Freitag, 13. Januar 2023

Wirres Weltbild mit einem Schuss Archäologie: Russen und Neoskythen, Hyberboräer, Arier und Slawen

Die Plünderung des Museums in Melitopol war am 3.5.2022 Thema auf Archaeologik (Skythisches Gold verschwunden). Jetzt berichtet die Neue Züricher Zeitung nochmals darüber:

Verrfasst hat den Artikel in der NZZ Konstantin Akinsha, der in Kiew, Moskau und St. Andrews Kunstgeschichte studiert hatte und seidem immer wieder mit Fragen der politischen Bedeutung von Kunstobjekten befasst war. Er verweist auf die ideologische Rolle der Skythen für das russische Selbstverständnis. Versuche, die Russen auf die Skythen zurück zu führen, reichen bis zu Katharina der Großen zurück. Im 19. Jahrhundert wurden solche Gedanken populär und mündeten im frühen 20. Jahrhundert in der Vorstellung, die Skythen (und Russen) seien so etwas wie der Puffer zwischen dem verräterischen Westen und den orientalischen Horden. So gibt es heute unter russischen Nationalisten die Auffassung, dass der "Skythianismus" die regnerative Kraft habe, Russlands seinen Platz in der Welt zurück zu geben. Teilweise werden die Skythen sowohl als Arier als auch als Vorfahren der Slawen gesehen (Laruelle 2019, 144). In diesem ideologischen Hintrgrund sieht Akinsha einen wesentlichen Grund für das große Interesse der Russen an den skythischen Funden  - was bereits im Konflikt um die in den Niederlanden verbliebenen Funde der Krim (vgl. Archaeologik 29.1.2022) sichtbar geworden sei.

Im Hintergrund des Skythianismus steht ein weiter gefasster Eurasianismus, der in post-sowjetischer Zeit große Bedeutung für einen neuen russischen Nationalismus hat, der eine Führungsrolle auch in Zentralasien beansprucht. Als Autorität steht der 1992 verstorbene Ethnograph Lew Gumilev im Hintergrund, auf den auch die Idee einer "Passionarität" zurük geht, wonach jedes Volk und vor allem ihre Führer eine Phase mit Expansionsbestrebungen durchlaufe. Diese Geschichtsideologie kreist um Ethnien und deren in gewisser Weise vorbestimmtes Schicksal. Russland hätte demnach schon verschiedene solcher Expansionsphasen durchlaufen, die ihre Stärke von den Nomaden aus dem Osten gegen den europäischen Katholizismus bezogen hätten. Nach Gumilev sind Ethnien ursprüngliche Entitäten mit alten Wurzeln, Sie durchlaufen einen historischen Zyklus, den er mit rund 1500 Jahren ansetzte, bei dem aber ihre grundlegenden Charaktereigenschaften unverändert blieben. Ethnische Gruppen könnten demnach über die Zeiten hinweg verfolgt werden (Bassin 2016, 20). 
 
Denkmal für Lew Gumilev in Bezhetsk, Tverskaya oblast', Russland
(Foto:
46yuri [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)



Ein solches Bild von Ethnie entbehrt zwar einer wissenschaftlichen Grundlage, lässt sich aber politisch sehr gut einsetzen. Vladimir Putin hat sich 2016 auch ausdrücklich zu Gumilews Ideen bekannt.

Immerhin ist die Ukraine auch ein Kerngebiet skythischer Kultur. Hier gibt es zahlreiche Kurgane mit herausragenden Goldfunden, wie eben jenen aus Melitopol.

Seit 2009 besteht in Moskau und St. Petersburg ein Lev Gumilev Zentrum für euasische Studien, das die Idee des Neo-Skythen propagandistisch verbreitet. Die Website der seit 2015 bestehenden Niederlassung in Afghanistan listet als Aktivitätsfelder des Zentrums weniger Forschung als vielmehr Propaganda auf.

Das Zentrum und die mit ihr verbundene Gruppe der Neo-Skythen ist auch in Transnistrien aktiv, wo im übrigen auch die örtlichen Archäologen für die russisch-skythische Sache aktiviert und mit Nova-Skythia-T-shirts beehrt wurden.

Sie ist außerdem Veranstalter des Kurultaj-Festivals, das die vermeintliche Zusammengehörigkeit der Steppenvölker im ehemaligen sowjetischen Einflußbereich - inklusive Victor Orbans Ungarn (vgl. Archaeologik v. 12.7.2019) - beschwört. Der Direktor des Zentrums Pavel Zarifullin ist in den ultra-nationalistischen Kreisen offenbar nicht unbedeutend (Laruelle 2019, 115).

  • Евразийцы и скифы провели на Алтае съезд-курултай (Eurasier und Skythen hielten einen Kongress-Kurultai im Altai ab). ИДЕОЛОГИЯ НОВЫХ СКИФОВ (8..10.2021). -http://newskif.su/2021/6311/
Das Kurultaj - ein angeblich traditionelles, tatsächlich erst 2007
begründetes - Festival der Steppenvölker propagiert die
wissenschaftlich nicht gedeckte These
einer Abstammung der Ungarn von Hunnen und Skythen.
(Foto: Derzsi Elekes Andor [CC BY SA 4.0]
via Wikimedia Commons)

Wenig wissenschaftlich ist auch die Auseinandersetzung mit Atlantis, das mit der Heimat der slawisch-arischen Hyperböräern unter dem Eis im Norden Sibiriens verbunden wird. Hier werden Züge von Verschwörungstheorien deutlich, denn die Entdeckungen dort würden vom russischen Militärgeheimdienst geheim gehalten (der ja seinerseits tatsächlich ein geschichtspolitischer Akteur ist, vgl. Archaeologik 9.10.2022). Deuten sich da Rivalitäten an?

  • Философия Гипербореи на театральных подмостках (Philosophie von Hyperborea auf der Bühne). ИДЕОЛОГИЯ НОВЫХ СКИФОВ (21.11.2021). - http://newskif.su/2021/6336/

Diese skythischen Städte im Norden Sibiriens werden - so dies etwas wirre Weltbild - nach dem Abtauen des Eises in Folge des Klimawandels die neuen Zentren der modernen Welt sein.

  • Города Гипербореи (Hyperboräische Städte). ИДЕОЛОГИЯ НОВЫХ СКИФОВ (17.5.2016). - http://newskif.su/2020/6140/

Literatur

interne Links

Im Kontext des russischen Ukraine-Kriegs war russische Geschichtsideologie auf Archaeologik inzwischen mehrfach ein Thema. Ich bin hier kein Spezialist und maße mir kein fachliches Urteil an. Ich sammle aktuell einfach Beobachtungen und versuche diese mit Kommentaren irgendwie provisorisch einzuordnen. Sicherlich wird es da noch mehr Posts dazu geben, die vielleicht etwas mehr Durchblick liefern. Ich befürchte aber, ein klares Theoriegebäude, das wissenschaftlich ernst zu nehmen ist, gibt es da überhaupt nicht. Politisch ernst zu nehmen ist der Quatsch aber allemal, wie der russische Krieg gegen die Ukraine zeigt.


Sonntag, 8. Januar 2023

Digitalisierung am Ruhr-Museum - so hätt man sich das sparen können!

Wenn ein Museum auf seine Urheberrechte (?) pocht, so ist das erst mal seine Entscheidung. Aber die Frage stellt sich, ob man sich dann die Digitalisierung auch hätte ganz sparen können, wenn man vor lauter © noch nicht mal erkennt, ob das Bild interessant ist.

"Die Besonderheit des Archivs - vor allem geschlossene Negativbestände zu sammeln - führte zu der Entscheidung, nicht eine Auswahl an Einzelbildern, sondern die kompletten Filmstreifen als Kontaktbögen ins Netz zu stellen. Der Betrachter hat damit die Möglichkeit, Fotos in ihrem Entstehungszusammenhang zu betrachten und Motivvarianten zu vergleichen."
(https://ruhrmuseum.faust-iserver.de/ruhrimages/Ruhrinfos.htm)

Theoretisch ja, praktisch mit diesen Wasserzeichen  aber erfolgreich verhindert.

Digitalisierung ist halt modern - ob's grade mal Sinn macht oder nicht. (Richtig gemacht, macht es sehr viel Sinn, so aber nicht).


Sorry - ärgere mich gerade...

Samstag, 7. Januar 2023

Impulse aus dem Denkmalschutz: Solarpanele

In zahlreichen Bundesländern werden Denkmalschutzgesetze geändert, um regenerative Energien zu fördern. Meist ist nur von der Optik, selten von den Bodeneingriffen die Rede. Besonders sensibel sind jedoch Photovoltaik-Anlagen in historischen Stadtkernen oder auf Baudenkmalen.

Aktuell verbreiten verschiedene Medien die Nachricht über eine italienische Firma, die Solarzellen in Terrakotta-Optik produziert. Aufhänger ist deren Verwendung in den antiken Ruinen von Pompeji. 

Die Meldung ist Teil der Aktivitäten eines EU-finanzierten Projekts POCITYF. Dabei geht es speziell darum, denkmalgeschützte Altstädte in die Energiewende zu integrieren. An einigen Beispielstädten (übrigens ohne deutsche Beteiligung) sollen dazu technische Lösungen entwickelt werden.

Am 21.12. hat POCITYF eine Pressemeldung publiziert:

Es geht um Sonnenkollektoren, die  die Form antiker römischer Ziegel haben und mit denen in den Ruinen von Pompeji neue Schutzdächer gestaltet werden, die zudem vor Ort Energie erzeugen. 

rekonstruiertes Porticusdach an der Mysterienvilla in Pompeji
potentieller Einsatzort der Ziegel-PV-Anlage
(Foto: R. Schreg, 2016)



 

POCITYF sieht in den innovativen Lösungen, die mit dem archäologischen Park Pompeji und der portugiesischen Stadt Évora entwickelt wurden, eine Chance Energiegewinnung mit dem Erhalt kulturellen Erbes und Nachhaltigkeit zu verbinden. Alte Gebäude könnten so trotz der architektonischen und denkmalpflegerischen Einschränkungen zu einem Kapital werden.

Die Technik ist indes nicht neu. Die italienische Firma, die hier beteiligt war, produziert solche PV-Ziegel schon seit 2015 und wartet auf weitere Anwendungen, denn die Panele können auch in anderen Formen produziert werden, die die Optik von Holzverkleidungen oder Bausteinen aufnehmen. Die Module sind aus Polymeren hergestellt, wobei die Oberfläche lichtdurchlässig ist, so dass die integrierten Kollektoren fast so viel Energie erzeugen wie klassische Kollektoren.

Im Augenblick sind die Kosten noch deutlich höher als bei klassischen Kollektoren, doch ist das Anwendungsfeld auch wesentlich größer. Für denkmalgerechte Ziegel wird kaum eine große Serienfertigung möglich sein, da lokale historische Formate berücksichtigt werden müssen - prinzipiell ist es aber möglich, die Solarzellen in individuellen Formen zu produzieren.

Aktuelle Medienberichte


Interner Link

Donnerstag, 5. Januar 2023

Denkmalabriss auf Sylt

 

Der ehemalige Alte Gasthaus in List
(Foto: Hajotthu [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)

In Sylt sollte dringend mit der Denkmalschutzbehörde die denkmalrechtliche Situation geprüft und ggf. eine archäologisch-bauhistorische Dokumentation der noch erhaltenen Reste angegangen werden. Anscheinend sind aber noch nicht einmal die Eigentumsverhältnisse bekannt.

Kommentare aus facebook:

Ein Investor darf durch den Denkmalabbruch keine Gewinne machen... In Bayern hat solch ein Fall dazu geführt, dass 2021 das Denkmalschutzgesetz geändert wurde, indem in Art. 23 die Geldbuße von 250.000 € auf 5 Mio € heraufgesetzt wurde. Zudem wurde der Investor dazu verurteilt, das Gebäude in der ursprünglichen Form wieder aufzubauen - das Bauwerk als historische Quelle ist natürlich trotzdem unwiderbringlich verloren.

München-Giesing, ehem. Uhrmacherhaus
(Foto: Fentriss [CC0] via WikimediaCommons)


 

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