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Montag, 15. Juni 2026

UNESCO-Welterbe brennt

Putin lässt weiter auf Kiew bomben und hat jetzt auch das UNESCO-Welterbe in Kiew getroffen. 
Bei den landesweiten Angriff gab es neun Tote und zahlreiche Verletzte in Kiew kames  laut Aussagen des Militärgouverneurs zu „ernsthaften Schäden auf dem Gelände des Höhlenklosters“. 

Google KI fasst die Situation heute morgen wie folgt zusammen:

Bei den schweren russischen Angriffen auf Kiew am 15. Juni 2026 kam es zu folgendem Schadensbild: [1, 2] 

🏛️ Akute Schäden an der Hauptkirche

  • Brand des Daches: Das Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale (auch bekannt als Uspenski-Kathedrale, die Hauptkirche des Komplexes) geriet im Dachbereich unter den vergoldeten Kuppeln in Brand. [1, 2] 
  • Ursache: Laut Berichten fing das Dach Feuer, nachdem entweder Trümmerteile einer abgetroffenen russischen Drohne auf einen angrenzenden Parkplatz stürzten oder die Anlage direkt von Geschossen getroffen wurde. [2, 3] 

📦 Rettung der Kulturgüter [4] 

  • Ikonen und Reliquien gesichert: Liturgische Gegenstände, wertvolle Ikonen und die historischen Heiligtümer der Kathedrale konnten durch eine schnelle Evakuierungsaktion rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. [1] 

🕳️ Zustand der Höhlen und Nebengebäude

  • Unterirdische Höhlen intakt: Das weltberühmte mittelalterliche Höhlensystem mit den mumifizierten Überresten von Geistlichen im unteren Teil des Geländes blieb nach ersten Erkenntnissen von den aktuellen Zerstörungen unversehrt. [2, 5] 
  • Hinweis zu früheren Schäden: Kleinere oberflächliche Schäden an den Eingängen der Fernen Höhlen (zerstörte Fenster, Türen und Putzschäden an der Sankt-Anna-Kirche) stammten bereits aus einer vorangegangenen Angriffswelle im Januar 2026. Die aktuellen Brände betreffen das Dach der zentralen Oberkirche. [2, 5, 6] 
Möchtest du weitere Details zu den internationalen Reaktionen (wie der UNESCO oder Frankreich) erfahren oder die aktuelle Lage der Rettungsarbeiten weiterverfolgen? [1] 
Diese KI-Zusammenfassung verweist auf aktuelle Medienquellen und scheint den Stand der Dinge zu treffen. Im syrischen Bürgerkrieg wurden Routinen entwickelt um digitale Quellen zur Schadensanalyse am Kulturerbe zu nutzen. Wenige Stunden nach dem Angriff in Kiew thematisiert ein (schrecklich werbe überladener) Artikel im KI-Magazin IT-boltwise die Rolle, die KI dabei spielen kann, Aber auch die Probleme, die dabei auftreten, weil sehr schnell auch manipulierte Bilder  und propagandistische Fake News im Umlauf sein können.





Das Höhlenkloster in Kiew
(Foto: i.Parfeniy [in public domain] via WikimediaCommons)


Mal sehen, ob sich Putins Propagandist dazu äußern: zu vermuten ist das übliche Schema: die Ukraine ist schuld. Das Höhlenkloster soll in die Zeit der Kiewer Rus zurückgehen und hat daher großes, symbolische Bedeutung für die Nationalgeschichten Russlands und der Ukraine.


Links


interner Link

Mittwoch, 25. März 2026

Der Fall Butyagin - Politik in der Archäologie

Bereits im Dezember 2025 wurde der russische Staatsbürger Alexander Butyagin in Warschau festgenommen. Die Ukraine hat bei der Warschauer Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Auslieferung gestellt. Butyagin ist Leiter der Abteilung für antike Archäologie der Schwarzmeerregion des Staatlichen Eremitage-Museums in St. Petersburg und ihm werden illegale Ausgrabungen auf der Krim vorgeworfen.

Butyagin, 1971 noch in der Sowjetunion in Leningrad geboren und in Leningrad aufgewachsen, arbeitete schon seit 1999 als Ausgrabungsleiter in Myrmekion, einer antiken griechischen Kolonie aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf der Krim nahe des heutigen Kertsch. Bereits seine Abschlussarbeit an der staatlichen Universität in Leningrad befasste sich mit Myrmekion. Seitdem ist er an der Eremitage tätig wo er 2006 Abteilungsleiter wurde. Von 2010 bis zum russischen Angriffskrieg arbeitete er auch in römischen Villen am Golf von Neapel.

Die Grabungen erfolgten seit 2014 in Myrmekion mit russischer, nicht mit ukrainischer Genehmigung. Bereits im Januar 2022 begann die Ukraine ein Strafverfahren gegen Butyagin wegen "illegaler Grabungen".

Die Ukraine hat deswegen schon seit Jahren eine ganze Reihe von Archäolog*innen international zur Fahndung ausgeschrieben. Dennoch war Butyagin 2025 auf einer Vortragsreise durch Europa – geplant waren die Stationen Paris, Prag, Amsterdam, Warschau und Belgrad. An den ersten Stationen konnte er seinen Vortrag über "Die letzten Tage von Pompeji" auch halten. 

 

Russlands Reaktion und Butyagins Verteidigung

Der Fall Butyagin entwickelt sich nun zum diplomatisch-juristischen Nebenkriegsschauplatz. Russland bezeichnet die Festnahme als "politisch motiviert" und hat den polnischen Botschafter einbestellt. Das russische Außenministerium nannte die Vorwürfe "absurd" und behauptete, Butyagins Arbeit "bereichere das kulturelle Erbe der Völker der Krim". Michail Piotrowski, der Direktor der Eremitage, verglich die Verhaftung Butyagins und die Sanktionen gegen Russland mit der Belagerung Leningrads. 

Butyagin selbst betonte stets, er habe wissenschaftlich korrekt gearbeitet und sei kein Gesetzesbrecher, sondern ein Forscher, der dokumentiere und bewahre. Er sah sich als "Mann von Spaten, Kellen, Pinseln" und "Archiven", nie als "Mann der Politik". Er verwies auf die historischen Verbindungen der Eremitage zur Krim, die bis ins zaristische Russland zurückreichen. 2014 verfasste Butyagin nach der russischen Besetzung der Krim allerdings ein Gedicht, in dem er Russland seine Treue versicherte: "Bereit für Gefängnis und Armut, tue ich das, was ich für Russland tun muss." Dies zeigt seine Priorisierung der Loyalität gegenüber dem Staat über potenzielle rechtliche Grauzonen, was seine Beteuerungen, seine Tätigkeit sei völlig unpolitisch, in Frage stellt.
 

Der Prozess in Polen

Ein Warschauer Berufungsgericht hat im Februar Butyagins Verhaftung bestätigt, und seine Haft bis zum 1. Juni 2026 verlängert. Ein polnisches Gericht muss nun über die Auslieferung an die Ukraine entscheiden. 

Das polnische Gericht befasst sich nicht mit der Frage der Schuld Butyagins. Es klärt nur, ob die ihm von der Ukraine vorgeworfenen Handlungen eine Straftat darstellen, die nach polnischem und ukrainischem Recht mit mindestens einem Jahr Gefängnis zu bestrafen wäre; ob der Antrag der Ukraine ausreichend begründet ist und ob Butyagin in der Ukraine ein faires Verfahren bekommen würde.

Im Januar wurde der Prozess vorübergehend unterbrochen, da Butyagins Anwälte gegen die Richterin einen inzwischen abgelehnten Befangenheitsantrag gestellt hatten.

Bei der Verhandlung im Januar trat ein maskierter Demonstrant auf, der ein Foto von Butyagin hochhielt und lautstark über die Notwendigkeit sprach, „das Naziregime in Kiew zu bekämpfen“. Abgelehnt wurde zudem der Antrag, Butyagin aus der Haft zu entlassen und stattdessen in Hausarrest zu nehmen. Kolleg*innen - auch aus dem Westen - hatten eine Petition eingereicht und gesammelt, um einen Hausarrest zu erreichen.

Instrumentalisierung der Archäologie

Der russische Krieg in der Ukraine zeigt verschiedene Arten, wie Archäologie politisch instrumentalisiert wird. 
 
1.) Da ist zunächst die bewusste Manipulation. Herausragendes Beispiel dafür ist Putins Geschichtspark in Chersonnesos. Direkt an die Kernzone des UNESCO-Welterbes Und mitten in der antiken Vorstadt und mittelalterlichen Besiedlung wurden hier Pseudo-Rekonstruktionen hingeklotzt, die die propagierte Größe der russischen Vergangenheit vermitteln sollen (vgl. Archaeologik 4.8.2024; Schreg 2025). Hier geht es um Manipulation in der Interpretation und der Vermittlung, die sich ggf. auch Originalbefunde zerstört oder verfälscht. Auch Inszenierungen archäologischer Stätten als Bühne für politische Veranstaltungen können manipulativ sein (müssen es aber nicht unbedingt).
 
2.) Die subtile Propagandierung, bei der den beteiligten Wissenschaftlern in ihrem “quellen- und praxisorientierten“ Herangehen die eigenen Vorurteile gar nicht mehr bewusst sind und daher Wissenschaftlichkeit und Selbstkritik soweit verloren gehen, dass etablierte, aber möglicherweise falsche Geschichtsbilder weitergetragen werden. Politisch-gesellschaftlich stabilisiert dies bestehende Verhältnisse oder unterstützt konservative, schlimmstenfalls rückwärtsgewandte Weltbilder. Auf der Krim sind dies die ethnischen Deutungen, die weiterhin unreflektiert verbreitet werden, obwohl sie ein Konstrukt des Stalinismus sind. Damals waren die Alano-Goten erfunden worden, um die deutsche Gotenpropaganda abzuwehren und andererseits, um sich nicht mit den wenig angesehenen Byzantinern auseinandersetzen zu müssen (Archaeologik 28.6.2020). Die Politik steuert hier im Hintergrund nicht selten dadurch, dass sie durch Förderanreize oder Verbote bestimmte Themen unterdrückt oder fördert - oder in die Personalauswahl der Wissenschaft eingreift.
Die Integration archäologischer Funde und Stätten in die eigene Nationalgeschichte kann banal, aber auch politisch-identitätsstiftend sein und wäre je nachdem dem einen oder anderen zuzuordnen.

3.) Die Verfügbarkeit über archäologische Funde und Stätten als Ausdruck staatlicher Hoheitsrechte.  Die Initiative dafür geht oft nicht von der Archäologie aus, aber gerade solche Fälle machen klar, dass die Archäologie nicht unpolitisch sein kann. Im russischen Krieg gegen die Ukraine war dies von Anfang an ein wesentliches Feld der politischen Rolle der Archäologie. Der Aspekt wird vor allem dann wirksam, wenn eine öffentliche Aufmerksamkeit vorhanden ist und die Hoheitsrechte demonstrativ eingefordert werden können. Das war bei dem Krim-Gold in Amsterdam so (Archaeologik 29.1.2022) und das ist nun auch im Fall Butyagin so.
 
4.) Archäologie zur Normalisierung ist ein Fall, der häufig eintritt, wenn ein Staat mit demokratischen Defiziten versucht, internationale Beziehungen zu halten oder zu festigen. Hier geht es einfach um Akzeptanz, nicht um die archäologischen Inhalte. Nach dem Ende der Sowjetunion hatten archäologische Ausstellungen einige Bedeutung für die Völkerverständigung - etwa auch mit der 1999 in Zusammenarbeit mit der Ukraine  im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg  gezeigten Ausstellung „Unbekannte Krim“ (Werner/Ludwig 1999), oder den deutsch-russischen Ausstellungen der Staatlichen Museen in Berlin mit dem Puschkin-Museum in Moskau und der Eremitage in Sankt Petersburg etwa zur Merowingerzeit (Menghin / Bertram 2007). Gerade diese Normalisierung führt häufig zu divergierenden Einschätzungen und sozialem Sprengstoff. Aktuell beispielsweise geht es in der European Association of Archaeologists (EAA) um den Umgang mit Kolleg*innen aus Israel. Einige fordern, beim nächsten Annual Meeting  in Athen Kollegen aus Israel wegen der Politik Israels und dessen potentieller Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen, generell auszuschließen und wollen andernfalls die EAA boykottieren. Außerhalb der Archäologie finden die Debatten um den Ausschluss russischer Sportler bei den olympischen Spielen, aber auch den Boykott von Fußballweltmeisterschaften 2022 in Katar oder nun auch 2026 in den USA große Aufmerksamkeit. Teilweise wird russischen Sportler*innen eine individuelle Teilnahme gestattet. Von der Teilnahme als Vertreter ihres Staates befürchtet man eine Normalisierung der Kriegsführung. Normalisierung kann dabei von zwei Seiten wirken: Einerseits kann Unrecht von Täterseite relativiert werden, andererseits kann eine fehlende Verurteilung von Opferseite als normalisierend empfunden werden. 
 
Dabei ist zu fragen, ob die Normalisierung eine Strategie ist, die von den Akteuren selbst bewusst verfolgt wird - oder ob sie nicht ggf. einfach so weitermachen wie immer, weil sie vordergründig von dem eigentlichen Problem nicht betroffen und darin nicht engagiert sind. 
 
Ein Pauschalurteil und der generelle Boykott ganzer Nationen dürfen kein Automatismus sein. 
 
Im Falle Butyagin stellt sich die Frage, ob seine Vortragsreise in Europa bewusst das politische Ziel einer Normalisierung verfolgt hat und ob es darum ging, Russland salon-fähig zu machen. Schließlich wolle er tun, was er "für Russland tun muss" und schließlich stellt einer seiner Anhänger im Gerichtssaal den Prozess auch in einen Kontext mit den russischen Kriegszielen. Darum geht es aber bei der Verhaftung aktuell gar nicht - und ein Urteil ist hier eher auf einer moralischen, denn auf einer rechtlichen Ebene zu suchen. Dabei ist der Einzelfall zu berücksichtigen.

Klar ist nur: Wissenschaftler, die durch gezielte Manipulation der Geschichte aktiv Grundprinzipien der Wissenschaftlichkeit verletzen, können keine wissenschaftlichen Partner mehr sein. Wo aber die Grenze zwischen bewusster Manipulation und unbewusster Weitergabe von Mythen verläuft, ist oft nicht klar nachzuvollziehen. Völkerverständigung bedeutet  ja gerade auch, einander mit verschiedenen Werten und Kulturen vertraut zu machen - problematisch wird das nur, wenn die transportierten Geschichtsbilder nicht auf einer wissenschaftlichen Analyse, sondern auf einer politischen Agenda oder unkritisch hingenommenen Mythen beruhen. 
Wo verläuft aber beispielsweise die Grenze zwischen der wissenschaftlich gebotenen Dekonstruktion von Mythen und einer politischen Agitation dagegen? Viele Aspekte liegen dabei ja außerhalb der Aussagekraft archäologischer Daten.

Monitoring durch die Ukraine

Die Ukraine wirft Russland vor, das Kulturerbe zur Legitimation der Besetzung zu missbrauchen. Websites wie "The Ancient City of Tauric Chersonese and its Chora", betrieben vom CISS, beobachten die Situation speziell in Chersonesos. Eine weitere Website ("War Sanctions") dokumentiert illegale Ausgrabungen, Museumsdiebstähle und Zerstörungen in der gesamten Ukraine. Zahlreiche Berichte und Artikel untersuchen das russische Vorgehen bei Denkmalen, insbesondere auf der Krim (Campfens et al., 2023; Klenina et al., 2024; Kravchenko, 2024). Das CISS bietet zudem eine interaktive Karte des ukrainischen Kulturerbes, die Zerstörung, Plünderung und illegale Ausgrabungen aufzeigt.

Ukrainische Behörden haben damit russische Archäologen, die illegale Ausgrabungen in besetzten Gebieten wie der Krim durchführen, identifiziert und werfen ihnen Verstöße gegen ukrainisches und internationales Recht vor ("War Sanctions Stealers of Heritage"). Diese Aktivitäten werden als Plünderung und Diebstahl von Kulturgütern gewertet und sind oftmals Teil größerer Bauprojekte, wie etwa der Autobahn von der Krim-Brücke bei Kertsch nach Sewastopol. Hierbei wurden zwar viele archäologische Stätten zerstört, aber immerhin durch Notgrabungen dokumentiert. Angesichts der Umstände kann es sogar als glücklich angesehen werden, dass überhaupt Grabungen durchgeführt wurden. Obwohl sie unter erheblichem Zeitdruck stattfanden, scheinen sie  auch archäologischen Standards zu genügen - anders als die Grabungen zu Putins Geschichtspark.

Elmira Ablyalimova-Chyihoz vom CISS betont gegenüber den Medien, dass Archäologie nicht außerhalb legaler Rahmenbedingungen existiere und der Anspruch, Ausgrabungen "aufgrund einer kulturellen Mission" durchzuführen, nicht akzeptabel sei. Irina Tarsis vom Center for Art Law weist darauf hin, dass nach ukrainischem Recht seit 2004 Genehmigungen für Ausgrabungen erforderlich sind und unzulässige Grabungen als Verbrechen gelten. 

 

Künftige Urteile

Gerichtsurteile und moralische Urteile fallen nicht immer zusammen. Teil des moralischen Urteils sollte immer auch die Reflektion darüber sein, wie man selbst in solch einer Situation handeln würde. Früher waren das eher theoretische Denkspiele, heute sind das für manche Kolleg*innen schon ganz konkrete Entscheidungen.

Kollegen, die auf der Krim Notgrabungen durchgeführt haben, sind sicher anders zu beurteilen als solche, die das russische Regime freiwillig unterstützen und sich aktiv über das Völkerrecht hinwegsetzen und die  Wissenschaft dazu auch propagandistisch verbiegen.  Meist wissen wir auch nicht, ob und wie die betreffenden Kolleg“innen möglicherweise unter Druck gesetzt wurden.

Die Haltung Butyagins und die seines Arbeitgebers spaltet anscheinend auch die russische Wissenschaftsgemeinschaft. Von den Kolleg*innen in Russland erfahren wir naturgemäß nur wenig. Einige stellen sich auf die Seite Butyagins und betonen die "Grenzenlosigkeit der Archäologie". Andere bewerten sein Handeln kritisch, da er auch nach 2014 ohne ukrainische Genehmigung weitergegraben hat. Ein ehemaliger Kollege, Pawel Kolosnizyn, der Russland 2022 wegen seiner Kritik am Krieg verlassen hat, bemerkt: "Lebenswerk hin oder her, jeder trifft seine Entscheidung", sieht also eine Verantwortung.

Auch wenn einige die Ausstellung von Haftbefehlen für alle russischen Kollegen, die an illegalen Ausgrabungen teilnehmen, für angemessen halten (Tymchuk, 2017; War Sanctions Stealers of Heritage), wird es nach Kriegsende entscheidend sein, das Ausmaß solcher Anschuldigungen realistisch zu bewerten. Viele der russischen Wissenschaftler könnten unter erheblichem Druck stehen, wie das Beispiel eines Archäologen aus St. Petersburg zeigt, der 2023 wegen der Verbreitung von "Fake News über das russische Militär" zu 5 1/2 Jahren Haft verurteilt wurde (Novaya Gazeta Europe, 2023).

Zu gegebener Zeit wird man sich das genauer ansehen müssen. Aktuell scheint das gerechterweise kaum möglich. Das ist schlecht für Butyagin, der möglicherweise schon bald vor einem ukrainischen Gericht stehen wird.


Quellen

Medienberichte 

Literatur 

  • Lifanti 2024
    O. Lifantii, Occupied Heritage in Crimea: 10 Years of Illicit Excavations. In: 30th EAA Annual Meeting, Rome, Italy 2024. Abstract Book, Rome, 433. 
  • Lytvynenko, R. (2024). Ukraine’s Archaeological Heritage: Challenges of War. In: Lytvynenko, R. O. (ed.) The Current Russian-Ukrainian War: Socio-Historical Realities and Prospects. Proceedings of the International Conference, Vinnytsia, 15 March 2024. Konstanz, 173–182. - https://rchr.org.ua/wp-content/uploads/2023/06/buklet-press-anhl.-sotssety-2.pdf
  • Menghin / Bertram 2007
    W. Menghin / M. Bertram (Hrsg.), Merowingerzeit - Europa ohne Grenzen. Archäologie und Geschichte des 5. bis 8. Jahrhunderts. Archeologija i istorija V - VIII vv. = Merowingerzeit - Europa ohne Grenzen = The Merovingian period - Europe without borders (Wolfratshausen 2007). 
  • Schreg 2025
    R. Schreg, Russian Fake Historyand the Destruction of Heritage Sites by Illegal Excavations TEA 86, 2025, 27-36. - https://www.e-a-a.org/EAA/News___Publications/TEA_86_content/Special_Section.aspx
  • Werner / Ludwig 1999
    T. Werner / R. Ludwig (Hrsg.), Unbekannte Krim: archäologische Schätze aus drei Jahrtausenden. Ausstellungskat. Kurpfälz. Museum Heidelberg (9. Mai - 8. August 1999) (Heidelberg 1999). 

Interne Links 

Donnerstag, 10. Juli 2025

"Russen plündern über 100 Schätze auf der Krim" - auch aus UNESCO-Welterbe

Ein Bericht im Fokus lenkt die Aufmerksamkeit auf archäologische Funde der Krim.

Der Bericht bietet leider wenig konkrete Informationen, verweist aber auf die ukrainische Seite von RBC-Ukraine,  von wo aus man die interessante ukrainische Seite War-sanctions - Stolen Heritage erreicht. Sie listet archäologische Funde aus den russisch besetzten Gebieten in der Ost-Ukraine und auf der Krim. 

Zwei Fundstellen, die hier gelistet werden, möchte ich herausgreifen. 

 

Almalyk-Dere

Diese Fundstelle kenne ich aus der Zeit eines deutschen Krim-Projektes, das am RGZM in Mainz mit Mitteln der Leibniz-Gemeinschaft 2006-2009 durchgeführt wurde. In dem Gräberfeld waren damals bereits mehrere Kampagnen an Grabungen durchgeführt worden, die im Rahmen des Projektes publiziert wurden.
  • A. Gercen / M. Maczyńska / S. Černyš / A. Urbaniak / J. Bemmann / K. Schneider / I. Jakubczyk, Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Almalyk-dere am Fuß des Mangup-Plateaus. In: S. Albrecht / F. Daim / M. Herdick (Hrsg.), Die Höhensiedlungen im Bergland der Krim. Umwelt, Kulturaustausch und Transformation am Nordrand des Byzantinischen Reiches. Monogr. RGZM 113 (Mainz 2013) 125–145. 
  • J. Bemmann / K. Schneider / A. Gercen / S. Černyš / M. Maczyńska / A. Urbaniak / U. von Freeden, Die frühmittelalterlichen Gräberfelder von Adym-Čokrak, Južnyj I und Južnyj II am Fuße des Mangup. Monogr. RGZM 108 (Mainz 2013). 

Es handelt sich um ein völkerwanderungszeitliches Gräberfeld am Fuß der Höhensiedlung Mangup, die von byzantinischer Zeit bis in das 18. Jahrhundert hinein (kontinuierlich?) besiedelt war. Ausgehend von Simferopol fanden hier schon lange Ausgrabungen statt, die bis zur Unabhängigkeit der Ukraine in der Sovjetunion mit Unterstützung und Expertise aus Leningrad durchgeführt worden sind. Ein Ziel des deutschen  Engagements auf der Krim war es, diesen Forschungen wieder Zugang zu Ressourcen wie Analyse-Möglichkeiten zu bieten. Dabei waren wir uns bewusst, dass der Platz aus deutscher Sicht ein sensibler Forschungsplatz ist, wurde die Region um den Mangup und die benachbarte Festung Eski-Kermen doch während der deutschen Besatzung der Krim im Zweiten Weltkrieg zu einem wichtigen Hotspot der deutschen Propaganda. Ich selbst habe mich deshalb etwas intensiver mit der Aufarbeitung dieser forschungsgeschichtlichen Aspekte befasst.

  • R. Schreg, Zentren in der Peripherie: Landschaftsarchäologische Forschungen zu den Höhensiedlungen der südwestlichen Krim und ihrem Umland. In: F. Daim / J. Drauschke (Hrsg.), Byzanz – Das Römerreich im Mittelalter. Teil 3 Peripherie und Nachbarschaft. Monogr. RGZM 84/3 (Mainz 2010) 95–109. 
  • R. Schreg, Forschungen zum Umland der frühmittelalterlichen Höhlenstädte Mangup und Eski Kermen – eine umwelthistorische Perspektive. In: S. Albrecht / F. Daim / M. Herdick (Hrsg.), Die Höhensiedlungen im Bergland der Krim. Umwelt, Kulturaustausch und Transformation am Nordrand des Byzantinischen Reiches. Monogr. RGZM 113 (Mainz 2013) 403–445. 
  • R. Schreg, Zwischen Nazis und Sowjets. Archaeologik 28.6.2020. - https://archaeologik.blogspot.com/2020/06/zwischen-nazis-und-sowjets-die.html

Wir arbeiteten damals auch mit dem heutigen Grabungsleiter Valerij Naumenko, den die Seiten als illegalen Ausgräber brandmarken, zusammen, der als junger Nachwuchswissenschaftler als Assistent des damaligen Grabungsleiter Prof. Aleksandar Gercen von der taurischen Universität in Simferopol fungierte. Andere der damaligen Kollegen haben nach der russischen Okkupation 2014  die Krim verlassen und mit dem nach Kiew ausgewichenen Institut  gearbeitet.

Grabkammer in Almalyk dere
(Foto: R. Schreg, RGZM, 2007)

 

Bei der Kampagne 2024 wurden weitere Gräber geöffnet, mit offenbar reichen Funden aus Gold und Silber, die trotz Plünderungen auf diesem Gräberfeld durchaus häufig auftreten. Das Bild, mit dem das  Portal War-sanctions - Almalyk dere die Grabungen illustriert, gehört m.E. nicht zu den Grabungen im Gräberfeld Almalyk, das weitgehend im bewaldeten Hangbereich des Mangup liegt.

Völkerrechtlich sind diese Grabungen in besetztem Gebiet illegal. Es handelt sich am Almalyk und auf dem Mangup zunächst nicht um Notgrabungen, die sich ja noch irgendwie rechtfertige liesen, wenn auch das Gebiet zumindest früher massiv von Raubgräbern heimgesucht wurde. Über die aktuelle Situation ist nichts bekannt., da die ukrainische Seite keinen Unterschied zwischen Raubgrabungen und völkerrechtlich illegalen, aber fachlich wahrscheinlich akzektablen Notgrabungen differenzieren. Die früheren Grabungen  um 2006 waren in Bezug auf die Grabungstechnik nicht unproblematisch, da gezielt Gräber angegangen wurden, die von Raubgräbern aufgspürt wurden, d.h., man wurde damit auf die Grabkammern gelenkt, konnte aber so nicht feststellen, ob ggf. kleinere, ärmere Gräber dazwischen lagen oder ob jüngere beigbenlose irgendwo im Anschluß an das Gräberfeld lagen. Die aktuell vorliegenden Informationen über die nun russischen Grabungen lassen kein Urteil darüber zu, ob nun besser oder schlechter gegraben wird, als dies unter ukrainischer Aufsicht geschah.

Die Seite  https://ciss.org.ua/en/map.html  des Crimean Institute for Strategic Studie präsentiert ebenfalls eine Liste der Kulturgutzerstörungen inklusive aller Grabungen, die auf der Krim nach 2014 ohne Genehmigung der ukrainischen Behörden durchgeführt wurden. Die Beschreibungen wurden offenbar von Archäologen vorgenommen, bieten aber leider keine Quellen zu den Aussagen über die russischen Grabungen und sind wohl auch nicht mehr aktuell. Die neuen Seiten der War-Sanctions bieten zu den Fundstellen zahlreiche Links zu Internetquellen, in denen über die illegalen Grabungen berichtet wird.

Chersonessos

Die zweite Fundstelle, die es zu thematisieren gilt betrifft den Skandal, der in den westlichen Medien trotz seiner Brisanz verhältnismäßig wenig registriert wurde: Da lässt Putin ins Weltkulturerbe eine Propagandastätte bauen, wobei in der Pufferzone des UNESCO-Welterbe nur Alibi-Grabungen durchgeführt werden. War-Sanctions charakterisiert den Vorfall wie folgt:
"In der Nähe von Chersonesos Tavriya befand sich eine antike Nekropole mit frühchristlichen Bestattungen sowie eine Vorstadt. Hier ließen sich Veränderungen im Bestattungsritus sowie die Entstehung des Klosters der Jungfrau Maria auf dem Jungfrauenhügel beobachten, das nach dem Tod von Chersonesos weitergeführt wurde. Dieses Kloster wird in türkischen Quellen des 16. Jahrhunderts erwähnt. Im Rahmen des Projekts des sogenannten „Neuen Historischen und Archäologischen Parks Chersonesos“ führten die Besatzer illegale archäologische Ausgrabungen und Bauarbeiten auf dem Gelände von Militäreinheiten an der Drevniy- und der Jeroshenko-Straße durch, das Teil des zukünftigen Schutzgebiets und der Pufferzone des Schutzgebiets der Taurischen Siedlung Chersonesos ist. Bei diesen Ausgrabungen wurde die Kulturschicht der Antike, des Mittelalters, der Neuzeit und der Gegenwart auf einer Fläche von 85.797 Quadratmetern zerstört. Zerstört wurden eine antike Nekropole mit Bestattungen nach Erd- und Einäscherungsritualen, Krypten mit vielfältiger und reicher Grabbeigabe sowie rituelle Architekturstrukturen; eine frühchristliche Nekropole mit in den Fels gehauenen Grabkrypten mit komplexer Architektur; hydraulische Strukturen zur Wasserrückgewinnung (Zisternen und Brunnen), Nymphen, Taufbecken; Wirtschafts- und Industriegebäude, Straßen, Stütz- und Verteidigungsmauern; französische Schane aus dem Krimkrieg von 1854–1855, jurtenartige Strukturen aus dem 19. Jahrhundert; Wirtschaftsgebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert; Spuren der Verteidigung Sewastopols im Zweiten Weltkrieg. Insgesamt wurden 6.495.877 Gegenstände sichergestellt, davon 351.780 Gegenstände mit Museumswert, die gestohlen und der Rest zerstört wurden. Mehr als 900.000 Knochenreste osteologischen und anthropologischen Materials wurden sichergestellt. " (übersetzt mit Google Translator)

War-Sanctions bildet Tafeln aus wissenschaftlichen Publikationen ab, zitiert diese aber nicht. Bislang ist es mir nicht gelungen, diese zu identifizieren. Wahrscheinlich wäre damit besser zu beurteilen, wie zerstörerisch die Ausgrabungen tatsächich waren. Nebenbei bemerkt befindet sich unter den Funden auch die Formschüssel für Reliefkeramik, möglicherweise Terra Sigillata (https://war-sanctions.gur.gov.ua/en/stolen/objects/3683).

Die UNESCO scheint diese  massiven Eingriffe in das Welterbe zu ignorieren. Auf dem aktuellen 47.  UNESCO-Treffen wurde das Thema offenbar umgangen.

Anders als es die Medienberichte und die War-Sanctions vermitteln, geht es nur zweitrangig um geklaute Funde oder "Schätze", sondern um völkerrechtlich illegale Grabungen. Inhaltlich muss man hier differenzieren. Während die Grabungen am Mangup und Almalyk-dere, die früher mit ukrainischer Lizenz durchgeführt wurden, wohl den gewohnten Standards entsprechen, wurden am UNESCO-Welterbe Cherson mutwillig archäologische Quellen für ein Propaganda-Projekt Putins zerstört. Hier wäre eigentlich zu erwarten, dass die UNESCO sich dazu zumindest einmal äußert. Bislang jedenfalls blieb dieser ungeheuerliche und sehr sprechende Vorgang auffallend unbeachtet.


interne Links

  • Beiträge auf Archaeologik zur Krim

Änderungsvermerk 17.8.2025: 
einige Typos korrigiert 
Im Originaltext stand an einer Stelle "Forschungsgrabungen", wo Notgrabungen gemeint waren

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Donnerstag, 24. Oktober 2024

Die Kunstretter

 Der Deutschlandfunk hält einen sechsteiligen Podcast zum Schicksaldes Kulturguts inder Ukraine bereit.

Folgen

Einführungen  

interner Link

Blogposts auf Archaeologik zu Putins Krieg gegen die Ukraine

 

Mittwoch, 23. Oktober 2024

Die Musealisierung des Kriegs

Noch während der russische Eroberungskrieg fortgesetzt wird, beginnen russische Museen Objekte der "Spezialoperation" zu sammeln, musealisieren und auszustellen. Das Spektrum der Objekte ähnelt sehr dem Fundspektrum, das die Archäologie der Moderne an Plätzen der NS-Zeit findet und ebenso ausstellt. 

Erst eine genaue Kenntnis der Auffindungssituationen erlaubt eine Interpretation als Täter-  oder Opferfunde. Dann kommt es aber auch auf das Narrativ an, das kritisch zu hinterfragen ist. Für die Museen existieren laut dem russischen Exilmedium Mediazone Anweisungen, wie die Objekte zu inszenieren seien, um Ukrainer als Nazis und Drogensüchtige, die Russen als Opfer darzustellen.

Involviert ist die Stiftung My History, die auch für den Geschichtsfantasypark in Cherson verantwortlich ist.

 

interner Link



 

 

Sonntag, 4. August 2024

Russische Geschichtsfantasy in Chersonesos: UNESCO-Welterbetitel muss aberkannt werden

Dass die russische Besetzung der Krim nichts Gutes für die archäologischen Befunde in Chersonesos zu bedeuten hat, war abzusehen. Bereits kurz nach der Besetzung der Krim brachte Putin die Fundstelle unter direkte Kontrolle des Kulturministeriums in Moskau. Bei einem Besuch 2015 ergriff er die Initiative für "den größten Museumskomplex in Russland als ein spirituelles und pädagogisches Zentrum in der Nähe des antiken Chersones, das der Geschichte der russischen Orthodoxie und des Weltchristentums gewidmet ist.„ 2017 sprach Vladimir Putin von „der Notwendigkeit, Chersones zu einem gesamtrussischen historischen Zentrum zu entwickeln, das mit der Bildung der russischen Nation und eines einheitlichen russischen Staates verbunden ist“ (http://фондмояистория.рф/o-fonde/). “Eine breite öffentliche Darstellung von Chersones als nationalem, sakralem Zentrum Russlands wird es ermöglichen, im internationalen Informationsbereich ein klares und eindeutiges Verständnis für die grundlegende Bedeutung der Krim als historische Taufstätte und unveräußerlichem Teil des russischen Staates zu schaffen”.

   Vladimir-Kathedrale inmitten der antiken Fundstelle
von Chersonesos 
(Foto: R.Schreg/RGZM, 2007)
Im Juli 2024 vermeldet die Stiftung, dass der 2022 begonnene Bau der Anlagen in New Resos abgeschlossen werde. Auf 24 ha befinden sich nun Gebäude und Bauwerke mit einer Gesamtfläche von 40.000 m², die ein einzigartiges Garten- und Parkensemble bilden, so sei neben dem antiken Chersonesos eine echte byzantinische Stadt entstanden, die Besucher mit ihrer Größe und Schönheit beeindrucke. Zu der Anlage gehören drei Museen, nämlich das Museum des Christentums, das Museum für Antike und Byzanz sowie das Museum der Krim und Neurussland. Zum Komplex gehören weiterhin ein “Tempelpark”, ein modernes Amphitheater mit 1200 Plätzen für historische Aufführungen, Rekonstruktionen von Schlachten und Gladiatorenkämpfen sowie Aufführungen von Werken antiker und moderner Autoren. Geplant sind "Massenveranstaltungen mit theatralischen Prozessionen und Karneval”. Der Schwerpunkt der Darstellung soll hier auf den letzten Jahrhunderten liegen, weil sich herausgestellt habe, "dass die Geschichte der Halbinsel untrennbar mit unserem Land verbunden war." Im Mittelpunkt soll hier ein Markt stehen, dessen Beschreibung auf den Seiten von my history, stark nach einem historischen Trödelmarkt klingt (http://фондмояистория.рф/novosti/muzejno-xramovyij-kompleks-%C2%ABnovyij-xersones%C2%BB.html)..

Ein Post der russischen Botschaft in Südafrika auf TwiX zeigt einige Bilder der Anlage.



Eine russische Nachrichtensendung von HTC Sevastopol auf youtube vermittelt weitere Eindrücke:
Auf youtube stehen auch erste Touristen-Videos:
Im April 2024 kündigte Putin zudem die Eröffnung eines Jugendbildungszentrums in Chersonesos an. Es soll noch dieses Jahr in Betrieb gehen. Der Bau wird von "Spezialisten des militärisch-industriellen Komplexes des russischen Verteidigungsministeriums errichtet” (http://фондмояистория.рф/novosti/kopiya-v-obrazovatelnom-czentre-mashuk-rasskazali-o-proektax-fonda.html).

Zur Umsetzung des Projektes wurde eine Stiftung "My History", mit Sitz in Moskau gegründet, die Wissenschaftler des Instituts für Archäologie und des Instituts für russische Geschichte der russischen Akademie der Wissenschaften sowie die Universität Moskau und andere akademische Institute einbindet.

Der neuen Stiftung my History wurden inzwischen viele weitere Geschichtsparks in Russland unterstellt in vier Regionen und insgesamt 24 Städten darunter auch Novgorod (http://фондмояистория.рф/proekty/rossiya-moya-istoriya/)

Aus Anlaß der Eröffnung des Parks im Probebetrieb am 30.7.2024 wurde der Park als Thema in den Medien aufgegriffen.
Die Bezeichnung des Putin'schen Geschichtsparks als Disneyland zieht sich durch fast alle Berichte. Disneyland ist zwar auch nicht Ideologie-frei, dient aber vorrangig der Unterhaltung und ist klar ein Ort der Phantasie. Neu-Cherson versucht jedoch, sein Publikum zu betrügen, indem es vorspiegelt, reales historisches Wissen zu vermitteln. Ein Blick auf die Fotos und Videos der Neubauten macht auf den ersten Blick klar, dass es hier nicht um archäologische Rekonstruktionen geht. Die gebauten Komplexe haben nichts mit den sehr viel kleineren ergrabenen Bauten der antiken Stadt und erst recht nicht mit der mittelalterlichen Stadt zu tun. So prunkvoll und edel war die Antike nicht - und sicher nicht zu Zeiten Vladimirs. Es geht hier nicht um Geschichtsvermittlung, sondern um Geschichtskonstruktion, die einen russischen Machtanspruch darstellen und legitimieren soll. Die Bauten erinnern mehr an neuzeitliche Herrschaftsarchitektur und Putins Prunkpalast als an byzantinische Bauten.

Die aktuellen Berichte suggerieren, dass das Gelände des Ruinengeländes der antiken Stadt durch den neuen Park überbaut und zerstört wurde. Das Zentrum des neuen Putinparks liegt jedoch südlich des antiken Stadtareals. Vor einigen Jahren befanden sich hier Militär-, Industrie- und Gewerbeflächen. In der Kartierung des UNESCO-Weltkulturerbes liegt das Areal außerhalb des eigentlichen Schutzgebietes, wohl aber in der Buffer-Zone, in die auch weit abseits gelegene Reste der antiken Flureinteilung der Halbinsel eingestuft worden sind.

 

Die antike Stadt Chersonesos westlich von Sevastopol
mit Eintrag der Flächen, die nach GoogleEarth seit 2014 umgestaltet wurden (Graphik R. Schreg)
 

 
Die Darstellung, eine “Überbauung in Chersones und dem archäologischen Park würde Präsident Putin richtige Geschichte durch Fake-Geschichte ersetzen.” (SRF) ist also nicht völlig zutreffend. Gleichwohl war das nun überbaute Gelände nicht frei von archäologischen Befunden. In der Antike lag hier vor der Befestigung die südliche Vorstadt. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden hier eine große Nekropole entdeckt sowie ein Handerwerkerviertel der hellenistischen Zeit mit Töpfereibetrieben. Im Vorfeld der Park-Neubauten wurden 2020/21 in kürzester Zeit Notgrabungen durchgeführt, bei denen unter anderem ein Anten-Tempel des 4. Jh. v.Chr. ausgegraben wurde, dessen Fundamente nun in dem neuen Gelände konserviert sind (Erläuterungstafel erkennbar in Touristen-Video). 
Das Umfeld der antiken Stadt ist durch Militäranlagen im 19. und 20. Jahrhundert schon lange tief gestört; wie viele Befunde in dem betreffenden Areal vor den Baumaßnahmen erhalten waren, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Allerdings sind die Ausgrabungen in Luftbildern bei Google Earth zu erkennen. Deutlich wird, dass sehr schnell und großflächig, aber in 4 x 4 m großen Grabungschnitten ausgegraben wurde, obwohl schon auf den Luftbildern zahlreiche Befunde der Vorstadtbebauung zu erkennen sind.
Angesichts der Zerstörung der Grabungsbefunde lässt sich hier durchaus von einer Ausradierung der realen Geschichte zugunsten einer Fake-Geschichte reden. Man kann gespannt sein, wie die Ausgrabungen publiziert werden. Angeblich liegen mehrere Millionen an Funden vor.  Eine seriöse Publikation wird ganz sicher und eindeutig belegen, dass Putins Rekonstruktionen völlige Fantasie sind. Ob die Publikation zensiert werden wird (oder sich die Kolleg*innen in Selbstzensur üben [müssen]), wird sich zeigen.

Grabungsflächen in der südlichen Vorstadt von Chersonesos
von Juni 2021 bis Juni 2022 nach Google Earth. 
Der Ausschnitt zeigt nur einen kleinen Teil der Grabungen
nahe des alten Zugangs zum Ruinengelände.



Nach ukrainischer Einschätzung handelt es sich jedenfalls um die “weltweit zerstörerischsten Aktivitäten an einer Stätte der antiken Archäologie. In den Jahren 2021–2023 wurden 85.000 Quadratmeter der Kulturschicht zerstört, etwa 4 Millionen Objekte und mehr als 1.500 archäologische Komplexe entfernt (nach Angaben der Besatzungsverwaltung).”
  • vgl. https://ciss.org.ua/en/map.html mit Zoom auf Chersonesos - Die Seite des Crimean Institute for Strategic Studie präsentiert eine Liste der Kulturgutzerstörungen inklusive aller Grabungen, die auf der Krim nach 2014 ohne Genehmigung der ukrainischen Behörden durchgeführt wurden. Die Beschreibungen wurden offenbar von Archäologen vorgenommen, bieten aber leider keine Quellen zu den Aussagen über die russischen Grabungen. Im Falle einiger Aussagen über die Höhensiedlung Mangup wurden offenbar die Publikationen in der Zeitschrift MAYET ausgewertet.

Zweifellos ist der Putinpark eine nicht zu rechtfertigende Zerstörung archäologischer Quellen. Wissenschaftliche Seriosität gebietet es, dem dort ptäsentierten Geschichtsbild (da ist auch mit Führungen oder seriösen Ausstellungen vor Ort nichts mehr zu retetn) vehement zu widersprechen - aber auch, dass auch ukrainische Propaganda nicht unbesehen wiederholt und verbreitet wird. Die Medienberichte blieben hier allesamt sehr unkritisch und folgen den Darstellungen der Interviewpartner, die überwiegend nicht als Wissenschaftler, sondern als Kriegsbeobachter und -kommentatoren agieren.

Anzumerken ist deshalb auch, dass bei der berechtigten Empörung auf ukrainischer Seite fragwürdige Eingriffe in die archäologische Stätte bereits vor der russischen Okkupation eingesetzt haben. Ein Vergleich der historischen Luftbilder auf Google Earth zeigt, dass bereits 2008 im Umfeld der modernen Vladimir-Kathedrale einige Gebäude in das Ruinengelände gebaut worden sind. Auch die Anlage eines Gartens und der Ausbau des Theaters ist bereits auf einem Luftbild des Jahres 2012 zu erkennen. Die Installationen im Theater scheinen nun indes größer und schwerer geworden zu sein.

GoogleEarth zeigt kein beruhigendes Bild, aber ein anderes als es in aktuellen Medienberichten wiederholt wird. Neu-Chersonesos ist ein Propagandaprojekt, das abermals die Bedeutung der Geschichtspolitik in Putins Herrschaftsdenken belegt. 

Putin als Plünderer der Antike im August 2011
(Foto: Kreml, CC BY 4.0 via WikimediaCommons)


 

Fazit: UNESCO-Welterbetitel muß aberkannt werden

Der Status als UNESCO-Welterbe muss Chersonesos aberkannt werden! Angesichts der Tatsache, dass die UNESCO dies schon bei geringeren Eingriffen getan hat, ist es zwingend geboten, dass die UNESCO in Moskau protestiert und den Welterbetitel auch entzieht. Putins-Propaganda-Geschichte darf nicht durch ein Welterbelabel aufgewertet werden.

 


weitere Links

interne Links

  • Beiträge auf Archaeologik zur Krim

 

Literaturhinweise

  • J.C. Carter (Hrsg.), Crimean Chersonesos: City, Chora, Museum, and Environs (Austin 2003)
 

Änderungsvermerk 17.8.2025: 
einige Typos korrigiert