 30. Oktober 2015

Raubgräber nehmen mit Bagger thrakischen Grabhügel auseinander und werden von der Polizei gefasst

Welche Chance es darstellt, wenn Archäologen solch einen Hügel richtig untersuchen können, zeigt ein Gemeinschaftsprojekt des Historischen Museum in Nova Zagora und des RGZM:
Sorgfältige Grabung und Fundbergung ermöglichen eine Rekonstruktion der Bestattungszeremonien und geben damit Einblicke in die politische Stilisierung eines thrakischen Häuptlings angesichts zunehmenden römischen Einflusses in der Region. Diese Forschungen stehen am RGZM in einem größeren Kontext der Auseinandersetzung über die Abläufe und Auswirkungen von 'Kulturkontakten'. Raubgräber reissen die nötigen Zusammenhänge auseinander und vernichten die grundlegenden historischen Quellen.
Treasure hunters busted bulldozing Thracian burial mound

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Mittwoch, 28. Oktober 2015

Europäische Gesellschaften beruhen auf Migration – ein kurzer Blick in lange Zeiträume

https://kristinoswald.hypotheses.org/1683
Ein Beitrag zur Blogparade #refhum,
initiiert von Kristin Oswald
Ein Beitrag von Detlef Gronenborn



Aus historischer wie auch archäologischer Sicht ist Migration - auch mit Fluchthintergrund -  ein grundlegender Bestandteil der Konstituierung europäischer Gesellschaften.
Die Archäologie wie auch seit neuerem die Genetik zeigen deutlich, dass es neben Phasen der Stasis immer wieder solche mit zum Teil erheblichen Populationsveränderungen gab, eben durch Migration. Tatsächlich ist seit 7000 Jahren ein großer Teil der heutigen europäischen Menschen nahöstlicher Herkunft, stammt aus den Kerngebieten der westeurasischen Landwirtschaft, dem sogenannten Fruchtbaren Halbmond, genau jene Region, aus der auch heute wieder Menschen nach Europa streben.

Migration nach Europa setzt jedoch schon wesentlich früher ein. Die ersten frühen Menschen kamen vor einer Million bis 800.000 Jahren über den Nahen Osten aus Afrika, was heißt, daß wir letztlich alle afrikanischer Herkunft sind.

Möglicherweise konfliktreich gestaltete sich die Einwanderung der anatomisch Modernen Menschen vor 40.000 Jahren, wiederum aus Afrika, unsere direkten Vorfahren. Diese Gruppen trafen in Eurasien auf die Neanderthalerpopulationen und drängten sie bis in die europäischen Randregionen zurück. Selten kam es aber auch zum genetischen Austausch, so daß 1,5-2% der DNA der heutigen europäischen Bevölkerung auf Neandertaler zurückgehen (Prüfer et al. 2014).

Die nun eingewanderten anatomisch modernen Menschen stellten für die nächsten 33.000 Jahre die europäische Bevölkerung. Zwar gibt es Hinweise auf gelegentliche Migrationen während der frühen Nacheiszeit, jedoch der nächste große Wandel mit deutlicher Zuwanderung beginnt erst mit der Ausbreitung der Landwirtschaft nach Europa vor 7000 Jahren. Nun kommen Menschen mit einer völlig neuen Technologie und Wirtschaft über Anatolien, Griechenland, dem Balkan und Ungarn bis ins heutige Deutschland (Gronenborn / Terberger 2014). Tatsächlich sind die heutigen Flüchtlingsrouten aus Syrien mehr oder weniger die gleichen und auch die Herkunft dieser Menschen ist die gleiche: Das Zweistromland (Syrien; Osttürkei) und die umgebenden Landschaften. Ein Grund für die Expansion dieser Siedler mag auch gewesen sein, dass die durch die Landwirtschaft hochschnellende Bevölkerungsdichte aufgrund klimatischer Fluktuationen nicht mehr gehalten werden konnte und ein Teil der Gruppen neue Landschaften erkunden musste.
Ausbreitung der Landwirtschaft im westlichen Eurasien. Die bäuerlichen Siedler sowie auch ihre Getreide und Haustiere haben ihren Ursprung im orange-rot unterlegten sogenannten Fruchtbaren Halbmond.
(Graphik: D. Gronenborn/ M. Ober, RGZM)

Im gesamten Europa kommt es in den folgenden drei Jahrtausenden zu verschiedenen Akkumulations- und Assimilationsprozessen zwischen den Migranten und den einheimischen Sammlern und Jägern. Gegen Ende dieser archäologische Periode (der Jungsteinzeit) kommt dann schließlich fast flächendeckend noch einmal eine Migration aus dem südosteuropäischen Steppenbereich im heutigen Russland und der Ukraine. Mit Beginn der Bronzeit ist schließlich die Konstituierung europäischer Gesellschaften weitgehend abgeschlossen, in den kommenden Jahrtausenden ist die Migrationsrate geringer (Brandt et al. 2013). Festzuhalten bleibt, dass die europäische Bevölkerung bis zum heutigen Tage aus drei großen Populationsgruppen besteht, die alle durch Migration hierher gekommen sind: Sammler und Jäger, die sich bis in die Eiszeit zurückverfolgen lassen, landwirtschaftreibenden Populationen vor etwa 7000 Jahren und eine Population aus den Steppengebieten Eurasiens vor etwa 5000 Jahren (Haak et al. 2015).

Aus dieser langfristigen archäologisch-populationshistorischen Perspektive ist mithin die gesamte heutige Bevölkerung Europas – wir alle – auf Migrationen, manchmal auch Flucht, zurückzuführen.

Literaturhinweise

  • Brandt, Guido; Haak, Wolfgang; Adler, Christina J. et al., Ancient DNA Reveals Key Stages in the Formation of Central European Mitochondrial Genetic Diversity.  Science 342, 2013, 257-261.
  • D. Gronenborn / Th. Terberger, Die ersten Bauern in Mitteleuropa – eine interdisziplinäre Herausforderung. In: Th. Terberger / D. Gronenborn (Hrsg.), Vom Sammler und Jäger zum Bauern: Die Neolithische Revolution. Konrad Theiss (Darmstadt 2014) 7-14.
  • Prüfer, Kay; Racimo, Fernando; Patterson, Nick; Jay, Flora; Sankararaman, Sriram; Sawyer, Susanna et al., The complete genome sequence of a Neanderthal from the Altai Mountains. Nature 505 (7481), 2014, 43–49. - DOI: 10.1038/nature12886.
  • Sankararaman, Sriram; Mallick, Swapan; Dannemann, Michael; Prüfer, Kay; Kelso, Janet; Pääbo, Svante; Patterson, Nick; Reich, David, The genomic landscape of Neanderthal ancestry in present-day humans. Nature 507 (7492), 2014,354–357. - doi:10.1038/nature12961
  • Haak, Wolfgang; Lazaridis, Iosif; Patterson, Nick; Rohland, Nadin; Mallick, Swapan; Llamas, Bastien et al., Massive migration from the steppe was a source for Indo-European languages in Europe. Nature 522 (7555), 2015, 207–211. - DOI: 10.1038/nature14317.




http://web.rgzm.de/
Prof. Dr. Detlef Gronenborn arbeitet am RGZM und lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsinteressen gelten den langfristigen Entwicklungen im europäischen Neolithikum sowie der historischen Archäologie in Afrika.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Erhebt Palmyra zu den Sternen!

Die International Astronomical Union lässt über Namen für neue Planeten abstimmen. Ein Vorschlag, unterstützt von der Syrischen Altertumsbehörde ist der Name Palmyra für den bisher als Errai (Gamma Cephai) bekannten Himmelskörper:

Aus der Begründung:
(4) Palmyra ruins are seriously threatend by the current conflict in the Middle East. So the name must be immortalized in the sky, because the city may disappear soon.
Die Abstimmung läuft bis 31.10.2015.

Montag, 26. Oktober 2015

Thema Flüchtlinge und Integration auf Archaeologik


https://kristinoswald.hypotheses.org/1683
Ein Beitrag zur Blogparade #refhum,
initiiert von Kristin Oswald
Das Thema Flüchtlinge und Migration hat eine dramatische Aktualität erhalten. Sie fordert nicht nur die Politik heraus, auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen und politisch klug und nicht populistisch-kurzsichtig zu reagieren.

Historische Erfahrungen können hier eine Orientierungshilfe leisten.  Dabei geht es weder darum, Migration als unproblematischen Normalfall der Geschichte noch als generelle Bedrohung darzustellen. Das alles sind subjektive, pauschalisierende Interpretationen, die mehr mit gegenwärtigen Befindlichkeiten als mit historischen 'Realitäten' zu tun haben. Aber Historiker - und Archäologen - können untersuchen, welche Faktoren zu Migrationen geführt haben, wie Integration abläuft und was passiert, wenn sie nicht funktioniert. Historische Reflektion wird kein Lösungsrezept für die Probleme hervorzaubern, aber ein Orientierungswissen bereit stellen, um Probleme, aber auch Chancen zu erkennen und zu bewerten.

Die Archäologie kann in der Regel nicht die alltäglichen, kurzfristigen Aspekte von Migration erfassen. Über die Gründe von Flucht und Migration können wir als Archäologen kaum gesichertes Wissen gewinnen. Es lassen sich jedoch häufig begründete Szenarien darstellen, die - meist auf einer zeitlichen Korrelation beruhend - einige mögliche kausale Zusammenhänge diskutieren lassen. Weit besser kann die Archäologie die mittel- bis langfristigen Entwicklungen aufzeigen - sorgfältige Methodenkritik vorausgesetzt, denn 'Migration' und auch die 'Identifikation von Zuwanderern bzw. ethnischen Gruppen' sind forschungsgeschichtlich nicht unproblematisch. Aus einem traditionellen Geschichtsverständnis kommend, dominierten sie lange Zeit die archäologischen Interpretationsansätze und verstellten den Blick auf andere Entwicklungen und Faktoren. Das ist indes schon das Erste, was wir in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit lernen können: Es gibt zahlreiche andere Probleme oder gar "Bedrohungen", die allerdings kein Gesicht haben und darum schwerer zu begreifen sind.
Flüchtlingssiedlung in Hessen:
Das Waldenserdorf Louisendorf
siehe Archaeologik 12.10.2010
(Foto: R. Schreg)



Das Thema war schon mehrfach präsent auf Archaeologik:
Die Blogparade #refhum, initiiert von Kristin Oswald (https://kristinoswald.hypotheses.org/1683)  will "das Thema Flüchtlinge aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Perspektiven" betrachten und "das Fachwissen der Disziplinen auf ein so akutes und aktuelles Problem" anwenden.
Das soll Anlass sein, auf Archaeologik noch weitere Beiträge beizusteuern, die das Thema aus archäologischer Sicht angehen. Kristin Oswalds Blogparade endet schon am 15.11. - Mal sehen, was bis dahin möglich ist.
Gastbeiträge zum Thema sind willkommen!


Beiträge auf Archäologik (wird ergänzt)

  • wird ergänzt

Donnerstag, 22. Oktober 2015

IANUS in der Open Access-Woche

IANUS ist ein von der DFG gefördertes Projekt zum Aufbau eines nationalen Forschungsdatenzentrums für die Archäologien und Altertumswissenschaften in Deutschland. Im Zuge der 8. Internationalen Open Access Week werden bei IANUS via facebook diese Woche jeden Tag Informationen und Verweise zu verschiedenen Aspekten der digitalen Forschungsdaten in den Altertumswissenschaften zur Verfügung gestellt.
 

Dienstag, 20. Oktober 2015

Archäologische Phantastereien

Neues Blog ArchPhant verstärkt nicht nur die deutsche archäologische Bloggerszene, sondern stößt auch in eine Lücke archäologischer Öffentlichkeitsarbeit

Ein neues Blog - ArchPhant Archäologische Phantastereien -  auf hypotheses bietet "Bullshit-Kritik" der archäologischen Parawissenschaften. Auf Archaeologik waren ja auch schon einige Posts über diversen parawissenschaftlichen Unsinn gestolpert (bad archaeology), der nicht unkommentiert bleiben darf, soll er nicht langfristig zum Zerfall von Wissenschaftlichkeit und zu einem umgreifenden Anti-Intellektualismus beitragen. Ziel des neuen Blogs von László Matthias Simon-Nanko (siehe seine Gastbeiträge auf Archaeologik) ist es, "einen deutschsprachigen wissenschaftlichen Gegenpol zu schlecht recherchierten bzw. falsch dargestellten Sachverhalten in den Medien zu bieten. Hierdurch soll ein Bewusstsein für kritischen Medienkonsum in Bezug auf Archäologie und Geschichte geschaffen werden." 

Das erste Blopost behandelt die Prä-Astronautik

Ohne Respekt und wissenschaftliche Sorgfalt: National Geographic War Diggers

Nachdem NG die "Doku"-Serie über wilde Grabungen auf Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs nach massiven Protesten abgesetzt hatte, wurde sie nun in Polen unter dem Titel "Jagd nach Schätzen des Krieges" ausgestrahlt, aber offenbar vor der letzten Sendung abgesetzt. In den Großbritannien ist sie von Clearstory, die sie im Auftrag von National Geographic produziert hatte, nun angekündigt unter dem neuen Titel "Battlefield Recovery".

Kritisiert an der Sendung wurde, dass auf einem der gefährlichsten Schlachtfeldern ohne fachliche Kompetenz (weder in Archäologie noch in Anthropologie, noch im Umgang mit Kampfmitteln) nach Waffen und Leichenteilen gegraben wurde. Protagonisten sind Sondengänger mit engen Verbindungen zum Militariahandel. Die Behauptung der Firma, sich mit der Doku gegen die Plünderung der Schlachtfelder einzusetzen, ist angesichts der Filmszenen wenig glaubhaft.
Im vergangenen Jahr wurde von NG allerdings ein Trailer veröffentlicht, der genau das belegt: einen unverantwortlichen, unethischen und unwissenschaftlichen Umgang mit den Überresten der Gefallenen. Diese Szenen - und weitere - sind nach den Feststellungen von Paul Barford nur leicht ediert (und mit relativierenden Untertiteln versehen) in den ausgestrahlten Episoden enthalten. Angeblich wurden die Grabungen von Profis durchgeführt und die Laien-Grabungen seien nur inszeniert gewesen - was allerdings ebenfalls kein gutes Licht auf den Wert der Doku wirft.
Diese Kooperationen und Genehmigungen sind bisher nicht nachprüfbar. Auf Nachfragen von Pipeline betonte POMOST, auf die sich die Filmproduzenten berufen hatten, mit der Firma Clearstory nichts mehr zu tun haben zu wollen.
Zur Ankündigung hat die Firma Clearstory eine Erklärung veröffentlicht, die alle Vorwürfe unethischer und unwissenschaftlichen Umgangs mit den Toten pauschal zurückweist. Auch auf die neuerliche Kritik hat Clearstory mit einem Statement, das die gestellten Fragen wiederum offen lässt. Die Produktionsfirma versteht die ganze Kritik aus ethischer und wissenschaftlicher Sicht offenbar nicht im Ansatz, denn die Antwort hat sie von einer PR-Firma formulieren lassen.



Interne Links

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Mittwoch, 7. Oktober 2015

"Ein Desaster für den Kulturgutschutz" - DGUF als Fachverband kritisiert den Entwurf des neuen Kulturgüterschutzgesetz

Die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF) hat im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens eine Stellungnahme zu dem Entwurf des Kulturguterschutzgesetzes abgegebem - mit einem vernichtenden Urteil.
 Das Gesetz biete mit seiner Fristenregelung, den Details der Nachweise, den Regelungen zu den Wertgrenzen eine "Gebrauchsanweisung zum Import von illegalen Kulturgütern". Bemängelt wird weiterhin eine Bewertung archäologischer Funde nach ihrem Handelswert. Im Zweifelsfall richtet eine Raubgrabung, die eine "Schrottmünze" erbringt ebenso viel Schaden an, wie eine, die einen großen Goldschatz hebt.
Kritisch sind auch die Regelungen zum Nachweis, dass es sich bei Funden um - künftig im Handel verbotene - Raubgrabungsfunde handelt. 

Fazit der DGUF: ein "aufgeweichtes Gesetz nach Lobbyarbeit des deutschen Kunst- und Antikenhandels" und ein "Desaster für den Kulturgutschutz"


Interner Link

Montag, 5. Oktober 2015

Aberglaube in der archäologischen Forschung - Anmerkungen zur RURALIA XI Tagung in Clervaux, Luxemburg

von Iris Nießen

Im September 2015 fand in Luxemburg die RURALIA XI Konferenz "Religiöse Plätze, Kulte und Rituale im mittelalterlichen ländlichen Umfeld" statt. Der Tagung gelang es, einen breiten Überblick zu archäologischen Phänomenen aus ganz Europa zu bieten. Eine solch intensive Auseinandersetzung mit abergläubischen Praktiken und Ritualen ist in der archäologischen Forschung selten. 2013 fand sich das Phänomen Aberglaube als Themenjahr in volkskundlichen Museen wieder (http://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=29461#.U-Zi_6N9iCk). Trotz einiger Ausnahmen ist der archäologische Beitrag jedoch auch in den jüngsten Publikationen noch gering (vgl. Apel 2013; Kreissel 2013).
Dabei besitzt gerade die Archäologie das Potential neue Einblicke in mittelalterliche und neuzeitliche Vorstellungswelten zu bieten, die durch Schriftquellen nicht überliefert sind. Zur nennen sind beispielsweise die Beigabensitte im Bestattungsbrauchtum, Sonderbestattungen, Nachgeburtsbestattungen, magische Schutzzauber, Votivgaben, Bauopfer...

Bei der Beschäftigung mit Kulten und Ritualen im Mittelalter und vor allem auch der Neuzeit erscheint der Terminus „Aberglaube“ unumgänglich. Insbesondere in der deutschsprachigen Forschung ist der Begriff allerdings sehr differenziert und kritisch zu betrachten. Zwar gibt es eine breite interdisziplinäre Debatte, diese hat jedoch noch keine allgemein gültige Definition hervorgebracht.


Abb. 1 Glücksbringende Hufeisen an der Kirchentür;
Kirche St. Georg, Rhäzüns im Kanton Graubünden (CH).
(Foto: Iris Nießen)

Was ist Aberglaube?

Der Begriff „Aberglaube“ hat durch die Zeiten verschiedene Wandlungen erfahren. Er entwickelte sich im 16. Jahrhundert aus der römischen Superstitio und wurde im Sinne von Missglaube oder Unglaube übersetzt (Apel 2013, 11). Im Christentum wurde die Superstitio schließlich allgemein für alle nicht christlichen Religionen und Glaubensansätze übernommen. Im dualistischen Weltbild des Mittelalters von Gut und Böse entwickelte sich der Gegensatz von der „vera religio“ und der „falsa superstitio“ (Harmening 1987, 262), wodurch der Begriff endgültig negativ belegt wurde. Der Aberglaube ist hier als Teil der christlichen Welt zu verstehen, während seine Ausübung jedoch von Dämonen und anderen bösen Mächten geleitet wird.
Mit der Reformation bildet sich aus dem bereits sehr negativ belegten Terminus Aberglaube ein antipapistischer Kampfbegriff, der die konfessionelle Kritik der Protestanten gegen die römische Christenheit zum Ausdruck brachte (Harmening 1987, 270-271). Die Aufklärung schaffte es erstmals den Aberglauben von einem anderen Blickwinkel als dem der Religionskritik zu betrachten. Aus der Religionskritik wurde nun eine Vernunftkritik, welche so die Weichen für eine Betrachtung des Phänomens aus historischer Perspektive stellte (Harmening 1987, 262). Jedoch nutzt die Aufklärung, und besonders auch die Wissenschaftsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts, ebenfalls den Aberglauben als generell antireligiösen Kampfbegriff (Hemminger 2000, 17; Spamer 1950, 133-159).
Die Anfänge einer mythologischen Interpretation sind im Humanismus zu suchen, in welchem erstmals versucht wurde, Bräuche aus römischen und allgemein antiken Wurzeln herzuleiten (Harmening 1987, 271). Die romantische Reaktion stellt einen starken Gegensatz zur Aufklärung dar. Die Verdrängung des Aberglaubens durch Vernunft und Wissenschaft empfanden die Romantiker als Verlust (Harmening 1987, 263). Abergläubische Bräuche gewannen so erst als heidnisches und dann als germanisches Gut eine positive Bedeutung und wurden dankbar eingebunden in die imperialistische und nationalistische Weltanschauung (Harmening 1991, 134).
Im 19. Jahrhundert entsteht neben der allgemeinen Wissenschaftsgläubigkeit eine zunehmende Faszination an alten Bräuchen und abergläubischen Praktiken (vgl. Börner 2009, 70-73; Chielewski-Hagius 1994, 147-160; Daxelmüller 2009, 86-93). Diese wurde besonders gefördert durch das Werk Deutsche Mythologie von Jacob Grimm von 1835. Ähnlich kritisch zu betrachten ist das oft zitierte Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, welches in der Tradition der Mythologenschulen des 19. Jahrhunderts steht und versucht, abergläubische Vorstellungen auf ein „mythisches Weltbild germanischer Urzeit“ (Moder 1992, 6-7) zurück zu projizieren (Moder 1992, 4-7). Diese „mythologische Kontinuitätsprämisse“ war noch sehr lange in der Altertumskunde und Volkskunde vertreten (vgl. Harmening 1991, 134).

Aber was versteht man unter dem Begriff Aberglauben eigentlich und welche Erklärungen gibt es für dieses Phänomen? Über die Definition von Aberglauben gibt es in der Forschung eine breite interdisziplinäre Debatte, die noch kein befriedigendes Ergebnis zu Tage brachte. Besonders schwierig ist, dass der Begriff immer abwertend verwendet wurde von „denjenigen Gruppen 'Wissender' […], die für sich die Deutungshoheit innerhalb von Wissens- und Glaubenszusammenhängen beanspruchen (Apel 2013, 11-12).“ Aus diesem Grund wurde vielfach der neutralere Terminus Volksglaube als Ersatz gefordert (Petzoldt 1990, 477). Auch hat der Begriff Aberglaube, wie bereits erläutert wurde, häufig eine starke Wandlung erfahren, sodass die Bedeutung nicht eindeutig ist. Hemminger und Harder stellen in diesem Zusammenhang fest:
„Die Schwierigkeit des Begriffs Aberglaube liegt nach alledem darin, daß der Aberglaube nicht für alle Zeiten und Kulturen als solcher definierbar ist. Das Wort Aberglaube bezeichnet vielmehr das Verhältnis, das sich mit den Zeiten und Kulturen wandelt, nämlich das Verhältnis zwischen dem jeweils gültigen, anerkannten und erprobten Denken einer Kultur einerseits und dem irrtümlichen, irreführenden, überholten oder gar verpönten Denken andererseits (Hemminger 2000, 10).“
Harmening bezeichnet Aberglauben in ähnlicher Weise als vernünftig nicht erklärbarer und weltanschaulich illegitimer Glauben (Harminger 1987, 261). Apel sieht als Grundvoraussetzung für abergläubische Praktiken die Vorstellung eines „magischen Zusammenhangs zwischen Mensch und Kosmos (Apel 2013, 17-18)“. Diese „sind kultur- und weltbezogene, aber sich stets wandelnde Ideen und Verhaltensweisen nach den jeweiligen Erfordernissen der Menschen, mit denen sie verbunden sind (ebd.).“

Aberglaube als psychologische Reaktion?

In der Psychologie wird abergläubisches Verhalten als eine Form der psychischen Projektion erklärt. Diese Theorie geht von der Prämisse aus, dass äußere Einflüsse, wie beispielsweise der Zerfall und Wandel allgemein anerkannter Weltanschauungen oder auch ganz individuelle Krisen, zu einem Verlust von Sicherheit und Geborgenheit führen. Dieses Vakuum wird nun durch eine Umbewertung der Wirklichkeit gefüllt und ist damit eine Abwehrrektion in Form einer psychischen Projektion (Petzoldt 1990, 467). Einfacher formuliert geht es darum, dem Gefühl der Hilflosigkeit etwas entgegenzusetzen und selbst direkt Einfluss nehmen zu können. Zur Veranschaulichung sei an dieser Stelle das Beispiel vom Glücksbringer im Auto angeführt. Zwar übt dieser Gegenstand objektiv keinen Schutz aus, dennoch wird sich zur eigenen Beruhigung dieses Hilfsmittels bedient, um dem Bedürfnis Einfluss nehmen zu können, gerecht zu werden. So können Ängste und psychische Spannungen auf „ein erträgliches Maß“ (ebd.) reduziert werden. Petzoldt sieht demnach Magie, als Teil des Aberglaubens, „als Versuch einer individuellen, allmächtigen Abwehr und Umdeutung einer ansonst nicht mehr zu bewältigenden Situation (ebd. 468)“. Weiter fährt er fort: „Magie läßt sich zunächst ganz allgemein als psychische Reaktion des Menschen auf seine Umwelterfahrung bezeichnen, die das Ziel hat, diese Umwelt in einem bestimmten Sinne zu beeinflussen (ebd. 469).“
Gegenwärtig wird Aberglaube als eine Kulturtechnik verstanden, die generell der Lebensbewältigung dient (vgl. Kreissel 2013; Apel 2013). Damit schließt dieser Forschungsansatz an die psychologische Deutung an. Dennoch fehlt es noch immer an allgemein gültigen Definitionen der Termini.

Das Bedürfnis nach Einfluss als menschliche Grundprämisse

Zusammenfassend besteht die Grundvoraussetzung für abergläubisches Verhalten darin, dass von einem „magischen“ Zusammenhang zwischen dem Mensch und seiner Umwelt ausgegangen wird (vgl. Apel 2013, 18). Nach Apel wird der Mensch sowohl beeinflusst durch das etablierte Weltbild, wie auch durch von diesem abweichenden Glaubens- und Wissenssystemen (vgl. ebd. 11-23; Kreissel 2013, 9-18). Da diese sich laufend verändern, befindet sich auch der Aberglaube im ständigen Wandel. Der Grund für abergläubische Praktiken liegt im Bedürfnis des Menschen auf sich und seine Umgebung selbst Einfluss nehmen zu können (Grafik 1). In diesem Sinne definiert auch Martin Scharf: „Aberglaube ist Symptom der Idee von der Beherrschbarkeit der Welt (Apel 2013, 20)“. Auch Kreissel fasst im Bezug auf sich verändernde Weltbilder und Wissenssysteme allgemein zusammen:
„Schon diese kleine Auswahl an einst abgesicherten Wissensbeständen, die teilweise über Jahrhunderte unumstößliche Gültigkeit besaßen, macht klar, dass es bei der Unterscheidung zwischen Wissen, Glauben und Aberglauben um nicht anderes geht als um Macht – um Definitionsmacht, um Deutungsmacht, um Durchsetzungsmacht und einst auch um die Macht über Leben und Tod (Kreissel 2013, 11).“

Graphik 1 (Graphik Iris Nießen)
 

Konsequenzen für die archäologische Praxis

In der Archäologie finden sich oft über verschiedene Zeiten ähnliche Muster wieder. So kennen wir Deponierungen in Hausstrukturen, beispielsweise von Gefäßen, seit dem Neolithikum und bis in die jüngste Neuzeit (Vgl. Clervaux 2015, Vortrag, Morten Søvsø: Buried votive offerings in rural houses – popular traditions with deep roots; Poster, Marianne Hem Eriksen: The ritualization of the Scandinavien-style longhouse in the Iron Age (ca. AD 400-1000).). Da sich die Faktoren, welche die Handlungen beeinflussen, jedoch ständig verändern, sind nicht nur das Verhalten im permanenten Wandel, sondern auch die Hintergründe.  Daher kann von einem identischen, beziehungsweise ähnlichen, Befund nicht auf die gleiche Intention geschlossen werden. Dies macht die Rückprojektion volkskundlicher Forschungen auf ältere Epochen sehr schwierig und stellt die Archäologen daher vor Interpretationsschwierigkeiten. Für das Mittelalter und die Neuzeit ist keinesfalls von einer Trennung zwischen Aberglauben und Religion auszugehen. Vielmehr sind abergläubische Praktiken haptischer Ausdruck vom Verständnis des christlichen Weltbildes.  Nicht selten wurden diese auch von Geistlichen ausgeführt (Zum christlichen Weltbild und grundlegend zum Begriff von Religion vgl. Clervaux 2015, Vortrag, Thomas Meier: Parallel worlds. Christian multiplicities of space). Da keine klare Trennung zwischen abergläubischen und religiösen Kulten und Ritualen möglich ist, führt dies auch die Definition des Aberglaubens selbst ad absurdum. Daher sollte sich die Forschung davon verabschieden, den Aberglauben im archäologischen Befund identifizieren zu wollen, sondern vielmehr wertfrei und unvoreingenommen die Hintergründe der Handlungen untersuchen.

Insgesamt ist bei abergläubischen Verhalten der Neuzeit keinesfalls von überlebten Bräuchen aus grauer Urzeit zu sprechen, sondern von sich ständig ändernden Verhalten und wandelnden Traditionen, die immer eingebunden in das jeweils etablierte Weltbild funktionieren.

Ausgewählte Literatur

  • Gefion APEL/Jan CARSTENSEN (Hrsg.) 2013: „Verflixt!“ – Geister, Hexen und Dämonen, Schriften des LWL-Freilichtmuseums Detmold, Westfälisches Landesmuseum für Volkskunde 35 (Hamm).
  • Hermann BAUSINGER 1992: Aufklärung und Aberglaube, in: Dietz-Rüdiger MOSER (Hrsg.), Glaube im Abseits. Beiträge zur Erforschung des Aberglaubens (Darmstadt) 269-290.
  • Ines BEILKE-VOIGT 2007: Das „Opfer“ im archäologischen Befund. Studien zu sog. Bauopfern, kultischen Niederlegungen und Bestattungen in ur- und frühgeschichtlichen Siedlungen Norddeutschlands und Dänemarks, Berliner Archäologische Forschungen 4 (Rahden/Westf.).
  • Helmut BIRKHAN 2010: Magie im Mittelalter, Becksche Reihe (München).
  • Lars BÖRNER 2009: Krisen der Frühen Neuzeit – Seuchen, Hungersnot und Armut, in: Historisches Museum der Pfalz Speyer (Hrsg.), Hexen. Mythos und Wirklichkeit (Speyer) 70-73.
  • Anita CHMIELEWSKI-HAGIUS 1994: ‹‹Wider alle Hexerey und Teufelswerk››. Vom alltagsmagischen Umgang mit Hexen, Geistern und Dämonen, in: Sönke LORENZ (Hrsg.), Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten, Aufsatzband, Volkskundliche Veröffentlichungen des Badischen Landesmuseums Karlsruhe Band 2/2 (Karlsruhe) 147-160.
  • Christoph DAXELMÜLLER (1993) Zauberpraktiken. Eine Ideengeschichte der Magie (Zürich).
  • Jacob GRIMM 1968: Deutsche Mythologie, Bd. I-III (1875-78) (Graz).
  • Dieter HARMENING 1987: Superstition – ‚Aberglaube‘, in: Edgar HARVOLK (Hrsg.), Wege der Volkskunde in Bayern. Ein Handbuch (München/Würzburg) 261-292.
  • Dieter HARMENING 1991: Zauberei im Abendland. Vom Anteil der Gelehrten am Wahn der Leute, Skizzen zur Geschichte des Aberglaubens, Quellen und Forschungen zur Europäischen Ethnologie Bd. 10 (Würzburg).
  • Gustav Friedrich HARTLAUB 1992: Problematik des Begriffs „Aberglauben“, in: Dietz-Rüdiger MOSER (Hrsg.), Glaube im Abseits. Beiträge zur Erforschung des Aberglaubens (Darmstadt) 13-22.
  • Hansjörg HEMMINGER 2000: Was ist Aberglaube? Bedeutung - Erscheinungsformen - Beratungshilfen (Gütersloh).
  • Patrick HERSPERGER 2010: Kirche, Magie und >Aberglaube<. Superstitio in der Kanonistik des 12. und 13. Jahrhunderts, Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht 31 (Mörlenbach).
  • Richard KIECKHEFER 1992: Magie im Mittelalter (München).
  • Eva KREISSL 2013: Zum Geleit, in: Eva KREISSL (Hrsg.), Kulturtechnik Aberglaube. Zwischen Aufklärung und Spiritualität. Strategien zur Rationalisierung des Zufalls (Bielefeld) 9-18.
  • Ralph MERRIFIELD 1987: The Archaeology of Ritual and Magic (London).
  • Iris NIESSEN 2015: Magie und Zauber in der Kirche? Bauopfer aus der Churer Kathedrale, in: Archäologie Graubünden 2 (Chur) 23-52.
  • Leander PETZOLDT 1990: Magie und Religion, in: Peter DINZELBACHER (Hrsg.), Volksreligion im hohen und späten Mittelalter. Dokumentation der Wissenschaftlichen Studientage „Glaube und Aberglaube, Aspekte der Frömmigkeit im hohen und späten Mittelalter 27.-30. März 1985 in Weingarten, Oberschwaben (Paderborn/München/Schöning) 467-485.
  • Adolf SPAMER 1950: Zur Aberglaubensbekämpfung des Barock. Ein Handwörterbuch deutschen Aberglaubens von 1721 und sein Verfasser, in: MISCELLANEA ACADEMICA BEROLINENSIA, Gesammelte Abhandlung zur Feier des 250jährigen Bestehens der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin II/1 (Berlin) 133-159.
  • Adolf WUTTKE 1925: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart (Leipzig).

Link




Iris Nießen M.A. studierte Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Bamberg. 2014 schloss sie das Studium mit einer Arbeit über Funde aus der Kathedrale in Chur ab, die mit "abergläubischen" Bräuchen in Verbindung zu bringen sind.

    Freitag, 2. Oktober 2015

    Anti-Intellektualismus: Illinois State Museum ist geschlossen!

    Trotz gegenteiliger Empfehlung der zuständigen Kommission lässt Gouvernor Rauner das Illinois State Museum schließen.
    Geschlossen:
    Die Ausstellung im Illinois State Museum in Springfield.
    (Foto: R. Schreg, 2010)
    Ab Oktober sind die Ausstellungen zu. Die Mitarbeiter sollen als Kompromiss noch bis Januar bezahlt werden, bis das endgültige Schicksal des Museum geklärt ist. Die Abstimmung im Parlament über eine Gesetzesvorlage, die dies verhindert hätte, wurde verschoben, da zu wenige Abgeordnete anwesend waren.
    Am 27.9. wurde jedoch bekannt, dass die Rauner-Administration dies nur für gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiter gelten lassen will. Alle andere - darunter aucn Abteilungsleiter - sollten ab Oktober nicht weiter beschäftigt werden.

    Antworten, wie man mit anvertrauten Leihgaben und Schenkungen umgeht, gibt es nicht, auch nicht, wie man Verträge mit Indianern einhalten möchte, deren Objekte vom Museum betreut wurden. Tatsächlich bringen die Einsparungen von etwas mehr als 4 Mio $ kaum eine Entlastung für den Gesamtschuldenberg von 4 Milliarden $. Zumal sie mit den eingeworbenen Drittmitteln und geschätzt 33 Mio $, die sie im Tourismus mobiliert haben, eher eine lukrative Investition waren. 
    Es gab in den vergangenen Monaten zahlreiche wohl organisierte Aktivitäten gegen die Schließung. Die Petition mit bisher über 12.000 Unterschriften läuft noch!

    siehe

    Donnerstag, 1. Oktober 2015

    Die Politisierung des Kulturguts (Syrien/Irak, September 2015)

    Steigendes politisches Interesse an Kulturgütern

    Inzwischen zeigt sich ein steigendes politisches Interesse am Kulturgüterschutz. Die Motive scheinen höchst unterschiedlich, nur teilweise geht es um das Kulturgut selbst. Es geht darum, ein Zeichen gegen die extremistischen anti-intellektuellen Bilderstürmer zu setzen, dem Terror die Geldquellen abzugraben - und mit dem russischen Engagement in Syrien wird Kulturgut möglicherweise auch Teil einer Machtfrage zwischen den wieder auflebenden Blöcken.
    UN, New York
    (Foto: Dendodge [public domain] via Wikimedia Commons)
    Auch für die deutschen Bestrebungen zur Novellierung des Kultugutschutzgesetzes ist das Ziel, dem Terror seine Finanzierung zu entziehen, ja ein wesentlicher Aspekt. Der jetzige Entwurf wird das nur erreichen, wenn klar ist, dass der Handel die Legalität seines Angebots nachweisen muss. Daran ist beim jetzigen Gesetzesentwurf zu zweifeln, da zwar ein klares Verbot des Handels mit Raubgrabungsgütern vorgesehen ist, das aber unwirksam bleibt, so lange die (in den meisten Fällen anzunehmende) Illegalität bei angeblich älteren Funden (vor den Stichtagsregelung) von den Strafverfolgungsbehörden nachgewiesen werden muss (vergl. Archaeologik 24.9.2015).
    Die Situation in Syrien und Irak macht jedenfalls zweierlei deutlich: 1.) Die westliche Kulturschutzpolitik der letzten Jahrzehnte hat gründlich versagt (vergl. Archaeologik 19.9.2015)! 2.) Kulturgut und Archäologie ist immer auch politisch - oder wird jedenfalls immer wieder dazu gemacht.


    Palmyra und das russische Militär-Engagement in Syrien 

    Auf der UN-Vollversammlung präsentierte Putin einen Plan für eine Koalition gegen IS und hat bereits erste Luftangriffe fliegen lassen (die wohl weniger Daesh, als vielmehr vom Westen unterstützten Rebellengruppen gegolten haben). Interessante Überlegungen in Bezug auf die Rolle der Kulturgüterkatastrophe in Syrien und Irak:
    "But for Putin, an offensive would – or will – be an epic symbol of Russia’s new projection into the Middle East. For Obama and Cameron and the rest of our Western leaders, who have fumbled around Syria for four years, neither dethroning Assad nor defeating Isis, a Russian-assisted recapture of Palmyra would be a humiliating lesson."

    Kulturgutschutz als Thema der UN-Versammlung

      Culture Under Threat forum' der Antiquities Coalition

      Am 24.9.2015 fand bei der Asia Society in New York (Kooperation von Antiquities Coalition, the Middle East Institute und UNESCO) eine Konferenz 'Culture Under Threat forum' statt, deren Kernthema der illegale Antikenhandel und “blood antiquities” waren. Vertreten waren die Außenminister - bewusst nicht die Kulturminister - von Ägypten, Irak, Jordanien und Australien sowie Regierungsvertreter von Kambodscha, Thailand, Italien, Qatar und Saudi Arabien.

      Die australische Außenministerin Julie Bishop wies - unter Verweis auf die Überlegungen zu Massenbewegungen durch Eric Hoffer - darauf hin, dass die Zerstörung von Kulturerbe durch Terroristen gezielt der Entwurzelung der Menschen mit ihrer phantastischen Geschichte diene, um leichter eine Gefolgschaft zu rekrutieren. In der Umsetzung der UN-Konventionen fordert sie in der Diskussion eine größere Rolle der Museen ein.
      UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokowa bemängelte die starken Exportverbote in Europa und Amerika, denen keine angemessene Importkontrolle gegenüber stände. Lobend hob sie die deutsche Initiative hervor.
      Der ägyptische Außenminister sieht die Gefahr von Selbstmordattentaten auf historische Stätten in Libyen. 


      Diskutiert wurden mögliche Maßnahmen vor Ort, internationale Rechtsabkommen gegen Raubrabungen und Handel, die Möglichkeiten für Kulturgüterasyl (“asylum for heritage”) und digitaler Sicherung. Angeregt wurde die Gründung einer internationalen Organisation “Archaeologists without Borders”, die in Krisenländern mit zusätzlichen Ressourcen aushelfen könnte. Der jordanische Außenminister Nasser Judeh sieht den Bedarf an einer Organisation, die - ähnlich wie die internationale Atomaufsicht - gezielt Informationsaustausch und Aufklärung im Bereich des Antikenhandels betreibt. Insbesondere müsse man die Käufer am Ende der Kette, die den Terrorismus unterstützen, klar als kriminell identifizieren. Verschiedene weitere Schlagworte im Zusammenhang mit der Idee solch einer Gruppe sind "Monuments Men" und "Blue helmets for Culture".

      Eine gemeinsame Erklärung bleibt allerdings unkonkret wie immer. Es fordert:
      • The United Nations to formulate action plans to address “cultural cleansing”
      • The International Criminal Court to launch a war crimes investigation against those entities that engage in “cultural cleansing”
      • The international community, to support states in protecting, preserving, and documenting items of cultural heritage endangered by armed conflicts
      • A global campaign to raise awareness about the purchase of conflict antiquities and terrorist financing
      • All governments to take steps to prevent the trade in conflict antiquities
      • All actors involved in the cultural property trade to be vigilant when obtaining antiquities from countries in conflict

      Antiquities Coalition stellt regelmäßig Videos seiner Konferenzen bei youtube ins Netz (https://www.youtube.com/channel/UCq56HzQd4cBfyJTMQJI53iw). Nachdem letzten Monat eine Konferenz vom Mai 2015 in Kairo eingestellt wurde, folgt jetzt das 3stündige Video des "Culture Under Threat forum".
      Dazu auch:

        Eine Veranstaltung des US-Außenministeriums

        während der UN-Vollversammlung:
        auf twitter:

           Krieg zum Schutz der klassischen Stätten?

          Abgeordnete der Französischen Nationalsammlung bei DGAM

          Kurz nach den ersten Angriffen der französischen Luftwaffe auf Daesh besuchten am 28.9. drei Abgeordnete der Französischen Nationalversammlung unter anderem die Staatliche Altertumsbehörde und das Nationalmuseum in Damaskus.
          Im März hatte ein Treffen französischer Abgeordneter mit Assad - darunter der konservative Gerard Bapt, er auch jetzt wieder dabei war - in Frankreich für Empörung gesorgt.
          Entsprechend betonen die Abgeordneten nun den privaten Charakter ihrer Reise, treten aber dafür ein, mit Assad in einer Anti-Daesh-Koalition zu kooperieren.


            Palmyra im September

            im Anschluß an den Blogpost Die Daesh-Hölle in Palmyra (Syrien und Irak, August 2015). Archaeologik (1.9.2015)

            Reaktionen auf die Zerstörung von Palmyra



            1.9.2015 Satellitenbilder des Baaltempels

            Grabturm des Elabel in Palmyra, 1993
            (Foto: M. Scholz)
            4.9.2015 Sprengung der Grabtürme von Palmyra wird publik

            Luftbilder belegen die Sprengung mehrerer Grabtürme.

            19.9.2015: Luftangriffe der Syrischen Armee auf Palmyra

            Vermehrt fallen Meldungen über Luftangriffe der syrischen Armee auf, auch aus Raqqa und Aleppo. Irgendwie mag das vielleicht mit der Präsenz russischer Truppen in Syrien zusammenhängen?
            Die Bombenangriffe in Palmyra soll vor allem Zivilisten getroffen haben. Schwer zu sagen, was hier Propaganda ist.

            arabische Festung über dem Tal der Toten westlich von Palmyra
            (Foto: M. Scholz, 1993)

            24.9.2015: Bomben auf die Festung von Palmyra

            Nach Twitter-Posts soll die Syrische Armee bei weiteren Luftangriffen Fassbomben auf die historische Festung abgeworfen haben, die westlich der Stadt gelegen die Landschaft beherrscht. Angeblich wurde die Festungsmauer beschädigt.





            Zerstörungen in Palmyra durch Daesh (rot) und frühere Zerstörungen durch militärische Aktivitäten der syrischen Armee
            Destruction in Palmyra by Daesh (red) and earlier destruction by military activities probably of the Syrian army (yellow)



            Nachrufe auf den ermordeten Khaled al-Asaad (September)

            Mehrere Medienbeiträge würdigen das Engagement von Kollegen mitten im Chaos.

            Zerstörungen an anderen Orten

            Mausoleum des Shaykh Hammadaus dem 13. Jh.:
              Kloster St. Eliah

              Raubgrabungen und illegaler Antikenhandel

              Die Türkei als wichtiges Transitland:

              Sichergestellte Funde

              Daesh/IS und der Antikenhandel


              Die Rolle des Nationalmuseums in Beirut:

              Maßnahmen

              Um die Objekte zu retten, sprächen sich bereits einige in interessierten Kreisen dafür aus, "über den eigenen Schatten zu springen und mit den bad guys Geschäfte zu machen". Das sei aber keine Lösung, sondern Teil des Problems, betonte Müller-Karpe. Der Westen sitze einer "perfiden Marketingstrategie" auf und werde von den Islamisten vorgeführt.

              Das geplante neue Kulturgutschutzgesetz in Deutschland, als eine Maßnahme gegen Raubgrabungen, illegalen Antikenhandel und den Terrorismus gedacht, wird - sollte der Entwurf nicht noch entscheidend geändert werden - wohl eher das Gegenteil erreichen, indem er mit seiner Fristenregelung es den Hehlern erleichtert, seine Waren auf einen Markt mit dann legalisierten Raubgrabungsgütern zu schleusen. Es wird noch schwieriger werden, den Raubgräbern und Hehlern beizukommen.

              Verpacken und Verstecken

              Im Nationalmuseum in Damaskus werden Funde verpackt und zum Abtransport vorbereitet. Es handelt sich um evakuierte Funde aus anderen Museen des Landes, aber offenbar schließt man auch einen Vormarsch von Daesh auf Damaskus nicht aus.
              Elektronische Erfassung der Museumsbestände von Lattakia:

              Veranstaltungen

              Eine Erklärung der Orient AG des Deutschen Archäologen-Verbands

                  Digitalisierungsbemühungen: Die Stunde der 3D-Modelle

                  Viele Hoffnungen eine 3D-Dokumentation von Denkmälern in Syrien und Irak zu erhalten, bevor Daesh/IS sie zerstört:
                  In diesem Kontext sind auch Projekte zu nennen, die gezielt Forschungsdaten, Bild- und Planarchive digitalisieren (z.B. Syrian Heritage Archive Project des DAI). Nicht nur aus forschungspolitischen Überlegungen sollten solche Daten frei zugänglich als Open Access verfügbar sein - das wäre auch ein Zeichen gegen die Kulturvernichtung von Daesh und ein wesentlicher Beitrag bei der Identifizierung von Raubgrabungsgut und aus Museen und Depots gestohlener Funde.

                  Vergl.
                  Ein italienisches Angebot zur Hilfestellung:
                  eine norwegische Initiative:
                  Leider ist die angekündigte freie Zugänglichkeit der bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erschienenen  Bände der Tabula Imperii Byzantini zu Syrien immer noch nicht umgesetzt:

                  Und ein Projekt zur Digitalisierung von Bibliotheksbeständen:
                        All das hilft leider nicht gegen die Zerstörung von Befunden im Boden, die durch Raubgrabungen und Sprengungen gefährdet sind.

                        5 Mio $ Belohnung!

                        Die US-Regierung hat 5 Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt, für denjenigen, der mit seinem Hinweis das Finanzierungssystem von Daesh mit illegalen Öl- und Antikenhandel nachhaltig aufbricht.
                        Das Geld wird wohl nicht ausgegeben werden müssen, denn die Strukturen sind mit Sicherheit so international und so komplex, dass ein einzelner sachdienlicher Hinweis keinen Durchbruch bringen wird. Außerdem dürfte es schwer sein, zu unterscheiden, wer Terrorist, Rebell oder Soldat ist. Die Plünderung archäologischer Funde ist kein Monopol von Daesh.

                        Weitere Kommentare und Pressestimmen 

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